Daulet Ram

Unter den an den eingeborenen Fürstenhöfen diensttuenden Beamten sind die mit den Finanzgeschäften der Fürsten betrauten Minister wohl die einflußreichsten. Diwan Daulet Ram, wie der diese Stellung in Kapurthala bekleidende Herr hieß, hatte es verstanden, sich dem Maharadscha unentbehrlich zu machen. Schon sein Vater hatte den Posten vor ihm inne gehabt. Auch hatte die Familie besonderen Anspruch auf das Wohlwollen des Fürsten, weil der Vater Daulet Rams Dschagatdschit Singh mit zu seinem Aufstieg auf den Thron verholfen hatte. Er war es gewesen, der seinerzeit mit dem Steueraufseher, dem wirklichen Vater des Maharadscha, den Übergabevertrag abgeschlossen hatte.

Als junger Mann hatte Daulet Ram einige Jahre in England studiert und dort das juristische Examen bestanden. Neben dieser Errungenschaft der Zivilisation hatte er sich, wie üblich, alle schlechten Eigenschaften des Abendlandes angeeignet, ohne doch die mannigfaltigen Laster des Orients abzulegen. Nach dem Tode seines Vaters wurde ihm vom Maharadscha der verantwortungsreiche Posten des Diwan (Hoffinanz-Minister) übertragen, wozu ihn seine Ausbildung in England besonders befähigte. In europäischer Gesellschaft benahm er sich wie ein englischer Gentleman, was einen ganz besonders großen Eindruck auf den Maharadscha ausübte, bei dem er daher auch in sehr hoher Gunst stand. Die Richtschnur seines Tun und Denkens bestand darin, keine Rupie aus dem fürstlichen Schatz auszugeben, ohne daß ein guter Teil davon den Weg in seine eigene Tasche fand. Um diesem Prinzip ständig treu bleiben zu können, wandte er alle denkbaren Mittel an, wobei er vor keiner noch so unehrlichen Art und Weise zurückschreckte, wenn es ihm nur gelang, dieser Lebensregel gemäß zu leben.

Als der Maharadscha die erste Reise nach Europa unternahm, zeigte sich der Fürst sehr freigebig, oft sogar verschwenderisch. Da Daulet Ram während dieser Reise das Amt des Zahlmeisters innehatte, so kam er bedeutend reicher nach Indien zurück, als er es verlassen hatte. Unterwegs jedoch war der Maharadscha von den ihn begleitenden englischen Offizieren auf die sehr unverständlichen hohen Ausgaben aufmerksam gemacht worden, wie sie die Hotelrechnungen aufwiesen. Er beschloß infolgedessen, die ihm von Daulet Ram vorgelegten Belege, besonders die Hotelrechnungen, etwas genauer zu prüfen. Doch Daulet Ram kannte ganz genau die schwache Seite seines Herrschers und ließ sich in seinen Bereicherungsabsichten dadurch nicht beirren noch beeinträchtigen. Er wußte, daß der Fürst vom Addieren keine Ahnung hatte. Daher richtete er es mit dem Direktor oder Kassierer des Hotels, in dem die Gesellschaft für längere Zeit Aufenthalt genommen hatte, auf folgende Weise ein: außer der richtig stimmenden Rechnung wurde jedesmal noch eine zweite, zugunsten Daulet Rams falsch zusammengerechnete ausgestellt, die für den Maharadscha bestimmt war. Auf dieser letzteren wurden etwa 40-50% aufgeschlagen. Um aber ja den Verdacht des Maharadscha einzuschläfern oder abzulenken, standen unter dieser Rechnung als „Extra“ ein oder zwei Soupers mit verschiedenen Flaschen Sekt, und dies so, daß sie dem Maharadscha bei der Durchsicht besonders in die Augen fallen mußten. Der Zweck dieser „Extras“ war, daß der Fürst daran Anstoß nehmen und der großen, falsch zusammengezählten Summe keine Beachtung schenken solle. Wurde nun der Sekretär über die Extras zur Rede gestellt, so entschuldigte sich Daulet Ram damit, daß die Summe auf seine Privatrechnung hätte geschrieben werden müssen, und durch ein Versehen der Hotelleitung auf die Rechnung des Maharadscha gekommen wäre; er werde sofort die nötigen Schritte unternehmen, um die Umbuchung ausführen zu lassen. Der Maharadscha, stolz auf seine Schlauheit, dieser Unregelmäßigkeit auf die Spur gekommen zu sein, erklärte, daß er nicht mehr als die Hälfte der Ausgaben für derartige Schlemmereien seines Gefolges bezahlen werde, da er vorher nicht um Erlaubnis gefragt worden sei. Die andere Hälfte müßten die, die an dem Gelage teilgenommen hätten, aus ihrer eigenen Tasche begleichen.

Da nun diese Extras sowieso nur fingiert waren, kam es Daulet Ram und seinen Genossen nicht darauf an, nur die Hälfte dieser Beträge, außer den 40-50% der Überaddition, einzustecken. Der begleitende englische Offizier sah bald ein, daß es sein Dasein in keiner Weise verschönere, wenn er sich mit der ihm übrigens gar nicht zustehenden Kontrolle der fürstlichen Ausgaben beschäftigte, und unterließ es in Zukunft, dem Maharadscha in dieser Hinsicht Vorhaltungen zu machen.

Doch nicht nur aus den Hotelrechnungen erwartete Daulet Ram einen Zufluß in seine eigene Tasche zu finden. Überhaupt sollten alle Ausgaben des Fürsten für ihn tributpflichtig gemacht werden. Nun hatte der Maharadscha die Absicht, sein neuerbautes Schloß in Mussoorie im Himalajagebirge durch die weltbekannte Firma Waring & Gillow in London in der luxuriösesten Weise mit Möbeln und Teppichen ausstatten zu lassen. Daulet Ram aber hatte schon vor der Abreise von Indien, unter Empfangnahme einer hohen Provision, einer Firma in Kalkutta versprochen, daß diese Bestellung auf seine Befürwortung hin ihr übertragen werden würde. Als der Fürst den Wunsch aussprach, mit der Londoner Firma in Verbindung zu treten, sandte Daulet Ram einen Vertrauensmann zu ihrem Direktor, um zu erfahren, wieviel man ihm, als dem Finanzminister des Maharadscha, an Provision zahlen würde, wenn es seinen Bemühungen gelänge, daß der Maharadscha die Möblierung seines indischen Schlosses der Firma Waring & Gillow in Auftrag gäbe? Dabei stellte er kaltblütig die Forderung, daß man, wenn er sich überhaupt darum bemühen solle, zunächst einmal tausend Pfund Sterling im voraus an ihn zahlen müsse.

Samuel Waring war über diese Forderung des Ministers ebenso erstaunt wie entrüstet und machte dem Vertrauensmann Daulet Rams klar, daß er wohl bereit sei, eine ansehnliche Provision zu bezahlen, nachdem seine Firma in den Besitz des Gegenwertes der gelieferten Gegenstände gekommen sei, daß er aber keinen Penny im voraus zahlen würde, um schon jetzt einen der Beamten des Maharadscha zu bestechen, damit seiner Firma der Auftrag des Maharadscha erteilt werde. Der Fürst habe persönlich die Pläne und Kostenanschläge geprüft und ihm die Erteilung des Auftrages in Aussicht gestellt. Er rechne daher sicher darauf, daß der Kontrakt regelrecht von ihm unterschrieben werde.

Dies paßte jedoch nicht in die Geschäftsprinzipien Daulet Rams, der für Versprechungen nichts übrig hatte. Gerissen, wie er war, und als Günstling des Maharadscha, wußte er seinen Herrn zu überreden, den Vertrag nicht zu unterschreiben. Er stellte ihm vor, daß die Möbel nicht eher bezahlt werden dürften, als bis sie fix und fertig im Schlosse aufgestellt wären.

Auf diese Forderung konnte selbstverständlich eine erstklassige europäische Firma nicht eingehen, weil es keinen Klageweg gegenüber einem indischen Fürsten gibt. Die anglo-indische Regierung ist der Ansicht, daß, wer immer sich auf Verträge mit indischen Fürsten einläßt, dies auf sein eigenes Risiko tut, denn sie unterstehen in dieser Hinsicht nicht dem englischen Gesetz.

Für die Firma Waring & Gillow war das Nichtzustandekommen des Vertrags ein ziemlicher Schlag, denn durch das Möblieren des Schlosses des Maharadscha von Kapurthala in Mussoorie hatte sie gehofft, eine gute Kundschaft in Indien zu erwerben. Diwan Daulet Ram aber genoß die Erfolge seiner Lebensregel nicht allzulange, denn er starb selbst für indische Verhältnisse als noch recht junger Mann.

Im Laufe seiner Krankheit kam, trotz seiner abendländischen Erziehung, wieder der wahre indische Charakter zum Vorschein. Der Maharadscha ließ ihn, um ihm die beste Pflege zu verschaffen, durch einen anerkannt tüchtigen englischen Arzt behandeln. Ohne dessen Wissen jedoch wurde von den Familienangehörigen ein indischer Hakim (Eingeborenen-Doktor) herangezogen, der die Verordnungen des weißen Arztes durch seine Pfuschereien zunichte machte. Dem englischen Arzt war die Erfolglosigkeit seiner Behandlung unbegreiflich, doch er hatte immer noch Hoffnung, den Kranken zu retten. Kurz nach seinem letzten Besuch aber erfuhr er, daß der Patient gestorben sei. Als ich ihm mitteilte, daß Daulet Ram auf den Rat des Hakim als einziges Mittel, das ihn wiederherzustellen vermöge, einen Liter Ganges-Wasser getrunken habe, wurde ihm jedoch die Ursache der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen verständlich.

Vielleicht daß die lieben Verwandten mit Rücksicht auf die Erbschaft etwas Gift unter das Gangeswasser gemischt hatten, um den Kranken von seinen Schmerzen zu befreien! Immerhin, ein Liter des schmutzigen Gangeswassers sollte genügen, den gesündesten und robustesten Menschen von seinem irdischen Leben zu erlösen. Festgestellt konnte nichts werden, da schon vier Stunden nach dem Tode der Körper verbrannt war.

Ebenso wie Dschagatdschit Singh über die Unehrlichkeit des oben erwähnten Duma Mal sich keiner Illusion hingegeben hatte, so wußte er auch, daß Diwan Daulet Ram stets zuerst für seine eigene Tasche besorgt gewesen war. Auf die Dauer fand er es aber etwas kostspielig, auch in Europa überall mit „fürstlichen“ Trinkgeldern standesgemäß auftreten zu müssen, wie seine indischen Beamten sie ihm in so virtuoser Weise abzunehmen wußten.