Erster Aufzug


Erste Szene

Der Himmel; ein Thronsaal; DREI ENGEL in schwanenweißen, federdaunartigen Anzügen mit enganliegenden, gamaschenähnlichen Kniehosen, Wadenstrümpfen, kurzen Amoretten-Flügeln, weißgepuderten, kurz geschnittenen Haaren, weißen Atlas-Schuhen; sie haben Flederwische in der Hand zum Abstauben.

ERSTER ENGEL. Heut steht ER wieder spät auf.

ZWEITER ENGEL. Seid froh! Dieses Gehust', dieses wasserblaue Geglotz', dieses Schleimfließen, Fluchen, Spucken den ganzen Tag—man kommt zu keinem gesunden Augenblick.

DRITTER ENGEL. Ja, es ist merkwürdig daheroben!

ERSTER ENGEL. Apropos! Ist der Thron festgemacht?

ZWEITER ENGEL. Ja, um Gottes Willen! Ist der Thron festgemacht? Er wackelte gestern.

DRITTER ENGEL. Wer wackelte gestern?

ERSTER ENGEL. Der Thron, dummes Gänschen!

DRITTER ENGEL (verwundert). Der Thron?—Warum wackelt der Thron?

ERSTER ENGEL. Enfin, er wackelt eben.

DRITTER ENGEL. Wie? Wackelt denn hier heroben überhaupt etwas?

ERSTER UND ZWEITER ENGEL (laut auflachend). Ha, ha, ha, ha!—

DRITTER ENGEL (immer ernster und erstaunter). Ja, warum wackelt der heilige Thron?

ERSTER ENGEL (energisch). Dummes Gänschen! Weil hier sowieso alles aus dem Leim geht und lidschäftig wird, Götter und Möbel, Franzen und Tapeten.

DRITTER ENGEL (innerlich erbebend). Gott, wenn das meine Mutter wüßte!

ZWEITER ENGEL (stirnrunzelnd und höhnisch). Deine Mutter?—Was willst Du denn mit Deiner Mutter, Fratz?

DRITTER ENGEL. Ach, sie ließ doch heute die sechzigste Seelenmesse für mich lesen!

ERSTER UND ZWEITER ENGEL (mit wachsender Verwunderung). Für Dich?!— (Beide laut auflachend.) Ja wie alt bist denn Du?

DRITTER ENGEL (sich besinnend und dann mit Pathos zitierend.) "Vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag, und ein Tag wie tausend Jahre!"—

ERSTER UND ZWEITER ENGEL (ihr abwinkend und sie zur Raison bringend; sehr breit). Ja, ja, ja—is schon recht; das wissen wir schon!—Aber wie alt warst Du denn drunten?

DRITTER ENGEL (kindlich). Knapp vierzehn Jahre!

ERSTER ENGEL (lachend). Und da brauchst Du Seelenmessen?

DRITTER ENGEL (zaghaft). Ach, Ihr wißt ja nicht, ich bin ja gestorben!

ERSTER UND ZWEITER ENGEL (noch lauter lachend). Ha, ha, ha! Hi, Hi!—No, natürlich, sonst wärst Du ja nicht hier!—

DRITTER ENGEL (in unverrückbarem Ernst). Ach, Ihr wißt ja nicht, ich bin ja in Sünden gestorben!

ERSTER UND ZWEITER ENGEL (aufs neue lachend). Das auch noch!—Du armer Schlucker, was hast Du denn getan?—

DRITTER ENGEL (stockt, schaut mit ihren starren Augen ihre Genossinnen an und faltet die Hände).

ZWEITER ENGEL (höhnisch). Hast Deine Schulaufgaben nicht gelernt?—Hast Kleckse in Dein Schreibheft gemacht?

DRITTER ENGEL (immer in ängstlich-gespannter Haltung). Ach, mir wird so bang;—nicht wahr, Ihr sagt es nicht weiter?!—

ERSTER UND ZWEITER ENGEL (sich ausschüttend vor Lachen). Was? Da heroben; und nichts weiter sagen?!

DRITTER ENGEL (erstaunt). Was? Ihr wißt es schon?

ERSTER ENGEL. Nein! Aber sag's nur heraus; wir erfahren's doch!

ZWEITER ENGEL. Also frisch! Was war's?

DRITTER ENGEL. Ach, mich hat ein großer Mann—erdrückt!

ERSTER ENGEL (betonend). Erdrückt?

DRITTER ENGEL. Oder vergiftet!

ZWEITER ENGEL (ebenso betonend). Vergiftet?

DRITTER ENGEL (naiv). Ich weiß nicht mehr, wie die Mutter sagte.

ERSTER ENGEL (mit wachsendem Erstaunen). Ja, war denn die Mutter dabei?

DRITTER ENGEL (mit glänzenden Augen erzählend). Die war im Nebenzimmer;— aber die Thüre war halb offen;—da kam ein großer, alter Mann herein; —die Mutter hatte gesagt, ich sollte alles geschehen lassen; der Mann sei der Rektor der Schule und sei sehr streng;—und wenn ich in allem gehorsam sei;—käme ich unter die ersten;—und der große, alte Mann—

ERSTER UND ZWEITER ENGEL (drängend). Nun, der große, alte Mann...?

DRITTER ENGEL (fortfahrend).... war sehr stark.

ERSTER UND ZWEITER ENGEL (sich gegenseitig anschauend und die Kleine imitierend). Der große, alte Mann war sehr stark!

ZWEITER ENGEL. So steht's im Ollendorf[1] auch.

ERSTER ENGEL (die Kleine aufrüttelnd). Nun, was tat denn der große, alte Mann?

DRITTER ENGEL (herausbrechend). Er erdrückte mich und vergiftete mich, und bespie mich mit seinem heißen Atem, und wollte in meinen Leib eindringen....

ERSTER UND ZWEITER ENGEL (die Hände zusammenschlagend, mit verstellter Verwunderung). Was?—Und die Mutter kam Dir nicht zu Hilfe?

DRITTER ENGEL. Die stand an der Thürspalte und sagte immerfort: "Sei nur brav, Lilli, sei nur brav, Lilli!"

ZWEITER ENGEL. Nun, und dann?

DRITTER ENGEL. Dann lag ich schluchzend auf dem Bett.

ERSTER ENGEL. Und dann?

DRITTER ENGEL (sich besinnend). ... ich hörte dann noch die Mutter mit dem Manne reden....

ZWEITER ENGEL. Was sprachen sie?

DRITTER ENGEL (sich tief besinnend). ... ich weiß es nicht mehr;... sie waren schon im Nebenzimmer ... ich hörte noch die Zahl fünfhundert....

ERSTER ENGEL. Und dann?

DRITTER ENGEL (sich immer länger besinnend). ... die Mutter kam herein ... sie sagte, nun hätten sie viel Geld, und könnten lustig und vergnügt für immer leben.... Die Gedanken gehen ihm aus.

ERSTER ENGEL (drängend) Und dann?—

ZWEITER ENGEL (ebenso). Und dann? Und dann?

DRITTER ENGEL (fast verklärt). Dann—bin ich gestorben.

ERSTER UND ZWEITER ENGEL (fahren, die Hände über dem Kopf zusammenschlagend, mit einem schrillen, lang anhaltenden, mädchenhaft- gilfenden Ton, wie um eine innere Erregung ausströmen zu lassen, auseinander, und wie zwei Kreisel pfeifend, in der weitesten Rundung im Saal herum; der Dritte noch immer in starr verklärter Stellung.)

ERSTER ENGEL (nach längerem Umhersausen, atemlos). Und da läßt Dir jetzt Deine Mutter für das viele Geld Seelenmessen lesen?!

DRITTER ENGEL. (weinerlich ängstlich). Ich bin ja in Sünden gestorben!

ZWEITER ENGEL (eindringlicher). Für die 500 Mark oder Taler oder Franken läßt Dir jetzt Deine Mutter Seelenmessen lesen?!

DRITTER ENGEL (mißverstehend-naiv). ... für einen Teil des Geldes.

ZWEI ÄLTERE ENGEL (kommen schnell hereingestürzt mit dem Ruf). ER kommt! —ER kommt!—Ist alles parat?—(Die Drei fahren auseinander und machen sich an die Arbeit.)

ERSTER ENGEL. Um Gottes willen, seht, ob der Thron fest ist! (Einer der Engel macht sich am Thron zu schaffen. Andere Engel kommen inzwischen, bringen Decken, Polster, Kissen und dergl.)

ZWEITER ENGEL (hopst auf den Thron und probiert ihn nach allen Seiten). Alles fix!

ERSTER ENGEL (zum dritten, der noch zu scheu ist, Hand anzulegen und verwundert dem ganzen Treiben zuschaut). Du, davon mußt Du mir noch mehr erzählen.—Jetzt stell' Dich zu uns her!

DIE ZWEI ÄLTEREN ENGEL (die bisher außen an der Thüre Wache gestanden haben, kommen jetzt, wie oben, eilfertig zurück, übermäßig mit den Armen fuchtelnd, und mit dem gleichen Rufe). ER kommt!—ER kommt!—(Man hört draußen schlappendes und schleppendes Geräusch.)

[1] Bekannte Schulgrammatik.


Zweite Szene

DIE VORIGEN; GOTT VATER, ein Greis im höchsten Lebensalter mit silberweißen Haaren, ebenso Bart, hellblauen wässerigen Glotzaugen, tränengefüllten Augensäcken, gebeugten Hauptes, kyphosischen Rückgrats, kommt in langem, talarartigem, mißfarbig-weißem Gewände, von zwei Cherubim rechts und links gestützt, hustend und brustrasselnd, schwerfällig tappend und nach vorn geneigt, hereingeschlappt; zwei Engel stehen am Thron und halten ihn: die übrigen stürzen auf die Knie, wenden das Gesicht zur Erde und breiten die Arme aus; hinter Gott Vater ein endloses Cortège von Engeln, Seraphim, Thürstehern, Aufwärtern, alles weiblich, oder geschlechtslos, mit teils alltäglich-gelangweilten, teils fürwitzigen, teils ängstlich-besorgten Gesichtern; sowie einige nonnenartig gekleidete Barmherzige Schwestern mit Medizinflaschen, Decken, Spucknäpfen u. drgl.—Sie geleiten Gott Vater langsam vorsichtig zum Thron, helfen ihm die zwei Stufen hinauf, indem sie unten seine Beine fassen und hinaufheben, drehen ihn dann oben um, und lassen ihn langsam auf den im ältesten byzantinischen Stil gehaltenen, mit reichem Mosaik verzierten Sitz nieder, indem zwei vorne, zwei hinten und je einer an den beiden Seiten ihn teils stützen, teils in Empfang nehmen; ein letzter Engel trägt die Krücken nach.

GOTT VATER (sinkt mit einem verzweifelnd von sich stoßenden, lebenssatt-rauhen Exspirations-Seufzer auf den Thron nieder). Ach!—(Glotzt dann starr und bewegungslos, aber schweratmend, vor sich hin.)

(Alle Engel, auch die bis dahin gekniet gewesenen, in hastig hin- und herlaufender Bewegung.)

CHERUBIM (in flüsternd-drängendem Befehlston). Die Fußbank!

EIN ENGEL (bringt eilig das Gewünschte). Die Fußbank!

CHERUBIM (die Fußbank untersetzend; wie oben). Die Wärmeflasche!

EIN ENGEL (bringt sie). Die Wärmeflasche.

CHERUBIM (wie oben). Den Fußsack!

EIN ENGEL (eilig). Den Fußsack.

CHERUBIM (wie oben). Die Steppdecke!

EIN ENGEL (bringt sie, eilig). Die Steppdecke.

CHERUBIM (in drängendem Befehlston). Die Schlummerrolle!

EIN ENGEL (bringt sie). Die Schlummerrolle.

CHERUBIM (wie oben). Den Rückenwärmer!

EIN ENGEL (bringt ein sechsfach zusammengelegtes weiches Flanellstück). Den Rückenwärmer!

CHERUBIM (immer hastiger befehlend). Die Armpolster!

EIN ENGEL (bringt zwei Hohlkissen für die Armlehnen). Die Armpolster.

CHERUBIM (wie oben). Das Foulard!

EIN ENGEL (bringt ein kirschrotes Seidentuch). Das Foulard.

(Während der Cherubim das Tuch um den Hals des Greisen windet, hört man).

GOTT VATER (unartikuliert-rauh stöhnen und jammern). Ach!—Ach!—Ach!—Ach!—

VERSCHIEDENE ENGEL. Wo fehlt's?—Was ist?—Helft! Helft!—Wo fehlt's?—

GOTT VATER (mit vorgebeugtem Kopfe weiterstöhnend). Ach!—Ach!—Ach!—Ach!—

ALLE ENGEL (sammeln sich in großer Bestürzung um den Thron; einige knien nieder und schauen ängstlich gespannt auf Gott Vater.) Helft!—Helft!—Wo fehlt's?—Wo fehlt's?—Göttliche Majestät, wo fehlt's?—Er stirbt uns!—Holt Maria!—Holt den Mann!—Helft!—Helft!—

GOTT VATER (weiter stöhnend; wird engobiert im Gesicht; aus den Augensäcken rollen große Tränen infolge der Anstrengung). Ach!—Ach!—Schu!—Schpu!—Schpu!—

EIN ENGEL (springt auf, triumphierend, mit heller, lauter Stimme). Die Spuckschale!

ALLE ENGEL (aufspringend, in klirrendem Diskant, erlösend). Die Spuckschale!!

(Sie eilen zu einem Tisch, wo Medizinflaschen, Weinkaraffen, Bisquit-Gläser u. drgl. stehen, und bringen eine rosa-rote Kristall-Vase).

GOTT VATER (räuspernd, kollernd, sich abmühend, erleichtert sich endlich).

Ein Engel nimmt die Spuckschale zurück, trägt sie, von anderen begleitet, feierlich nach hinten; ein anderer Engel wischt dem Alten mit einem seidenen Tuch den Bart ab; dann stehen alle Anwesenden, dicht gesammelt, erwartungsvoll um Gott Vater herum.—Dieser schaut erst lange mit glasig-starren Blicken im Kreise herum, packt dann plötzlich mit zitternden Händen die Krücken, die ihm im Schoß liegen, und stößt sie mit unerwartetem Ruck und heiserem, fürchtenmachendem, fingierten Gebrüll gegen die Engel vor. "Wuh!—Wuh!—" Die Engel fahren kreischend auseinander und fliehen zu den Thüren hinaus.—Nur ein Cherubim bleibt zurück, der kniend, mit in den Händen vergrabenem Gesicht, sich vor ihm niederwirft.—Lange Pause.—


Dritte Szene

GOTT VATER. EIN CHERUBIM; dieser, ein geschlechtsloser Engel, gefitticht weiß, sehr schön von Angesicht, im Charakter des Antinous; kniet während der ganzen Szene.

GOTT VATER (nachdem er lange auf ihn herabgesehen; sehr ruhig; mit tief genommenem Bariton). Rollt die Erde noch in ihren Sphären?—

CHERUBIM (die Augen aufschlagend, feierlich). Die Erde rollt in ihren Sphären!—Pause.

GOTT VATER (wie oben). Ist die Sonne schon aufgegangen?—

CHERUBIM (zögernd). Die Sonne steht, heiligster Vater!

GOTT VATER (ruhig, unbekümmert). Steht die Sonne?—Ach so, ich hab' vergessen.—Ich sehe sie ja fast nicht mehr!—

CHERUBIM. Was machen Deine Augen, ehrwürdiger Vater!—

GOTT VATER. Schlecht!—Schlecht!—Gott, ich bin alt geworden!—

CHERUBIM (feierlich). Vor Dir sind tausend Jahre wie ein Tag!—

GOTT VATER. Ja, ja; aber schließlich gehen die auch herum!

CHERUBIM. Du wirst wieder besser werden, göttlicher Greis!

GOTT VATER. Nein, ich werde nicht wieder besser werden! Ausbrechend. Gott, ist das schrecklich, alt zu sein!—Gott, wie ist das schrecklich, als Alter auch noch ewig leben zu müssen!—Gräßlich, ein blinder Gott zu sein!

CHERUBIM. Du wirst wieder sehend werden, göttlichster, heiligster Vater!—

GOTT VATER (bestimmt). Nein, ich werde nicht wieder sehend werden!—Ich werde immer älter, zerbrechlicher und elender! Gott, wenn ich sterben könnte!

CHERUBIM (sanft). Du wirst nicht sterben!—Du kannst nicht sterben!—Du sollst nicht sterben!—

GOTT VATER (gerührt, leise weinend). ... Ach, meine Glieder, sie sind gekrümmt, verschwollen, wassersüchtig, kontrakt, verdorben.... Streicht die Knie hinab.

CHERUBIM (rutscht ganz nahe zu ihm hin, legt seinen Kopf auf das eine Knie und streichelt mit der Hand das andere; leise wimmernd, mit tiefer Teilnahme, den Alten kindlich imitierend). Deine Glieder sind gekrümmt,—sind geschwollen,—sind wassersüchtig,—sind kontrakt,—sind verdorben.... Ach!—Ach!—

GOTT VATER (intensiver weinend). Meine Füße sind vergichtet, verknorpelt, brennend vor Schmerzen, zuckend und zerrissen....

CHERUBIM (rutscht hinunter auf die Füße des Alten, liebkost sie, und jammert). Deine Füße sind vergichtet,—sind verknorpelt,—sind brennend vor Schmerzen,—zucken und sind zerrissen.... Ach!—Ach!—

GOTT VATER (bricht in heftiges, schmerzhaftes Schluchzen aus). Ach!—Ach!-

CHERUBIM (stürzt sich ganz zu Boden und umschlingt beide Füße, sein Gesicht in denselben schluchzend verbergend). Ach, mein Gott! Mein Gott!—

GOTT VATER (will sich gerührt vorbeugen, streckt beide Arme nach dem Knaben aus, kann ihn aber nicht erreichen, während dicke Tränen auf den Kopf des Cherubim herabtropfen.)

CHERUBIM (dessen gewahr, schnellt empor und bringt sich, in halb-kniender Stellung den Körper des Alten umschließend, ihm entgegen.)

GOTT VATER (ergreift in heftiger Leidenschaft den Kopf des Knaben mit beiden Händen, drückt sein naß-verschwommenes Gesicht an dessen Wangen, und küßt, von Schluchzen unterbrochen, brünstig dessen Stirne, Augen, Haare. Beide, in Tränen aufgelöst, ruhen, während der heftige Ausbruch des Alten zu versiegen beginnt, in stummer Umarmung aneinander.—In diesem Augenblick klopft es draußen.)

CHERUBIM (fährt empor). Es ist jemand draußen!

GOTT VATER (müd). Sieh, wer es ist!

CHERUBIM nachdem er sich an der Thüre flüsternd erkundigt, kommt zurück. Ein geflügelter Bote ist draußen, der will Dir Nachricht bringen; er thut sehr eilig.

GOTT VATER (gleichgültig). Laß ihn herein!—


Vierte Szene

DIE VORIGEN; ein gefittichter, auch an den Füßen geflügelter BOTE von reiferem Charakter kommt in Begleitung zweier Engel in großer Erregung herein.]

BOTE (sinkt in den Staub und küßt den Boden; richtet sich dann kniend auf). Herr, ich komme aus Italien; aus Neapel; Gräßliches muß ich Dir berichten; der Pfuhl der Sünde stinkt bis da herauf; alle Bande der Sittlichkeit sind gelöst; man hohnlacht Deiner heiligen, am Berge Sinai von Dir selbst gegebenen Gebote; die Stadt, vom Franzosenkönig belagert, ergibt sich den entsetzlichsten Greueln; Weiber laufen mit entblößtem Busen frech-lüstern durch die Straßen; die Männer funkeln wie Böcke; ein Laster folgt dem andern; das Meer brandet bis in ihre Gassen; die Sonne hat sich schon verdunkelt; aber sie achten weder irdischer noch himmlischer Zeichen; die Unterschiede der Stände sind aufgehoben; der König bricht ins Lupanar; und der Facchino dringt zu den feilen königlichen Metzen in den Palast; Hunde und Spielhähne haben ihre Brunstzeit, aber die Neapolitaner sind das ganze Jahr Tiere; die ganze Stadt ein kochender Kessel der Leidenschaft; Italien ist das liebes-wahnwitzigste unter den Völkern Europas; aber Neapel ist in Italien, was Italien unter den Völkern; die Belagerung hat den Rausch der Geschlechter bis zum Wahnsinn gesteigert; kein Alter wird geschont, keiner Jugend sich erbarmt; Zeugungs-Glieder in unermeßlicher Größe werden als Gottheiten in festlichem Aufzug durch die Straßen geführt, von Reigen junger Mädchen begleitet, und wie allmächtige Idole angebetet. Und in Deiner Kirche sah ich den Priester vor dem Altar mit einer feilen Dirne....

GOTT VATER (der den Gang der Erzählung mit wachsendem Erstaunen zugehört, erhebt sich, seines Zornes nicht mehr mächtig, mit äußerster Kraft-Anstrengung vom Thron, und reckt die geballte Faust). Ich will sie zerschmettern!—(Alles stürzt zu Boden und verbirgt das Antlitz).

CHERUBIM (mit flehender Geberde). Thu' das nicht, lieber heiliger Vater;— — — Du hast ja sonst keine Menschen mehr!—

GOTT VATER (der den Cherubim lange mit offenem Munde angestarrt, sich besinnend, zusammenknickend). Ja, so,—richtig,—ich hab' vergessen; (vollends auf den Thron zurücksinkend). das Erschaffen ist ja vorbei;—ich bin zu alt;—und meine Kinder können es nicht.—

CHERUBIM (naiv). Beruhige Dich, göttlicher Greis!—Du wirst Dein drohendes Gesicht aus den Wolken zeigen und den Neapolitanern eine Zornes-Rede halten; sie werden dann schaudern.

GOTT VATER. Sie werden nicht schaudern!—Sie verlachen mich ja!—Sie wissen, daß ich nur reden kann. Sie wissen, daß sie da unten unter sich sind; freien, lieben und hassen können, und mich nicht mehr brauchen.—(Auffahrend). Aber Du (zum Boten) rufe mir meine Tochter, die allerseligste Jungfrau,—und auch meinen Sohn magst Du rufen,—und die Cherubim und Würgengel mögen sich für meinen göttlichen Befehl bereit halten;—und auch dem Teufel laß ich vermelden, er möge sich zu mir bemühen: wir wollen ein Konzil halten, und beraten, was in dieser gräßlichen Sache zu tun ist.

BOTE und alle ÜBRIGEN ENGEL bis auf den CHERUBIM unter großem Geräusch ab.—Der CHERUBIM bemüht sich um den erschöpften Alten, bettet ihn aufs neue auf den Thron, rückt Fußschemel und Wärmeflasche zurecht, knüpft ihm das Foulard, wischt ihm Gesicht und Bart ab, und schmiegt sich zuletzt zu seinen Füßen, während der Alte dessen Hand ergreift und in der seinen ruhen läßt.—STUMME SZENE.


Fünfte Szene

DIE VORIGEN. MARIA, von einer Schar jugendlich amorettenhaft gekleideter Engel, die ihr vorauseilen und ihr Blumen streuen, sowie von erwachsenen Engels-Knaben, die Lilienstengel tragen, gefolgt und begleitet, kommt in hochmütig-stolzer Haltung, eine kleine Krone auf dem Haupte, in einem blauen, sternbesäten Kleid, welches vorne das weiß-seidene Untergewand erblicken läßt, durch die Haupt-Thüre herein, macht in Front von Gott Vater, von dessen Thrones-Stufen sich der Cherubim inzwischen zurückgezogen, eine steife, hofmäßige Verbeugung und begibt sich dann auf einen zweiten, in der Zwischenzeit von dienstbaren Engeln, etwas entfernt von Gott Vater, ebenfalls an der Wand zurechtgerichteten Thron, der, mit hoher Rücklehne, im Stile sich der Zeit der Minnesänger anpaßt. Sie verweilt dort während des Folgenden, von ihrem Engels-Chor umgeben, ausschließlich mit Herrichtung ihrer Toilette, Benutzung eines kleinen Spiegels sowie Selbst-Besprengung mit wohlriechenden Wässern, beschäftigt.—Ein weiches Geflüster schalkhafter, augenschmeißender Amoretten macht sich um ihn vernehmbar.—Währenddem unterhalten sich auf der entgegengesetzten Seite, links im Vordergrund, die drei aus der ersten Szene bekannten ENGEL.

ERSTER ENGEL. DER MANN kommt.

ZWEITER ENGEL (in die Hände patschend). Der Mann, der Mann kommt.

DRITTER ENGEL (aufhorchend ernsthaft). Der Mann? Wer ist der Mann?—

ZWEITER ENGEL. Ach, der Mann—Du kleines Äffchen—das ist der Mann!

ERSTER ENGEL (belehrend). Das ist der schönste, der zarteste, der zuckrigste Mann; der einzige Mann im Himmel; das ist der Mann.

DRITTER ENGEL (neugierig). Ist er jung?

ERSTER ENGEL. Wie eine Palme.

DRITTER ENGEL (nach einigem Besinnen). Ist er jünger wie der alte Mann dort?

ERSTER UND ZWEITER ENGEL (sich gegenseitig ins Wort fallend). Hunderttausendmal jünger!

DRITTER ENGEL (nach weiterem Besinnen). Ist er jünger wie die schöne Frau dort?

ERSTER UND ZWEITER ENGEL (wie oben). Tausendmal, tausendmal jünger!

DRITTER ENGEL (wieder besinnend). Ist er jünger wie der garstige alte Mann drunten auf der Erde?

ERSTER UND ZWEITER ENGEL (wie oben). Unendlich oftmal viel jünger!

DRITTER ENGEL (sich erwärmend). Ist er schön?

ZWEITER ENGEL. Weiß wie Elfenbein!

DRITTER ENGEL. Ist er schlank?

ERSTER ENGEL. Wie eine Tanne!

DRITTER ENGEL. Was hat er für Augen?

ZWEITER ENGEL. Wie eine Gazelle!

DRITTER ENGEL. Wie spricht er?

ERSTER ENGEL (besinnend). Wie eine Aeolsharfe—Aber traurig, traurig!

DRITTER ENGEL (teilnahmsvoll). Warum ist er traurig, der Mann?

ZWEITER ENGEL. Er ist ja verwundet!

DRITTER ENGEL (stumm-verwundert fragend).

ERSTER ENGEL. Sie haben ihn ja in die Hände gestochen!

ZWEITER ENGEL. Und durch die Füße!

ERSTER ENGEL. Und in die Seite hinein!

ZWEITER ENGEL. Und von der Stirn unter den Haaren herab fließen Blutstropfen!

DRITTER ENGEL (der mit wachsender Bewunderung zugehört). Aber er lebt?

ERSTER UND ZWEITER ENGEL. Er lebt!

Man hört draußen das Sich-Nahen eines Zuges. Eine Schar junger, mädchenhafter Engel stürzt voraus.

ERSTER UND ZWEITER ENGEL. Der Mann kommt!

DRITTER ENGEL (leise repetierend). Der Mann kommt. (Sie Treten etwas zurück, um Platz zu machen.)

DIE VORAUSEILENDEN ENGEL (zwitschernd, kichernd). Der Mann! Der Mann!

Christus, mit gestreckten, nach vorn übereinandergeschlagenen Armen (Ecce-homo-Stellung), kommt im weißen Talar mit übergeschlagenem Purpur-Mantel, als König der Juden, gesenkten Kopfes und mit tief-trauriger Miene skandierten Schrittes herein, umgeben von meist älteren Engeln, die Kreuz- und Marterwerkzeuge tragen; in seinem Gefolge Apostel, Märtyrer, Maria Magdalena, Klageweiber. Er ist sehr jugendlich, blaß mit dunklen Haaren, leichtem Flaumbart, eine hoch aufgeschossene, ätherische Erscheinung; auch das Gefolge hat den Charakter tiefster Niedergeschlagenheit und Hinfälligkeit. Die jüngeren Engel drängen sich mit feurigen Blicken um ihn, suchen seinen Gewandsaum zu berühren. Er begibt sich, gleichgültig von Gott Vater beobachtet und gänzlich unbeachtet von Maria, selbst in seiner Passivität von niemandem Notiz nehmend, zu einem für ihn inzwischen aufgeschlagenen, etwas abseits von den andern stehenden Thron, der die primitive Gestalt eines jüdischen Lehrstuhls hat. Dort läßt er sich, seine Ecce-homo-Stellung beibehaltend, in großer Apathie nieder, während sich sein Gefolge um ihn gruppiert.

Nachdem alles sich versammelt und die Engels-Gruppen in der Front von den drei Thronen, wo sie den ganzen Vordergrund einnehmen, sich kniend niedergelassen.

GOTT VATER (feierlich mit tiefem Pathos). Sind Wir alle versammelt?—

Im nächsten Augenblick fährt ein feuriger Streifen pfeifend wie eine Rakete oben am Gewölbe quer durch den Saal, in der Ferne klirrend verhallend: der Heilige Geist.—Alles blickt mit feierlicher Geste, die Engel die Hände auseinanderspreitend, nach oben; nur Maria schaut, den Kopf nachlässig auf die linke Thronlehne gestützt, gleichgültig vor sich hin; während Christus, die Arme über der Brust kreuzend, das Haupt noch tiefer senkt und so längere Zeit in tiefer Zerknirschung verweilt.

GOTT VATER (nach einer Pause, während der alle in die frühere Stellung zurückkehren). Wir haben Euch hieher berufen, um Euren Rat in einer schweren, entsetzlichen Sache zu vernehmen.—Die Menschen haben sich, meine Gebote mißachtend, in götzendienerischer, selbst-zerstörender Weise den schrecklichsten Ausschweifungen, den fürchterlichsten Greueln hingegeben. In einer Stadt—in Asien—in—in—wo war es nur gleich?...

CHERUBIM (in nächster Nähe von Gott Vater mit emporgefalteten Händen). In Neapel, heiligster Vater.—

GOTT VATER (sich erinnernd). In Neapel haben sie unter gänzlicher Verschiebung der die Scham garantierenden Kleider sich wie Tiere, mit rücksichtsloser Verachtung der für die fleischlichen Instinkte gesetzten Schranken und Vorbehalte, vermischt, und so den göttlichen Zorn....

MARIA (einfallend, leichthin). Ach ja, ich hab' davon gehört.

GOTT VATER (erstaunt aufhorchend). Wie? Was ist das?

MARIA (wie oben). Ja, ich kenne die Affäre. Der Bote war zuerst bei mir ... (hält sich plötzlich den Mund zu, als wolle sie's zurücknehmen).

GOTT VATER (blaß vor Zorn, will auffahren, sucht den Boten unter den Versammelten, blickt dann wieder schnaubend zu Maria hinüber).

CHERUBIM (mit stummer Geberde, bittet den Alten, sich zu bemeistern und hält unverwandt in seinem Bitten an).

GOTT VATER (schluckt es hinunter, bitter). ... Dann seid Ihr alle orientiert. Kämpft noch längere Zeit mit seiner Erregung.—Die schrecklichste Strafe haben Wir bei Uns beschlossen....

MARIA (dazwischenfahrend). Das Gesindel wird nie besser.

CHRISTUS (blickt matt auf, mit schwindsüchtiger Stimme und gläsernem Aug', nachlallend). Nein,—das—Gesindel wird nie besser.

DIE ENGEL (unter sich, sich anstoßend). Der Mann! Der Mann!—

MARIA MAGDALENA (bitter). Was haben sie denn getan?

MARIA (kurz). Ich sag' Dir's nachher! Koschonerien, wie gewöhnlich.

GOTT VATER (erbost). Wir wollen sie verderben!

CHRISTUS (wie oben). Ja, ja,—wir wollen sie verderben!

CHORUS DER APOSTEL, MÄRTYRER, ENGEL (bedauernd). Ah!—Ah!—

CHRISTUS (nicht orientiert). Hä?

MARIA (kurz, imperatorisch). Nein, nein! Das geht nicht! Wir müssen sie doch haben.

CHRISTUS (nachsprechend). Ja,—ja,—wir müssen sie haben.

GOTT VATER (sich in der Minorität fühlend, zornig). Müssen wir sie haben?—Ich will sie ausrotten, diese Scheusale.—Will—will—will wieder eine schöne Erde haben mit Tieren im Walde....

MARIA (spöttisch). Wenn wir Tiere haben, müssen wir Menschen auch haben.

MARIA MAGDALENA (teilnahmsvoll). Die Sünde dient zur Läuterung.

GOTT VATER. Sie fressen die Sünde wie süßen Kuchen, bis sie platzen, bis sie faulen.

MARIA (trocken). Die Begattung müssen wir ihnen schließlich lassen.—Ein Stückchen Wollust muß man ihnen gönnen—sonst hängen sie sich am nächsten Baum auf. (Der Alte schaut immer zorniger, sprühender herüber.) Bei der Nacht! Bei der Nacht!—Im Frühjahr!—Zu gewissen Zeiten!—Wenn der Mond scheint!—Mit Maß und Ziel!...

GOTT VATER (immer zorniger). Ich will sie erschlagen wie zwei geile Hunde—in ihrem schönsten Rausch!... (Große Bewegung in der Versammlung. Die jüngeren Engel blicken sich staunend an.)

MARIA (trocken). Wer macht dann die Menschen?

Während die Apostel sich eifrig unterhalten und eine peinliche Empfindung durch den ganzen Saal geht, starrt der Alte mit glühendem Kopfe schwer keuchend vor sich hin; er wird immer dunkler im Gesicht, kollert und rasselt; ein Erstickungsanfall scheint im Anzuge zu sein; er fuchtelt mit den Armen herum; wirft Decken und Krücken von sich; stöhnt und brüllt; man eilt ihm zu Hilfe; bringt Spuckschale, Flaschen und ätherische Flüssigkeit; Maria ist besorgt aufgesprungen; Christus, vor Schwäche sitzen bleibend, blickt mit lechzenden, glasigen Augen herüber; große Verwirrung. Der Alte weist aber alle Hilfe und Unterstützung mit wilder Gebärde von sich, nimmt alle Kraft zusammen und brüllt mit furchtbarer Anstrengung.

GOTT VATER. Ich will sie zerschmeißen—zertreten—im Mörser meines Zornes—zerschmettern. (ist im Begriffe, sich zu erheben und zu einem allmächtigen, unwiderruflichen, mit der Tat identischen Schlag auszuholen).

CHERUBIM (stürzt in diesem Moment hervor, wirft sich vor dem Alten hin, mit flehender Stimme). Heiligster, göttlichster Vater, morgen ist Ostern!—Drunten essen sie das Passah-Mahl!

CHOR DER APOSTEL, MÄRTYRER, ÄLTEREN ENGEL (einfallend). Sie essen das Passah-Mahl.

GOTT VATER (der innegehalten). Was essen sie?—

CHERUBIM UND DIE ANDERN. Sie essen das Passah- Mahl!

GOTT VATER (blickt verwundert um sich). Das Passah-Mahl essen sie?

CHOR DER APOSTEL. Sie essen das Osterlamm!

CHERUBIM . Sie essen das Abendmahl?

GOTT VATER (sich besinnend). Das Abendmahl?

CHERUBIM. Sie essen das Fleisch und Blut Christi!

GOTT VATER (etwas wärmer). Mein Sohn, sie essen Dich!

CHRISTUS (mit matter Stimme). Ja, sie essen mich.

MARIA (mit gemachter Zärtlichkeit). Mein lieber Sohn, den ich in meinem Leibe getragen habe!

CHRISTUS (kindlich). Den Du in Deinem Leibe getragen hast.

GOTT VATER (mechanisch). Den sie in ihrem Leibe getragen hat.

DIE JÜNGEREN ENGEL (unter sich flüsternd). Der Mann!—Der Mann!–

MARIA (wie oben). Dich essen sie!

CHRISTUS (wie oben). Mich essen sie.

GOTT VATER (wie oben). Ihn essen sie.

CHRISTUS (auffahrend). Ja, und trotzdem werden Wir da heroben immer elender und schwächer!—Es ist entsetzlich! Hüstelt. Mich essen sie, und werden wieder gesund und sündenfrei. Und Wir gehen immer mehr zu Grund. Erst fressen sie sich drunten mit Sünden voll, bis zum Platzen, und dann genießen sie mich, und gedeihen, und werden sündenfrei, und dick und fett; und Wir werden mager und elend. Ah! diese vermaledeite Rolle! Ich möchte einmal den Spieß umkehren und mich satt essen, und sie darben lassen! (Bricht in einen schwindsüchtigen Husten aus).

MARIA (aufspringend und zu ihm hineilend, besorgt). Mein Gott, mein Sohn, vergiß nicht, Du bist unverletzlich, göttlich, unaufzehrbar, in alle Ewigkeit derselbe! Legt sein Haupt an ihre Brust und liebkost ihn.

CHRISTUS (schluchzt heftig an der Brust Marias).

DIE JÜNGEREN ENGEL (unter sich flüsternd). Der Mann! Der Mann!

GOTT VATER (nach einer Pause, viel ruhiger geworden, zu Cherubim). Wer feiert denn da drunten jetzt alles Passah-Mahl?

CHERUBIM (einfallend). Die Christen, heiliger Vater. Deine Gläubigen, göttlicher Meister; Deine Kinder, die auf Dich hoffen; die Frommen, die Katholischen, die alleinseligmachende Kirche, Deine Priester, die Bischöfe, der Papst!

GOTT VATER (gernglaubend, freundlich). So!—Das wollen Wir doch einmal ansehen!

MARIA (glücklich, daß ein Ausweg gefunden). Ja, das wollen wir uns einmal ansehen! Zu Christus. Komm, mein Sohn, wir wollen uns das einmal ansehen, das wird Dich zerstreuen!

Große Erleichterung in der ganzen Versammlung; die kompakten Gruppen lösen sich auf; jüngere Engel verlassen den Saal; dienstbare Geister machen sich an den Thronen zu schaffen, um alles wieder in prächtige, geschmückte Ordnung zu bringen; alles medizinische Gerät wird entfernt; dafür werden eigentümliche große Dreifüße während des Folgenden hereingebracht; die Gruppen der Apostel, Märtyrer, Engel, Barmherzigen Schwestern entfernen sich in feierlicher Ordnung; so daß zuletzt nur die drei Gottheiten, der Cherubim und einige ältere Engel zurückbleiben.

GOTT VATER (der bequem auf seinem Thron in halbliegender Stellung gebettet ist, in tief-sonorem, feierlichem Ton). Bringt Uns die Räucherbecken und Kohlenpfannen und erzeuget in Uns Allwissenheit und Allgegenwärtigkeit!—

Die Dreifüße werden in die Mitte des Saales gestellt, mit einer braunen Droge, gemischt mit Sandelholz, beschickt, und dann angezündet; die Thüren werden geschlossen; die dienstbaren Engel entfernen sich, als letzter der Cherubim. Man sieht die drei Gottheiten, während sich die Dampfwolken verbreiten, langsam zurücksinken und die Augen schließen. Während dem fällt der Vorhang.


Zweiter Aufzug [1]


Erste Szene

Ein Prunksaal im päpstlichen Palast in Rom, den im Hintergrunde Arkaden mit darüber befindlicher Galerie im Rundbogenstil abschließen; der Saal ist rückwärts als an die Privatkapelle des Papstes stoßend gedacht, mit der eine Kommunikation von der hohen Galerie aus durch Öffnen der daselbst befindlichen Fenster möglich ist, derart, daß die Galerie mit dem Sänger-Chor der Kapelle etwa in gleicher Höhe liegend ist.—Die ganze linke Seite (von der Bühne aus) nehmen der Papst mit seiner Familie, der päpstliche Hofstaat und die tafelnden Gäste ein, wo reich-besetzte Tische mit kostbarem Service und hellen, auffallend hohen, dreiarmigen Kandelabern zu sehen sind. Die ganze Mitte und rechte Seite, mit Ausnahme einiger zu äußerst rechts sich bildender unterhaltender Gruppen, bleibt frei für die späteren Evolutionen und Maskeraden.—Es ist gegen Abend und der erste Ostertag 1495; die Speisen werden eben abgetragen. Der Papst ist in dem bequemen, wenig auffälligen Kostüm eines Hausprälaten (violett mit Sammet) gekleidet und trägt ein rundes Sammetkäppchen; alle übrigen in reichen Kostümen.—Glänzende Dienerschaft; fortwährendes Hin- und Hergehen; rege Unterhaltung; wiederholtes Gelächter; im Hintergrund unter den Arkaden eine Musik; die Galerie mit Zuschauern, Leuten aus dem Volk besetzt; die Gruppen im Saal bilden sich, tauschen Neuigkeiten aus, und zerstreuen sich wieder.—Außer dem Papst (RODRIGO BORGIA, Alexander VI.), einem Sechziger, seine neun Kinder GIROLAMA, ISABELLA, PIER LUIGI, DON GIOVANNI (Graf von Celano), CESARE, DON GIOFFRE, LUCREZIA, fünfzehnjährig, blond, heiter und kindlich, LAURA und DON GIOVANNI BORGIA, ein Knabe; seine Schwiegertöchter und Schwiegersöhne, darunter DONNA SANCIA, Gemahlin Don Gioffres; seine Neffen und Verwandten, darunter COLLERANDO BORGIA, Almosenier, Bischof von Coria und Monreale, FRANCESCO BORGIA, Erzbischof von Cosenza, Schatzmeister des Papstes, LUIGI PIETRO BORGIA, Kardinal-Diakon von Santa Maria, RODRIGO BORGIA, Kapitän der päpstlichen Garde; seine Vertrauten, darunter GIOVANNI LOPEZ, Bischof von Perugia, PIETRO CARANZA, Geheimkämmerer, GIOVANNI VERA DA ERCILLA und REMOLINA DA ILERDA, Mitglieder des heiligen Kollegiums, JUAN MARADES, Bischof von Toul, Geheimer Intendant; des Papstes zwei Mätressen, die frühere, VANOZZA, 53 jährig; die jetzige, JULIA FARNESE, 21 jährig; diese mit ihrem Gemahl ORSINI und ihrem Bruder, dem Kardinal ALESSANDRO FARNESE; seine Vertraute ADRIANA MILA, Erzieherin seiner Kinder; BURCARD, Zeremonienmeister des Papstes; Erzbischöfe, Bischöfe, Kardinäle, päpstliche Würdenträger, römische Damen, Soldaten und Dienerschaft, Leute aus dem Volke, später Courtisanen und Schauspieler.

DON GIOFFRE. Hat dieser Spanier heute nicht wieder langweilig gepredigt?

DER PAPST. Schrecklich, es war nicht zum Anhören.

DONNA SANCIA (zu Lucrezia). Ich habe Dir immer Zeichen hinübergemacht, aber Du hast mich nicht verstanden.

LUCREZIA (schläfrig). Ach, Pietro hat mich doch immer mit dem Fuß gestoßen.

DON GIOFFRE. Der Spanier hat Seine Heiligkeit auch nicht verstanden; er predigte immer zu; und Seine Heiligkeit gaben doch deutliche Zeichen der Unzufriedenheit.

DER PAPST. Er kommt aus Valencia; die Kerle sind dort so bocksteif; wenn Einer anfängt, hört er nimmer auf; jede Empfindung wird eine Rakete, jedes Wort ein Knüppel. (Gelächter).

FRANCESCO BORGIA, der Bischof. Aber ehrlich Mühe hat er sich gegeben.

DER PAPST. Ehrlichkeit ist immer eine Ungeschicklichkeit.

DON GIOFFRE. Und das Volk glotzte herauf, wie mit Geisteraugen, wütend, besessen, verschlingend.

DON GIOVANNI. Weil Donna Sancia immer wisperte und kicherte.

DONNA SANCIA. Nein, weil Lucrezia immer Confetti aß.

LUCREZIA. Nein, weil Laura eingeschlafen war und schnarchte.

DON GIOFFRE. Ich glaube die Perlen der schönen Farnese stachen ihm in die Augen.

FRANCESCO BORGIA, der Bischof. Konnte das Volk das alles sehen?

LUCREZIA. Wir saßen doch alle oben im Chor, rechts und links vom Altar.

DER PAPST. Nein, Kinder, das ist es nicht! Ihr dürft lachen und scherzen, Perlen tragen und Confetti essen. Aber ich sah einige Dominikaner unter ihnen sitzen; es sind Florentiner von San Marco, Schüler des Savonarola, dieses Ruhestörers. Sie wiegeln mir das Volk auf, und schwatzen, und machen geisterhafte Augen....

DON GIOFFRE. Warum, entfernt man die Tagediebe nicht?

FRANCESCO BORGIA. Sie sind in Mission hier. Sie konferieren mit ihrem General.

DON GIOVANNI. Oho, sind wir hier auch schon so weit, daß man den Frauen Schmuck vom Körper reißt, auf einen Haufen wirft und verbrennt?

DON GIOFFRE. Wird sich Eure Heiligkeit noch länger von dem Florentiner Narren Gesetze diktieren lassen?

DER PAPST (zwinkernd). Wir luden ihn ein.—Er kommt nicht.

DON GIOVANNI. Wie, er weigert den Gehorsam?

DER PAPST. Der Medizäer schützt ihn.—Lorenzo ist bußfertig geworden, er fragt täglich bei Savonarola an, ob er noch Aussicht habe, in den Himmel zu kommen.

LUCREZIA. Wer ist Savonarola, santo papa?

DER PAPST. Er erlaubt Euch nicht, Confetti zu essen und Perlen zu tragen. (Gelächter.)

DON GIOFFRE. Gibt es kein Mittel...? Haben wir kein Kirchengift mehr?

CESARE (finster, trocken). Später!—

Eine Gruppe Edelleute zu äußerst rechts (von der Bühne aus).

ERSTER EDELMANN (flüsternd). Ihr wißt, man fand heute nacht den Herzog von Bisaglie im Tiber?

ZWEITER EDELMANN. Ja, er ist ertrunken.

DRITTER EDELMANN. Ja, und mit drei schweren Wunden dazu!

ERSTER EDELMANN. Er soll schwer betrunken nachts den Vatikan verlassen haben....

DRITTER EDELMANN. Es ist gegenwärtig immer gefährlich, nachts den Vatikan zu verlassen, einerlei in welchem Zustand ... besonders, wenn man der Gemahl der schönen Lucrezia ist.

ZWEITER EDELMANN. Ihr meint...?

DRITTER EDELMANN. Ich meine, daß der Herzog von Bisaglie gestern abend in Gegenwart seiner Gemahlin Lucrezia und ihres Bruders Don Cesar erdrosselt wurde.—

Erster und zweiter Edelmann fahren auseinander.

ZWEITER EDELMANN. Aber die tiefen Wunden?

DRITTER EDELMANN. Rühren von einem Überfall her, den vor vier Wochen eine Bande Maskierter auf ihn am Petersplatz machte, und von denen der Herzog die Unverschämtheit hatte, genesen zu wollen. Beide erschrecken aufs neue.

ERSTER EDELMANN. Aber seht Lucrezia; sie ist heiter, wie am Hochzeitstag.

DRITTER EDELMANN. Sie ist ein Kind! Seine Heiligkeit machte sie diesen Morgen zur Fürstin von Nepi und schickte ihr einen großen Korb mit Confetti.

ZWEITER EDELMANN. Und weiß der Papst von dem Sachverhalt?

DRITTER EDELMANN. Alexander VI. weiß nichts; Rodrigo Borgia weiß alles.

ERSTER EDELMANN. Und was wird er tun?

DRITTER EDELMANN. Er wird eine Seelenmesse für den in den Tiber gefallenen Herzog lesen, und den Fürsten von Ferrara benachrichtigen, daß Lucrezia frei ist.—

Vom Hintergrund her ertönt eine Tanzweise. Die drei Edelleute gehen auseinander. Man sieht im Hintergrunde Paare tanzen. Die Tafel ist inzwischen abgeräumt und hinausgetragen worden. Die ganze Gesellschaft setzt und lagert sich auf Taburetts und Kissen. Der Platz in der Mitte ist nun noch größer geworden. Die Gruppen bleiben nicht unbeweglich. Man steht auf, geht zu andern, plauscht, trinkt und nippt von den dargebotenen Süßigkeiten, und kehrt auf seinen Platz zurück. Von den tanzenden Paaren haben inzwischen einige pausiert. Einige der Damen kommen erhitzt und glühend nach vorn. Der Papst nimmt einem der Diener einen Korb Confetti ab und wirft von denselben den Damen in den Busen. Heiteres Gelächter unten und von der Galerie herab. Das Musikstück hat aufgehört.

DER PAPST. Wo stecken unsere Buffoni!—Laßt sie herein!—Und Wir, Wir lassen uns hier nieder Nach links weisend, wo die Plätze sich befinden; zu Lucrezia. Komm, mein Kindchen!

Pulcinello tritt auf mit Colombina und seinem Gefolge. Sie führen ein mimisches Spiel auf. Pulcinello im weißen Puderkostüm mit Ledergurt, Halskrause, Tüten-Mütze und schwarzer Halbmaske, die Pritsche in der Hand, apostrophiert erst mit tiefen Verbeugungen, Grimassierungen und Verdrehungen das Publikum; währenddem sucht er sich plötzlich zu erdrosseln, hält die Hände so, als wenn es fremde wären, ächzt und stöhnt und will sterben. Colombina kommt von hinten vor, erschrickt scheinbar, kann es nicht sehen und hält die Hände vors Gesicht. Der Papst versteht die Anspielung und droht mit dem Finger. Darauf lassen sie ab, und das eigentliche Spiel beginnt in dem Sinne, daß Colombina, die junge Frau des alten Pantalone, von Pulcinello entführt und der Ehemann betrogen wird. Wiederholtes Gelächter während des Spiels und lebhafte Unterhaltung.

DER PAPST (während des Spiels zu Lucrezia, die zu seinen Füßen auf einem Kissen Platz genommen, schmeichelnd). Mein Herzchen, Du hättest eigentlich heute einen Trauertag; Dein schöner Herzog ist so plötzlich gestorben.

LUCREZIA (kindlich). Ach ja, er ist in den Tiber gefallen.

DER PAPST (bedauernd). Du hast ihn wohl gern gehabt?

LUCREZIA (wie oben). Ach ja, recht sehr!

DER PAPST. Sei nur zufrieden, wir haben schon wieder einen neuen für Dich!

LUCREZIA (lebhaft). So schön wie mein Herzog?

DER PAPST. Schöner noch, mein Kätzchen.

Während im Spiel Colombina und Pulcinello sich hinter Pantalone laut küssen, und dieser, sich plötzlich umkehrend, eine Ladung weißen Puders im Gesicht empfängt, und unbeholfen hin- und hertaumelt, was von allen Seiten mit lautem Gelächter begrüßt wird, tritt der Zeremonienmeister.

BURCARD (auf den Papst zu). Eure Heiligkeit, die Vesper hat in der Kapelle begonnen; die Kirche ist gedrängt voll und das Volk erwartet am Ostertag Euren Segen!

DER PAPST. Wir wollen das Spiel sehen; auch hat Uns der Tod Unseres lieben Schwiegersohns zu plötzlich erschüttert.—Man öffne (auf die Galerie weisend) dort die Fenster, und sage dem Volke, daß ich von der Loggia dort der Vesper beiwohne. Der Zeremonienmeister ab.

Gleich darauf sieht man oben die Fenster zwischen den Rundbögen der Galerie, wo das Volk steht, rückwärts vom Innern der Kirche aus sich öffnen, so daß man einen Einblick auf Fries, Gebälk, Statuen und angezündete Kronleuchter erhält.—Während dem nimmt das Spiel seinen Fortgang. Wie Pulcinello mit der Pritsche dem verwirrt hin- und herlaufenden Pantalone nacheilt und auf ihn losschlägt, und Colombina, sich versteckend, hinter Pulcinello drein eilt, hört man plötzlich aus den Fenstern über der Galerie in wehmütig-schmerzlichem Ton ein mehrstimmiges Graduale singen.

CHOR. De profundis clamavi ad te Domine; Domine exaudi vocem meam; Fiant aures tuae intendentes in vocem deprecationis meae; Si iniquitates observaveris Domine, quis sustinebit? Speravit anima mea in Domino; A custodia matutina usque ad noctem; quia apud Dominum misericordia et copiosa apud eum redemptio. Et ipse rediniet nos ex omnibus iniquitatibus nostris[2].

Schon bei den ersten Tönen ist das Volk oben auf der Galerie scheu von den Fenstern zurückgewichen, und hat sich, sich bekreuzend, halb gegen das Innere der Kirche gewendet. Unten sieht man, mehr gegen den Hintergrund, einige Gesichter und verlegene Mienen. Aber der Papst mit seiner Familie bleibt heiter und das Spiel nimmt, wenn auch etwas gezwungen, seinen Fortgang.

Kurz nach dem Graduale geht auch das Spiel zu Ende. Der Papst gibt der Musik ein Zeichen, und diese beginnt ein neues Musikstück, zu dem im Hintergrund die Paare tanzen. Pulcinello und seine Truppe verabschieden sich unter tiefen und grotesken Bücklingen. Man wirft ihnen Goldstücke zu. Der Papst winkt Colombina zu sich hin, der er die Backen streichelt und ihr ein besonderes Geldgeschenk in die Hand drückt, worauf sie sich mit einem Handkuß verabschiedet.

DER PAPST (nachdem die Musik geendet, klatscht in die Hände). Wo sind unsre Schönen?

Auf dies Zeichen öffnet sich im Hintergrund der Galerie ein Vorhang und zwölf Courtisanen von auserlesener Schönheit betreten, durch leichte, durchsichtige Gewänder verhüllt, den Saal, und nehmen rechts im Vordergrund Aufstellung; der Papst mit den Herren und Damen seiner Umgebung gehen auf sie zu, mustern sie, und bewillkommnen sie unter scherzenden Redensarten.

DER PAPST (nachdem er sie alle gemustert, erstaunt). Wo ist die Pignaccia?[3]

EINES DER MÄDCHEN nachdem (erst alle verlegen geschwiegen). Sie ist zu Karl[4] nach Neapel.

DER PAPST. Wie? Geht Ihr auch zu Unsern Feinden über?

Der Papst mit seinem Gefolge zieht sich wieder nach links zurück, wo es sich, wie früher, auf Taburetts und Kissen gruppiert; Lucrezia auf dem Schoß ihres Vaters, von diesem geschmeichelt; Diener stellen die großen, dreiarmigen, helles Licht verbreitenden Kandelaber, die früher auf der Tafel stunden, in die Mitte des Saales auf den Boden. Auf ein Zeichen durch Klatschen in die Hände werfen die Mädchen die Gewänder ab; päpstliche Diener, hinter den Herrschaften stehend, werfen aus Körben über die Köpfe der Zuschauer hinweg Kastanien in die Mitte des Saales, auf die sich die Mädchen stürzen und sich um sie raufen. Helles Gelächter. Es bildet sich ein Kreis um die auf dem Boden kämpfenden Mädchen. Auch von der Galerie, wo sich inzwischen das Volk wieder zusammengedrängt hat, erschallt lautes Gelächter. Sobald eine Ration Kastanien aufgelesen ist, welche die Courtisanen nach rechts neben ihre Gewänder sorgfältig auf einen Haufen legen, werden neue Kastanien aufgeworfen und der gleiche Kampf beginnt von neuem.—Eines der Mädchen, dessen Haare alle aufgelöst sind, kommt einem der Kandelaber zu nahe und fängt Feuer. Der Papst springt auf—während Lucrezia zu Boden gleitet—und erstickt das Feuer mit seinen Gewändern.

DER PAPST (als sich zeigt, daß die Kleine keinen Schaden gelitten, züchtigt sie mit der Hand). Diesmal, Du Schlingel, konntest Du die Reise ins Jenseits antreten! (Lachen).

DIE COURTISANE. Du hättest mich im Fegfeuer nicht länger brennen lassen als hier, santo papa! Erneutes Gelächter, in das der Papst miteinstimmt.

Als die Kastanien alle verteilt, wird gezählt, und je nach der Zahl der gesammelten an die Mädchen Preise verteilt. Ein neues Musikstück beginnt, und die Diener reichen Erfrischungen. Laute Unterhaltung im ganzen Saal, vornehmlich über die Qualitäten der Mädchen..

Als das Musikstück schweigt:

DER PAPST (klatscht aufs neue in die Hände). Jetzt laßt unsere Athleten herein.

Auf der andern Seite der Galerie treten von hinter einem Vorhang zwei nackte kräftige Männer ein, die zu den Mädchen geführt, sich an deren Anblick berauschen, um dann, auf ein weiteres Zeichen, den Zweikampf zu beginnen[5]. Alles drängt sich um das Schauspiel unter Aufmunterungen und Beifalls-Zeichen. Auch die Mädchen verfolgen mit allem Interesse den Kampf. Als der Sieger seinen Gegner unter lautem Beifall geworfen, tritt er auf die Courtisanen zu, wählt sich unter Scherzreden aller Anwesenden die Schönste und verläßt mit ihr den Saal. Der Unterlegene geht allein fort. Darauf betritt ein zweites Paar den Saal.—Die Aufregung unter den Zuschauenden steigert sich von Minute zu Minute. Beifallsworte und aufstachelnde Bemerkungen werden mit immer größerer Teilnahme und Leidenschaft dazwischen geworfen.—Als der fünfte seinen Gegner unter lautem Geschrei und Beifallsklatschen geworfen, und er eben seine Wahl trifft, ertönt in tiefernsten, tragischen Tönen vom Innern der Kirche der Schlußgesang der Vesper.

VENI SANCTE SPIRITUS [6]

Veni sancte Spiritus
Et emitte coelitus
Lucis tuae radium.
Veni pater pauperum
Veni dator munerum
Veni lumen cordium.
Sine tuo nomine Nihil
est in homine,
Nihil est innoxium.
Lava quod est sordidum,
Riga quod est aridum,
Sana quod est saucium.
O lux beatissima
Reple cordis intima
Tuorum fidelium.

Eine peinliche Stille ist nach den ersten Akkorden eingetreten. Das Volk auf der Galerie ist wieder entsetzt zurückgewichen, um den Platz vor den Fenstern freizumachen. Ein Teil der Anwesenden verläßt den Saal.—Indessen ist schon der sechste Kämpfer mit seinem Partner eingetreten. Der Papst gibt durch einen Wink den Befehl zur Fortsetzung des Spiels, an dem seine Familie und Vertrauten mit ärgerlichen Mienen über die eingetretene Störung teilnehmen, und das bis zum siebenten Kämpfer unter der Begleitung des Kirchengesangs seinen Fortgang nimmt.—Nach Schluß des letzteren wird die Stimmung wieder etwas wärmer und das Interesse reger. Der Kreis um die Kämpfenden schließt sich wieder. In der Kirche sieht man die Kronleuchter verlöschen und die Fenster von innen sich zumachen.—Das Spiel geht weiter.

Beim neunten Kämpfer stürzt ein Bote in den Saal und flüstert in erregter Weise mit den im Hintergrund Stehenden. Die Bewegung setzt sich nach vorne fort. Man hört Rufe: Was ist los?—Was gibt's?—

RODRIGO BORGIA (Kapitän der päpstlichen Garde). Der französische König, Eure Heiligkeit, ist, von Neapel zurückkehrend, im Anmarsch auf Rom und nur noch wenige Meilen entfernt.

DER PAPST (aufstürzend, erregt). Zum Teufel!—Auf nach Orvieto!—Die Spanier und Katalanen sollen Uns begleiten!—Nehmt Unsere Kassen und Kostbarkeiten mit!—Die Damen sollen sich rüsten; auf Gepäck und Maultiere verzichten; wir reisen alle zu Pferd! Pallavicini bleibt als Gouverneur der Stadt mit einem Teil der Truppen zurück. Er empfange den König mit allen Ehren, aber drohe ihm in Unserem Namen, als einem ungehorsamen Sohn der Kirche, den Bannfluch an, wenn er länger als vierundzwanzig Stunden auf Unserem Gebiet verweilt.—Cesare übernimmt die Bedeckung Unseres Zuges.—Vergeßt die goldenen Meßgeräte nicht! Fort! Alles in großer Erregung ab.

DIE MÄDCHEN (ihre Gewänder anlegend, jauchzend). Carlo kommt!—Carlo kommt!—

(Der Vorhang fällt.)


[1] Burcardi, Zeremonienmeister Alexanders VI., "Diarium", nouvelle edition par Thuasne, 3 vols., Paris 1885.

[2] Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir; Herr, höre meine Stimme; laß Deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens; So Du willst, Herr, Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen? Meine Seele wartet auf den Herrn von einer Morgenwache zur andern; Denn bei dem Herrn ist die Gnade, und viel Erlösung bei ihm; Er wird uns erlösen von allen unseren Sünden.


[3] Eine berühmte Hetäre ihrer Zeit, die später hingerichtet wurde.

[4] Karl VIII. von Frankreich, der kurz vorher Neapel eingenommen hatte.

[5] Battaglie d'amore, Liebeskämpfe, hießen diese Schauspiele am Hofe Alexanders VI.

[6] Komm, Heiliger Geist, und entsende himmelher den Strahl Deines Lichts. Komm, Vater der Armen, Geber der Güter, Erleuchter unserer Herzen. Ohne Deine Klarheit sind wir Menschen leer, nichtig und schuldbeladen. Wasche uns rein von Sünden; Erfrische die, die da vertrocknet sind; Und heile die Verwundeten. O göttliches Licht, erfülle die Herzen Deiner Frommen!