Unsere Kavallerie braucht englische Reittiere

Die Berittene 9. Schützenkompanie lag inzwischen immer noch im Lager am Engare Nairobi als Teil der Abteilung Kraut. Als wichtige Neuerung erfuhr ich, daß im neuen Jahre nach und nach die früher internierten Buren, soweit sie sich bereit erklärt hatten, der deutschen Sache zu dienen, in den Kompanieverband aufgenommen worden waren.

Die Einstellung der Buren in meine Kompanie beweist schon, daß diese noch kaum auf dem Wege war, eine militärische Einheit zu sein, wie man sie sich in Deutschland unter einer Kompanie vorstellt. Sie war vielmehr immer noch mehr ein Verband verschiedener Patrouillenkorps und Außenposten (wie meiner z. B.), in dem auch viele Farmer dienten, die früher nie Soldaten gewesen waren. Die Schützen ritten freiwillig auf Patrouille in der Weise, daß sich die einen zu diesem, die andern zu jenem Patrouillenführer hingezogen fühlten und ihm besonders vertrauten, und immer gab es mehr Freiwillige, als gebraucht wurden. Diejenigen, die nicht auf Patrouille, Außen- oder Beobachtungsposten waren, ruhten im Lager und pflegten sich und ihre Tiere für die Strapazen einer neuen Patrouille. Besonderen Dienst hatten sie nicht, und daran, sie infanteristisch oder kavalleristisch auszubilden, dachte damals niemand. Wir hatten Leute in der Kompanie, die wegen besonderer Tapferkeit vorm Feinde zum Gefreiten und Unteroffzier befördert worden waren, aber ihren Vorgesetzten mit der Pfeife im Munde und einer Hand in der Hosentasche grüßten, auch Rechtsum und Linksum nicht unterschieden. Rangabzeichen trug kein Mensch, und ein Fremder hätte aus dem außerdienstlichen Benehmen von Offizieren und Mannschaften nie herausgefunden, wer Vorgesetzter und wer Untergebener war. Kommissig ging es also bei der Kompanie sicher nicht zu. Dafür aber verstanden fast alle aus dem ff zu reiten (wenn auch nicht vorschriftsmäßig), zu schießen, zu hungern und zu dursten.

Bei dieser ungebundenen Art fanden sich die Buren leidlich in ihre neue Lage. Sie ritten auch einige Male Patrouillen mit Oberleutnant Büchsel, dann aber zogen sie es doch vor, ein Patrouillenkorps für sich zu bilden. Piet Nievenhuizen und Louis van Rooyen waren ihre anerkannten Führer. Schon wiederholt hatten diese beiden das Namangalager der Engländer am Erok beschlichen, und der Plan war in ihnen gereift, den Engländern Reittiere oder einen Ochsentransport, jedenfalls etwas Bewegliches, für das Beutegeld ausgesetzt war, abzutreiben.

Anfang März 1915 – das genaue Datum weiß ich nicht mehr – trafen die beiden Genannten in Begleitung der Buren Piet Joubert, Nicolas Visser, Tobias Knott, Frank Niels, Lawrenz, Alwin Botha, des Deutschen Max Truppel, der vor dem Kriege für Hagenbeck Tiere fing, und des Ungarn Roth, eines früheren Missionars, gegen Abend auf meinem Urwaldposten ein. Ihr Proviant waren Burenhartbrot und Hammelkeule am Spieß gebraten. Piet Nievenhuizen teilte mir seine Pläne mit, und um denselben mehr Aussicht auf sicheren Erfolg zu verschaffen, beschlossen wir, daß ich während der nächsten Tage keine Massaipatrouille zum Longido senden sollte. Mitten in der Nacht ritt die Burenpatrouille weiter.

In der nächsten Nacht ritten sie bis auf einige Kilometer an das englische Lager heran, gedeckt vom Schilfwalde der Namangasümpfe. Hier teilten sie sich; denn von hier sollte die Unternehmung zu Fuß weitergehen. Botha, Knott, Niels und Lawrenz nahmen sämtliche Reittiere, sechs davon ohne Sattel und Zaumzeug, und kehrten mit diesen ins deutsche Lager zurück. Nievenhuizen, van Rooyen, Joubert, Visser, Truppel und Roth schulterten ihre Sättel und Zaumzeuge und schlichen sich, auf allen vieren kriechend, durch die frisch abgebrannte, offene Steppe unter dem englischen Lager vorbei und dann im weiten Bogen um dasselbe herum, bis sie nördlich oberhalb desselben am Bergrande die Tränkstelle erreicht hatten, an der die Reittiere des Namangalagers nach früheren Beobachtungen jeden Morgen zwischen acht und neun Uhr getränkt wurden. Im Gebüsch, nahe der Tränkstelle, legten sie sich an drei Punkten zu je zwei Mann auf die Lauer; denn es galt, auf alle Fälle den berittenen und bewaffneten Engländer, der die Tiere als Pferdewache zu begleiten pflegte, ohne viel Lärm lebendig zu fangen.

Der Morgen graute. Es wurde acht Uhr. Es wurde neun Uhr. Nichts zeigte sich. Es wurde zehn Uhr. Immer kamen die Tiere noch nicht zur Tränke. Sollten sie gerade heute vom Lager abwesend sein? Konnte der Anschlag dem Feinde doch verraten worden sein? Es wurde elf Uhr. Die Erregung macht wahnsinnig durstig, der ganze Wasservorrat war längst ausgetrunken, aber zur nahen, offenliegenden Tränke durfte sich keiner wagen, und noch immer kamen die englischen Reittiere nicht.

Da endlich, gegen elf Uhr dreißig, zeigten sich die Tiere. Kein Berittener war mit ihnen. Ein Engländer zu Fuß, die Pfeife im Munde, einen Schauerroman in der einen, die Whiskyflasche in der andern Rocktasche, den Karabiner unter dem Arm, schlenkerte vor den Tieren her. Jedenfalls hatte er sich vorgenommen, die Pferdewache recht gemütlich zu verbringen. Zwei eingeborene Pferdepfleger trieben die Tiere hinten an.

Bei van Rooyen und Truppel kam der Engländer am nächsten vorbei. Truppel nahm ihn, im Gebüsch kniend, aufs Korn, und van Rooyen stand plötzlich vor dem arglosen Pferdewächter mit den Worten: Hands up! Pfeife und Karabiner entfielen dem Ärmsten gleichzeitig. Ohne ein Wort ergab er sich in sein Schicksal.

Zur gleichen Zeit trieben die anderen die Tiere zur Tränke und sattelten und zäumten die sechs ersten besten in Windeseile. Visser, der sich rasch auf ein ungesatteltes Tier geschwungen hatte, versuchte die beiden Eingeborenen, die wild schreiend zum englischen Lager zurückflüchteten, abzufangen – vergebens.

Alles war soweit nach dem Programm verlaufen, nur ärgerte man sich, daß man nicht achtzig Tiere, die wenige Tage vorher noch an der Tränkstelle gezählt worden waren, sondern nur einundsechzig gekapert hatte; neunzehn waren nach Angabe des Gefangenen am Tage vorher mit ihren Reitern in ein anderes Lager versetzt worden. Ferner hatte man nicht damit gerechnet, daß der auf Pferdewache kommandierte Engländer unberitten sein würde; ein Reservesattel war für diesen Fall nicht vorgesehen. Freilich auch mit seiner Flasche Whisky hatte man nicht gerechnet, folglich mußte diese erst mal daran glauben. Ja, es half alles nichts – mitgenommen mußte der Kriegsgefangene werden! Er mußte sich halt auf ein ungesatteltes Tier klemmen, und Roths Revolver mußte es ihm klarmachen, daß er bei Lebensgefahr nicht abfallen dürfe.

Nun also los! Spitze ritten Nievenhuizen und Truppel. Dann kamen elf oder zwölf Tiere, dann Roth mit dem Gefangenen. Wieder Tiere, dann kam Visser; noch mehr Tiere, und endlich kamen van Rooyen und Joubert. Es ging immer nur Galopp, was die Tiere laufen konnten. Zuerst, am Fuß des Erok, war das Gelände sehr ungünstig, brüchig und steinig. Der Gefangene mag seine liebe Not gehabt haben, oben zu bleiben; er wird sich schön festgeklemmt haben, und es ist kein Wunder, daß er sich bald durchgeritten hatte. Als sie glücklich vom Berg herunter waren, schlug Nievenhuizen nicht die Richtung nach Süden ein, weil das die Richtung zu unserm Kompanielager war und der Feind sicher erwartete, daß die Raider diesen kürzesten Weg einschlagen würden. Tatsächlich war der Abtrieb aller Reittiere vom Namangalager, dessen jetzt unberittene Besatzung selbst nichts unternehmen konnte, sofort zum Longidolager der Engländer telephonisch gemeldet worden. Von dort war auch sogleich eine starke Truppe dorthin vorgeschickt worden, wo, wie man glaubte, die Pferderaider ihren Weg nehmen würden.

Nievenhuizen hatte dies alles vorausgesehen. Er führte in das englische Gebiet hinein, in nordöstlicher Richtung. Nahe am Low-Hills-Lager der Engländer, auf Vorbergen des Erok gelegen, ging die wilde Jagd vorbei hinein in die dichte Dornbuschsteppe nördlich der Namangasümpfe. Vordringen konnte man hier nur auf Nashornwechseln, die kreuz und quer durch den Busch laufen. Nur ein Nievenhuizen konnte hier zurechtfinden und, ohne einmal zu irren oder auch nur eine Sekunde zu zaudern, sicher führen.

Nach einem Galopp von eineinhalb Stunden wurde kurz haltgemacht, um die Sättel auf frische Tiere zu legen. Dann ging es im Karacho weiter. Eine Staubwolke verfolgender Kavallerie zeigte sich aus der Richtung des Low-Hills-Lagers. Unsere Raider beunruhigte dies nicht. Solange sie ständig Tiere wechseln konnten, hatten die, die immer auf denselben Tieren hinter ihnen her ritten, nichts Besorgniserregendes. Tatsächlich blieb die Staubwolke immer weiter zurück.

Allmählich schwenkte Nievenhuizen aus nordöstlicher Richtung mehr nach Südosten um. Das Gehöft der Farm Olmolog war sein Endziel für diesen Tag. Hatte er das erst erreicht, so konnte er, wenn die Verfolgung nicht nachließ und der Feind an Gefechtskraft stark überlegen sein sollte, die Beutetiere in den bergenden Urwald des Kilimandscharo hineintreiben. Ich kannte im Urwald, in den ich an mehreren Stellen tief eingedrungen war, Wasserläufe und Waldwiesen genug, wo wir uns mit der Beute bergen konnten, bis die Luft rein war oder Verstärkung ankam. Im Urwald hätte eine ganze Armee vergeblich nach uns gesucht.

Nachdem die Pferderaider noch mehrere Male auf frische Tiere umgesattelt hatten, auch den Kriegsgefangenen, dessen Sitzfläche höllisch zu brennen anfing, auf ein gesatteltes Tier hatten steigen lassen, während abwechselnd einer der Raider auf blankem Tier ritt, kamen sie um 4 Uhr dreißig nachmittags am Brakwasser auf der unteren Olmologfarm an. Fünf Stunden hatte der halsbrecherische Galopp gedauert. Am Brakwasser wurde eine Stunde Rast gemacht und getränkt.

Kurz vor dem Brakwasser, da, wo die Buschsteppe offen wird und hier und da, von Salzkrusten bedeckt, hell in der Sonne leuchtet, trafen unsere Raider unerwartet auf eine Patrouille von vier oder fünf Reitern der eigenen Kompanie unter Führung des Unteroffiziers Obst, genannt Bana matunda, der nach den Nyirisümpfen wollte und von dem Pferderaid keine Ahnung hatte. Als Bana matunda und seine Getreuen die siebzig vermeintlichen Reiter in dicken Staub gehüllt aus feindlicher Richtung angaloppieren sahen, rissen sie aus wie Schafleder und wurden nicht mehr gesehen.

Solch drollige Episoden gab es genug im Kriege. Zuweilen endeten sie tragisch. Genau wie wir bei meiner Gefangennahme arglos mitten in den Feind hineinritten, den wir für Freund hielten, ist es auch oft genug vorgekommen, daß man Freund für Feind hielt und daß eine Partei ausriß, wenn sie nicht gar beide gleichzeitig ausrissen. Wir hatten zu Anfang breite schwarzweißrote Binden um den linken Oberarm getragen, als einziges Uniformstück zum Zivilanzug; solange diese Binden, die weithin leuchteten, Mode waren, war es noch leidlich möglich, Freund von Feind zu unterscheiden. Die ersten Gefechte hatten aber gezeigt, daß die leuchtenden Armbinden auch ihre Nachteile hatten. Herzschüsse wurden zu häufig; die weithin leuchtende Armbinde des liegend schießenden Schützen war genau vor der Herzgegend. Zur Zeit des Pferderaids war es Mode, die Armbinde aufzurollen, sobald man das Lager verließ. Später wurde nur auf der rechten Schulter längs des Ärmelsaumes eine schmale schwarzweißrote Borte aufgenäht, die beim Schießen durch den Gewehrkolben verdeckt war. Noch später mußten wir auf das Tragen der deutschen Farben ganz verzichten, einfach weil es in der Kriegszone keine farbigen Stoffe und keine Zivilisten mehr gab.

Bana matundas Verhalten war durchaus korrekt. Er sah etwa siebzig Reiter auf sich loskommen, die gesamte deutsch-ostafrikanische Kavallerie, d. h. die Berittene 9. Schützenkompanie, war damals aber überhaupt nur etwa sechzig Reiter stark, alle Posten eingerechnet. Diese sechzig Reiter hatten auf einer Front von fünfundsiebzig Kilometern ein stellenweise hundert Kilometer tiefes, völlig unbewohntes Gelände abzupatrouillieren. Wie viele Kavalleriedivisionen man zu Hause in einem solchen Geländeabschnitt verwenden würde, weiß ich nicht zu sagen. Unsere Patrouillen, selten mehr als vier bis sechs Mann stark, waren immer mehrere Tage, oft über eine Woche draußen, ohne unterdessen mit der Truppe Verbindung zu haben. Folglich wußten sie nie, was inzwischen geschehen war. Oft war die Parole gewechselt worden, ehe sie heimkamen, und es galt allgemein als der gefahrvollste Augenblick eines Patrouillenrittes, durch unsere eigene Askaripostenkette durchzukommen, ohne angeknallt zu werden. Die Engländer ritten ihre Patrouillen meistens sechzig bis hundert Mann stark. Wenn unsere Patrouille die feindliche nicht rechtzeitig sah und sich in einen Hinterhalt legen konnte, war an ein Gefecht gar nicht zu denken. Wußte man, daß man vom zehnfach überlegenen Feind zuerst gesehen worden war, dann galt es, sich schleunigst zu verkrümeln. Das war meistens leicht. Das Gelände war wie geschaffen zum Versteckspielen. –

Als die Pferderaider sich und ihre stark ermüdeten Tiere am Brakwasser eine Stunde ausgeruht hatten, trieben sie ihre Beute, jetzt im ruhigen Tempo, zum Olmologgehöft und brachten sie dort gegen zehn Uhr abends in den Stallungen für die Nacht unter. Roth und Truppel waren seit dem Weitermarsch vom Brakwasser mit zwei lahmen Tieren hinter den andern zurückgeblieben. Da beide das Gelände nicht genau kannten und da die Nacht stockfinster wurde, hätten sie unfehlbar die Spur verloren, wenn nicht ein junges Eselein, das vom Namangalager her den Raidern freiwillig gefolgt war, bei den lahmen Tieren zurückgeblieben wäre und jetzt die Führung übernommen hätte. Mit tödlicher Sicherheit folgte das Eselein der Spur des Haupttrupps.

Mit den Beutetieren und dem deutsch gesinnten Eselein trafen die Raider am nächsten Morgen im Engare-Nairobi-Lager ein. Sie erhielten eine glänzende Ovation und pro Mann 1164 Rupien Beutegeld. Die Buren erhielten außerdem noch jeder ein Eigentumspferd. Der gefangene Engländer – ich glaube, er hieß Batman – wurde riesig gefeiert und mit Liebesgaben überhäuft. Kurze Zeit mußte er stille liegen und seinen wundgerittenen Hintern pflegen. Dann wurde er in ein Gefangenenkonzentrationslager weitergeschafft.