Valmikas Hängen.
Diese Geschichte heißt auch „das Stundenglas“. Denn wie dieses mit der Breite einsetzt und die Spitze in der Mitte hat, so pflegten die Alten, wenn sie der Jugend diese Geschichte erzählten, mit der Breite einzusetzen und zum Anfang zuzuspitzen; und zwar so:
„So war nun die junge Königstochter des blinden alten Rishi Valmika Frau und lebte mit ihm in seiner Klause.“
Wenn dann die Jungen fragten: „Wie kam denn das?“ so antworteten sie:
„Weil sonst der alte Rishi die ganze Familie mit seinem Fluch getroffen hätte, zu Asche verbrannt.“
„Und wie kam das?“
„Weil die junge Prinzessin ihm die Augen ausgestochen hatte.“
„Und wie kam das?“
„Weil sie sie für glänzende Kiesel gehalten hatte.“
„Und wie kam das?“
„Weil sie so tief im Ameisenhaufen steckten.“
„Und wie kam das?“
„Weil die Ameisen einen Haufen über Valmika erbaut hatten.“
„Und wie kam das?“
„Weil er so lange regungslos in Selbstversenkung gesessen hatte.“
„Und wie kam das?“
„Weil er ein gewaltig großer Rishi war, ein mächtiger Rishi.“
Und wenn die Alten nun so bei der Spitze angekommen waren und die Jungen noch staunten, wie jemand ein so mächtiger Rishi werden könne, daß er mühelos ein ganzes Königshaus verfluchen könne, fuhren jene dann weiter fort:
Die Prinzessin lebte nun mit dem alten blinden Rishi Valmika mitten in einem großen Walde in einer Hütte; die unter einem gewaltigen Feigenbaume stand und bei der eine kleine, krystallklare Quelle vorbeifloß. Ging man aber mit dieser Quelle ein Stück mit, so wurde sie größer und größer und schließlich zu einem Wasserfall, unter dem der blinde Alte und sein junges Weib täglich badeten.
Frühmorgens, noch ehe die Sonne aufgegangen war, lernte die Königstochter vom Alten die Mantras dann ging sie in den Wald, um Wurzeln und Kräuter zu suchen, dann besorgte sie alle Arbeit im Hause und abends ging sie mit ihm zum Bade.
Eines Tages nun, als sie ihm die dürren, welken Glieder wusch, regte sich inniges Mitleid in ihr, und sie dachte:
„Ich will Indra bitten, daß er ihm die Jugend der Glieder und das Licht der Augen wiedergibt.“
Weil aber da, wo sich wirkliches Mitleid regt, Götter die Bitten erfüllen, so erfüllte Indra ihre Bitte und überall, wo sie ihn mit ihren Händen wusch, da wurde der Alte jung und voll und als sie ihm zuletzt die Augen wusch, da wurde er wieder sehend und beide standen und sahen einander an. Weil er aber ein großer Rishi war, so dachte er: „Es ist ein Weib; ich will mich nicht betören lassen“ und wendete sich ab.
Nun war aber die Königstochter gewohnt, gleich nach dem Alten zu baden. So stieg sie auch heute, nach ihrer Glaubenstat, in schicklicher Weise ins Bad.
Als Valmika aber hörte, daß sein Weib im Bade war, da überkam ihn die Neugierde. Verstohlen blickte er hin und sah die jungen Glieder und verfiel auf der Stelle in Liebe. Denn auch ein Rishi, wahrt er seine Sinne nicht, kann wohl in Liebe fallen.
Da er nun jung, sehend und verliebt geworden war, so ließ Valmika durch seine alte Rishi-Kraft die kleine Hütte aus Baumrinde, in der er bisher mit seinem Weibe gelebt hatte, verschwinden und an deren Stelle einen schönen Palast entstehen, in dem es von Dienern und Dienerinnen wimmelte und in dem Tag und Nacht Geigen und Flöten und zahllose andere Wohllaute tönten.
Hierbei aber hatte er jenen mächtigen alten Feigenbaum, unter welchem die kleine Hütte stand, gleichfalls vom Erdboden weggezaubert.
Als nun die Gottheit dieses Baumes, ihrer Behausung beraubt, nackt und hungrig, jammernd und wehklagend im Walde umherirrte, fragten die anderen Gottheiten nach dem Grunde ihres Schmerzes.
Als sie nun erzählt hatte, daß der Rishi Valmika, weil er sich in sein Weib, die junge Königstochter verliebt hätte, sie heimlos gemacht habe, da empfanden zwei Dämoninnen Mitleid mit der Gottheit dieses Feigenbaums und sagten: „Wir wollen Dir helfen, daß die ganze Herrlichkeit wieder dahinschwindet, so schnell wie sie gekommen ist.“
Von dem Tage ab lauerten sie auf Valmikas Weib, ob sie etwas an ihr fänden. Denn sie war vollkommen keusch und züchtig, weswegen es eben geschehen konnte, daß sie wahres Mitleid empfand; weswegen es eben geschehen konnte, daß Indra das Gebet für ihren Gemahl erhörte.
Als sie nun eines Tages ihr Bild im Wasser sah, dachte sie:
„Wie schön muß ich sein, daß ein so großer Rishi wie Valmika, alles vergißt und in Liebe an mir hängt.“
Sofort freilich kam ihr die Reue und die Furcht vor diesem schlechten Gedanken und sie versuchte, ihn schleunigst zu verneinen. Aber eine der beiden Dämoninnen, welche der Gottheit jenes Feigenbaumes ihre Hilfe versprochen hatte, hatte bereits die Rauhigkeit, welche sich mit diesem schlechten Gedanken am Herzen der jungen Königstochter gebildet hatte, benutzt, um ihre Krallen einzuschlagen. So kam es, daß sie, anstatt diesen schlechten Gedanken zu verneinen, ihn noch einmal bejahte. Und sofort krallte sich die andere Dämonin gleichfalls ein.
Weil sie nun damit Macht über sie bekommen hatten, gesellten sie sich zu ihr in Gestalt ihrer beiden Kammerfrauen, stiegen mit ihr ins Bad und kamen beide genau in der gleichen Gestalt wie die junge Königstochter heraus.
Als nun Valmika wie immer sein Weib nach dem Bade erwartete, trat sie ihm dreifach entgegen und jede der drei herzte und küßte ihn ebenso feurig, ebenso innig, ebenso ehrlich wie die beiden anderen.
Da merkte Valmika, daß er von Dämoninnen überlistet war und wollte sie durch seinen Zauberspruch zu Asche brennen, um so wieder zu seiner geliebten Gemahlin zu gelangen.
Als er aber seinen Spruch sprach, dem sonst nichts auf Erden widerstand, blieb alles unversehrt, ja die drei machten es nur noch ärger, indem jede von ihnen ihn unter den zärtlichsten Liebkosungen aufs inständigste bat, nur sie allein als sein echtes Weib anzusehen.
Als nun Valmika sah, daß er seine Rishi-Macht verloren habe und durch die Verdreifachung seines Glückes um all sein Glück gekommen sei, begann er bitterlich zu weinen und betete in seiner Not zu Indra, ihm zu helfen.
Da man nun zu jemandem, dem man einmal eine Wohltat erwiesen hat, immer Zuneigung hat, so war Indra wohl bereit, ihm beizustehen. „Aber,“ sagte er, „es gibt hier nur eine Hilfe: Daß Du mit Deinem Spruch jene beiden zu Asche brennst, das kannst Du nur, wenn Du Deine Rishi-Kraft wiederbekommst. Da Du sie aber durch die Liebe verloren hast, so kann ich sie Dir nicht wiedergeben; denn die Liebe steht auch über mir, dem Gott. So gibt es nur eine Hilfe für Dich: daß Du Deiner Liebe völlig entsagst. Dann wirst Du Deine alte Kraft wieder bekommen und jene beiden Dämoninnen durch Deinen Spruch zu Asche brennen. Daß Du aber Deiner Liebe völlig und für immer entsagt hast, dafür gibt es nur ein Zeichen: nämlich daß Dein Spruch wieder wirkt.“
Als Gott Indra ihm diesen Bescheid gegeben, wurde Valmika wohlgemut. Er dachte: „Hab’ ich nur erst jene beiden Unholdinnen verascht, die Liebe zu meinem Weib soll dann schon wiederkommen.“
So ging er in eine leere Klause, setzte sich kreuzbeinig zur Erde, schlug das Auge nach innen, die Hände ineinander und versuchte, alle Liebesgedanken für sein Weib, die in seinem Herzen lebten, im Denken auszutreiben.
So saß er Stunde für Stunde, Tag für Tag, ohne daß ein Erfolg sich zeigte.
In seiner Not betete er wieder zu Indra.
Der ließ sich noch einmal erbitten, und da Götter die gleiche Kraft haben wie gute Menschen — denn sie sind ja vor Zeiten gute Menschen gewesen —: die Kraft, in den Herzen anderer die Gedanken zu lesen, so sprach er zu dem betrübten Valmika:
„Freund, Dein Entsagen ist ja gar kein Entsagen. Du entsagst, um danach mehr zu gewinnen. Soll Deine alte Kraft wiederkommen, so mußt Du wirklich ehrlich, für immer entsagen.“
Da meinte Valmika traurig:
„Erhabener, was soll mir dann noch meine Rishi-Kraft?“
Indra aber erwiderte lachend:
„Freund, ich weiß es nicht. Da mußt Du einen anderen fragen.“
Und verschwand.
Da dachte Valmika:
„Kann ich mein Weib befreien, so kann ich sie nicht mehr lieben. Kann ich sie nicht befreien, so kann ich sie auch nicht lieben; denn ich kenne sie ja nicht. So wäre es am besten, ich risse diese Liebe ernsthaft aus meinem Herzen um meinetwillen.“
So ging er wieder mit Macht ans Meditieren. Aber immer, wenn er nahe am Ziel war, zerstörte ihm der Gedanke „Hab’ ich erst meinen Spruch und sind jene beiden verascht, wie will ich mein Weib umarmen!“ alles.
So saß er Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat in einem beständigen Hängen zwischen Lieben und Entsagen. Und weil er so unbeweglich saß, so begannen die Ameisen wieder über ihm zu bauen. Und heute sitzt Valmika wieder in seinem Ameisenhaufen so tief wie damals, als die Prinzessin ihm die Augen ausstach, weil sie sie in der Tiefe für glänzende Kiesel hielt.
Wenn die Alten so weit erzählt haben und die Jungen voll Neugierde fragen:
„Wird er denn immer so hängen?“ so antworten die Alten:
„Entsagt er wirklich, dann nicht; entsagt er nicht wirklich, dann ja.“
Sind aber die Frager schon verständiger, so fügen die Alten wohl etwas über das Buddha-Wort hinzu:
„Ist dieses, wird jenes; ist dieses nicht, wird jenes nicht.“
„Oder aber sie fügen etwas hinzu über das Unbefriedigende aller Lust und über den Segen des Entsagens. Aber, fügen sie meist hinzu, Entsagen ist hier eben Entsagen. Einem Weib entsagen, um es zu gewinnen, das ist kein Entsagen, und der Welt entsagen, um ewiges Leben zu gewinnen, das ist kein Entsagen. Darum übt Euch im Entsagen, dieser Welt wie jener Welt. Denkt wohl an das Wort des großen Lehrers: ‚Elend ist Sterben bei dem, in dem Verlangen ist.‘“
Das ist die Geschichte von Valmikas Hängen.