X. Die Hilsmulde.
Der Hils. Eschershausen.
Während der Fahrt, die wir auf dem schmucken Dampfer talwärts machten, sind uns unterhalb Holzmindens auf der rechten Seite der Weser, wenn die nahen Hügel oder das Voglergebirge den Blick in die Ferne nicht völlig versperrten, einige Berge aufgefallen, deren Form und Höhe unser Interesse erweckten. Es war der zackige Kamm des Iths und die waldige Höhe des Hilses. Beide gehören zu dem Gebirgssystem der Hilsmulde, über deren merkwürdigen geologischen Bau auf Seite [18] das Nötige gesagt ist. Wir erinnern nur daran, daß eine Wanderung von der Leine oder Weser bis etwa nach Grünenplan über eine Anzahl ringförmig einander umschließender Berge und Täler führt, von denen jedesmal die folgende Zone eine spätere Form der Erdrinde darstellt als die vorhergehende von den ältesten Gebilden der Trias bis zu den jüngsten der Kreide. Von der Weser aus führt uns eine Eisenbahn in die Hilsmulde hinein, die Linie Emmerthal-Vorwohle. Sie überschreitet den Strom bei Bodenwerder (vergl. Seite [83]) und verfolgt dann das Längstal der Lenne, dessen Westrand durch den Buntsandstein des Voglers gebildet wird, während im Osten hinter einer niedrigen Muschelkalkkette sich der Ith erhebt. Wir erreichen bald Eschershausen (1900 Einwohner), ein braunschweigisches Städtchen, im elften und zwölften Jahrhundert durch flämische Einwanderer wenn auch wohl nicht gegründet, so doch hauptsächlich besiedelt ([Abb. 62]). Früher hat es als Kreuzungspunkt der Straßen Alfeld-Holzminden und Einbeck-Bodenwerder eine gewisse Bedeutung gehabt. Jetzt ist es zusammen mit dem nahen Vorwohle der Sitz einer lebhaften Zement- und Asphalt-Industrie. Der Rohstoff dieser letzteren ist ein bis zu 15% mit Erdpech durchtränkter Kalkstein, der teils durch Tagebau, teils in Stollen und Gruben gewonnen wird, und aus dem sowohl Stampfasphalt als Gußasphalt in ziemlich beträchtlichen Mengen hergestellt wird.
Abb. 88. Minden. Verlag von Julius Bleek in Minden. (Zu Seite [104].)
Abb. 89. Inneres des Doms zu Minden. (Zu Seite [106].)
Der Ith.
Der Ith erscheint uns, von Eschershausen gesehen, gleichsam wie eine zinnengekrönte Mauer. Der zackige Kamm zieht sich, bis 439 m ansteigend, nach Nordwest 20 km paßlos hin; denn die beiden Landstraßen, die ihn überschreiten, klimmen bis zur Kammhöhe hinauf. Dann knickt er plötzlich nach Osten um. Dieser südwestlichen Mauer entspricht eine ähnliche, wesentlich längere ohne Gesamtnamen im Nordosten, nur daß diese sich mehr in einzelne Berge auflöst und durch zwei Bäche, die Glene und die Wispe, durchbrochen ist. Im Norden klafft zwischen der Ost- und der Westmauer eine etwa 5 km weite Öffnung, der die Saale entströmt. Im Süden ist der äußere Ring überhaupt nicht geschlossen; doch legt sich hier die Hilshöhe (s. Seite [88]), wenn auch nicht vollständig, in die Lücke hinein. Die ganze Ellipse von fast 40 km Länge und 10 km Breite besteht aus Gebilden des weißen Jura, dessen Schichten nach dem Inneren der Mulde ziemlich steil einfallen und dem Wanderer, der sie von der Außenseite her nehmen will, schroffe, dräuende Dolomitklippen entgegenhalten. Manche von ihnen haben geradezu die Form von Keulen oder Nadeln, wie die berühmten Steine »Adam und Eva« bei Coppenbrügge ([Abb. 63]). Der Kamm hebt und senkt sich fortwährend und ist, besonders auf dem Ith, äußerst schmal. Eine Gratwanderung ist daher recht beschwerlich; denn selbst der Buchenwald, der nur mager gedeiht, gewährt nicht immer ausreichenden Schatten. Aber doch welch ein Genuß, von den Rotensteinfelsen bei Eschershausen ([Abb. 64]), von den Dielmisser Felsen, von dem Mönchstein bei Lauenstein oder vom Kahnstein bei Salzhemmendorf, hoch oben am Rande der senkrechten Wand stehend, auf das fruchtbare Vorland hinabzuschauen, in dem die Dörfer sich eng geschlossen und ziegelrot wie auf der Landkarte aus dem gelb, braun und grün gezeichneten Gelände abheben. Noch mühseliger freilich ist es, sich durch die Felswildnis hindurchzuarbeiten, welche die äußeren Abhänge jener Bergketten begleitet. Aber lohnend ist auch das, zumal wenn wir so interessante Punkte aufsuchen wie die Teufelsküche bei Coppenbrügge, wo der gewaltige Garnwindel- oder Wackelstein auf schmaler Basis ruht, oder die Kammersteine am Selter bei Freden mit ihrer Höhle.
§. Abb. 90. Bergkirchen auf dem Wiehengebirge. (Zu Seite [107].)
Das zwischen jenen Bergen eingeschlossene Becken ist ebenfalls reich an gutem Ackerboden, birgt aber auch viele verwertbare Mineralien, wie Kalk, Gips, Ton, Braunkohle und Eisenerz. So hat es sich denn auch gelohnt, eine normalspurige Kleinbahn von Voldagsen an der Linie Hameln-Hildesheim bis zu der Eisenhütte bei Delligsen in die Hilsmulde hineinzuschieben. Sie berührt zunächst das reizende Lauenstein (1200 Einwohner), das sich fast in den oben erwähnten Knick des Ith hineinschmiegt und von schön bewaldeten Hügeln umgeben ist ([Abb. 65]). Der Ort ist unter dem Schutz einer den Herren von Homburg gehörigen und in ihren Resten noch erhaltenen Burg entstanden, wie auf der anderen Seite des Gebirges der Flecken Coppenbrügge seinen Ursprung einer Feste der Grafen von Spiegelberg zu verdanken scheint, die jetzt als Amthaus dient.
Salzhemmendorf (1300 Einwohner) am Fuße des Kahnsteins hat seine Saline 1873 eingehen lassen, besitzt aber noch sein kleines Solbad, wenn auch die riesigen Kalksteinbrüche den Flecken fast ganz zum Industrieorte zu machen drohen. Duingen (1100 Einwohner) dagegen sieht seit den siebziger Jahren allmählich seine alte, bodenständige Steingutindustrie dahinschwinden, die dem Wettbewerb mit dem billigen Emailgeschirr auf die Dauer nicht standhalten kann. Der tertiäre Ton, der sich dort in vereinzelten Nestern findet, wurde von selbständigen Meistern, von denen gegenwärtig nur noch vier das Gewerbe fortsetzen, auf dem Drehrade mit der Hand zu Töpfen, Schüsseln, Krügen usw. verarbeitet und in kleinen Öfen mit Stroh gebrannt. An die Stelle der Erzeugung von Topfware ist jetzt zum Teil der Handel mit solcher getreten. Man läßt sie von auswärts kommen, z. B. aus Bunzlau, und fährt sie in den Dörfern herum, wo die Landleute sie unmittelbar vom Wagen kaufen.
Abb. 91. Königl. Kurhaus in Bad Oeynhausen.
Nach einer Aufnahme von Hofphotograph C. Colberg in Oeynhausen. (Zu Seite [107]/108.)
Ein viel besuchtes Plätzchen in der Nähe ist die berühmte Lippoldshöhle, eine vermutlich sehr alte Wohn- und Befestigungsanlage, die, vielleicht mit Benutzung natürlicher Höhlen, in den Korallenkalk des Reuberges bei Brunkensen hineingearbeitet worden ist. Sie liegt an dem Durchbruchstale der Glene, die hier einer Papierfabrik dienstbar gemacht ist, und hatte wohl den Zweck, diesen Engpaß zu sperren. Dies wird um so wahrscheinlicher, als auf dem Reuberge einst die Burg Hohenbüchen lag, und als in der Familie ihrer Besitzer, der Herren von Rössing, der Name Lippold nicht selten war. Die Sage aber hat die alte Höhle zum Räubernest gemacht, was ja in einem gewissen Sinne auch nicht unrichtig ist; sie weiß von Lippolds Freveltaten schauerliche Mären zu erzählen und läßt ihn selbst verdientermaßen auf dem Rabensteine enden. Oft suchen die Schulen der Umgegend den romantischen Platz auf. Die jugendlichen Wandersleute steigen dann gerne auf der schwankenden Leiter zu des Räubers »Stube« und »Kammer«, kriechen mit den Wachsstümpfen in der Hand durch den niedrigen, schmalen Gang zum »Schornstein« und lassen sich durch diesen zur »Küche« und zum »Pferdestall« herab, derweil die besonneneren Begleiter sich im Schatten der Felsen an der plätschernden Glene der Rast erfreuen und den Zauber der märchenhaften Umgebung auf sich wirken lassen.
Ith und Hils.
In den südöstlichen Teil des besprochenen Juraringes ist nun ein kleinerer Ring sozusagen eingeschaltet, der der Kreideformation angehört; es ist der eigentliche Hils selbst. Er übertrifft den Jurazug an Höhe, da er im Großen Sohl und in der Bloßen Zelle bis zu 471 und 477 m ansteigt. Auf der Karte gleicht er einem menschlichen rechten Ohr; er zeigt nur im Osten eine Öffnung, und diese wird durch das Tal der Wispe gebildet. Steigt ihr hinauf zu einer kahlen Stelle des breiten Hilsrückens, so überschaut ihr ein Waldland von echtem, herbem Mittelgebirgscharakter. Denn auf dem Hilssandstein gedeihen ausgedehnte Fichtenwälder und nur auf den jüngeren Formationen, besonders dem Pläner, findet sich Buchenwald. Bäuerliche Siedelungen fehlen hier gänzlich. Inmitten dieser kleinen, aber durch Naturschönheiten besonders bevorzugten Berggruppe liegt tief im Kessel Grünenplan, eine ganz junge Gründung. Denn den Kern des braunschweigischen Dorfes bildet eine Spiegelglashütte, die des billigen Brennholzes wegen im Jahre 1740 angelegt wurde, und zwar, wie es scheint, an Stelle älterer, wieder verlassener Hütten. Wer möchte es glauben, daß dieses Dorf viele weit gereiste und sprachkundige Männer beherbergt! Es sind Vogelhändler, die aus dem Oberharz die kleinen gefiederten Sänger, zumal Kanarienvögel, beziehen und sie dann selbst in überseeische Länder, besonders nach Süd- und Mittelamerika, bringen. Zu diesen Erwerbszweigen tritt neuerdings die Fremdenindustrie. Denn Grünenplan kommt als Sommerfrische immer mehr in Aufnahme.
Abb. 92. Osnabrück vom Gertrudenberge aus gesehen.
Nach einer Photographie von J. H. Evering Wwe. in Osnabrück. (Zu Seite [108]/109.)