I. Einleitung.
Dieses Buch soll meiner Heimat gehören. Auf einem Hügel, der das breite, wie ein ausgetrockneter See daliegende Wesertal überblickt, dort, wo die Ufer den Strom vor seinem Scheiden aus der bergigen Umgebung zum letzten Male mit allen ihren Reizen umkränzen, stand meiner Eltern Haus. Dort empfing der kleine Knabe, der einst die Unterhaltung der Erwachsenen über die Schönheit der Gegend belauschte, auf sein Eingeständnis: »Ich weiß wohl, was eine Gegend ist; aber was eine schöne Gegend ist, das verstehe ich nicht«, eine für sein Alter ausreichende Erklärung mit dem Hinweis auf die weite Fernsicht vom Altan des väterlichen Hauses. Später ging ihm das Verständnis für andere Reize seines Heimatgaues auf. Auf Spaziergängen durch den Buchenhochwald hob sich der Blick von dem Boden, wo süße Beeren lockten, zu den Domgewölben der hohen Wipfel empor, und die Obstbaumpflanzungen, in denen manches der benachbarten Dörfer sich schier versteckte, erfreuten nicht nur im Sommer und Herbst den Gaumen mit ihren süßen Gaben, sondern auch im Frühling das Auge mit der weißen Pracht ihrer Blüten. Ein anregender erdkundlicher Unterricht lehrte die Silhouette der bläulichen Weserkette, die sich in rhythmisch bewegter Wellenlinie in die Ferne schwingt, und die in dem Teutoburger Walde drüben ihr ebenbürtiges Gegenstück hat, als bewunderswerten Zug des heimischen Landschaftsbildes erfassen und die ehrwürdigen Reste einstiger Ritterburgen, Stadtbefestigungen und sonstiger baulichen Zeugen der Vergangenheit mit frommer Scheu betrachten, während an schulfreien Tagen sich jugendlicher Wander- und Wagemut von hohen Kuppen, schroffen Klippen und dunklen Höhlen angezogen fühlte. Die ersten Reisen aber trugen dem Jüngling die Erfahrung ein, daß weder jene farbenprächtigen Volkstrachten noch jene behaglichen Gehöfte, in denen sich der bäuerliche Wohlstand Westfalens und Lippes zeigte, und die er als etwas Selbstverständliches hingenommen hatte, in gleicher Weise in anderen Gegenden wiederkehrten, und diese Erkenntnis erfüllte ihn mit frohem Stolze.
Jene Zeiten, in denen sich so die Vorstellung der Heimat als eines eigenartigen Stückes Erde und die Liebe zu eben diesem Teile deutschen Bodens gleichzeitig mit dem Menschen selber, mit seinen körperlichen und geistigen Kräften, entwickelte, liegen lange hinter mir. Aber auch in den späteren Jahrzehnten hat mich zwischen manchen Reisen in andere Gebiete deutschen und außerdeutschen Landes doch die Wanderlust wieder und wieder nach der roten Erde und an die Gestade des freundlichen Stromes geführt; trotz aller großartigeren Eindrücke erhabenerer Natur habe ich mich dem Zauber jener idyllischen Mittelgebirgslandschaften nie zu entziehen vermocht, sei es daß junges Buchengrün die kindlichen Hügelformen zart umkleidete, sei es daß bei Julisonnenschein der Segen der Felder seine goldenen Wogen im leichten Winde fluten ließ, mochte der Bergwald in prächtigem, gelbbraunem Herbstschmuck dastehen, oder mochten die hochstämmigen Fichten von bärtigem Rauhfrost behängt sein. Freilich liegt in dieser Vorliebe eines einzelnen für eine Landschaft, zumal wenn sie die Stätte seiner Knabenspiele gewesen ist, noch kein Beweis dafür, daß sie auch des Interesses anderer wert sei. Der Gefahr aber, daß die Heimatliebe zum »Lokalpatriotismus« werde — ein häßliches Wort! — entgehen wir am besten, wenn wir uns bemühen die wirklichen Verhältnisse zu erkennen, wenn wir die Natur der einzelnen Bergzüge und Täler, ihr Alter und ihr Werden zu verstehen suchen, wenn wir das organische Leben in seiner Abhängigkeit von Bodengestalt, Bewässerung und Klima betrachten und wenn wir endlich das menschliche Leben der Vergangenheit und der Gegenwart in seiner Bedingtheit durch die Summe aller jener natürlichen Voraussetzungen studieren. Dieser Aufgabe ist das vorliegende Buch gewidmet, wenigstens in erster Linie. Mag es daneben auch dem Zwecke dienen, das Interesse der Reisenden auf jene Gegenden zu lenken. In diesem Sinne möchte ich mich dem Rinteler Gymnasiallehrer Ludwig Boclo anschließen, der im Jahre 1844 einen »Begleiter auf dem Weserdampfschiffe« herausgab und bereits damals klagte, daß die Schnelligkeit des Reisens »in der neuesten Zeit« leider der Götze geworden sei, welchem jede Gemütlichkeit, jeder Naturgenuß, jede ruhige Auffassung und Beschauung geopfert werde. »Eine große innige Freude,« schreibt er, »würde es dem Unterzeichneten (welcher die körperlich-psychische und gemütlich erweckende und wiederbelebende Kraft des Reisens seit 40 Jahren an sich und anderen erfahren hat) gewähren, wenn er bei recht vielen das Verlangen erregen und das vorhandene noch steigern sollte, eine der deutschesten Gegenden des gemeinsamen Vaterlandes auf eine so anmutige Weise« (d. h. zu Schiffe) »kennen zu lernen.« Diese Worte wurden in einer Zeit geschrieben, in welcher die landschaftlichen Schönheiten jenes westfälisch-niedersächsischen Grenzgebietes noch nicht lange zuvor entdeckt worden waren. Im Jahre 1835 hatte George Osterwald seine »Gallerie von Weseransichten« und F. C. Th. Piderit seine »Geschichtlichen Wanderungen durch das Wesertal« in Rinteln erscheinen lassen.
Am Anfang der Pideritschen Schrift stand als Gruß an den Leser anonym Franz Dingelstedts später so bekannt gewordenes Gedicht, das mit der Strophe beginnt:
Ich kenne einen deutschen Strom,
Der ist mir wert und lieb vor allen,
Umwölbt von ernster Eichen Dom,
Umgrünt von kühlen Buchenhallen.
Ihn hat nicht, wie den großen Rhein,
Der Alpen dunkler Geist beschworen,
Ihn hat der friedliche Verein
Verwandter Ströme still geboren.
Sieben Jahre später (Cassel 1842) gab Dingelstedt, wiederum ohne seinen Namen, das Buch »Das Wesertal von Münden bis Minden« heraus. In ihm macht er es sich zur Aufgabe, des »Sängers Fluch« zu lösen, d. h. jenes bekannte Wort Schillers in seinen deutschen Wasser-Xenien, daß von der Weser gar nichts zu sagen sei, zu widerlegen. Schon im Herbste 1839 hatte Ferdinand Freiligrath seine begeisterte Einleitung zu Levin Schückings, im Jahre 1841 zuerst veröffentlichtem Buche »Das malerische und romantische Westfalen« verfaßt, in der er unter anderem die Schönheit der Porta Westfalica dithyrambisch preist. Die Wirkung all dieser Bücher war ungeheuer, und als im Jahre 1844 die Weserdampfschiffahrt, 1846 die Cöln-Mindener Bahn eröffnet worden waren, konnten Westfalen und Weserbergland als Ziele für Vergnügungsreisen ernstlich in Frage kommen.
Umgrenzung des Gebiets.
Wenn der Titel unseres Buches als Gegenstand dieser Arbeit das Weserbergland und den Teutoburger Wald nennt, so sind wir uns einer gewissen unvermeidbaren Willkür in der Fassung der Aufgabe bewußt. Wir verstehen unter Weserbergland die hügeligen Landschaften, welche von dem Zusammenfluß der Werra und Fulda an beiderseits die Weser nach Norden zu begleiten, und zwar im Osten bis an den Rand der von der Leine durchflossenen Göttinger Senke, im Westen bis an die Münstersche Bucht und im Norden bis an die Norddeutsche Tiefebene. Der Teutoburger Wald ist besonders genannt, weil er — wie allerdings auch das Wiehengebirge und seine namenlose westliche Fortsetzung — sich weit von der Weser entfernt und in das Gebiet der Ems hineinragt. Sind die Grenzen unseres Berglandes nach Westen und Norden durch den Beginn der Tiefebenen ohne weiteres gegeben, und kann man sich das Leinetal als Scheide gegen das ostfälische Harzvorland immerhin gefallen lassen, so hat die Grenze nach Süden insofern etwas Willkürliches, als man dem hessischen Berglande, dessen nördliche Fortsetzung die Weserberge bilden, vielfach den Solling, den Reinhardswald, das Eggegebirge nebst dem Nethegau zurechnet, anderseits aber zum mindesten der Kaufunger Wald, wenn nicht gar der Meißner, es verlangen könnte, den Paten zugesellt zu werden, welche die Wiege der Weser umstehen.
Das so umgrenzte Gebiet stellt ungefähr ein rechtwinkeliges Dreieck dar, dessen Scheitelpunkt südlich von Hannover bei Bennigsen am Deister zu suchen ist, während die anderen beiden Ecken in Münden und in Bevergern bei Rheine liegen. Von Bennigsen beträgt die Luftlinie bis Münden etwa 100, bis Bevergern 140 km. Das ganze Gebiet wäre also annähernd 7000 qkm groß. Auf diesem Raume wechseln nun die mannigfachsten Geländeformen: langgestreckte Bergzüge, hier schroff abfallend, dort sanfter geneigt, ferner Plateaus und flachgerundete Kuppen, sowie förmliche Kegel, endlich engere und weitere Fluß- und Bachtäler. Frischer Laub- und ernster Nadelwald werden abgelöst von üppigen Fruchtfeldern. Neben dürftig bewachsenen und spärlich besiedelten Strichen finden sich dicht bevölkerte Gegenden mit reich entwickeltem Ackerbau oder beachtenswerter Gewerbetätigkeit.
Ohne der Einzelbeschreibung vorzugreifen, oder auf das Geologische schon jetzt näher einzugehen, werden wir versuchen müssen, uns vorläufig in diesem Wirrwarr zu orientieren. Beginnen wir rechts von der Weser. Dort, wo die Leine gerade bei ihrem Übergang aus westlicher in nördliche Richtung sich der Werra am meisten nähert — die Eisenbahn Göttingen-Bebra überschreitet hier bei Eichenberg die Wasserscheide — können wir die Grenze zwischen Eichsfeld und Weserbergland annehmen. Dieses letztere beginnt mit einer von Basaltkuppen bekrönten Hochfläche ohne volkstümlichen Gesamtnamen, für die wir die Bezeichnung Dransfelder Höhenland annehmen wollen. Nördlich davon liegt die Sandsteinhochebene des Sollings. Im Osten ist diesem Gebirge der nord-südlich verlaufende Muschelkalkrücken der Weper vorgelagert. Im Norden streichen die beiden Parallelketten der Grubenhagener Berge, sowie etwas entfernter der Elfas, die Homburggruppe und der Vogler, von Südost nach Nordwest zur mittleren Weser. Hieran schließt sich die felsberühmte, langgestreckte Ellipse der Hilsmulde. Eine breite Senke scheidet sie vom Osterwald und Kleinen Deister. Diesen trennt ein enger Paß vom eigentlichen Deister, dessen nach Südwest umgebogenes, durch das Auetal abgeschiedenes Gegenstück der Bückeberg bildet. Etwas weiter südlich beginnt mit dem Süntel jener lange Zug, der sich als Weserkette bis zur Porta Westfalica hinzieht.
Am linken Weserufer liegt dem Dransfelder Höhenland gegenüber der Reinhardswald. Sein Westabhang leitet über zu jenem langgestreckten, welligen Gelände, das sich zwischen der Weser einerseits und den Kämmen der Egge und des Teutoburger Waldes anderseits hinzieht und sich gliedern läßt in Warburger Börde, Höxtersches Hügelland (oder Paderborner Hochfläche) und Lippisches Hügelland. Die westliche Fortsetzung dieses Landstriches ist dann das Ravensbergische und Osnabrückische Hügelland; seine südliche Begrenzung gegen das Münsterland bildet auch hier der Teutoburger Wald, in jenem westlichen Teile meist Osning genannt, und zwar bis zu seinem Ende in der Nähe der Ems bei Bevergern, die nördliche der auf dem linken Ufer des Stromes liegende Teil der Weserkette, streckenweise Wiehengebirge genannt.
Dieses bunte orographische Bild in seinen Einzelzügen zu verstehen, kann uns nur der Geologe lehren. Wir werden zunächst seinem Vortrage zu lauschen haben.