»Siafu!!!«

Die kleine Regenzeit, November und Dezember, war im Jahre 1914 nicht besonders stark gewesen, aber oben im Urwalde doch stark genug, um Milliarden von Siafu, jener großen braunen Ameise, denen das Wasser in ihre gewohnten Schlupfwinkel eindrang, in Marsch zu setzen auf die Suche nach trockenem Quartier. Wer mal im ostafrikanischen Urwalde gelagert hat, kennt sicher den Schreckensruf: »Siafu!!«

Müde hatte ich mich in meine Kamelhaardecken gerollt. Der Boy hatte die Laterne ausgelöscht, die Zelttür geschlossen und, wie jeden Abend, frische Asche vom Küchenfeuer auf den Aschenring gestreut, der das Zelt umfaßte zum Schutz gegen Siafu. Krieg, der den Urwaldboden verabscheute, lag zusammengerollt auf meinen Füßen, und an süßen Frieden denkend schlief ich ruhig ein – denn der Nachtwächter und die Nachtaffen störten mich schon längst nicht mehr.

Plötzlich, mitten in der Nacht, weckte mich Krieg. Wie ein Besessener trampelte er auf meinen Beinen herum und drehte sich dabei wie ein Kreisel um seine eigene Achse. Vor Wut und Angst heulend schoß er dann zur Zelttür hinaus und verschwand im nächtlichen Urwalde. Au! Au! – im selben Augenblick hatten sie mich auch schon beim Wickel. An den Beinen, am Hals, den Rücken rauf da, wo man nicht ankommen kann, überall bissen mich Siafu mit ihren scharfen starken Zangen. Ein Satz, wie ich war, rein in die Badewanne, die, für den Morgen mit kaltem Quellwasser frisch gefüllt, vor meinem Feldbett stand. Dabei schrie ich nach dem Nachtwächter und den Boys aus vollem Halse: »Siafu! Siafu!« Von allen Seiten stürzte Hilfe herbei. Licht wurde gemacht, und da hatten wir die Bescherung! Eine dicke Kolonne Siafu wälzte sich unter der Zeltwand durch, trotz dem Aschering. Sie hatten Besitz ergriffen von allem. Sie hingen schon an der Zeltdecke und ließen sich mir auf den Kopf fallen.

Jetzt begann der Kampf gegen die Siafu mit Feuer und Rauch. Die Boys, die Nachträte und noch einige herzugelaufene Träger fuhren mit brennenden Graswischen über den Fußboden und hüpften dabei schreiend und lachend von einem nackten Bein auf das andere. Ich saß unterdessen im Nachtanzuge im kalten Bade, fror und schimpfte, in ständiger Angst, daß meine Lebensretter mir das Zelt über dem Kopf anzünden würden. Ich suchte mir dabei Siafu ab, die sich so festgebissen hatten, daß sie auch unter Wasser nicht losließen; viele hatten sich derart festgehakt, daß, als ich sie abnehmen wollte, der Kopf abriß und an den Zangen in meinem Fell hängenblieb.

Giftig sind Siafu nicht, auch keine Seuchenüberträger, aber beißen tun sie infam. Ihre Macht liegt in der Zahl der Streiter, die sie zum Angriff verwenden. Kein Tier des Urwaldes oder der Steppe hält ihnen stand; mit Haut und Haaren fressen die Siafu das Tier auf, wenn es ihnen nicht entfliehen kann. Will man einen Elefantenschädel schön sauber gereinigt haben, legt man ihn für einige Tage neben ein Siafunest. Der Elefant aber, der seinen Schädel noch hat, das Nashorn, der Löwe, der Leopard, der Büffel, die Riesenschlange, um von kleineren Tierarten gar nicht zu sprechen, alle nehmen sie Reißaus vor den Siafu, alle haben sie in ihrer eigenen Sprache den Schreckensruf: »Siafu! Siafu!«

Wohl eine gute halbe Stunde – die Zähne fingen mir schon an zu klappern – saß ich in der Badewanne, ehe Rauch und Feuer die Siafukolonne bewog, ihre Marschrichtung nicht weiterhin durch mein Zelt zu nehmen. Nachdem noch alle einzelnen Bestandteile meines Lagers sorgfältig abgesucht waren, beendete ich mein übereiltes Morgenbad in der üblichen Weise, zog einen trockenen Schlafanzug an und kroch in meine Decken zurück. Der Morgen dämmerte schon, als Krieg wiederkam und sich vorsichtig auf meinen Füßen aufrollte. Er schämte sich sehr – denn er hatte das eklige Gefühl, seinen Herrn in der Stunde der Gefahr im Stich gelassen zu haben.

Krieg hatte Rasse und damit Schneid. Kaum fünf Monate alt, hat er schon auf der Jagd allein einen angeschossenen Kongonibullen gestellt. Wenn er sich auch noch recht ungeschickt dabei benahm und mehrere Male vom Bullen umgekollert worden war, so ging er doch unverdrossen immer aufs neue zum Angriff über. Sechs Monate alt, hat Krieg schon vor der Treiberkette einen Koongo nach Löwen abgesucht. Um so mehr wurmte es ihn, daß eine unüberwindliche innere Gewalt ihn zwang, vor Siafu auszureißen. Ich habe ihn dabei beobachten können; denn ich erlebte auch bei Tage Siafuüberfälle. Eine Weile pflegte Krieg sich zu wehren, er zog die Siafu einzeln aus seinem Pelz und biß sie tot. Aber was nützte das! Wenn er zehn erledigt hatte, saßen hundert mehr zwischen seinen Zehen, unterm Bauch und in den Nasenlöchern. Ja die, an denen er vorbeigebissen hatte, waren ihm sogar ins Maul gekrochen und hatten sich unter der Zunge oder im Zahnfleisch festgehakt. Konnte ich Krieg helfen, dann kam er zu mir, sprang an mir hoch und ließ sich mit der Geduld, die er unter den Umständen aufbringen konnte, wenn es überall zwickt, die Siafu absuchen. Konnte ich ihm nicht helfen, d. h. war ich selbst in heller Not, dann stieß Krieg ein langes klagendes Geheul aus und sauste ab. Wo er dann blieb und wie er die Siafu los wurde, weiß ich nicht. Wenn er endlich wiederkam, war er schämig und bockig. Er schämte sich, mich verlassen zu haben, und er ärgerte sich über mich, weil ich ihm nicht geholfen hatte. In diesem seelischen Konflikt konnte Krieg stundenlang in einer Ecke sitzen, mich, ohne mit den Augen zu blinken, anstarren und bocken.

Wenn man die Bienen mit einem Arbeitsvölkchen vergleicht, so darf man die Siafu auf der Reise nach trockenen Nestern oder nach neuer Nahrung mit einer wohlorganisierten Armee auf dem Marsche vergleichen. Sie marschieren in dicht geschlossenen Gruppenkolonnen. Hinter jeder Halbkompanie marschiert ein fetter Feldwebel, doppelt so groß und stark wie die Soldaten. Fußkranke und Nachzügler leidet er nicht, und seine starken Zangen sorgen dafür, daß ein gleichmäßiges Marschtempo innegehalten wird. Klappt ein Soldat zusammen, dann fressen ihn seine Kameraden im Weitermarsch auf und der Feldwebel jagt von hinten einen neuen Mann an seine Stelle. Lücken dürfen in der Kolonne nicht entstehen. Rechts und links, dicht neben der Kolonne, etwa bei jeder zehnten Gruppe, marschieren ebenfalls besonders starke Unteroffziere, die, wie die Feldwebel, Gewalt über Leben und Tod haben. Wehe dem Soldaten, der ohne Befehl die Kolonne verläßt! Auch er wird sofort auf Konto Marschproviant als restlos verbraucht gebucht.

Vor der Marschkolonne marschiert im Eilschritt, oft in Laufschritt übergehend, weit ausgeschwärmt die Spitzenkompanie, und auf beiden Seiten der Kolonne sind Seitendeckungen in großer Zahl herausgeschoben. Ständig treffen Meldungen von der Spitze und den Seitendeckungen ein, und im Marsch-Marsch laufen Befehlsempfänger rückwärts und vorwärts an der Marschkolonne entlang, um jede wichtigere Meldung bekanntzugeben. Unaufhaltsam wälzt sich inzwischen die Siafuarmee weiter. Vor zwei Stunden beobachtete ich die Spitze – noch ist kein Ende der Heeressäule zu sehen.

Begeben wir uns zur Spitzenkompanie. Anscheinend sehr aufregende Meldungen sind dort eingelaufen. Ein Bataillon Pioniere ist im Laufschritt vorgegangen. Der Grund der Erregung liegt klar zutage. Eine Wasserfurche vom letzten Regen her, dreißig Zentimeter breit, hat die Spitze aufgehalten. Der Spitzenführer hat bereits rechts und links nach einer Furt oder einem als Brücke dienenden Stück Fallholz in aller Eile suchen lassen. Vergebens. Also: Pioniere vor! Acht starke Pioniere halten sich mit ihren Beinen neben- und aneinander fest und nehmen mit ihren Zangen firmen Halt am Ufer. Weitere acht Pioniere klettern schon über sie weg und halten sich, untereinander fest verkettet, mit steifen Zangen an den ersten acht. So bauen sie immer weiter, bis in fabelhaft kurzer Zeit die dreißig Zentimeter Wasser von einer lebenden Brücke überspannt sind. Kaum ist die Verbindung mit dem andern Ufer hergestellt, die Brücke dort gut verankert und stramm angezogen, so ist die Spitzenkompanie auch schon hinüber. Eiligst schwärmt sie aufs neue aus, um die verlorene Zeit wieder einzuholen. Die Heeressäule, die keine Sekunde im Marsche aufgehalten wurde, beginnt sich über die Brücke zu wälzen. Zwei, drei Stunden mag der Übergang dauern – die Pioniere halten fest. Ersoffen, zertrampelt mögen sie sein – los lassen sie nicht.

Diese organisierten Marschbewegungen der Siafu haben mich stets sehr interessiert. Stört man sie nicht in ihrem Vorhaben, dann kann man sie in aller Ruhe aus allernächster Nähe beobachten. Solange sie auf dem Marsche sind, nehmen sie von Mensch und Tier nur nebenher Notiz. Wieder und wieder laufen mir die Soldaten der Seitendeckung über die Stiefeln und stürzen davon, um meine Gegenwart der Heeresleitung zu melden. Weiter passiert nichts, denn die Heeresleitung hat andere Pläne. Ließe ich es mir aber einfallen, z. B. mit meinem Stock die Marschkolonne ernstlich zu belästigen, d. h. mehr Soldaten totzuschlagen, als die Kameraden im Weitermarsch bequem auffressen könnten, dann würde ein Angriff auf mich befohlen werden. Wie sie sich entwickeln und unter Führung der dicken Feldwebel schwärmen, kann ich eventuell noch mit ansehen. Ehe es zum Sturmangriff kommt, hat sich der erfahrene Beobachter aber bereits verdrückt. Gegen Siafu kann man nur mit Feuer und starkem Rauch kämpfen. Andere Waffen gibt es nicht. Schlüge man mit einem Spaten oder Brett Hunderttausende tot, ebenso viele Millionen würden den Angriff erneuern, und zwar so lange erneuern, bis dem Bedrängten die Arme müde zur Seite hängen.