Der große Irrgarten
Kommt mit in meinen Blumen-, Irr- und Wundergarten! Er ist nicht größer als meine Handfläche; aber ihr werdet euch wundern. Ein Leben könnt ihr damit verbringen, durch seine Gänge, Lauben, Grotten und Gebüsche zu wandeln. Tretet ein!
Als unsere Aelteste eben zu sprechen begonnen hatte und meine Frau sie eines Tages fragte: »Wo ist Papa?«, da antwortete sie mit unvergleichlicher Gemütsruhe: »Papa puttrissen,« d. h. Papa ist kaputtgerissen.
Meiner Frau und mir selbst war von diesem jähen Ende nichts bekannt; wir fragten uns also: Was kann das heißen sollen? Ich war verreist gewesen; das Kind hatte gehört, Papa ist verreist; reisen war ihm dasselbe wie reißen, verreisen soviel wie zerreißen; in seinem Kopfe hatte der Satz also geklungen wie »Papa ist zerreißt«, und wie die papiernen Bilder und Puppen, mit denen sie gelegentlich spielte, immer sehr bald »puttrissen« waren, so war es jetzt ihr Vater. Sie nahm sein grauses Schicksal mit der denkbar größten »Wurschtigkeit« hin.
Als ihr Brüderchen noch am Boden kroch und spielte, hörten wir ihn wiederholt den Ruf »Hammelschitte!« ausstoßen. Lange suchten wir vergeblich nach der Uebersetzung dieses seltsamen Wortes.
Endlich beobachteten wir, daß der Junge diesen Ruf jedesmal dann ausstieß, wenn eines seiner Stein- oder Holzgebäude zusammenstürzte oder wenn sich sonst eine Katastrophe ähnlicher Art ereignete. Und mit einem Male ging uns ein Licht auf. Wenn wir mit ihm gespielt hatten, so hatten wir wohl bei gleichem Anlaß gerufen: »Da ha'm wir die Geschichte!« Dieser Satz war ihm zu einem Wort und einem Begriff zusammengeschmolzen und bedeutete soviel wie Zusammenbruch, Einsturz, Umsturz, und da ein möglichst geräuschvoller Einsturz für die Kinder ein Hauptvergnügen beim Bauen, ja, sozusagen der Sinn des Bauens ist, so stieß er das Wort »Hammelschitte« jedesmal mit sichtlicher Befriedigung hervor.
Ebenfalls nicht ohne weiteres, wenn auch immerhin leichter verständlich war mir die Nachricht unserer Jüngsten, sie habe bei den Nachbarn ein Bild gesehen, auf dem wäre »Jesus mit zwölf Posteljungens« gewesen. Sie hatte offenbar von »Aposteln« und von »Postillons« gehört und die beiden Berufsklassen zusammengeworfen. Vielleicht hatte auch noch das Wort »Jünger« hineingespielt.
Als dasselbe Kind uns versicherte, es habe »solche Notbremse im Hals«, schenkten wir ihm keinen Glauben. Erst als wir erkannten, daß es sich um ein »Sodbrennen« handle, fanden wir seine Beschwerden verständlich. Auch als es uns erzählte, unser Wirt in der Sommerfrische füttere seine Schweine »mit Schleie«, fanden wir dieses kostspielige Verfahren nicht wahrscheinlich; mit »Kleie«: das war zu glauben.
In einer Warteschule hörte ich die Kinder singen »Es regnet ohne Untersatz« statt »Unterlaß«. Sie wußten, daß man Gefäßen, die eine Flüssigkeit enthalten, wie Biergläsern, Blumentöpfen und dergleichen, einen Untersatz gibt, und machten wahrscheinlich mit Befremden die Beobachtung, daß die Natur beim Regnen diese Reinlichkeitsmaßregel versäume.
Ihr werdet jetzt schon wissen, was ich mit meinem Irrgarten meine; wenn ich von seinen Schönheiten, Wunderlichkeiten und Wundern nicht immer die letzte Erklärung gebe, so gebt sie euch selbst; es ist das anmutigste und fruchtbarste Rätselraten, das ich kenne.
Ein krauses und reiches Gärtlein für sich bilden allein schon die lautlichen Irrwege der suchenden, tastenden Kinderzunge, die doch nach verborgenen Gesetzen tastet und sucht. Das Kind erfindet sich ein geniales Erleichterungsverfahren; es assimiliert Zahn- und Lippenlaut und macht zwei Lippenlaute daraus; es hat »epwas« gefunden und möchte noch »epwas« von der Torte, die ihm schmeckt; es löst einen schwierigen Hiatus auf, indem es einen leichten Konsonanten einschiebt, auf den die Zunge schon eingestellt war, ersetzt eine schwierige Konsonantenhäufung durch eine leichte Konsonantenfolge, und zwar durch eine, die es soeben erst geübt hat; darum wollte eins unserer Kinder nichts von der »Servisette« wissen; darum sprach es, als es schon stark herangewachsen war, noch immer ahnungslos von einer »Klopdopstraße« statt von einer Klopstockstraße.
Das Kind verkehrt die Reihenfolge der Anlaute in schwierigen Wörtern und erzählt uns strahlenden Auges von der »Muckerlative«, die so laut geschrien und geschnauft, und von dem »Wufflabomm«, den es am Himmel gesehen habe. Mit entschlossener Abkürzung macht es aus einem Delikatessenhändler einen »Delitessenhändler«; ein völlig fremdes Wort modelt es um nach einem, das es schon gehört hat: so verbreitete eines unserer Kinder die sensationelle Nachricht, daß seine Eltern in »Salzkamerun« wären, während wir nur bis zum Salzkammergut gekommen waren.
Ebenso erquicklich ungeniert behandelt es die Etymologie; wo ihm die Vergangenheitsformen fehlen, gebraucht es den Infinitiv oder wenigstens seinen Vokal; es hat ein heillos verknotetes Stiefelband »einfach durchgeschneiden« und fragt die Mutter, ob sie die Ernte vom Stachelbeerbusch schon »gewiegt« habe. Die unregelmäßigen Verben und ihre Ablautung sind ja bekanntlich überall und überhaupt ein lustiges Kapitel; die rote Grütze, die in der Küche bereitet wurde, »raach« so wunderschön, als Roswitha im Garten »ging, nein: gang, nein: gung«; sie möchte sich »epwas« davon »nimmen«. Und wenn es eine »Faulheit« gibt, warum soll es keine »Fleißheit« geben; wenn man von Emsigkeit spricht, warum soll sich Irene nicht über die »Faulkeit« ihrer Puppe entrüsten? Ist man nicht souverän und kann man nicht einfach Plurale und Wörter schaffen, die es bis dahin nicht gegeben? Wenn Rosenkohl auf den Tisch kam, verzichtete Erasmus; er mochte »die kleinen Köhler« nicht; die Peitsche war ihm ein »Knallstock«, und die Kiemendeckel der Fische waren »Fischklappen«. Die Frauen, die im Kloster leben, heißen Nonnen, die Männer, die im Kloster leben, demgemäß natürlich »Nonnenmänner«, und wenn man die Lampe angezündet hat, so muß man sie beim Zubettgehen wieder »auszünden«.
Muß sich der Deutsche Sprachverein nicht freuen, wenn aus dem welschen »Vestibül« ein deutsches »Westerbül« wird? Wenn es nach Süden liegt, sagt man natürlich »Süderbül«.
Wurzelecht ist dieser Purismus Roswithens freilich nicht; als ich verschiedentlich scherzenderweise das Wort »naturellement« gebraucht hatte, sagte sie statt »natürlich« nur noch »natürlichrallemang«.
Dagegen verfuhr sie wiederum höchst selbständig, ja tyrannisch bei der Transition des Tätigkeitsbegriffes auf Subjekt oder Objekt. Sie dichtete eines Tages bei einem ihrer Spiele, daß es regne, und spannte ihr Schirmchen auf. »Warum spannst du denn den Schirm auf?« fragte ich. »Ich beschütz den Regen,« versetzte sie.
Aber dieser Irrgarten der Wörter und Laute ist nur ein kleines Vorgärtchen zum großen Labyrinth der Begriffe. Denkt euch, ihr blicktet von erhabenem Standort auf ein riesiges Manöverfeld, in dem eine Armee nach allen Richtungen zerstreut durcheinandergewirrt wäre. Da ertönt das Signal zum Sammeln, und plötzlich entsteht ein so heilloses Ameisengewimmel, daß ihr glaubt, es könne sich nie und nimmer entwirren. Aber mehr und mehr kommt Ordnung in den Haufen; immer deutlicher formen sich die Gruppen, und endlich steht jede Division und jede Kompagnie an ihrem Platze und jeder Mann in seinem Zuge an rechter Stelle.
Daran muß ich immer denken, wenn ich das Gekribbel und Gewibbel und Gewusel der Vorstellungen und Begriffe in einem Kinderkopf beobachte, und kein Schauspiel dünkt mich wunderbarer und entzückender, als wie diese Begriffe und Vorstellungen sich nach und nach von selbst zurechtlaufen.
Interessant ist schon die Chronologie der kleinen Köpfe. »Einmal«, so erzählte unsere Roswitha ihrer Mutter und mir, »einmal hab ich in Eppendorferweg 'n ganz großen Löwe gesehen!« und als wir an der Wahrheit dieser Erzählung zweifelten, fügte sie hinzu: »Ganz gewiß, da wart ihr noch gar nicht geboren.«
Als sie eines Tages hörte, daß Männe, ihr geliebter Dackel, auch einmal sterben werde, da meinte sie nach längerem Nachsinnen: »Na ja, wenn er denn stirbt un wenn Kurti denn mein Mann is, denn lassen wir ihn ausstopfen un denn stellen wir ihn aufs Büfett.« Männe wird eben nicht eher sterben, als bis sie verheiratet ist und ein Büfett hat. Kinder sind Götter und arrangieren den Weltlauf höchstselbst. Und der Gedanke, daß etwas Geliebtes ganz aus ihrer Nähe verschwinden könnte, besteht für sie nicht.
Die Kinder, die Roswitha einmal haben wird, haben sofort ein gewisses vorgeschritteneres Alter; die früheren Kinderjahre überspringen sie. Ihre Mutter wünscht das so, weil sich dann interessanter mit ihnen spielen läßt als mit Säuglingen und Babies.
Roswithens ältere Schwester Herta kennt keinen Unterschied der Zeiten nach Sitten und Gebräuchen; ihre Geschichtsbilder sind ein einziger Anachronismus. »Mutter,« fragte sie, »wie hieß noch der Herr, der über die Volsker siegte?« Coriolan ist eben ein »Herr« wie der Nachbar Müller mit der karierten Hose und dem Zylinder. Geschichtslehrer sollten das bedenken.
Und alle sollten wir bedenken, daß Kinder von dem, was wir ihnen sagen, viel weniger verstehen, als wir ahnen, wenigstens von dem, was sie verstehen sollen. Was sie erleben, verstehen sie weit besser, als was wir ihnen sagen. Dieselbe Herta kam mit der Theseussage nach Haus und erzählte frisch und munter: »Theseus hatte aus Versehen auf Kreta getreten.« Was mag sie sich unter Kreta vorgestellt haben! Nie haben wir's herausgebracht.
Was mag sich unsere Jüngste jahrelang unter dem Wort »Dienstag« vorgestellt haben! Eines Tages sagte sie nämlich mit größter Entschiedenheit: »In mein ganzes Leben is noch nie Dienstag gewesen!« Und ein anderes Mal fragte sie: »Nich, Pappi, Eis is doch kälter als Winter, nich?« Wie sah der Winter aus in diesem Köpfchen? Nicht wahr, das ist ein Helldunkel, so geheimnisvoll, wie es keinem Rembrandt je gelungen ist, nicht wahr, da tun sich zauberdunkle Höhlen voll flimmernder Nächte auf?
Zuweilen gemahnt das kindliche Tasten an den blinden Glücksgriff des Genies. »Was ist denn ein ›Paradies‹?« fragte ich einst ein kleines Mädchen. »Ein Friedhof«, antwortete es ohne Besinnen. Der Friede mochte das tertium comparationis sein, das die beiden Gärten in der Seele des Kindes zu einem gemacht hatte. Und auf der Straße hörte ich einst, wie hinter mir ein Büblein zum andern sagte: »Gestern ist meine Großmutter eingepflanzt worden.« Das ist eigentlich noch schöner als Schillers Verse:
Noch köstlicheren Samen bergen
Wir trauernd in der Erde Schoß …
Wir verbinden die Vorstellungen zu Begriffen, wenn sie in den wesentlichen Merkmalen übereinstimmen; das Kind stellt solche Verbindungen nach einzelnen, oft nach einem einzigen und dazu noch zufälligen Merkmal her. Das ergibt dann Aussprüche von merkwürdigem Tiefsinn und von überraschender Komik. Ein Sechsjähriger kam an seinem ersten Schultage mit der verwunderten Bemerkung heim: »Sie sagen in der Schule gar nicht ›Sie‹ zu mir.« Daß seine Verwandten und seine Spielkameraden und die Freunde des Hauses ihn duzten, war begreiflich; sie waren ja Bekannte; aber fremde Leute sagen doch »Sie« zueinander.
Ein anderer Abc-Schütze berichtete mit gleicher Verwunderung: »Die Schulbänke sind gar nicht gepolstert.« Man sollte glauben, es sei ein verwöhntes Seidenpüppchen gewesen; aber das Gegenteil war der Fall; es war ein einfach gewöhnter, derber Junge; aber mit dem Begriff eines Sitzgeräts war ihm das Merkmal der Polsterung verbunden.
Einer meiner Freunde ging mit seinem neunjährigen Neffen in einen Juwelierladen, dessen Inhaber ihm u. a. auch einen hübschen Ring für den Buben anstellte. Er steckte dem Knaben den Ring an den Finger und meinte, ob er solch einen Ring nicht haben möchte; der Junge aber lehnte entschieden ab. Wieder auf der Straße, sprach er mit einer gewissen Entrüstung zu seinem Onkel: »Ich weiß gar nicht, was der Mann mit seinem Ring wollte! Ich denke gar nicht ans Heiraten.«
Natürlich sind es vor allem die sinnlichen Merkmale der Dinge, die in den Kindern haften und nach denen sie diese Dinge erkennen und bestimmen. Roswitha hatte mit großen, vor Teilnahme ganz dunklen Augen das Lied von den zwei Königskindern gehört, für die das Wasser viel zu tief war.
»Warum schwamm denn der Königssohn hinüber?« fragte ich sie. »Er konnte doch nicht so weit hinüberlieben,« war ihre Antwort. Lieben heißt die Arme um den Hals des andern schlingen, ihn drücken und küssen.
Selbst die Geister denkt sich Roswitha in einer nicht zu überbietenden Konkretheit. Sie hatte sich im Dunkel ihres Schlafzimmers vor »Geistern« gefürchtet (wie sie darauf verfallen war, weiß ich nicht); in einer dunklen Zimmerecke argwöhnte sie solch einen Störenfried. Wir hatten ihr versichert, daß es Geister von der Art, die die Leute bei Nacht belästigen, nicht gebe (in solchem Alter gibt's die ja wirklich nicht), und hatten sie genau in alle Winkel schauen lassen, um sie von der Gespensterreinheit des Zimmers zu überzeugen. Das hatte sie denn auch beruhigt. Aber einige Wochen später mußten ihr doch wieder Zweifel aufgestiegen sein; sie rief noch spät ihre Mutter ans Bett und vertraute ihr ihre Befürchtungen an:
»Ich weiß ja, daß es keine Geister gibt; du hast es mir ja gesagt; aber ich muß immer daran denken: vielleicht is doch noch einer nachgeblieben, un der hat sich vielleicht vermehrt.«
Kann man sich Geister sinnlicher vorstellen?
Und wie sie allem Geistigen einen Körper geben, so – das ist bekannt – beseelen sie alles Körperliche. Weil ihnen Körper und Geist überhaupt noch ungetrennt sind, weil ihnen die Welt überhaupt noch als ein einheitliches Ganzes, nicht als eine Vielheit erscheint! Sie besitzen durch die Gnade der Natur noch die Synthese, die der Philosoph, wenn er die Welt analytisch zerbröckelt hat, vergeblich wieder zu erringen sucht; sie sehen die Welt noch in größeren Komplexen als wir. Das zeigt sich höchst charakteristisch in ihrer Orthographie; sie hören nicht Wörter, sondern ganze Wortkomplexe, ganze Sätze als eines. Als Roswitha Briefe zu schreiben begann, da schrieb sie an ihre Freundin nicht nur: »Dann kristu (kriegst Du) meine Puppe«, sie lud sie auch »aufngansentag«, d. i. auf einen ganzen Tag zu sich und berichtete ihr, daß Männe »gansausersich«, d. h. ganz außer sich vor Freude gewesen sei.
Und so wenig sie die Worte und Dinge voneinander trennen, so wenig trennen sie sich selbst von den Dingen des Alls. »Seid umschlungen, Millionen,« dieses Wort im grenzenlosesten Sinne ist ihre Weltanschauung. Da kann es nicht wundernehmen, daß Herta fürchtete, ihre Puppe werde Heimweh bekommen, und daß Roswitha von ihrem Kaninchen »Swatti« erzählte:
»Als ich Swatti fragte: ›Hast du dir wehgetan?‹, da sagte es: ›Was geht dich das an!‹«
»Wie«, fragte ein ungeschickter Mann, »hat Swatti denn gesprochen?«
Ueberrascht sah ihn Roswitha an. »Es hat so gemacht,« sagte sie und verzog blitzschnell das Schnäuzchen, wie es die Kaninchen tun und wie es die Kinder machen, wenn sie maulen und trotzen. War das nicht Sprache genug?
Alles Leben ist eins, und in einem einzigen Strome durchzieht es alle. Darum sprang Roswitha heftig auf, als in einer häuslichen Aufführung die Königin über den Tod Schneewittchens triumphierte, und rief mit Tränen in den Augen:
»Du freche Deern, du sollts man tüchtig Haue haben!«
Und darum erlebt' ich eines Tages, als ich zum hundertsten Male den »Tell« sah, etwas ganz Neues. Als die Rütlimänner auseinandergingen und die Urner wieder die Felsen hinanstiegen, da winkten sie ihren Genossen zum Abschied, und diese winkten zurück. Und wer winkte mit? Mein Töchterchen Herta, das an meiner Seite saß. Sie lebte zu Beginn des 14. Jahrhunderts in der Schweiz; sie hatte mitgeschworen und kehrte nun heim »zu ihrer Freundschaft und Genoßsame«.
Und wie sie alles sind, was sie erblicken, so können sie alles, was sie sehen. Daß Rudi »Seemann oder Dichter« wird, steht fest, daß er dabei auf Schwierigkeiten stoßen könnte, ist ausgeschlossen; daß er als Seemann den Nordpol finden wird, leidet keinen Zweifel. Aber das alles ist mit menschlicher Kraft zu erreichen. Kinder haben überdies noch Wunderkräfte. Wenn Roswitha mit fanatischer Gebärde ausruft: »Ich verzauber dich als Tier!« dann ist Rudi ein Tier, da gibt es keine Berufung.
Und wie die Kraft, so der Glaube. Als ich einst mit Herta spazieren ging und wir an einem Wagen mit einem Schimmel vorbeikamen, sagte sie: »Das ist der siebenunddreißigste Schimmel, den ich seh.«
»Zählst du denn die Schimmel?« fragte ich höchlichst überrascht.
»Ja, ich zähl alle Schimmel, die ich seh, und wenn man neunundneunzig gesehen hat, dann kann man sich was wünschen.« Sie machte dabei dieselben Augen wie damals, als sie den Urnern zum Abschied winkte.
Die größten Magier und Wundertäter aber sind Vater und Mutter. Ich erinnere mich aus meiner Kindheit einer Zeit, da ich glaubte, daß meine Eltern alle meine Gedanken wüßten, wie der liebe Gott. So haben meine Frau und ich bei Roswithen unbegrenzten Kredit. Als sie ihre erste, rührend einfache Weihnachtshandarbeit machte, beriet sie eifrigst und eingehendst mit ihrer Mutter darüber, wie sie dies Geschenk am besten vor ihr verbergen könne. Vieles wurde erwogen, vieles wieder verworfen. Endlich rief sie: »Ach was, ich leg es einfach in meine Puppenkommode; ich weiß ja, daß du nich darangehst!«
Und ein andermal sagte sie: »Ja, ich steck ja noch immer den Daum'n in Mund, wenn ich einschlaf; aber du wirst mir das wohl schon abgewöhnen.« Dies felsenfeste Vertrauen zur Mutter beruhigte ihr Gewissen vollkommen.
Wenn ich aber Roswithens Meinung von mir darstelle, so muß ich mich eigentlich schamroter Tinte bedienen. Als ein Bildhauer eine Büste von mir angefertigt hatte, da fragte ihr Bruder sie, auf die Inschrift im Sockel zeigend: »Was steht denn wohl drunter?«
»Pappi!« versetzte sie wie etwas Selbstverständliches. Die Welt hatte doch nur einen Pappi, und das war ich. Dumme Frage.
Als aber später einmal von Frankfurt a. M. die Rede war und ihre lehrfreudige Schwester Irene sagte: »Da ist der größte deutsche Dichter geboren. Wer ist das?«, da rief Roswitha mit derselben Selbstverständlichkeit: »Vater!«
Sie soll einmal meine Biographie schreiben.
Die nächsten im Range nach Vater und Mutter sind die Könige und Prinzen. Daher Roswithens tiefes Erstaunen, als sie in der biblischen Geschichte vernahm, daß die jüdischen Könige mit einer gewissen Regelmäßigkeit und Gründlichkeit sündigten.
»Merkwürdig,« sprach sie eines Tages sinnend zu meiner Frau, »jeder König tut eine große Sünde; aber auch jeder!«
Von den Prinzen hatte sie dagegen infolge von Schokolade eine andauernd gute Meinung. Ein Prinz nämlich hatte uns gelegentlich eines Besuches Schokolade für die Kinder gegeben, und als Roswitha ihr Teil empfing, fragte sie strahlenden Blicks: »Handelt der Prinz mit Schokolade?«
Man muß nämlich nicht glauben, daß sie wie ein Kriegsminister denkt und in solchem Handel etwas Deklassierendes erblickt; im Gegenteil: ein Prinz, mit Degen, Barett und spanischem Mantel in einem Laden voll Schokolade stehend, wäre ihr ein besonders herrlicher Prinz gewesen. Hatte sie doch eines Tages, als ihre Geschwister ins Theater kamen und sie dafür durch Schokolade entschädigt wurde, triumphierend ausgerufen:
»Schokolade ist besser als Theater!« Eine Wertung, der ich in manchen Fällen entschieden zustimme.
Unmittelbar auf Könige und Prinzen folgt, was Hoheit und Macht anlangt – hier zeigt sich Roswithens deutsche Natur – der Schutzmann oder Konstabler.
»Wo ist denn Rudi?« fragte ich sie einmal, als sie etwa vier Jahre alt sein mochte. Rudi war der nachbarliche Spielgefährte.
»Och,« versetzte sie, »wir ha'm uns doch 'n Herd gebaut, aus Sand, nich? Un nu woll'n wir Suppe mit Reis zu Mittag kochen, nich? Un nu fragt Rudi den Konstabler, ob wir das auch dürfen.«
So weit muß es kommen mit der Loyalität. Nur sollten dergleichen Gesuche schriftlich abgefaßt und auf einem längeren Instanzenwege erledigt werden.
Eine unbegrenzte Macht ist auch das Fünfpfennigstück. Ein köstliches Kerlchen von drei Jahren hatte solch ein Fünfpfennigstück bekommen und wollte damit stracks Laufs auf den Markt, um sich »ßwei Simmels« (zwei Schimmel) zu kaufen.
Gelegentlich sind wir bereits aus dem intellektuellen in den moralischen Irrgarten getreten. Hier besteht die Verwirrung oft in der verblüffenden Einfachheit. So überwindet Roswitha die Illoyalitäten des ersten Napoleon auf eine höchst summarische Art. Als man ihr erzählte, daß dieser Mann Aegypten, Italien, Spanien, Deutschland, Oesterreich usw. erobert und mit Krieg überzogen hatte und nun auch noch Rußland erobern wollte, da rief sie empört: »Der is woll wahnsinnig! Der muß mal tüchtig was auf die Jacke haben!«
So ist es denn ja auch am letzten Ende gekommen, wenn sich die Sache auch nicht so einfach gemacht hat, wie es Roswitha meinte.
Kinder glauben an die unbedingte Wirksamkeit von Strafe und Ermahnung; sie beseitigen die moralischen Uebel wie der Bader einen Leichdorn. Wie Roswitha fest davon überzeugt war, daß ihre Mutter ihr das Lutschen auf dem Daumen »schon abgewöhnen« werde, so ist sie tief davon durchdrungen, daß ihre Kaninchen die Unart des Erdwühlens ablegen werden, wenn sie ihnen ermahnend zuruft: »Ihr dürft aber nicht wühlen!«
Daß Roswitha bei aller Einfachheit ihrer sittlichen Begriffe in gehobenen Stunden gemeinsam mit Rudi das Räuberhandwerk betreibt und alles, was durch den Garten kommt, »überfällt«, »fesselt« und »beraubt«, mit besonderer Vorliebe mich, weil ich so viel in den Taschen trage, das kann in einem Irrgarten nicht wundernehmen. Verwunderlicher ist schon, daß an der Innenwand der Räuberhütte, in der ich schon viele Jahre als Gefangener geschmachtet habe, ein Abreißkalender, ein Thermometer und ein Telephonbuch hangen.
Daß der Garten der Liebe für Roswitha noch im tiefsten Dunkel liegt, ist selbstverständlich; aber selbst dieser kimmerischen Finsternis entwachsen anmutige Blumen. Sie hatte öfters ein Kind in Begleitung einer Bonne durch unsere Straße spazieren sehen. »Das Kind gehört Dr. Melchers,« sagte Herta bei Gelegenheit.
»Nein, das Kind gehört dem Fräulein!« rief Roswitha energisch.
»Unsinn, Melchers gehört es,« wiederholte Herta, »ich weiß es doch!«
»Ach, was du schnackst!« rief Roswitha. »Dem Fräulein gehört es! Das Fräulein spielt doch immer mit ihm, nich? Un Melchers spielen nie mit ihm.«
So verteidigte sie fanatisch das Mutterrecht des Fräuleins, worauf dieses wahrscheinlich gar kein Gewicht legte.
So viel immerhin scheint Roswitha von der Liebe schon zu ahnen: daß es nicht gut sei, wenn der Mensch allein ist. Man hatte ihr erzählt, daß die Nonnen niemals einen Mann nehmen dürften. Das versetzte sie in tiefes trauerndes Nachsinnen. Dann aber fuhr sie plötzlich auf und rief: »Dürfen sie denn nicht wenigstens die Mönche heiraten?«
Was die Mönche zu diesem »wenigstens« sagen werden, bleibt abzuwarten.
Nicht wesentlich anders stand es mit der zwölfjährigen Irene, als sie uns erzählte: »Georg hat mir gesagt, er sieht kein andres Mädchen an als mich.«
Das war von Georg deutlich genug; aber da Irene uns die Angelegenheit ohne Umschweife und freiwillig mitteilte, so waren wir beruhigt.
Als sie einmal unversehens in die Küche geraten war und eines der Dienstmädchen bei dieser Gelegenheit mit viel Empfindung Liebesbriefe von seinem Sergeanten vorgelesen hatte, da waren wir beunruhigt. Aber als sie uns dann erzählte: »Anna hat Liebesbriefe vorgelesen, das war sooo langweilig!«, da waren wir wieder beruhigt.
Georg wurde übrigens zum Kaffee eingeladen, erschien ohne jegliche Befangenheit, aß mit derselben Unbefangenheit unglaublich viel Kuchen und spielte dann mit Erasmus und den Mädchen Indianer in einem sehr komischen Kostüm. Er dachte offenbar noch nicht ans Heiraten, sonst hätte er kein komisches Kostüm angelegt. Er war in dem Alter, da man raucht, spielt und liebt, weil es die Erwachsenen tun; er war Toggenburg aus Nachahmung. Nachahmung ist fast alles kindliche Tun und Treiben; aber von einem gewissen Alter ab ahmt man nur nach oben nach. Bei Erasmus und seinen Genossen ging das so weit, daß sie nicht nur Theater spielten (den »Faust« natürlich), sondern sich auch in einer handschriftlichen Zeitung gegenseitig rezensierten. Da hieß es denn: »Der junge Künstler erschöpfte seine Aufgabe leider nicht restlos« oder »Der fleißige Darsteller möge sich nur nicht durch den wohlfeilen Beifall der Galerie zu Unnatürlichkeiten verleiten lassen« usw.
Wir lasen diese Blätter mit ernster Anteilnahme und lachten nicht; denn es ist etwas Heiliges an solcher Kindheit, daß sie keine Ahnung von ihrer Komik hat. Und doch waren diese »Künstler« so komisch wie Roswitha, als sie Maurer spielte und sich dazu eine Kelle geben ließ und eine Blechflasche, über die Schulter zu hängen, und eine Dose mit Kautabak, und fleißig in Lehm und Schlamm arbeitete und dabei doch ein rosa Kleidchen mit Spitzenmanschetten trug.
Ja, sie wollen es gar zu gern den Erwachsenen gleichtun, freilich weniger in dem, was unangenehm und schwierig, als in dem, was angenehm und lieblich ist. Ein kleines Mädel aus befreundeter Familie fragte seine Mutter: »Mama, wann kann ich eigentlich tun, was ich will?«
»Ja,« lachte die Mutter, »damit hat's noch gute Weile. Warum willst du's denn wissen?«
»Ach, dann will ich mir die Haare brennen,« versetzte das kleine Weib.
Aber sie wollen nicht nur erwachsen sein, sie werden es allmählich auch. Sie werden klüger, sie erwachen; Strahl um Strahl dringt Licht in den großen Irrgarten, und das zu beobachten ist ein fürstliches Gaudium, wenn auch oft ein wehmütiges. Der erwachende Intellekt zeigt sich gewöhnlich zuerst als Schlauheit, und wenn er sich bei jenem kleinen Mädel auf die Haare warf, so wirft er sich bei andern Kindern – und öfter – auf den Gaumen.
»Mama, zählt ihr eigentlich das Konfekt, wenn ihr es in den Tannenbaum hängt?« fragte ein kleines Mädchen seine Mutter. Das war ja nun noch eine ziemlich ungenügende Leistung in der Schlauheit; aber sie bringen es mit der Zeit schon weiter.
Bei Roswitha – das muß ich ihr nachsagen – beleuchtet das eindringende Licht gewöhnlich größere Flächen und verbreitert sich zur Philosophie.
»Leibweh is eignlich sehr schön,« meinte sie schon mit sechs Jahren, »denn bespart man sich seine Schokolade auf, un denn hat man nachher noch welche.« Das sind die Anfänge einer optimistischen Weltanschauung, die doch eigentlich darauf hinausläuft, daß man auch an Leib-, Kopf- und Zahnweh das »Schöne« herausfindet. (Bei Zahnweh hält es schwer; aber es geht auch.)
»Teufel, komm un hol sie!« rief sie einmal, als sie über eine streitsüchtige Spielgefährtin heftig erbost war, und dann setzte sie resignierten Tones hinzu: »Schade, daß es keinen Teufel gibt.«
Ihre Philosophie ist also freilich noch die Tochter der Wünsche; aber immerhin philosophiert sie schon wie Voltaire, der behauptete, wenn es keinen Gott gäbe, so müßte man ihn erfinden, und, wenn man's genau nimmt, auch wie Kant, der den lieben Gott absetzte, um ihn wieder einzusetzen.
Ja, sie hatte schon verhältnismäßig früh sozusagen ethische Anfälle. An einem schönen Ostermorgen hatte sie mit bemerkenswerter Findigkeit die meisten Ostereier, selbst in raffinierten Verstecken, gefunden; aber statt sich nun wild in den Genuß zu stürzen, sagte sie: »Bitte, Mammi, bitte, Pappi, versteckt sie noch einmal; ich mag sie so gern suchen.« Hier überwog also schon die Lust des Erringens das Gelüste des Gaumens. Natürlich nicht für den ganzen Tag.
Ihr Gehirn war damals überhaupt schon mächtig an der Arbeit. »Ich möcht', daß ich mal recht viel Zeit hätte!« seufzte sie eines Tages.
»Nanu?« rief ich verwundert. Mehr als vierundzwanzig Stunden am Tage kann man doch nicht gut Zeit haben. »Wozu denn?« fragte ich.
»Denn möcht' ich mal so recht über alles nachdenken!« Sie sagte es langsam, nachdrücklich und sehnsuchtsvoll. Die Welt, das Leben drang in allzu reicher Fülle auf sie ein; sie konnte nicht alles bewältigen; da war so viel, das sie nicht begriff. Es schien eine richtige Sorge in ihr zu sein. O ja, Kinder haben auch manchmal Sorgen, und sie nagen genau so scharf an ihnen wie an uns. Roswitha drängte einmal ihre Mutter, sie möchte ihr doch Unterricht geben.
»Oh, das hat noch Zeit,« meinte die Mutter.
»Aber wie soll ich denn durch die Welt kommen!« rief die Kleine bekümmert.
Sie tanzen sorglos über Abgründe dahin und machen sich Sorgen um den Schatten eines Halmes. Aber es sind Sorgen. Kindereien sind für sie nicht Kindereien. Ich überraschte einmal einen vortrefflichen Mann und berühmten Gelehrten dabei, wie er den Tannenbaum für die Seinen putzte und dabei fortwährend hockend und kniend um den Baum herumrutschte.
»Warum machen Sie denn das?« rief ich erstaunt.
»Ja,« sagte er, »man muß bedenken, daß die Kleinen den Tannenbaum von unten sehen; man muß ihn aus der Perspektive der Kinder schmücken.«
So müssen wir Sorgen und Freuden, Tränen und Lachen der Kleinen aus der Kinderperspektive betrachten.
Wenn man das tut, wird man freilich zu Zeiten heftig überrascht von einem wahrhaft hellseherischen Blick der Kinder in das Leben der Erwachsenen. Roswitha will später einen gewissen »Kurt« heiraten, das steht fest. Sie werden dann in unserm Hause wohnen, und zwar hat die junge Frau die besseren, unteren Zimmer – das muß man ihr lassen – ihren Eltern, die oberen, geringeren sich und ihrem Manne zugedacht.
»Aber weißt du denn schon, ob dein Mann seine Schwiegereltern bei sich haben will?« fragte meine Frau.
»Hach!« rief Roswitha mit unbekümmertem Lachen, »das werd' ich ihm schon so lange vorpredigen, bis er ja sagt.«
Ist diese Kenntnis von der Macht der weiblichen Rede nicht verblüffend? Oder ist das nichts als weiblicher Instinkt?
Und voll, gepfropft voll von rührenden und komischen Wundern ist dann die Zeit, da die Klarheit so weit vorgeschritten ist, daß Bewußtheit und Unbewußtheit das Gleichgewicht suchen und das Zünglein an der Wage unaufhörlich schwankt, die Zeit, da Leib und Seele die Stimme wechseln. Dann wollen sie beides sein, Kind und Weib, Junge und Mann. Dann sind zwei Seelen, ach, in ihrer Brust:
»Die eine hält mit derber Liebeslust
Sich noch ans Spiel mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Duft
Zu den Gefilden hoher –«
ach, so zweifelhaft »hoher« – »Ahnen.« Dann will die vierzehnjährige Roswitha noch in einem höchst primitiven Indianerkostüm als Chingachgook im Garten umherspringen (»Das kann ich doch noch ruhig spielen, nicht, Mutter?«), um zwei Minuten später mit Entrüstung zu rufen: »Ich bin doch kein Kind mehr!« Dann benimmt sich der Faust-Darsteller und Hamburger Dramaturg Erasmus noch wie ein rechter Tertianer. Nicht im Wachen, o nein, da hält er die Ohren steif als Grand-Seigneur, aber im Schlaf. Er redet nämlich aus dem Traum und führt den Dialog weiter, wenn man ihm antwortet. Die Tür zu seinem Schlafzimmer stand offen, als ich vorüberging, und ich hörte ihn laut rufen. »Nanu!« rief er.
»Was ist denn?« fragte ich.
Er (noch lauter und schwer entrüstet): »Nanu!!«
Ich: »Was gibt's denn?«
Er: »Es läutet ja gar nicht!!«
Ich: »Warum soll es denn läuten?«
Er: »Ist doch schon Elf!!!«
Aha! Jetzt begriff ich. Er saß in der Schule, und die Lateinstunde wollte nicht rechtzeitig schließen. Daß so eine Lateinstunde anfängt, ist schon eine Gemeinheit von ihr; aber nicht rechtzeitig zu schließen – da kocht die Jünglingsseele. Im Schlafe war Lessing-Faust eben noch Pennäler.
In solcher Dämmerung der Seele, in solch ambrosischer Nacht war's, daß Irene, die Selektanerin, die Fast-schon-Seminaristin, mit seltsamen Augen auf das Wunderknäul starrte, das ihre jüngste Schwester zum Geburtstage erhielt. Meine Frau sah diesen Blick, und als sie Irenen bald darauf ebenfalls ein Wunderknäul schenkte, da lag Irenen nichts ferner als Würde und Entrüstung und nichts näher als Freude und Lachen.
Solch ein Wunderknäul ist ein Garnknäul, das einen ganzen Nibelungenhort von Ringen, Ketten, Seidenbändern, Schokolade usw. usw. in sich birgt. Wenn die Mädel nun bei fortschreitender Arbeit das Garn abwickeln, so kommen nacheinander alle diese Kostbarkeiten zutage. Da gibt es viele Ahs! und Ohs!, viel Staunen und Lachen.
Die Kindheit ist solch ein Wunderknäul. Eigentlich ist das ganze Leben solch ein Wunderknäul; aber dann sind auch andere Sachen darin. Und ein Glück ist es, der Abwickelung solch eines kindlichen Wunderknäuls mit offenen Augen zuzuschauen.
Das unsere ist diesmal zu Ende; an seinem Faden sind wir an einen Ausgang des großen flimmerdunklen Irrgartens gelangt –
– und treten nun wieder hinaus ins helle Licht, ins grelle Licht des Tages.