4. Schriftsprache und gesprochene Rede.
Man bezieht das Wort Stil gewöhnlich nur auf die Darstellung der Gedanken in der Schriftsprache. Diese Auffassung ist aber einseitig und irrtümlich. Dieselben Gesetze vielmehr, die für die Schriftsprache gelten, liegen auch der mündlichen Rede zugrunde. Zwar fordert die Schriftsprache, weil sie die Gedanken nicht bloß für den Augenblick und für einzelne Personen darstellt, und weil sie nicht durch die Betonung und das lebendige Gebärdenspiel des Sprechenden unterstützt wird, in der Regel eine größere Sorgfalt, namentlich in bezug auf die Wahl der Worte und die Wortstellung, aber es kann nicht dringend genug darauf hingewiesen werden, daß der mündlichen Rede dieselbe Sorgfalt zuzuwenden ist wie der geschriebenen. Vor allem aber darf die Schriftsprache nicht in der Schärfe von der mündlichen Rede getrennt werden, wie es jetzt leider gewöhnlich geschieht. Gerade die Zeiten der höchsten Blüte unserer Sprache und gerade unsere größten Dichter sahen in der Sprache in erster Linie etwas, das gesprochen wird, und gaben der mündlichen Rede den Vorrang vor der Schriftsprache. Das Zeitalter der Minnesinger, das Zeitalter Luthers, das Zeitalter Schillers und Goethes bieten dafür ausreichende Beweise. Nur immer diejenigen Zeiten, in denen sich unser Sprachleben im Rückgange befand, erhoben die Schriftsprache zur stolzen Herrin und drückten die mündliche Rede zur dienenden Magd herab. Hätten Klopstock, Goethe und Schiller nicht unserer Sprache durch Worte und Wendungen, die sie der lebendigen Sprache ihrer Heimat entnahmen, eine großartige Erweiterung gegeben, so wären vielleicht heute noch die beschränkten Sprach- und Stilregeln Gottscheds und Adelungs geltend.
Anmerkung. Klopstock kämpfte sein ganzes Leben hindurch gegen das bloße stille Lesen mit den Augen. Goethe sagt unter anderem in Dichtung und Wahrheit (II, 10): „Schreiben ist ein Mißbrauch der Sprache, stille für sich lesen ein trauriges Surrogat der Rede.“ An der Adrastea (6, 187) sagt Herder: „Welche Nation hat ihre Sprache wesentlich so verunstalten lassen, als die deutsche? Gehen Sie in die Zeiten der Minnesinger zurück, hören Sie noch jetzt den lebendigen Klang der verschiedenen, zumal west- und südlichen Dialekte Deutschlands, und blicken in unsere Büchersprache. Jene sanften oder raschen An- und Ausklänge der Worte, jene Modulation der Übergänge, die den Sprechenden am stärksten charakterisieren — da wir Deutsche so wenig öffentlich und laut sprechen, sind sie in der Büchersprache verwischt!“ Ganz besonders beherzigenswert ist Herders Schulrede: „Von der Ausbildung der Rede und Sprache in Kindern und Jünglingen.“
[1] Ein Beispiel einer solchen völligen Vermischung ist Schießls System der Stilistik. Straubing 1884. Vergleiche meine Besprechung in Zarnckes Literarischem Zentralblatt 1885.