RUF
Du hoher Ton der Geige! Diese Zeit
Ist nicht die meine und die Tage fliehn.
Du Jubelton der Geige! Ach, es starb
Die Jugend und mich freut kein Siegen mehr.
Du Siegeston der Geige! Ewig frißt
Der Gram! Ihr Armen! Laßt die Bäume blühn.
BEKENNTNIS
Um des Geistes Morgenschlummer
Aufzuwecken, schreibe ich das Gedicht.
Da aus all dem toten Kummer
Eine Stimme meinem Glühen Antwort spricht.
Stimme eines schlanken, frohen
Mädchens, das kein andres Opfer kennt
Als ein Lachen, kühlend: die da lohen
Nachtgeborne Flammen, sonst kein Opfer kennt.
Nimm den ewig grünen dunkeln
Lorbeer auf dein Haupt, wie Feuer brennt,
Berge ragen und die Sterne funkeln:
So bekenne: ob man stolz dich nennt.
Dem erstummt die Welt und Einsamkeiten
Dich im Fragen sternengleich umziehen
Wie im Traume, wenn du meinst zu schreiten
Über hohe Dächer, Türme hin.
MAHNUNG
Stille! Freund! Es lernt sich alles.
Wer die Scham verlernt hat, ist
Jeglichen Verbrechens fähig.
Längst begehrt mein Herz: zu sehen
Wie im Kampf der Feige kühn wird
Und wie aus dem kältesten Grauen
Jäh die Grausamkeit erwacht.
Preist nicht den Gewinn der Arbeit!
Ja: der Durst begehrt nach Säure!
Wohl! Bedenk: Das Herz verlangt nicht
Obst: es will gestohlene Früchte.
Meide Worte, die uns rühren:
Sie verführen, und im Herzen,
Das Verführung schon gekostet
Und verspürt hat, wacht die Tücke.
Schweigt von Gott! Schweigt von der Plage!
Glaubens Reden stört die Andacht,
Stört die stille Scham des Mannes.
Schweigt von Tugend und von Sünde.
Darum still! Und müßt ihr reden,
Sprecht in leichten lockern Worten,
Die den Tänzer nicht beschweren,
Nicht des Weines Licht verdunkeln.
ABSCHIED
Es ertrinken die Sterne
In tiefem Blau.
Des Morgens Kahn ziehn ferne
Schimmernde Segel,
Zeigen uns, wie unergründlich tief
Die schwindende Nacht ist.
Freund! Gefahr und Weib
Gilt. Was? Kopf hoch und munter.
Torheit ist unser Wundern,
Torheit ist das Verachten.
Freund!
INHALTSÜBERSICHT
| Seite | |
| Phantasia desperans | [5] |
| Frage | [5] |
| Cantate | [6] |
| Abend | [6] |
| Erfüllung | [7] |
| Es gibt doch Süße | [7] |
| Ballade | [8] |
| Unlust | [8] |
| Werbung | [9] |
| Spät nachts | [9] |
| Geständnis | [10] |
| Erinnerung | [10] |
| Morgenträume | [11] |
| Melancholie | [11] |
| Unmut | [12] |
| Der Einsame | [12] |
| Der Individualist | [13] |
| Abend | [13] |
| Tanzlied | [13] |
| Morgen | [14] |
| Sorge | [14] |
| Erwachen bei der Geliebten | [15] |
| Wunsch | [15] |
| Freude | [15] |
| Weinlied | [16] |
| Aristogeiton | [17] |
| Zweifel | [18] |
| Klage um den Wein | [18] |
| Elend | [19] |
| Ernüchterung | [19] |
| Ästhetik des Kriegs | [20] |
| Herbst | [20] |
| Stimmen | [21] |
| Reue des Dichters | [21] |
| Lied der Helden | [22] |
| Der Untaugliche | [22] |
| Der Trinker auf dem Schlachtfeld | [23] |
| Ruf | [25] |
| Bekenntnis | [24] |
| Mahnung | [25] |
| Abschied | [26] |
Anmerkungen zur Transkription
Im Original g e s p e r r t hervorgehobener Text wurde in einem anderen Schriftstil markiert.