7. Welchen Nutzen hat der kranke Mensch vom Luftbade?

Um die Frage, ob der kranke Mensch Nutzen vom Luftbade hat, korrekt zu beantworten, müßte ich eigentlich ein Buch für sich schreiben. Der Rahmen dieser Blätter gestattet nur eine mehr summarische Beantwortung.

Nur wenige Hautkranke gibt es, welche bei richtiger Ausnutzung des Luftbades von demselben keinen Vorteil haben. Alle diejenigen Patienten, denen die Haut brennt, schmerzt, juckt und sonstige abnorme Empfindungen verursacht, finden sehr schnelle Linderung und schließlich Heilung, wenn sie Schattentemperaturen und die kühleren Temperaturen der Frühjahrs-, Herbst- und milderen Winterszeit benutzen. Je nach dem Kräftezustand des Körpers und nach dem Kältegrad und Luftfluß der Atmosphäre sollen sich die stärkere oder schwächere allgemeine Körperbewegung machen. Das Hautorgan wird durch den Wetterreiz einerseits und durch die Muskelbewegung andererseits in Bewegung gebracht, gymnastiziert. Durch diese direkte und indirekte Hautgymnastik, die gleichzeitig die Vorteile der Körpergymnastik und der Abhärtung mit sich bringt, wird die Ursache der abnormen Hautempfindungen beseitigt. Die kühlen Lufttemperaturen wirken bei denjenigen Kranken, die infolge einer akuten Hautentzündung ein ausgesprochenes Gefühl der Hitze und der Spannung haben, ebenfalls ungemein angenehm und heilend. Diese entspannende und kühlende Luftwirkung kann man durch zuvoriges Einölen mit irgend einem gereinigten Oel erheblich unterstützen. Auch da wo die Haut rauh und rissig geworden ist, soll man zuvor tüchtig und wiederholt einölen, sonst würde sie namentlich bei etwas stärker bewegter Luft noch rissiger und eventuell blutend. Diese Behandlung empfiehlt sich besonders bei Rotlaufkranken, die jede Temperatur und jede Lichtstärke der Luft benutzen können, nur die Oelung der Haut vorausgesetzt. Einen auffallend schnellen und unkomplizierten Verlauf beobachtet man bei allen denjenigen Fieberkranken, welche gleichzeitig einen Ausschlag am Körper zeigen, der im ursächlichen Zusammenhang mit der Fiebererkrankung steht, z. B. bei Masern-, Scharlach-, Pocken-, Typhuskranken, die vorwiegend einer Sonnenbehandlung unterworfen werden. Umhüllt man diese Kranken mit dünnen porösen roten Schleiern, schützt ihre Augen durch farbige Gläser, läßt sie selbstverständlich in absoluter Ruhelage und wechselt je nach der Intensität der Körperreaktionen mit Schattentemperaturen und leichteren Wasserapplikationen, so ist ihre Genesung eine schnellfortschreitende und vollständige.

Die Kranken, deren Haut das Symptomenbild des sog. Exzems mit oder ohne bakterielle Komplikation zeigt, bedienen sich in allen Stadien der Erkrankung mit Vorteil des Lichtbrandes, dem sie sich in möglichst ausgiebiger Weise viele Stunden aussetzen. Nässung, Schuppung etc. verschwinden, die kranke Haut wird auf dem Wege der Entzündung durch eine neue gesunde Haut ersetzt. In ähnlicher Weise gesunden Kranke, bei welchen in das geschwächte Hautorgan von außen Bakterien eingedrungen sind und dort ihr Parasitenleben auf Kosten des Organismus führen. Besonders deutlich sichtbar ist die Genesung der Kranken mit Schuppenflechte. Auch bei denjenigen Menschen, deren Haut wassersüchtige Schwellung zeigt, erweist sich die ausgiebige Belichtung und die windige heiße trockene Luft als unschätzbares Heilmittel. Die vorteilhafte Behandlung Lupuskranker und Patienten mit Hautkrebs mit dem Sonnenbrand ist wohl allgemein bekannt.[7] Auch Hautwunden und selbst tiefere Wunden, die von der Oberfläche aus zugänglich sind, heilen unter Besonnung und Eintrocknung ungemein schnell und ergeben ebenso wie bei Lupus und Hautkrebskranken schöne glatte Narben. Auch die Wintersonne genügt in ihrer Intensität, wofern man nur ausgiebig die wenigen Sonnenscheinstunden ausnutzt.

[7] Vergl. Rieder, Prof. Dr. H., Die bisherigen Erfolge der Lichttherapie. Verlag von Ernst Heinrich Moritz, Stuttgart. Preis 75 Pfg.

Von auffallend günstiger Wirkung ist die Luftbadbehandlung bei allen Stoffwechselkranken; sie ist am stärksten an lichtvollen, windigen Tagen, zumal wenn sie mit individueller Körpergymnastik und individuell angepaßten Wassermaßnahmen vereinigt wird. Zuckerkranke, Fettsüchtige, Rheumatiker, Gichtiker, Blutarme, Bleichsüchtige, Rhachitische, Skrofulöse etc. verlieren relativ schnell die fehlerhafte Verarbeitung der Körperstoffe.

Bei denjenigen Menschen, bei welchen der Stoffwechsel derart darniederliegt, daß sie schlecht ernährt und siech sind, empfiehlt sich eine häufige leichte Massage in der Sonne.

Bei Nervenkranken ist vorzüglich das farbige Licht je nach dem Erregungszustand der Nerven zu wählen. Diejenigen Centren, welche den Sitz der Erkrankung darstellen, sind besonders vor den chemisch wirksamen Strahlen zu schützen und erst allmählich an dieselben zu gewöhnen. Kühlere Temperaturen, besonders der frühen Morgenstunden werden von Nervösen im Luftbade im Allgemeinen angenehmer empfunden und wirken schneller erholend. Fernhalten aller Luft- und Licht-Kontraste, verbunden mit absoluter Ruhe und öfteren einförmigen Reizen im Anfange, sodann bei fortschreitender Erholung Gymnastik der Sinne durch Naturbeobachtung, verbunden mit Atemgymnastik im Liegen, sodann mit leichter Streichmassage und Passiv- und Förderungsbewegungen, sodann Aktiv-Bewegung durch Nacktbeschäftigungsbehandlung der Gartenarbeit, dazu milde Wasserbehandlung und schließlich systematisch aufsteigende aktive Freiluftgymnastik, bis Gewöhnung an sämtliche Luftfaktoren, so besonders auch an ausgiebige Lichtfülle und starke Licht-Luftkontraste eingetreten ist und eine energische Körperbetätigung spielend geleistet wird, garantieren die Heilung. Neben dieser Behandlung ist eine seelisch individuell angepaßte Suggestionstherapie mit eventueller Benutzung der Hypnose anzuraten. Lungenschwache sollen vorsichtige Lungengymnastik zunächst unter teilweiser Entblößung treiben und scharfe Luftkontraste vermeiden, allmählich dreister werden, bis das Hautorgan als Hülfslunge genügend erzogen ist. Besonders Schwindsüchtige mit und ohne Tuberkelbazillencomplikation sollen so vorsichtig beginnen und anfangs warme, trockene, staubfreie, womöglich ozonreiche und lichtstarke Luft bevorzugen.

Von längeren Freiluft-Liege-Kuren habe ich weniger Vorteil gesehen. Ist die Neigung zu reichlichen Schweißen und zu Blutungen vorüber, dann sollen sie dreist jede Lufttemperatur und jeden Luftwechsel selbstverständlich staubfreie Luft und stärkere Atemgymnastik und schließlich Allgemeingymnastik und Dauerlauf zur Genesung benutzen. Eine vorsichtige örtliche und später allgemeine Wasserbehandlung begünstigen die Genesung. Patienten mit Lungenerweiterung sollen bei erschwertem spärlichem Abhusten feuchte Luft bevorzugen und hauptsächlich forcierte Ausatmungsgymnastik betreiben im Gegensatz zum Einatmungs- und Atemhalten-Training Schwindsüchtiger. Die erfolgreiche Freiluftbehandlung Keuchhustenkranker ist wohl bekannt genug, um hier noch weiter erörtert zu werden.

Von geradezu verblüffendem Erfolg ist die Freiluftbehandlung Herzkranker, bei welchen man das Herz durch blaue Herzkühler schützt. Auch bei ihnen beginne man mit milderen Temperaturreizen, obwohl man die Wärme- und Lichtstauung des Körpers nicht sonderlich zu fürchten braucht. Hat der Herzkranke Gelenkerscheinungen, rheumatische Schmerzen, Blausucht, Eiweißharnen, wassersüchtige Symptome, so schalte man ebenso wie bei Nierenkranken feuchte und kalte Luft in der Behandlung aus, man denke jedoch daran, daß der Kranke nicht eher als gesundet betrachtet werden kann, als bis er auch an diese Luftfaktoren wieder gewöhnt ist. Massagebehandlung, individuelle Wasserbehandlung, Diät, passive und Förderungsgymnastik, später Aktivgymnastik, besonders der Rotationsbewegungen der Extremitäten (keine Rumpfgymnastik), Atmungstraining sind unterstützende Heilfaktoren.

Infektions-, Vergiftungs- und Verdauungs-Kranke der verschiedensten Art sind nicht minder erfolgreich bei richtiger Ausnutzung der Lichtluftfaktoren als unterleibskranke Frauen; bei jenen sind die örtlichen hydrotherapeutischen und insbesondere die diätetischen Maßnahmen, bei diesen neben örtlicher Hydrotherapie (Wasserbehandlung) vor allem die Thure Brandt-Massage und Gymnastik unterstützende Hilfsmittel.

Selbstverständlich ist es wohl, daß diejenigen Menschen, deren Krankheitserscheinungen wir mit dem Namen der Erkältungskrankheiten bezeichnen, gerade durch Anwendung der Luftfaktoren am schnellsten genesen und durch Gewöhnung an die Luftfaktoren einer Wiederkehr der krankhaften Reaktionen ihres Körpers vorbeugen.

Nicht unwichtig ist der Umstand, daß diejenigen Menschen, die unter der Behandlung der Luftfaktoren ihre Gesundheit wiedergewonnen haben, mit denselben umgehen und ihrer individuellen Körperveranlagung anpassen lernen, also den guten Zustand ihres Körpers zu erhalten wissen und diese Gesundheitsarbeit spielend und frohsinnig in bester seelischer Verfassung geleistet wird.