XVIII

Als der Frühling kam, erwachte in dem Dorf sogleich die alte Fröhlichkeit wieder. Die Kinder sangen auf den Gassen, sie besuchten Riesele, sie liefen neben ihm drein, sie schenkten ihm Zucker und gutes Brot, denn an solcherlei Dingen fehlte es in dem Gebirgsdörfchen nicht. Sie steckten ihm die ersten Blumen ins Halfter, ganze Ketten von Löwenzahn schoben sie ihm übers Kummet, und sie riefen seinen Namen auf Weg und Steg.

Die Burschen suchten in den Wiesen nach den schönsten Blumen, banden Sträuße und stellten sie ihren Liebsten vor die Fenster. Des Abends saßen sie bis tief in die Nacht auf den steinernen Haustreppen bei den Mädchen, erzählten vom verruchten Krieg und boten mitten im Schlachtengeheul ihre liebenden Herzen preis und spielten die Ziehharmonika, die alle Vertraulichkeiten des Herzens so trefflich zu sagen versteht, und sangen jene alten Lieder wieder, die unmittelbar von Herz zu Herz gehen. Die Mädchen kannten schier diese Lieder nicht mehr. Zoten aus Deutschlands eckigem Wasserkopf, Zoten aus Deutschlands fettem Bierherzen hatten sie schon lange vorm Krieg hart bedrängt und verdrängt! Die Küsse, die man zu diesen Zoten gab oder nahm, verwundeten, die Küsse, die man zu den alten Volksliedern gab oder nahm, heilten! In den Scheunen wurde getanzt.

Da stand irgendwo ein kleines Geschöpf, konnte zwar nicht mitsingen, konnte auch nicht mittanzen und noch viel weniger mitküssen, stand da und legte sich nicht um und schloß die hellen Augen nicht und hatte das kleine Herz so voll ungestümer Sehnsüchte nach Menschenliebe! Da stand es und riß an seiner Kette, die nicht aus Löwenzahn gefertigt war, und scharrte mit dem linken Vorderfuß und nickte mit dem Kopfe und blieb immer wieder allein! Zwar war es müde von des Tages Last und Arbeit, zwar ging sein Atem schwer, aber die Augen blieben nicht geschlossen, und der Kopf reckte sich immer wieder aus dem Stroh empor.

Das Riesele führte also tagsüber den Mist auf die Aecker, kehrte heim, holte den Pflug und die leichte Egge und zog sie auf einer Schleife hinaus. Als es aber vor dem Pfluge eingespannt war und die Schollen aufwerfen sollte, da war seine Kraft zu schwach. Der rothaarige Gustav begann zu fluchen, wie wenn er ein Feldwebel wäre, schnitt sogar neben am Waldrand eine Gerte ab und schlug auf Riesele drein, bis er sich überzeugt hatte, daß sein Räppchen nicht aus böser Absicht den Pflug nicht zog! Der Bauer Klaus holte die alte Trudel, die jeweils den Acker wenn auch mühsam durchpflügt hatte, und spannte Mutter und Tochter nebeneinander, und die Schollen stürzten wacker um.

Ha, wie gingen dem Gäulchen die Nüstern auf, als die frische Erde zu duften begann, die den Winter ausstrahlte und den Frühling behielt und neuen Frühling aus der Sonne trank! Wärme und Kraft stiegen aus den Schollen, und die Dohlen kamen von den kahlen Bäumen heruntergeflogen und die zierlichen Bachstelzen, ganze Schwärme von Staren, ein Ungeziefer zu picken oder ein verbummeltes Samenkorn!

Dann mußte Riesele mit der Mutter ein Stündchen am Wege stehen, Gustav stapfte mit großen Schritten über die dampfende Erde und streute in mächtigen Bogen den Weizen aus, der im Fallen knisterte und im Auffliegen, als sehne er sich nach dem weichen Schoß, weithin in die gleichmäßig nebeneinandergezeilten Furchen. Riesele fraß neben der Mutter unterdessen das kaum ersproßte Gras des Weges ab, und die Stränge mit dem Sellscheit schleiften hinter ihnen drein.

„Famos, Riesele!” rief Cornel, der mit seinen Schweinen vorüberzog.

In langen gelben Bändern blühte der Raps, und der Wind warf in breiten Schwaden den würzigen Honigduft herüber, und die Bienen summten drüber her.

Der Weizen sproßte, das Korn schoß auf, die Weinstöcke streckten ihre grünen Fähnchen heraus, und alles, was unten wuchs, ward von den kugeligen Apfelbäumen überblüht und von den aufstrebenden Birnbäumen, und der Blütenjubel sprang hügelauf, hügelab im Tal einher, und niemand war, der sich nicht freute! Kaum ein Tag verging, ohne daß Riesele nicht irgendwie geschmückt worden wäre von Trudel oder von den andern Kindern des Dorfes. Einmal flatterte schier eine ganze Woche lang ein lila Bändchen an seinem Halfter, und niemand wußte, wer es angesteckt hatte!

O, wenn Riesele Zeit gehabt hätte, wie ehedem mit den Kindern umherzutollen! Aber es mußte schaffen, solange der Tag währte, und schaffen war schließlich auch ein Spiel! Es zog den Wagen hinaus, und auf der Leiter glänzte die scharfe Sense; der Gustav schlug den würzigen Klee um und lud ihn auf, und Riesele zog ihn heim, daß die Kuh, die Geißen, die Hasen und schließlich auch die Gänse und die bequemen Enten etwas zu fressen hatten und das Riesele auch!

Es mußte den armen Kindern helfen, seinen Freunden, wo immer es konnte. Sah es, daß ein Kind eine Last Futter auf dem Kopfe heimschleppte, so mußte das Kind seine Last auf des Pferdchens Wagen legen und durfte vielleicht sogar noch selber aufsteigen! Wollten sie, die Kinder, ins Nachbardorf an den Bahnhof, und Riesele hatte dortselbst auch etwas zu besorgen, — was schon manchmal mitten in der eiligsten Feldarbeit vorkam, — so hieß es kurzerhand wie beim Militär: aufsitzen! Und wenn die Eisenbahn einmal keine Verspätung hatte, und schon hinterdrein gerannt kam, als hätte der Kommunalverband etwas übrig fürs Zügle, wer war schließlich doch zuerst am Bahnhof?

Welch eine Kraft bändigte das kleine Riesele in seinen dünnen Beinchen, wenn's was zu helfen gab!

Eines Abends erwachte hinten im Armenhaus auch ein anderes Lied wieder und schwebte in breiten Flügelschlägen übers Dorf hin. Einmal erwacht, wollte dieses Waldhorn wahrlich nicht mehr schlafen gehen und kam jeden Abend und oft unter Tag, wenn Cornel nicht gerade auf den Feldern des Großbauern schaffte. Vielleicht rief dieses Waldhorn ganz frühe Jugenderinnerungen in Riesele wach, vielleicht auch die viel näher liegenden Vorstellungen aus dem buntgekleideten Künstlerleben im Zirkus, aber es nähme durchaus nicht wunder, wenn auch ohne all diese Erinnerungen die empfindsame Pferdeseele in ihrem geruhigen Gleichgewicht beeinträchtigt worden wäre! Lag Riesele im Stall und ruhte sich aus nach des Tages Mühen, so sprang es sogleich auf, wenn Cornels Waldhorn ertönte, so bockelte sein Blut in allen Pulsen, so regten sich alle Muskeln, die draußen in der Welt für irgendein Kunststück zugestutzt worden waren: der linke Vorderfuß scharrte, der Kopf nickte, die Knie versuchten, sich zu beugen, die Hinterbeine strafften sich, als sollten sie die Last des Körpers in sich aufnehmen!

Ging Riesele an den Strängen, und das Waldhorn schwebte heran, so fing es an zu tänzeln, mochte die Last noch so schwer sein. Die Ohren stellten sich, die Nüstern weiteten sich und witterten den Tönen nach, der lange Schweif peitschte hin und her, als schwärmten Bremsen an seinen Lenden. Das Kummet begann an dem Halse zu zerren, weil der Hals steil aufragte, das kindliche Spiel der Muskeln trat deutlich aus dem Ebenmaß der Glieder hervor, und die Räder des Wagens schnitten über die Geleise.

Dem Bauern Klaus und seinen Kindern konnte dies Gebahren nicht entgehen, und da sie vermuteten, daß Riesele draußen in der Fremde für allerhand Kunststückchen abgerichtet worden sei, so ließen sie ihm diese seine Freude und erfreuten sich selber daran, und wiederholt sagte der Bauer zu allen, die sich darüber aufhielten:

„Wir wollen fröhlich miteinander unser schweres Tagwerk vollbringen und unseren Vater preisen, der mit uns ist!”

Und Riesele war voll der Lieder seines Freundes Cornel und trug sie mit sich durch sein arbeitsreiches Leben wie die Lieder der Lerchen, die aus dem Himmelsblau über es herabfielen, wie die Lieder der Blumen, die allhin läuteten, der Wälder, der Winde, der Wolken, und seine unentwegte Fröhlichkeit verschenkte Feiertag und Glück, wohin es auch kam, denn es war ja selber ein Lied draußen in dem großen Jubelruf der Natur.


Die Geschichte ist aus. Der Erzähler sah das Riesele zum erstenmal, als er am ersten Ferientag, noch voll vom Staub der Stadt, mit seiner Frau und seinen Kindern hinter den Bergen aus dem Bahnhof trat. Inmitten einer großen Menschenmenge schwang sich just im selben Augenblick eine buntgekleidete Dame in kurzem weitfaltigem Röckchen auf einen Schimmel, der im Kreise raste, und blieb aufrecht stehen und hielt einen Reif über sich und hoppste auf dem breiten Pferderücken von einem Fuße auf den andern.

Seine Buben aber sahen zuerst das schwarze Gäulchen seitab stehen und rannten zu ihm hin und streichelten es.

Und auf einmal beginnt die kleine Gesellschaft zu rennen, und das Gäulchen schießt wie toll mitten in die Menge hinein, daß alles vor solcher Wut auseinanderstiebt und Platz macht. Der Erzähler dachte, seine Buben hätten das Tierchen etwa gefoppt, aber das war nicht so. Er hört, wie die bunte Dame einen Schrei ausstößt, herzzerreißend schier, wie Frauen ja schreien können, sieht sie vom Schimmel hüpfen, sieht sie auf das Räppchen losstürmen und sieht sie umarmen und küssen und immer wieder küssen.

„Dauphin, Dauphin!” ruft sie, breitet die Arme weit aus, spreizt die Finger und schreit:

„Da guck, mein Schatz, Granaten hab' ich gedreht, Granaten! Und du?”

Die Leute sind bestürzt und kommen näher hinzu zu diesem seltsamen Wiedersehen, das sie sich alle nicht erklären können. Die Dame aber verlor sich in ihrer Freude oder in ihrem Schmerz gänzlich und sagte, ohne sich um die Menschen zu kümmern:

„Mein Bräutigam, Dauphinettele, weißt du, mein König, dein König, er ist der einzige König, der gefallen ist!”

Man schwieg ringsum; man sah bestürzt zu der so fröhlich gekleideten Frau und schwieg irgendwie gerührt. Die Frau aber nahm das Gäulchen von seinem Wagen weg, band ihm ein Seil ans Halfter, und siehe da: sogleich beginnt dies, wie wenn's gar nicht anders sein könnte, im Kreise zu trippeln und nickt mit dem Kopf und niest vor Freude. Die Umstehenden, die das Räppchen kannten, jubelten ihm zu, und ein Bursche, dem es offenbar gehörte, kam aus dem Bahnhof gerannt mit einer schweren Rolle Stacheldraht auf den Schultern, ließ den Draht fallen und trat zur Dame in den Kreis, um auch dabei zu sein.

„Komm her, mein Schatz!” befahl die Dame, und sogleich kam das Tierchen zu ihr und scharrte auch schon mit dem linken Vorderhuf.

„À genoux!” schrie sie nun, aber sie schrie es nicht zum zweitenmal, denn sie küßte das Kerlchen schon wieder auf seine weiße Blesse und sagte dann zu ihm und zu dem Bauernburschen:

„Geh heim in deinen Sonnenschein, Sonnenschein du! Nimm mich mit, nimm mich mit!”

Es geschah, daß der Erzähler und seine Familie, die Buben links und rechts beim kleinen Gaul, mit dem Bauernburschen und mit der bunten Dame gemeinschaftlich den Berg hinanschritten, und daß er mit seiner Familie in den Stall zum Bauern Klaus kam und daselbst ganz oben im Dachstübchen Wohnung nahm bis zum letzten Ferientag. Die Dame hatte es nicht so gut und mußte schon am nächsten Tag mit ihrer Seiltänzertruppe weiterziehn!

Riesele schloß rasch Freundschaft mit den beiden Buben und machte sie dem Fräulein Trudel, dem Herrn Gustav, dem Herrn August, sowie allen Dorfkindern ebenso rasch zu Freunden, aber auch allen Erwachsenen und allen Tieren und dem Wald, den Wiesen, dem rauhen Bergwind und der lieben Frau Sonne.

Als der Großbauer Michael seine riesigen Erbsenfelder einerntete, stand das ganze Dorf auf den Aeckern, Buben und Mädchen, Männer und Frauen kunterbunt durcheinander, weithin in langen Reihen aufgelöst, und auch der Erzähler befehligte eine Rotte und führte sein Büchlein zwischen den Knöpfen des Rockes gleich dem Herrn Lehrer und gleich dem Herrn Pastor und gleich Cornel, dem geliebten Sauhirten. Hättet sehen sollen, wie hochbeladen das Riesele die Maschensäcke auf seinem Wägelchen liegen hatte! Hättet sehen sollen, wie die Stadtbuben Friedemann und Klaus im Schweiß ihres Angesichtes mit diesem Fuhrwerk unausgesetzt an den Bahnhof eilten und wieder kamen und aufluden!

Ach Gott, als die Ferien zu Ende waren, wollte der kleine Klaus das Riesele mitnehmen in die graue Stadt!

Der Erzähler aber, der Vater, anstatt das Riesele zu kaufen, setzte sich, wenn er müd vom Dienst war, des Abends hin und schrieb für seine Buben die Geschichte ausführlich nieder, freilich auch für andere Buben und für andere Leute, und im nächsten Jahr, wenn die Ferien beginnen, wird er, wenn's möglich ist, wieder zum Bauern Klaus hinter die Berge gehen, dessen Brot zu genießen, dessen Arbeit zu teilen, dessen Sonne einzuheimsen und manch wackeres Wort.


Nikolaus Schwarzkopf

Maria vom Rheine

Erzählung

Wilhelm Schäfer schreibt in den „Rheinlanden”: Ich preise dieses Buch als eine seltene Dichtung. Wenn einmal die Literaturgeschichte den Mut finden wird, auch in unserer grauenvollen Zeit nach Blüten zu suchen, wird diese Erzählung sicherlich einen der reizvollsten Funde darstellen. Ich muß gestehen, ein paarmal dachte ich an den herrlichen „Taugenichts” von Eichendorff, so bilderbunt und romantisch läuft diese Erzählung dahin, die von einem Steinbild an einer rheinischen Kirche ins Mittelalter abschwenkt, um mit dem Schicksal des Steinbildes wieder in der Gegenwart zu schließen.

Hans Benzmann in „Das neue Deutschland”: Es gibt Dichtungen, die so fein sind, die so in allem den Leser und seine Seele hinnehmen, ihn so im tiefsten beglücken, daß er nichts anderes über sie sagen mag: Lest alle sie, sie waren mir ein Erlebnis und schenkten mir ein vollkommenes Selbstvergessen, sie werden euch wie mir unvergeßlich sein.

Georg Müller Verlag München


Nikolaus Schwarzkopf

Mathias Grünewald

Ein Büchlein für Kinder Gottes

Wie der Untertitel sagt: Kein Buch der Kunstwissenschaft oder der Kunstgeschichte, kein „gelehrtes Buch”, kein Buch für den „Kunstkenner”! Ein Buch vom Menschen und für den Menschen, ein Buch von der Seele, ein Buch der tiefinnersten Dinge, der positiven, gottfröhlichen Kindschaft, jenseits aller Konfessionalität. Wer dieses Büchlein gelesen hat, wer den Ueberschwang der göttlichen Malerseele des Meisters Mathias in sich verspürt, nachgefühlt, wer sich warm gelesen an diesen Flammenzeichen der einfachsten Gottesnähe in uns, tief in uns, dem wird der Meister und alle Kunst schlechthin ein neues Zeichen sein, die Schuhe zu lösen an diesem heiligen Ort. Der wird seiner Seele leichter folgen können, wenn sie zurückstrebt ins gelobte Land der Gotteskindschaft und Gottesnähe.

Georg Müller Verlag München

Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt