Kriegsausbruch
Mein Vater fing mich in Bremen ein, als ich im Jahre 1879 zum ersten Male nach Afrika auswanderte. Ich war damals elf Jahre alt und wollte in Afrika Löwen schießen. Für die Löwenjagd hatte ich eine alte Pistole aus Vaters Waffensammlung und sechs reine Taschentücher, als Reiseproviant ein Glas Eingemachtes aus Mutters Speisekammer mitgenommen. Für mich lief diese Sache tragisch aus.
Als ich 35 Jahre später zum fünften Male auswanderte – ich war inzwischen in Indien, Australien und in der Transvaal gewesen und hatte eben ein paar Monate zur Erholung in Deutschland verlebt; jetzt trieb mich die Abenteuerlust nach Ostafrika –, da fand ich auf der großen Viehfarm Olmolog, deren Leitung ich am 15. Juli 1914 übernahm, hoch oben am Nordwestabhang des Kilimandscharo, dicht am Urwald und unmittelbar an der englischen Grenze, in Fülle das, was ich mir in der Jugend gewünscht hatte. Allnächtlich umschlichen die Löwen, die aus der Steppe vom Amboseli-See und den höhlenreichen Löwenklippen heraufkamen, mein Haus. Sie holten mir die Hunde weg von der Baraza [Veranda] und das Jungvieh aus der Boma [Umzäunung]. Gleich bei einem meiner ersten Ausritte begegnete mir einer ganz in der Nähe des Gehöfts sogar am hellen lichten Tage.
Auf der Frommen Helene, so genannt, weil sie sich von dem störrischsten Maulesel der Welt im Laufe vieler Jahre in das faulste Exemplar ihrer Spezies hineingealtert hatte, ritt ich, natürlich in sausendem Schritt, den Weg zum Steinbruch der Farm. Plötzlich stand uns (ich meine Helena und mir) an einer Wegebiegung eine Löwin auf zehn Schritt gegenüber. Ich hatte kein Gewehr bei mir und war sehr erstaunt. Die Löwin schien auch erstaunt, aber noch erstaunter war die Fromme Helene. Sie löste die für alle Beteiligten peinliche Situation, machte kurz kehrt und jagte in einem solchen Tempo zum Gehöft zurück, daß ich schließlich doch am meisten staunte, und zwar über die Geschicklichkeit, mit der Helene bisher zu verheimlichen gewußt hatte, daß sie außer Schritt noch andere Gangarten kannte. Die Löwin machte ebenfalls kehrt und sockte ab. Menschenfresser ist in jener wildreichen Gegend der Löwe nicht.
Damals kam ich nicht dazu, mich mit der Löwenfrage weiter zu befassen.
Von meinem Nachbar Otto Weber – Nachbar, weil er nur vier Reitstunden um den Berg herum südlich von mir eine Viehfarm hatte – kam ein Bote nach dem andern: Kriegserklärung Österreichs an Rußland! – Kriegszustand in Deutschland! – Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich! – Englands Eintritt in den Krieg gegen Deutschland! Was sagt doch die Kongo-Akte?
Dann kam der junge fröhliche Kossel, der Assistent des Farmers und Majors a. D. Schlobach, dessen Farm an die von Otto Weber grenzte. Kossel meldete mir, daß ich eingezogen und der Stellungsbefehl unterwegs wäre, daß ich der Abteilung des Major Schlobach zugeteilt sei und daß ich mich auf dessen Befehl mit dem Vieh von der Grenze nach Farm Weber zurückzuziehen hätte. Dort, sagte er, wäre ein Farmerposten von einigen Gewehren eingerichtet worden. Major Schlobach hätte sich mit seinem Vieh weiter südlich auf die Farm Geraragua zurückgezogen und sammele dort um sich und sein Vieh alles, was sich in der Gegend an Mannschaften, Reittieren und Gewehren auftreiben lasse.
Der junge Kossel, ein Mecklenburger vom reinsten Wasser, war begeistert für den Krieg und bedauerte nichts mehr, als daß er nicht zu Hause im Osten oder Westen das Vaterland verteidigen helfen könnte. Er half mir beim Umzug, und am nächsten Morgen befanden wir uns mit Vieh, Schafen und Eseln auf dem Trek nach Farm Weber.
Daß die Kongo-Akte nicht respektiert werden würde, glaubte damals noch kein Mensch bei uns; denn die Nachrichten, die uns im Hinterland erreichten, waren nur spärlich, und erst nach mehreren Tagen erfuhren wir, daß am 8. August 1914 die Engländer den Funkturm bei Daressalam von See aus beschossen hatten und damit die Feindseligkeiten eröffneten.