V. Der politische und soziale Umschwung der Romantik. Romantische Staatswissenschaft im Zeitalter der Befreiungskriege und der Reaktion.
Am Anfang des 19. Jahrhunderts scheint der eben noch reiche und volle Gedankenstrom der Romantik zu versiegen. Hardenbergs Tod (1801), Fr. Schlegels Übersiedelung nach Paris (1802), die Berliner Vorlesungen des Bruders und dessen Eintritt in den Kreis der Frau v. Staël, Tiecks Abreise nach Italien (1804), Schellings Verbindung mit Caroline und Berufung nach Würzburg (1803): all das bedeutet Abschluß und Auseinandergehen. Die Fäden werden einzeln weitergesponnen, man treibt diesen oder jenen Gedanken der romantischen Theorie vorwärts, aber die grundlegende spekulative Epoche der Romantik ist im wesentlichen vorbei.
Nur ein ganz neues Element, das sich unversehens in überraschender Macht entfaltete, konnte eine so völlige Wandlung herbeiführen. Noch sind die Romantiker lange nicht so abgenützt, daß sie bloß versagen, ohne für die Gedankenbildung, die sie aufgeben, sofort etwas anderes, Vorwärtsleitendes, Umstürzendes einzusetzen. Nicht Schwäche und Ermattung, sondern ein kühner Aufschwung tritt ein, ein Aufschwung freilich, der den Gesichtskreis der Romantiker ebenso nach einer Richtung verengt, wie er ihn nach der anderen erweitert.
Das Neue ist das politische, nationale und kollektivistische Interesse. Die Romantiker beginnen gegen Napoleon Front zu machen, sie werden sich ihrer nationalen Eigenheiten nicht bloß im ästhetischen, sondern in politischem Sinne bewußt und sie fangen an, die Lehre von der Ausbildung des auserlesenen Individuums durch die Anerkennung der Bedeutung des Volkes, der Gesamtheit also, zu ergänzen. Deutsches Volkstum wird fortan ihr Programm.
1810 veröffentlichte Turnvater Jahn ein Buch mit dem Titel „Das Deutsche Volkstum“. Aber mehr als fünf Jahre reichen die Anregungen zurück; und sie kommen unmittelbar aus dem Lager der Romantik.
Merkwürdig rasch geht es bei den Brüdern Schlegel vom Kosmopolitismus zur nationalen Politik weiter. In ihren Anfängen hatten sie kosmopolitisch sich für die französische Revolution interessiert. Noch 1796 schrieb Fr. Schlegel für die Zeitschrift „Deutschland“ des „Sanskulotten“ Reichardt seinen „Versuch über den Begriff des Republikanismus“. In abstrakter Deduktion knüpft er an Kants Wort an: „Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein“ (Minor 2, 57) und führt es in eherner Konsequenz weiter aus. Dann aber wird völlige Abkehr von politischer Diskussion ein Schlagwort des „Athenaeums“: „Nicht in die politische Welt verschleudere du Glauben und Liebe, aber in der göttlichen Welt der Wissenschaft opfre dein Innerstes in dem heiligen Feuerstrom ewiger Bildung“ (106. Idee). Gleichzeitig kündigt sich schon die Wendung in dem romantischen Interesse für Politik an: 1798 erscheinen im Juliheft der „Jahrbücher der preußischen Monarchie unter der Regierung Friedrich Wilhelms III.“ Fragmente Hardenbergs mit dem Titel „Glauben und Liebe oder der König und die Königin“. Nun fühlt sich auch Fr. Schlegel gefesselt und schreibt an den Verfasser: „Weniges ehre ich so, und weniges hat so auf mich gewirkt“ (Raich S. 129 f.). Der Republikanismus ist verschwunden, die kommende restaurative Staatstheorie der Romantiker kündigt sich an.
Aber noch fehlt das national-kollektivistische Empfinden. Die Königin Luise, nicht das deutsche Volk bannt Hardenbergs Dichterauge, wie sie das Auge Heinrich v. Kleists gefesselt hat. Wie die „Ideen“ das nationale Problem formulieren, wie durch Wackenroder und Novalis Interesse für altheimisches Wesen wachgerufen wird, ist oben (S. 77 f., 89 ff.) angegeben. Wie fern man trotzdem einem nationalen, im Sinne der Zeit patriotischen Empfinden noch stand, bezeugen feine Spottworte W. Schlegels über Klopstocks und seiner Jünger „fanatischen, von aller historischen Kenntnis des Charakters der Deutschen, ihrer jetzigen Lage und ihrer ehemaligen Taten entblößten Patriotismus“ (Berliner Vorlesungen 3, 21 f.). Ältere Polemik gegen Klopstocks chauvinistische Verherrlichung der deutschen Sprache wieder aufnehmend, lächelt W. Schlegel über Klopstocks Forderung, der deutsche Jüngling müsse sein Vaterland jedem anderen vorziehen, wenn anders ein deutsches Mädchen ihn lieben solle. Und er fragt ironisch: „Ist es denn ein so großer Mangel keinen Nationalstolz zu haben? Sehen wir nicht, daß er bei andern Völkern häufig auf Einseitigkeit, Beschränktheit, ja auf bloßen Einbildungen beruht?“ Eher kündigt sich eine neue Zeit an, wenn W. Schlegel die Notwendigkeit des Krieges, für den „schon manche Philosophen ein Fürwort eingelegt“ hätten, behauptet (3, 93 ff.). Heißt es ja doch auch in den nachgelassenen Entwürfen zum „Ofterdingen“: „Auf Erden ist der Krieg zu Hause. Krieg muß auf Erden sein“ (4, 259).
Der Wendepunkt trat in dem Augenblick ein, da Fr. Schlegel französischen Boden betrat. Die beiden Gedichte „Bei der Wartburg“ und „Am Rhein“, die er 1803 in den ersten Aufsatz der „Europa“ (s. oben S. 91) aufgenommen hat, feiern alte deutsche Ritterzeit nicht allein in dem verklärenden Sinne Wackenroders und Hardenbergs; sie sind national aus dem Augenblick herausgedacht. Der Rhein gemahnt Fr. Schlegel daran, was die Deutschen einst waren und was sie heute sein könnten.
Am 12. März 1806 erklärt nunmehr auch W. Schlegel in seinem umfänglichen Bekenntnisbrief an Fouqué (8, 144 f.): Die Dichter der letzten Epoche hätten die bloß spielende, müßige, träumerische Phantasie allzusehr zum herrschenden Bestandteil ihrer Dichtungen gemacht. Deutschland aber bedürfe im Augenblick einer durchaus nicht träumerischen, sondern wachen, unmittelbaren, energischen und besonders einer patriotischen Poesie. „Vielleicht sollte, solange unsere nationale Selbständigkeit, ja die Fortdauer des deutschen Namens so dringend bedroht wird, die Poesie bei uns ganz der Beredsamkeit weichen, einer Beredsamkeit, wie z. B. in Müllers Vorrede zum vierten Bande seiner Schweizergeschichte.“ Und dabei weist W. Schlegel auf die beiden Gedichte seines Bruders hin.
Öffentlich vertrat W. Schlegel 1807 dieselben Ansichten in der Rezension von Rostorfs Dichtergarten (12, 206 ff.). Und abermals konnte er auf Verse seines Bruders sich beziehen. Die ganze Sammlung sei in deren Sinne gedacht:
Den Heldenruhm, den sie zu spät jetzt achten,
Des deutschen Namens in den lichten Zeiten,
Als Rittermut der Andacht sich verbunden,
Die alte Schönheit, eh’ sie ganz verschwunden
Zu retten fern von allen Eitelkeiten,
Das sei des Dichters hohes Ziel und Trachten!
Fr. Schlegel steuert unmittelbar auf die Lyrik der Befreiungskriege los. Gleich nach Jena, im selben Augenblick, da Arndt zu singen beginnt, dichtet er seine Sänge „Gelübde“ und „Freiheit“ (9, 180, 182). Fortan ist der patriotische Sang eng mit ihm verknüpft. Der Wiener Gefolgsmann der Schlegel, Heinrich Joseph v. Collin, dichtet für den Krieg von 1809, den Fr. Schlegel im Stabe Erzherzog Karls mitmachte, seine „Lieder österreichischer Wehrmänner“. Im Hause Fr. Schlegels zu Wien verkehren Theodor Körner und Eichendorff, ehe sie in den Krieg ziehen. Max v. Schenkendorf trifft von allen Befreiungssängern den romantisch-religiösen Ton Hardenbergs und Schlegels am besten und läßt sich besonders von Schlegels „Freiheit“ zu seinem Sange „Freiheit, die ich meine“ anregen.
Der entscheidende Anstoß zu kollektivistischer Betrachtung sollte indes von dem Manne ausgehen, an den die einseitigsten individualistischen Kundgebungen der Romantik anknüpften: von Fichte. Noch in seinem „Naturrecht“ (1796) neigt Fichte so stark zu kosmopolitischen Anschauungen, daß er für nationales Wesen nichts übrig hat. Der Staat wird im wesentlichen von seiner polizeilichen Seite gefaßt. Dagegen kündigt sich schon das Verlangen an, daß der Staat jedem seiner Bürger das sittliche Grundrecht, von seiner Arbeit leben zu können, gewährleiste. Diesen Grundgedanken des Sozialismus entwickelte Fichte in seinem „Geschlossenen Handelsstaat“ (1800): der Staat habe die gesamte Organisation der Arbeit in die Hand zu nehmen. Nunmehr wurde ihm der Staat schon ein gesellschaftlicher Organismus, dessen Wesen er dann in den „Grundzügen des gegenwärtigen Zeitalters“ (1806) tiefer zu erfassen suchte. Die Napoleonischen Eroberungskriege trieben ihn weiter. Sie legten ihm die Frage nahe, ob wie die einzelnen Persönlichkeiten so auch die einzelnen Nationalitäten im Weltplan eine besondere Bestimmung hätten; ob mit dieser Bestimmung die Pflicht, sie zu erfüllen, und das Recht zu politischer Selbständigkeit gegeben sei. Von diesem Probleme aus vorwärtsschreitend, gelangte Fichte zu der Überzeugung, die deutsche Nation habe eine so mächtige Kulturbestimmung, daß sie fast allein neben den Einseitigkeiten der anderen Nationen zur Erfüllung des Ideals der Humanität berufen sei. Nur von der Regeneration des deutschen Volkes erhofft er das Heil für die verfahrenen Zustände des Zeitalters. Die Selbstbefreiung des deutschen Geistes ist mithin die Pflicht, die der Nation von ihrer Bestimmung auferlegt wird. Dazu müssen die Deutschen politische Nationalität erwerben. Eine nationale Erziehung hat also den Boden für die Zukunft vorzubereiten.
So lautet das Glaubensbekenntnis der „Reden an die deutsche Nation“ (1808). Mit einem Schlage war hier der nationale Gedanke und die gesellschaftliche Betrachtung zu einem Ganzen verschmolzen; nicht länger war es nur ein Appell an die vergangene Größe Deutschlands, nicht länger nur der Anspruch, daß Deutschland die geistige Führung der Welt zukomme (s. oben S. 90 f.). Aus dem Zustand der deutschen Nation, aus den augenblicklichen gesellschaftlichen Verhältnissen und aus den künftigen Aufgaben der Gesellschaft wurde die Pflicht nationalen Fühlens abgeleitet. Hier war zum erstenmal uneingeschränkt die Behauptung aufgestellt, daß eine Gelehrtenrepublik noch kein Ersatz für einen Staat sei, daß die Vernichtung der politischen Selbständigkeit der deutschen Nation auch die ganze Herrlichkeit deutscher Literatur und Kunst in Frage stelle (vgl. R. Fester, Rousseau und die deutsche Geschichtsphilosophie, Stuttgart 1890, S. 151).
Doch noch von ganz anderer Seite gewöhnte man sich damals daran, das deutsche Volk als Einheit im Gegensatz zu den einzelnen großen Persönlichkeiten zu fassen und die Pflichten zu bedenken, die der einzelne dieser Gesamtheit gegenüber hat. Arnim geht da voran. Ihn verband ein starkes Gefühl mit der Scholle, auf der er geboren war; er besaß ein wirkliches Vaterland. Für dieses Vaterland sammelte er schon 1806 Kriegslieder. Er war aber elastisch genug, dieses echte Vaterlandsgefühl auf ganz Deutschland auszudehnen. Das ganze Deutschland sollte der Freude teilhaftig werden, die er selber an deutscher Art und Kunst hatte. Als erster unter den Romantikern beginnt Arnim mit Bewußtsein nicht nur für den Gebildeten zu arbeiten, sondern für das Volk und diesem nicht nur altes Volksgut wieder zuzuführen, sondern auch aus der Welt der Gebildeten ihm zu schenken, was ihm taugt. Das Dauernde suchte er auf: „Wir wollen“, heißt es 1805 in seinem Aufsatze „Von Volksliedern“ (Deutsche Nationalliteratur 146, 1, 78), „allen alles wiedergeben, was im vieljährigen Fortrollen seine Demantfestigkeit bewährt, nicht abgestumpft, nur farbespielend geglättet alle Fugen und Ausschnitte hat zu dem allgemeinen Denkmale des größten neueren Volkes, der Deutschen.“ Von einem begeisterten Liebhaber altdeutschen Wesens wird da vor Fichte der Ton der „Reden an die deutsche Nation“ angeschlagen.
Aus der Geschichte erwächst für Arnim der Begriff des deutschen Volkstums. Er fühlt sich als Träger einer Tradition und möchte diese Tradition bewahrt wissen. „Nur der Ruchlose“, heißt es in der „Gräfin Dolores“ (1, 93), „fängt eine neue Welt an in sich, das Gute war ewig.“ „Der wunderbare Zustand ohne Gegenwart“ (Werke 12, 29), den die französische Revolution gezeitigt hat, scheint ihm verwerflich. Er will von dem Kosmopolitismus, der „Europa zu einem schönen humanen Ganzen zusammengefabelt“ hat (Dolores 1, 124), nichts wissen. All das ist aus dem Lebensgefühl des märkischen Edelmanns geschaut; dabei nimmt Arnim den Begriff des Adels im höchsten Sinne und hält den Adligen zu Selbstbescheidung und Pflichterfüllung vor anderen berufen. Agrariertum offenbart sich bei ihm in streng sittlicher, verpflichtender Form. Seine ausgesprochene Vorliebe für das Land läßt ihn gegen Industrie und Handel ungerecht werden; in ihr findet seine Abneigung gegen das Judentum eine Stütze. Ein starkes Standesbewußtsein bestimmt auch seine pädagogischen Gedanken. Nicht Menschen, sondern Deutsche will er erziehen, nicht allseitige Entfaltung der Kräfte verlangt er wie die Frühromantik, sondern nach Dienern des Vaterlandes ruft er, die in den Grenzen ihres Standes nach dem Maße ihrer Kräfte wirken (vgl. Friedrich Schultze, Die Gräfin Dolores, Leipzig 1904, S. 23 ff.).
Eng verwandt mit Arnims staatswissenschaftlichen Anschauungen sind Adam Müllers Lehren. Damm konnte Arnim mit Adam Müller und mit seinem Standesgenossen Heinrich v. Kleist, dessen patriotische Begeisterung lyrisch und dramatisch gleich machtvoll ertönte, zu dem gemeinsamen Unternehmen der „Abendblätter“ (1810/11) sich verbinden. Durch Reinhold Steigs Forschungen (Heinrich v. Kleists Berliner Kämpfe, Berlin und Stuttgart 1901) ist heute klargestellt, daß die „Abendblätter“ nach Tendenz, Inhalt und Form das Organ der preußischen Junker in ihrem Kampfe gegen den Minister Hardenberg darstellten, gegen seine Politik, die im Sinne der von der französischen Revolution angeregten Anschauungen dilettierte, wie auch gegen seine staatswissenschaftlichen Ansichten, die auf Adam Smith begründet waren. Adam Müller drückte dem Blatte seinen Stempel auf: prinzipielle Gegnerschaft gegen die Revolution und gegen die Staatsanschauung Edmund Burkes, wesentliche Erhaltung Preußens als eines Agrikulturstaates, keine Reform der wirtschaftlichen Zustände im Sinne von Adam Smith; und all das getragen von einem starken Patriotismus und von dem Wunsche, das französische Joch abzuschütteln. Mag in dem Parteiblatte auch gelegentlich junkerliche Interessenpolitik etwas einseitig sich geltend machen, sicher ist es eine charakteristische und echte Urkunde romantischer, politischer, patriotischer und nationalökonomischer Tendenzen. Denn wie Arnim fast durchaus diesen Kundgebungen zustimmen konnte, so deuten alle Äußerungen Adam Müllers auf das romantische staatswissenschaftliche Glaubensbekenntnis, wie es sich nach 1800 entwickelt. Das konservative Agrariertum, das Adam Müller vertritt, bereitet die reaktionäre Politik der Zeit nach 1815 vor. Herold dieser Richtung ist Adam Müller in enger Verbindung mit Friedrich v. Gentz, der rechten Hand Metternichs, mit Fr. Schlegel und mit Karl Ludwig v. Haller geworden.
Fr. Schlegel ging auch auf diesem Felde voran. In den Kölner Vorlesungen von 1806 (Windischmann 2, 306–396) entwickelt er zum erstenmal systematisch seine Ansichten über Natur- und Staatsrecht, über Politik und Völkerrecht. Auch hier heißt es (S. 369): „Der Adel gehört ganz zu dem Landmann; er ist nur der höhere Landmann.“ Auch hier wird ständische Verfassung vertreten. Auch hier wird erklärt: „Die Art, wie der Handel jetzt ausgeübt wird, ist dem Staatszwecke im höchsten Grade gefährlich“ (S. 371). Allein vorläufig trennt noch eine weite Kluft die Berliner Patrioten von Fr. Schlegel. Schlegel steht schon auf einem mittelalterlich religiösen Standpunkte, er führt Gedanken und Träume von Novalis’ Aufsatz „Die Christenheit oder Europa“ (s. oben S. 77 f.) systematisch aus. Von dieser Stelle gab es vorläufig keine Brücke zu Arnim, Kleist und Adam Müller. Adam Müller aber ist nachmals in Schlegels Lager übergegangen.
Fundamentale Anschauungen der Frühromantik liegen den Ausführungen Fr. Schlegels zugrunde: ein großer Organismus soll aufgebaut werden, in dem alle Teile ineinander leben, ein kirchlich-staatliches Universalsystem. Die organische Alleinheit, Gott, wird im christlichen Sinne genommen; und zwar enthüllt sich, wie in Novalis’ Aufsatz, wie in den späteren kulturhistorischen Konstruktionen Fr. Schlegels (s. oben S. 85 f.), die mittelalterliche Welt als höchste Verkörperung der organischen und harmonischen Verknüpfung geistlicher und weltlicher Gewalt. Dem Katholizismus sollte nunmehr die Aufgabe zufallen, diese organische Harmonie von neuem zu begründen. Die Religion wurde so zum organischen Mittelpunkt des Lebens.
Diesem Glaubensbekenntnis ist die Kirche das erste und der Staat das zweite. Alle Staatsgewalt kommt von Gott. In der Kirche erfüllt sich jeder Zweck höchster geistiger Gemeinschaft; der Staat hat nur die äußeren Bedingungen eines solchen Gemeinschaftslebens zu gewährleisten. Er beschränkt sich darum auf die mittelalterlichen Staatsziele: Ordnung und Recht, Friede und Gerechtigkeit.
„Schon in dieser keimhaften Entwicklung kündigt sich der zugleich aristokratische und demokratische, der exklusive und der Massencharakter namentlich des künftig vollentwickelten Klerikalismus, zugleich aber auch die Möglichkeit einer Massenentwicklung jeder Art des Konservatismus und damit das Geheimnis ihrer stärksten politischen Wirkungen an“, sagt Lamprecht (Deutsche Geschichte 10, 449).
Von solchen Ansichten aus gelangt romantische Staatswissenschaft rasch zu einem Standpunkte, der dem nationalen Streben der Befreiungskriegszeit durchaus entgegengesetzt ist. Ein politischer Universalismus löst die nationalen Begrenzungen wieder auf, die am Anfang des 19. Jahrhunderts an die Stelle des Kosmopolitismus getreten waren. Österreich sollte die universalistisch-klerikalen Ideale erfüllen; seine bunte nationale Zusammensetzung schien dem Zwecke dienlich zu sein.
Dagegen ging die kollektivistische Wendung vom Anfang des Jahrhunderts nicht verloren. Wohl wird der Monarch zum Repräsentanten der großen harmonischen Einheit erhoben, ja sogar der Gedanke erwogen, ob mit der Würde des Herrschers auch die höchste Priesterwürde zu verknüpfen sei. Nicht der Zwang der Gesetze, sondern die Autorität des Fürsten soll ferner den Staat erhalten. Ein religiöser Absolutismus also, wie er im 16. Jahrhundert teils geplant, teils wirklich durchgeführt worden ist! Jedoch ebenso wird die höchste Freiheit des einzelnen bei der festesten Vereinigung aller gefordert und die Idee einer Repräsentation des Volkes nach Ständen erwogen.
Die Romantik weist in diesen letzten Forderungen politischer Art nach, daß sie mit dem Zeitgeist fortgeschritten ist. Das junge Deutschland bekennt sich gleichfalls zu Kosmopolitismus und Kollektivismus. Freilich ist es ebenso radikal und revolutionär gesinnt, wie die Romantik der Reaktion dient. Aber die Probleme des Zeitalters werden auf beiden Seiten gleich eifrig, wenn auch von ganz entgegengesetztem Standpunkte erwogen. Stellt das junge Deutschland im wesentlichen ein Weiterdenken frühromantischer Ideen dar, so konnte es doch schließlich, um auf der Höhe des Zeitalters zu stehen, nichts anderes tun, als die Zeitprobleme des Kosmopolitismus und Kollektivismus mit dem alten romantischen Gedankenschatz und mit seinen revolutionären Strebungen zu verknüpfen, mit Elementen, die von der Romantik selbst längst preisgegeben worden waren. Wohl überholt das junge Deutschland auf solche Weise die alternde Romantik, aber es bewährt sich auch in dieser Verknüpfung nur als Epigone und erhärtet, daß die Romantik bis zuletzt gewußt hat, wie die Fragen lauteten, die einer Lösung harrten.