ETAPPE

I.

Der Stab für das Eisenbahnbauwesen der Ostarmee lag vor Dünaburg. Es ging die Rede von einem russischen Durchbruchsversuch. Die Baukompagnie 14 geriet ins Feuer. Es gab Verluste. Der Bau der Feldeisenbahn kam ins Stocken. Die Verbindung mit der Kampffront blieb auf Tage unterbrochen. Vom Oberkommando der Armee lief eine Beschwerde beim Stab ein. Drängende Befehle peitschten zur Beschleunigung. Der Major hatte wieder jenen gehässigen Ärger auf seinem finsteren Gesicht, der an den Brückenbau in Kowno vor der Ankunft des Kaisers erinnerte.

Zwei Tage vorher bereits überwölbte das fertiggebaute, riesige hölzerne Mittelstück die gesprengte Memelbrücke damals. Die Belastungsprobe war glatt verlaufen. Allenthalben sah man entspannte, befriedigte Gesichter. Die ermüdete Mannschaft trat schon zum Heimmarsch in die Quartiere zusammen. Plötzlich murrte ein langgezogenes, ruckendes Grollen über den nebeligen Fluß. Die Brückenmitte hatte nachgegeben, war fast um einen halben Meter tiefer gesunken. Eine Totenstille herrschte minutenlang. Dann bellten abgehackte Befehle durch die Luft. Die erschöpften Abteilungen schwärmten wankend auseinander, wieder auf die Brücke und ins eisige Wasser. Die ganze Nacht hämmerte, ächzte, krachte, schob und schrie es aus dem spärlich beleuchteten Gerüst des Notbaues und aus der Flußtiefe. Fieberhaft, mit verdrossenem, verbissenem Grimm wurde gearbeitet.

Wie Rudel totgehetzter Ziehtiere trotteten die Kolonnen am Morgen in die zerschossene Stadt.

Zwanzig Stunden wurde am darauffolgenden Tage gearbeitet. Zweiundzwanzig ununterbrochen am andern. Die Ruhr brach aus unter der Mannschaft.

Mehr als vierzig Mann starben, fünf ertranken in der Memel.

Als der Kaiser ankam, erhielt der Major das Eiserne Kreuz erster
Klasse.

"Herr Major,—hoffentlich ist es uns allen noch gegönnt, daß wir den Pour le merite ebenso vergnügt mit Ihnen feiern dürfen," sagte damals der geschnürte, glatzköpfige Stabsadjutant piepsend.

Und zerschlissen freundlich lächelte der Major: "Wenn Petersburg fällt!"
—Damals ging es unaufhaltsam vor.

Nun stockte es erstmalig während des ganzen Feldzugs.—

Die Russen funkten sehr nahe. Die zurückgetriebenen Eisenbahnbaukompagnien verpendelten die Zeit mit nutzlosen Appellen. Vom Hauptquartier kam Befehl auf Befehl. Die Offiziere flitzten nervös und gewichtig herum. Bei der Mannschaft gab es Arreste.

Unübersehbare Mengen Baumaterialien stapelten sich und mußten liegenbleiben.

Der Major ritt die Bauzüge ab, schrie, polterte, teilte Strafen aus.

Fünfzehnhundert Russen, die an der Front gefangengenommen worden waren, trafen ein. Befehl zur Aufnahme des Weiterbaues der Feldeisenbahn erging.

Langsam rollten die stehengebliebenen Bauzüge vorwärts, in die tristen Schneefelder hinein. Vor, vor—immer noch vor ging es! Bis zu der Stelle, wo die Arbeit aufgegeben werden mußte.

Die Geschosse schwirrten hoch in der schneeigen Luft. Ganz nahe.

Schnee, Schnee. Kälte, Kälte.

Die Baukompagnie 14, 15 und die Russen marschierten auf die
Arbeitsstellen.

"Mist!—Humbug!—Unsinn!" knurrte von Zeit zu Zeit irgendeiner halblaut.

In kilometerweiter Entfernung schlugen die Geschosse ein, warfen
Kotfontänen.

Schlaggg!—lag alles am Boden.

Man lag die halbe Zeit in Deckung. Die Arbeit machte kaum wesentliche
Fortschritte.

Meldung erging an den zurückliegenden Stab.—

Der Ordonnanzreiter Peter Nirgend ritt durch den peitschenden Schnee. Das Pferd dampfte. Die Lenden spritzten Blut. Fiebernd bog sich der furchtsame Rücken im Galopp.—

Hauptmann und Oberleutnant der Baukompagnienempfingen den Heransprengenden mit mürrischen Gesichtern.

"Meldung vom Stab der Eisenbahntruppen!" keuchte Nirgend. Nur mit Mühe konnte er sich stramm halten.

Hastig öffnete der Hauptmann den Umschlag, überflog mit unterdrückter
Entrüstung das Papier und sah auf den Oberleutnant, reichte es ihm.

"Hm!" brummte er kopfschüttelnd. "Hm!" machte der Oberleutnant gleichfalls achselzuckend und ratlos.

Dann stiegen beide in den Kanzleiwagen.

Peter Nirgend führte sein schweißtriefendes Pferd auf und ab. Aus den
Quartierwagen der Mannschaft glotzten mißmutige Gesichter.

"Geht's vor?" fragte einer.

"Der Hund!" knurrten etliche dumpf, als Nirgend nickte. Der Kanzleiunteroffizier rief aus dem Wagen, übergab ihm die Rückmeldung an den Stab. Der gefrorene Boden klapperte unter den ausgreifenden Hufen des Pferdes. Schneewolken staubten auf und nichts mehr sah man.—

Ein abermaliger Befehl des Stabes bestimmte unverzügliche Aufnahme der
Arbeit und sofortige Herstellung der Verbindungslinie mit den Fronten.

Schon tags darauf meldeten die vorgeschickten Kompagnien schwere Verluste. Die fünfzehnhundert Russen weigerten sich, aus ihrem Bauzug zu gehen. Man prügelte sie heraus. Aber am selben Abend noch mußten die Züge zurückrollen. Viele Wagen waren zerstört. Die Eisenbahnlinie überall ramponiert.

Die ganze Nacht schrie es die Züge entlang. Neue Wagen wurden eingeschoben. Unaufhörlich wurde rangiert.—

Am andern Mittag raunte es von Ohr zu Ohr: "Es geht wieder vor!" Es ging ein Gerücht herum von einem scharfen Aufeinanderprallen zwischen Major und Hauptmann. Kurz darauf hieß es: "Antreten zum Appell!" Vor den gepferchten Reihen der zum abermaligen Vorrücken bestimmten Truppen hakte ein fremder Offizier auf und ab und hielt eine schwunghafte Rede. "Das deutsche Wesen darf nicht untergehen! Hurra! Hurra! Hurra!" schloß er und alles brüllte mit. Wie ein einziger Tierlaut klang's.

"Fürs Vaterland!" murrte einer zynisch beim Auseinandergehen.

"Für den Pour le mérite!" brummte ein bärtiger Kerl und sah herausfordernd auf die lethargischen Gesichter der Kameraden.

"Kotze!—Sich den Schwanz verbrennen ist die einzige Rettung!" murmelte der Mannschaftskoch stoisch.

"Nulpe! Wo denn?—Wenn weit und breit kein Puff ist!?" warf ihm der
Vagabund Tümpel hin und spuckte in großem Bogen durchs offene Fenster.

Tief am Nachmittag ächzten die Bauzüge abermals finster in die schneeige, verlassene Gegend hinaus.

Am zweiten Tag, als Nirgend von den Kompagnien zum Stab zurückritt, knallten Schüsse hinter ihm her. Einer davon streifte leicht seinen rechten Arm.

"Hu-u-und!" surrte es langgedehnt durch die kalten Nebelschwaden und lief ihm nach wie ein unterirdisches Grollen.

Gegen Morgen tauchten auf einmal die gelben Lichter der Bauzuglokomotiven auf und kamen zischend näher. Die vierzehnte Kompagnie war his auf zirka hundert Mann aufgerieben, und die fünfzehnte hatte gleichfalls zahlreiche Verwundete und Tote. Die Russen hatten in der allgemeinen Panik des Zurückflutens die Fluchtergriffen und irrten rudelweise in den Schneefeldern herum.—

Nirgend trat dumpf ins Leutnantszimmer des Stabsbureaus, straffte seine Glieder und sagte: "Zur Stelle!"

Der schmächtige, elegante Offizier drehte sich wippend, etwas nervös herum, maß den Hereingetretenen von oben his unten und fragte: "Na,—und?"

"Man hat mich angeschossen," sagte Nirgend unvermittelt.

"Ja—und?"

"Es waren welche von uns, Herr Leutnant."

Die gepflegten, spitzen Augenbrauen des Offiziers griffen zuckend in die plötzlich streng gefaltete Stirn.

"Quatsch!—Woraus schließen Sie denn das;" rief er wegwerfend.

"Weil jeder wütend ist," sagte der Meldereiter einfach.

"Halten Sie Ihr Maul, Sie Lümmel!—Was bilden Sie sich eigentlich ein!" belferte der Leutnant drohend und schnellte auf.

"Ich rede nicht um meinethalben," erzählte Nirgend ruhig und schaute dem Schimpfenden entschlossen ins Gesicht, "aber um den Pour le merite geht keiner mehr vor. Ich reite nicht mehr!"

"Wasss!!" zischte es durch die warme Zimmerluft.

Matratzenfeder. Die Tür des anderen Zimmers wurde ruckhaft aufgerissen.

"Wasss!—Was ist da!?" schnarrte der Major und machte einen Schritt auf Nirgend zu. Schon riß sich der Leutnant schlank und stramm herum, wollte melden. Aber der Soldat kam ihm zuvor, sagte, zum Major gewendet, mit der gleichen, einfachen Ruhe: "Ich reite nicht mehr, Herr Major! Um einen Pour le mérite geht keiner mehr vor, sagen alle!"

Einen Moment fielen die beiden Offiziere fast auseinander. Dann schrien sie, bellten drohend: "Hinaus! Hi-naus! Sie Schweinehund!"

Ganz korrekt drehte sich Nirgend um und ging aus dem Zimmer. In der angrenzenden Schreibstube wurde fieberhaft gearbeitet. Jeder saß geduckt da und kaum einer wagte aufzuschauen. Nur einige ängstliche Blicke trafen den Hindurchschreitenden. Der Stab nistete in einem einstöckigen Gelehrtenhaus. In den unteren Räumen waren die Bureaus, oberhalb die Schlafzimmer der Offiziere und auf dem Dachboden hausten die Mannschaften. Dort angelangt, legte Nirgend sich so wie er war aufs Stroh und zündete sich eine Zigarette an.

Es war merkwürdig, heute kam keiner zu Bett. Düster glomm der spärlich helle Kreis der brennenden Zigarette im Dunkel. Wie in einer verlassenen Totengruft lag man hier. Langsam fielen die Minuten von der Decke herab.

Eine lange Zeit verging.

Dann knarrten Schritte die Treppe herauf, kamen näher. Es mußten mehrere Leute sein. Peter Nirgend rührte sich nicht.

Die Tür wurde geöffnet. Im Lichtkreis einer Taschenlaterne tauchte undeutlich die Gestalt des Leutnants auf. Dahinter mußten noch einige Leute stehen. Zwei Seitengewehre funkelten zur Höhe.

Nirgend erhob sich ohne Hast. Irgendeine dunkle, breite Gestalt tappte herein, tastete herum und entzündete die Lampe. Jetzt traten der Leutnant und die zwei Soldaten mit den aufgepflanzten Seitengewehren an den Tisch, wo der Unteroffizier, der Licht gemacht hatte, stand. Der Leutnant verlas etwas von sofortiger Inhaftierung und Überweisung an ein Kriegsgericht, faltete den Bogen wieder, sah Nirgend flüchtig an und sagte zum Unteroffizier: "Wenn er in fünf Minuten nicht folgt, wenden Sie Gewalt an!"

"Zu Befehl, Herr Leutnant!" antwortete der strammgestandene Korporal.

"Naja!" sagte der Leutnant und ging.

Einige Augenblicke standen sich die Soldaten schweigend gegenüber.

"Kamerad!—Mensch?" brachte der Unteroffizier endlich heraus, stockte aber plötzlich und sagte dumpfer: "Packen Sie Ihre Sachen zusammen und kommen Sie."

"Seid ihr Vierzehner?" fragte Nirgend unbeweglich. Keine Antwort.
Keine Bewegung der anderen. Starr standen die drei.

"Gestern nacht habt ihr auf mich geschossen—einer von eurer Kompagnie war's!—Weil ich den Befehl zu euch brachte zum Vorrücken.—Einen Denkzettel habt ihr dem Major geben wollen—jetzt macht ihr drei wieder die Handlanger der Ordensjäger!" stieß Nirgend heraus.

Keine Bewegung. Schweigen. Starr standen die drei. Wie glatte, finstere
Glassturze. Alles rutschte an ihnen herab.

Man stand selber unter einem solchen Glassturz. Gespannt his aufs äußerste mußte man an sich halten. Eine einzige Bewegung—und alles konnte zusammenfallen, klirrte herab. Und—?

Und man stand ohnmächtig, ausgeliefert und vereinsamt zwischen den anderen. Die nackten Arme halfen nichts. Nicht einmal zu einer Umschlingung, denn man rutschte ab. Fiel hin und war ein Häuflein nichts.

Und was war geschehen?

Nichts!

Die nackten Arme halfen nichts! Gar nichts!

Nur die Kartätschen der Feinde, Hekatomben auseinandergerissener Leiber.
Das Unerträgliche. Die Sinnlosigkeit führte zum Sinn zurück.

"Wollen Sie den Befehl befolgen?!" rief der Unteroffizier jetzt.

"Ja!" schrie Nirgend fast überlaut: "Ja—am liebsten würde ich wieder hinausreiten zu euch. Immer vor! Immer vor müßtet ihr—für den Pour le mérite!"

"Los—los!" plapperte der Unteroffizier verärgert, "reden Sie nicht!
Los!"

"Ja!" bellte Nirgend abermals, "das ist das deutsche Wesen!"

"Marsch!" brüllte der Unteroffizier: "Vorwärts jetzt!" Und zog ihn in die Mitte.

Man ging.—

II.

Der Schnee lag tief. Langsam ging es vorwärts.

"Was macht man eigentlich mit mir?" fragte Peter Nirgend auf einmal steif stehenbleibend. Es antwortete niemand.

"Los—los!" brummte der Unteroffizier vorne wie für sich. Die Soldaten schoben den Gefangenen weiter.

"Er hat euch geschunden his aufs Blut.—Ihr habt es selbst gesagt, daß ihr nicht mehr mitmachen wollt," sagte Peter beharrlich und stemmte sich gegen die schiebenden Hände.

"Los—los! Wir möchten auch zur Ruh kommen!" stieß der Unteroffizier abermals murmelnd heraus und machte eine halbe Wendung.

Einer der Soldaten setzte dem Häftling das Knie in den Rücken.

"Gibt doch bloß Arrest, Mensch!" sagte der Unteroffizier beiläufig.

Peter Nirgend ließ nach. Man watete wieder weiter.

Die lange, geschwertete Linie eines spärlichen Lichtes stach durchs
Dunkel. Das war das Gemeindehaus, wo der Arrest abgesessen wurde.
Landstürmler versahen dort den Dienst.

"Ihr kriecht, bis man euch die Kugel in den Leib jagt!" knirschte
Peter.

Schweigen.

Der Unteroffizier schlug mit der Faust an die Gemeindehaustür. Mit hochgehobener Petroleumlampe erschien der verschlafene Sergeant in ihrem Rahmen. Der Trupp trat in die wohligwarme Wachstube. Zwei Landstürmler hoben schläfrig ihre Oberkörper auf den Pritschen, rieben sich die Augen. Einer davon stieg herab und nahm den Schlüsselbund, winkte Peter.

"Kommt vors Kriegsgericht! Befehlsverweigerung!" sagte der Unteroffizier zum Sergeant, der den Einlieferungsschein unterschrieb. Eine leise Verachtung schwang mit den Worten mit. Der Landstürmler führte den Häftling in die letzte Zelle. "Kamerad, leg dich gleich hin und wickle dich fest ein. Es ist kalt," sagte er und trat aus der Zelle, schloß ab.

Peter Nirgend blieb lauschend stehen.

Jetzt hörte man die Leute vorne im Korridor. Er ging an die Tür, schlug fest mit den Fäusten an dieselbe, schrie: "Ich muß dem Herrn Unteroffizier noch was ausrichten!"

Und sein ganzer Körper zitterte.

Der Trupp kam den Korridor entlang, öffnete.

"Was ist's denn?" fragte der Unteroffizier ärgerlich und trat ein. Die anderen blieben draußen.

"Werde ich erschossen?" fragte Peter unvermittelt.

"Quatsch! Festung wird's geben!" räsonierte der Unteroffizier: "Was wollen Sie denn?"

"Da—da ist eine Blutlache!" rief Peter hastig und deutete auf die Bodenfläche hinter der Pritsche. Der Unteroffizier trat einen Schritt näher heran und beugte sich vornüber, hinter die Pritschenecke. Jetzt war der Lichtkreis der Taschenlaterne nur noch ganz klein in der Nische. Peter machte einen ruckhaften Satz, stemmte blitzschnell sein Knie auf den Rücken des Korporals und schnitt mit aller Gewalt in dessen Hals, tiefer—tiefer. Das warme Blut rann üher seine Finger. Der Körper des Ermordeten gab nach, hing schräg üher die Pritsche.

Die anderen stürzten herein und warfen sich auf Peter, schlugen auf ihn ein, his er liegenblieb.

Ihn überleuchtend, sagte ein Soldat zum Gefesselten: "Hund! Morgen stehst du an der Wand!"

Peter Nirgend schloß die Augen.

Nach einer ziemlichen Weile wurde die Tür wieder aufgeriegelt. Wieder erschien der hochgehobene Arm des Sergeanten mit der Petroleumlampe, nur diesmal sehr zitternd. Offiziere traten ein. Einer beugte sich über den Toten am Boden. Dann trugen zwei Soldaten die Leiche hinaus.

"Was haben Sie denn da gemacht!?" fragte der Major Peter.

Der schwieg. Kopfschütteln. Ein Soldat trat ein, stand stramm, erzählte den Hergang.

"Sowas heißt sich deutscher Soldat!" schnarrte der Leutnant beflissen.

Inzwischen trug man ein Tischchen herein. Die Lampe wurde daraufgestellt und der Gerichtsoffizier nahm das Protokoll auf. Nach der Vernehmung des gänzlich gebeugten, zusammengefallenen Sergeanten und des anderen Soldaten, trat der Leutnant abermals an Peter heran, stieß ihn: "Und Sie?"

"Was haben Sie anzugeben?" rief der Gerichtsoffizier gleichfalls über den Tisch.

Keine Antwort kam.

"Kerl!"

Schweigen.

Das Protokoll wurde verlesen.

"Geben Sie das zu?" fragte der Gerichtsoffizier den Angeklagten.

Dieser nickte stumm.

Kopfschüttelnd verließen die Offiziere den Raum. Zwei Soldaten der
Baukompagnie 14 mit bajonettbepflanzten Gewehren blieben zurück. Der
Tisch mit der Petroleumlampe gleichfalls.—

"Schuft!" knurrte einer der Wächter und versetzte Peter einen Stoß in den Leib. "Du sollst unsere Überstunden schmecken, Hund!" fluchte der andere und schlug ihm die Faust ins Gesicht.

Müde geworden, setzten sich die zwei Wachhabenden auf das trockene
Flecklein des Bodens und zündeten sich Zigaretten an.

"Kamerad! Einen Zug! Einen Zug!" wimmerte mit einem Male Peter flehend.

"Ah?" rief der Raucher hämisch, ging an den Gefesselten heran und hielt ihm die rauchende Zigarette unter die Nase: "Riecht gut, Herr Halsabschneider, hm?"

"Laß ihn doch! Er ist nicht wert, daß man ihn anschaut!" brummte der andere Soldat. Aber der Angesprochene ließ sich nicht abhalten.

Da reckte sich Peter stemmend, schrie: "Hasenfüße!"

"Halt die Fresse, Hund!" fielen die beiden ihn an und warfen ihn zurück, daß die Pritsche knarrte. "Hasenfüße!" plärrte Peter wilder.

Die beiden hielten die Gewehrläufe drohend auf ihn gerichtet: "Noch ein Wort und wir knallen dich nieder!"

"Hasenfüße!" schrie Peter noch greller. Die Wächter schlugen sinnlos auf ihn ein.

"Hasenfüße!" bellte der Gefesselte aus Leibeskräften: "Hasenfüße!
Hasenfüße!"

Da schossen sie. Das Gehirn peitschte an die Wand.

Als der Sergeant und die Landstürmer schlotternd angestürmt kamen, standen sie wie geistesabwesend stramm. Erst als kurz darauf der Leutnant eintrat, meldeten sie zugleich: "Melden Herrn Leutnant, daß wir ihn erschossen haben, weil er uns Hasenfüße genannt hat."

Der Leutnant warf einen flüchtigen Blick auf die Leiche, drehte sich herum und sagte befehlsmäßig: "Gut! Abtreten!"—

Tags darauf diktierte er dem Kanzleiunteroffizier folgende Meldung an das Oberkommando der östlichen Streitkräfte in die Maschine:

"Meldereiter Peter Nirgend, zugeteilt dem Stab der Eisenbahntruppen, wurde wegen Befehlsverweigerung inhaftiert. Weiterleitung des Verfahrens war dem Kriegsgericht der Etappenkommandantür übergeben. Nirgend ermordete kurz nach seiner Einlieferung in die Arrestanstaltin seiner Zelle den Unteroffizier der Eisenbahnbaukompagnie 14 Joseph Thiele durch Durchschneidung des Halses. Sofortige Protokollaufnahme durch den Gerichtsoffizier ergab Mord. Exekution wurde auf andern Tag 9 Uhr festgelegt. Infolge fortgesetzter Widersetzlichkeiten gegen die Wachhabenden und Verhöhnung des Feldheeres, mußten die Pioniere Traugott Schloch und Otto Flemming von der Eisenbahnbaukompagnie 14 von der Waffe Gebrauch machen, was den Tod des Nirgend zur Folge hatte."—

Wegen Nachlässigkeit im Dienst wurde der Arrestsergeant strafversetzt.—

Einige Wochen später stand in einem Tagesbericht des Oberkommandos: "Wegen pflichtmäßiger Ausführung eines Befehls wurden ausgezeichnet mit dem Militärverdienstkreuz zweiter Klasse laut Beschluß des O.K.d. O.A.: der Pionier Traugott Schloch bei der Eisenbahnbaukompagnie 14, der Pionier Otto Flemming bei der Eisenbahnbaukompagnie 14."