Der heilige Mime.
Gelasimus ein Mime war,
Wie alle anderen Mimen waren:
Des Ernstes und der Tugend völlig bar,
Jedoch in allen Lastern schauderhaft erfahren.
Nicht auf der Bühne nur: alltags sogar
Tät er mit Schminke, Lippenrot nicht sparen
Und kräuselte sein lichtgefärbtes Haar.
Kurz: allen Frommen war Gelasimi Gebaren
Ein Ärgernis, und jeglichem war klar,
Er werde als ein feister Höllenbraten
Dereinst dem Teufel in die Faust geraten.
Jedoch, was tat das dem Gelasimo?
Er war ein Heide, und als Heide so
Von Grund verstockt, daß es ihm doppelt freute,
Ein Lasterknecht und Wollüstling zu sein,
Weil er dadurch des Anstoßes ein Stein
War auf dem Wege aller frommen Leute.
Auch waren die in jener bösen Zeit
(Als Diokletian, der Schändliche, regierte)
In so verachtet schwacher Minderheit,
Daß ihr Gemurmel niemanden genierte.
Zeus saß als Sonnengott im Tempel breit
Zu Baalbek, den noch nicht das Kreuzbild zierte:
Zu Baalbek in der alten Götzenstadt,
Da dies Mirakel sich begeben hat.
Heut ist der Ort ein jämmerlicher Flecken,
Wo niedre Beduinenhütten sich
Im Schatten riesigen Mauerwerks verstecken,
Aus dem sich, schön und ungeheuerlich,
Gewaltige Säulen quadermächtig recken:
Des Tempels Reste, der versank, verblich.
Doch damals stand er noch und um ihn her
Die große Stadt des großen Jupiter.
Man ging auf Straßen, die gepflastert waren,
(Wo mag das Pflaster hingekommen sein?)
Vorbei an Goldschmiedläden, an Basaren,
Hotels, Bordells (und mancher trat auch ein).
Man schob sich, drängte sich mit Legionaren
Aus Rom und Syrien; Griechen, frech und fein,
Flanierten zwischen Juden und Phönikern
Und andern Volksgenossen: noch antikern.
Man amüsierte sich: beim Zeus! Und wie!
Man tanzte; schlug den Ball; man jeute; sah
Entzückt vom sichern Sitze Mensch und Vieh
In wilden Kämpfen sich verbluten; ja,
Man hatte den Genuß, am Kreuze die
Gepfählt zu sehn, die »Christo gloria«
Voreilig sangen, statt Jovi dem Vater.
Und außerdem gab's mehr denn zehn Theater.
Davon im feinsten war Gelasimus
(Als erster Held versteht sich) engagiert.
Auch war er Regisseur (Präpositus),
In allen Bombenwirkungen versiert.
Bei jeder Premiere hat am Schluß
Man ihn hervorgerufen: applaudiert,
Bis er erschien und sich mit edler Neigung
Rechts, links verbeugte als zur Dankbezeigung.
Kein Wunder: wenn man solche Beine hat,
Wie Gelasim, und Augen so voll Feuer,
Daß jede Dame in der großen Stadt,
Als wär' ihr Herz ein Strohsack, eine Scheuer
Voll dürren Heu's, in Flammen stand, schachmatt
Vor Liebe zu dem süßen Ungeheuer.
Alltäglich brachte ihm der Stadtpostbote
Dreihundert Briefe, meistens rosarote.
Die kleinen Mädchen in der süßen Zeit
Der ersten Schwellung gruben um die Wette
In Wachs den Namen, trugen unterm Kleid
Auf bloßer Brust ihn; seine Statuette
Aus Alabaster lag, gebenedeit
Durch manchen Kuß, in manchem Backfischbette,
Indes die mehr schon vorgeschrittenen Damen
Anstatt des Bilds den Mimen selber nahmen.
Und auch die Rezensenten wagten's, ihm
Nicht zu kredenzen ihren Wermutbecher.
Der blutige Schmul selbst hieß ihn Seraphim
(Er, dem sonst alle Mimen schäbige Schächer).
So kam's wie's mußte: unser Gelasim
Wurde von Tag zu Tage eitler, frecher.
Man durfte wirklich bald schon denen glauben,
Die zweifelten an seines Hirnes Schrauben.
Er sprach nur noch per »Wir«, er ließ sich nur
Noch von Äthiopiern in Sänften tragen,
Und, wenn er wirklich einmal Wagen fuhr,
So war's vierspännig und im Muschelwagen;
Die Frau des Gouverneurs sogar beim Jour
Ließ er vergeblich warten und ihr sagen:
Er habe heute Besseres zu tun,
Doch morgen werd' er dazusein geruhn.
Natürlich wählte er die Stücke aus,
In denen er dem Publikum sich zeigte,
Und strich und änderte: es war ein Graus,
Daß mancher Autor jähen Tods verbleichte.
Dann schrieb er selbst ein Drama. Das hieß »Laus
Imperatori«. Das Gehirn erweichte
Jedwedem, der es sah. Ihm ist der Orden
Für Kunst und Wissenschaft dafür geworden.
Doch, wie's nun beim Theater ging (und geht):
Manch Stück gefällt zwar, weil der Herr Verfasser
Beim Publikum in großer Liebe steht;
Jedoch gefällt es – durch. Wie Wind und Wasser
Ist Gunst des Publikums: verfließt, verweht,
Wenn's darauf ankommt. Fragte an der Kass' er:
»Wie ist das Haus heut?« ward zur Antwort ihm:
»Laus zieht nicht – leer!« Das kränkte Gelasim.
Laus zieht nicht! dachte düster er bei sich:
Das Edelste, das ich zu geben habe,
Gilt ihnen nichts. Was zieht denn eigentlich?
Lock' ich vielleicht mit meiner Mimengabe?
Ach nein, ich fühl's: sie woll'n ganz einfach mich:
Ich bin nichts weiter, als ihr Freudenknabe.
Im Grunde werd' ich schauderhaft verkannt.
O Volk, o Welt, wie seid ihr degoutant!
Gelasimus, beleidigt im Genie,
Verfiel in ungewohnte böse Laune.
Erst war sie grau, dann schwarz: Melancholie
Saß faltig über jeder Augenbraune.
Schon floh der Mime zur Philosophie,
Und bald erhob sich ringsum das Geraune:
Gelasimus der Schöne hat den Spleen:
Er abonniert das Weisheitsmagazin.
Man lächelte, und hinter den Kulissen
(Wenn ich so sagen darf, da, wie bekannt,
Es keine gab) ward mancher Witz gerissen;
Denn Mimen waren immer medisant,
Perfid, gemein und kalauerbeflissen:
Schon wurde Heraklit der Dunkle er genannt.
Bald wird er, dachten froh die Konkurrenten,
In einem Nervensanatorium enden.
Der Herr Direktor machte keine Witze.
Ihm war's zu ernst dazu. Das leere Haus
Erzeugte im Gemüt ihm Siedehitze,
Und all sein Zorn galt dem Autor der »Laus«.
»Du hast den Orden, ich die leeren Sitze.
Das paßt mir nicht!« so rief er wütend aus.
»Beschränke dich auf deine schönen Waden
Und laß das Dichten! Denn es bringt mir Schaden.«
So lernte Gelasim die Wahrheit kosten,
Daß jeder hohe Sessel wacklig ist,
Und daß auch goldne Lorbeerblätter rosten,
Bewirft sie Mißerfolg mit feuchtem Mist.
Am liebsten hätt' er den verlornen Posten
Sogleich verlassen ohne Kündigungsfrist,
Hätt' ihn nicht Schuldenlast gefesselt ehern
Wohl an ein Schock von grimmen Manichäern.
Und er ging in sich und begann zu grübeln:
Was hab' ich nun von meiner Eitelkeit?
Verworfen bin ich, machtlos allen Übeln,
Gebundnem Opfertiere gleich, geweiht;
Das Unglück übergießt mich wie aus Kübeln.
Wo ist der Gott, der gnädig mich befreit?
Erleuchtung! Kann mich Frömmigkeit noch retten,
So frequentier' ich gern die heiligen Stätten.
Er tat's. Fort von den Philosophen ging er
Stracks zu den Priestern: und mit offner Hand,
Als Tempelspender und als Opferbringer;
Bei allen Göttern ward er Supplikant.
Kaum hatte Raum der riesige Opferzwinger
Für all das Vieh, von Gelasim gesandt.
Die Priester lächelten: Kein Menschenmagen
Kann eines Mimen Frömmigkeit ertragen.
Jedoch gewährten sie ihm alle Gnaden
Der Götter, die er flehentlich erbat.
Er durfte sich im Venustempel baden;
Des Zeus Orakel gab ihm dunklen Rat;
Er aß, zuviel beinah, geweihte Fladen;
Trug Amulette im Sakralformat.
Half alles nichts. Es blieb die alte Leier:
In seinem Herzen brauten Nebelschleier.
Da, eines Tags, nach endlos langer Probe
Zu einem neuen Stücke, kam zu ihm,
Bescheiden wartend vor der Garderobe,
Ein junges Mädchen, flüsternd: »Gelasim!
Lies dieses Buch, zu Jesu Christi Lobe
Verfaßt vom Patriarchen Joachim!«
Der Mime dachte: Sonderbares Mädchen!
Bringt keinen Liebesbrief – bringt ein Traktätchen!
Da war sie auch schon weg. Im Korridore
Sah Gelasim nur einen Schleier wehn
Aus dunkelgrauem, schwarzgesäumtem Flore.
Er blieb betroffen eine Weile stehn.
»Die ist doch sicher nicht aus unserem Chore …
So einen Flor hat man hier nie gesehn,«
Sprach er für sich; »mir wird nicht ganz geheuer
Bei diesem dunkelgrauen Abenteuer.«
Und warf das Buch hin zu den Schminkedosen,
Als klebe Zauber dran und dunkler Fluch
Von unheimlichen Mächten: namenlosen.
Und warf darüber noch ein schwarzes Tuch.
Und ging nach Haus mit fliehenden Schritten, großen,
Als flög, ein Schatten, hinter ihm das Buch.
Und war bedrückt, verwirrt: umhergerissen
Von Ahnungen, Mahnungen, wie in Finsternissen.
Er warf sich hin aufs üppige Ruhebette
(Von Baalbeks Bosheit wurde es genannt:
Palaestra Gelasimusarum); hätte
Im Schlafe gern das Buch, den Flor gebannt.
Doch heute war es eine Unruhstätte,
Um die herum ein Heer Dämonen stand,
Die bald das Buch und bald den Schleier schwangen
Und in der Fistel: »Lies! Lies! Lies doch!« sangen.
Der Mime sprang empor, und in die Tolle
Fuhr wild die Hand, vernichtend die Frisur.
»Ich will nicht!« schrie er auf in Grimm und Grolle,
»Ich lese keine Pöbelliteratur!
Kann ich nicht schlafen, lern' ich! Meine Rolle,
Erlöse mich von dieser Sekatur!
Der Geist der Katakomben sei vertrieben
Vom Geist des Zeus mit scharfen Jambenhieben!«
Und er versenkte sich mit heftigem Fleiße
Ins Studium. Er lebte, was er las:
Denn es begab sich wunderlicherweise,
Daß seine Rolle wie ein Spiegelglas
Den Trubel wiedergab, der ihn im Kreise
Jetzund herumtrieb. Jede Phrase saß,
Als hätt' er selbst sie aus sich hochgehoben,
Christum zu lästern, Jupitern zu loben.
Er hatte einen Feldherrn zu tragieren,
Dem's, wie nicht wenigen, ergangen war,
Daß ihn der Gattin zartes Persuadieren
Zum Christen machte. Doch nicht ganz und gar:
Denn, wie's im Drama kam zum Peripetieren,
Erhob er mächtig sich wie Jovis Aar
Und fand in höchst dramatischen Donnerwettern
Den Weg zurück zu seinen alten Göttern.
Das schmeckte! Und der Mime deklamierte
Sich alle Wirrung aus der bangen Brust;
Das Heer Dämonen, das ihn so torquierte,
Hat vor den Versen auf die Flucht gemußt.
Gelasimus der Heide triumphierte
Zum letztenmal und glaubte selbstbewußt,
Er selber habe wie sein Held gefunden
Den Weg zum Heil und endlichen Gesunden.
Am nächsten Morgen salbte er und schminkte
Sich ganz wie einst. Ein strahlender Apoll
Ging er zur Probe. Auf der Straße winkte
Er allen Mädchen, heitrer Laune voll,
In Blick, Bewegung, Haltung das distinkte
Erobererair, das jeder haben soll,
Der Frauen gefallen will und Massen lenken,
Daß sie im Zug nach seinem Willen schwenken.
Auch auf der Probe war er ganz der alte:
Die Verse strömten wie ein Wasserfall;
Im Volksgetümmel seine Stimme schallte
Wie Donnerton im rauschenden Regenschwall;
Und wie zum Kreuze er die Fäuste ballte,
Und, wie er rief: »Zurück in deinen Stall,
Aus dem du kamst, verzerrter Gott der Sklaven!«
Da war's als wenn das Kreuz Blitzschläge trafen.
Der Herr Direktor schloß ihn an den Busen:
»Du hast dich wieder, o Gelasime!
Mein teurer Freund! Ich schwör's bei allen Musen:
So schlechthin göttlich sah ich keinen je.
Es ist sonst gar nicht meine Art, zu schmusen,
Doch hier erklär' ich's: gleich der Aloe
Blüht deine Kunst jetzt, deine geniale.
Wir spiel'n das Stück gewiß an hundert Male.«
Bestürmt von Händedrücken, und von Phrasen
Gesalbt, geölt mit allen Parfümrien
Der Schmeichelei (den werten Mimennasen
Das lieblichste Odeur), umsurrt, umschrien,
Umtanzt beinah von Huldigungsekstasen,
Vermochte unser Held sich kaum zurückzuziehn
Zur Garderobe, wo er sich die Schminke
Vom Antlitz wusch. – Da drückt es auf die Klinke.
Der leise Laut erschreckte ihn. Betroffen
Sah er sich um. Doch niemand war zu sehn.
Indes stand angelweit die Türe offen,
Und draußen hörte einen Schritt er gehn.
Er sprang zur Schwelle, auf der Zunge schroffen
Verwünschungsruf. Da blieb das Herz ihm stehn:
Drei Spannen weit vor ihm im Korridore
Stand regungslos das Mädchen mit dem Flore.
Welch Angesicht! Die stygische Proserpine,
Rückwärts den Blick gewandt zum Vaterhaus,
Erschütterte nicht so durch Blick und Miene,
Sah nicht so schmerzensvoll anmutig aus.
»Wer bist du?« rief Gelasimus. »Ich diene
Dir namenlos,« sprach sie, und, einen Strauß
Aus Wüstendisteln vor ihm niederlegend,
Verschwand sie, leis im Gehn den Flor bewegend.
Der Mime bückte tief sich zu den grauen
Staubvioletten Blüten. Kniend nahm
Er das Geschenk, wie keines je von Frauen,
So viel sie schon ihm schenkten, zu ihm kam.
Und es erfüllte ihn mit Lust ein Grauen,
Mit Wollust eine wundersame Scham.
Er schämte sich der Freude am Applause,
Nahm Strauß und Buch und ging bewegt nach Hause.
Ich laß es hingestellt sein, ob die Worte
Des großen Patriarchen Joachim
Es waren, die mit Geisteskraft die Pforte
Zum Evangeljum öffneten vor ihm.
Genug: zu des Direktors Grimm und Torte
Schrieb tags drauf einen Brief ihm Gelasim,
Mit dem die Rolle ihm zurück er sandte:
»Derlei zu spielen bin ich außerstande.«
Empörung; Wüten; Rechtsanwalt; Gerichte;
Replik; Duplik; Baalbeks »Diarium«
Hatte nicht Raum mehr für die Weltgeschichte,
Denn schnuppe war durchaus dem Publikum,
Was sonst geschah. Es wünschte bloß Berichte
Zur großen Lis contra Gelasimum.
Das Urteil kam: Der Mime ist verhalten,
Zu spielen – eventuell mit Brachialgewalten.
Der große Tag erschien. Von zwölf Gendarmen
Ward Gelasim zum Schauplatz eskordiert.
Man schminkte (welche Prozedur!) den Armen
Gewaltsam, und pervim ward dito er frisiert,
In sein Kostüm gesteckt und ohn' Erbarmen
Hieß es: »Avanti! Und: Stichwort pariert!«
Er dachte sich: Das alles läßt sich zwingen;
Wer aber zwingt die Nachtigall, zu singen?
Man stieß ihn auf die Bühne. Solch ein Toben
Ward nie vernommen, wie es da erscholl.
Die Riesenmenge hatte sich erhoben
Und schrie ihm Willkomm. Von Verehrung schwoll
Ein ganzes Meer ins Herz ihm. Gottes Proben
Sind fürchterlich: Der arme Mime, toll
Fast vom Applaus, doch innerlich in Banden
Des Unbegreiflichen, hat furchtbar ausgestanden.
Die Lippen bebten. Wie, um eine Wunde
Zu pressen, lag auf der bewegten Brust
Das Händepaar. Es irrten in der Runde
Die Blicke ratlos, keines Ziels bewußt.
Schon schwieg der Willkomm. Aus dem stummen Munde
Der Menge drohte mitleidlos: Du mußt!
Und dabei brodelten in seinem armen Kopfe
Der Rolle Worte wie in einem Nudeltopfe.
Wohl hätte er sie jetzt entlassen wollen:
Er konnte nicht. Die Zunge war ihm schwer.
Schon hob im Publikum sich Murmeln, Grollen,
Gewittrisch wälzte sich ein Wolkenetwas her.
Noch ein Moment, und alle Donner rollen,
Denn von Verehrung weiß das Volk nichts mehr,
Wenn der Verehrte trotzt. Gleich wird es blitzen!
Den Herrn Direktor sah man deutlich schwitzen.
Da – welche Wandlung! Wie von innren Sonnen
Erleuchtet, öffnet Gelasim den Mund:
Er spricht. In seinen Worten rinnen Wonnen:
Der Feldherr tut die Seligkeiten kund
Von Christi Lehre. Balsamüberronnen
Fühlt sich das Publikum, bis auf den Grund
Entzückt, erschüttert, völlig hingerissen
Von dieser Sprache süßen Dämmernissen.
Was war geschehn? Was öffnete die Tore
Der Rede unsrem Mimen? Weiter nichts,
Als daß er auf der mittleren Empore
Das stille Leuchten sah des Angesichts
Von jenem Mädchen mit dem grauen Flore.
Doch darin war die Fülle allen Lichts
Für seiner Seele bange Dunkelheiten:
Geh deinen Weg! Die Gnade wird dich leiten!
Und so geschah's. Er spielte nicht: er lebte
Was in der Rolle des Bekehrten stand.
Als ob der Heiland in ihm selber webte
Der Dichterworte leuchtendes Gewand,
Umfloß es ihn wie Licht, das ihn umschwebte
Und hob und trug: In der Verheißung Land.
Doch als die Rolle abwich von den Pfaden
Des Kreuzes, kam die Fülle erst der Gnaden.
Es war nicht einer, der die scène à faire
Des Stücks nicht aus der Zeitung schon gewußt:
Die große Szene zu der Götter Ehre,
In der der dumpfe Katakombenwust
Vertrieben ward von Jovis heiligem Speere.
Man freute sich darauf mit um so größerer Lust,
Als man bereits die allzu süße, matte
Kreuzlimonade etwas über hatte.
Es waren ja Heiden: Heiden im Theater!
O armer Gelasim, wie wird es dir ergehn!
Die Gnade leuchtet dir. Jedoch an einem Krater.
Sie mache blind dich, nicht hinabzusehn! –
Getrost! Ein Herz war bei ihm, das zum Vater
Der Liebe betete, ihm beizustehn.
Wie stärkender Tau fiel in das glutverdorrte
Herz himmelher ihm jedes ihrer Worte.
Ein klarer Held, aufrecht, mit starken Schritten,
Betrat Gelasimus den Schauplatz. Groß
Schritt er zum schwarzen Kreuze, das inmitten
Von unterirdischen Gräbern stand. Getos
Heidnischen Volks bestürmte ihn mit Bitten,
Zurückzukehren in der Götter Schoß. –
Dies war der Auftakt. – Stille nun. – Dann wollte
Die Rolle, daß dem Kreuz er fluchen sollte.
Er aber kniete nieder. Und er legte
Auf Christi Fuß die Stirne: ganz entrückt,
Indes die Lippen im Gebet er regte.
Dann hob das Haupt er, lächelte verzückt,
Stand ruhig auf, schritt ruhig vor, bewegte
Nicht eine Miene, bis er tief gebückt,
Das Kreuz des Schwertgriffs küßte, lippenbebend,
Die ganze Seele in den Kuß hingebend.
Das Publikum, durch diese Pantomime
Vor Staunen fast um den Verstand gebracht,
Schwieg noch. Nur einer rief: »O Gelasime,[9]
Was hast du mir aus meinem Stück gemacht!«
Der Dichter war's. Doch nun, ottave rime,
Zieht euch zurück, denn das Gewitter kracht.
Bis hierher ging es mit den steifen Stanzen,
Jetzt aber müssen freie Rhythmen tanzen.
[9] Man muß es dem Dichter zugute halten, daß er falsch betont. Er stammte nicht aus Rom, sondern aus Jerusalem.
Wie wenn vorm ersten Stoß des nahenden Sturms die Blätter
Von Pappelbäumen zu zittern beginnen und rascheln,
Lief durch die Massen
Die steinernen Gassen
Der Sitze entlang, von den Senatoren-
Subsellien bis zu den höchsten Emporen,
Ein Surren und Summen,
Ein Schurren und Brummen,
Ein flirrendes Flüstern,
Ein Schnauben aus Nüstern,
Ein heißes Hauchen,
Ein pfeifendes Pfauchen,
Ein Schnarren und Schnarchen,
Ein Knarren und Knarchen,
Ein Stimmengewirre, Geschwirre, Geklirre:
Von allerhand widrigen Tönen kurzum
Ein höllisches Pandämonium.
So stimmen im Orchester disharmonisch
Die Instrumente Bläser, Streicher, Schläger,
Des Mannes harrend, der als Luftdurchsäger
Mit seinem Taktstock kommt, auf daß symphonisch
Das Ganze werde. Doch, man weiß es ja:
Zuweilen zeigt sich reichlich kakophonisch
Frau Musika.
Als Hofkapellmeister Seiner Majestät
Des Publikums in diesem Fall fungierte
Ein hagerer Priester, der den Vorsitz zierte
In Baalbeks Sittlichkeitssozietät,
Die nicht Moral allein in ihrem Wappen führte,
Sondern auch Schutz der Religiosität.
»Silentium!« krähte der Dürre schrill.
Und gleich war's still.
Sodann hub an
Der magere Mann:
»Verruchter Bube, was ficht dich an,
Unsere heiligsten Güter zu verhöhnen?
Bestellt zum Dienste der Kamönen,
Hast das Theater du entweiht
Zum Schauplatz scheußlichster Verkommenheit.
Du hast's gewagt, dich zu bekennen
Zu einer Lehre, die so niedrig ist,
Daß, grauser Aberwitz, nicht auszunennen,
Sie einen Juden namens Christ
Als Gott verehrt, den römische Justiz
Verurteilt hat zum Malefiz-
Kreuzgalgen, und verehrst, was jeden Braven
Mit Schauder packt: das Marterholz der Sklaven.
Beim Zeus! Die Frechheit kann nicht weitergehn!
Im Niedrigen das Göttliche zu sehn,
Die ewigen, großen
Götter vom Thron
Herabzustoßen
Und, Blasphemie, als Gottes Sohn
An ihre Stelle einen Schwerverbrecher,
Bestraft nach heiligem römischen Recht,
Zu setzen: Was bisher auch frecher
Anarchischer Pöbelwahn sich erfrecht:
Dies ist der Gipfel! Seit die Welt besteht,
Ward so der heiligen Wahrheit Majestät
Nicht ins Gesicht gespien!
(Hier machte eine Pause,
Begierig nach Applause,
Der orthodoxe Mann.
Der setzte prompt und pünktlich ein
Mit Bravorufen, Toben, Schrein.
Doch als das Publikum genug geschrien,
Fing er aufs neue an:)
»Du liegst noch immer auf den Knien?
Steh auf, ich sage dir, steh auf!
Dem Trotzigen wird nicht verziehn,
Und die Gerechtigkeit nimmt reißend schnellen Lauf,
Stößt sie auf Störrischkeit:
Nur wenn zur rechten Zeit
Der Sünder in sich gehet,
Geschied's vielleicht,
Daß sie, erweicht,
Wenn er recht innig flehet,
Ihm gnädiglich verzeiht.«
(Dies sagte er in jenem Ton,
Der, salbenseimig, allen Pfaffen,
Als sei ihr Mund zum Salbennapf geschaffen,
Wie Schmalz entschwappt seit Olims Zeiten schon.)
Und es ward totenstill. Das Publikum
Zwang seine Gier zurück: aus Spannung stumm,
Nicht aus Verzicht auf das geliebte Toben.
Die Bestie hatte schon das Prankenpaar erhoben,
Zum Sprung gefedert lag der Rücken krumm.
Die Tausende waren eins: ein Vieh geworden.
Und dieses Vieh, geeint aus Wut,
War geil auf Blut
Und leckte
Die Lippen schon und bleckte
Die Zähne zum ersehnten Morden.
Doch dieses Ungetüm, wie wild es sah,
Und wie sein Atem keuchte:
Für unsern Knieer war es gar nicht da.
Er sah nur Licht und Leuchte:
Ihr Herz: wie aus Rubinenglas
Ein Kelch es ihm bedeuchte,
Voll von dem Blute Golgathas.
Und horch, es hob ein Zwiegesang
Aus seinem Mund und ihrem sich,
Geschwisterlich,
Als wie aus einem Munde;
Der klang nicht klagend, klang nicht bang,
Klang selig, selig, selig, klang
Wie zehrende Liebeskunde:
»Mein Herzverlangen!
Mein Armumfangen!
Auf der Weide meiner Liebe holdseliges Lamm!
Ich atme dich aus, ich atme dich ein,
Du mein Morgenwind, Abendwind, Sonnenschein!
(Er) Süße Braut, (Sie) Süßer Bräutigam,
Von Jesus mir gegeben
Zum bittern Tod,
Vielsüßerm Leben!
Halleluja!
Der Hochzeit entgegen
Auf blutigen Wegen
Leidselig zu gehn,
Gib, gib deine Hände!
Wir werden ihn sehn:
An Weges Ende
Wird Jesus stehn!
Halleluja!
Wird Jesus stehn
Mit seinem Hochzeitssegen.
Jesus! Liebe!
Jesus! Liebe!
Soli Christo gloria!«
Kaum, daß der beiden Gloria verklungen,
Hat sich ein ungeheurer Unheilston
Dem Tausendmäulerungetüm entrungen:
Der schwoll vom Libanon zum Antilibanon.
Und: Die von Christus eben noch gesungen,
War'n auch bei ihm im Paradiese schon:
Das wilde Tier hat heulend sie erschlagen.
Genaures wußte niemand auszusagen.
Zerrissen lagen sie auf blutigem Steine:
Ein Haufen unkenntlichen Fleischs, zerfetzt;
Zwei lebende Körper einst: als Leiche eine,
Wie auf dem Hackebrett brutal zermetzt.
Der Präsident vom Sittlichkeitsvereine
Beklagte es tief, daß das Gesetz verletzt
Durch Volkeseigenmächtigkeit geworden.
Er war prinzipiell für offizielles Morden.
Die Menge selber, wie sie sich gespalten
In Individuen: keine Bestie nun,
Nein, lauter Biederleute: ungehalten
War sie nicht minder ob so wüstem Tun.
Man rief entrüstet, daß die Gassen schallten:
»Wo blieb denn unser Polizeitribun?«
Dann lief mit roten Köpfen man nach Hause,
Und sehr bewegt verlief die Vesperjause.
Indessen senkte sich violenfarben
Die Dämmrung nieder auf die Stadt von Stein;
Dann kam die Nacht mit ihren Sternengarben
Und lud zur Ruhe und zur Wollust ein;
Die bunten Lupanarlaternen warben
Wie jede Nacht zur Liebe und zum Wein,
Und mancher starke Geist, in Liebeshitze,
Verübte auf die toten Christenschweine Witze.
So ist das Leben. Bis im Grab wir liegen,
Beschreiten eine Erde wir aus Dreck.
Nur die Gedanken und Gefühle fliegen.
Hermann Conradi proklamierte keck:
»Nur wer das Leben überstinkt, wird siegen!«
Doch, frag' ich: hat dies Siegen einen Zweck?
Ist, recht besehn, die blutige Martyrkrone,
Gleichviel um was, am Ende doch nicht ohne?
Wie wird das Leben heute überstunken!
So siegreich, daß uns Übelkeit erfaßt.
Gestank, du siegst! Die Welt ist jauchetrunken.
Ihr Gott heißt Bauch, ihr Gottesdienst heißt Mast.
Geheimnisvoll bedienen uns die Funken
Der Ätherkraft. Jedoch es scheint verpaßt
Der Anschluß an die höchste Hochspannleitung.
Sogar Begeisterung stinkt: stinkt nach der Zeitung.
Genug davon! Mich als Savonarola
Hier aufzuspielen, liegt mir völlig fern.
Ich hasse ihn. Auch zieh' ich Emil Zola
Dem großen Frenssen doch noch vor. Die Herrn,
Die zum Erbrechen auf der Pianola
Choräle treten, schlecht und subaltern,
Beleidigen mein Geruchsorgan nicht minder,
Als jene Bauchlakain im Glanzzylinder.
Sie preisen Christum hunderttausendzeilig;
Ihr Tintenfinger weist auf ihn verzückt;
Und, weil sie quabblig weich wie Laich und langeweilig,
Hat sie der deutsche Ernst mit Ruhmsalat geschmückt.
Erschien ihr Herr und Heiland heute: eilig
Erklärte dies Geschlecht ihn für verrückt.
Er aber nähme an den weißen Bäffchen
Unsänftlich diese Wonnewinseläffchen.
Er war die Liebe. Ja. Doch nicht die laue,
Die spülichtduldsam in den Pfaffentrog
Jedweden Quark befördert; nicht die schlaue,
Die bald als Zepter schlug, bald sich wie Binse bog:
Die zornige Liebe war er, Schwert und Klaue
Der Waffenlosen; kurz: kein Theolog.
Doch, weil er wirklich himmelgroß gewesen,
Läßt sich aus seiner Lehre alles lesen.
Auch unser liebes Christentum. Wer immer
Sich Christ nennt, tut's mit Recht. Es ruht auf ihm,
Wie könnt' es anders sein, ein kleiner Schimmer
Aus Jesu Herzen. Völlig legitim
Ist dieser Titel. Wird er Herzensstimmer
Zu Rausch und Aufschwung, wie bei Gelasim,
So ist er mehr: Ist Geist von Christi Geiste,
Und sei auch Wahn dabei das allermeiste.
Wahn!? Was ist Wahn! Was so im Menschen zündet,
Daß er zur Flamme wird, die sich verzehrt;
Zum Glutstrom, der aus seliger Freiheit mündet
Ins All, ins Nichts; von keiner Angst beschwert,
Durch Tat das Wort: Wo ist dein Stachel, Tod? verkündet –
Ist mehr als alle faule Wahrheit wert.
Schwer ist das Sterben. Wer's als Meister leistet:
Den Tod zur Kunst macht, der ist gottdurchgeistet.
So ward ein Mime heilig, weil am Ende
Von vieler Eitelkeit und Narretei
Sein Leben er wie eine Opferspende
An Gott gab. Ganz egal, ob der der rechte sei,
Ob ein Idol gewesen. Seine Hände
Wusch Herr Pilatus, dem das Volksgeschrei
Wie aufgewirbelter Schmutz vorkam, und fragte,
Worauf kein Gott: jedoch die Zeit bald Antwort sagte.
Wahr ist, was wirkt. Der große Baal war Wahrheit;
Der große Zeus desgleichen; Jahve auch;
Und Christus, kommend aus der großen Klarheit,
Das jene tot, hat mit der Liebe Hauch,
Der problematischen, in Offenbarheit
Ins Nichts vertrieben ihrer Opfer Rauch.
Wahr ist der Geist, der wirkend souveräne.
Dogma ist Aas. Wer liebt das? Die Hyäne.
Gelasimus, den heiligen Mimen, haben
Die Christen Baalbeks noch in gleicher Nacht
In Mariamna feierlich begraben.
Auch jene haben sie dorthin gebracht,
Die ihn erfüllte mit des Glaubens Gaben.
Doch ihres Namens wurde nicht gedacht.
Vergessen ist sie: eine Namenlose.
Denn Gelasim besaß die größere Pose.
So schließt denn leider diese Novellette
Moralisch zwar, doch etwas angeeckt:
Selbst in Legenden geht's wie beim Ballette
Nicht nach Verdienst bloß zu, nein, nach Effekt:
Wer vorne tanzt, der nur wird vom Parkette
Beopernguckt und mit Applaus bedeckt.
Ob Heiligen-, ob braune Kassenscheine:
Die Hintergrundtalente kriegen keine.
Gleichviel: Jungfrauen mit der Gloriole
Gibt's ohnehin schon eine große Schar,
Indes ein Mime mit der Tänzersohle
Als Heiliger ein großes Novum war:
Die Kirche brauchte ihn zum Seelenwohle
Der Mimenschaft, die, wäre sie heiligenbar,
Am Ende in Verlegenheiten käme,
Wen sie beim Herrgott sich zum Fürsprech nähme.
Zwar sagt man, daß sie nicht sehr häufig beten,
Die untenher das Licht der Rampe trifft,
Daß sie, gottloser fast noch als Poeten,
Voll sind von aller Skeptizismen Gift.
Das ist Verleumdung: Fehlen die Moneten,
Ist man viel frömmer als im Damenstift,
Im Reich der Schminke. Und sie fehlen häufig:
Drum ist den Mimen Beten sehr geläufig.
Wenn sich der Monat neigt zum kahlen Ende,
Hat Gelasim unendlich viel zu tun,
Am Anfang weniger. Dann läßt die Hände
Gemütlich er im heiligen Schoße ruhn
Und überdenkt die eigene Legende:
Es ist, wie's war, war ehedem, wie nun:
Der Mensch hat's mit dem Beten nicht sehr eilig –
Ich wurde selbst auch Ultimo erst heilig.