2. VON ACHECACHI NACH SORATA.

Wir waren in Achecachi in der Dunkelheit angekommen, konnten die Stadt also erst am nächsten Morgen in Augenschein nehmen, nachdem uns der achtjährige, einzige Kellner des »Hotels« prompt mit dem ersten Hahnenschrei geweckt hatte. Viel Zeit raubte diese Besichtigung der Stadt nicht. Es gibt in Achecachi ein einziges Gebäude, das wert ist, angesehen und photographiert zu werden. Das ist eine alte Kirche aus der Zeit, als die spanischen Jesuiten den freien Geist Boliviens unterjochten. Fast in allen bolivianischen Städten sieht man noch die festgefügten Baudenkmäler dieser finsteren Zeit. Sie sind ohne Zweifel das Beste, was die Jesuiten hierzulande zuwege gebracht haben. Doch haben sie sich dadurch bei der indianischen Bevölkerung keine größere Beliebtheit erworben, als anderswo. Für den Indianer ist der katholische Priester heutzutage noch ein Zauberer, der mit Zauberformeln, die niemand verstehen kann, Geburt, Ehe und Tod des Menschen »bespricht«. Heute noch halten die Indianer hartnäckig an ihrem Aberglauben fest, dem nach die Jesuiten in den Monaten nach der Ernte als Gespenster, eine Art Vampyre, nachtwandeln und den Indianern nicht etwa das Blut, sondern das Fett aussaugen. Daher stammen, nach Ansicht der Indianer, die, auch hier häufigen, Embonpoints der Geistlichkeit. Wehe dem unglücklichen Priester, der nachts im März oder April einem Indianer in den Weg läuft.

Von der nächsten Station, dem Städtchen Sorata, das zum eigentlichen Ausgangspunkte unseres Tropenausfluges werden sollte, waren uns Maultiere entgegengeschickt worden. Da wir einen achtstündigen Ritt vor uns hatten, mußten wir uns beeilen. Gleich wenn man aus Achecachi hinausreitet, öffnet sich ein wundervoller Blick auf den Llampu (in Geographiebüchern wird dieser indianische Name meist durch den spanischen »Sorata« ersetzt). In seiner ganzen Pracht liegt der Riese da. Die Kappe von blendendweißem jungfräulichen Schnee scheint sich bis zu der Höhe herabzuziehen, auf der wir uns befinden. Mit einer Deutlichkeit, als schaue man durch ein Zeissobjektiv, zeichnet sich jede Schneefalte der enormen Gletschergefilde vom blitzblauen Himmel ab. Noch ist seine einsame Höhe von keines Menschen Fuß entweiht worden. Weder der Illimani, noch der Llampu sind bestiegen. Es hat's kaum jemand versucht. Oder doch! Vor wenigen Jahren erschien in Begleitung zweier handfester, schweizer Bergführer eine gletschersüchtige Engländerin in Bolivien, um die beiden Herrscher der Kordillerenwelt zu bezwingen. Sie kam jedoch nicht weiter als bis zum ersten Schneesattel des Illimani, der aus unerfindlichen Gründen den Namen »Paris« trägt. Dieser Paris fand an der unternehmenden Britin keinen Gefallen. Er jagte sie mit allen Schrecken der Gletscherwelt, Schneestürmen, Bergkrankheit und Frost in die Flucht. Sie verschwand sang- und klangloser als sie gekommen war aus Bolivien, und ist vielleicht eben dabei ihren Spleen am Gaurisankar auszulassen.

Drei Stunden lang geht der Weg direkt auf den Llampu zu. Er führt, vollständig eben, über eine Art Damm, der im sumpfigen Ufergelände des Titicacasees aufgeworfen ist. Diese Straße ist außerordentlich belebt, da sie die Verbindung mit allen Indianerdörfern am jenseitigen Ufer des Titicacasees herstellt. Ununterbrochen begegnen uns Trupps eseltreibender Indianer. Die Frauen sind hier meist ganz dunkel gekleidet, bis an die Fußspitzen verhüllt. Aus den Rückentüchern hört man das Wimmern von Säuglingen. Um so bunter angetan sind die Männer. Ein Poncho in irgend einer Farbe, vor der die Augen weh tun, eine bunte gestrickte Schlafmütze, an der lange Ohrenklappen herabhängen, oft mit Perlen bestickt, darüber noch ein runder weißlichgelber Filzhut. Aus den geschlitzten Leinenhosen schauen ein paar kräftige, kupferrote Beine hervor. Man sieht hier besonders unter den jüngeren Indianern Gestalten von außerordentlicher Schönheit. Die Frauen laufen ausnahmslos zu Fuß, wenn jemand reitet, so ist es der Mann.

Wir hatten den ganzen Weg über, und später noch viel mehr, Gelegenheit uns zu überzeugen, wie unglaublich flinke und ausdauernde Läufer die Indianer sind. Obgleich wir stundenlang Trab ritten, blieb unser Führer, ein Vollblut-Indianer, der sogar kein Wort spanisch sprach, nicht um einen Meter hinter uns zurück. Eine willkommene Abwechslung waren die uns häufig begegnenden Lamatrupps. Ich kenne kein komischeres Tier, als dieses »aristokratischste der Lasttiere«, wie es ein französischer Schriftsteller nennt. So ein Lama sieht aus wie ein Schaf, dessen Urahne ein Techtelmechtel mit einem Kamel gehabt hat. Die Dummheit des Schafes verbunden mit dem Größenwahn des Kamels bildet eine höchst ridiküle Mischung. Die altjüngferliche Koketterie und prüde Indignation, mit der jedes einzelne den begegnenden Reiter mustert, reizt einen jedesmal unwiderstehlich zum Lachen. Die Verteidigungsart dieser vierbeinigen Aristokraten ist übrigens keine sehr vornehme. Sie wehren sich gegen Angriffe durch Spucken.

Um von Achecachi nach Sorata zu kommen, muß man einen Paß von ca. 4½ tausend Meter überschreiten. Für bolivianische Verhältnisse ist dies ein Kinderspiel. Uns schien der Fall doch schon recht ernst. Statt des ebnen Weges hatten wir bald eine ziemlich steil aufsteigende Wüste von Geröll, Schiefersplittern und vom Wasser kugelrund gewaschenen Kieseln vor uns. In einem Indianerdorfe machten wir Halt, um zu frühstücken und die Tiere ausruhen zu lassen. Zu welchem Zweck sich die Indianer in dieser Höhe, in dieser öden Wüste, wo es weder Baum noch Strauch gibt, ansiedeln, ist mir bis zum heutigen Tage rätselhaft. Auch, wovon sie leben, bleibt unklar. Tatsache ist, daß man weder für Geld noch für gute Worte irgend etwas Eßbares von ihnen erhandeln kann, nicht einmal einen Maiskolben oder eine Handvoll Reis, von Brot ganz zu schweigen. Außerhalb der Städte ist der Reisende hier ganz auf sich selbst, beziehungsweise auf seinen mehr oder weniger gut assortierten Eßkorb angewiesen. Nur unserem Indio gelang es für einen Silberling eine Handvoll trockener Kokablätter zu erstehen. Er erklärte uns durch Zeichen, daß er für den ganzen Tag weiter keine Nahrung bedürfe. Der Nährwert der Kokablätter, aus denen die Indianer ihre Kraft – im wahren Sinne des Wortes – saugen, muß demnach eine außerordentliche sein. Schmecken tun sie dahingegen abscheulich, etwa wie ein Gemisch von Tee und Chinin. Gourmandise kann man den Indianern also auf keinen Fall vorwerfen.

Je höher man steigt, desto schöner wird der Blick nach allen Seiten. Endlich sieht man auch den ganzen Titicacasee wie ein himmelblaues Tuch zwischen den Bergen ausgebreitet, daliegen. Man bedauert, daß man nicht schielt, um die ganze Zeit über mit dem linken Auge den See, mit dem rechten den Llampu anschauen zu können. Doch wird es noch schöner. Wenn man den Paß überschritten hat, öffnet sich der Blick auf das 2000 Meter tiefer liegende Sorata, das wie das sauber aufgestellte Spielzeug eines artigen Kindes aussieht. Zwischen dem saftigen Grün der Gärten blitzen die weißen Blechdächer in der Sonne. Der Abstieg ist sehr steil und dauert drei Stunden, doch wird er einem nicht zu lang.

Sorata hat ein wundervolles Klima und wäre es leichter zu erreichen, so stände es unter den Luftkurorten der Welt wahrscheinlich an erster Stelle und hätte allenfalls nur die Konkurrenz von Madeira zu befürchten. Durch die Berge von Winden geschützt, aber durchaus nicht eingeengt, liegt Sorata ca. 2500 Meter über dem Meeresspiegel. Die Tropensonne zaubert bei ewig blauem Himmel eine Vegetation von unglaublicher Üppigkeit und halbtropischem Charakter hervor. Alle Bergabhänge sind bedeckt mit Feldern und Anpflanzungen, sie sehen wie phantastische Schachbretter aus, jedes Fleckchen ist ausgenutzt. Soviel Agrikultur, wie im Tale von Sorata, habe ich sonst in ganz Südamerika nicht beisammen gesehen.

Wir reiten durch – buchstäblich – mannshohe Weizenfelder, Reis- und Maispflanzungen. Die Blumenpracht zu beiden Seiten des Weges ist unbeschreiblich. Leuchtend rote Kakteen, Büsche gelber und weißer Margueriten, Hecken herrlicher weißer Rosen, Magnolien, Gardenien von unwahrscheinlicher Größe, Fuchsien-Haine, irgendwelche leuchtend violette Schlingpflanzen, die sich bis hoch in die Baumkronen hinaufziehen. Der Weg ist zum Lachen malerisch. Bald führt er an überhängenden Felsgrotten vorbei, bald windet er sich, von Sturzbächen zerfressen, an steilen Abgründen hin. Hier steht eine alte zerfallene Wassermühle von wucherndem Grün fast begraben, dort zwischen hohen Maisstauden eine verwitterte Indianerhütte. Immer wieder öffnet sich der Blick auf Sorata. Die Sonne ist im Untergehen. Tief herabhängende rosa-violette Wolken schweben auf den Bergkämmen. Als Introduktion nicht übel! Man durfte auf das Weitere gespannt sein.

Wir erreichen Sorata noch vor Einbruch der Dunkelheit.

Im gastlichen Hause des deutschen Großkaufmanns G., den man scherzweise »El Rey de Sorata« nennt, fanden wir freundliche Aufnahme. Auf dem Hofe sahen wir zum ersten Mal die großen schwarzen Gummiklumpen zu mächtigen Haufen zusammengetürmt daliegen – der erste handgreifliche Gruß aus den Gebieten, in die wir uns hineinwagen sollten. Wir vergnügten uns ein Weilchen mit harmlosem Ballspiel, wozu sich die Rohgummi-Ballen als sehr geeignet erwiesen, um dann noch lange auf der Gartenterrasse des Hauses die balsamische Abendluft zu genießen.

In Sorata galt es, den Plan zur Weiterreise reiflich zu überlegen und alles dazu Notwendige sorgfältig, mit Liebe und Verstand vorzubereiten. Dank dem außerordentlich freundlichen Entgegenkommen des Herrn G. gelang es uns, in der für bolivianische Verhältnisse merkwürdig kurzen Zeit von zwei Tagen reisefertig zu sein.

Vorerst mußte das nächste Reiseziel festgesetzt werden. Das tropische Bolivien – ja, aber das tropische Bolivien ist groß. Wo kann man dort irgend etwas in der Art eines Unterkommens finden, wo läuft man am wenigsten Gefahr, am Beri-Beri, gelben Fieber oder irgend einem sonstigen Tropenkoller zu Grunde zu gehen? Gleich diese Frage entschied unser liebenswürdiger Wirt mit dem Vorschlage, nach seinen Gummi- und Kaffee-Plantagen im Gebiete des Mapiriflusses zu gehen und eine seiner Haziendas, San Carlos, zum Ausgangspunkte weiterer Ausflüge und Unternehmungen zu machen.

Damit war uns das nächste Reiseziel gegeben. Obgleich der Ort Mapiri selbst als total verseuchtes Fiebernest gilt, sollte es in der weiteren Umgebung des Mapiriflusses nicht so schlimm mit dieser Gefahr stehen. Außerdem schluckte ja jeder von uns schon seit La Paz täglich sein halbes Gramm Chinin.

Nun hieß es, einen »Ariero«, d. h. Maultierreisen-Unternehmer, gefügig zu machen, uns das nötige vierbeinige Material zur Verfügung zu stellen. Das war auch leichter gedacht, als getan. Die Arieros sind auf diese Art Unternehmungen schlecht zu sprechen, da die Tiere dabei kolossal strapaziert werden und nicht selten als Beute für die Kondore und Aasgeier im Gebirge liegen bleiben. Wir passierten nachher manches häßliche Knochenfeld. Dank den energischen Bemühungen des Herrn G. fand sich endlich doch ein Mann, der den Kontrakt unterschrieb, uns mit vier »mulas de sella« (Reittieren) und vier »mulas de carga« (Lasttieren) nach San Carlos und zurück zu bringen. Leider unterließen wir es dabei, den Rückweg genau zu bestimmen, und mußten daher denselben Weg zurückkommen, den wir gegangen waren, da der Ariero sich weigerte, einen anderen durch das Tal des Goldflusses »Tipuani« zu nehmen, der allerdings, wie es hieß, kaum passierbar sein sollte.

Nachdem diese beiden wichtigen Fragen zu allseitiger Befriedigung gelöst waren, wurde die Ausrüstung in Angriff genommen. Auch hiermit wären wir ohne Herrn G. nicht weit gekommen. Außer seinen Gummi-Latifundien von der Größe eines mitteldeutschen Herzogtums besitzt dieser »König von Sorata« nämlich noch »den« Kaufladen der Stadt. Er ist nicht nur der König, sondern auch der »Wertheim« von Sorata. Das war ein lustiges Einkaufen! Am liebsten hätten wir alles mitgenommen. Aus La Paz hatten wir nur unsere Feldbetten und Schlafsäcke nach Sorata geschickt. Nun ging es ans Verproviantieren, Legionen Knorrscher Suppentafeln, Bouillonwürfel, Maggi – alles Dinge, die mir bisher nur aus dem Annoncenteil der »Lustigen Blätter« bekannt waren – Erbswürste, Gemüsekonserven, Corned beef, Sardinen und andere Herrlichkeiten türmten sich auf dem Ladentisch auf und wurden säuberlich in Kisten verpackt, dazu Spirituskocher, Kessel, Kannen, Becher, Pfannen usw. An jede Kleinigkeit mußte gedacht werden. In der Nacht noch sprangen wir abwechselnd auf, um einen vergessenen Korkenzieher, Büchsenöffner, oder sonst etwas zu notieren. Brot und Zwieback wurden in zwei mächtige Blechkasten verlötet, und jedes Stück Brot kostete nachher einen zerschlagenen Daumen, oder ein zerschundenes Handgelenk. Lichte und Streichhölzer wurden in Glasflaschen verschlossen, da sie sonst in der feuchten Tropenhitze sofort unbrauchbar werden. Endlich das Zaumzeug und die Sättel, von denen ich noch ein Lied singen werde, Decken, regendichte Ponchos, kurz alles für die persönliche Bequemlichkeit erforderliche, nicht zu vergessen eine umfangreiche Apotheke, vor allem Salmiak und sonstige Mittel gegen Moskitosstiche, sowie – last not least – den Alkohol, Whisky und Kognak, in ausreichender Quantität, die sich nachher dennoch als knapp erwies, als wir auf dem Rückwege den Kordillerenpaß im Schneesturm passierten.

Mit einigem Bangen für die Mularücken sahen wir zu, wie unser Gepäck abends auf dem Hofe des G.'schen Hauses zusammengestapelt wurde. Man sollte meinen, daß es für ein Regiment Soldaten gereicht hätte. Vier gesunde Männer konsumieren in 4-5 Wochen was ganz Erkleckliches. Noch nach dem Schlafengehen waren wir mit unseren sorgenden Gedanken in der »Tienda«, d. h. im Kramladen, und von Zeit zu Zeit hörte man einen der Schläfer von gefülltem Weißkohl, petit pois, Bismarckheringen und ähnlichen, schönen Dingen murmeln.