Schlußbemerkungen

Wenn es richtig ist, daß für die Beeinflussung der Handlungsweise eines Menschen die Kenntnis seiner Laster wichtiger ist, als die seiner Tugenden, so haben die Engländer ihre Politik in Indien durchaus folgerichtig auf diese Grundeigenschaften der von ihnen beherrschten Millionen eingestellt.

Unter Ausnützung der Selbstsucht der Fürsten, des Geizes der höheren Klassen und der Lügenhaftigkeit des niederen Volkes kommen sie dem einzelnen indischen Herrscher durch Gewährung von — an sich belanglosen — Sondervorrechten entgegen, sehen von einer rationellen Besteuerung der Besitzenden ab, um alle Lasten der Verwaltungskosten, die nicht gering sind, vornehmlich der in Armut und Unwissenheit versunkenen großen Masse der Landbevölkerung aufzubürden, der sie mit allen Mitteln das Märchen von der britischen Allmacht stets vor Augen halten.

Die Verwendung indischer Truppen im Weltkriege jedoch hat auch Angehörigen des indischen Volkes die Augen darüber geöffnet, daß das große britische Kaiserreich sich allen anderen Völkern der Erde zugesellen mußte, um ein einziges anderes europäisches Volk zu besiegen, und die vielen Niederlagen der englischen Truppen bis zum Ende des Kampfes haben den Nimbus der englischen Überlegenheit stark erschüttert.

Diese Tatsachen sind von den zurückgekehrten einheimischen Truppen in Indien verbreitet worden. Infolgedessen macht sich ein gewaltiges Anwachsen der indischen Selbständigkeitsbestrebungen bemerkbar. Ihnen suchen die Engländer durch verschiedene Mittel zu begegnen. Die Fürsten sollen in einer Art indischem Oberhaus vereinigt werden, das nominell als Vertretung indischer Belange gleichberechtigt neben dem Vizekönig zu stehen hätte. Um sie gefügig zu halten, wird mit der Verleihung von Auszeichnungen und Orden nicht gespart, und die Zahl der zugestandenen Ehrensalutschüsse wird immer mehr erhöht, um jeder Eitelkeit entgegenzukommen.

Um den bemittelteren Klassen höhere Erträgnisse ihrer meist im Baumwollhandel, und zum Vertrieb in Indien selbst hergestellter fertiger Stoffe — was bisher fast ein Monopol der Spinnereien in England war — angelegten Kapitalien zu ermöglichen, ist sogar das Unerhörte geschehen, daß die Erhebung eines indischen Eingangszolles auch auf englische Baumwollstoffe trotz aller Proteste der englischen Textil-Industrie zugestanden worden ist.

Die große Masse des Volkes aber wird in Schrecken und Furcht gehalten, indem man bei etwaigen Volksaufläufen ohne weiteres durch Flugzeuge Bomben auf die Menge werfen läßt, was ein bedeutend rationelleres Mittel als die Verwendung von Truppen zu ihrer Zerstreuung ist.

Ein weiterer Anstoß zur Auflehnung gegen die englische Herrschaft wurde von den Mohamedanern Indiens in der britischen Politik gegen die Türkei gefunden. Das Kalifat des Sultans in Konstantinopel war in Gefahr, und die Anhänger des Propheten erhoben sich in Indien zu seinem Schutze. An ihrer Spitze stehen die Brüder Ali. Obgleich England sie jetzt wegen versuchter Aufwiegelung der mohamedanischen Soldaten in der indischen Armee zu langjährigen Gefängnisstrafen hat verurteilen lassen können, so treten die Auswirkungen der Erhebung doch klar zutage. Die den zur Bekämpfung der Türken vorgeschobenen Griechen gewährte englische Unterstützung wird immer geringer, und die nationale Türkei unter Führung Mustapha Kemal Paschas erwehrt sich mit beispielloser Tapferkeit der sie seit 1918 von allen Seiten bedrängenden, und über so außerordentlich viel größere Machtmittel, als das arme, isolierte, ausgesogene Anatolien, verfügenden Feinde. Unnachgiebig verteidigt sie ihre nationale Ehre und ihr Leben als unabhängiger Staat, unterstützt und angefeuert durch die Anteilnahme der indischen Glaubensgenossen.

Die wichtigste freiheitliche Bewegung in Indien trägt den Namen „Swadeschi“ und verlangt für Indien eine Verfassung, die der der britischen Dominions — Kanada, Australien, Süd-Afrika — entspricht. Ihr Führer ist der Hindu Ghandi, der den Kampf gegen England durch passive Resistenz, durch vollkommene Nichtbeteiligung aller Inder an allen Angelegenheiten, in denen Engländer zu tun haben, in dem Boykott aller englischen Stoffe und durch das Verbot für jeden Inder, einem Engländer auch mit der geringsten Handreichung zu dienen, führen will[14].

Der Hauptsitz dieser Bewegung ist sonderbarerweise das durch die Furchtsamkeit und Unehrlichkeit, aber auch durch die skrupellose Gerissenheit seiner Bewohner bekannte Bengalen, im Nordosten Indiens. Im Südwesten dagegen haben sich die „Moplah“ genannten Bergbewohner einer Gebirgsgegend erhoben und stehen schon seit langem im Kampfe gegen die Engländer. Selbst wenn diese sich nicht scheuen, die gemachten Gefangenen trotz der sengenden Hitze Indiens in geschlossenen Güterwagen zusammenzupferchen und sie tagelang, ohne auf die flehentlichen Bitten um Wasser der vor Durst und Hitze halb Bewußtlosen zu hören, durch ganz Indien zu transportieren, bis jeder Eisenbahnwagen mit einem entsprechenden Prozentsatz an Toten ankommt, ist es ihnen bisher noch nicht gelungen, des Aufstandes Herr zu werden.

So sehen wir auch hier wieder viel Unverständliches im Charakter des Inders, und sicherlich ist bei keinem Lande, das geheimnisvolle, seltsame China nicht ausgenommen, die Möglichkeit eines Begreifens der asiatischen Gedankengänge geringer und ein Erfassen der wirklichen Beweggründe aussichtsloser als für Indien, auch für uns, deren Vorfahren im Dunkel der Zeiten die fernen Berge und Ebenen Innerasiens verlassen haben, um, wie die Vorfahren der Inder zum Indischen Ozean, bis an die Ufer der westlichen Meere, bis nach Europa, vorzudringen.


Neu erschienen:

Unter den Kannibalen der Südsee

Studienreise durch die Melanesische Inselwelt

von

Dr. Friedrich Burger

Mit 31 Bildtafeln, zwei Landkarten, mehreren Kartenskizzen und reichem Buchschmuck

Die australische Inselwelt gehört zu den am wenigsten erforschten Gegenden der Erde. Über die große Mehrzahl der unzähligen kleinen und kleinsten Inseln ist auch heute noch der Schleier des Unbekannten gebreitet. Gibt es doch viele unter ihnen, die kaum jemals von eines Weißen Fuß betreten wurden, und wenn auch von den wichtigeren Inseln die Küstenstriche besiedelt sind, so blieb das Hinterland größtenteils unerforscht. Besonders gilt dies auch von dem Urwald im Innern der großen Insel Neu-Guinea.

Dr. Friedrich Burger, der Verfasser des vortrefflichen Buches, unternahm in den Jahren 1911 und 1912 im Auftrage es Linden-Museums in Stuttgart eine ethnologische Studienreise nach dem Melanesischen Archipel und den Salomo-Inseln, um mit den bis jetzt beinahe unbekannten Bergstämmen dieser Inseln in Verbindung zu treten. Auf dem Wege nach Neu-Britannien hielt er sich vier Monate auf den östlichen Molukken auf, wo er Gelegenheit hatte, die abgelegenen Kei-Inseln zu besuchen und ihre hochinteressanten Bewohner kennen zu lernen. Was der Forscher hierbei an Begebenheiten hochbedeutsamer Art erlebte, hat er in seinem neuen Buche niedergeschrieben. Neben einer lebendigen Schilderung der Abenteuer und Gefahren, die das Bereisen der Inseln und das Zusammentreffen mit den Eingeborenen mit sich brachte, enthält das Buch soviel Belehrendes über Sitten, Gebräuche, Aber-, Geisterglauben und Zauberei bei jenen größtenteils dem Kannibalismus frönenden, in unberührter Urkultur lebenden Volksstämmen, daß die bisherigen Forschungsergebnisse und die über jene Gegenden erschienene Literatur, insbesondere auch unsere Kenntnisse des einstigen deutschen Kolonialbesitzes in der Südsee, in bemerkenswerter Weise bereichert werden. Gründliche Beobachtungen aus der Tier- und Pflanzenwelt bilden den landschaftlichen Rahmen und geben dem Buch das Gepräge der Vielseitigkeit.

Das Werk stellt sich infolge der vorzüglich gelungenen Bestrebungen des Verfassers, Erlebnisse abenteuerlicher Art mit einer Bereicherung des Wissens zu verknüpfen, auch als vorbildliches Volksbuch und Buch für die reifere Jugend dar, das für Geschenkzwecke in hervorragendem Maße geeignet ist.

Zu beziehen durch jede Buchhandlung


Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden



Ferner ist erschienen:

John Hagenbeck:

Fünfundzwanzig Jahre Ceylon

(„Unter der Sonne Indiens“ Band I) Erlebnisse und Abenteuer im Tropenparadies. Bearbeitet und herausgegeben von Victor Ottmann. Mit 33 Bildtafeln.

Fünfundzwanzig Jahre lang hat John Hagenbeck in Ceylon als Kaufmann, Pflanzer, Sportsmann und Tierexporteur eine umfassende Tätigkeit ausgeübt und ist der populärste deutsche Kolonist im fernen Südosten gewesen, bis ihn der Ausbruch des Weltkrieges von der Insel verjagte und unter äußerster Lebensgefahr zu einer abenteuerlichen Flucht in die Heimat zwang. Was John Hagenbeck in den langen Jahren eines reichbewegten Überseewirkens im Verkehr mit weißen und farbigen Menschen, auf der Jagd im Dschungel, in allen Teilen der Wunderinsel erlebte, das hat nach seinen Aufzeichnungen und mündlichen Berichten der bekannte Schriftsteller und Weltreisende Victor Ottmann, der mit John Hagenbeck schon von Ceylon her durch freundschaftliche Bande verknüpft ist, in höchst unterhaltsame literarische Form gebracht.

John Hagenbeck:

Kreuz und quer durch die Indische Welt

(„Unter der Sonne Indiens“ Band II.) Erlebnisse und Abenteuer in Vorder- und Hinterindien, Sumatra, Java und auf den Andamanen. Bearbeitet und herausgegeben von Victor Ottmann. Mit 33 Bildtafeln und 2 Landkarten.

Obwohl dieser zweite, völlig selbständige Band ein in sich abgeschlossenes Ganzes bildet, steht er mit dem ersten Bande doch in enger Verbindung. Er behandelt zunächst die Erlebnisse und Abenteuer John Hagenbecks und seiner Freunde auf dem Festlande Vorderindiens, vom tiefen Süden bis hinauf zu den weißen Bergregionen des Himalaja, an den Stätten der uralten indischen Kultur, unter Eingeborenen, an glänzenden Fürstenhöfen und auf der Großwildjagd in Dschungeln und Steppen. Er führt dann über Hinterindien nach der fernen Wunderwelt von Holländisch-Indien hinüber, nach Sumatra und Java, den tropisch üppigen großen Inseln mit ihren überwältigenden Naturszenerien und ihrem hochinteressanten Volksleben. Von einzigartigem, fesselnden Reiz ist ferner ein bedeutender Abschnitt des Buches, der die abenteuerlichen Erlebnisse John Hagenbecks auf den Andaman-Inseln im Indischen Ozean behandelt, die bisher nur von einigen ganz wenigen Deutschen besucht worden sind, weil sie als Sitz der größten Strafkolonie von den Engländern in strengster Abgeschlossenheit gehalten werden.


Auf Großtierfang für Hagenbeck

Selbsterlebtes aus afrikanischer Wildnis von Chr. Schulz (vom Hause Carl Hagenbeck in Hamburg). Über 50 Illustrationen nach Originalaufnahmen.

Ein äußerst fesselndes Bild gibt Chr. Schulz über die beim Einfang wilder Tiere zur Anwendung gelangenden Methoden, wobei an die Kühnheit und Todesverachtung des Jägers hohe Anforderungen gestellt werden. Tief ergreifend ist u. a. die anschauliche Schilderung von dem tragischen Tod eines Freundes im Kampfe mit einem angeschossenen Büffel, wobei auch der Verfasser fast das Leben eingebüßt hätte. Wir folgen dem Weidmann und Tierfänger in den dichtesten Urwald, wo nur Buschmesser und Axt den Weg zu bahnen vermag, wir folgen ihm auf flüchtigem Roß in die weite Masai-Nyika, um an seinen Giraffen-, Zebra- und Antilopenfängen teilzunehmen. Der Verfasser ist auch ein ausgezeichneter Kenner von Land und Leuten. Unserer ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika, dem verlorenen Paradies, widmet er seine liebevollste Aufmerksamkeit. Ebenso erweist er sich als scharfer Beobachter der verschiedenen Eingeborenen-Stämme.

Zu beziehen durch jede Buchhandlung


Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden


Fußnoten:

[1] Als einzige Strafe wurde ihm der ihm sonst zustehende Salut von einundzwanzig Kanonenschüssen für ein Jahr verweigert.

[2] Oudh oder Audh, neu-indisch Aradh, liegt am Fuße des Himalaja am oberen Ganges, hat ein gesundes Klima und ist, besonders in der Nähe des Flusses, außerordentlich fruchtbar. Die Hauptstadt ist Lucknow. Im Norden grenzt Oudh an Nepaul. Es liegt südöstlich von Kapurthala.

[3] Die „Tschatry“-Kaste steht bei den Hindus nicht in besonders hohem Ansehen. Ihr gehören Getreidehändler, untergeordnete Beamte, Soldaten und Bauern an; geographisch findet sie sich vornehmlich in den Ebenen am Fuße des Himalaja, sowie in Kaschmir und im Kulu-Tale.

[4] Das Heiraten außerhalb der eigenen Kaste ist nur reichen Leuten möglich, da für ein Mädchen aus einer höheren Kaste ein bedeutend höherer Kaufpreis an die Eltern zu zahlen ist. Dschagatdschit Singh als — angeblicher — Sohn des verstorbenen Maharadscha Karrak Singh gehörte der Sikh-Kaste an, deren Hautfarbe viel dunkler als die der als höher angesehenen Radschput-Kaste ist. Trotz seiner Stellung als Maharadscha wurde er daher von den Radschputen als aus einer niederen Kaste stammend betrachtet und mußte für seine Radschput-Frauen entsprechend höhere Summen an deren Eltern zahlen.

[5] Rani Kanari ist die erste Inderin gewesen, die als Rani nach Europa kam.

[6] Eins der stärksten indischen Pflanzengifte.

[7] Unsere übliche Entenflinte.

[8] Ruhig.

[9] Steh fest.

[10] Bis zur Übernahme des Oberbefehls über die indische Armee durch Lord Kitchener gab es mehrere Brahminen-Regimenter, die Lord Kitchener jedoch auflöste. Die Soldaten dieser Brahminen-Regimenter gehörten einer der niederen Brahminenkasten an und aßen Fleisch, jedoch nur Wild, und zwar ausschließlich Antilopen- oder Rehfleisch.

[11] Was eins der üblichen Durchschnittsgeschenke in Indien ist.

[12] Husur = Eure hohe Gegenwart; Anrede höflichster Ergebenheit.

[13] Die Formel heißt: „Dumara ke bas hai“ für im Range Niedrigerstehende, „Ab ke bas hai“ für Gleichstehende.

[14] Ghandi ist vor kurzem (Februar 1922) von den Engländern verhaftet und zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden.