Zweiter Aufzug.

Haus der Prinzessin Theophano in den großen kaiserlichen Gärten zu Byzanz. Der Vordergrund stellt eine nach rückwärts offene, von schlanken Säulen getragene Halle dar. Mosaikfußboden. Die Öffnungen zwischen den Säulen können durch Vorhänge geschlossen werden. Nach hinten schweift der Blick in einen weiten Garten. Der Hintergrund ist durch eine weiße Mauer geschlossen. Darüber hinweg sieht man die Kuppeln und Türme von Byzanz vor einem dunkelglühenden Abendhimmel. Links läuft den Garten entlang ein goldschimmernder Gang in die Tiefe. Ganz hinten nach links hin der Ausgang ins Freie. In der Mitte der linken Seitenwand eine Tür für die Dienerschaft. Vorn eine andere, groß, vergoldet, von einem schweren Vorhang überhangen. Dieser Tür gegenüber endet die Außenwand des Ganges in einer mächtigen Ecksäule, die in Sehhöhe das blasse Gesicht Christi mit der Dornenkrone wie aufgemalt zeigt. Rechts ist in den Garten hinaus ein runder Pavillon eingebaut, um einige Stufen erhöht, mit zierlichen Säulchen, die ein Kuppeldach tragen. Unten schmiegt sich an die Rundung des Pavillons eine mit Kissen belegte Marmorbank. In der Halle Sessel und zierliche runde Tischchen.

Den Gang herauf kommen als Trabanten zwei riesenhafte Neger mit gezogenen Schwertern; hinter ihnen der Haushofmeister der Prinzessin mit dem goldenen Stab. Dann Theophano in Mantel und Schleier, ein kostbares Gebetbuch vor der Brust tragend. Hinter ihr Eudokia, noch weiter zurück mehrere Sklavinnen, zuletzt abermals Trabanten.

Theophano

(geht noch ein paar Schritte innerhalb des Hauses langsam und mit gesenktem Kopf, wie in frommes Sinnen verloren. Dann plötzlich – nachdem der Haushofmeister und die beiden Neger links Aufstellung genommen haben – wirft sie den Kopf zurück und kommt schnell nach vorn. Sie verneigt sich flüchtig vor dem Haupt mit der Dornenkrone und reicht das Buch der Eudokia, die es ihrerseits an die Sklavinnen weitergibt):

Hier nimm! Das Buch!
Nimm mir den Schleier ab! –
Den Mantel auch! – Und fort damit! –
Und fort sie alle!

Eudokia

(spreizt die Finger der rechten Hand radförmig gegen das Gefolge, das sich daraufhin zurückzieht).

Theophano

(wirft sich in einen Sessel).

Eudokia

(steht abwartend daneben).

Theophano:

Immer hängt das Geplärre der Priester
mir in den schmerzenden Ohren. –
Und ein Nebel von Weihrauch
füllt mir den armen Kopf. –

(Plötzlich):

Hast du ihn angesehen?

Eudokia:

Den Kaiser? – Ja. Er sah so bleich.

Theophano:

Mir scheint, du siehst
stets nur den Kaiser.

Eudokia:

Er ist so schön.
Wenn am Altar er steht –
nur die Flügel fehlen ihm,
daß er ein Engel wäre.

Theophano:

Seit wann, verkappte kleine Heidin,
glaubst du an Engel?

Eudokia (spitzbübisch):

Wenn Engel – Männer sind.

Theophano

(lacht; dann plötzlich ernst werdend, erhebt sie sich und tritt dicht vor Eudokia):

Ehrgeizige Närrin!

Schau ich in deine listige Seele:
Daß du mir Kaiserin werden willst?

Eudokia

(verbeugt sich tief, indem sie mit den Händen eine abwehrende Geste macht).

Theophano (herrisch):

Sag mir's noch einmal,
wie schon so oft:
Wo stammst du her?

Eudokia:

Aus Athen.

Theophano:

Wer ist dein Vater?

Eudokia:

Ein Philosoph.

Theophano:

Ein Schwätzer von Beruf (lacht höhnisch, kehrt zu ihrem Sitz zurück, plötzlich umgestimmt):

Eudokia,
du willst meine Freundin sein
und hast ihn nicht einmal angeseh'n!

Eudokia (neben ihrem Sessel knieend):

Wen, meine Prinzessin?

Theophano (ihren Arm umklammernd):

Wen? – Harald!

Eudokia:

Das blonde Bild!

Theophano:

Das blonde Bild!
Ich zittere, es in meinen Armen
zum Leben zu erwecken. –
Was weißt du, spielendes Kätzchen,
von Weiberschmerzen? –

(Mehr für sich, als zu ihr):

An diesem Hof,
wo alles Spiel ist:
Liebe und Haß,
Wollust und Mord –
geh' ich umher und suche
den schauernden Ernst der Lust;
suche ich den,
der meine Seele trunken macht.
Schamlos wie je ein Weib,
schäm' ich mich mehr als je ein Weib,
daß ich mich immer verschwendet habe,
Reichtum nie mit Reichtum getauscht.

(Mit ihren Fäusten ihre Brust schlagend):

Wieder die Stimme,
die mich verlockt: Bist du's,
der meine Seele trunken macht?

Eudokia:

Wessen bedarf es,
als eines Winks,
daß er zu deinen Füßen liegt?

Theophano (aufstehend):

Nein! –
Wenn mein Bruder nicht wäre,
der liebe Narr,
der in weißen Wolken wandelt!
Er ist sein Freund –
ich wag' es nicht.

Eudokia:

Wag' es nur immer!

Theophano (herrisch):

Schweig!

(Es tritt eine plötzliche Stille ein. Man hört von draußen verworrenen Lärm, der sich nähert.)

Eudokia (den Gang hinabspähend):

Der Kaiser!

Alexios

(mit großem Gefolge durch das Tor im Hintergrund. Auf seinen Wink bleibt alles in der Tiefe der Bühne zurück. Er selbst kommt, nur von Harald gefolgt, den Gang herauf).

Theophano (verbeugt sich tief).

Eudokia (fällt zur Erde).

Alexios

(macht an der Ecksäule halt, küßt das Bild und kniet davor nieder, in langes, brünstiges Gebet versinkend).

Harald

(hinter ihm stehend, heftet seine Augen unverwandt auf Theophano).

Theophano

(richtet sich wieder auf und erwidert seinen Blick).

Alexios

(erhebt sich nach einer geraumen Weile, macht das Zeichen des Kreuzes und wendet sich dann endlich zu Theophano, die sich wiederum tief verneigt. Er hebt sie auf und küßt sie auf die Stirn):

Theophano,
geliebte Schwester.
Nicht der Kaiser,
der Bruder kommt zu dir.
Lass' mich ein Weilchen bei dir sein!

Theophano (auf einen Sessel weisend):

Mein kaiserlicher Herr und Bruder!

Alexios (sich niederlassend):

Sitzen – ach ja!
Ich bin so müd' – und traurig.

(Vor sich hinstarrend):

Die Bosheit einer Welt
Liegt schwer auf meinem Herzen.
Grinsende, feile Begierde
seh' ich in jedem Aug',
geifernde, tückische Rache
lauert in jedem Wort.
In einer Wolke von Weihrauch
spür ich geheimes Gift.
Ich flüchte mich zu dir,
Theophano –

Theophano

(die, vor ihm stehend, den hinter ihm stehenden Harald nicht aus den Augen gelassen, schrickt leicht zusammen und beugt sich über seine Hand):

Mein Herr und Bruder!

Alexios (abwehrend):

Nicht so, Schwester!

(Er erblickt Eudokia, die noch immer kniet.)

Wer ist das dort! – Steh' auf!

Eudokia (erhebt sich).

Theophano:

Eudokia, meine Dame
und Freundin auch.

Alexios:

Komm!
Wenn du der Schwester Freundin bist,
bist du mir lieb.
Woher bist du?

Eudokia:

Aus Athen.

Theophano:

Eines Philosophen Töchterlein.

Alexios (unangenehm berührt):

Athen ist schlimm. Und Philosophen
sollten nicht Töchter haben.

Eudokia:

Ich möcht' ein Leiden kennen,
um meine Herkunft abzubüßen.

Alexios (aufstehend):

Nicht leiden! Der Herr am Kreuz
hat für uns alle alles einst gelitten,
damit die Welt des Leidens ledig sei.

Eudokia:

Wenn Leiden aber Wonne wäre?

Alexios (ungeduldig):

Nein!
Ich will das reine Glück der Welt.
Die Welt will Wermut in den Wein.

(Sich zu Theophano wendend):

Schwester!
Du fühlst wie ich.
Wenn mich keiner versteht,
du kannst nicht mißverstehen.
Du bist ich,
ich bin du.
Zwillingsgeschwister sind eins.
Aus aller Not
flieht mein Herz zu dir,
flieht es zu sich selber,
findet sich wieder bei dir.

(Er faßt sie bei der Hand und tritt mit ihr in den Garten hinaus.)

Eudokia (sich Harald nähernd):

Ob ich den Kaiser gekränkt?

Harald

(in den Garten starrend, abwesend):

Der Kaiser ist gut.

Eudokia:

So schön ist er und traurig.

Harald (wie oben):

Schön ist Theophano.
Die Düstere möcht' ich leuchten seh'n.

Eudokia (zugleich):

So schön ist er und traurig.
Ich möcht' ihn lachen seh'n,
den traurigen Kaiser.

Alexios

(winkt Harald mit erhobener Hand).

Harald (tritt eilig hinaus).

Eudokia (in zitternder Erregung):

Einmal – einmal –
ein glückliches Wort
schenkt mir, ihr hehren
Götter auf heimischer Burg!
Oder auch du, heilige Jungfrau!
Schenkt mir das Wort!
Wer es auch sei,
ich will ihn preisen,
will zu ihm beten,
wie nie ich getan.
Dirnen haben den Thron bestiegen,
Gauklerinnen schon Kaiser gebannt –
ich will hinauf,
ich will siegen:
Götter – Satan –
schenkt mir das Wort!

Alexios

(kommt beruhigt und glücklich durch den Garten geschritten, hier einen Strauch liebkosend, dort sich zu einer Blume beugend).

Eudokia (leise):

Wie schön er ist! –
Schenkt mir das Wort! –
Das Wort!

Alexios (für sich):

Wie ich die Stille liebe
und dieses Gartens Duft! –

(Eudokia gewahrend und zu ihr tretend):

Hab ich dir wehgetan,
Kind von Athen?

Eudokia:

Was du auch tust,
ist selige Wohltat, Herr.

Alexios (sie aufhebend):

Keinem möchte ich Schmerzen bereiten,
und wenn ich strafe,
blutet mein Herz!

Eudokia:

Straf mich wieder!
Strafe mich immer!
Strafe von dir ist köstliche Lust.

Alexios:

Bist du so böse, Kind von Athen?

Eudokia (leise):

Ja, ich bin bös. Deine himmlische Güte
hat mich, wie bös' ich bin, erst gelehrt.

Alexios:

Lästere nicht!

Eudokia (sich vor ihm niederwerfend):

Sei barmherzig!
Tritt in den Staub mich!
Und ich küsse den heiligen Fuß.

Alexios (zurückweichend):

Wesen, wer bist du?

Eudokia

(außer sich, ihm auf Knien nachrutschend):

Ich bin ein Weib.
Ich kann leiden,
ich kann beglücken,
kann beglücken und leiden in eins.
Gib mir die Stunde,
daß ich dir's weise,
daß ich das süße
Geheimnis dir enthülle,
das Geheimnis,
wie ich gekreuzigte Göttin dir bin.

(Sie umschlingt seine Knie.)

Alexios (aufschreiend):

Satan, Satan,
weiche von mir! –
Christ, Überwinder
höllischer Mächte,
stehe mir bei! –
Hinaus, hinweg,
Höllendirne!

(Zu Theophano, die mit Harald herbeieilt):

Schick sie hinweg noch diese Stunde!
Schick sie ins Kloster!
Ein Meer dazwischen!
Daß ich niemals wieder
einen Boden mit ihr trete!

(Er geht in höchster Erregung, von Harald gefolgt, durch den Gang ab. Das Gefolge läßt ihn hindurch und schließt sich an.)

Eudokia (liegt vernichtet am Boden).

Theophano

(steht an eine Säule gelehnt und betrachtet sie höhnisch):

Kleine Eudokia,
listige, kluge,
ist dir dein Streich mißglückt?

Eudokia

(auf den Knien zu ihr herankriechend):

Gnade, Gnade!

Theophano:

Kleine Tochter
des Philosophen
streckt ihre Hände
der Krone zu.

Eudokia (näher):

Nicht ins Kloster!
Hab' Erbarmen!
Lass' deine Magd,
deine letzte, mich sein!

Theophano:

Alles weiß sie,
die list'ge Dirne.
Nur, daß das Gold
der Krone brennt,
dieses eine wußte sie nicht.

Eudokia:

Lass' mich die niedrigsten
Werke verrichten!
Nur aus Byzanz
verbann mich nicht!

Theophano:

Was kann ich tun,
da der Kaiser gesprochen?

Eudokia:

Dich liebt der Kaiser
mehr als sein Leben.
Leid' es nicht,
daß ich fern vergehe.
Sprich du ein Wort,
ein einziges nur –

Theophano:

Warum nur sollt' ich?

Eudokia

(da Theophano lacht, mit flehend emporgehobenen Händen):

Lass' einen großen
Dienst mich dir tun!
Etwas gewaltiges,
etwas, das niemand anders dir tut!

Theophano

(sie plötzlich bei den Händen fassend):

Etwas, das niemand anders mir tut?
– Schaffe ihn mir!
Den blonden Waräger!
Schaff' ihn zur Stunde
hierher zu mir!
Such' ihn und hol' ihn,
wo du ihn findest;
hol' ihn vom Sessel
des Kaisers hinweg!
Denn ich begehre ihn
mit meiner Seele
heißesten Gluten.

Eudokia (aufstehend):

Ich schaff' ihn dir. (Ab.)

Theophano

(tritt an die große Tür links und schlägt ein Gong. Der Haushofmeister erscheint.)

Haushofmeister:

Was befiehlt die große Prinzessin?

Theophano:

Sklaven und Tänzer herbei! Ich fei're heut
ein Fest.

Haushofmeister

(verbeugt sich und steht zögernd).

Theophano (ungeduldig):

Was zögerst du?

Haushofmeister:

Herrin, bange Sorge treibt mich, zu reden.
Es droht Gefahr.

Theophano:

Wem? Mir?

Haushofmeister:

Dem Kaiser.

Theophano:

Wie? Woher?

Haushofmeister:

Rings im Palaste wispert Verrat,
und das Volk auf der Gasse draußen
wartet, daß einer ihm das Zeichen gebe.

Theophano:

Sind sie des Psalmenbetens müde?

Haushofmeister:

Er ist der Kaiser nicht von Byzanz, er ist ein Priester.

Schwerer dünkt dem Volk sein Joch als harte Fron.
Soeben erließ er den Befehl, der in Byzanz
für einen Monat Tanz, Lustbarkeit und weltlich Spiel verbietet,
damit das Volk in stiller Buße für seine Sünden um Vergebung flehe.

Theophano:

Was sagst du? Das befahl er?

Haushofmeister:

Soeben hat er die Archonten versammelt
und ihnen seinen kaiserlichen Willen kundgetan.
Darum erschreckt es mich, daß du o Herrin,
heut Abend hier ein Freudenfest befiehlst.

Theophano (herrisch):

Tu, was ich dir sagte!

(Nimmt einen goldenen Reif von ihrem Arm und gibt ihn ihm):

Und sei bedankt!
Heute will ich lustig sein.
Morgen – vielleicht – – –
– – Wie sagte er? – – (im Abgehen für sich):
Draußen wartet das Volk,
„daß einer ihm das Zeichen gebe“ – –

(Ab durch die Tür links.)

Haushofmeister

(klatscht in die Hände).

(Sklaven erscheinen, die auf seinen Befehl das Tor im Hintergrunde schließen und einen starken Querbalken davor legen. Andere ziehen währenddessen die Vorhänge zu und entzünden Lichter in der Halle. Tänzer und Tänzerinnen kommen aus der mittleren Tür, stehen in Gruppen zusammen, schwatzen und versuchen Stellungen, Tanzschritte. Unterdrücktes Gelächter. Der Haushofmeister treibt sie allgemach in den Garten hinaus. Die beiden Neger, halb nackt, treten, bloße, breite Schwerter vor den Leib haltend, in den Gang und schließen ihn nach rückwärts ab. Haushofmeister und Sklaven verschwinden.)

Eudokia (aus der mittleren Tür).

Harald

(hinter ihr, von ihr an der Hand gezogen; er ist befangen. Sie stehen wartend bis Theophano aus der Tür links erscheint.)

Theophano

(aus der Tür links).

Eudokia (zu ihr hin):

Süßeste Herrin,
dein Wunsch ist erfüllt.

Theophano

(ohne auf sie zu achten, Harald mit flammenden Blicken messend):

Wie ich ihn liebe,
der meine Seele trunken macht?

Eudokia:

Süßeste Herrin,
du hast mir versprochen –

Theophano:

Wie ich ihn liebe! Wie er schön ist!

Eudokia:

Süßeste Herrin,
wirst du nun Gnade
deiner treuesten Dienerin leih'n?

Theophano:

Ist das die Stunde für Sklavenwünsche,
wenn die Herrin im Fieber glüht?

Eudokia:

Süßeste Herrin, ein Wort nur –

Theophano:

Kupplerin! Weiche!
Sonst lass' ich dich peitschen.

Eudokia:

(taumelt empor, zur Tür links, wirft einen haßerfüllten, drohenden Blick zurück und verschwindet).

Theophano

(steht und schaut Harald unverwandt an).

Harald

(läßt sich zögernd auf ein Knie nieder).

Theophano (schnell zu ihm hin):

Knie nicht, du Tor!
– Du süßer Tor!
Du sollst in mir
nicht die Prinzessin seh'n.

Harald (leise):

Ich seh in dir
das schönste Weib der Erde.

Theophano (ebenso):

Harald!

(Ergreift ihn bei der Hand und führt ihn zur Marmorbank.)

Harald

(sitzt am äußersten Ende der Bank, nach dem Garten hin):

In jenen Klostermauern,
da meine Jugend wuchs,
sah ich mit Augen nur ernste Mönche,
hört' ich mit Ohren nur Singen und Beten.
Doch in mir lebte ein andres Leben;
woher mir's gekommen, ich weiß es nicht.
Brennende Sehnsucht lohte in mir
nach Glanz und Pracht,
nach rauschenden Festen,
nach stürmischer Stunden süßer Gewalt.
Und schöne Frauen
schritten durch meine Träume,
liebreich und hold,
daß mir die Tränen entstürzten,
wenn ich jählings erwacht.
Dann kam die Stunde – dann kam Byzanz:
Und ich sah dich, Theophano!
Du Strahlende,
vor dir versinkt die Pracht Byzanz',
Du einzig Schöne, mit dir
will ich die purpurnen Feste feiern,
die meine trunkene Seele sah.

Theophano:

Mit mir
sollst du die purpurnen Feste feiern,
die deine trunkene Seele sah.

Harald:

Theophano!

Theophano:

Harald!

(Sie umarmen sich. Dann reißt sie sich von ihm los, läuft die Stufen hinauf zum Pavillon. Sich von oben über ihn beugend):

Sünder!
Böser Sünder!
Was wird der Kaiser sagen,
wenn er dich so erblickt?

Harald

(den Kopf rückwärts an die Rundung der Pavillonmauer gelehnt, zu ihr hinauf):

Der Kaiser?
Lass' ihn beten
zu seinen Heiligen!
Ich, ich bete zu dir.

Theophano:

Zitterst du nicht, ihn tötlich zu kränken?

Harald:

Waräger zittern nie.

Theophano:

Er ist der Herr der Welt.

Harald:

Hab' er die Welt!
Eins hat er nicht,
nicht die köstliche Schwester,
die mir sich neigt.

Theophano:

Höhnst du ihn noch?

Harald:

Ich lache sein.

Theophano:

Kannst du ermessen,
wie edel heiliges Kaisergeblüt?
Menschen leben im Staub der Erde,
bäumen sich, strecken sich
nach dem Erhabenen,
fallen zurück ins klanglose Nichts.
Purpurgeborne schreiten in Höhen,
Kaiserthrone stehen erhaben
an den Pforten des Himmelssaals,
Kaiserblut ist Gotte verwandt.

Harald:

Wenn ich einst alt bin
will ich wohl glauben
an einen Himmel wie ihr – vielleicht.
Vielleicht auch kehr' ich
zur Heimat zurück.
Dort gibt's keinen Himmel,
noch Engel und Psalmen.
Odin tafelt beim Becherklang
in Walhalls fröhlichen Räumen.

Theophano:

Hier oben ist Walhall.
Komm herauf zu mir!

Harald

(aufstehend und sich an die Mauer lehnend):

Noch bin ich im Leben.
Komm herab zu mir!

Theophano:

Helden müssen den Himmel stürmen.

Harald:

Sterbliche Weiber müssen sich neigen.

(Er steht am Fuße der Treppe, mit ausgebreiteten Armen.)

Theophano

(fliegt die Stufen herab in seine Arme).

Beide:

Höchste Wonne, im Sturm zu stehen,
kühn den taumelnden Kopf gereckt!
Höchste Wonne, in Liebe vergehen,
Wenn die Flamme zum Leben erweckt

(Theophano rührt an den nächsten Vorhang. Alle Vorhänge fliegen mit eins zurück. Der nächtliche Garten liegt in magischer Beleuchtung. Tänzer und Tänzerinnen stehen als Götterstatuen in den Nischen der rückwärtigen Mauer: in der Mitte Aphrodite, rechts Apollo, links Dionysos. Die übrigen Tänzer und Tänzerinnen als verehrende Festversammlung davor liegend und knieend. Apollo steigt zu ihnen herab und führt sie an zu einem Tanz voll strenger Schönheit. Dann mischt sich Dionys dazwischen. Wilde rauschende Lust quillt auf. Theophano mischt sich in den Strudel der Tanzenden. Alle fallen, ihr huldigend, zu Boden. Sie allein tanzt weiter. Harald springt dazwischen, fängt Theophano auf und trägt sie zur großen verhangenen Tür links. In diesem Augenblicke wird der Vorhang von oben nach unten gerissen, fällt zur Erde und bauscht sich um die Füße des)

Alexios

(der totenbleich im Türrahmen steht. Hinter ihm)

Bewaffnete

(dazwischen)

Eudokia.

Harald

(lacht wild auf und preßt Theophano an sich):

Heissa! Schätzchen!

Dein frommer Bruder
kommt zur Hochzeit.

Alexios:

Reißt das doppelköpfige
Tier entzwei!

Bewaffnete

(stürzen sich auf die beiden und reißen sie auseinander).

Alexios:

In Ketten ihn!
Und in den tiefsten Kerker!

Harald (wird abgeführt).

Alexios:

Theophano!

Theophano

(ohne ihn zu beachten, zu Eudokia):

Kleine Tochter des Philosophen,
hast du dein Mütchen gekühlt?

Alexios:

In ihr Gemach!
Wächter davor – (Er wankt.)
kein Mensch soll sie sprechen – (Er will fallen.)

Eudokia

(springt vor und will ihn halten):

Angebeteter –

Alexios (schleudert sie weg):

Rühr' mich nicht an!
Verfluchte!

Vorhang.