Die Sprache.

Als sich der Mensch die Sprache schuf
In seiner Sünden Wildnis,
Was konnt sein Werk wohl anders sein
Denn seines Jammers Bildnis?

Denn Sehnsucht nach dem Paradies
Und Schmerz des Gottvertriebnen,
Denn Trotz der eignen Willenskraft
Und Trost des Gottgebliebnen?

Ja, was von Gott kommt, kehrt zu ihm.
Durchmisst den Kreis der Sünden.
Was ist und ward und wird – es muss
Sich alles, alles ründen.

Wohl in der Sprache hat der Mensch
Den halben Kreis vollendet;
Doch leuchtet sie ihn auf der Bahn,
Die rück zu Gott sich endet.

Der Sünden grösste war das Wort,
Doch auch der Strafen schwerste;
Der Ausfahrt fernste Endstation,
Doch auch der Heimfahrt erste.

Nun suchen wir den Weg zurück,
Da muss das Wort uns scheinen.
So kommen wir vom Schein zum Sein,
Zum Glauben durch das Meinen.

Denn was ich meine, das ist mein,
Und ist ans Ich gebunden,
Und muss auch sterben mit dem Ich,
Wenn wir das Du gefunden.

Und brennt der Worte Fackel hell,
Sie zehrt am eignen Stamme;
Je näher sie dem letzten Stumpf
Je höher loht die Flamme.

So wandeln wir den Weg dahin
Im Wortschein irdscher Klarheit,
So leuchtet uns der Sprache Licht
Zur Sonne ewger Wahrheit.

Das ist des Scheines leuchtend Amt,
Dass es zum Sein uns lenke;
Das ist des Menschen Fluch und Trost,
Dass er im Irrtum – denke.

Das ist der Zweck der Konsequenz,
Die Busse unserer Sünden:
Das sündgend wir von Schuld zu Schuld
Den Weg zur Unschuld finden.

Es führt vom Schein kein Weg zurück
Auf vor-befahrnen Gleisen;
Uns muss der Schein vorwärts durch Schein
Zum Sein den Weg uns weisen.

Gott gebe, dass die Fackel brenn',
Bis wir zum Ziele kommen;
Und dass des Glaubens Licht strahl', wenn
Der Worte Schein verglommen.

III.

Innen und Aussen der Kugel allein der Mittelpunkt ist es,
Überall sonst, wo du weilst, Kugel-in, Punkt-aus du bist.

Schiffst du im Meer des All ewig vom Ende zum Anfang,
Ewig weiter im Nichts steuert dein Schiff seinen Curs.

Sehnend schaust du vom Bug zur Insel des Nichts der Ankunft,
Hinter dir – weltfern die Insel – liegt das Abfahrtsall.

So von Sphäre zu Zentrum suchst du die Kugel zu queren –
Wie die Sphäre nicht abwich, nähert das Zentrum nicht an.

So von Insel zu Insel pflügt dein Schifflein die Wogen;
Kommst von Nirgendwoher, steuerst nach Nirgendwohin.

Immer im Irgendwo, nimmer am Ende: am Anfang!
Punktall unbrückbar und du pendelnd im Kerkersegment.

Ach! des weitesten Endes engstes Innen, des engsten
Anfangs weitestes Aussen ist nur Mittelpunkt Gott.

Warum dreht sich bei euch Alles um eine Achse?
Warum raubt ihr dem Punkt schnöde sein Mittelpunktsrecht?

Mittelpunkt sei der Erde ihr allerinnerstes Zentrum?
Aber der Nordpol ewig vom Südpol bleibt er getrennt.

Schwingt der Äquator allein um des Äquators Mitte;
Jegliche Latitud hat ihren Mittelpunkt.

Alle sitzt ihr am Stiel, fest am Stiele der Zwietracht;
Doch die Allunitas schwebt um den Mittelpunkt frei.

Also befestigt der Knabe die Windvogelleine am Hölzchen;
Wehe der Wind aus Nord, Osten, Süd, oder West,

Weh' er aus Allen zugleich – nimmer wird er des Drachen
Nimmer der Drachen des Windes freier Herr oder Knecht.

Immer die leidige Achse, immer das leidige Ipse,
Nimmer das Kugelpunktzentrum, nimmer das einzige Tu.

Ewig weben die Parzen der Endlichkeit Drachenleine,
Aber Atropos Scheere schneidet sie ewig ab.

Also reisst sich vom Stiel endlich der reifende Apfel;
Aber im Kerngehäus treiben schon Stiele aufs neu.

Von der Unendlichkeit Spindeln lösen sich endliche Fäden,
Aber die Fäden verknüpft geben ein endloses Band.

Liess dich Atropos frei, Atropos Dea Terrestris,
Knüpft dich auf anderem Stern Atropos Altera an.

Jupiter Discors der Narr lässt seinen Drachen steigen,
Und die Mütter der Tiefe weben ihm Windvogelband.

Endchen um Endchen verknüpft er zur endlosen Endlichkeitsleine,
Aber am knotigen Strick hält auch der Vogel ihn fest.

Also ist auch der Wille immer der Sklave des Willens;
Nimmer noch liess den Willen der Wille dem Willen mit Gunst.

Immer noch war der Gehorsam verzichtenwollen auf Willen;
Herr und Sklave des Sklaven, des Sklaven Sklave und Herr.

Geben und Nehmen: zur Einheit ist es getrennt in Zwietracht –
Geben und Nehmen: zur Vielheit ist es in Eintracht vereint.

Aber was red ich von Vielheit! mit Hülfe der Elle der Zwietracht
Auszumessen das Urselbst – wahrlich ein Narrenstück.

Urselbsteiniges Wesens schwebt allwissend das Tu-Rund,
Aber das Ipsesegment zehrt von Erinnerung.

Abgebröckelt vom Urselbst sucht das Teilselbst die Heimat,
Jupiter Discors der Narr hält am Knotenstrick fest es der Zahl.

Fliegt ein Eins zum Zweiten, sucht beim Dritten und Vierten,
In sich selber sogar findet es forschend das Viel.

Aber das Eins im Vielen ahnt es, das Tu der Erfüllung –
Stürzt sich das Ipse ins Nichts, steigt das Tu auf zum All.

Suche dich selbst; du findest die Menschheit,
Gott und Welt – und schwindest ins Nichts.
Da wurzelt die Strahlenkugel der Eintracht,
Die sich im Punkt verneint
Und in der Sphäre bejaht.

Fliehe dich selbst; am ewigen Etwas
Rüttelst du ratlos, am vielen Vielleicht.
Das weicht nicht aussen noch innen; in Zwietracht
Pendelnd von Sphäre zum Punkt
Bleibst du ein Zwischensegment.

Jedes: Punkt, Kugel: eint Aussen und Innen,
Beide: Punkt, Kugel: sind parallel
Mitander, mitselbst, und sind eins. – Kein Etwas:
Oder sich selbst divergent
Klemmt's zwischen Nichts und All.

»Grade aus liegt die Wahrheit; folge nur deiner Nase!«
Aber die Nase sie steht im Gesichte mir schief.

Also gehe du schief, und mache du einen Umweg;
Führt doch jeglicher Weg immer im Kreise herum.

Wo du auch hingehst, geh nur vorwärts, kommst du doch immer
Von der anderen Seite zum Ausgangspunkt zurück.

Also siehst du, wie recht jener Weltweise hatte,
Als er sprach: Das Ding ist immer ein Widerspruch.

Sein und Nichtsein am Ort .... wahrlich um nicht zu sein dort
Wo du nicht bist, musst du an eben dem Orte sein.

Denn wie könntest du wissen, dass dieses Ding nicht am Ort ist,
Bist du nicht selber am Ort, wo du das Ding nicht findst.

Aber ich muss dort nicht sein, um dieses Ding nicht zu sehen.
Aber ist Sehen etwa weniger anwesend sein?

Doch ich brauch nicht zu sehen, brauche nur eben zu denken;
Bist du selber auch hier, ist dein Denken doch dort.

Bist du in A, so bist du nicht in B selbsteigen;
Aber mein Freund nur dann – wenn du in B dich nicht fandst,

Bist du mehr nun in A, denn als du in B warst auf Kundschaft?
Häh, mein Freund, da sind wir wieder beim Ipse und Tu.

Hat dir solches gepredigt Hänschen im Puppenkasten,
Predigt die Weisheit dir Hans, selbst bis zum Überdruss.

Also ist es gewesen immer in deutschen Landen:
Soll man dir glauben, so sage unbeirrt deinen Spruch.

Sage ihn einmal und zweimal, sage ihn heute und morgen;
Was du dem Vater gesagt, glaubt dir am Ende der Sohn.

Philosophus Hanswurst, der Weise,
Dreht auf dem Absatz sich im Kreise.
Das Welten Weit-rund kennt er nun,
Bleibt noch das Allrund abzutun,
Das Oben und Unten im Kugelraum –
Hans Wurst schlägt einen Purzelbaum.
Das Innen will er noch durchqueren
Zur Insel Nichts im Meer des Leeren.
Da krümmt und windet sich der Weise
Auf eine ganz verzwickte Weise
Und beisst sich in den grossen Zeh
Inbrünstiglich aus Demutsweh.
So Kugel-Igel-kontrahiert,
Wie er sich einzieht, schrumpft, und schnürt,
Und abstrahiert, und dividiert,
Zum Schluss den Nabel noch negiert –
Da kommt des Wegs ein Düngerkarren,
Der hätt ihn beinah überfahren;
Dieweil der punktgeschrumpfte Weise
Ganz körperhaft im Fahrgeleise
Wie ein Paket am Wege lag.
Der Fuhrmann aber fluchte sehr,
Und hat noch schnell sein Pferd gezügelt:
Was das für ein Gebaren wär,
Dass einer gar am hellen Tag
Betrunken sich am Boden kügelt!?
Und ho! und he! nicht sehr zivil
Traktiert ihn mit dem Peitschenstiel.
Da fühlt der Narr, was ihn verdross,
Sich körperhaft an Schlag und Stoss;
Hat sich die wunde Haut gerieben.
An der Erkenntniss trug er schwer,
Die Insel aber im leeren Meer –
Ist diesmal unentdeckt geblieben.

Nennt mich nicht einsam, wenn ich angstvoll lausche
Dem Rätselraunen des, der Grösser ist,
Vor dem ich widerstrebend schrumpfe, dem ich
Niemals entrinne, der mich niederbeugt,
Und ist mein ander selbst – nennt mich nicht einsam.

Da flieh ich in die Einsamkeit vor ihm
Zu andern Menschen, die kein ich kein Du sind.
Ich einsam unter ihnen als ein Er
Bin ledig meines Du's – das ist das Weltmeer;
Es soll mich trinken ach! und ist so leer;
Mich füllen ach! zu voll ist seine Fülle.

Doch überm Weltmeer schwebt das Du und füllt es
Und füllt und füllt; und trinkt die Leere; ist;
Du bist, Du bist; das Er war Lüge; lass
Mich sterben demutsvoll vor Dir, mein Du!
Bin Nichts schon und bald fass ich deine Fluten,
Dein Rätselraunen rauscht zum Urchoral,
Oh Du, oh Du – mein Ich lauscht in der Stille.

Riesengross wuchs meine Liebe ins quellende Rund,
Schwellend umschlang sie die Fülle der Welt,
Alles zu einen in einem, vom Gipfel zum Grund,
Weit zu dehnen ins Weite ein Zelt
Über das Volle und Leere, sich selbst zu umschliessen. Ach! aber die Liebe
Alles umschliessend schloss sie sich aus.

Folgte die Ebbe der Flut und trank ihre sickernden Wogen
Sehnsucht saugend in Demut, verschrumpft;
Enger und enger des Dus umklammernde Bogen;
Naht des Vergehens urwerdende Kunst.
All-einstrahlend im Brennpunkt welcher sich selber verbrennt,
bejaht sich das Leben
Weil es im Tode sich selber verneint.

Wirfst mir den Apfel in Schooss, den Apfel vom Baum der Erkenntniss,
Vom Baume der Zwietracht; auch dieser Sündenapfel sei rund.

Sitzt er am Stiele doch, Freund, hat Löcher: eins oben und unten;
Freund, er ist nur ein Kreis der um die Tangente rotiert.