VII. Die Weser von Münden bis Herstelle. Dransfelder Höhenland und Reinhardswald.
Ehe wir von Münden aus unsere Weserfahrt antreten, sind wir hinaufgestiegen zur Tillyschanze, jenem steinernen Turm auf einem Vorsprung des Reinhardswaldes. Die geschichtliche Tatsache, die dieser Stätte ihren Namen gegeben hat, wird uns mit realistischer Treue ins Gedächtnis gerufen durch die im Inneren aufgestellten Kriegsaltertümer und das lebensvolle Relief von Prof. Gustav Eberlein: »Die Verteidigung der Stadt Münden im Dreißigjährigen Kriege.« Wie anders als in jenen schrecklichen Pfingsttagen des Jahres 1626, wo die von 3000 Leichen erfüllte Stadt der Beutegier kaiserlicher Soldateska preisgegeben war, ist der Anblick, den jetzt das entzückte Auge von der Plattform genießt!
Abb. 68. Die lutherische Kirche in Bückeburg.
Nach einer Photographie von F. W. Kuhlmann in Bückeburg. (Zu Seite [94].)
O Heimat, du erscheinst mir
So jugendfrisch und schön;
Ein Tempe Deutschlands[4] bist du,
Wie keins ich noch gesehn,
Ein Born, woraus sich immer
Mein durstig Herz erquickt,
Wenn ich von deinen Höhen
Hinab ins Tal geblickt.
Wie bist du schön im Maien,
In Frühlingsherrlichkeit,
Von weißen Blütenbäumen
Stehst du wie überschneit,
Und schallen Kirchenglocken
Hinein ins blühende Tal,
Dann bist du aller Schönheit
Vollkommnes Ideal.
[4] Der Ausdruck rührt von Goethe her.
Gern werden wir uns dieses Urteil Eberleins zu eigen machen, der sich am Fuß des Berges, im Angesicht der Vaterstadt, sein behagliches, von einem großen steinernen Eber bewachtes Heim geschaffen hat. In engem Talkessel, umgeben rings von den lieblichen Formen buchengrüner Höhen, umkränzt von Obstgärten mit zierlichen Landhäusern, blickt uns das freundliche Rot der ziegelgedeckten Altstadt entgegen; und darüber ragt in ehrwürdigem Grau eine Anzahl massiver Steinbauten empor, unter denen die alten, zum Zweck der Schrotfabrikation erhöhten Befestigungstürme, »die Hageltürme«, besonders auffallen ([Abb. 36]).
Abb. 69. Das neue Rathaus in Bückeburg.
Nach einer Photographie von F. W. Kuhlmann in Bückeburg. (Zu Seite [94].)
Münden und die Weserschiffahrt.
Die in ihrer ursprünglichen Gestalt dem dreizehnten Jahrhundert angehörenden Kirchen zu St. Ägidien und St. Blasien — an der ersteren befindet sich der Grabstein des liedberühmten Dr. Eisenbart —, das plumpe Schloß der Calenberger Herzöge Erich I. und II. und das der Blütezeit Niedersachsens, dem Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, entstammende Renaissance-Rathaus ([Abb. 37]), sie alle zeugen von der Bedeutung Mündens in alter Zeit. Aber auch die Privathäuser mit ihrer an hessische und thüringische Städte gemahnenden Holzarchitektur, mit ihren vielen überkragenden Geschossen, ihrem zierlichen Riegelwerk und den spitzen, wohlgegliederten Dächern erzählen uns von der Vergangenheit ([Abb. 38] u. [39]). Politisch und sprachlich zu Hannover gehörig, zeigt nämlich das Gebiet von Münden in städtischem und ländlichem Hausbau, in Dorfanlage und bäuerlicher Erbsitte mitteldeutschen Charakter ([Abb. 23]). Gau- und Stammesscheiden, deren Nachfolger die jetzigen Provinzialgrenzen von Hannover, Hessen-Nassau und Sachsen sind, stießen hier zusammen, erlitten aber auch gelegentlich Verschiebungen. Münden selbst wird als ursprünglich fränkischer Ort bezeugt; es war eine karolingische »villa«, zugleich wohl Brückenkopf gegen das Sachsenland. Die Burg aber ist wahrscheinlich von Otto von Northeim, einem niedersächsischen Dynasten, also als Bollwerk gegen Hessen gegründet worden. Nach dem Sturze Heinrichs des Löwen kam die Stadt an die Landgrafen von Thüringen, um gegen die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts unter die Welfenherrschaft zurückzukehren. Der Ursprung der Siedelung erklärt sich, wenn man einen Blick auf die Karte wirft, von selbst. Werra und Fulda waren für die winzigen Verhältnisse des mittelalterlichen Verkehrs bedeutende Wasserstraßen, Münden Knotenpunkt des Schiffsverkehrs, Umschlags- und Stapelort. Eifersucht und Feindschaft gegen die Hessen veranlaßte im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts nach und nach die welfischen Landesherren zur Erteilung, dann die Mündener Bürger zum Erschleichen von Privilegien, die bis ins neunzehnte Jahrhundert galten und in ihrer Gesamtheit unter dem Namen des Mündener Stapelrechts bekannt sind. Danach durften alle Waren, die stromauf und stromab die Stadt verließen, nur durch Mündener Schiffer befördert werden; auch mußte man alle Durchgangsgüter ausladen und zu Casseler Marktpreis drei Tage lang feilhalten. Daß Münden nicht bedeutender wurde, hat seinen Grund darin, daß die Ufer der drei Flüsse eine für Talstraßen wenig günstige Beschaffenheit darboten. So bevorzugte der vom Oberrhein durch die hessische Senke kommende Überlandverkehr, soweit er auf Hamburg und Lübeck hinstrebte, das Leinetal, dem auch jetzt die Eisenbahn nach Hannover folgt, soweit er Bremen zu erreichen suchte, das Esse- und Diemeltal. Die Erbauung der Eisenbahnen hat wie überall auch in Münden zunächst zertrümmernd, dann aufbauend auf die wirtschaftlichen Zustände gewirkt. Die Stadt ist mehr und mehr Industrieort geworden. Der Wald der Umgegend liefert Holz zu mannigfacher Verarbeitung (vergl. Seite [35]) und Lohe für die Gerberei, der Erdboden Braunkohle, Ton und Mühlsteine. Andere der dortigen Industrien (Zinnwaren, Tabak, Gummi) sind weniger abhängig von örtlicher Rohstofferzeugung. Aber auch der Schiffsverkehr hat sich mächtig gehoben, besonders in der letzten Zeit, wozu die im Jahre 1895 dem Verkehr übergebene Kanalisierung der Fulda bis Cassel besonders beigetragen hat. Zum Schluß wollen wir noch bemerken, daß Münden derzeit 11300 Einwohner zählt, eine Kgl. Forstakademie mit etwa siebzig Studierenden beherbergt und als Sommerfrische und Touristenstadt mehr und mehr aufgesucht wird.
Abb. 70. Hameln gegen den Süntel. Nach einer Photographie von H. Blesius in Hameln. (Zu Seite [94] ff.)
Abb. 71. Das Rattenfängerhaus in Hameln.
Nach einer Photographie von H. Blesius in Hameln. (Zu Seite [98].)
§. Abb. 72. Schloß Hämelschenburg bei Hameln. (Zu Seite [98].)
Wir schreiten zum Tanzwerder, der wegen Hochwassergefahr unbebaut gebliebenen äußersten Ecke des Anschwemmungsdeltas zwischen Werra und Fulda, also sozusagen der Geburtsstätte der Weser. Hier steht der Weserstein, leider! War es nötig, der Weser ein Denkmal zu errichten? bedurfte es wirklich einer »Verschönerung« der Landschaft durch Verse? und mußten diese gar in Stein gemeißelt werden als ein »monumentum aere perennius«? Wir besteigen den geräumigen und bequemen Dampfer »Kaiser Wilhelm« und fahren, durch das regelmäßig einförmige Stampfen der Räder in süßes Träumen gewiegt, behaglich dahin und lassen die traulichen Bilder der grünen Ufer an unseren Blicken vorübergleiten. Wir werden gut tun, aus unserem Gedächtnis alle Erinnerungen an eine etwa früher unternommene Donau- oder Rheinfahrt zu verbannen; wir wollen nicht vergleichen, nicht die Lieblichkeit der einen Landschaft an der Großartigkeit der anderen messen, sondern unbefangen genießen. Daran wird uns auch nicht ein vielsprachiges Gewimmel von hastigen Reisenden stören. Unser Schiff trägt außer den Landleuten der Ufergegenden zumeist anspruchslose Touristen aus Nordwest- und Mitteldeutschland. Gelegentlich bemerkt man unter ihnen einige holländische Vergnügungsreisende. Weit zurück liegt die Zeit, wo auf diesen Fluten der erste Dampfer fuhr; es war der erste Dampfer überhaupt. Sein Erbauer war der gelehrte Hugenotte Dionysius Papin aus Blois, seit 1687 Professor der Physik in Marburg. Von Cassel aus fuhr er auf dem von ihm ersonnenen Beförderungsmittel die Fulda hinab, um England damit zu erreichen. Doch schon in Münden zerschlugen die neidischen Mitglieder der privilegierten Schiffergilde das Teufelsfahrzeug. Seit jenem unglückseligen Septembertage des Jahres 1707 verstrichen über 111 Jahre, bis der nächste Dampfer — er hieß »Herzog von Cambridge« — vom 9. bis zum 20. März 1819 die Fahrt von Bremen nach Münden machte; doch erwies sich die Maschine als zu schwach, das Fahrwasser als zu schwierig, und so wurden die Fahrten nicht fortgesetzt. Erst im Jahre 1843 fuhren wieder Dampfer auf der Oberweser, und seit 1844 unterhielt die »Vereinigte Weserdampfschiffahrtsgesellschaft« mit dem in Paris gebauten »Hermann« und dem bald folgenden »Wittekind« regelmäßige Fahrten. Die jetzige Personenschiffahrt betreibt zwischen Münden und Hameln die Wesermühlen-Aktiengesellschaft zu Hameln mit fünf stattlichen Schiffen, die im Jahre 1908 rund 112000 Passagiere befördert haben (im Jahre 1905 etwa 60000).
Abb. 73. Kapelle beim Armenhaus Wangelist (Hameln).
Nach einer Photographie von H. Blesius in Hameln. (Zu Seite [98].)
Von Münden bis Carlshafen.
Das Wesertal ist von Münden bis Carlshafen-Herstelle eng und wenig besiedelt. Der Strom fließt im Buntsandstein, einer alten Verwerfungsspalte dieses Gesteines folgend. Durch jahrtausendelanges Nagen hat sich das Flußbett derartig vertieft, daß die bewaldeten Höhen rechts und links — dort Blümer Berg ([Abb. 16]), Bramwald, Kiffing, hier Reinhardswald genannt — die Talsohle vielfach bis zu 230 m überragen. Die Schichten dieser Berge fallen beiderseits nach der vom Strome abgewendeten Seite ein; die Wasserscheiden liegen nahe dem Fluß, die Hänge sind schroff, die Täler meist kurz und steil. Nur rechts sind Schede, Nieme und Schwülme größere Bäche, die, dem Hinterlande jener grünen Berge, nämlich der Senke zwischen Buntsandstein und Muschelkalk entsprungen, den letzteren in hübschen Tälchen durchnagt haben. Verzichten müssen wir auf die Aufzählung all der schmucken Dörfer, deren Jugend die Ankunft unseres Schiffes an und noch lieber in dem Wasser erwartet, während die überall zahlreich vorhandenen Gänse unter lautem Protestgeschnatter in vornehmem Zuge das Flußbett verlassen. Im allgemeinen bildet die Weser hier die Grenze zwischen Hannover und Hessen. Doch greift dieses auch aufs rechte Ufer über. Die Bevölkerung aber ist auf beiden Seiten niederdeutsch.
Abb. 74. Rinteln gegen den Taubenberg. Nach einer Photographie des dortigen Verschönerungs-Vereins. (Zu Seite [99].)
Links liegt der Flecken Veckerhagen (1500 Einwohner), der seine jetzt noch bestehende kleine Tonindustrie und die Fabrik von Casseler Braun (Umbra) ebenso wie die von 1666 bis 1903 betriebene Eisenhütte benachbarten tertiären Bodenschätzen verdankt. Das gegenüberliegende Hemeln ist aus einem alten karolingischen Reichshof hervorgegangen, der wie so oft unter einer alten Volksburg angelegt worden war. Den späteren Wohnsitz ihres adligen Gebieters werden wir in der Bramburg zu erkennen haben, deren Ruine rechts aus dem Walde düster emporragt; sie gehörte später den Herren von Stockhausen und wurde wegen deren Räubereien im fünfzehnten Jahrhundert zweimal von den braunschweigischen Landesherren zerstört. Die Domänen Hilwartshausen und Bursfelde sind ehemalige Klöster; letzteres liegt auf dem Geröllkegel der Nieme ([Abb. 40] u. [41]). Kirchengeschichtlich ist es bekannt als Ursprungsort der Bursfelder Kongregation, eines im fünfzehnten Jahrhundert gestifteten Verbandes von Benediktinerklöstern zur Erhaltung der kirchlichen Zucht, kunstgeschichtlich durch seine schöne im Jahre 1903 wieder hergestellte romanische Basilika. In dem erweiterten Tale beim Einfluß der Schwülme haben die Flecken Lippoldsberg (900 Einwohner) mit schönem alten Kloster und Bodenfelde mit kleinem Umschlagsplatz (vergl. Seite [34]) einige Bedeutung. Ein besonderes Interesse beanspruchen die Hugenottenkolonien Gottestreu und Gewissenruh. Sie sind ungefähr gleichzeitig mit Carlshafen um 1700 entstanden, als Landgraf Karl von Hessen die nach Aufhebung des Edikts von Nantes vertriebenen Glaubensgenossen der wirtschaftlichen Hebung seines Landes dienstbar zu machen suchte. In Gewissenruh wurden zwölf Familien angesiedelt, von denen jede einen Streifen Waldland zur Urbarmachung erhielt (vergl. Seite [44]). Französische Inschriften an den Häusern und dem kleinen Kirchlein[5], französische Familiennamen wie Jouvenal, Don, Héritier, Volle, Seguin (sprich: Zeckink) und einige schwarzäugige und dunkelhaarige Köpfe sind die einzigen Reste fremden Wesens in dem Dörflein ([Abb. 42]).
[5] 1 Août 1799. Gen. XXVIII. V. 16. Certes, L'éternel est en ce lieu et ie nan sauoie rien.
§. Abb. 75. Blick von der Bückeburger Chaussee in das Tal von Rinteln. (Zu Seite [77].)
§. Abb. 76. Dankerser Mühle bei Rinteln. (Zu Seite [77].)
Abb. 77. Vlotho gegen den Amthausberg und das Wiehengebirge.
Nach einer Photographie von Cramers Kunstanstalt in Dortmund. (Zu Seite [100].)
Carlshafen.
Noch mehr hat sich dieses in Carlshafen verwischt, obgleich hier noch bis 1825 von dem Pfarrer Guillaume Suchier französisch gepredigt worden ist. Carlshafen ist eine rein künstliche Gründung ([Abb. 43]). Freilich ist die geographische Lage am Einfluß des größten linken Nebenflusses in die Weser außerordentlich günstig und hat früh zwei Siedelungen veranlaßt. Weil aber der Baugrund an der Mündungsstelle selbst zu feucht war, ist die eine von ihnen 2 km im Diemeltale hinauf, die andere 2 km im Wesertale abwärts gerückt. Jene ist Helmarshausen (1300 Einwohner) mit der im Jahre 998 von dem frommen Freundespaar, Kaiser Otto III. und Papst Gregor V., gestifteten Benediktinerabtei, zu deren Schutze Erzbischof Engelbert von Köln 1220 die Krukenburg dort oben erbaute ([Abb. 44]); diese ist das von Karl dem Großen erbaute Herstelle, wo er den Winter 797/98 verbrachte und eine Kirche gründete. Herstelle war zu einem festen Lager und dauernden Stützpunkt seiner Regierung bestimmt; zeitweilig kam sogar die Errichtung eines Bistums in Frage. Jetzt ist Helmarshausen ein hauptsächlich von Steinbrucharbeitern und Zigarrenmachern bewohntes Städtchen, die Krukenburg die schönste Ruine des Wesergebiets, Herstelle ein westfälisches Dorf, überragt von einem Kloster und einem modernen Schloß. Mit der Erbauung von Carlshafen oder, wie es ursprünglich nach der alten Volksburg darüber (vergl. Seite [57]) genannt wurde, Sieburg, wurde am 29. September 1699 begonnen. Landgraf Karl wollte hier mit allen Mitteln des aufgeklärten Despotismus die Entstehung einer Handels- und Hafenstadt erzwingen; der Verkehr sollte den lästigen Mündener Stapel umgehen und auf der kanalisierten Diemel und Esse bis Hofgeismar und dann über Land nach Cassel gelenkt, der Kanal aber womöglich bis zur Lahn nach Marburg fortgeführt werden. Französische und deutsche Ansiedler erhielten billige Wohnungen und allerhand Vergünstigungen. Die Stadt bietet, aus der Vogelschau von den hessischen Klippen gesehen, das Bild vollendeter Symmetrie: in der Mitte der jetzt unbenutzte Hafen, daneben zwei stattliche Gebäude, dann gleiche Wohnblöcke, deren Häuser — außer den etwas größeren Eckbauten — je fünf Fenster Front, zwei Stockwerke und einen einfenstrigen Dacherker haben. Die weitschauenden Pläne Karls versanken mit seinem Tode von selbst ins Nichts. Jetzt hat das 1900 Einwohner zählende Städtchen als Erwerbsquellen Stein-, Tonröhren- und Holzindustrie, dazu Zigarrenfabrikation und ein kleines Solbad; ein Invalidenhaus besteht noch seit den Tagen des edlen Landgrafen; auch lockt die entzückende Lage, neben der Mündens sicherlich die reizvollste im Wesertal, zahlreiche Sommerfrischler herbei.
Von den Landschaften an dem obersten Stück des Weserlaufs werden die links den Wanderer mehr anlocken. Rechts ist die Buntsandsteinzone schmal, und nur in ihr herrscht zusammenhängender Wald, so besonders im Bramwald (Totenberg 406 m), dem man freilich stellenweise noch anmerkt, daß bis vor 40 Jahren 1700 Rinder, 7500 Schafe, 3200 Schweine und zahllose Gänse bei ihm zu Gaste gingen. Das hübsch an der Nieme gelegene Lewenhagen ist ein bescheidener Luftkurort. Das östlich dahinter liegende Dransfelder Höhenland, das meist dem Muschelkalk angehört, wird überragt von malerischen Basaltkuppen, wie dem aussichtreichen Hohen Hagen (506 m) und dem Dransberg, deren Steinbrüche auch hauptsächlich den 1400 Einwohnern des alten, hochgelegenen Städtchens Dransfeld (Bahnhof 301 m) Unterhalt gewähren ([Abb. 45]).
§. Abb. 78. Exten bei Rinteln. (Zu Seite [100].)
Der Reinhardswald.
Der Reinhardswald links der Weser ist für den Naturfreund ein lohnenderes Wandergebiet. Er besteht aus einer fast 30 km langen, durchschnittlich 10 km breiten Buntsandsteinscholle von etwa 400 m Höhe, auf der basaltische Kuppen wie der Gahrenberg (464 m) und der Staufenberg (472 m) aufgesetzt sind. An ihrem Fuße finden sich tertiäre Ablagerungen, aus denen u. a. am Gahrenberg Braunkohle bergmännisch gewonnen wird. Das Innere des Waldes ist fast unbewohnt. Beberbeck ist ein königliches Hauptgestüt mit weit ausgedehnten Bergweiden, auf denen sich etwa 350 edle Rosse (Halbblut) in Freiheit tummeln, die malerische Sababurg (im Volksmunde ist der ursprüngliche Name Zappenburg erhalten) ein 1490 erbautes, jetzt halb zerfallenes Jagdschloß der hessischen Landgrafen, Gottsbüren, das einzige, übrigens sehr alte Dorf des inneren Waldes, im vierzehnten Jahrhundert durch seine Wallfahrtskapelle, jetzt durch eine Kirchenorgelfabrik berühmt. Das malerische, von einer Burg überragte Ackerstädtchen Trendelburg an der Diemel (650 Einwohner) liegt schon außerhalb des Gebirges ([Abb. 46]). In diesem selbst herrscht ringsum der Wald, ununterbrochener Wald. Der Reinhardswald ist alter Reichsforst, wurde aber im Jahre 1018 von Kaiser Heinrich II., dem letzten Sachsen, seinem Freunde, dem Bischof Meinwerk von Paderborn, für das Bistum geschenkt. Nach mehrfacher Teilung und Besitzvertauschung kam er bis zum sechzehnten Jahrhundert nach und nach ganz an Hessen.
Reinhardswald und Solling.
Die für den Forstmann nicht gerade erfreulichen Schicksale des Waldes als solchen, über die auf Seite [30] bis 32 das Nötige gesagt worden ist, haben eine den Naturfreund fesselnde Mannigfaltigkeit des Landschaftsbildes hervorgerufen. Außer dem eigentlich bodenständigen Buchenwald finden sich weite, parkartig mit vereinzelten alten Eichen bestandene Blößen, die früher Hutezwecken dienten. Vielfach auch sind die Eichen später mit jungen Buchen forstgerecht unterbaut. In den sechziger Jahren wurden, um die Blößen nicht ganz der Viehweide zu entziehen, sie aber zugleich auch forstlichen Zwecken dienstbar zu machen, kreisförmige Plätze von 4 bis 6 m Durchmesser bei 14 m Dreiecksverband mit kleinen Entwässerungsgräben umgeben und miteinander verbunden. Der Aufwurf diente zur Erhöhung des Platzes, der mit je 25 Stück junger Fichten bepflanzt wurde. Diese sind nun herangewachsen und bilden die auffallende Erscheinung der »Klümpse«. An ihre Stelle tritt neuerdings allmählich richtiger Fichtenwald, der im Gahrenberger Revier bereits 22% der Forstfläche (gegen 3% vor hundert Jahren) bedeckt. Stellenweise bereitet auf der Hochfläche allerdings der versauerte und vertorfte Boden der Aufforstung Schwierigkeiten.
Im Mittelalter noch ein Tummelplatz von Tausenden wilder Eber, verarmte der Reinhardswald später allmählich in bezug auf seinen Wildstand, und als gar im Revolutionsjahre die Jagd freigegeben worden war, zählte man bald danach (1852) im Holzhäuser Revier nur 8 Stück Rotwild, 14 Stück Schwarzwild und 14 Rehe gegen 98, 86 und 76 fünf Jahre vorher. Jetzt ist seit 1866 ein Gebiet von 8000 ha eingegattert, und es wird darin ein mäßiger Bestand an Rot- und Schwarzwild gehalten ([Abb. 47]). Auch Auerwild kommt vereinzelt vor. In jedem Herbst findet die akademische Hubertusjagd im Forstbezirk Gahrenberg statt, nach der unter Fackelschein die Beute durch Münden getragen, auf dem Markte eine Rede gehalten und beim Kommers das Jagdgericht abgehalten wird.