VORTRAG, GEHALTEN IN EINEM ZYKLUS GEMEINVERSTÄNDLICHER EINZELVORTRÄGE, VERANSTALTET VON DER UNIVERSITÄT MÜNCHEN, SOMMER 1921
Konrad Ferdinand Meyer läßt im "Hutten" den alten Pfarrer von Ufenau sagen:
Erfahrt, daß unter uns, die wir bemüht
Um die Natur sind, ein Geheimnis glüht!
Mit hat's ein fahr'nder Schüler anvertraut.
Neigt euch zu mir! Man sagt's nicht gerne laut.
Ein Chorherr lebt in Thorn, der hat gewacht,
Bis er die Rätsel deutete der Nacht.
Herr Köpernick beweist mit bünd'gem Schluß,
Daß — staunet — unsre Erde wandern muß!
Dasselbe Staunen, das vor 400 Jahren die Menschheit bei der Kunde von der Umwälzung des Kopernikus erfaßte, ist heute lebendig, wo es sich um eine neue Umwälzung im Weltbilde handelt, vergleichbar der kopernikanischen, ja vielleicht mit ihren erkenntnistheoretischen Wurzeln noch tiefer reichend. Dasselbe geheimnisvolle Dunkel wie damals — "man sagt's nicht gerne laut" — umweht die neue Theorie von Raum, Zeit und Schwere. Wird es mir gelingen, das Dunkel in etwas zu lichten? Ich weiß nur zu gut, daß dies ohne die sichere Leitschnur des mathematischen Gedankens letzten Endes unmöglich ist. Für viele meiner Behauptungen werde ich den Beweis schuldig bleiben müssen, da er sich nur aus der vollen Kenntnis der physikalischen Tatsachen und zum guten Teil nur mit den Hilfsmitteln der mathematischen Rechnung erbringen ließe. Ich muß zufrieden sein, wenn ich Ihnen eine Vorstellung von den Problemen und von den Gedankengängen, die zu ihrer Lösung führen, geben kann. Etwas genauer möchte ich dann darauf eingehen, wie es mit der erfahrungsmäßigen Prüfung der neuen Lehre steht. Insbesondere werde ich von der Sonnenfinsternis des Jahres 1919 zu sprechen haben. Während in Fachkreisen das Interesse an der Relativitätstheorie seit 15 Jahren lebendig ist, datiert das allgemeine Aufsehen und die Popularität der Theorie erst von ihrer Bestätigung durch diese Sonnenfinsternis.
"Ihr meint, wie sitzen ruhig hier? Erlaubt,
Wir schweben, wie von Adlerkraft geraubt" —
so fährt der Pfarrer von Ufenau zu reden fort. "Wir sitzen ruhig hier." Und doch drehen wir uns, so belehrt uns Kopernikus, um die Erdachse mit einer Geschwindigkeit von einigen hundert Metern in der Sekunde; gleichzeitig bewegt sich die Erde und wir mit ihr um die Sonne mit einer Geschwindigkeit von 30 km in der Sekunde, also hundertmal schneller, als der Schall die Luft durcheilt. Und die Sonne selbst bewegt sich gegen die Fixsterne und führt die Erde und uns selbst "wie mit Adlerkraft" fort. Von diesem ganzen zusammengesetzten Bewegungsvorgang spüren wir nichts, es sei denn, daß wir mit genauen Hilfsmitteln ausgerüstet sind, um an den Sternen Beobachtungen zu machen. Wir müssen daraus schließen: Bewegung an sich ist nicht beobachtbar, sie ist an sich nichts. Nur relative Bewegung können wir konstatieren. Und weiter: Der Raum ist an sich nichts, das Fortschreiten im Raum betrifft keine wirkliche Tatsache. Es gibt keinen absoluten Raum. Der Raum existiert nur durch die in ihm enthaltenen Körper und Energien. Ein Fortschreiten im Raum ist nur zu messen am Rauminhalt und läßt sich überhaupt nur denken relativ zu den raumerfüllenden Körpern und Energien.
Dies ist das Relativitätsprinzip der klassischen Mechanik. Es bildet seit 200 Jahren die Grundlage für das Studium der himmlischen und irdischen Bewegungen. Der genaue Ausdruck dieses ältesten Relativitätsprinzips lautet: Es ist unmöglich, festzustellen, ob sich ein System von Körpern als Ganzes in Ruhe oder in gleichförmig geradliniger Bewegung befindet, sofern wir nur innerhalb dieses Körpersystems Erfahrungen anstellen und keine Merkmale außerhalb desselben beobachten können. Wir können also nichts von der fortschreitenden Bewegung der Erde bemerken, wenn wir keinen Ausblick nach dem Fixsternhimmel haben. Mit der drehenden Bewegung der Erde ist es allerdings zunächst anders, sie fällt nicht unter das Relativitätsprinzip der klassischen Mechanik, da bei ihr die Richtung der Geschwindigkeit fortgesetzt wechselt. In der Tat können wir sie durch Pendelbeobachtungen auf der Erde messen oder an der Abplattung der Erde nachweisen. Wir werden hierauf zurückkommen, wenn wir das allgemeine, über die klassische Mechanik hinausgehende Relativitätsprinzip entwickelt haben werden.
Gehen wir von der Mechanik zur Optik über. Die Erscheinungen des Lichtes beruhen, wie wir heutzutage wissen, auf der Ausbreitung elektromagnetischer Felder. Die Optik und Elektrodynamik glaubte einen L i c h t ä t h e r nötig zu haben, einen feinen materialisierten Raum, in dem sich die Lichtwirkungen ausbreiten sollten. Hiernach wäre es denkbar, absolute Bewegung im Raum als Bewegung gegen den Lichtäther durch Lichtstrahlen nachzuweisen. Ein Lichtstrahl, der sich im Sinne der Erdbewegung, diese überholend, fortpflanzt, sollte sich relativ zur Erde langsamer fortpflanzen als ein Lichtstrahl, der senkrecht zur Erdbewegung fortschreitet. Das Relativitätsprinzip wäre damit durchbrochen und die absolute Bewegung der Erde im Raum nachweisbar. Der Versuch ist mit außerordentlicher Schärfe von M i c h e l s o n angestellt worden und lieferte kein Anzeichen der Erdbewegung. Es hätte keinen Zweck, wenn ich Ihnen den Michelsonschen Versuch näher schildern wollte. Die Überzeugung von seiner bindenden Kraft könnte ich Ihnen doch nicht beibringen, ohne mich in experimentelle Einzelheiten zu verlieren. Der Versuch ist so schwierig und verlangt so außerordentliche Hilfsmittel, daß er nur zweimal durchgeführt worden ist. Hier, wie in vielen anderen Punkten, muß ich auf Ihren guten Glauben an die Zuverlässigkeit der physikalischen und astronomischen Messungen rechnen können. Der Michelsonsche Versuch und andere weniger genaue Erfahrungen zeigen also, daß das Relativitätsprinzip zu Recht besteht, daß absolute Bewegung auch nicht optisch als Bewegung gegen den Lichtäther nachgewiesen werden kann. Daraus folgt weiter, wie Einstein hervorhob, daß der Lichtäther keine reale, beobachtbare Existenz besitzt. Er ist nicht physikalisch, sondern metaphysisch, ein verkappter absoluter Raum und als solcher irreführend.
Aber noch weiter: Die Lichtfortpflanzung findet statt in Raum und Zeit. Sie hat, von der im Sonnensystem fortschreitenden Erde aus gemessen, dieselbe Geschwindigkeit, wie sie von der Sonne aus gesehen werden würde, die doch an der Erdbewegung nicht teilnimmt. Wir nennen allgemein B e z u g s s y s t e m ein physikalisches Laboratorium, welches mit Maßstäben und Uhren zu Raum- und Zeitmessung ausgerüstet ist. Dieser Hörsaal ist ein Bezugssystem, da ich in ihm die jeweilige Lage eines bewegten Körpers durch seine Abstände von dreien seiner Begrenzungsebenen und durch die Angaben einer Uhr bestimmen kann. Drei solche Abstände nennt man die R a u m k o r d i n a t e n des betrachteten Punktes, die zugehörige Zeitangabe kann man seine Zeitkoordinate nennen. Wir haben es hier mit einem irdischen Bezugssystem zu tun. Wir können uns aber auch ein entsprechendes Bezugssystem auf der Sonne oder auf einem gegen die Erde bewegten Eisenbahnzuge denken. Die allgemeinen Tatsachen der Lichtfortpflanzung zeigen nun, daß sich das Licht in jedem Bezugssystem in gleicher Weise ausbreitet, nämlich in Kugelwellen mit der gleichen Lichtgeschwindigkeit, unabhängig von dem Bewegungszustande der Lichtquelle gegen den Beobachter. Das scheint widerspruchsvoll zu sein. Denn wenn wir eine Kugelwelle, die sich im irdischen Bezugssystem ausbreitet, von der Sonne aus betrachten, so würde auf der Vorderseite (das sei diejenige Seite, nach der die augenblickliche Geschwindigkeit des Erdkörpers gerichtet ist) zur Lichtgeschwindigkeit noch die Erdgeschwindigkeit hinzukommen; auf der Rückseite der Welle würde sich die Erdgeschwindigkeit von der Lichtgeschwindigkeit abziehen. Die Vorderseite der Welle würde also, von der Sonne aus gesehen, schneller fortschreiten als die Rückseite. Das widerspricht dem Relativitätsprinzip und den optischen Erfahrungen. Die Lichtwelle weiß nichts davon, ob sie zum Bezugssystem der Erde oder der Sonne gehört. Jedem Beobachter erscheint sie als Lichtwelle von der gleichen Fortpflanzungsgeschwindigkeit.
Der Widerspruch löst sich dadurch, daß wir auch die Zeit ihres absoluten Charakters entkleiden. Jedes Bezugssystem hat seine eigene Zeitskala. Es gibt keine absolute universale Zeit. Die Mechanik leugnete den absoluten Raum, ließ aber die absolute Zeit bestehen; sie konnte es tun, ohne in Schwierigkeiten zu geraten, weil sie nicht über so exorbitante Geschwindigkeiten wie die Lichtgeschwindigkeit verfügt. Die Optik und Elektrodynamik verlangen auch die Relativierung der Zeit. Auch die Zeit ist an sich nichts. Sie besteht nur vermöge der sich in ihr abspielenden Ereignisse. Diese Ereignisse, z. B. eine Lichtwelle, sind real und objektiv; die Beurteilung des zeitlichen Ablaufs aber hängt vom Standpunkt des Beobachters, vom Bezugssystem ab. Daraus folgt weiter: Es gibt keine absolute Gleichzeitigkeit. Zwei Ereignisse, die in meinem Bezugssystem gleichzeitig sind, sind vom Standpunkte eines relativ gegen mich bewegten Bezugssystems aus nicht gleichzeitig. Wenn ich mir einmal erlaube (in Fig. 1), Zeit und Raum durch zwei Richtungen in der Zeichenebene darzustellen,
so sind die beiden Ereignisse A und B gleichzeitig im Bezugssystem (Raum — Zeit); A ist aber früher als B im Bezugssystem (Raum — Zeit), welches durch die punktierten Achsen dargestellt wird. Diese bildliche Darstellung, die hier nur als Gleichnis aufgefaßt werden möge, gibt sogar den wirklichen Sachverhalt zahlenmäßig wieder, wenn wir auf der Zeitachse mit einem im Verhältnis der Lichtgeschwindigkeit vergrößerten Maßstab messen, wobei dann die in der Figur durch die Strecke a b dargestellte Ungleichzeitigkeit nur als winzig kleine Zeitdifferenz erscheint.
Ein anderes Beispiel: Von der Erde löst sich in einem bestimmten Augenblick ein ihr gleiches Abbild los und entfernt sich von ihr mit einer gewissen Geschwindigkeit. Zwei Zwillinge, A und B, werden in diesem Augenblick geboren, A bleibt auf der Erde, B wird auf ihr Abbild ausgesetzt. Sie entwickeln sich auf den beiden identischen Sternen bei identischen Lebensverhältnissen in genau identischer Weise, aber in verschiedenem Zeitmaß. Wenn A irgendwie Kunde von B erhält, findet er, daß B langsamer lebt, daß er in seinem Lebensalter und in seinen Lebensschicksale immer etwas hinter A zurückbleibt. Dasselbe konstatiert B von A; A ist jünger als B vom Standpunkte des B, B ist jünger als A vom Standpunkte des A.
Es wurde kürzlich vorgeschlagen, das Wort Relativitätstheorie zu ersetzen durch Standpunktslehre. Das Wort ist gut; es verdeutscht und verdeutlicht den wesentlichen Inhalt der neuen Auffassung. Wenn wir den Standpunkt wechseln, indem wir ihn von der Erde auf ihr Abbild verlegen oder auf einen über die Erde fahrenden Eisenbahnzug, sehen wir, was an unserem Weltbilde vom Standpunkt abhängt, also gewissermaßen subjektive Zutat ist, und was vom Standpunkte unabhängig ist, also in den Dingen liegt. Raum und Zeit sind vom Standpunkte abhängig oder relativ; auch die Auffassung zweier Ereignisse als gleichzeitig ist es. Aber die Ereignisse selbst sind wirklich, ebenso wie die Tatsache einer sich ausbreitenden Lichtwelle oder wie ein Menschenleben. Dabei ist jeder Standpunkt zulässig und gleichberechtigt mit jedem anderen. Es gibt keinen bevorzugten Ätherstandpunkt oder Erdstandpunkt oder Sonnenstandpunkt: daß die Erscheinungen von jedem Standpunkte gesehen miteinander harmonieren, trotz mancher Paradoxien, und niemals in wirkliche Widersprüche geraten können, zeigt die mathematische Ausführung der ganzen Lehre.
Man wolle den Sinn des Wortes Relativität ja nicht so deuten, als ob alles Geschehen vom Standpunkte des Beobachters abhinge, als ob alles subjektiv wäre. Gerade der Wechsel des Standpunktes läßt erst das Naturgesetz in seinem unveränderlichen Kern hervortreten. Die Relativitätstheorie hat nicht nur eine negative, wegräumende, sie hat vor allem eine positive, aufbauende Seite. Als positive Aufgabe der Standpunktslehre wollen wir ausdrücklich statuieren: Die Gesetzmäßigkeit in der Natur als einen "Felsen aus Erz" aufzurichten, der hinüberragt über die wechselnden Erscheinungsformen von Raum und Zeit, der von allen Standpunkten aus zu sichten ist für denjenigen, dessen Auge mit dem Fernblick des mathematischen Organs ausgerüstet ist. Die Aufräumung alles metaphysischen, unbeobachtbaren Absoluten war ein großes Verdienst der neuen Theorie. Aber die Aufrichtung des für alle Standpunkte und Bezugssysteme Gültigen, Bleibenden und Unabhängigen war ihr größeres Verdienst. Mathematisch erreicht die Theorie dieses, indem sie die Unveränderlichkeit (Invarianz) der die Naturgeschehnisse beschreibenden Gleichungen gegenüber beliebigen Transformationen derjenigen Hilfsgrößen (Koordinaten von Raum und Zeit, Feldstärken, Energien) nachweist, durch die wir die Naturgeschehnisse beschreiben.
Das ist gerade der Unterschied zwischen Mach und Einstein, dem Vorarbeiter und dem Vollender des Relativitätsgedankens. Bei Mach war der Blick auf das Negative gerichtet. Er wollte das Gestrüpp entfernen, das den Ausblick auf die Wirklichkeit versperrt, das Vorurteil eines absoluten Raumes und einer absoluten Zeit. Aber ihm entschwand bei dieser nützlichen Rodearbeit unter den Händen der Glaube an die Festigkeit der Naturgesetze. Er sagt einmal: "Die absolute Exaktheit, die vollkommen genaue eindeutige Bestimmung der Folgen einer Voraussetzung besteht nicht in der sinnlichen Wirklichkeit, sondern nur in der Theorie." Die Naturgesetze werden ihm zu ökonomischen Maßnahmen, zu Ordnungsschematen, in die sich die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen bequem unterbringen läßt. Aber das ist es nicht, was wir brauchen. Naturgesetze von so unbestimmter und formalistischer Art wären kaum der Mühsal und Aufregung des Forschens wert. Der tastende Naturforscher, der auf dunklen Wegen nach einem geahnten Ziel strebt, braucht einen helleren Leitstern als die Machsche Lehre. Positivismus heißt diese Lehre bei seinen Nachfolgern, trotzdem ihr Verdienst wesentlich in der Negation des Unbeobachtbaren liegt. Einstein denkt anders. Das Negieren des Metaphysischen ist ihm nur das Mittel, um den Weg frei zu bekommen zur höchsten Bejahung der Naturgesetze, zu ihrer invarianten Gültigkeit, unabhängig von jedem Standpunkte. Es ist charakteristisch, daß die Positivisten den halben Einstein, den abbauenden, begeistert loben, den anderen Einstein, den aufbauenden, aber nicht anerkennen wollen. Ich hatte kürzlich einen ausgiebigen Briefwechsel mit einem geistvollen Vertreter des Positivismus, einen Briefwechsel, der natürlich zu keiner Einigung führte. Zum Schluß schrieb ich dem Kollegen: "Wenn Sie uns nicht die Exaktheit der Naturgesetze lassen, kann es zwischen uns keinen wirklichen Frieden, sondern nur eine achtungsvolle gegenseitige Duldung geben."
Wir sind mit unseren letzten Äußerungen schon hinübergeglitten von dem Gedankenkreis der ursprünglichen, speziellen Relativitätstheorie zu der allgemeinen, voraussichtlich endgültigen Theorie; jene datierend von 1905, diese von 1915. Jene ließ nur die gleichförmig und geradlinig bewegten Bezugssysteme als berechtigt zu, diese erkennt jeden Standpunkt an und verwendet grundsätzlich alle möglichen Bezugssysteme zur Beschreibung der physikalischen Erscheinungen, also beliebig gedrehte und beschleunigte Bezugssysteme, veränderliche Maßstäbe und beliebig laufende Uhren. Sie behauptet, daß die Naturgesetze ihre Form beibehalten auch bei so allgemeiner Beschreibung, wenn wir nur von Anfang an den richtigen, hinreichend verallgemeinerten mathematischen Ausdruck der Naturgesetze wählen. Ein wichtiger Schritt auf dem Wege zu dieser allgemeinsten Auswirkung des Relativitätsgedankens war M i n k o w s k i s vierdimensionale Zusammenfassung von Raum und Zeit.
Die Zeit hat eine Ausdehnung, der Raum drei; beide zusammen haben vier Dimensionen, das heißt: zur Fixierung eines Raumzeitpunktes, zur Beschreibung eines Ereignisses in Raum und Zeit sind vier unabhängige Zahlen erforderlich, von denen drei die räumliche, eine die zeitliche Lage angeben. Minkowski spricht von der v i e r d i m e n s i o n a l e n W e l t als der Zusammenfassung von Raum und Zeit. Es lassen sich auf diese vierdimensionale Welt die Gesetze der gewöhnlichen dreidimensionalen Geometrie übertragen, teils in zeichnerischer, teils und besonders erfolgreich in rechnerischer Verallgemeinerung. Ich kann von Ihnen nicht verlangen, daß Sie sich eine vierdimensionale Welt vorstellen sollen. Denn ich kann es selbst nicht. Aber wir können uns leicht eine zweidimensionale Welt vorstellen. Nehmen Sie einmal an, daß Sie als denkendes Wesen mit all Ihren Erfahrungen und Sinnen in eine Ebene gebannt wären. Dann gäbe es für Sie kein Oben und Unten, sondern nur ein Nebeneinander. In dieser ebenen Welt können sich Lichterregungen als Kreise, wie die Wellen auf einer Wasseroberfläche, fortpflanzen. Sie können in der Ebene Erfahrungen sammeln und sich eine Geometrie aufbauen, die E u k l i d i s c h e G e o m e t r i e der Ebene, wie wir sie in der Schule gelernt haben. Aber Sie können niemals zu der Vorstellung z. B. eines Würfels gelangen. Sie können auf einer Geraden Ihrer Ebene ein Lot innerhalb der Ebene errichten, aber Sie können sich nicht anschauungsgemäß ein Lot auf der Ebene vorstellen, weil es für Sie nichts außerhalb Ihrer Ebene gibt. Wenn Sie aber als Flächenwesen hinreichende mathematische Phantasie haben, so können Sie doch begrifflich von Ihren zwei zu drei Dimensionen fortschreiten. Sie brauchen nur statt Ihrer zwei Koordinaten in der Ebene drei Koordinaten als Rechnungsgrößen einzuführen und können das Lot auf der Ebene durch Gleichungen in diesen drei Koordinaten beschreiben, von denen Sie sich allerdings nur zwei richtig vorstellen können. In demselben Verhältnis wie diese Flächenwesen zur dreidimensionalen Euklidischen Raumgeometrie, stehen wir zur vierdimensionalen Weltgeometrie. Wenn wir sie uns auch nicht vorstellen können, so können wir doch in ihr denken und rechnen. Insbesondere können wir uns ebene und räumliche Ausschnitte aus dieser Welt konstruieren, die dann wieder unserer Anschauung zugänglich sind.
Im dreidimensionalen Raum ist uns die Erscheinung der perspektivischen Verkürzung geläufig. Diese Tischplatte erscheint mir von der Seite gesehen schmäler, als von oben gesehen. (Der Positivist, dem die Empfindungen selbst das letzte und einzige sind, würde sogar sagen: sie ist von der Seite gesehen schmäler als von oben gesehen.) Unter dasselbe Bild der perspektivischen Verkürzung, wenn wir es auf die vierdimensionale Welt übertragen, lassen sich alle die seltsamen Folgerungen bringen, die die Relativitätstheorie gezogen hat. Ein gegen den Beobachter bewegter Körper erscheint in der Bewegungsrichtung verkürzt (Lorentz-Kontraktion als einfachste Erklärung des Michelson-Versuches). Der Zeitablauf in einem gegen den Beobachter bewegten Bezugssystem erscheint diesem Beobachter verlangsamt (Aufhebung der Gleichzeitigkeit, Verjüngung eines unserer beiden Zwillinge vom Standpunkte des anderen). Die Masse eines Körpers, z. B. eines Elektrons, das sich gegen den Beobachter bewegt, erscheint diesem vergrößert, nämlich größer als einem Beobachter, der auf dem bewegten Körper selbst seine Beobachtungsgeräte aufstellt und die Masse des für ihn ruhenden Körpers mißt. Dieses Gesetz von der Massenveränderlichkeit des Elektrons wurde zum Prüfstein der ursprünglichen speziellen Relativitätstheorie. Zuerst bestritten, hat es sich im Laufe der Jahre mit immer größerer Genauigkeit als wahr herausgestellt, am schärfsten in den Feinsten Äußerungen bewegter Elektronen, in den Spektren der einfachsten Atome. Seitdem darf der Vorstellungskreis der speziellen Relativitätstheorie als experimentell gesichert gelten; seitdem haben wir uns in der vierdimensionalen Minkowskischen Welt wohnlich eingerichtet und wissen uns in ihren zum Teil paradox verzerrten Anblicken zurechtzufinden.
Aber ich muß leider noch höhere Anforderungen an Ihre Abstraktion stellen. Denn nun muß ich Ihnen zeigen, wie Einstein die alte Rätselkraft der Gravitation in sein System eingearbeitet hat. Die Gravitation war seit Newton in der Formel des Newtonschen Gesetzes: "proportional den wirkenden Maßen, umgekehrt proportional dem Quadrat ihrer Entfernungen" erstarrt. Darüber hinaus hatte sich aus unseren täglichen Erfahrungen über die Erdschwere oder aus den Beobachtungen der Astronomen über die Gravitationswirkungen zwischen den Gestirnen nichts über ihre Wirkungsweise ergeben. Unter allen Kräften hatte sich die Gravitation allein als momentane Fernwirkung behauptet. Erst Einstein konnte ihr neue beobachtbare Seiten abgewinnen. Ich will Ihnen nicht den Weg schildern, wie Einstein nach manchen Kreuz- und Quergängen zum Ziel gekommen ist, sondern nur das Ziel selbst schildern, zu dem er gelangt ist.
Stellen wir uns wieder auf den Standpunkt unseres Flächenwesens, aber versetzen wir uns diesmal nicht in eine Ebene, sondern in eine gekrümmte Fläche, z. B. auf eine Kugel. Wir können uns nicht aus der Kugeloberfläche entfernen, wir können nichts außerhalb der Kugeloberfläche wahrnehmen, weder dringt irgendeine Kunde vom Äußern noch vom Innern der Kugel zu uns. Es gibt auch jetzt für uns kein Oben und Unten, sondern nur ein Nebeneinander. Unsere Welt ist wie vorher nur zweifach ausgedehnt. Sie ist in diesem Falle übrigens nicht unendlich groß, sondern sie schließt sich im Endlichen. Es gibt keine Geraden in unserer Welt, sondern nur gewisse geradeste Linien. Das sind im Falle der Kugel die größten Kreise, z. B. die Meridiane von irgendeinem Pol aus, aber nicht die Parallelkreise. Stoßen wir einen Massenpunkt in der Ebene an, so läuft er in einer geraden Linie. Stoßen wir ihn in gleicher Weise auf der Kugel an, so läuft er, sich selbst überlassen und von keinen äußeren Kräften beeinflußt, in einer geradesten Linie, in einem größten Kreise um die Kugel herum. Die natürlichen kräftefreien Bahnen sind in der gekrümmten Fläche die geradesten Linien, wie sie in der nicht gekrümmten Ebene die geraden Linien sind. Konstruieren wir uns in der Kugelfläche eine Geometrie, so wird sie von der gewöhnlichen Euklidischen Geometrie verschieden. Auf der Kugeloberfläche haben wir den einfachsten Fall der sogenannten Nicht-Euklidischen Geometrie. Während es in der Euklidischen Geometrie bekanntlich heißt: Die Winkelsumme im Dreieck ist gleich zwei Rechten, heißt es in der Nicht-Euklidischen Kugelgeometrie: Die Winkelsumme im Dreieck ist größer als zwei Rechte. Konstruieren wir z. B. ein Dreieck aus lauter geradesten Linien auf folgende Weise: Wir gehen vom Nordpol N auf einem Meridian bis zum Äquator, diesen entlang um ein Viertel seines Umfanges und abermals auf
einem Meridian zum Pol zurück, das letzte Stück im entgegengesetzten Sinne zu den eingezeichneten Pfeilen, auf deren Bedeutung wir später zurückkommen. Jeder Winkel dieses Dreiecks ist ein Rechter (in der Figur mit R bezeichnet), die Winkelsumme gleicht drei Rechten, also größer als zwei Rechte, wie es unser Satz von der Winkelsumme in der Nicht-Euklidischen Geometrie verlangt.
Alle diese Behauptungen sind bequem durch die Anschauung zu kontrollieren. Aber nun kommt ein Schritt, zu dem eine gewisse intellektuelle Unerschrockenheit gehört. Unser Flächenwesen soll sich im Anschluß an seine Kugelfläche begrifflich einen dreifach ausgedehnten Raum konstruieren, der dieselben Eigenschaften hat wie seine Kugelfläche, in dem z. B. der Nicht-Euklidische Satz von der Winkelsumme allgemein gilt, und in dem alle geradesten Linien in sich zurücklaufen, also keine geraden Linien sind. Einen solchen "gekrümmten Raum" können wir uns nicht vorstellen; und doch müssen wir uns begrifflich und rechnerisch in ihm orientieren. Und mehr noch, wir müssen zu einer gekrümmten v i e r d i m e n s i o n a l e n W e l t fortschreiten und nicht nur zu einer gleichmäßig, nach Art der Kugel gekrümmten Welt, sondern zu einer Welt von w e c h s e l n d e n K r ü m m u n g s v e r h ä l t n i s s e n.
Was hat nun dieser seltsame geometrische Vorstellungskreis mit der Gravitationstheorie zu tun? Gehen wir zunächst nochmals der besseren Übersicht wegen in unsere flache, nur zweifach ausgedehnte Welt zurück. Die Fläche sei zwar im allgemeinen und ungefähren eben, also nicht gekrümmt; sie habe aber Buckel, gekrümmte Auswölbungen an solchen Stellen, wo sich Massen befinden. Jede Materie ist Sitz mannigfacher Energieformen, chemischer und physikalischer Energien, welche in der Bindung der Atome untereinander und in dem Aufbau der Atome stecken. Statt Materie können wir daher auch allgemeine Energie im weitesten Sinne des Wortes sagen. Überall, wo sich physikalische Ereignisse abspielen und daher Energie lokalisiert ist, insbesondere in den Stellen stärkster Energiekonzentration, der greifbaren Materie, soll unsere flache Welt ausgewölbt sein, mehr oder minder, je nachdem wir es mit größerer oder geringerer Energiekonzentration zu tun haben. Betrachten wir insbesondere zwei solcher Buckel: einen von überwiegender Wölbung, den wir Sonne nennen, und einen kleinen Buckel, den wir Planet nennen. Wir geben letzterem einen Anstoß und lassen ihn durch unsere Welt laufen. Wäre der Sonnenbuckel nicht da und alles eben, so würde sich unser Planet auf gerader Bahn bewegen. Das Vorhandensein des Sonnenbuckels hat zur Folge, daß er sich statt dessen auf einer geradesten Bahn bewegt. Diese weicht von der Geraden um so mehr ab, je näher der Planet an die Sonne herankommt.
Sie sehen hiernach bereits, wie sich dieses zweidimensionale Gleichnis zur Gravitationstheorie verhält. An den Stellen großer Energiekonzentration ist die Raumzeitstrukur eine singuläre, gekrümmte. die geradesten Bahnen in der Nähe solcher Stellen weichen weit ab von den geraden Bahnen; sie verhalten sich annähernd so, wie wir es aus der alten Gravitationstheorie her wissen, als Keplerellipsen. Dabei haben wir nicht nötig, eine besondere Gravitationskraft einzuführen. Bahnen, die lediglich unter dem Einfluß der Gravitation durchlaufen werden, sind kräftefreie, geradeste Bahnen; ihre Krümmung spiegelt nur die durch die Energieanhäufung bewirkte Weltkrümmung wider. Der Ausgangspunkt der Relativitätstheorie bleibt dabei durchaus erhalten. Raum und Zeit sind an sich nichts. Sie erhalten ihre Eigenschaften, ihre Struktur erst durch die in ihnen enthaltenen physikalischen Energien aufgeprägt.
Die Bahnen sind nach dieser Gravitationstheorie angenähert Keplerbahnen, aber nicht genau. Das Newtonsche Gesetz ergibt sich nur in erster Näherung; bei genauerer Rechnung treten Abweichungen auf. Die Ellipse ist keine geschlossene, sondern eine langsam sich drehende, eine solche von fortschreitendem Perihel. (Perihel heißt bekanntlich der Punkt größter Sonnennähe auf der Planetenbahn.) Die Figur zeigt in sehr Übertriebenem Maßstabe diesen Perihelfortschritt. Er ist um so stärker zu erwarten, je näher der Planet der Sonne kommt, also beim Merkur, dem sonnennächsten der Planeten am stärksten. Nach den Beobachtungen und Rechnungen der Astronomen tritt nun in der Tat beim Merkur eine Perihelbewegung auf, die sich nach der Newtonschen Theorie nicht erklären läßt. Sie beträgt hier 43 Bogensekunden im Jahrhundert; das will sagen, daß erst nach 30 000 Jahrhunderten die Merkurbahn in ihre Anfangslage zurückgekehrt erscheint. Bei den sonnenferneren Planeten, z. B. bei der Erde, ist das Fortschreiten des Perihels dagegen unmeßbar klein.
Gerade diesen Wert von 43 Sekunden im Jahrhundert ergab nun die Einsteinsche Rechnung auf Grund seiner neuen Auffassung der Gravitation. Man beachte wohl: der Einsteinsche Gedankengang nahm seinen Ausgang von erkenntnistheoretischen Forderungen, hatte nirgends eine Unbestimmtheit oder Lücke, wußte von Hause aus nichts vom Merkurperihel und führte doch zwangläufig auf den astronomischen Beobachtungswert.
Ich darf nicht verschweigen, daß eine kritische Überprüfung der astronomischen Angabe von 43 Sekunden, die Herr Kollege Großmann kürzlich durchgeführt hat, diesen Wert unsicherer erscheinen läßt, als die Astronomen bisher annahmen. Der wahrscheinlichste Wert liegt nach Herrn Großmann etwas tiefer als 43 Sekunden. Bis die Astronomen sich hierüber geeinigt haben werden, kann man also nur sagen, daß die neue Gravitationstheorie jedenfalls die Größenordnung der Merkur-Perihelbewegung richtig wiedergibt.
Wir kehren zu unserem Bilde des Sonnenbuckels in der zweidimensionalen flachen Welt zurück. Statt eines Planeten jagen wir jetzt einen Lichtstrahl an der Sonne vorbei. Auch dieser läuft auf einer geradesten Bahn; bei fehlender Weltkrümmung würde er eine gerade Bahn beschreiben. Auch hier wirkt, wie bei dem Planeten, die Krümmung des Raums in der Sonnennähe so, als ob eine Anziehung von der Sonne auf den Lichtstrahl ausgeübt würde, als ob der Lichtstrahl nach der Sonne hin fiele. Man denke an die analogen, aber im Grunde doch wesensverschiedenen Verhältnisse bei der atmosphärischen Strahlenbrechung, wo sich der Lichtstrahl in der Erdatmosphäre ebenfalls krümmt. Was wir hier zu erwarten haben, zeigt die nächste Figur. Der Stern A, der sein Licht hart an der Sonne vorbeischickt, erscheint dem Erdbeobachter nicht in A, sondern wegen der gekrümmten Form des Lichtweges in der Verlängerung des Strahlenendes, d. h. an der Stelle B des Himmelsgewölbes. Sonnennahe Sterne zeigen also eine scheinbare Ablenkung vom Sonnenrande fort. Natürlich läßt sich diese Ablenkung nur bei einer t o t a l e n S o n n e n f i n s t e r n i s beobachten, weil sonst das Sternlicht vom Sonnenlicht überstrahlt wird.
Am 29. Mai 1919 fand eine Sonnenfinsternis statt, die in Brasilien total war. Deutschland war von ihrer Beobachtung ausgesperrt, England rüstete zwei Expeditionen aus. Die Ergebnisse sind mir zugeschickt worden. Die Konstellation war besonders günstig, weil 7 verhältnismäßig helle Sterne in Sonnennähe standen. Unser Bild in Figur 5 stellt die verdunkelte Sonne mit ihrem leuchtenden Strahlenkranze, der Korona, dar. Die 7 Sterne sind durch kleine Kreise markiert.
Von den Sternen aus sind die Ablenkungen als gerade Strecken aufgetragen, wie sie theoretisch nach Einstein sich errechnen; sie verlaufen in radialer Richtung und sind für die sonnennäheren Sterne größer als für die sonnenferneren. Der Maßstab ist dabei viele tausendmal übertrieben. Am Sonnenrande ist die theoretische Ablenkung nur 1,7 Bogensekunden, d. h. so klein, daß wir sie in unserem Bilde gar nicht einzeichnen können; im doppelten Abstande von der Sonnenmitte ist die Ablenkung noch halbmal kleiner. In demselben übertriebenen Maßstab sind nun auch die beobachteten Ablenkungen als Striche mit einer Pfeilspitze eingetragen. Die wirklichen Ablenkungen auf der photographischen Platte sind nur unter dem Mikroskop auszumessen und überhaupt nur indirekt festzustellen. Außer der Sonnenfinsternisaufnahme selbst wurde eine Aufnahme einige Wochen nach der Sonnenfinsternis gemacht, zu einer Zeit, wo sich die Sonne aus der fraglichen Gegend des Fixsternhimmels entfernt hatte. Überdies wurde eine dritte Vergleichsplatte aufgenommen, die in das photographierende Fernrohr verkehrt, d. h. mit der Glasseite nach außen, mit der Schichtseite nach innen eingelegt war. Diese Vergleichsplatte konnte dann mit den beiden Bebachtungsplatten, der bei der Sonnenfinsternis und der nach derselben aufgenommenen, Schicht auf Schicht zur Deckung gebracht werden. Die Ablenkungen der Sterne sind durch dieses indirekte Verfahren unter dem Mikroskop ausgemessen und nach dem Ausgleichsverfahren rechnerisch ermittelt worden. Wie unsere Figur zeigt, stimmen die so gewonnenen empirischen Ablenkungen aufs überraschendste mit den theoretischen überein. Sie zeigen nicht nur, wie diese annähernd die radiale Richtung vom Sonnenmittelpunkte nach außen hin (was zum Teil durch das angewandte Ausgleichsverfahren bewirkt wird, also noch nicht ohne weiteres beweisend wäre), sondern sie zeigen auch durchweg fast dieselbe Größe und die von der Theorie geforderte Größenabnahme bei zunehmender Entfernung des Sterns von der Sonne.
Dies wird besonders überzeugend im nächsten Bilde dargetan, welches dem englischen Originalbericht entnommen ist. Nach oben hin sind die Sternablenkungen, nach rechts hin die reziproken Abstände vom Sonnenmittelpunkte aufgetragen, mit denen die theoretischen Ablenkungen proportional gehen. Die Abnahme der Ablenkung mit zunehmender Entfernung von der Sonne wird theoretisch durch die stark ausgezogene Gerade dargestellt. Die wirklichen Beobachtungspunkte (durch starke Punkte wiedergegeben) liegen dieser Geraden äußerst nahe, viel näher als der punktierten Geraden, welche nach einer älteren, nicht konsequenten Theorie Einsteins die Sternablenkung darstellen würde. Man wende nicht ein, daß die Ablenkung des Sternortes durch die Sonnenatmosphäre bewirkt sein könnte. In so großen Entfernungen, wie sie hier in Frage kommen, ist die Sonnenatmosphäre einfach belanglos. Die astronomischen Sachkundigen sind sich darüber einig, daß die Beweiskraft der englischen Sonnenfinsternisaufnahmen bündig ist.
Das Ziel jeder Wissenschaft ist, nach einem schönen Worte des Mathematikers Jacobi, die Ehre des menschlichen Geistes. Der 29. Mai 1919 wird für alle Zeiten ein Ehrentag des menschlichen Geistes bleiben.
Neben dem Merkurperihel und den Sonnenfinsternisbeobachtungen gibt es noch ein drittes Kriterium für die Einsteinsche Gravitationstheorie: die Rotverschiebung von Spektrallinien, die auf der Sonne entstehen, gegenüber den Spektrallinien des gleichen Stoffes, wenn sie unter irdischen Verhältnissen hervorgerufen werden. Man kennt, seitdem es eine Astrophysik gibt, die Erscheinung des sogenannten Dopplereffektes. Sie besteht in der Verschiebung eines Spektrums nach der roten Seite hin bei Sternen, die sich von der Erde entfernen, in einer Verschiebung nach der violetten Seite bei Sternen, die auf die Erde zukommen. Die Größe dieser Verschiebung entspricht der Geschwindigkeit, mit der sich der betreffende Stern von uns fort oder auf uns zu bewegt. Man pflegt daher auch die von Einstein vorhergesagte Rotverschiebung im Sonnenspektrum durch eine Geschwindigkeit zu charakterisieren, die im Dopplereffekt dieselbe Rotverschiebung bewirken würde, und zwar beträgt diese Geschwindigkeit 0,6 Kilometer in der Sekunde.
Über den physikalischen Grund dieser Rotverschiebung sei hier nur soviel gesagt, daß er natürlich nicht wie der gewöhnliche Dopplereffekt in einer relativen Bewegung der Sonne gegen die Erde, sondern in dem Gravitationsfelde der Sonne liegt. Dieses ist außerordentlich viel stärker als das Schwerefeld der Erde. Die Rotverschiebung entspricht direkt dem Unterschied der Schwere an der Sonnenoberfläche und Erdoberfläche.
Das geeignetste Versuchsobjekt zur Prüfung dieses Effektes bilden Linien der sogenannten Zyanbanden. Merkwürdigerweise konnten die mit den besten Hilfsmitteln ausgestatteten amerikanischen Sternwarten keine systematische Verschiebung dieser Linien nach der roten Seite nachweisen. Die Bonner Physiker Grebe und Bachem haben aber erst gezeigt, mit welcher Vorsicht man beim Vergleich der Sonnenlinien und der Linien aus irdischen Lichtquellen vorgehen muß, um sichere Resultate zu erhalten. Beide Spektren enthalten nicht nur die in Rede stehenden Zyanlinien, sondern daneben ein Gewirr von Linien anderen Ursprungs, die sich jenen überlagern. Photometriert man ein solches Spektrum, d. h. stellt man die Lichtintensität in ihrer Abhängigkeit von der Wellenlänge durch ein Schaubild dar, so entsteht eine Zackenkurve nach Art eines Gebirgskammes. Nur solche Linien sind einwandfrei, die im Schaubild durch eine isolierte Zacke dargestellt werden; wenn eine Erhebung fremden Ursprungs in der Nähe liegt, fälscht sie die Lage der Hauptzacke und macht sie zur Untersuchung der Rotverschiebung ungeeignet. Bei diesem kritischen Vorgehen erwiesen sich von 36 gemessenen Zyanlinien nur 9 als unverdächtig und brauchbar. Nach R. T. Birge ist die Auswahl sogar noch weiter zu beschränken auf zwei von diesen Linien. Und siehe da: Wenn alle verdächtigen Linien ausgeschaltet und nur die 9 bzw. 2 tadellosen benutzt werden, so ergibt sich der richtige Betrag der Rotverschiebung, wie er von Einstein vorhergesagt wurde, nämlich rund 0,6 Kilometer in der Sekunde.
Ich möchte noch ein letztes Beispiel zur Sprache bringen, welches zwar nicht als Prüfstein der Einsteinschen Gravitationstheorie, wohl aber als Mittel zu ihrer Veranschaulichung wertvoll ist. Wir wissen, daß ein Kreisel, der aufgezogen ist und keinen äußeren Kräften unterliegt, bestrebt ist, seine Richtung im Raume beizubehalten. Unsere Erde ist ein solcher Kreisel von gewaltigen Ausmessungen. Freischwebend im Raum würde er die Richtung seiner Drehachse nicht ändern. In Wirklichkeit beschreibt die Erdachse in langsamstem Tempo einen Kegel um die Normale zur Erdbahnebene (Ekliptik). Figur 8 zeigt die Erde mit eingezeichneter Erdachse in ihrem Umlauf um die Sonne und deutet in ihrer Stellung am weitesten rechts den Kegel an, den die Erdachse im Verlauf vieler Umläufe beschreibt. Der Kegel wird erst in 26 000 Jahren vollständig durchlaufen, in jedem Jahr beträgt die Winkelverlagerung 50 Sekunden (Präzession der Äquinoktien). Nach der gewöhnlichen Auffassung rührt diese Verlagerung der Erdachse von der Anziehung der Sonne auf den am Äquator wulstförmig aufgetriebenen Erdkörper her, also daher, daß die Erde kein kräftefreier, sondern ein von der Sonnengravitation beeinflußter Kreisel ist. In der Einsteinschen Theorie aber ist die Gravitation keine äußere Kraft; die Gravitationsbahnen der fortschreitenden sowohl wie der drehenen Erdbewegung verlaufen kräftefrei als geradeste Bahnen im gekrümmten Raume; die Erdachse sollte also im Schwerfelde sich selbst parallel bleiben. Was aber heißt: sich selbst parallel bleiben im Nicht-Euklidischen Sinne, bei gekrümmter Raumstruktur?
Wir ziehen nochmals unsere Figur 2 zu Rate. Wir gehen jetzt vom Nordpol aus zunächst auf unserem ersten Meridian äquatorwärts und halten dabei stets einen geraden Stab vor uns hin. Zweifellos bleibt er bei dieser Wanderung sich selbst parallel, da er dabei ja dauernd in die Richtung einer geradesten Bahn, in den Meridian, weist. Im Äquator angelangt, steht er senkrecht zu diesem. Soll er sich selbst parallel bleiben, so muß er dauernd senkrecht zum Äquator gehalten werden, solange wir den Äquator abschreiten. Gehen wir auf dem zweiten Meridian zum Pole zurück, so bleibt unser Stab wieder sich selbst parallel, wenn er dauernd die Richtung dieses Meridians einhält. Kommen wir in den Pol zurück, so hat sich, wie unsere Figur zeigt, unser Stab um einen rechten Winkel gedreht, trotzdem er dauernd mit sich parallel war! Nehmen wir statt des Stabes einen Kreisel zur Hand, so stellt sich dessen Drehachse selbst so ein, wie wir soeben die Stabachse richteten; es gilt also für den Kreisel das gleiche wie für unseren Stab: Trotzdem er mit sich parallel bleibt, schließt er nach beendetem Umgang einen Winkel gegen seine Anfangslage ein. Der Grund liegt in der Krümmung der Kugelfläche. Bei einem Umgang in der Ebene, das heißt: wenn wir ein ebenes Dreieck mit einem Kreisel in der Hand umschreiten, würde von einer Winkelverlagerung des Kreisels keine Rede sein.
Die Anwendung auf das Problem der Erdachse ist unmittelbar einleuchtend. Dem Umgang um das Kugeldreieck entspricht bei der Erde ihr jährlicher Umgang um die Sonne, der Kugelkrümmung die von der Sonne bewirkte gekrümmte Raum-Zeit-Struktur. Indem die Erdachse nach einem Umgang um die Sonne in den Frühlings-Tagundnachtgleichenpunkt zurückkehrt, schließt sie einen Winkel mit sich ein. Dieser beträgt zwar nicht, wie in unserem Beispiel, einen Rechten, sondern nur 50 Sekunden, hat aber dieselbe Bedeutung wie jener, er zeigt uns nämlich an, daß der umlaufene Flächeninhalt der Erdbahn nicht eben, sondern gekrümmt war. Man sieht, wie schön und einfach sich die ältere Auffassung, nach der die Gravitation als äußere Kraft wirkt, in die neuere Auffassung umsetzt, nach der sie sich nur auf dem Wege über die Verkrümmung der Welt äußert. Beide Auffassungen sind im Ergebnis gleich; nur insofern, als die neue Auffassung eine Korrektion am Newtonschen Anziehungsgesetz mit sich bringt, eine Korrektion, die sich z. B. in der Perihelbewegung des Merkur äußerte, wird auch die nach Einstein berechnete Winkelverlagerung der Erdachse bei ihrem jährlichen Umgang um die Sonne ein wenig verschieden von der nach Newton berechneten ausfallen. Doch betrifft diese Verschiedenheit nur die höheren Dezimalen der angegebenen Zahl von 50 Sekunden. Als Kriterium für oder wider Einsteins Gravitationstheorie wird also diese Erscheinung nicht dienen können, insbesondere deshalb nicht, weil zu ihrer praktischen Verwertung eine anderweitige Kenntnis der Mondmasse erforderlich wäre.
Hiernach kehren wir von Sonne, Mond und Sternen zu unserem Standpunkt auf der rotierenden Erde zurück. Nach unserem Relativitätsglauben ist jeder Standpunkt berechtigt, auch derjenige auf einem rotierenden Bewegungssystem. Die Naturgesetze gelten für diesen Standpunkt ebenso wie für jeden anderen, wenn wir sie nur hinreichend allgemeingültig gefaßt haben. Ja, es entsteht die Frage: Was heißt überhaupt rotieren? Hat es einen Sinn, von der rotierenden Erde zu reden, wenn Sonne und Fixsterne nicht da Wären, an denen wir die Rotation der Erde doch erst wahrnehmen können? Würde es nicht wieder einen absoluten Raum oder einen Äther voraussetzen, gegen den die Drehung gedacht wird, wenn wir von der Erddrehung schlechtweg, ohne Beziehung zum Sternhimmel, sprechen wollten? Wie aber steht es dann mit den Folgen der Erddrehung, den Fliehkräften, die wir bei der Drehung des Foucaultschen Pendels oder die wir in der Abplattung der Erde beobachten? Wenn die Erddrehung nur relativ zu den Gestirnen gedacht werden kann, nur durch Vorhandensein äußerer Massen ermöglicht wird, so können auch die Fliehkräfte der Erddrehung ihre Existenz nur dem Vorhandensein der Gestirne verdanken, sie müssen als Wechselwirkungen zwischen diesen und den Massen der Erde aufgefaßt werden.
Bis zu diesem fundamentalen Schluß war Mach gekommen. Durch ihn hat er Einstein den Weg bereitet. Mach stellte eine Frage und Einstein beantwortete sie. Er beantwortete sie zugleich mit seiner Antwort auf die Rätselfrage der Gravitation. Die Gravitation erwies sich als eine Scheinkraft, de ihren Grund in der Raumstruktur hat. Auch die Fliehkräfte sind Scheinkräfte oder Trägheitskräfte, die nach Newton ihren Grund in dem absoluten Charakter der Rotation haben würden. D i e s e n Grund können wir nicht gelten lassen. Aber stellen wir uns auf den Standpunkt des gedrehten Bezugssystems. Wenn äußere Massen und Geschehnisse vorhanden sind, die an der Drehung nicht teilnehmen, so wandern diese gegen das Bezugssystem. Da sie ihrerseits eine Verzerrung der Raumstruktur bedingen, de mit ihnen umläuft, erscheint die Raumkrümmung vom gedrehten System aus anders als ohne Drehung. Diese vom Standpunkt abhängige Änderung der Raumkrümmung bedingt Scheinkräfte, die wir mit der Gravitation auf eine Stufe stellen können. Diese Scheinkräfte sind die Fliehkräfte der Erdumdrehung. Wären aber Massen und Geschehnisse außerhalb der Erde nicht vorhanden, so könnten Fliehkräfte nicht auftreten; die im Raum isolierte Erde könnte sich, physikalisch gesprochen, nicht drehen, das heißt: sie könnte keine beobachtbaren Anzeichen ihrer Umdrehung verraten.
Die Wesensgleichheit von Schwerkräften und Trägheitskräften, auf die wir so geführt worden sind, findet ihre überzeugende Bestätigung in der Gleichheit von schwerer und träger Masse. Vor hundert Jahren durch Bessels Pendelbeobachtungen bewiesen, hat diese Identität zweier scheinbar verschieden definierter Größen viel zu wenig Beachtung gefunden. Erst jetzt sind uns die Augen geöffnet, sie richtig zu sehen und sie in Zusammenhang zu bringen mit der Erneuerung unserer Zeit-Raum-Auffassung und mit der Vertiefung aller Naturgesetze. —
Was würde nun unser Pfarrer von Ufenau zu dieser Wendung der Dinge sagen, wenn sie ihm ein fahrender Schüler des zwanzigsten Jahrhunderts anvertrauen würde? Würde er glauben, daß Herr Köpernick umsonst gewacht hat? Sicherlich nicht. Der Wechsel des Standpunktes, den Kopernikus vornahm, war der erste Schritt zur Wahrheit. Der Erdstandpunkt des Ptolemäischen Systems mußte zuerst einmal aufgegeben und durch den Sonnenstandpunkt des Kopernikanischen ersetzt werden. Indem Kopernikus Sonne und Fixsterne stillstehen und die Erde wandern hieß, erhielt er ein vereinfachtes Weltbild. Die Raumkrümmung wird von diesem Standpunkt aus so gering wie möglich, der Raum erscheint so euklidisch, als es nach Lage der Sache sein kann. Deshalb wird der Kopernikanische Standpunkt für alle Zeiten dem rechnenden Astronomen und dem beobachtenden Erdbewohner die besten Dienste leisten. Aber dieser Standpunkt ist nicht mehr der einzig mögliche. Es ist zwar sehr unpraktisch, aber nicht mehr falsch zu sagen: Die Erde ruht und die Sonne wandert. — Darüber hinaus sehen wir mit E i n st e i n den wahren und endgültigen Standpunkt darin: alle Standpunkte souverän zu umfassen, je nach der besonderen Aufgabe den Standpunkt besonders zu wählen und zu der Überzeugung vorzudtingen: Die Natur ist, unabhängig von dem wechselnden menschlichen Standpunkte, immer gleich groß und gleich gesetzmäßig.
[GEGENWARTSFRAGEN DES DEUTSCHEN WIRTSCHAFTSLEBENS
VON UNIVERSITÄTSPROFESSOR DR. GOETZ BRIEFS (WÜRZBURG)]
Anmerkung: Der Aufsatz wurde Ende August 1921 abgeschlossen. G.B.
Wer dieses Thema liest, möchte leicht geneigt sein, es umzuändern in: die Fraglichkeit des deutschen Wirtschaftslebens. Und wer sich mit dem vollen Ernst dieser Fraglichkeit erfüllt hat und sieht, welche Zusammenhänge heute von der Wirtschaft in alle anderen deutschen Lebens gebiete bis in die Kultur, in die politische Freiheit und das Volksleben ausstrahlen, möchte wohl von der Fraglichkeit des deutschen Lebens im ganzen sprechen und die düstersten Zukunftsbefürchtungen daran anschließen.
Zu jäh ist für uns alle dieser Titanensturz, den Volk und Reich seit jenen tragischen Juli- und Augusttagen 1914 erlebt haben. Wir sind wie betäubt vom Sturz. Wir wissen nur eines: Nicht am Boden liegen bleiben! Sonst ist Ehre, Reich und Volk auf immer verloren. Wo standen wir? Wo stehen wir? Das sind die festen Punkte, an denen wir Richtung nehmen, um uns zunächst einmal mit der vollen Schwere dessen zu erfüllen, was geschehen ist, und um an ihnen zu ermessen, was nun geschehen soll.
Wo standen wir? Wir jüngere Generation kennen aus eigenem Erlebnis der Vorkriegszeit nur das starke, stolze Reich, das im Inneren Einigung und Blüte, nach außen schimmernde Wehr und hohe Geltung besaß. Die Reibungen unseres innerpolitischen und wirtschaftlich-sozialen Lebens schienen uns Wachstumsschmerzen, die keinen verschonen, aber mit denen man fertig wird. Unsere Weltgeltung stand auf der Stärke einer gewaltigen Kriegsmacht und einer Wirtschaftsmaschine von unerhörter Leistungsfähigkeit, aber auch auf sozialen Kulturtaten und geistigen Leistungen, die vorbildlich waren. Mit diesen Eindrücken von Macht, Größe und Reichtum erfüllte sich unsere Seele. Wer von uns draußen war, sah auf allen Meeren, in allen Ländern die Zeichen eines aufstrebenden, gewerbefleißigen, "in allen Künsten und Hantierungen geschickten" Volkes, das im Herzen Europas saß und von dort aus das Reich seines wirtschaftlichen und technischen Unternehmungsgeistes aufbaute. Das war das Deutschland der jüngsten Vorkriegsgeneration. Ihre Väter und Großväter noch hatten das andere alte Deutschland gekannt, jenes Deutschland, das weltpolitisch und weltwirtschaftlich nicht viel mehr als ein geographischer Begriff, "Provinz" war; jenes Deutschland, dessen Getreideausfuhr der Londoner Produktenbörse den Namen "Baltic" gab, jenes bäuerlich-handwerkerliche Deutschland, das oft genug auslaufende fremde Schiffe mit Sand als Ballast befrachten mußte, weil ihm Waren zur Ausfuhr fehlten, jenes Deutschland, dessen Vorstellung für Gladstone noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts verbunden war mit Ärmlichkeit, Spießbürgertum, viel Militär und einem Bündel von Kleinstaaten. Und greift man nun zurück auf die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, dann taucht man in die schwere Luft eines kontinentalen bäuerlich-handwerkerlichen Volkstums ein, das politisch nicht zu eigener Form kam, dessen Ohnmacht im Konzert der Völker mit seiner Zersplitterung wetteiferte, und das im ganzen mehr Objekt als Subjekt der hohen Politik war. Wenn in jenen Zeiten der deutsche Name in fremden Landen respektvoll genannt wurde, dann war es um der Werte des G e i s t e s willen. Wer von den großen Geistern unserer klassischen Zeit war Prophet und Seher genug, vorauszuschauen, was aus diesem Volke im Laufe zweier oder dreier knapper Generationen werden sollte! Wer von ihnen h o f f t e auch nur auf jene Wendungen in unserem Geschick, die wir als Volk bald nahmen? Dem Briten die See, dem Franzosen das Land, dem Deutschen das Reich des Geistes: das war jene nicht etwa schmerzvoll den Tatsachen entnommene, sondern aus innerstem Bewußtsein gewertete Teilung der Erde, die Schiller in einem seiner Gedichte vor Augen hat. Freilich: das konnte der Dichter wohl nicht ahnen, daß das "Luftreich der Gedanken" der Boden sein werde, auf dem der beispiellose deutsche Aufstieg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts reifen würde. Man möge in dem trefflichen Buche: "Die deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert" selbst nachlesen, was Sombart mit großer Meisterschaft der Darstellung zu erzählen weiß von dem Leben der dritten Generation vor uns, von ihrem Schaffen und Mühen, von der Kleinheit — und so schien uns wenigstens in den reichen Tagen der Vorkriegszeit — Ärmlichkeit dieses Lebens! "Eine an Dürftigkeit grenzende Einfachheit" allerorten, in Wirtschaft und Staat, im privaten Leben und in der Gesellschaft!
Beengt, klein, dürftig blieb im ganzen genommen das Dasein unseres Volkes bis in hohe Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Gewiß, es kamen schon stärkere Impulse; im Westen und Süden regte sich industrielles Leben, das in Friedrich List den genialen Anwalt seiner Bedeutung für das ganze Volkstum fand. Aber der eigentliche Aufmarsch der deutschen Wirtschaft zu jener Stärke und Geltung, in deren Bewußtsein wir aufgewachsen sind, liegt sehr erheblich später. Noch in den sechziger Jahren hatten wir eine stärkere Getreideausfuhr als Einfuhr; erst 1873 verschwand der letzte Getreideausfuhrüberschuß, der Weizenüberschuß. Es war damals noch nicht die Konkurrenzunfähigkeit der deutschen Landwirtschaft die Ursache der Einfuhrüberschüsse bei Getreide, sondern die verstärkte Hinwendung der Landwirtschaft zum Kartoffel-, Futtermittel- und Rübenbau. Aber diese Wendung leitete eine wirtschaftliche Umwälzung ein: an der Zuckerrübe wurde eine der ersten und blühendsten deutschen Industrien wach, auf den Kartoffelböden des Ostens entstand eine landwirtschaftliche Nebenindustrie (Brennereien und Stärkefabriken) von großer Bedeutung. Im Westen und Süden entwickelte sich im Anschluß an eine alte Tradition des Gewerbefleißes eine Industrie der Textilien, des Eisens und der Kohle; sie hatte jahrzehntelang einen schweren Stand gegenüber der hochentwickelten englischen Industrie wie auch gegenüber dem französischen und belgischen Wettbewerb, der teilweise mit Ausfuhrprämien arbeitete. Aufschwungsimpulse von größter Bedeutung waren die Reichseinigung, die Kriegsentschädigung von 1870 und das gehobene Nationalgefühl, das nach dem glorreichen Kriege durch das deutsche Volk ging. Die Bevölkerung wuchs von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in starken Rhythmen, das industrielle Leben entfaltete sich, wenn auch über Wellentäler von Depressionen weg, so doch im ganzen stark und nachhaltig; die Schutzzollgesetzgebung von 1879 kräftigte jenes Doppelfundament der deutschen Wirtschaft, Industrie und Landwirtschaft gegen die vom Weltmarkt her drohenden Erschütterungen. Wenn schon in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die deutsche Industrie- und Reichtumsentfaltung den ausländischen Beobachtern so überraschend — und gestehen wir auch das, in mancher Hinsicht überstürzt und gewaltsam — vorkam, so waren das nur Auftakte zu jener ungeheuren, fast möchte man sagen: elementaren Expansion, die mit dem neuen Jahrhundert einsetzte.
Drei Züge kennzeichnen diesen neuen Abschnitt der deutschen Wirtschaftsentfaltung: das Aufschießen von Riesenbetrieben, zumal in der Kohlen- und Eisenindustrie, in der chemischen und Elektrizitätsindustrie; weiterhin der Organisationsprozeß der deutschen Wirtschaft in Gestalt von Betriebskombinationen, Kartellen, Syndikaten, Interessengemeinschaften usw.; und drittens das Vordringen der wissenschaftlich fundierten Industriewirtschaft, mit anderen Worten: der wirtschaftlichen Auswertung naturwissenschaftlicher Forschungen einerseits, andererseits des Aufbaues von Betrieben und Unternehmungen nach Methoden, die wissenschaftlich auf ihre höchste Zweckmäßigkeit ausgeklügelt sind. Während Großbetriebe, Kartelle und Truste Ergebnisse von Tendenzen sind, die alle moderne Wirtschaft in fast allen Ländern kennzeichnen, ist der Weg zur Wirtschaft über die Wissenschaft ein spezifisch deutscher Weg gewesen; seine geistigen und sittlichen Voraussetzungen lagen nur hier in der Stärke und Reinheit vor, die nötig waren, ihn zu beschreiten und zu erobern. Jedenfalls ist das Schrittmaß der deutschen Wirtschaftsentwicklung unter dem Antrieb jener neuen Organisationsformen und Produktionsmethoden so schnell, daß in seinem Gefolge schwerwiegende Erscheinungen im Inneren des deutschen Volkskörpers auftauchten. Noch schwerer wiegende nach außen!
Ein wachsendes Volk auf schmaler Rohstoffbasis! Was das wachsende Volk an Nahrung und Kleidung brauchte, konnte der deutsche Boden allein nicht hergeben; die Einfuhr mußte über eine Million Tonnen Brotgetreide und für eine Milliarde Mark (Goldmark!) Futtermittel zuschießen; dazu Milliardenbeiträge für Wolle, Baumwolle, Erze usw. Wir könnten diese wenigen Angaben noch vermehren um den Hinweis auf den stark anwachsenden Tonnengehalt unserer Handelsflotte, die Ausweise unserer Banken, die deutsche Kapitalanlage im Auslande, unsere Steuerkraft und vieles andere mehr. Doch genug der Zahlen! Sie sind heute schmerzvolle Erinnerungen. Wer sich sinnfällig den Unterschied des damaligen und des heutigen Deutschlands vergegenwärtigen will, überlege nur einen Augenblick den Wert der Mark von heute gegenüber dem der alten Goldmark. Der Unterschied redet eine Sprache, die auch der Einfältige versteht.
Und doch müssen wir noch einmal vom alten Deutschland reden, ehe wir uns dem armen Deutschland unserer Tage zuwenden, und zwar nach einer doppelten Hinsicht. Ein Volk, das keine Hoffnung mehr sieht und auf Generationen hinaus Wüstenwanderung vor sich hat, gibt sich auf. Haben wir dazu Anlaß? Wir hätten Anlaß dazu, wenn alle Wurzeln unserer Vorkriegsblüte verdorrt wären. Stellen wir fest, welches diese Wurzeln waren. 1. La n d als Grundlage von Ackerbau und Viehzucht, Land als Fundstätte von Rohstoffen und Kraftquellen, Land als räumliche Grundlage von Leben und Wohnen. Nach allen drei Richtungen haben wir schmerzvollste Verluste erlitten, aber keine, die nicht mehr oder minder zu mildern wären. 2. Die natürliche Lebenskraft der N a t i o n: Arbeitskraft, Geschlechtsverteilung, Altersaufbau, Gesundheit. Auch hier sind schwere Einbußen zu verbuchen, aber wiederum keine, die nicht auszugleichen oder zu ertragen wären. 3. K a p i t a l k r a f t, Vermögensmacht, Reichtum, "Wohlstand": hier liegt die gewaltigste Einbuße vor, diejenige auch, die am wenigsten von heute auf morgen ausgeglichen werden kann. Hier ist Anlaß, in der Tat von einer hochgradigen Verarmung zu reden. Teils ist sie eine Folge der Erschöpfung unserer Reichtumsquellen durch den Krieg, teils der Ausplünderung und Ausraubung durch den Frieden. Wenn es heute ein "Proletariervolk" im Sinne eines Volkes, das in Dürftigkeit von der Hand in den Mund lebt, gibt, dann sind w i r e s. Wir sind das Proletariervolk, auf das für Jahrzehnte hinaus ungeheuerliche Verpflichtungen gelegt sind. Wir sind ein verarmtes, ausgeraubtes Volk, das noch von seiner Hände Arbeit und von seiner Armut Fabelsummen in Gold ausgepreßt bekommt. Hier liegt der Punkt, wo die Wirtschaftslage in das allgemeine Leben des ganzen Volkes auf Jahrzehnte hinaus empfindlich einzuschneiden droht. Alle Kultur, alle Zivilisation, alle Bildung des Geistes und des Herzens, alle soziale Fürsorge, alle gute Verwaltung, alle Schaffung von Recht und Sicherheit hängt mit tausend Fäden an der Wirtschaftsblüte; sie entscheidet über das Leben ungeborener Geschlechter, und vor allem darüber, ob der junge Aufwuchs der Nation an Leib und Seele verkrüppelt und verwildert aufwächst oder nicht; sie entscheidet darüber, ob Mitteleuropa zurücksinkt in die stumpfe Dumpfheit und Stickigkeit einer geistig und physisch elenden Volksmasse, und weiterhin darüber, ob sich damit die Nachtschatten über ganz Europa senken. Denn man kann nicht das Mittelstück eines Kultur- und Zivilisationszusammenhanges mit frevlen Händen herausbrechen und sich dabei einbilden, das könnte den Anschlußstücken in Ost und West von Vorteil sein. Die wirtschaftliche Erschöpfung bei gleichzeitiger Überbürdung mit Verpflichtungen ist der Boden der schlimmsten Gegenwartsbefürchtungen; an diesem Punkte kann a l l e s fraglich werden. Ob die Befürchtungen sich verwirklichen, hängt ab von der Freiheit, die man unserer Arbeitskraft, unserer Unternehmungslust und unserem Erfindergeist im fremden Lande gewähren wird, und hängt nicht zuletzt ab von der tätigen Hilfe in Gestalt von Krediten, Rohstoffvorschüssen und vor allem Verpflichtungserleichterungen, die uns das Ausland gewährt 4. S i t t l i c h e E i g e n s c h a f t e n: Arbeitswilligkeit, Arbeitsfreude, Arbeitsdisziplin, Sparsamkeit, Genügsamkeit, Wille zum Vorwärtsstreben, Mut zum Leben. Wer will behaupten, daß diese Eigenschaften, die gewiß zeitweise getrübt und in manchen Einzelgruppen heute noch geschwächt sind, im ganzen unerträglich gelitten hätten? Nur interessierte Böswilligkeit oder Unverstand kann derartiges behaupten. Festzustellen ist wohl, daß das Maß der Leistungen nicht so stürmisch und ungezügelt ist wie früher. Aber das hat seine besonderen Gründe in schlechter Lebenshaltung, wirtschaftlichen Beengungen durch den Friedensvertrag und seine Folgen und ist übrigens zu einem Teil eine verständliche Reaktionserscheinung auf de ungeheueren Anforderungen der letztem sieben Jahre. 5. D e r d e u t s c h e S t a a t. Sicher war das alte Staatsgefüge mit seiner inneren Ordnung, seiner Stärke und Macht nach außen ein gewichtiger Hebel wirtschaftlichen Aufstiegs. Zweifellos hat die allgemeine Heerespflicht Eigenschaften geweckt und gefördert, Sachverhalte geschaffen, die der Wirtschaft zugute kamen. Was ein starker, politisch unabhängiger Kultur- und Machtstaat der Wirtschaft zu bieten vermag, weiß kein Volk besser als das deutsche. Wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, daß unser Staat von heute so schwer nach außen und innen zu tragen hat, so überbürdet ist mit Aufgaben und toten Lasten, daß ihm die Wirtschaft eher helfen muß, als er der Wirtschaft helfen kann. Das sind Folgen des Krieges und des Friedens, Folgen aber auch der gerade in Deutschland so weit verbreiteten Neigung, in allen Nöten des Lebens nach dem Staate zu rufen. Und doch ist es nicht so, wie mancher wohl gelegentlich denken möchte, als ob der Staat von heute nur eine tote Last unserer Wirtschaft sei. Auch heute lebt die Wirtschaft auf dem Boden des staatlich gesicherten Rechtes und der staatlich gewährleisteten Ordnung. Und vor jedem vorschnellen Urteil sollte man bedenken: Das Staatsgefüge in Deutschland hat eine ungeheuere Anspannung und Probe ausgehalten, ohne unterzugehen! Gewiß, es hat sich neue Formen geschaffen; es ringt in manchen Hinsichten noch mit sich selbst und den neuen Verhältnissen — aber das Wesentliche ist gesichert: im neuen Staate sind die Unterlagen des Wirtschaftslebens und die Voraussetzungen eines wirtschaftlichen Aufbaues gegeben. Es ist Aufgabe des Staates, auf seinem Gebiete der Wirtschaft aufzuhelfen; es ist Aufgabe der Wirtschaft, mit ihren Mitteln den Staat zu stützen. Die Vorstellung, es könne eines von beiden o h ne e das andere gedeihen, ist eine gefährliche Illusion.
Das ist der e i n e Blick auf das alte Reich, ein Blick, der uns vergegenwärtigen sollte, wieviel noch von den Pfeilern der alten Macht und Größe steht und Tragkraft besitzt für den Neubau. Und nun der andere Blick auf das alte Reich: wieviel von den Nöten, Sorgen und Schwierigkeiten unserer Gegenwart lagen in ihm schon mit zugrunde! Aus der Tiefe seiner Armut könnte es einem kommenden Geschlecht einmal scheinen, als ob in den glanzvollen Jahrzehnten des Kaiserreiches eitel Friede und Wohlfahrt in Deutschland geherrscht habe. Und ein Geschlecht, das in seinen Tagen die Fehden blutdürstiger Matabelestämme auf europäischem, politisch zerkleinertem Boden zu erleben glauben wird, könnte vielleicht einmal denken, der europäische Friede vor dem Kriege sei eitel Völkerfreundschaft gewesen. Solche Auffassungen haben mit der Wahrheit sehr wenig gemein. Das von jeher an Gegensätzen und Spannungen so reiche deutsche Leben hat auch unter dem zweiten Kaiserreiche den inneren Frieden nicht gefunden. Gewiß trat der alte Bruch zwischen Nord und Süd für das Bewußtsein der jungen Generationen als eine praktisch erledigte Angelegenheit, deren gefühlsmäßige Restbestände allmählich ganz erlöschen werden, zurück; auch war nach dem Einschwenken in der Kulturkampfpolitik der konfessionelle Gegensatz kein auseinanderreißendes Element mehr, soviel Kraft er im übrigen noch verschlingen mochte. Aber dafür ging der Riß der w i r t s c h a f t l i c h - s o z i a l e n G e g e n s ä t z e in Gestalt des Klassenkampfes durch unser Volk. Wie die moderne Wirtschaftsverfassung, zumal in ihrer hochgesteigerten deutschen Gestalt, Besitz und Verfügung über die Produktionsmittel von der Arbeit an ihnen trennt, so schichteten sich auch politisch und sozial die Gruppen. Hier Besitz und wirtschaftliche Machtverfügung, dort Nichtbesitz und ausführende Arbeit; hier stärkste soziale Geltung mit erhöhten politischen Rechten und Ansprüchen, dort tatsächliche soziale Mindergeltung und politische Minderberechtigung; hier die relativ dünnen Schichten, die mit Stolz Besitz und Bildung berufen konnten, dort die ungeheueren Massenheere der Arbeiterschaft, besitzlos, hungrig nach Bildung und Wissen. Das war der Sachverhalt, der den Ausgangspunkt gefährlicher innerer Spannungen abgab, der den Trennungsstrich zog durch das Volk, und der, so schien es manchmal, zwei feindliche Völker auf einem Boden und in einem Staatsverbande zusammenhielt. Wenn schon festzustellen ist, daß der schärfste Radikalismus von beiden Seiten sich allmählich abstumpfte, und wenn schon zugegeben werden muß, daß die staatliche Sozialpolitik sehr viel zur Milderung der Konflikte tat, so traf doch noch der plötzliche Kriegsausbruch in eine Spannung der Gegensätze, die nicht unbedingte Sicherheit gab, daß die Zusammenfassung aller Kräfte nach außen restlos gewährleistet, der Burgfriede nach innen gewahrt sei. — Und noch eine Frage der Vorkriegszeit ragt in unsere Gegenwart hinein, doppelt und dreifach verschärft. Es ist Tatsache, daß unser Volkswachstum, getragen von dem gigantischen Aufschwung unserer Wirtschaft, mit der Folge der Überflügelung aller übrigen europäischen Wirtschaften politisch unsere Lage erschwerte. Gegnerschaften, die das alte Deutschland von vor 1870 nie herausgefordert hatte, forderte das hochindustriell entwickelte Deutschland heraus. Verständliche Besorgnis, Machtgier und Racheinstinkte schlugen vor dem Bilde des wirtschaftlich so gewaltig sich reckenden Deutschland zur verzehrenden Flamme empor und führten Staaten zu feindlichem Bund zusammen, deren Lebensinteressen an sich gegeneinanderstanden. Es wird sich zeigen, wie die Wirtschaftslage auf die politische Konstellation heute unheilvoll nachwirkt, teils infolge des Friedens und des Londoner Ultimatums, teils als Folge unserer trotz Kriegsverlust äußerlich scheinbar intakten Wirtschaft.
Man hat gesagt, der Versailler Vertrag sei die Urkunde des neuen Europas. Unser Volk weiß und fühlt es Tag für Tag, daß er allerdings die haß- und infamiegesättigte Urkunde s e i n e s Lebens ist. Seine Einzelheiten wollen wir nicht betrachten; aber was er im gröbsten für uns bedeutet, bedarf der Skizzierung. Er raubt uns ganze Länder und Provinzen. 6,7 Millionen Hektar Fläche schneidet er in Ost und West aus dem deutschen Gebietskörper heraus. Er nimmt uns alle Kolonien. Fast 6 Millionen Menschen, von denen die Mehrzahl Deutsche sind und deutsch fühlen, spricht er mit oder ohne Abstimmung fremden Völkern zu. Außerdem werden 32 000 Quadratkilometer unseres Staatsgebietes langjähriger Besetzung und feindlichen Eingriffen unterworfen, die wiederum auf 6,5 Millionen Menschen ihr Zwangsjoch legen. Suchen wir uns zu vergegenwärtigen, was nur diese wenigen Bestimmungen des Friedensvertrages wirtschaftlich besagen. Eine Regierungsdenkschrift hat berechnet, daß ohne Berücksichtigung der Abstimmungsgebiete 14,9% unserer Ackerfläche durch die Abtretungen verloren gehen. Naturgemäß bedeutet das stärkste Einbuße an landwirtschaftlichen Erträgen, um so mehr, als die verlorenen Ostgebiete geradezu die Korn- und Kartoffelkammern des Reiches darstellten. Man hat berechnet, daß 19% der Roggenernte, je 20% der Gersten- und Kartoffelernte und teilweise noch höhere Prozentzahlen bei anderen Produkten mit der Abtretung jener Gebiete unserer Volksernährung verloren gegangen sind. Also rund ein Fünftel der deutschen Ernährungsgrundlage! Dazu der Verlust an unserem stark verminderten Viehstapel. Diese Einbußen verstärken sich dadurch, daß in jenen abgetretenen Gebieten nur 13,3% der deutschen Bevölkerung wohnten. 3,6 Millionen Menschen durchschnittlich könnten von den Ü b e r s c h ü s s e n der verlorenen Provinzen ernährt werden, wenn man jene Mehl- und Kartoffelrationen zugrunde legt, die 1920 zugeteilt wurden. Mit anderen Worten: Die Schwierigkeit der deutschen Volkswirtschaft, ihre Menschen zu ernähren, ist heute, zur Zeit ihrer allgemeinen Verarmung und Belastung, weitaus größer als in jenen reichen Tagen der Vorkriegszeit! Um so mehr, als durch den Raubbau während des Krieges die Erträge der Böden und das Schlachtgewicht unserer Viehstapel erschreckend zurückgegangen sind. Problem: bei verminderter Fläche und ab gewirtschafteten Böden die Bedarfsversorgung einer nicht im gleichen Umfange zurückgegangenen Bevölkerung zu gewährleisten. Und wir müssen noch hinzufügen: den Bedarf einer Bevölkerung, die teilweise entkräftet ist durch die mangelnde Ernährung, die 1,7 Millionen ihrer kräftigsten Männer verloren bat, die 1,5 Millionen ganz oder teilweise erwerbsunfähiger Kriegsbeschädigter zu versorgen hat, und deren Kaufkraft für die Erzeugnisse des Auslandes ins Bodenlose zusammengefallen ist. Das ist eine Bergeslast, die der Friedensvertrag auf uns wälzte; unsere landwirtschaftliche Eigenversorgung ist völlig unzureichend; an ihr und an unserem verbliebenen Wohlstand gemessen, sind wir ein übervölkertes Land.
Mancher mag geneigt sein, das nicht so tragisch zu nehmen. Er erinnert an die wachsenden Millionen der Vorkriegszeit, für die ja auch die Eigenversorgung des deutschen Bodens nicht auslangte, und tröstet sich damit, unsere I n d u s t r i e müsse den Überschuß an Menschen ernähren. Doch so einfach liegen die Dinge nicht mehr. Zunächst ist die Quote der heute auf die Industrie angewiesenen Menschen verhältnismäßig größer als damals. Und weiterhin kann die Industrie die Menschen nur dann ernähren, wenn sie 1. Ausfuhrmöglichkeiten hat, die auf G e g e n l e i s t u n g e n beruhen, und 2. wenn ihre eigene Kraft nicht gelähmt ist. Zum ersten Punkt sei in diesem Zusammenhange nur kurz bemerken, daß die geschmälerten Ausfuhrmöglichkeiten der deutschen Industrie von heute im größten Umfange o h n e Gegenleistung sind. Es sind großenteils einseitige Leistungen, die direkt oder indirekt auf Konto der Reparation laufen und in diesem Umfange tote Lasten unserer Wirtschaft darstellen, für die in Deutschland zwar Millionen fronden, von denen aber keiner leben kann. Davon abgesehen aber hat der Friedensvertrag auch die Grundlagen unserer Industrie erheblich geschmälert. Schätzungsweise ein Viertel unserer deutschen Kaliförderung ging mit Elsaß-Lothringen verloren; wichtiger als der Förderverlust ist der Verlust der Monopolstellung, die Deutschland auf dem Kalimarkte hatte. 79% unserer vor dem Kriege geförderten Eisenerze — das Rückgrat unserer Industrie und jeden industriellen Lebens — sind durch den Verlust Lothringens und den Zollausschluß Luxemburgs dahin; ungefähr 9% unserer Kohlenförderung ist, wenigstens für 15 Jahre, durch die Abtrennung des Saargebietes uns entzogen; ungefähr zwei Fünftel unserer Kohlengesamtförderung wäre verloren, wenn Oberschlesien an Polen fällt[1].
[1] Das ist inzwischen geschehen, indem der Völkerbund gerade
die industriereichen Teile Oberschlesiens Polen zusprach.
Das Ruhr-, Wurm- und mitteldeutsche Kohlengebiet ist alles, was uns verbleibt. Aber auch deren Förderung steht nicht zu unserer freien Verfügung. Der Friedensvertrag belastet uns auf in Jahre mit Lieferungen an die Entente, die sich auf über 40 Millionen Tonnen stellen. Das Spaaer Abkommen hat dann diese Phantasieforderung ermäßigt. Da uns auch die freie Verfügung über die oberschlesische Kohle seit der Besetzung des Landes genommen ist, ruht die schwere Last der Versorgung auf dem Ruhrrevier. Diesem Anfordern war weder die alte Belegschaft gewachsen, noch langten die Förder- und Verkehrseinrichtungen. Die Wirkung war eine doppelte: Es mußten die Belegschaften vermehrt und die Verkehrsmöglichkeiten gesteigert werden — was nur mit ungeheueren Opfern seitens des Reiches zu machen war (Wohnungsbauten, Löhne, Lebensmittelzuschüsse) —, und es mußten deutsche Betriebe in ihrem Kohlenverbrauche sich beschränken, oft genug gar die Arbeiter entlassen und stillliegen, weil die Zwangslieferungskohle vorgeht. Das waren zeitweise geradezu katastrophale Zustände, die an das Mark unseres industriellen Lebens rührten. Heute ist in der Tat die Rohstoffdecke zu knapp geworden, an Kohle, an Zinkerzen, an Blei usw. Heute hat der deutsche Osten noch weniger als bisher die Möglichkeit, seine Menschen festzuhalten, während das Ruhrrevier schlimmer als je bisher mit Anforderungen für die deutsche Wirtschaft aller Provinzen belastet und für deren Erfüllung mit Menschen unerwünscht dicht belegt werden muß. Das sind Verschiebungen, die unsere industrielle Basis erschüttern, uns außerstande setzen, unsere Menschen selbst zu ernähren, und die natürlich uns vorher zum Aussetzen unserer Vertragsleistungen an die Entente zwingen — mit der Wirkung umübersehbarer politischer Folgen!
Das sind nicht die einzigen Beschneidungen unseres Daseins durch den Friedensvertrag. Der Vertrag raubt das deutsche Volk mit einer Gründlichkeit und Schamlosigkeit nach allen Richtungen hin aus, in der sich Haß, Brutalität und Pharisäertum zu einer widerlichen Fratze verbinden. Kein Guthaben im Auslande, kein Schiffspark, kein Kabel, keine Ansprüche, Rechte und Privilegien, keine Patente und keine Gebrauchsmuster werden übersehen. Und um die ganze Schamlosigkeit dieses Raubzuges wird der Pharisäermantel der vergeltenden Gerechtigkeit gelegt. Alle gerechte Entrüstung ändert nichts daran, daß die wertvollen Posten unserer Wirtschaft in Gestalt von wirtschaftlichem, militärischem und maritimem Rüstzeug allesamt verloren sind, und daß die Sieger sich auf deutschem Boden und in der deutschen Wirtschaft Rechte zwangsmäßig usurpiert haben, die die an sich schon schmale Basis des deutschen Bodens und der deutschen Hoheitsrechte unerhört verengen. In richtiger Erkenntnis der Sachlage schrieb die englische Zeitschrift "Nation" vom 22. März 1919: "Es gibt Leute in und außer Europa, die, wenn sie vom Frieden sprechen, Diebstahl meinen. Sie möchten Deutschland seine Bergwerke stehlen, seine Kabel, Kanäle, Kohlen, Land, Schiffe, Kredit, Industrien, Patente, Handelsgeheimnisse; sie möchten seine Grenzsteine verschieben und seine offene Brust allen Feinden an allen Ecken und Enden preisgeben. Das wäre das Ende von Europas Zivilisation."
Gerade die letzterwähnten Verluste müssen den Versuch, durch verstärkte industrielle Tätigkeit wiederum zu Atem und Leben zu kommen, aufs stärkste gefährden. Fünf Jahre war uns der Weltmarkt entfremdet. In dieser Zeit reifte einerseits der amerikanische und japanische Weizen im Welthandel, industrialisierten sich andererseits manche Auslandsmärkte, um für jetzt und in Zukunft unabhängig zu sein von Versorgungsstörungen auf Grund europäischer Verwicklungen. Typische Beispiele: Holland und Dänemark legen sich Eisenhütten zu, Schweden baut seine Hütten- und Stahlwerke aus, Amerika entwickelt eine große Farbenindustrie, Argentinien und Brasilien bemühen sich um industrielle Selbstversorgung auf wichtigen Gebieten. Während des Krieges wurde gerade von England eine intensive Zerstörung aller deutschen Überseeinteressen vorgenommen, bis zur Vernichtung der Geschäftsbücher, der Aufstellung schwarzer Listen, des geistigen Diebstahls an deutschen Patenten und Geschäftsmethoden und vor allem bis zur Verzerrung des deutschen Antlitzes vor der Welt zur Fratze, mittels einer Lüge und Verleumdung zu systematischen Kampfmitteln erhebenden beispiellosen Hetzpropaganda. Wer will ermessen, welche Barren gerade der Raub des deutschen guten Namens dem deutschen Handel und Gewerbefleiß in der ganzen Welt bereiten muß? Wer will auf Milliarden aufzählen, was uns die raffinierte Bearbeitung der öffentlichen Meinung in aller Herren Länder durch das feindliche Kabelmonopol gekostet hat und noch kostet? Dieser Verlust des deutschen guten Namens vor aller Welt gehört sicher mit zu den schlimmsten Kriegsverlusten. Es wird unserer zähesten und unermüdlichsten Arbeit bedürfen, allmählich durch diese Berge von Verleumdung, Haß und Vorurteil zu dringen, die sich schlimmer als eine Blockade um uns legen und uns das moralische Recht und das wirtschaftliche Leben unerträglich schmälern. Hier hilft uns die doch zu offensichtige Brutalität und Ungerechtigkeit des Friedensvertrages, hier hilft uns das allmähliche Wachwerden des Anstands- und Wahrheitsempfindens in allen edlen Geistern aller Nationen. "Von nun an müssen wir uns der Aufgabe widmen, diesen Schandfleck des Versailler Vertrages von dem guten Namen Englands auszulöschen." ("Daily Herald", 10. Mai 1919.)
Bis zum 1. Mai 1921 sollte nach Bestimmung des Friedensvertrages die sogenannte Wiederherstellungssumme, die aber in der Art, wie sie berechnet wird, tatsächlich eine Kriegsentschädigung darstellt, festgelegt werden. Es ist bekannt, daß diese Summe durch das Londoner Ultimatum diktiert und die deutsche Unterschrift unter sie erpreßt wurde. Gefordert wurde vom deutschen Volke ein Gesamtbetrag von 132 Milliarden Goldmark, abzahlbar in jährlichen Raten von 2 Milliarden, zuzüglich 26% des Wertes unserer Ausfuhr in Gold, dazu Leistungen auf Grund von Ausgleichsforderungen und Besatzungskosten, deren Höhe nicht festgelegt ist, aber in die Goldmilliarden geht. Die furchtbare Last dieser jährlichen Zahlungen erstreckt sich nach den festgesetzten Verzinsungs- und Tilgungsgrundsätzen auf weit mehr als ein Menschenalter. Diese wenigen Daten umschließen die Schuldknechtschaft eines ganzen Volkes und sind von einer Härte, wie sie in aller Geschichte unerhört ist.
An der Wiege solcher Friedensbedingungen hat weder die politische noch die wirtschaftliche Vernunft gestanden. Das haben die leider so wenigen Einsichtigen in allen Ländern deutlich ausgesprochen. Auf den inneren Widersinn dieser Entschädigungsforderungen wies vor allem die englische Zeitschrift "The Nation" hin, die das Problem ganz richtig faßte: entweder zahlt Deutschland jene Unsummen, dann nur, indem es uns die Ausfuhrmärkte ruiniert und uns wirtschaftlich aufs äußerste bedrängt; oder wir unterbinden ihm unsere Märkte, dann kann es nicht zahlen. Durchaus zutreffend! Es wird ja niemand im Ernst glauben, aus dem deutschen Boden selbst ließen sich jene Summen herausstampfen, sie sind eben nur beschaffbar, wenn die deutsche Arbeit für fremde Völker sie erst hereinholt und zur Verfügung stellt. Aber auch das ist richtig: Werden de Forderungen nicht erfüllt, dann drohen politische Zwangsmittel in Gestalt von Neubesetzungen, Sanktionen, die unserer politischen Selbständigkeit den letzten Rest geben, die eine dauernde Gefährdung des europäischen Friedens sind, und die mit dem Zerbruch des Reiches enden könnten. Der Reichskanzler Wirth hat das zutreffend formuliert: "Wir kämpfen mit unserer Arbeit um unsere Freiheit als Volk und Staat."
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Das ist der furchtbare äußere Rahmen unseres Daseins. Aus ihm heben sich deutlich die Probleme heraus: Wie heilen wir im Lande selbst die furchtbaren Wunden des Krieges? Wie bringen wir die Mittel auf zur Erfüllung der ungeheueren Verpflichtungen nach außen? Welche wirtschaftlichen und sozialen Weiterwirkungen schließen sich an die Erfüllung dieser Aufgaben bzw. an den Versuch ihrer Erfüllung an?
Die Not im Lande selbst ist sehr vielgestaltig. Sie äußert sich als Gefährdung der physischen Volkskraft und Volksgesundheit und tritt im einzelnen in Erscheinung als mangelnde Ernährung weiter Kreise, Mangel an Kleidung und Wäsche, fehlende Wohnungen, ungenügende Wohnungseinrichtungen. Ein Ausdruck dieser Not sind die Sterblichkeitsstatistiken und die Ausweise der Krankenkassen. Die Ursachen dieser Not sind die Erschöpfung unseres Wohlstandes durch den Krieg, die starke Herunterwirtschaftung unseres Sachkapitals, die Aushungerung unserer Böden, die Aufzehrung der privaten Vorräte und Ausstattungen, die Leistungen an die Entente auf Grund von Waffenstillstand und Friedensvertrag, der Aufkaufshunger für alle möglichen, teilweise sehr gut entbehrlichen Auslandsgüter nach dem Kriege. Diese Aufzählung wäre ungenau, wenn sie an jenen Schädigungen des Volksvermögens vorbeiginge, die mit der Gebietsbesetzung, mit Streiks und Aussperrungen, mit böswilliger Wertvernichtung und Revolten zusammenhängen. Unleugbar haben auch einige Bestimmungen des neuen Arbeitsrechtes Schädigungen mit sich gebracht. Im großen Ganzen hat die Volkswirtschaft noch nicht jene Umschichtung der Berufe und Rückschichtung der Bevölkerung weg von den Städten erreicht, die der neuen Wirtschaftslage entsprechen: das sind weitere Quellen vielgestaltiger Not. Im weiteren darf nicht übersehen werden, daß die Auflösung des alten Heeres, von Teilen der alten Bürokratie, die Rückwanderung Deutscher aus verlorenen Gebieten und die Vernichtung vieler Rentner-, Mittelstands- und Kleinexistenzen des bürgerlichen Lebens durch Krieg und Kriegsfolgen die Schleusen der Not in weiteren Schichten geöffnet haben. Eine Denkschrift der Regierung, die für die Londoner Verhandlungen fertiggestellt wurde, beziffert das deutsche Volkseinkommen gegenwärtig auf 234 Milliarden Papiermark == ungefähr 22-23 Milliarden Goldmark. Vor dem Krieg berechnete man das Volkseinkommen auf 43 Milliarden Goldmark! Daraus ergibt sich die gewaltige Senkung des Realeinkommens des Volkes — und von diesem so geminderten Realeinkommen sollen die Leistungen an die Entente und die Steuern für Reich, Länder und Gemeinden aufgebracht werden! Hier steht die elementare Bedingung unseres Daseins als Volk und Staat vor uns: wir müssen a l l e Produktivkräfte aufs ä u ß e r s t e anspannen, um das physische Leben und die politische Freiheit zu erhalten. Unsere Existenz steht auf der Schneide der äußersten Wirtschaftsergiebigkeit. Daraus die Forderung, alle sachlichen und geistigen Voraussetzungen gesteigerter Produktivität anzuspannen, allen überflüssigen Verbrauch zu meiden.
Was brauchen wir zur Steigerung der Produktion? Zunächst natürlich Rohstoffe. Als deren Quelle kommen in Betracht die natürlichen Rohstofflagerstätten und die Landwirtschaft. Erstere sind die Kohlen- und Erzadern, die Gesteine und sonstige industriell verwertbaren Güter, die das Bodeninnere birgt. Ihnen gegenüber — als den durch Abbau erschöpfbaren Gütern — stehen die landwirtschaftlich in regelmäßiger Wiederkehr erzeugten Güter. Nach beiden Richtungen hin haben wir beträchtliche Einbußen erlitten durch Gebietsverluste, Raubbau und Belastung mit Abgaben.
Mit dem Rest muß umso schonender umgegangen werden; denn die Bodenschätze sind entweder überhaupt nicht künstlich vermehrbar, oder nur durch Mehraufwand von Arbeit und Kapital. Abbau und Anbau stehen außerdem auf der Spitze der Rentabilität. Wenn wir schon vor dem Kriege eine starke Einfuhr von Erzen, Kohle und Ölen hatten, von Nahrungsmitteln, Futtermitteln, Textilien und Rohstoffen aller Art, so können wir sie heute noch viel weniger entbehren. Wir brauchen die Einfuhr, weil das Ausland vielfach ergiebigere Fundstätten und Böden hat und daher billiger liefert. Wir brauchen sie, weil sie Bestandteil neuer Ausfuhr werden, nachdem sie durch deutsche Arbeit zu fertigen Produkten veredelt sind. Im Grade der Einfuhr verschulden wir uns; aber diese Verschuldung ist so lange unbedenklich, als ihr deutsche Gegenleistungen in Gestalt rentabler Ausfuhr gegenüberstehen. Unvermeidlich ist, daß große Einfuhrposten für de Deckung des notwendigen, seit dem Kriege so stark vernachlässigten Eigenbedarfs des deutschen Volkes hereinkommen. Das bedeutet zunächst eine Belastung der Zahlungsbilanz oder eine Verschuldung durch Kredite; in jedem Falle müssen auch diese Beträge durch Ausfuhr oder durch andere geldwerte Gegenleistungen gedeckt werden, entweder aus laufenden Wirtschaftserträgen oder aus der Substanz des Volksvermögens. Wenn einsichtige Wirtschaftspolitiker schon vor dem Kriege den starken Materialverbrauch beklagten, die Zerstörung lebendiger menschlicher Arbeit durch ein unwirtschaftliches Vergeuden von Rohstoffen, so gilt das heute natürlich zehnfach. Rohstoffe sind kristallisierte Arbeitsstunden, Arbeit ist unser wertvollstes Kapital. Fahrlässigkeit, Böswilligkeit und Unverstand zerstören nach einem Worte Friedrich Naumanns mehr als Feuersbrunst und Überschwemmung. Dieses Gebot wirtschaftlichster Rohstoffverwertung hat zwei Seiten: das Haushalten mit dem Material der M e n g e und der G ü t e nach. Wer verwaltet unsere Rohstoffe? Drei große Stoffverbraucher kennen wir: die Betriebe in Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft, die Haushaltungen und die öffentlichen Verbände. Bezüglich der Haushaltungen ist ohne weiteres klar: vom Geschick vorwiegend der deutschen Hausfrau hängt es ab, wie mit den Verbrauchsgütern gewirtschaftet wird. Das ist teilweise eine Erziehungsfrage. Wie viele Hausfrauen haben sich je über zweckmäßige Stoffverwendung Gedanken gemacht? Tausende von Frauen, nicht nur aus Arbeiterkreisen, verwirtschaften ohne Ahnung von den Folgen ihres Ungeschickes Milliardenwerte. Das ist teilweise auch eine Folge der Frauenberufsarbeit. Wer die Verhältnisse in den Arbeiterfamilien der Industriereviere kennt, weiß, daß die erwerbstätige Frau die kürzesten Methoden der Haushaltsführung vorzieht und vielfach gerade wegen ihrer Berufstätigkeit vorziehen muß. Neben den Schäden, die die Frauenberufsarbeit für das Familienleben und die Erziehung mit sich bringt, liegen in der unwirtschaftlichen Stoffverwendung bedenkliche volkswirtschaftliche Seiten der Frauenberufsarbeit. Was die Materialverwertung der öffentlichen Verbände anlangt, so hat die Kriegszeit dort in erschreckendem Maße gezeigt, wie wenig hier den Anforderungen einer vernünftigen Bewirtschaftung Rechnung getragen wurde. Die bureaumäßige Verwaltung von öffentlichen Betrieben und Verbrauchseinrichtungen hat eben nicht jene Motive zum sparsamen Haushalten und jene scharfen Kontrollmöglichkeiten, die die Privatunternehmung hat. Dem rein verwaltungsmäßig gerichteten Sinn fehlt vielfach die Einsicht in die wirtschaftliche Bedeutung sparsamster Materialverwertung. Aber selbst in der privaten Unternehmung sind nicht ohne weiteres die Garantien für sparsame und zweckmäßige Rohstoffverwendung gegeben. Zwar drängt das Interesse der Unternehmung am möglichst hohen Geldertrag auf äußerste Zweckmäßigkeit und Ergiebigkeit in der Verwendung aller Produktionselemente; aber hier ist es wiederum eine Frage der Erziehung und der Einsicht der Arbeitskräfte, ob sie mit den ihnen anvertrauten Wirtschaftsgütern möglichst schonend umgehen. Keine Aufsicht kann das eigene Mitbesorgtsein der Arbeiter ersetzen. Dieses Mitbesorgtsein zu wecken und zu erhalten, ist großenteils eine Sache der Erziehung, des Verantwortungs- und Gemeingefühls und der Einsicht. Hier mündet die Aufgabe des Rohstoffschutzes unmittelbar in ethische und soziale Voraussetzungen. Die zweckmäßige Rohstoffverwendung in der privaten Unternehmung ist gleichzeitig eine Frage der Betriebsgröße, der Betriebsorganisation und der Produktionsweise. Die objektiv stärkste Möglichkeit wirtschaftlicher Produktion hat der kombinierte Großbetrieb, der sich in der Produktion einstellt auf normalisierte und typisierte Erzeugnisse. Wieviel nach dieser Richtung in Deutschland noch fehlt, beweisen die Klagen führender Industrieller und zünftiger Volkswirte.
Rohstoffökonomie ist also Haushalten mit den Unterlagen unseres Daseins. Neben der Verfügung unserer Sachgüter ist die wichtigste dieser Unterlagen die l e b e n d i g e A r b e i t s k r a f t. Das volkswirtschaftliche Ziel hat Rathenau in Anbetracht unserer Lage einmal dahin zusammengefaßt: "Es ist nötig, ...den Wirkungsgrad menschlicher Arbeit so zu steigern, daß eine verdoppelte Produktion die Belastung zu tragen vermag und dennoch ihre Hilfskräfte besser entlohnt und versorgt werden." Das ist durchaus richtig. Wenn das Kapital, mit dem wir neu anfangen, im wesentlichen unsere Arbeit ist, dann muß mit dieser Arbeit sparsam umgegangen werden. Sie darf nicht vergeudet werden durch Produktion von entbehrlichen Gütern, sie darf nicht durch Raubbau abgewirtschaftet werden. Es müssen alle technischen, organisatorischen und sozialen Voraussetzungen geschaffen werden, um die möglichst große Produktionssteigerung durch möglichst sparsamen Arbeitsaufwand zu erreichen. Auch hier wieder die Voraussetzung: Bildung und Erziehung der heranwachsenden Geschlechter, Erfüllung mit Einsicht in den Ernst der Verantwortung für das Ganze, Abwehr aller Neigung zu einem resignierten Versinken in die stumpfe Fron für den laufenden Tag.
Diese Aufrechterhaltung unserer Arbeitskultur und Wirtschaftshöhe ist wiederum gebunden an stoffliche Unterlagen, nämlich an den ausreichenden S u b s i s t e n z f o n d s der Nation. Man spricht gewöhnlich davon, es müsse genügend "Kapital" vorhanden sein, um die Arbeits- und Wirtschaftskultur wie übrigens die Gesamtkultur des ganzen Volkes, die ja immer irgendwie an sachliche Unterlagen gebunden ist, zu erhalten. Die Quelle dieses Kapitals aber ist die Differenz zwischen Volkseinkommen und Verbrauch, mit anderen Worten: das nichtverbrauchte "ersparte" Volkseinkommen. Von zwei Seiten her kann diese Kapitalbildung gefördert werden: von der Erhöhung des Volkseinkommens durch erhöhte Produktion und von der Minderung des Verbrauches her. Unsere Lage zwingt uns, beide Wege zu beschreiten: die Produktion aufs äußerste zu steigern, den Verbrauch an allem Entbehrlichen möglichst zurückzudrängen. Das wird für Jahrzehnte unser Schicksal sein, ein Schicksal, dessen Härte nur dadurch erträglich ist, daß es uns die Aussicht gibt, die Einheit des Reiches und des Volkes durch alle Fährlichkeiten des verlorenen Krieges und des Friedens hindurch zu retten. Die besondere Schwierigkeit unserer Kapitalneubildung liegt darin, daß sie mit ungewöhnlichen Belastungen zu rechnen hat. Die Belastungen bestehen in den geschilderten Zahlungsverpflichtungen gegenüber der Entente, in der gewaltigen Steuerlast, in der ungünstigen Entwicklung des Außenhandels (der im vergangenen Jahre mit zweieinhalb Goldmilliarden p a s s i v war!), ferner in der Ungunst der Einkommensverteilung.
Bei sotanen Dingen ist alles, was unsere Wirtschaftserträge erhöht, eine Daseinserleichterung, eine neue Gewähr unseres physischen und kulturellen Lebens. Das gilt für alle Seiten unserer Wirtschaft, für Landwirtschaft, Gewerbe, Industrie und Verkehr. In der Landwirtschaft zumal spielt es eine besondere Rolle. Hier sind die Erträge gegenüber der Vorkriegszeit sehr stark gesunken, hier ist außerdem die Quelle unseres dringendsten Bedarfes, der Ernährung. Das landwirtschaftliche Betriebskapital ist während des Krieges scharf heruntergewirtschaftet worden, es bedarf jetzt der Erneuerung. Kredite müssen der Landwirtschaft zufließen, die sie im Kriege glaubte abstoßen zu können oder nicht mehr zu benötigen. Durch Düngemittel aller Art, durch Meliorationen, durch Maschinen müssen die Böden wieder in den alten hochgepflegten Zustand gebracht werden. Der Viehstapel muß ergänzt werden. Das landwirtschaftliche Bildungswesen darf um keinen Preis vernachlässigt werden. Was uns diese Forderungen erheben läßt, ist die einfache Tatsache, daß der stark abgewirtschaftete Zustand der Landwirtschaft im Interesse der Allgemeinheit, des Staates, des Volkes in Stadt und Land und nicht zuletzt auch des Fiskus saniert werden muß, ehe er wiederum ein tragender Pfeiler unserer Wirtschaftsblüte werden kann. Erst bei solcher Intensivierung der landwirtschaftlichen Erzeugung besteht die Aussicht, daß der Strom von Menschen, welcher im Gefolge des Krieges den Städten zugeflutet ist und dort die Not vermehrt, wiederum vom Lande aufgenommen werden kann. Wie bedeutsam eine solche Rückwanderung ist, ergibt sich ohne weiteres; sie entlastet den Arbeitsmarkt, entlastet den Fiskus von der Erwerbslosenfürsorge, sie entlastet die städtische Fürsorge, sie mildert die Schärfe unserer sozialen Not und sie beseitigt jenes Übel, das schon vor dem Kriege auf dem Lande vielfach anzutreffen war, nämlich die Leutenot.
Wenn die wesentliche Aufgabe der deutschen Landwirtschaft darin besteht, in möglichst weitem Umgange den Nahrungsbedarf unseres Volkes zu erstellen, so hat die Industrie demgegenüber eine verwickeltere Aufgabe. Sie soll einesteils den starken Verbrauch an Industrieerzeugnissen decken, den das Inland hat; sie soll aber andererseits die Grundbedingung unseres Daseins gewährleisten, nämlich die aktive Zahlungsbilanz. Deren Hauptbestandteil war von jeher die Handelsbilanz, das heißt das Wertverhältnis der Wareneinfuhr zur Warenausfuhr. Heute sind die anderen Bestandteile der deutschen Zahlungsbilanz ungefähr auf den Nullpunkt reduziert; wir haben keine Gewinne mehr aus Frachten für das Ausland, unsere Erträgnisse aus der Kapitalanlage im Auslande sind mitsamt den Kapitalien fast ganz verloren, unsere Gewinne aus Vermittlung und Versicherung für fremde Völker sind dahin. Nach all diesen Richtungen haben wir nur noch Passiva. Und trotzdem besteht unabweisbar das Ziel: Herstellung einer aktiven Zahlungsbilanz! Die Handelsbilanz muß die dazu erforderlichen Wertüberschüsse der Ausfuhr über die Einfuhr erbringen. Wir müssen, ob wir wollen oder nicht, Exportwirtschaft treiben. Unsere landwirtschaftlichen Erzeugnisse brauchen wir selbst, also kann der Überschuß der Ausfuhr über die Einfuhr im großen ganzen nur industriell erwirkt werden. Zwei Gesichtspunkte sind entscheidend: die Ausfuhrfähigkeit unserer Industrie einerseits, die Aufnahmefähigkeit und Aufnahmewilligkeit der fremden Märkte andererseits. Was zunächst die Ausfuhrfähigkeit unserer Industrie anlangt, so ist sie teils eine Frage des Preiskurants, das heißt: des billigeren deutschen Angebots, teils ein Produktionsproblem: Haben wir Güter, die das Ausland unbedingt erwerben will? Haben wir Überschüsse, die für die ausländische Nachfrage zu Gebote stehen? Bezüglich der ersten Frage ist festzustellen, daß manche Tatsachen uns günstige Aussichten im Wettbewerb bieten. Der Wert des deutschen Geldes, gemessen am Gelde der ausländischen maßgebenden Gläubigerstaaten, steht sehr tief. Niedrige Wechselkurse aber bedeuten eine Prämie und einen Anreiz für die Ausfuhr. Unsere Lebenshaltung ist relativ weniger reich und kostspielig wie die der fremden Konkurrenzwirtschaften. Die Arbeitsfähigkeit und Arbeitswilligkeit unserer Bevölkerung hat sich vergleichsweise schneller erholt als die der meisten anderen Völker. Außerdem waren deutsche Waren im allgemeinen so wohl beleumundet in der ganzen Welt, daß Nachfrage nach ihnen ohne weiteres wahrscheinlich ist. Aber übersehen wir nicht die Hemmungen unserer Überlegenheit im Preisgebot! Wir mußten unsere Industrie viel eingreifender als die anderen kriegführenden Nationen auf einen neuen Friedensstand umstellen; technisch und organisatorisch ist diese Aufgabe schnell und glänzend gelöst worden, aber sie verschlang viele Arbeitskräfte und viele Kapitalien. Manche Industrien hatten im Laufe des Krieges Schulden in fremder Währung aufgenommen; der rapide Fall des deutschen Geldwertes steigerte den Belauf der Schulden ins Phantastische und bewirkte neue Kosten der Abdeckung oder Umwandlung. Die rastlose Anstrengung der Kriegsarbeit hat in vielen Industrien keine Kräfte und keine Zeit frei gelassen zu Reparaturen, Materialergänzungen, Erneuerung des Sachkapitals; das mußte alles nachgeholt werden. In den Zeiten der Umwälzung nach dem Kriege häufen sich die Streiks, die Wertzerstörungen, die Lohnforderungen; das Arbeitstempo ließ nach; all das erscheint als Produktionskosten wiederum im Warenpreis. Und nicht zuletzt legt die Steuergesetzgebung der Industrie ungeheuere Lasten auf, die natürlich Preissteigerungen im Gefolge haben. Der gewaltige Anreiz zu großen Gewinnen, der nach dem Kriege im Abverkauf von Betriebseinrichtungen und in der Angleichung der Inlandspreise an den Weltmarkt lag, wirkte sich auch in den gestiegenen Preisen aus. Nicht zuletzt bot der Warenmangel des erschöpften Inlandsverbrauchs die Möglichkeit, unter dem Anreiz des Dividendenhungers den Preisstand scharf zu erhöhen. Auch die Verteuerung der Produktion durch die Einfuhr fremder Rohstoffe und durch das damit verbundene starke Valutarisiko wirken in die Richtung steigender Preise. Nach einer Periode grenzenloser Schleuderverkäufe ins Ausland, die direkt nach dem Kriege einsetzte, kam die Gegenwirkung: die Preishöhe vieler deutscher Industrieprodukte lag zeitweise über den entsprechenden Auslandspreisen. Die Folge davon war stockende Ausfuhr, das heißt Gefährdung des Zieles der aktiven Handelsbilanz. Im ganzen hat der Druck auf unsere Wechselkurse dafür gesorgt, daß die Ausfuhrprämie nicht verschwand. Aber wie prekär die Sachlage ist, zeigt sich regelmäßig bei selbst geringfügigen Steigerungen unserer Wechselkurse: es setzt in diesen Fällen eine Stockung der Ausfuhr und eine Steigerung der Einfuhr ein, also ein ganz bedenklicher Sachverhalt. Der hin- und hergehende Wertstand des deutschen Geldes gefährdet für den deutschen Unternehmer alle Grundlagen der Kalkulation, bringt ein spekulatives Moment in die ganze Wirtschaft hinein und wirft uns aus einer Periode der Schleuderverkäufe und der stockenden Rohstoffeinfuhr in die andere stockender Ausfuhr und der Überschwemmung mit Auslandsware. Das Verlangen, den Urheber dieser Zustände, nämlich den wilden Wechselkurs, zu binden, ist ebensooft erhoben wie als zunächst aussichtslos abgelehnt worden. Deutschland ist ohne Unterstützung der kapitalsstarken Gläubigerstaaten völlig außerstande, eine solche Festlegung des Wechselkurses vorzunehmen. Nur mit Hilfe ganz gewaltiger Kredite und einer vorläufig noch sehr unwahrscheinlichen vernünftigen Gebahrung der Entente in der Reparationsfrage könnten stabile Wechselkurse eingerichtet und durchgehalten werden.
So steht es um die Aussichten der deutschen Industrie im internationalen Preiskampf! Eine andere Frage ist die, ob wir Güter haben, die das Ausland unbekümmert um den Preis haben muß oder haben will. Das gilt gewiß bei einer Anzahl von hochwertigen Erzeugnissen, zumal der chemischen, optischen und elektrotechnischen Industrie; es gilt auch in einigem Umfang für Kali. Aber auf eine Anzahl solcher Erzeugnisse hat der Friedensvertrag die Hand gelegt und sie uns in großen Mengen auf "Reparation" abgefordert. Andererseits sind manche Erzeugnisse, für die Deutschland vor dem Kriege einen unbestrittenen Markt besaß, in der Zwischenzeit von fremden Industrien aufgegriffen und hergestellt worden. Immerhin hat auch heute noch ein gewisses Marktgebiet starken Druck und starke Neigung zum Verbrauch deutscher Produkte. Und nun die weitere Frage, haben wir Überschüsse frei für die Ausfuhr? Wir rechnen nicht in diese Überschüsse dasjenige hinein, was auf Reparationsrechnung zwangsweise geliefert werden muß. Diese Posten tragen zur Aktivierung der Handelsbilanz nichts bei, so beträchtlich sie an Wert sein mögen. Im Gegenteil, sie verschlechtern unsere Bilanz, denn soweit ausländische Rohstoffe und ausländische Arbeit direkt oder indirekt in ihnen kristallisiert sind, müssen sie erst mit teuren Kosten angeworben werden. Sehen wir also von dieser Art Ausfuhr ab, so fällt zunächst auf, daß bestimmte Industrien ihre Ausfuhrüberschüsse verloren oder stark gemindert haben. Das gilt für bedeutsame Industrien landwirtschaftlicher Rohstoffverarbeitung, beispielsweise für die Zuckerindustrie, deren Ausfuhr früher mehrere hundert Millionen Goldmark einbrachte; es gilt ebenso für die Branntweinindustrie. Es gilt aber auch für die Kohlenausfuhr. In die gleiche Richtung wirkt das zollpolitische "Loch im Westen", das uns den Warenüberdruck der fremden Märkte vielfach auf Schleichwegen in unser Land pumpt, deutsche Industrien, besonders im besetzten Gebiete, lahmlegt und uns mit einer Sorte Einfuhrwaren beglückt, die nach dem Stande unserer Verarmung besser draußen blieben. Der Verlust von Industrien im abgetretenen Gebiet, die Materiallieferungen an die Entente auf Grund des Waffenstillstandes und des Friedens, die starke Beschäftigung für den Aufbau der Eigenwirtschaft und der Rückgang der Leistungen an Menge und Güte, die Stillegung mancher Betriebe bringen erhebliche Minderungen der Überschüsse mit sich. Die Ausfuhrabgaben, die Kontrolle der Ausfuhr und die Unübersichtlichkeit der fremden Absatzgebiete infolge des Abbruches alter eingefahrener Wirtschaftsbeziehungen wirken in die gleiche Richtung.
So weit die Ausfuhrfähigkeit der deutschen Industrie. Und nun die andere Seite: die A u f n a h m e f ä h i g k e i t und A u f n a h m e w i l l i g k e i t des Auslandes! Hier sind Anreizmomente für den Bezug deutscher Produkte vorhanden: ihre Billigkeit, ihre Güte, ihre teilweise Monopolstellung. Aber lassen wir die Gegentendenzen nicht aus dem Auge. Der Krieg wäre für England verloren, wenn er nicht mit einer Zurückwerfung der deutschen Industrieausfuhr endigte. England hat im Kriege Zeit gehabt, unsere Auslandsmärkte zu verwüsten, viele Neutrale haben sich auf den englischen und amerikanischen Lieferanten umgestellt, haben sich auf einzelnen Marktgebieten unabhängig gemacht. Die meisten Länder haben ihre Zölle erhöht, manche Länder haben zum Schutz ihrer eigenen Produktion zu sehr drastischen Abwehrmitteln gegen die fremde Einfuhr gegriffen. In den ehemals feindlichen Ländern sorgt der mit Leidenschaft geschürte Nationalismus dafür, daß der deutschen Ware die Wege weithin versperrt werden. Manche Rohstoffländer sind während des Krieges zur Verarbeitung übergegangen und spüren geringe Neigung, ihre mit Opfern großgezogene Verarbeitungsindustrie durch Ausfuhr von Rohstoffen der fremden Konkurrenz auszusetzen. Die ganze Welt ist beträchtlich ärmer geworden und hat ihren Verbrauch auf einen tieferen Durchschnittsstand setzen müssen. Die Erwerbslosenheere sind heute eine internationale Erscheinung und erschweren die Rückhehr in die Bahnen des offenen, freien Welthandels, selbst wenn die maßgebenden Kreise den Willen dazu hätten. Die Neigung, nur solche Erzeugnisse auszuführen, in denen hochwertige Arbeit verkörpert ist, hat starke Antriebe erhalten mit der Wirkung, daß unsere Waren, deren Güte und Art geradezu auf der stark konzentrierten Arbeit aufgebaut war, verschärftem Wettbewerb begegnen. So ist es erklärlich, daß in der Ausfuhr verhältnismäßig starke Rohstoff- und Halbfabrikatposten anzutreffen sind. Die Gefahr lauert im Hintergrunde: ein Sinken unseres gewerblichen Könnens, unserer Wirtschaftskraft dem Auslande gegenüber, sinkende Lebenshaltung, sinkende Kultur, sinkende politische Bedeutung. Das scheint weit ausgeholt, ist aber drohender Ernst. Der Rückfall auf vorwiegende Rohstoff- und Halbfabrikatausfuhr könnte uns auf ein enges kontinentales Dasein zurückwerfen.
Man muß die großen Linien ins Auge fassen, um diesem Pessimismus nicht zu erliegen. Gewiß, wir vertrauen auf die unversiegliche Lebenskraft unseres Volkes, auf seinen Unternehmungsmut, auf seine hohe Geistigkeit. Aber ein Faktor von ebenso großer Bedeutung ist die Herzlage Deutschlands inmitten des Kontinents. Wir sind die Durchfahrtsstraße von Ost nach West, von der Atlantis zum Baltischen Meer; wir sind das Zwischenglied zwischen Westeuropa und dem Osten, das wirtschaftliche Glacis Englands und Amerikas, dessen industrielles Leben immer noch im Osten, zur Atlantis staut, und nicht im Westen! — nach Mittel- und Osteuropa. Man hat im Haß des Krieges und im Rausch des Sieges geglaubt, uns durch neue Handelswege, deren Linien um uns herum zu legen seien, aus dem großcn Zuge des internationalen Verkehrs auskapseln zu können, ein Versuch, der keine geringere Bedeutung hat, als uns wirtschaftspolitisch aus der Herzlage Europas an seinen Rand zu drängen. Aber beim Versuch ist es geblieben. Wenn der Osten wieder für ruhige wirtschaftliche Entwicklung Sinn und Zeit hat — und das wird auch einmal wieder der Fall sein —, dann ist Deutschland das Mittelstück Europas; und die vollen Vorteile dieser Lage werden ihm zugute kommen u n t e r d e r V o r a u s s e t z u n g, daß es sich nicht selbst ausschaltet und daß es politisch selbständig bleibt. Der industrielle Bedarf von Ost und Südost stößt irgendwie immer zunächst auf uns, und den Valuten jener Länder gegenüber sind wir trotz aller Hemmungen anderer Art leistungsfähiger als die valutastarken Industrieländer. Hier im Osten und Südosten erschließen sich unserer wirtschaftlichen Pioniertätigkeit neue Kontinente, reiche Rohstoffgebiete. Wenn sie mit Vernunft und in weitherziger Berücksichtigung der Interessen jener Länder und Völker selbst ausgebaut werden, so eröffnet sich eine neue Zukunft für die deutsche Wirtschaft. Für die Richtigkeit dieser Erwägungen spricht die Tatsache, daß fremde Kapitalien in großem Umfange die deutsche Industrie befruchten, zeigt das handelspolitische Interesse, das allenthalben in der Welt für unsere Wirtschaft besteht. Sorgen wir dafür, daß dieses Interesse kein Interesse der "Pleitegeier" an der Ausschlachtung eines alten soliden, ehemals blühenden Handelshauses wird! Das ist nur dann möglich, wenn wir alle Kräfte anspannen, die politische Freiheit und die Einheit des Reiches zu bewahren. Wenn das Mittel dazu die angestrengte Arbeit des ganzen Volkes ist, gut! so müssen wir sie auf uns nehmen. Vor dem Kriege war es die freie, gesunde Kraft eines stark wachsenden Volkes, wagender Kaufleute und Unternehmer, die uns den Weg in die Weltwirtschaft gehen hieß; heute ist es der Kampf um Freiheit und Einheit!
Dieser Weg hat gewiß seine Gefahren. Die Hoffnung der Entente auf bare Zahlungen und Naturalleistungen hat uns wider alle wirtschaftliche Vernunft in die Kette der Diktate geschlagen. Heute zeigen sich die Folgen: Wenn wir zahlen wollen, müssen wir erst verdienen; wenn wir aber verdienen wollen, müssen wir erst die fremden Märkte aufsuchen. Unsere Ausfuhr aber und die Devisenaufkäufe zum Zwecke der Zahlung beginnen heute schon, unseren Gegnern empfindliche Wirtschaftsstörungen zu bereiten. Da taucht die Sphinx der Zukunft auf: Die Entente hat in Hinsicht auf das Friedensdiktat ein zweiseitiges Interesse: ein Gläubigerinteresse und ein Produzenteninteresse. Diese beiden Interessen stehen in Widerspruch. Beispielsweise: Wenn wir die im Friedensvertrag auferlegten 200 000 Tonnen Schiffsraum für England bauen, dann liegen die englischen Werften still, und die Arbeitskräfte müssen entlassen werden. Wenn wir die zwangsweise Kohlenlieferung durchführen, dann feiert der englische Bergarbeiter, oder er streikt, weil der Rückgang der Kohlenpreise die englischen Bergherren zwingt, die Löhne zu senken. Diese Gegensätze sind heute klar herausgearbeitet. Man faßt sie nur nicht grundsätzlich an, sondern versucht mit einer Politik der kleinen Mittel sich an ihnen vorbeizudrücken. Eines Tages aber wird die Härte der Gegensätze ihre Lösung verlangen. Entweder man saugt uns aus durch bare Zahlungen, dann müssen wir die Märkte mit allen Mitteln erobern und das feindliche Produzenteninteresse schädigen; oder man verwehrt uns die Märkte, dann können wir nicht zahlen, und das feindliche Gläubigerinteresse ist getroffen. Auf diesem Punkte laufen sich die Diktate tot an den wirtschaftlich unausweichbaren Zusammenhängen. Was soll dann geschehen? Das stärkere Gläubigerinteresse liegt bei Frankreich, das den geringeren Industrialismus und den stärksten Anteil an unseren Zwangszahlungen (52%) hat; das stärkere Produzenteninteresse liegt bei England, das den gesteigerten Industrialismus und den geringeren Anteil (22%) an unseren baren Leistungen hat. Welches Interesse wird durchdringen, das französische Gläubiger- (Rentner-) Interesse oder das englische Produzenten- (Arbeiter-) Interesse? Hier eröffnen sich Entscheidungen, die für unser Schicksal unerhört wichtig sind. Zu einem Teil haben wir es in der Hand, sie zu beeinflussen. Unser Interesse kann nicht mit Frankreich gehen, solange Frankreich in uns ein Beutestück sieht, eine politische Masse, deren Liquidation nicht brutal genug betrieben werden kann. Wir stehen wieder an dem Kreuzungspunkt — nur mit viel schlechterem Einsatz —, an dem wir schon einmal standen, den wir damals aber in seiner Tragweite nicht genügend begriffen: vor der Steuerung des Kurses ins englisch-deutsche Einvernehmen, oder — auf noch weiteren Aspekt gestellt — vor der Steuerung des Kurses in das anglosächsisch-deutsche Einvernehmen. Oder welcher andere Weg sollte noch offen sein? Auf die russische Karte jetzt schon zu setzen, erscheint verfrüht; außerdem kann bei unserer Kapitalschwäche und der starken Interessierung der anglosächsischen Wirtschaftsmacht an Rußland diese russische Karte nur im Rahmen einer deutsch-anglosächsischen Verständigung geschlagen werden.
Verschiedentlich mußten wir darauf hinweisen, daß unsere politische Freiheit in den schmalen Resten, in denen sie überhaupt noch besteht, auf der Schneide der Erfüllung von Diktaten steht. Diese Erfüllung aber ist ein fiskalisches Problem, eine Frage des Steueraufkommens des ganzen Volkes. Die Steuerleistung aber ist letzten Endes eine Frage der Wirtschaftskraft. Das Elend der deutschen Wirtschaft aber spiegelt sich im Elend der deutschen Finanzen. Das Elend der Finanzen ist nun nicht erst eine Erscheinung von heute; seit 1876 hat das Reich so ziemlich fortwährend in Finanzverlegenheiten gelebt. Ein Hauptgrund dafür war der Aufbau des Reichsfinanzwesens und hier besonders die Verteilung der Steuerkompetenzen zwischen Reich und Bundesstaaten. Das Reich hat eine Steuerdomäne, die fast ausschließlich aus indirekten Abgaben und aus Zöllen bestand. Die direkten Steuern, das Rückgrat jeder gesunden Finanzwirtschaft, lagen unter Verschluß der Einzelstaaten und wurden von ihnen eifersüchtig gehütet. Die Einkünfte des Reiches aus Betriebsverwaltungen waren recht geringfügig im Verhältnis zu dem, was die großen Bundesstaaten aus ihrem Staatsbesitz zogen. Das war eine verhängnisvolle Fehlkonstruktion der Reichsfinanzen. Im Frieden war sie deswegen noch erträglich, weil das Reich doch bekam, was es brauchte, nur sehr umständlich, unter großer Erregung der öffentlichen Meinung und nicht immer sehr zweckmäßig.
Die v e r h e e r e n d e Wirkung dieser Fehlkonstruktion zeigte erst der Krieg. Die Folge der Verteilung der Steuerkompetenzen nach der alten Reichsverfassung war die, daß das R e i c h, der Träger der H a u p t l a s t des Krieges, die d ü r f t i g s t e n und r ü c k l ä u f i g s t e n E i n n a h m e q u e l l e n besaß, während die Bundesstaaten, die die Last des Krieges ja gar nicht zu tragen hatten, die ertragreichsten und stabilsten Steuerquellen unter Verschluß hatten. Die Abneigung, eine entschlossene starke Kriegssteuerpolitik nach englischem Muster einzurichten, ließ nur den einen Ausweg: den Krieg mit S c h u l d e n zu führen. Was an Kriegssteuern dann seit 1916 kam, kam zu spät und zu zaghaft. Man rechnete im Grunde immer nur mit dem siegreichen Ausgang des Krieges, wollte auch die Durchhaltestimmung im Volke nicht gefährden, fürchtete sich vor dem Wachwerden alter Parteigegensätze; kurz und gut, man finanzierte den Krieg mit Schulden. Das Resultat war: steigende Schulden des Reiches, steigende Inflation, sinkende Wechselkurse, steigende Löhne und Warenpreise, steigende Kosten der Kriegsführung, steigende Reichsverschuldung, neues Sinken der Wechselkurse, neues Steigen der Löhne und Warenpreise und so fort. Eine Schraube ohne Ende, oder vielmehr eine Schraube mit einem sehr dicken Ende: Reichsüberschuldung, Wohlstandsvernichtung breitester Kreise, goldene Zeit für alle Schieber, schwerste Not in breitesten Kreisen, Verschärfung der sozialen Gegensätze, schleichende Enteignung gerade der Kreise, die vor und im Kriege dem Staate Kredit gegeben hatten. Eine beispiellose Umschichtung der Vermögen ist vor sich gegangen, und die staatliche Finanzpolitik hat ihr ebensowenig wie die Wuchergesetzgebung zu steuern vermocht.
Zur Verdeutlichung des Bildes seien einige Zahlen angegeben. Die Reichsschuld betrug vor dem Kriege 5,4 Milliarden Mark; sie bezifferte sich September 1918 auf 133,4 Milliarden, September 1919 170,9 Milliarden, September 1920 283,7 Milliarden. Die schwebende Schuld des Reiches betrug am 31. Juli 1914 300 Millionen Mark Schatzanweisungen; sie stieg bis Dezember 1918 auf 55,1 Milliarden und endete am 30. Juni 1921 mit 214,2 Milliarden. Der Umlauf an Banknoten gravitierte vor dem Kriege um 1,5 Milliarden, dazu kamen vergleichsweise geringe Beträge an umlaufenden Reichskassenscheinen. Der Umlauf an Noten betrug nach dem Ausweis vom 11. August 1921 77,6547 Milliarden; zu dieser ungeheueren Papierzettelschuld kommt noch ein Umlauf an Darlehenskassenscheinen von rund 8,22 Milliarden. Daß zur selben Zeit der Wert des deutschen Geldes gegenüber dem ausländischen vollvaluten Geld ins Abgrundtiefe gestürzt ist, ist nicht verwunderlich. Während vor dem Kriege 100 holländische Gulden rund 169 Mark kosteten, kosteten sie am 12. August 1921 rund 2560 Mark[1]. Diese Zahlen genügen zur Illustration. Sie erhalten erst ihr volles Relief, wenn man die Zwangsleistungen an die Entente noch hinzurechnet.
[1] Seit Abschluß des Aufsatzes haben sich die Verhältnisse
wesentlich ungünstiger entwickelt. Der Guldenkurs steht
im Dezember 1921 nahe an 7000, der Umlauf an Geldzeichen
hat die hundertste Milliarde längst hinter sich
gelassen!
Das ist die Sachlage, der sich der Fiskus gegenübersah. Sie erforderte Finanzreformen allergrößten Stiles. Wir befinden uns seit Kriegsende zwar fortwährend in den Reformen, aber deutlich heben sich zwei gewaltige Reformperioden heraus: die grundlegende, heute abgeschlossene Reform von 1919 bis 1920, und die zweite Reformetappe, deren Vorbereitung und Anfänge eben sichtbar werden. Was bedeutet die Reform von 1919/20? Sie schafft einen fiskalischen Unitarismus, der in seinen politischen Folgen gemildert wird durch Artikel 8 der Reichsverfassung; dieser verpflichtet das Reich, auf die Lebensfähigkeit der Länder Rücksicht zu nehmen. Sie schafft eine einheitliche Reichssteuerverwaltung, sie gibt einheitliche Richtlinien der Steuerveranlagung und -erhebung, deren Zweck es ist, die "Steuerinseln" zu beseitigen und dadurch dem Grundsatz der steuerlichen Gerechtigkeit zu dienen. Sie gibt dem Reiche das Gesamtsystem der ertragreichen und anpassungsfähigen direkten Steuern. Sie läßt den Ländern und Gemeinden einige Ertragssteuern und beteiligt sie im übrigen mit bestimmten Anteilen am Ertrag der Reichseinkommensteuer, der Reichserbschaftssteuer, der Umsatzsteuer, der Körperschaftssteuer und der Grunderwerbssteuer. Entsprechend diesem Eingriff des Reiches in alte Steuerrechte von Ländern und Gemeinden entlastete es die Länder und Gemeinden durch Übernahme beträchtlicher Schuldverpflichtungen auf sich selbst. Es gehört zu den wesentlichen Verdiensten dieser Reformperiode, daß das alte Bismarcksche Projekt der Reichseisenbahnen nun verwirklicht wurde.
Man mag zu den Einzelheiten dieser Reform stehen wie man will: das ganze Reformwerk ist eine ungeheuere Leistung, deren volle Segnung erst erkennbar wird, wenn unsere Wirtschaftslage sich einigermaßen erleichtert. Dr. Respondek stellt sie in seinem Buche "Die Reichsfinanzen auf Grund der Reform von 1920" sogar in Parallele zu der Stein-Hardenbergschen Reform. Ob diese Parallele treffend ist, muß die Zukunft zeigen.
Versenken wir uns einen Augenblick in die Haushaltsrechnung des Jahres 1920! Der "Ist-Etat" des Reiches zeigte beim Abschluß des Rechnungsjahres (31. März 1921) folgendes Bild: Die Reichseinnahmen aus Steuern, Abgaben, Gebühren, Zöllen bezifferten sich auf 27,7 Milliarden. Die Ausgaben, betrugen netto 73,7 Milliarden. Dazu treten an Schuldzinsen des Reiches 10,4 Milliarden, an Zuschüssen des Reiches in den Betriebsverwaltungen (Reichseisenbahn, Reichspost), 18,2 Milliarden. Mithin Totalausgabe 102,6 Milliarden. Die Differenz zwischen Ausgaben und Einnahmen, 74,9 Milliarden, mußte demnach auf neue Schulden genommen werden. Die schwebende Schuld wuchs auf 184,127 Milliarden an. Der Voranschlag für 1921 zeigt folgende Ziffern: Einnahmen 46,9 Milliarden, einmalige Ausgaben 1,368 Milliarden, fortdauernde Ausgaben 45,579 Milliarden. Dazu kam ein Nachtragsetat von 1,5 Milliarden. Es balanciert also der ordentliche Etat mit 48,459 Milliarden auf der Einnahme- und Ausgabeseite. Daneben außerordentliche Ausgaben: 59,68 Milliarden; von diesen ungedeckt und auf schwebende Schulden zu nehmen: 49,18 Milliarden. In dieser Summe von 59,68 Milliarden stecken nach Voranschlag rund 18,8 Milliarden Zuschüsse für Betriebsverwaltungen (Eisenbahn, Post). In den erwähnten Summen des ordentlichen Etats sind noch keine Aufwendungen für Reparationen eingeschlossen; ihre Gesamtsumme wurde bei der Beratung in der Kommission des Reichstages mit 53 Papiermilliarden jährlich veranschlagt. Ein schwankender Posten von hohem Belauf sind die Besatzungskosten; sie sind mit 8,5 Milliarden angesetzt. Alles in allem ist der heute errechenbare Fehlbetrag 110 Milliarden Mark. Der erschreckende Zug ist das Anwachsen der schwebenden Schuld. Das Reich kontrahiert sie in Gestalt von Schatzanweisungen, die an die Reichsbank begeben werden; diese schießt dem Reiche dafür Noten vor. Mit Noten bezahlt das Reich seine Verpflichtungen an Schuldzinsen, an Gehältern, Löhnen usw.; diese Noten kommen also als zusätzliche nominelle Kaufkraft in den Verkehr, nicht weil der Verkehr sie verlangt, sondern weil das Reich zahlen soll und ungenügende Einkünfte hat. So senken sie den Geldwert, steigern die Preise und Löhne, drücken die Valuta und führen alle die Risiken, Gefahren und Hemmungen des Wirtschaftslebens mit herauf, die sich an solche Währungszustände anzuschließen pflegen.
Diese Sachverhalte lassen eines ganz deutlich werden: die Notwendigkeit n e u e r R e f o r m e n. Das erste und ursprüngliche Problem ist dieses: Wie bringen wir laufende Einnahmen und laufende Ausgaben zur Deckung? Die weitere Frage ist: Wie bringen wir die Reparationssummen auf? Und die dritte Frage lautet: Wie stärken und stabilisieren wir unseren Geldwert? Wenn man diese Probleme an den oben entwickelten Zahlen mißt, spürt man Neigung, zu glauben, es bandele sich um die Quadratur des Zirkels. Breite Strömungen im Volke, und was viel mehr besagen will, ernste sachverständige Kreise glauben nicht an die Möglichkeit, diesen furchtbaren Anforderungen gerecht zu werden. Grundsätzlich ist zu sagen, daß alles v e r s u c h t werden muß, unseren Verpflichtungen nach außen und nach innen nachzukommen und die Reichsfinanzwirtschaft zu sanieren. Die Gefährlichkeit der Aufgabe versteht an folgendem Beispiel auch der Laie. Das Reich könnte hohe Milliardenausgaben sparen, wenn es die Lebensmittelzuschüsse beseitigte, wenn es die Zuschüsse zu den Betriebsverwaltungen aufhebt, wenn es höhere Kohlenpreise durch Erhöhung der Kohlensteuer veranlaßt. Aber was ist die Wirkung? In all diesen Fällen gewinnt das Reich auf der einen Seite als F i s k u s, was es als B e t r i e b s v e r w a l t u n g und als Lohn- und Gehaltszahler wiederum wenigstens zum großen Teile drauflegen muß. Das ist der Punkt, an welchem sich zeigt, daß mit den üblichen Mitteln der Steuererhöhung schlechterdings nicht mehr durchzukommen ist.
Mit dieser Erkenntnis sind die Voraussetzungen der zweiten großen Reformetappe gegeben. Ihre maßgebenden Gesichtspunkte sind, soweit sich das bisher beurteilen läßt, die folgenden: Zunächst Entlastung des Reiches von bestimmten Aufwendungen des außerordentlichen Haushaltes; dahin rechnen die Zuschüsse zur Verbilligung der Lebensmittel (8,6 Milliarden), zu den Betriebsverwaltungen (18,8 Milliarden), für den Bau von Bergmannswohnungen (1,5 Milliarden), eventuell für Erwerbslosenunterstützung (1,3 Milliarden). Weiterhin eine Reform der Einkommensteuer und die Veredelung des Notopfers in eine drei zu drei Jahren zu erhebende Vermögenszuwachssteuer; die Erhöhung einer Anzahl indirekter Abgaben und Zölle liegt auf der Linie alter steuerlicher Methoden. Neu ist der Gedanke, die Unterschiede zwischen Auslands- und Inlandspreisen durch ein Erhöhung der Kohlensteuer zu erfassen; neu — wenigstens für die deutsche Finazgeschichte — der Gedanke, das Reich durch eine Art Genußschein an den werbenden Sachwerten der Nation mit zu beteiligen.
Dieser Vorschlag einer direkten Wirtschaftsbeteiligung des Reiches hat vieles für sich. Die papierene Blüte unserer Wirtschaft hängt eng mit der Finanznot des Reiches zusammen. Die Erzeugung lädt in weitem Umfange auf die Preise ab, was sie an Lasten zu tragen hat. Das Reich wird von diesen Preissteigerungen, deren wichtigste Ursache seine Schuldenwirtschaft ist, in größtem Stile mit betroffen. Es half sich bisher durch neue Schuldaufnahmen und neue Steuern, aber immer liefen die Preise voraus, hinkte der Fiskus nach. Die Schwäche des Fiskus und die relative Stärke der Wirtschaft stehen in gefährlicher Wechselbeziehung. Ganz zutreffend kennzeichnet die "Frankfurter Zeitung" (Nr. 604 vom 16. August 1921) die Lage: Mittelstand und Festbesoldete können durch keine nach der Leistungsfähigkeit abgestufte Steueraktion so schwer geschädigt werden wie durch eine unzureichende Reform. Das gilt in hohem Maße auch für Handel und Industrie. Unsere Wirtschaftskreise sollten heute, so paradox es klingt, vor zu hoher Steuerbelastung weniger besorgt sein als vor zu geringer. Denn auf die Dauer wird die Notenpresse sie immer noch unbarmherziger ausquetschen als die Steuerschraube. Das Reich ist eben heute kein außerhalb der Wirtschaft stehender "Zweckverband" mehr, an den geringe Summen abgeführt werden, damit er seine begrenzten Funktionen erfülle, sondern das Reich ist heute mit der Wirtschaft zu einem dichten einheitlichen Körper verwachsen. Gibt man ihm nicht, was es braucht, so zerstören seine Notauswege langsam aber sicher das Leben der Nation.
So ist es verständlich, daß das Reichswirtschaftsministerium sich grundsätzlich zum Steuerprogramm und zu den Reparationslasten äußerte. Nach den Angaben in der oben zitierten Nummer der "Frankfurter Zeitung" betont eine neue Denkschrift des Reichswirtschaftsministeriums vor allem die Notwendigkeit eines Gesamtprogramms, das die Reparationsleistungen und ihre Aufbringung durch Ausfuhrüberschüsse und Devisenkäufe mit dem Ziel der Kräftigung der Wirtschaft durch höchste Rationalisierung, mit der inneren Finanzierung der Reparationslasten und mit den notwendigen sozialpolitischen Übergangsmaßnahmen in organische Verbindung bringt. Das wirtschaftspolitische Ziel sei die Aktivierung der Handelsbilanz, die Beschränkung der Einfuhr an allem Entbehrlichen, die Hereinholung der vollen Gegenwerte der Ausfuhr durch Einstellung der wirklichen volkswirtschaftlichen Selbstkosten, die Beseitigung der Reichszuschüsse, der Abbau der Zwangswirtschaft, die Tiefhaltung der Preise auf dem Kohlen- und Wohnungsmarkt. Damit würden die mühelosen Zwischengewinne verschwinden, die deutsche Wirtschaft würde auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig; höchste Wirtschaftsleistungen, höchste Erzeugung und höchstwertige Ausfuhr würden gesichert. Die Umsatzsteuer, die Erhöhung der Zölle und eine Aufwandssteuer würden den entbehrlichen Verbrauch beschränken; die Zwischengewinne, die bei der Anpassung an den Weltmarktpreis abfallen, könnten für die Zwecke der Reparation erfaßt werden. Die Übergangszeit erfordere sozialpolitische Maßnahmen: Planmäßige produktive Verwendung der erwerbslosen und freiwerdenden Arbeitskräfte für den Ausbau der Verkehrsmittel, der Wasserkräfte und für die Erfordernisse des Baumarktes.
Die Denkschrift untersucht im weiteren die Frage, ob das Reich, nötigenfalls zum Zwecke der Verpfändung an das Ausland, die Substanz der Sachwerte erfassen soll. Der Ausbau des Notopfers könnte den Fehlbetrag im Etat nicht decken. Die Erfassung der Substanzwerte in der Wirtschaft erscheine deswegen zweckmäßig, weil sie tragkräftig, weniger fluchtfähig und derart erfaßbar seien, daß das Betriebskapital nicht gefährdet werde. Notwendig sei die dinghafte Sicherung des Ertragsanteils und seine Kapitalisierung. Den Verfassern der Denkschrift schwebt eine Beteiligung des Reiches mit 20% der Substanzwerte der Wirtschaft vor, unter dinglicher Sicherung. Damit werde die Deckung der Fehlbeträge im Etat für de ersten Jahre erleichtert und eine Grundlage für Auslandskredite erzielt. So lange sollten die deutschen Sachwerte bei organisierter Beleihung den Fehlbetrag in der Goldbilanz des deutschen Außenhandels decken, bis die deutsche Wirtschaft sie planmäßig durch erhöhte Sachleistungen auf dem Weltmarkte abdecken könne. Den Gesamtbetrag, den das Reich durch die übernommenen Sachwerte für seine Zwecke verfügbar machen könne, berechnet die Denkschrift auf 382 Papiermilliarden. Der Erfolg dieser Aktion wäre eine Minderung der Inflation infolge der Ablösung der Grundschulden mit allen daran anschließenden günstigen Weiterwirkungen auf die Wechselkurse, die Preise und die Löhne; auch würde die Nachfrage des Reiches auf dem Devisenmarkte (für Reparationszahlungen) gemindert werden durch die Möglichkeit, auf der Basis der dem Reiche verpfändeten Vermögenssubstanz Auslandskredite zu erlangen.
Ohne uns auf eine Kritik dieser Vorschläge im einzelnen einzulassen, sei nur so viel bemerkt: Wenn diese Ideen sich durchsetzen, dann ist eine Bahn beschritten, an deren Ende möglicherweise die "Staatswirtschaft" steht. Oder um das vielgebrauchte, wenig eindeutige Wort zu nennen: die Sozalisierung. "Beim ersten sind wir frei, beim zweiten sind wir Knechte", das muß all denen gesagt werden, die den vorgeschlagenen Weg der Reichswirtschaftsbeteiligung bejahen, aber nicht seine Folgen in den Kauf nehmen wollen. Die Dinge haben ihre eigene Logik, und hat man sie einmal zum Ausspielen ihrer Logik gebracht, dann haben sie Durchschlagskraft und Beharrung genügend gewonnen, ihren Weg selbst weiter zu suchen. Die Anhänger der liberalen Wirtschaftsidee der wirtschaftlichen Freiheit der Privatinteressen, die diese Entwicklung der Dinge mit höchstem Mißtrauen betrachten, übersehen allzuleicht, daß auch in der f r e i e n Entwicklung der Wirtschaft Tendenzen sich herausgebildet haben, die auf "Wirtschaftsherrschaft" hinauslaufen und teilweise schon eine echte, von privaten Wirtschaftsgewalten ausgeübte Wirtschaftsherrschaft darstellen. Rathenau sprach ganz zutreffend von der Herausbildung "wirtschaftlicher Herzogtümer", deren Leiter die maßgebenden Köpfe der Industrie, der hohen Bankwelt und des Handels sind. Die B i n d u n g der alten "elementaren" und liberalen Wirtschaftswelt ist aus sozialen und weltwirtschaftspolitischen Gründen im Anzug. Der Prozeß verstärkt sich mit seinem eigenen Wachstum. Es fragt sich bloß, ob der Staat sich in tatenlosem Zusehen vor Tatsachen stellen lassen will, oder ob er eine Politik einschlägt, deren grundsätzliches Motiv de Wahrung von Allgemeininteressen ist. Bis jetzt steht die Sache so, daß die Wirtschaft in der organisierten und ins riesenhafte zusammengeballten Form den inneren G e i s t d e r f r e i e n K o n k u r r e n z w i r t s c h a f t, nämlich die Abstellung auf private Interessen, beibehalten hat. Das Interesse des Staates und des Volkes in seiner Allgemeinheit ist meines Wissens noch von keinem der gewaltigen Wirtschaftskonzerne öffentlich und grundsätzlich als Richtschnur des Handelns anerkannt worden. Wir haben den Glauben verloren, daß das freie Schaltenlassen von Privatinteressen durch irgendeinen mystischen Zusammenhang "von selbst" zum Besten der Allgemeinheit und des Staates tendiere. Wir sehen die Gefahren für das politische und soziale Gemeinwesen zu deutlich, als daß wir diese Dinge getrost sich selbst überlassen könnten. —
Aber was sollen wir tun, um die Dinge nicht sich selbst zu überlassen, um sie herauszubringen aus dem Getriebe reiner Privatinteressen? Da erhebt sich die Stimme, die wir seit drei Jahren so ausgiebig gehört haben: man sozialisiere, man tue es bald und gründlich!
Wer genau zuhört, wird merken, daß dieser Ruf die innere Sicherheit und Überzeugungswärme stark verloren hat, die ihn noch vor zwei-drei Jahren auszeichnete. Das hat seine guten Gründe. Was St. Simon seinerzeit von England sagte, dieses Land mache zum Nutzen aller Völker einen gewaltigen Versuch — nämlich den Versuch der freien industriellen Verkehrswirtschaft —, das können wir heute von Rußland sagen: Dieses Land hat zur Lehre für alle Völker ein gewaltiges Experiment angestellt, hat versucht, der marxistisch-soziaistischen Idee so, wie seine Wortführer sie verstanden, den Leib der Wirklichkeit zu gehen. Der Versuch hat eine alte Wirtschafts- und Gesellschaftsverfassung in tausend Scherben geschlagen, hat eine neue aufgebaut, aber, wie sich mehr und mehr herausstellt, keine Verfassung idealer Erfüllung, sondern der Gewalt, des Schreckens, der Wirtschafts- und Kulturvernichtung, der Not und des Hungers. Vieles am Mißerfolg ist auf spezifisch r u s s i s c h e Rechnung zu setzen: auf die mangelnde Industrialisierung des Landes, auf die schlechte Organisation der Verwaltung, auf die Unbildung des Volkes, auf die Weite der Landräume, auf die übereilte Gewaltsamkeit des Prozesses, auf die Mißachtung geistiger und sittlicher Vorbedingungen, auf die Direktion der Handlungen durch den toten Buchstaben des orthodoxen Marxismus unter Vergewaltigung aller Wirklichkeit. Vieles geht auf den verlorenen Krieg und auf die Absperrung des weiten Reiches vom Auslande zurück. Wenn wir das alles in gebührende Rechnung stellen, bleibt ein unbeglichener Rest: und er argumentiert g e g e n die Idee der Sozialisierung — das Wort im strengen Sinne einer Überführung aller Produktionsmittel in öffentliche Hand unter Zentralisierung der Wirtschaftsverfügung und Zuteilung der Wirtschaftserträge verstanden. Sein Argument lautet: Die Aufgabe ist zu groß, um bureaukratisch und zentralistisch gelöst zu werden; das Wirtschaftsleben ist zu vielgestaltig, um auf den Leisten von Verordnungen gespannt zu werden; es gibt zu viel natürliche Unberechenbarkeiten in den Grundbedingungen aller Wirtschaft, die sich den Paragraphen und noch mehr der Gewalt entziehen; und nicht zuletzt: der primäre Wirtschaftsfaktor Mensch ist zu sehr — Mensch, um jenes äußerste an Pflichtgefühl, Verantwortung und Arbeit, das eine ertragreiche Wirtschaft verlangt, aufzubringen, w e n n er nicht den Erfolg f ü r s i c h s e l b s t unmittelbar sieht. Das eigene Interesse ist der stärkste Hebel aller wirtschaftlichen Energien — dieser Satz wurde vor 150 Jahren von Adam Smith ausgesprochen; er wird so lange gelten, wie Menschen Menschen sind. Nur die besondere Fassung, die Smith ihm gab, ist zu eng: dieses Eigeninteresse ist nicht notwendig das unmittelbare Eigeninteresse jedes einzelnen. Es kann auch weitergreifen, es kann Stände, Körperschaften, Selbstverwaltungsorganisationen erfassen. Es reicht so weit, wie gewertete und erlebte Gemeinschaft reicht. Es hört immer da auf, wo das Fremde anfängt, dasjenige, was der einzelne nicht als unmittelbar — sei es beruflich, sei es standesmäßig, sei es familienmäßig oder freund-nachbarlich — zu sich gehörig empfindet. Aber schon in diesem Bereich finden sich leicht Abschwächungen der Verantwortungsfredigkeit und des Pflichtgefühls. Man wendet ein, der Z w a n g könne die Gemeinschaftsgesinnung ersetzen und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen erzielen. Das ist ein Irrtum. Zwang und Gewalt sind keine Bindungen von innen, sondern Grenzen von außen. Ihre Reichweite ist beschränkt; wir sehen es am russischen Beispiel, wir erlebten es am eigenen Leibe in der Kriegswirtschaft. Eine Grenze von außen bedeutet immcr gleichzeitig eine Prämie auf Grenzüberschreitung, und deren Möglichkeit ist immer gegeben. Sie unterhöhlt das ganze Gefüge, während die klappernde Mühle von Verordnungen und Strafbestimmungen leeres Stroh drischt. Der radikale Vcrsuch, mit G e w a l t die sozialistische Gesellscafts- und Wirtshaftsidee durchzusetzen, führt notwendig zur Lähmung der Wirtschaft durch Abdrosselung der Wirtschaftsenergien und zur Erstickung aller Initiative durch Bureaukratie. Pflichtgefühl und Verantwortung für das Ganze hängen nicht an der Koppel du Polizeidieners.
Mit dieser Ablehnung der allgemeinen und zentralistischen Sozialisierung ist das Sozialisierungsproblem jedoch nicht erschöpft. Wir sahen bis jetzt nur seine Grenzen. Nur auf dem Boden einer Gemeinschaftsgesinnung ist Gemeinschaftswirtschaft möglich. Diese Gemeinschaftsgesinnung aber kommt nicht von oben, durch Verordnung, sondern nur von unten, aus sittlichen Grundvorstellungen bei Gemeinsamkeit des Lebens und Erlebens. Wir sahen das andere: Sachliche Vorbedingungen sind unerläßlich; sie liegen aber von Gewerbe zu Gewerbe verschieden und sind selbst innerhalb der einzelnen Gewerbe mannigfach gelagert. Diese Verschiedenheit der sachlichen Vorbedingungen macht die Forderung der allgemeinen Sozialisierung zu einer unmöglichen, das heißt nach aller vernünftigen Erwägung fehlschlagenden Lösung. Sie nötigt uns, über die Herrschaft der Phrase und der wohlmeinenden, aber unverständigen Köpfe hinauszukommen, den vernünftigen Kern der Sozialisierungsidee zu retten vor ihren eigenen schlecht beratenen Freunden. Die ganze Sozialisierungsaktion löst sich auf in eine Fülle von schwierigen Einzelproblemen. Die erste und zweite Sozialisierungskommission hat dieses Ergebnis gezeitigt und die Schwierigkeit der ganzen Frage ins hellste Licht gerückt. Sozialisierung ist aus einer marxistischen Verheißung und einem sozialistischen Dogma eine Organisationsfrage der Wirtschaft geworden.
Heute ist man sich allenthalben darüber klar, daß unsere äußeren und inneren Daseinsbedingungen jene Formen und jene Verfassung der Wirtschaft fordern, die technisch und wirtschaftlich die leistungsfähigsten sind.
Damit taucht das Problem der wirtschaftlichen F o r m b i l d u n g auf. Es ist unbegreiflich, daß man drei kostbare Jahre hat verstreichen lassen, ohne durch organisatorische Versuche brauchbare Formen der Betriebsverfassung herauszufinden. Es macht einen kümmerlichen Eindruck, zu sehen, wie festgerannt man auf diese oder jene Form der Arbeits- und Betriebsverfassung ist. Man übersieht dabei, daß reiche Bauformen nötig und zweckmäßig sind. Eine Wirtschaftsverfassung ist kein Militärrock, der auf jeden passen muß. Die Formen der kapitalistischen Unternehmung sind sehr vielgestaltig, aber alle auf ihre Art zweckmäßig. Warum will man nicht Grundtypen gemeinwirtschaftlicher Unternehmungsform herauswachsen lassen? Wer nicht die bornierte Auffassung hat, es könne nur diese oder jene (natürlich gerade von ihm vertretene!) Form in Betracht kommen, wird zugeben, daß eine Vielgestalt der Verfassungen denkbar ist, die den gemeinwirtschaftlichen Ansprüchen gerecht wird ohne jene Energien zu ersticken, die auf dem Boden der Selbstverantwortung gedeihen.
Das wird zumal derjenige zugeben, der in die inneren psychologischen Antriebe des Sozialisierungsverlangens geschaut hat. Woher stammt unsere Arbeiterbewegung, woher stammen ihre Wirtschaftsideale und Gesellschaftsanschauungen? Unzweifelhaft aus der Abwehr gegen die Arbeitsverfassung, die Arbeitsmethoden, die Ertragsverteilung und die gesellschaftliche Stellung der Handarbeit in unserer modernen Wirtschaft. Wer das nicht im Auge behält, sieht das ganze Problem der Sozialisierung und des Sozialismus falsch. Skizzieren wie die Punkte, die die Arbeiterschaft veranlassen, die moderne Wirtschafts- und Gesellschaftsverfassung mit so ungeheurem Nachdruck abzulehnen. Die Arbeit ist im kapitalistischen Betrieb fremdbestimmte Arbeit an fremden Arbeitsmitteln, für fremden Ertrag, unter fremdem Kommando, gegen einen Lohn, der die Besitzlosigkeit des Arbeiters und damit seine erzwungene Einordnung in das kapitalistische Arbeitsverhältnis dauernd und erblich macht. Sie ist mechanisierte Teilarbeit, die keine Persönlichkeitswerte braucht und verträgt. Sie ist weiterhin Arbeit von Massen, und zwar von Betriebsmassen, wie auch Großstadtmassen. Die Arbeiterschaft als Ganzes stand gesellschaftlich und staatsbürgerlich nicht in der Geltung und Achtung, die sie nach ihrer Bedeutung für Wirtschaft, Staat und Gesellschaft beanspruchen zu können glaubte. Zu diesen objektiv feststellbaren Quellen der Abneigung gegen die moderne Wirtschaftsverfassung kommen als weitere die spezifisch proletarischen, vom Marxismus formulierten und genährten Klassen- und Wertgefühle der Arbeiterschaft. Aus diesem Gesamtkomplex der Empfindungen und Anschauungen floß die Sozialisierungsidee, der Zukunftsstaatgedanke, die bewußte und gewollte Gettohaftigkeit des Proletariats in weltanschaulichen und sozialen Hinsichten. Der Grundgehalt des Widerstandes gegen den Kapitalismus war die Revolte des lebendigen Menschen dagegen, bloßes Mittel zu sein für privatwirtschaftliche Zwecke und für ein höchstes Produktionsideal.
Wer das bedenkt, sieht de notwendig zweiseitige Lösung des Sozialisierungsproblems. Die eine Lösung ist die wirkliche und wahrhaftige Überführung dazu geeigneter Betriebe in de öffentliche Hand oder in gemischtwirtschaftliche Betriebsform oder in Selbstverwaltungskörperschaften — alle drei unter Anteilnahme und Mitbestimmung der Arbeiter; beziehungsweise die Beteiligung der Arbeiter an den Erträgen der Unternehmung in der einen oder anderen Form — Kleinaktie, Gewinnbeteiligung, auch arbeitergenossenschaftliche Führung und Übernahme von Betrieben. Die andere Lösung des Sozialisierungsproblems ist unvermeidlich die: es muß die Stellung des Arbeiters im Wirtschaftsprozeß selbst geändert werden. Er muß Mitbestimmungsrecht in gewissem Rahmen haben; er muß mit dem Betriebe enger verwachsen, als es bisher der Fall war; er muß gegen die Konjunkturgefahren, gegen Betriebsunfälle, gegen Alter und Invalidität, gegen Ausbeutung geschützt werden. Die soziale und rechtliche Geltung der Arbeiterschaft muß auf ihr richtiges Maß gebracht werden. All das, damit er selbst lebendige Verantwortung für den Betrieb und Pflichtgefühl der Arbeit gegenüber aufbringen könne! Das ist nicht nur eine sozialpolitische Notwendigkeit, es ist vor allem ein wirtschaftspolitisches Erfordernis. Nur so wecken wir Verantwortung und Pflichtgefühl, nur so durchdringen wir die Wirtschaft bis in de kleinsten Zellen mit diesen Eigenschaften.
Ein gewichtiger Teil der Gesetzgebung hat sich seit der Revolution mit Reformen in dieser Richtung befaßt. Zunächst die Reichsverfassung selbst. Sie stellt die Arbeitskraft unter den besonderen Schutz des Reiches. Sie gewährleistet das freie Vereinigungsrecht für jedermann, für alle Berufe. Sie verspricht ein einheitliches Arbeitsrecht und einen entschlossenen Ausbau der Sozialpolitik. Sie nähert sich dem Gedanken des Rechtes auf Arbeit durch die Bestimmung, daß es jedem Deutschen ermöglicht werden solle, durch wirtschaftliche Arbeit seinen Unterhalt zu erwerben, und sichert für die Notfälle der Arbeitslosigkeit den Unterhalt zu. Sie bringt allerdings auch zum Ausdruck, daß jeder Deutsche die sittliche Pflicht habe, seine geistigen und körperlichen Kräfte für das Wohl der Gesamtheit einzusetzen. Konkreter werden die Bestimmungen der Verfassung hinsichtlich der Anerkennung der Gleichberechtigung von Arbeitern und Angestellten bei der Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen. Ein Aufbau von Betriebsräten und Bezirksräten, sowie einige auf Gemeinwirtschaft zielende Bestimmungen sind verfassungsrechtlich festgelegt.
Diese verfassungsrechtlichen Ankündigungen haben teilweise bereits ihre Verwirklichung erlebt. Wir erwähnen in diesem Zusammenhange das neue Recht der Tarifverträge und der Schiedsgerichte, und vor allem das Betriebsrätegesetz.
Noch ehe die Reichsverfassung die Gedanken der Gemeinwirtschaft und die Richtlinien der sozialen Befriedung festlegte, hatten die Verbände der Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich zusammengefunden, um auf einer neuen Grundlage die kommenden Schwierigkeiten der Nachkriegszeit durch gemeinsame Vereinbarungen zu bewältigen. Schon im November 1918 erschien die sogenannte "Vereinbarung"; in ihr anerkennen die Vertreter der Arbeitgeberverbände die Gewerkschaften als berufene Vertretung der Arbeiterschaft, in ihr wird jede Beschränkung der Koalitionsfreiheit untersagt, und der Arbeitsfriede in Gestalt allgemeiner tarifvertraglicher Regelung, der Arbeitsausschüsse, der Schlichtungs- und Einigungsämter grundgelegt. Auf diese Vereinbarung erfolgte im Dezember 1918 die Errichtung der sogenannten Arbeitsgemeinschaften. Man hat diese Vereinbarung nicht mit Unrecht die Magna Charta der Arbeiterschaft im neuen Deutschland genannt. Sie verwirklicht gewerkschaftliche Forderungen, um die jahrzehntelang umsonst gekämpft worden ist. Sie führt Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände zusammen zu paritätischer Entscheidung all der Fragen, die das Arbeitsverhältnis betreffen. Wenn auch heute schon feststellbar ist, das [sic] längst nicht alle Blütenträume gereift sind, die an die Vereinbarung, die Arbeitsgemeinschaften und das Betriebsrätegesetz anschlossen, so ist doch der eingeschlagene Weg g r u n d s ä t z l i c h r i c h t i g und wird sicher nicht mehr aufgegeben werden für das zweifelhafte Linsenmus wilder Kampfauseinandersetzungen —, deren Last und Folgen würden auf beide Teile vernichtend zurückfallen. So können wir hoffen, nach Zeiten stärkster sozialer Konflikte und Spannungen allmählich alte Gegensätze abzubauen, den Weg zum sozialen Frieden zu finden. Was der Glanz der deutschen Macht, der Stolz auf das nach außen einige Vaterland und der Schimmer blendenden Reichtums nicht vermochten, das wird, so hoffen wir, als ein Werk der deutschen N o t zustande kommen: die Einigung Deutschlands nicht nur nach Verfassungsparagraphen, sondern aus der Einheitsgesinnung und aus dem Einheitswillen des ganzen Volkes heraus!
Wir brauchen brauchen diesen unbeirrbaren Einheitswillen, um als Volk und als Staat durch die trostlose Nacht des nationalen Unglücks hindurchzukommen. Wir sind nicht mehr Herren im Lande, weder staatsrechtlich — das einzige Souveränitätsrecht, das der Friedensvertrag uns gelassen hat, ist nach den Worten van Calcers das Recht, Krieg zu erklären; ein platonisches Recht für ein Volk, das man entwaffnet hat, und das nach allen Richtungen unter Kontrolle steht — noch wirtschaftlich. Durch ungeheuere Verpflichtungen sind wir zum Lohnarbeitervolk geworden; die Last der Reparationen, die Ausgeschöpftheit unseres Wohlstandes nötigen uns, die Betriebsmittel unserer Lohnarbeit sogar noch vom valutastarken Ausland uns erstellen zu lassen. Wir brauchen Aufbau- und Betriebskapitalien, unsere Kapitalbildungskraft ist minimal, und so droht uns die Gefahr, daß unsere Industriewerte vom ausländischen Kapital "überfremdet" werden. Milliardenbeträge an Mark, aufgenommen vom Ausland, strömen zurück; Milliardenbeträge an Schatzanweisungen, Obligationen und Industriewesen müssen ins Ausland verzinst werden. Der Dollar, das Pfund Sterling, der Gulden und der Frank bemächtigen sich unserer Industriewerte, unserer Häuser, unseres Grundbesitzes, unserer Vorräte. Das ist ebenso schmerzlich wie unabwendbar; wir brauchen das fremde Kapital. Es kommt darauf an, es nicht der Menge nach, sondern seinem Macht- und Verwaltungsanspruch nach zu begrenzen oder, wie Professor Schumacher das neuerdings ausdrückte, es zu "entgiften", den Strom dieser Kapitalien zu regulieren. Gewiß wäre es wünschenswert, wenn diese ausländischen Kapitalien die wenigst bedenkliche Anlage in Deutschland wählen würden, wenn sie dem G r u n d b e s i t z zuflössen. Aber das ist wenig wahrscheinlich. Die Anlage, die sie suchen, und in der die meisten Gewinne locken sind eben die Industriewerte; und unsere Regulierung dieser Kapitalzuwanderung ist damit beschränkt auf das Aushilfsmittel der Vorzugsaktie. Im übrigen stehen wir dem Prozeß so lange mit gebundenen Händen gegenüber, als die Reparationslast und die Steuern unsere Sparkraft lähmen.
Aufkauf unserer Werte durch das valutastarke Ausland — Abschöpfung unserer Arbeitserträge durch Steuern zu Zwecken der Reparation: das heißt wirklich das Licht an zwei Enden anzünden! Die Unhaltbarkeit dieser Sachlage anerkennen selbst führende Wirtschaftspolitiker aus dem Ententelager. Unter ihnen erwähnen wir Van der Lip und Keynes. Der Engländer Keynes, der in seinem bedeutungsvollen Buche über den Versailler Vertrag ein großes Maß an ruhiger Vernunft bewies, äußert sich in neuerlichen Aufsätzen in der "Industrie- und Handelszeitung" über die Fähigkeit Deutschlands, die ihm aufgelegten Lasten zu tragen. Er kommt zu einem negativen Ergebnis. Er sieht im Londoner Diktat eine provisorische Abmachung, die schon im nächsten Jahre ihre Unzulänglichkeit zeigen werde. "An einem bestimmten Zeitpunkt, der zwischen Februar und August 1922 liegt, muß Deutschland der unvermeidlichen Zahlungsunfähigkeit erliegen. Nur bis dahin reicht die Schonzeit, die gewährt wird." Diese Ansicht stützt Keynes auf eine Untersuchung der Handelsbilanz, des deutschen Staatshaushalts und des deutschen Volkseinkommens.
Diese Darlegungen, deren sachliche Richtigkeit nicht bestritten werden kann, die höchstens die eine Frage offen lassen, ob der von Keynes genannte Termin gerade der richtige ist, zeigen uns, in welch gefährlichem Fahrwasser das lecke Schiff der deutschen Wirtschaft schwimmt. Das Echo, das sie in England und Frankreich vielfach gefunden haben, beweist, wie machtvoll heute die Idee der Gewaltpolitik unter Abweisung aller Vernunftserwägungen und aller sittlichen Begriffe in den Köpfen der Sieger herrscht. Man sieht nur Goldmilliarden, die mit dem Rechte Shylocks erpreßt werden müssen; aber man sieht nicht die Abgründe, die vor ihnen liegen. Die geistige und sittliche Einheit Europas ist vor dem nationalen Machtrausch und vor der Habgier der heute, zumal in Frankreich, führenden Schichten ein Schrei in die Wüste. Gerechtigkeit in der Behandlung großer, wehrloser Völker ein leerer Paradespruch für Bankette, das Drapeau, mit dem Gewalttat und Eroberungsgier zugedeckt werden. Der Geist Richelieus ist wieder lebendig geworden, am Rhein und im Osten; nur ruft er heute keine Türken herbei, sondern Schwarze und Braune aus allen Himmelsstrichen und mobilisiert die slawische Welt gegen uns. Wir sind heute das ungedeckte Glacis des elementar gegen Europa vordringenden Slawentums. Dürfen wir hoffen, daß die unwiderlegliche Logik der Geschichte selbst die Einsichtslosigkeit beheben, den verbrecherischen Übermut dämpfen wird? Müssen die Trostlosigkeiten dauernder politischer Unruhen und chronischer wirtschaftlicher Verarmung erst die ganze Welt schütteln und erschüttern, ehe der Satz begriffen wird, daß kein Volk auf die Dauer davon leben kann, daß es das andere unter die Füße tritt und ausraubt! Wahrlich, wir haben unser gutes Gewissen wiederbekommen an all den Furchtbarkeiten und Greueln, die man uns seit dem Waffenstillstand zugefügt hat. Mit diesem guten Gewissen haben wir die neue Pflicht für das gequälte und leidende Europa übernommen, der Gerechtigkeit und der Ansicht breite Tore in uns und allen zu öffnen, die in Europa und in der Welt noch guten Willens sind. Das sei im Dunkel der gegenwärtigen Stunde unser Trost, daß wir nie zu so großer Mission geläutert und berufen waren, wie wir heute sind!