2. Einfluß des Lichtes auf den gesunden Menschen.

So mannigfach wie das Licht in der unbelebten und belebten Welt sich wirksam erweist, so vielfach ist auch sein Einfluß auf den Menschen. Durch zwei Pforten tritt das Licht in den Körper ein, durch die Augen- und durch die Hautpforte. In der Bahn des Sehnerven werden quantitativ und qualitativ verschiedene Sinneseindrücke zum Gehirn geleitet und durch Vermittlung der Psyche, der Stoffwechsel, die Atmung, das Gefäßsystem beeinflußt, von den Hautnerven aus wird der Lichtreiz zu den nervösen Zentralorganen geleitet und von dort den Muskeln und Drüsen mitgeteilt. Da aber das Hautorgan für Licht durchgängig ist, so äußert es auch direkte Tiefenwirkung. Das Licht ist also einerseits wie die Kälte oder Hitze des Wassers ein Bewegungsreiz, der bei dem Abhängigkeitsverhältnis der inneren Organe von dem Hautorgan von der Oberfläche aus reflektorisch das Innere des Körpers trifft und beherrscht, andererseits ein direkter örtlicher Reiz für die getroffenen in der Tiefe gelegenen Gewebe. Auf diesem Wege ruft das Licht bestimmte Veränderungen in den Organen hervor, wird aber auch selbst verändert.

Die Haut ist bekanntlich mit einem ungemein großen Blutgefäßnetz begabt. Dieses wird durch den Lichtreiz stark erweitert und die Haut so chronisch gerötet. Mit der starken Durchblutung des Hautorgans erfahren nicht nur die inneren Organe eine erhebliche Entlastung, sondern das Hautorgan tritt in den Zustand erhöhter Funktionstätigkeit, es atmet stärker, scheidet stärker aus etc. Ist die Belichtung eine sehr intensive auf längere Zeit, so entzündet sich die Haut leicht und zeigt die Erscheinungen des Sonnenbrandes. Die Haut ist stark gerötet, schmerzt und zeigt schließlich Blasenbildung, nach drei bis vier Tagen beginnt sie sich zu schälen, die rote Farbe wird bräunlich. Die neue Haut ist nicht abnorm lichtempfindlich.

Wirkt das Licht allmählicher, so bräunt sich langsam die Haut entweder umschrieben in der Form der Sommersprossen oder allgemein. Der Vorgang der Bräunung beruht auf der Wirksamkeit der chemischen Lichtstrahlen und ist eine Schutzvorrichtung gegen das Zuviel der Lichtnahrung, denn der Hautfarbstoff (Pigment) verschluckt die chemischen Lichtstrahlen. Je stärker der Mensch gebräunt ist, um so weniger hat er unter der Lichtwirkung zu leiden. Daher finden wir auch die Menschen, je näher sie am Aequator wohnen, stärker gebräunt, weil sie des Lichtschutzes benötigen. Je länger und je intensiver das Licht auf die Haut wirkt, um so dunkler wird das Braun derselben. Die Dunkelfärbung ist aber Ursache, daß größere Wärmemengen in den Körper eintreten können. Die Ueberhitzung wird durch stärkere Schweiße ausgeglichen. Die Kleidung kann die Hautbräunung nicht ersetzen, denn helle Kleider bieten dem Lichte zu wenig Widerstand, dunkle Kleider saugen zu viel Wärme auf.

Wie das direkte Sonnenlicht, so wirkt auch das elektrische Bogenlicht und ferner das reflektierte Licht, wie die Erscheinung des Gletscherbrandes beweist.

Auf dem Wege ins Innere des Körpers begegnet das Licht einem Hindernis, dem Blutorgan, welches die chemischen Strahlen zum Teil verschluckt. Trotzdem dringt noch ein genügend großer Lichtvorrat in den Organismus ein, um wirksam zu werden. Der Blutfarbstoff der roten Blutscheiben vermehrt sich unter Lichtwirkung und der Zellen- und Gesamtstoffwechsel wird erhöht. Quinckes Versuche bewiesen, daß durch Belichtung der Aufbau und der Abbau der Stoffe schneller und ausgiebiger erfolgt, als im Dunkel. Ferner wurde nachgewiesen, daß beim nackten, belichteten Körper der Stoffwechsel schneller ist, als beim bekleideten und zwar um so rascher, je mehr direktes Sonnenlicht den Körper trifft. Also auch in dieser Beziehung beweist sich die Bekleidung als ein Hindernis für den natürlichen Ablauf der Körperfunktionen auf Lichtwirkung.

Eine sehr augenfällige Wirkung des Lichts ist die Beeinflussung des Wachstums. Haare und Nägel wachsen im Lichte schneller als im Dunkeln. Das Wachstum der Kinder bleibt in sommerarmen Monaten fast gänzlich stehen, Bewohner von lichtarmen Kellerwohnungen und von lichtarmen, tiefgelegenen Gebirgstälern bleiben in der Entwicklung zurück.

Nicht minder deutlich ist die Einwirkung des Lichts auf die Psyche. Wie gedrückt ist die Stimmung der meisten Menschen bei bewölktem Himmel, wie reizvoll und belebt erscheint uns die Natur, und wie kraftvoll fühlen wir uns selbst, sobald nur ein heller Sonnenstrahl durch die Wolken bricht! Kein Wunder, daß die Mehrzahl der Selbstmorde in den lichtarmen Monaten passieren! Nur kranke Menschen sind lichtscheu, gesunde Menschen haben ein hohes Lichtbedürfnis.

Die Macht des Lichtes wird uns recht erkennbar, wenn wir die Kraft und Schönheit derjenigen Völkerrassen vergleichen, welche unbekleidet dem Lichte und der Luft ausgesetzt sind, wie Neger und Indianer, mit dem kranken und unschönen Aussehen der Eskimos.

Rechnen wir zu allen angeführten Lichtwirkungen noch die Wärmewirkungen des direkten und diffusen Sonnenlichtes, so müssen wir die Sonne als die größte Wohltäterin der Menschheit erkennen.

Als solche erweist sich dieselbe nicht nur dem gesunden, sondern ganz besonders auch dem kranken Menschen gegenüber.