I. Trobriand.
Kartographische Unkenntnis. — Längs der Westküste. — Eingeborene. — Eigentümlichkeiten derselben. — Haifischfang. — »Kaikai«. — Riesen-Yams. — Kanus. — Lagrandiere. — Otto Riff. — Lusancay-Lagune.
Schon in der Frühe des zweiten Tages seit unserer Abreise von Port Breton wurde Land gesichtet, dichtbewaldete, niedrige Inseln wie lange Waldstreifen, über welche die Karte nur sehr ungenügend Auskunft gab. Denn so wie Trobriand vor fast 100 Jahren von d'Entrecasteaux auf der Karte eingetragen wurde, so findet es sich heute noch verzeichnet, d. h. nur punktiert. Und doch ist die Hauptinsel Trobriand nicht unbedeutend, denn ihre Länge beträgt 20 bis 25 Meilen. Wir gingen an der Westseite herab, an welcher ein guter Ankerplatz sein soll, konnten denselben aber nicht finden, weil der Kapitän noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder in freiem Fahrwasser sein wollte, da es an Riffen hierherum eben nicht mangelt. Der Grund weshalb diese schöne Insel den weißen Mann bisher nicht reizte, war angesichts derselben sehr leicht zu begreifen und besteht in dem Mangel von Kokospalmen. In der That erblickten wir auch nicht eine Palme, obwohl solche gewiß vorkommen; nichts als dichter Urwald säumte gleich einem Gürtel ununterbrochen das Ufer, welches zuweilen aus kahlem Fels, seltener aus Sandstrand besteht. Aber hinter diesem Urwaldsgürtel befindet sich ausgedehntes, fruchtbares Land, in welchem die Eingeborenen ausgezeichneten Yams zeitigen, jenes stärkemehlhaltige Knollengewächs, welches in diesem Teile der Tropen die Kartoffel ersetzt. Trobriand wird daher zuweilen von kleinen Handelsfahrzeugen besucht, die hier in der günstigen Jahreszeit in wenigen Tagen eine ganze Ladung einhandeln können, wie mir aus meinen früheren Erfahrungen von Neu-Britannien her wohlbekannt war.
Wir hatten uns der Nordwestspitze der Insel kaum genähert, als sich schon Kanus mit Eingeborenen zeigten, die trotz der Brandung und dem hohen Seegang abkamen und nicht lange darauf den Dampfer umlagerten. Das waren gar eigentümliche Gesellen, die dem Anthropologen Kopfzerbrechen machen konnten. Nach dem vorherrschend schlichten Haar mußte man sie als Ozeanier ansprechen, aber es gab auch Individuen mit melanesischen Wollköpfen, ja Haarwolken, und man zieht sich am besten aus dieser verzwickten Frage heraus, wenn man die Trobriander für eine Mischlingsrasse erklärt. Dafür sprach auch die erhebliche individuelle Verschiedenheit in der Physiognomie, wenn auch hier ozeanischer Typus vorzuherrschen schien. Die Leute waren übrigens nicht dunkler als z. B. die Gilberts-Insulaner, aber so helle Papuas findet man überall.
Sie trugen in eigentümlicher Weise ein breites Stück Pandanusblatt zwischen den Schenkeln durchgezogen, das wulstartig in einem dicken Leibstrick befestigt war. Vielen genügte indes hinter- und vorderseits ein Blatt in dem letzteren befestigt als Bekleidung. Der übrige Körperschmuck war gleich Null: Halsstrickchen, geflochtene Armbänder, hie und da ein Reif aus Schildpatt im Septum. Es gab demnach wenig einzuhandeln, dieses Wenige war aber sehr interessant. So runde, flache Holzschüsseln mit eingravierter Randverzierung, desgleichen Wasserschöpfer, kugelrunde Kalkkalebassen in äußerst schwungvollen, eingebrannten Mustern ornamentiert, besonders schöne Fischnetze und hölzerne Schilde in ganz eigentümlicher Form und kunstvoller Bemalung, wie sie Fig. 2 Taf. XII des Ethnologischen Atlas zeigt. An Waffen besaßen die Insulaner außerdem nur noch Speere, zum Teil mit Schnitzerei verziert, sowie kurze, schwertartige Handkeulen (ganz wie Atl. XI, 4), darunter Exemplare aus Ebenholz, das auf Trobriand vorkommen soll. An den Schilden konnte man sehen, daß auch diese friedlichen Inselbewohner nicht immer in Frieden leben, denn in dem einen zählte ich nicht weniger als elf abgebrochene Speerspitzen. Eine Menge Gegenstände (z. B. die schönen Kalkkalebassen) werden jedoch von Woodlark-Insel eingetauscht, deren Bewohner mit ihren großen, seetüchtigen Kanus weite Handelsreisen unternehmen. Fischerei scheint übrigens ein Haupterwerb von Trobriand und namentlich der Fang von Haifischen betrieben zu werden. Dafür sprachen die großen, an anderthalb Fuß langen hölzernen Haken (T. IX, 9), welche die Eingeborenen nur sehr ungern weggaben. Man konnte an diesen Haken deutlich die Spuren der Zähne sehen, welche die Seeungeheuer zurückgelassen hatten, und die Eingeborenen wußten in sehr drastischer Weise pantomimisch die vergeblichen Anstrengungen des gefangenen Hai darzustellen, bis er endlich erschlagen wird. Zum Anlocken des Hais bedient man sich besonderer Rasseln, die aus einem hölzernen Reif bestehen, an welchem eine Anzahl halbdurchschnittener Kokosnußschalen befestigt sind, wie ich dieselben schon aus Neu-Britannien kannte.
Unsere eisernen Angelhaken, selbst die großen mit Kette versehenen Haifischhaken, machten übrigens keinerlei Eindruck auf die Eingeborenen, die nach ihrer Methode jedenfalls bessere Erfolge erzielen. Werfen doch selbst Europäer, welche lange in der Südsee leben, unsere Fischhaken beiseite und bedienen sich der der Eingeborenen.
Man konnte übrigens nicht bemerken, daß viele Schiffe hier vorsprechen, da die Eingeborenen weder Glasperlen noch sonst etwas von europäischen Erzeugnissen besaßen und selbst Rauchtabak nicht kannten und verlangten. Ihr ganzer englischer Sprachschatz bestand in den Wörtern: Tomihawk (Beil), knife (Messer) und beads (Perlen). Aber was sie hauptsächlich verlangten, war »Toke«, d. h. Hobeleisen oder Flacheisen, die ihnen lieber waren als Beile. Aus Glasperlen machten sie sich nichts, ebensowenig aus Zeug, und Spiegel flößten ihnen Furcht ein. Auch das Wort »Yams« kannten sie und »kaikai«! Wie mich das anheimelte! Es ist dies ein aus Ostpolynesien stammendes Wort, das sich durch Schiffsverkehr bis Neu-Britannien verbreitet hat, und der erste Ausdruck, welchen der Kanaker im Verkehr mit Weißen oder umgekehrt, lernt, denn es bedeutet »essen«! Wie oft hatte ich dieses »kaikai« gehört! Dort suchen z. B. Weiber häßliche, schwarze Sumpfschnecken; man fragt wozu: »kaikai«; hier bringt ein Junge einen widerlichen Tintenfisch und sagt vergnügt »kaikai«, ein anderer streichelt eine Buschratte mit »kaikai«, unter »kaikai« werden große Käferlarven aus mulmigem Holz ausgegraben, und als ich mich einst in Neu-Irland nach einem Menschenschädel erkundigte, der an einem Baumaste hing, riefen alle schmunzelnd »kaikai«! Ja, dieses »kaikai« ist charakteristisch, aber in Neu-Guinea nicht bekannt.
Von Yams brachten die Leute übrigens eine Menge an, darunter wahre Riesenexemplare von 12 bis 17 Pfund Schwere und fast sechs Fuß Länge. Danach zu urteilen, muß die Insel äußerst fruchtbaren Boden besitzen. Auch Pandanus und Bündel großer Bananen wurden zum Kauf angeboten, aber keine Kokosnüsse, obwohl dieselben vorkommen, wie die Wassergefäße und Körbe zeigten. Interessant für den Ornithologen waren lebende Exemplare des grünen Papageis (Eclectus polychlorus) und einer eigenen kleinen Kakaduart mit gelber Haube (Cacatua Trobriandi, Finsch).
Jedenfalls ist die Insel bisher von Werbeschiffen verschont geblieben, denn die Eingeborenen kamen ohne Scheu an Bord, wenn auch mit Widerstreben in die Kajüte. Aber man mußte vor ihren Fingern auf der Hut sein, wie ich erst bemerkte, als ich denselben Wasserschöpfer zum zweitenmale kaufte. Ja, Diebsgelüste scheint einmal in der ganzen Menschheit zu stecken. Die Leute waren zwar recht laut und lärmend, wozu ein eigentümliches Bellen als Zeichen der Verwunderung nicht wenig beitrug, aber durchaus harmlos. In der Begrüßung zeigten sie sich zu meiner Überraschung als »Nasenreiber«, was wiederum für Polynesien spricht, ethnologisch zwar sehr interessant, aber in der Praxis nicht gerade ganz angenehm ist. Ich spielte daher lieber den Dummen, denn ich wußte aus Erfahrung, daß die Sache kein Ende nimmt, wenn man erst mit einem auf diese Weise Brüderschaft gemacht hat.
Zu den ethnologischen Eigentümlichkeiten gehörte übrigens auch die besondere Bauart der Kanus, sowie die Form der Ruder, im übrigen stimmten die meisten Gegenstände, auch die Bekleidung mit denen überein, wie wir sie in den d'Entrecasteaux und an der Ostspitze Neu-Guineas kennen lernten. Jedenfalls wird Trobriand von Normanby, Welle und Woodlark-Insel aus besucht, da die Trobriander wohl selbst keine Handelsreisen unternehmen. Schon ihre Kanus ohne Segelgeschirr sind für größere Seefahrten ungeeignet. Einige derselben waren an den Schnäbeln mit Schnitzerei verziert, wovon der Atlas (T. VII 6) eine Probe giebt. Das Wort »Kirvirai«, wie bei den Eingeborenen die Insel heißen soll, kannte übrigens keiner, und ich habe den Namen derselben überhaupt nicht erfahren können, denn Kebole oder Kaibol bezeichnete offenbar nur das Heimatsdorf der Leute in den Kanus.
Wir gingen um Kap Denis an der Ostseite von Trobriand herab, die aus Steilufer besteht und für Schiffe unzugänglich scheint, wie Lagrandiere, das nur durch eine schmale Straße von der ersteren Insel getrennt wie eine Fortsetzung derselben erscheint und genau denselben Charakter zeigt. Wir wollten von hier einen westlichen Kurs nach der Küste von Neu-Guinea steuern, fanden aber unseren Weg durch ein Riff vorgeschrieben, dem wir über 30 Meilen bis fast zu den Amphlett-Inseln in südlicher Richtung folgten, und welches unsere Navigateure Otto-Riff tauften. Es bildet die Südostgrenze der Lusancay-Lagune, nach Findlay der größten der Welt, die sich über drei Längen- und ein und ein viertel Breitengrad erstreckt. Dieses Riff ist bis heute noch ebenso unbekannt geblieben als die nördliche Grenze der Lagune, das Lusancay-Riff, welches die Karten nur nach den flüchtigen Aufnahmen von d'Entrecasteaux (1793) wiedergeben.