Die Ziege

Die Sache begann sehr harmlos. Als ich vor Jahren einmal mit Roswithen spazieren ging, fragte sie mich: »Vater, magst du gern Ziegen leiden?«

Ich kann eigentlich nicht behaupten, daß ich die Reize der Ziegen überwältigend finde; es sind ja auch nicht gerade die schönsten und liebenswürdigsten Damen, die man als Ziegen bezeichnet. Ich antwortete also langsam, gedehnt und ohne jeden Schwung:

»Nun jaaa – hm, – wie man's nimmt – warum nicht?«

»Ich schrecklich gern!« seufzte Roswitha. »So kleine junge Ziegen find' ich reizend!«

Ja, wenn sie noch klein sind, sind sogar die Menschen reizend. Dachte ich, sagte ich natürlich nicht.

Damit schien dieses Thema erschöpft.

Wir hatten damals nur einen recht kleinen Garten, in dem freilich ein paar alte mächtige Bäume standen, eben deshalb aber Gras und Kräuter nur kümmerlich gediehen.

Nach Monaten spazierten wir durch einen wunderschönen, riesengroßen Park, einen Park, dessen sich der reichste König nicht zu schämen brauchte, einen Park wie ein kleines Fürstentum, mit Hügeln und Tälern, Teichen und Tempeln, Rosenlauben und Wiesen.

»Vater,« fragte Roswitha, »wenn der Mann, dem dieser Park zugehört, dir ihn abverkaufen wollte – kauftest du ihn denn?«

»Nein,« versetzte ich mit großer Klarheit. Ich wußte wohl, warum.

»Aber wenn er ihn dir schenken wollte – nähmst du ihn denn?«

»Ja,« versetzte ich mit erhöhter Klarheit. Falsche Scham schien mir hier nicht am Platze.

»Ich auch!« rief Roswitha triumphierend. »Und weißt, was ich denn täte?«

»Hm?«

»Denn kaufte ich mir 'ne süße kleine Ziege, und die ließ' ich auf der Wiese grasen. Denn hat sie doch genug zu essen, nicht?«

»Ich denke doch.«

Wir wurden durch den Schrei eines radschlagenden Pfauen abgelenkt, und ich machte keine Anstrengungen, das verlassene Thema wieder aufzunehmen. Und Roswitha schien zu fühlen: Für heute ist es genug. Man soll nichts forcieren.

Die Lektüre seiner Kinder kann man nicht sorgfältig genug überwachen. Ich hatt' es daran fehlen lassen: Roswitha erwischte eine Geschichte mit einer Ziege darin. Es war »Heidi« von Johanna Spyri, gewiß eine nette Geschichte, wenn keine Ziege darin wäre, und wenn die nicht noch obendrein »Schneehöppli« hieße. Durch Namen fixieren wir die Begriffe, nageln wir sie in unserm Gedächtnis fest. Nun hatte Roswithens Sehnsucht einen Namen: »Schneehöppli«; nun saß die Sehnsucht fest.

»Wenn ich verheiratet bin, dann kann ich doch tun, was ich will, nicht?«

Sie nahm mein Schweigen für Bejahung.

»– und wenn ich denn Ludwig heirate, denn kauf' ich mir 'ne Ziege, und die soll »Schneehöppli« heißen. Wenn ich Fritz heirate, der will drei Kinder haben; aber wenn ich Ludwig heirate, der will keine Kinder haben, denn schaff' ich uns 'ne Ziege an.«

Von Zeit zu Zeit rückte der Termin des Ziegenkaufes ein tüchtiges Stückchen vor. »Wenn ich groß bin, denn kauf' ich mir –« und so weiter. –

»Wenn ich nicht mehr zur Schule gehe und 'n ganzen Tag frei habe, denn kauf' ich mir –« und so weiter.

Roswithens ältere Schwester Herta verdiente seit einiger Zeit Geld. Das kam so. Meine Frau und ich sind übereinstimmend der Meinung, daß selbst eine sauber gespielte Sonate von Beethoven und die Fähigkeit, »Comment vous portez-vous« und »I am very glad to see you« und solche gebildeten Dinge zu sagen, für den Lebenskampf eines Weibes nicht ganz ausreichen. Unsere Töchter lernen deshalb einen richtigen Beruf, und Herta interessierte sich lebhaft für den Haushalt. Sie trat bei ihrer Mutter in die Lehre und mußte von der Pike auf dienen, wenn man das Gerät, mit dem der Fußboden gescheuert wird, eine Pike nennen kann. Sie bekam den Namen »Minna«, wurde mit »Sie« angeredet und erhielt fünfzig Taler Lohn pro anno, und abgesehen davon, daß sie öfters der Herrschaft gegenüber einen etwas vertraulichen Ton anschlug und gelegentlich den Hausherrn küßte, füllte sie ihre Stelle redlich aus.

»Wenn ich so groß bin wie Herta,« sagte Roswitha, »denn dien' ich auch bei euch, und denn verdien' ich auch Geld, und denn kauf' ich mir 'ne Ziege.« Sie mochte sich vorstellen, daß eine Ziege so einige tausend Mark koste, und wir hüteten uns schwer, dieses wohltätige Dunkel aufzuhellen.

Gelegentlich vertauschte Roswitha die direkte Methode mit der indirekten. Sie redete dann nicht zu den Eltern, sondern zu den Geschwistern von Ziegen, natürlich nur, solange mindestens eines der Eltern in Hörweite war. Sie schilderte in lebendigen Farben das Werden und Wachsen, das Leben und Treiben, das Springen und Meckern – kurz: der Ziegen über alles bezaubernde Schönheit und Anmut. Gelegentlich streifte mich von unten herauf ein forschender Blick, den ich auch dann sah, wenn ich sie nicht anblickte, den ich mit jenen Augen wahrnahm, die man im Rücken und an beiden Seiten hat.

Als einmal wieder die Weihnacht nahe war, kam es zu einem kleinen Vorpostengefecht. Roswitha wurde nach ihren Wünschen gefragt.

»Mein höchster Wunsch ist ja natürlich 'ne Ziege; aber –«

»Aber, Liebling,« rief meine Frau, »wie sollen wir denn hier in der Stadt eine Ziege halten! Wenn wir so ein Tierchen anschaffen, muß es doch auch sein Recht haben! Wo sollen wir's denn unterbringen!«

»Hm,« machte Roswitha mit nachdenklichem Gesicht, »in der Küche kann sie ja nicht sein.«

»Nein,« erklärte meine Frau entschieden, »in der Küche kann sie nicht sein!« Dieser Versuchsballon war geplatzt.

»Das arme Tierchen würde sich gar nicht wohl fühlen bei uns,« versicherte meine Frau.

Damit hatte sie die richtige Stelle in Roswithens Herzen getroffen. Nein, wenn es sich nicht wohl fühlte, dann ging's nicht, das sah sie ein, sah sie wenigstens für einige Monate ein. Länger dauern menschliche Einsichten ja selten, weil inzwischen das Zuckerrohr der Wünsche wieder mächtig herangewachsen ist.

Unglücklicherweise mußte sie über den Robinson geraten. Hatte Heidi eine Ziege gehabt, so hatte Robinson eine ganze Insel voll wilder Ziegen, aus denen er sich nur aussuchen konnte. Ich bin überzeugt, der arme Verschlagene erschien ihr als der beneidenswerteste der Menschen, weil er in Ziegen förmlich schlampampen konnte.

Und dann kaufte ich ein Haus auf dem Lande, und noch eh' wir's beziehen konnten, fuhren wir täglich hinaus und erquickten uns an der frischen, unverbildeten Natur, an den duftenden Hainen und Hecken, an den saftiggrünen Wiesen, auf denen man endlich einmal wieder unbekleidetes Rindvieh sah. Und endlich nahmen wir Besitz von dem Hause und dem stattlichen Garten, der vier mehr oder minder ansehnliche Rasenplätze aufwies. Wenn Roswitha jetzt mit ihren Geschwistern von Heidi, Robinson, Polyphem und ähnlichen Glückspilzen sprach, dann hatten ihre Blicke etwas Bohrendes, Sengendes; sie gingen durch Rock und Hemd bis auf die Haut, wie die Sonnenstrahlen aus einem Brennglas.

Um ein Ende zu machen, schenkten wir ihr einen Dackel namens Männe. Einen Hund zu beherbergen, zu pflegen und zu zügeln, dazu reichten unsere Erfahrungen und tierpädagogischen Talente allenfalls aus. Dieser Dackel verschaffte uns endlich Ruhe. Das klingt zwar widerspruchsvoll, ist aber doch richtig; die Seele hatte Ruhe.

Ruhe für ein Jahr und fünf Monate. Dann wurde uns klar und klarer, daß Hunde nur als eine Abschlagszahlung auf Ziegen anzusehen sind. Vielmehr: Roswitha betrachtete Männe nur als die Summe der aufgelaufenen Zinsen; der Wechsel war so unbezahlt wie je.

Ein Unglücksbengel aus dem Dorfe mußte ihr eines Tages erzählen, er könne ihr eine kleine Ziege für eine Mark fünfzig verkaufen.

Aufgelöst kam Roswitha nach Hause.

»Vater! Mutter! 'ne Ziege kostet bloß eine Mark fünfzig! Ich hab' ja fünf Mark in mei'm Spartopf; darf ich mir eine holen?«

»Liebe Roswitha, es ist nicht wegen der Mark fünfzig; eine Ziege braucht doch auch einen ordentlichen Stall, und den haben wir nicht, können wir in unserm Garten auch gar nicht anbringen.«

Damit war auch dieser Angriff abgeschlagen.

Eine Woche später, auf einem Spaziergange, zwang sie mich plötzlich, meinen Schritt anzuhalten.

»Vater, möchtest du dies Haus haben?«

»Nicht geschenkt!« versetzte ich mit Nachdruck. Es war eine sogenannte »Villa« im denkbar schauerlichsten Maurermeisterstil.

»Ich möcht' es haben!« hauchte sie sehnsuchtsvoll.

»Nanu?« rief ich. Ich sah mir unwillkürlich den Zementphantasieschrank noch einmal an. »Warum denn?«

»Dahinter ist 'n Stall,« sprach sie andachtsvoll.

Das Verhängnis ging seinen Gang wie in einem Schicksalsdrama. Nachbarkinder, mit denen Roswitha gelegentlich spielte, bekamen eine Ziege zum Geschenk.

Das hatte ein Gutes: wenn Roswitha weder im Hause noch im Garten zu finden war, wir brauchten uns nicht zu ängstigen, wir brauchten nur zu der nachbarlichen Ziege zu gehen, da war sie. Sie mußte von der Ziege weg zum Essen, sie mußte von der Ziege weg ins Bett geschleift werden.

Und eines Morgens beim Frühstück begann sie:

»Vater, ich weiß was. Unten im Keller haben wir doch so 'ne große Bücherkiste, nicht?«

»Ja!«

»Da machen wir einfach 'ne Tür hinein, und denn ist das 'n Ziegenstall.«

Da riß mir die Geduld.

»Roswitha,« sagte ich ernst, »nun hörst du endlich auf mit deiner Ziege, nun hab' ich's satt. Du bekommst keine Ziege, und damit basta. Schrumm!«

»Schrumm« hätte ich vielleicht nicht sagen sollen; es paßt nicht in den Ernst eines Ultimatums.

Aber die Absage wirkte. Roswitha sprach weder von Stall noch Ziege mehr, nicht einmal andeutungsweise, nicht einmal zu den Geschwistern. Sie ging fortan still einher, aber nicht etwa traurig, nicht etwa gedrückt, nein, nur mit der stolz zusammengerafften Kraft eines Entsagenden, der das Unvermeidliche trägt, weil es getragen werden muß, und sich für die verlorenen Freuden der Welt durch gesteigertes Innenleben entschädigt.

Es war ja vielleicht etwas hart von mir, ihr die Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches zu versagen. Aber meine Frau sowohl wie ich haben nach Begabung und Lebensgang so entsetzlich wenig mit Viehzucht gemein, daß wir uns geradezu davor fürchteten, uns so ein Geschöpf auf den Hals zu laden. Und schließlich soll man seinen Kindern doch auch nicht jeden Wunsch erfüllen. Sie werden ja schon ohnedies viel zu sehr verwöhnt. Es kann ihnen gar nichts schaden, wenn sie einmal mit ungestümer Nase gegen eine verschlossene Tür rennen. Das Leben wird ihnen mehr solcher Türen zeigen. Roswitha schien durch ihren Verzicht gesetzter, ihre Augen, ihr ganzes Gesicht schien seelenvoller geworden zu sein.

Meine Frau und ich kamen spät in der Nacht aus fröhlicher Gesellschaft heim und wollten uns eben zur Ruhe begeben, da sahen wir auf dem Nachttischchen einen Brief liegen. Auf dem Umschlag stand: »An Mammi und Pappi« von Roswithens Hand. Wir öffneten und lasen gemeinsam:

»Meine süßen geliebten Wonne-Eltern bitte bitte schenkt mir doch eine ganz kleine Ziege, ich will auch gar nichts zu meinem Geburztag und zu Weinachten haben und ich will mir auch schrecklich Mühe in der Ortografi geben, Du sollst sehen, Mammi, wenn ich groß bin, schreib' ich gans richtich, und ich will auch ein guter Mensch werden und garnicht mehr heftig und jezornig sein. Ich bitte euch so schrecklich, schenkt mir 'ne Ziege, wenn Mutti mich unterrichtet denk ich immer blos an die Ziege. Tausend Billionen Küsse von eurer

Roswitha.«

Was soll ich weiter sagen – am nächsten Morgen bewilligten wir die Ziege. Die Wirkung war von ungeahnter Art. Roswitha wollte auf uns zueilen; aber plötzlich warf sie sich auf einen Stuhl und brach in ein herzbrechendes Schluchzen und Wimmern aus.

Entsetzt liefen wir hinzu: »Was ist denn? Was fehlt dir, Kind?«

»Uuhuhuhuu, ich freu' mich so – ich freu' mich so, uuhuhuhuuu!«

Solange sie um ihre Ziege gerungen hatte, hatte sie nie – das mußte man ihr lassen – hatte sie nie versucht, durch Tränen auf meine Stimmung zu drücken. Jetzt brach die aufgestaute Flut mit Allgewalt hervor.

Sobald sie sich beruhigt hatte, machte sie sich auf den Weg, um den Jungen mit der Fünfzehn-Groschen-Ziege zu suchen. Sie fand ihn auch, und er verpflichtete sich hoch und heilig, am folgenden Tage die Ziege zu liefern. Wenn die folgende Nacht ihr die Wiesen des Traumes zeigte, so waren sie gewiß alle, alle voll Ziegen.

Der folgende Tag kam, aber mit ihm kein Junge und keine Ziege. Sie harrte geduldig bis in den sinkenden Abend und sagte dann: »Na, er hat wohl keine Zeit gehabt: er kommt morgen gewiß; er hat es mir ganz fest versprochen.«

Allein der meineidige Bube kam auch am folgenden Tage nicht. Roswitha suchte ihn durchs ganze Dorf, viele Stunden lang, aber vergebens; nach seiner Wohnung hatte sie im Taumel der Freude nicht gefragt. Sie ging schweigend zu Bett; aber als meine Frau sie in der Frühe weckte, war ihr Kopfkissen naß von Tränen.

»Hast du heute nacht geweint, Kind?« fragte die Mutter.

»Ich weiß nicht,« antwortete Roswitha. Sie wußte es wirklich nicht.

Inzwischen war ein provisorischer Stall gezimmert worden, und es war die Nachricht eingetroffen, ein Bauer im Dorfe habe Ziegen zu verkaufen. Da zogen Herta, Roswitha und Männe mit einem Blockwagen aus, um eine Ziege zu suchen, und fanden ein Königreich. Eine gute halbe Stunde später – Männe als Läufer mit fliegender Zunge vorauf – hielt Höppli (so wurde er der Kürze wegen genannt), von den beiden Mädeln gezogen, im Triumphblockwagen seinen Einzug. Seinen Einzug; Höppli war nämlich ein kleiner Bock.

Ich muß gestehen, daß mich bald ein Reuegefühl über meine lange, hartnäckige Weigerung ergriff. Es war ein schneeweißes und wirklich allerliebstes Tierchen; Roswitha hängte ihm ein seit Jahren bereit gehaltenes, gesticktes Halsband mit einem Glöckchen um, und in seinen Sprüngen war der ganze, entzückend ahnungslose Humor eines jungen Mannes. Und wenn Roswitha das Tierlein auf den Schoß nahm und ihm die Saugflasche gab, und Männe die vorbeifließenden Tropfen leckte, dann versammelte sich nicht nur die ganze Familie zu dieser feierlichen Handlung, nein, die Leute auf der Straße blieben staunend stehen und riefen: »Nein, wie ist das reizend!« Dann sprang Roswithas Herz genau wie das Böcklein.

Wenn aber Höppli durch die Straßen spazieren sprang, dann folgte ihm ein Ehrengeleite von 23 Nachbarskindern, ganz wie bei einem Kaiser oder König, und besonders dekorativ wirkte Peter Petersen in Helm und Panzer der Gardekürassiere und mit dem Daumen im Munde. Höppli war die Sensation der Straße, war der Clou der Saison, und als das 23er-Kollegium erklärte, Höppli sei noch viel schöner als jene Nachbarsziege, die inzwischen eine alte Ziege geworden war, da stand Roswitha auf dem Gipfel ihres Glückes.

Indessen: Roswitha hatte täglich drei oder vier Stunden Unterricht bei der Mutter, mußte außerdem Klavier spielen, gelegentlich zum Turnen oder Zeichnen gehen und auch sonst allerlei außer dem Hause besorgen. Es fiel Höppli nicht im Traume ein, sich das stillschweigend gefallen zu lassen; er verlangte Gesellschaft. Zwar widmete Männe sich ihm mit der weisen Nachsicht und Güte eines gereiften Pädagogen; aber Höppli verlangte Damengesellschaft. Und wenn die nicht da war, so begann er augenblicklich in Zwischenräumen von vier Sekunden zu meckern. Das fanden wir während der ersten zehn Minuten furchtbar komisch, während der zweiten langweilig, während der dritten lästig und während der vierten zum Rasendwerden. Und Höppli wuchs, und mit ihm wuchs seine Stimme. An der Hand meines Chronometers stellte ich fest, daß er 15 mal in einer Minute meckerte, das macht in der Stunde 900; wenn man täglich nur sechs Stunden des Alleinseins rechnete, für den Tag 5400, für die Woche 37 800 mal.

Die Klavierstunden mußten abgebrochen werden; ein Musizieren war natürlich nicht möglich. Meine Frau mußte mit ihrer Schülerin in den bombenfesten Vorratskeller flüchten. Ich zog mich, um arbeiten zu können, ins hintere Turmzimmer zurück, allein vergeblich; wenn ich auch physisch kein Meckern vernahm, mein inneres Ohr hörte pünktlich jede vierte Sekunde ein deutlich vernehmbares »Mäh!« Drei lyrische Produkte dieser Zeit kamen tot zur Welt; ein Roman starb als Embryo, ein Trauerspiel bereits im Keime. Nicht jeder Bocksgesang wird zur Tragödie: das hatte ich schon vorher an der erotischen Dramatik unserer Tage wahrgenommen.

Aber das alles war noch Kinderspiel. Hübsch wurde es erst, als die Nachbarschaft – und mit Recht – sich empörte. Der Nachbar zu unserer Linken holte sein Grammophon, das er mir zu Gefallen eingewickelt hatte, wieder hervor, stellte es ans offene Fenster und ließ es zehnmal stündlich »Das Herz am Rhein« singen. Ein anderer brannte allabendlich Kanonenschläge ab, die sehr gut gearbeitet sein mußten. Ein dritter, der ein fabelhaft stimmbegabtes Baby hatte, stellte es in seinem Kinderwagen hart an den Zaun meines Gartens. Es schrie etwas abwechslungsvoller als der Ziegenbock, und das erfrischte vorübergehend; aber auf die Dauer wurde es doch eintönig und so lästig, daß ich verzweiflungsvoll zu meiner Frau sagte:

»Jetzt haben wir uns gefreut, daß wir kein Babygeschrei mehr um die Ohren haben; aber wenn's doch den ganzen Tag brüllt, dafür können wir selbst eins haben!«

»Ja,« sagte meine Frau.

Ich hätte ja das Tier während der Nacht heimlich wegbringen und am Morgen sagen können, es sei entlaufen; aber vor den Augen eines Kindes Komödie spielen – das ist schwer und schlimm. Es war auch nicht nötig: Roswitha hatte bereits eingesehen, daß Höppli sich durch sein Benehmen unmöglich mache. Eine ihrer Freundinnen erklärte sich mit Freuden bereit, das Böcklein zum Geschenk zu nehmen – kein Augenblick meines Lebens hat mich freigebiger gefunden. Unverzüglich wurde Höppli zur Bahn befördert; wer schnell gibt, gibt doppelt.

Als aber durch den Novembernebel von weitem das Weihnachtsfest herandämmerte, da schrieb Roswitha auf ihren Weihnachtswunschzettel:

Ein Kaleidoßkob.

Ein Indianer-Anzug.

×××××××Das Versprechen, das ich im Sommer wieder auf 14 Tage eine Ziege haben darf.

(Die sieben Kreuze sollten diesen Wunsch entsprechend hervorheben.)

Ueber eines bin ich vollkommen beruhigt: Dieses Kind wird in seinem Leben etwas erreichen, wenn auch vielleicht keine vollkommen tadellose Orthographie.

Und über noch eines bin ich mir vollkommen klar: Sie ist ein Weib. Wenn es nicht ohnedies feststünde – ihr Kampf um die Ziege macht ihre Weiblichkeit evident. Ich habe erwogen, ob ich diese kleine Geschichte nicht überschreiben solle:

»Die Ziege« oder »Das Weib«.

In Roswithen ist jenes Weibliche der Lady Macbeth, das einen rauhen Kriegsmann herumkriegt, jenes Weibliche der Gräfin Terzky, das ein Loch in einen Wallenstein bohrt, jenes Weibliche der Kriemhild, das einen Attila bezwingt. Gewiß: Roswithens gutes, weiches Herz wird niemals zum Hochverrat, wird niemals zum Königs- und Burgundenmord aufstacheln; aber »formal« ist sie eine Lady Macbeth. Natürlich ist ihre Weibnatur noch unentwickelt. Sie würde noch unumwunden zugeben, daß sie sich sehnlichst eine Ziege gewünscht habe. Ein vollkommenes Weib wird sie erst dann sein, wenn sie auf die entsprechende Vorhaltung weit aufgerissenen, starr blickenden Auges und nach zehn Sekunden staunenden Verstummens ausrufen wird:

»Ich mir eine Ziege gewünscht? Ich? Aber keine Idee, Liebling! Wie kommst du nur darauf?!«