Hotel Laubhaus.
Die Szene spielt in einem Laubhaufen, der nahe einer Kirchhofmauer liegt. Durch die braunen und roten Blätter fällt von draußen Sonnenlicht wie durch tausend bunte Fenster. – In dem Laubhause wohnen: Der Käfer. – Die Fliege. – Die Schnecke. – Die Raupe. – Später kommt noch eine Spinne und zuletzt der Herbstwind dazu.
Käfer (träumerisch):
Nun wollen wir schlafen! Wie schön das rote Licht ist! Ich habe einmal in eine Schlafstube der Menschen gesehen, wo eine rote Ampel brannte. Das Licht war nicht schöner als dieses.
Fliege (mißmutig):
Dummer Junge, sei bloß still von den Menschen und den Lampen! Die Menschen fangen uns, und die Lampen verbrennen uns. (Zur Schnecke): Na, hab' ich da nicht sehr recht, Frau Nachbarin?
Schnecke (stolz):
Ich bin nicht Ihre Nachbarin! (Zur Raupe): Was meinen Sie, vergeben wir uns nicht etwas, wenn wir in demselben Lokal übernachten wie solches … Geschmeiß?
Raupe (seufzend):
Da haben Sie recht, gnädige Frau! Aber was soll man machen? Es ist ja alles schon besetzt sonst! Das wenig saubere Bettzeug hier benutze ich ja bestimmt nicht. Ich puppe mich ein!
Schnecke:
Und ich zieh' mich in mein Privatzelt, das ich glücklicherweise immer bei mir habe, zurück und verschließe die Tür … das ist ja ganz klar!
Fliege (heimlich):
So 'ne hochmütige, dicke Schachtel!
Raupe:
Den Käfer find' ich aber sehr nett. Er sieht aus wie ein Prinz!
Schnecke (mit fauler Stimme):
Ich mache mir nichts aus Prinzen. Sie imponieren mir nicht! (Gähnt.) Ach, ich bin so abgespannt! Ich kann auf keinen Fall mehr umziehen, und wenn ich hier noch so geniert bin. Es ist ein rechter Jammer für eine Dame von Stande.
Raupe (mit Bezug auf die Fliege):
Sehen Sie doch, gnädige Frau, diese gewöhnliche Person sucht sich wirklich das allerschmutzigste Blatt zum Bette aus.
Schnecke:
Ah, sie widert mich an! Ich kann gar nicht sagen, wie ich in so ordinärer Umgebung leide. Und mich fröstelt auch etwas. Das Beste ist, ich ziehe mich zurück.
Raupe:
Wie lange gedenken gnädige Frau zu schlafen?
Schnecke (schmerzlich):
Ach, nur fünf bis sechs Monate. Dann rufen mich schon wieder meine Pflichten. Gute Nacht, liebes Fräulein!
Raupe (sehr höflich):
Gute Nacht, gnädige Frau!
(Die Schnecke zieht sich zurück in ihr Zelt.)
Käfer (traurig):
Es ist noch goldener Sonnenschein draußen! Aber es ist kalt! Und alle Rosen sind tot! Der Tau auf der Wiese ist weiß und hart, und mich friert. Ach, der Sommer ist weit!
(Die Raupe sieht immer begeistert nach dem Käfer. Draußen tönt von fern herein Singen. Im Laubhause ist's ganz still. Da kommt plötzlich an einem grauen Seile eine Spinne herabgeturnt.)
Fliege (aufkreischend):
Ein Teufel! Eine Hexe! Eine Spinne!
Käfer (bebend):
Eine Spinne! Das ist mein Tod! Ich bin verloren!
Raupe (aufgeregt):
Besetzt! Besetzt! Es ist schon alles besetzt hier!
Schnecke (zur Tür heraus):
Was ist denn los? Was ist denn das für ein Skandal?
Fliege (jammernd):
Lassen Sie mich ein! Lassen Sie mich in Ihr Haus, liebste, gnädigste, herrlichste Frau Schnecke! Eine Spinne! Eine Spinne! O weh, o weh, o weh, o weh!
Spinne (mit lauter Stimme):
Ruhe, ihr feiges Gelichter! Ich freß Euch nicht! Ich bin viel zu satt. (Unheimlich.) Ich bin leider viel zu satt! Ich will hier bloß schlafen. Aber wer ausreißt, den ermurkse ich … jawohl, den ermurkse ich!
Schnecke (für sich):
Ein laß ich keinen! Ich bin ohnehin beengt genug. Seht ihr zu! (Sie verriegelt die Tür.)
Nun greift eine bedrückende Stille Platz. Man hört nur, wie die Spinne ihre feinen Fäden zieht und ihre Knoten knüpft, wie die Beinchen der Fliege zittern und der Käfer rascher atmet. Allgemach beruhigen sich die Tiere, da sie die Spinne nicht weiter beachtet. Draußen aber ist das Singen deutlicher geworden und klingt jetzt ganz nahe vom Kirchhof her.
»Ein Kindlein ist gestorben
Zur Herbsteszeit,
Zu einem andern Frühling
Zog es weit, weit …
Wir aber singen, wir singen
Ein Lied ihm zur Ruh'
Und decken den Sarg mit Erde
Und weißen Astern ihm zu.«
Raupe (in staunender Frage):
Ein Kindlein ist gestorben?
Käfer (schmerzlich):
Ein süßes Menschenkindlein! Ich habe mit seinen weißen Fingern gespielt und bin einmal über seinen goldenen Scheitel gewandert. Und das starb vor drei Tagen, und das ist nun tot!
Fliege (leichthin):
Es wird schlafen wie wir, und im Frühling wird es wieder aufwachen.
Käfer:
Es schläft wohl länger … es schläft viel länger!
Es entsteht eine lange Pause. Unterdes hat sich die Spinne ganz eingehüllt. Im Einschlafen summt sie:
»Der Star ist schwarz, und der Spatz ist grau,
Ich bin eine kluge, fürsichtige Frau,
Ich meide die Spatzen und Stare.
Ich spinne Netze und stelle sie fein,
Da geht mir junges Jagdwild hinein
Im nächsten Jahre.«
Fliege (heimlich zu Raupe und Käfer):
Habt ihr's gehört? Habt ihr's gehört? Wenn sie aufwacht, frißt sie uns zum Frühstück!
Raupe:
Ich bin eher munter als sie und längst davon, wenn sie aufwacht. Ich werde Sie wecken, schöner Prinz!
Käfer (nickt freundlich)
Fliege (bettelnd):
Aber mich auch, mich auch, schönstes, bestes Fräulein Raupe! O bitte, bitte, werden Sie mich auch wecken, noch zur rechten Zeit wecken? Ich bin so langschläfrig!
Raupe:
Nur keine Sorge! Ich werde Sie auch wecken.
Fliege (erleichtert):
O, ich danke schön! O, dann ist alles gut, dann kann ich ruhig schlafen! … Ach, ist das schön in meinem verfaulten Bettlein! Ich wollte, mir träumte von einem großen Düngerhaufen und von lauter Milch und Zucker! (Halb im Einschlafen): Und vergessen Sie nur das Wecken nicht, Fräuleinchen! (Fliege schläft ein.)
Raupe (schüchtern zum Käfer):
Kennen Sie mich nicht, Herr Prinz?
Käfer:
Ich kenne dich nicht, aber du bist schön!
Raupe (freudig):
Sie finden mich schön! Die Menschen sagen, ich sei häßlich.
Käfer:
Das ist nicht wahr! Du hast ein goldenes Kleid und grünseidene Haare … Du bist schön!
Raupe (mit funkelnden Augen):
Und übers Jahr bin ich ein Falter und kann fliegen wie Sie, mein Prinz!
Käfer:
Du wirst ein Falter? Einer mit Sammetflügeln und Diamantsteinen? So ein lichter Himmelsvogel wirst du? O, dann treffen wir uns wieder bei den Lilien und Rosen!
Raupe (begeistert):
Und fliegen und trinken Honigwein und tanzen und leuchten ohne Ende!
Käfer:
Ohne Ende!
Raupe:
Und nun schlafen Sie wohl, mein Prinz!
Käfer:
Wohin willst du?
Raupe:
Einen häßlichen Arbeitskittel muß ich jetzt anziehen, indes ich mein Hochzeitskleid spinne. Häßlich dürfen Sie mich nicht sehen, Herr Prinz! Auf Wiedersehen bei den Lilien und Rosen … mein schöner Prinz! (Sie verkriecht sich tief in einen Winkel des Laubhauses.)
Käfer:
Nun bin ich allein! Nun will ich auch schlafen! Ich wollte, mir träumte von dem jungen Menschenkinde, und ich wollte, es lebte und lachte. Oder ich träumte von dem jungen Falter und den Rosen. (Er legt sich auf ein goldenes Bettlein und schläft.)
Lange Pause. Dem feinsten Ohre nur ist ganz leises Atmen vernehmbar. Da kommt als getreuer Hausmeister der Herbstwind. Vorsichtig schlürft er leise durch die stillen Gänge des Laubhauses und horcht an allen Kammertüren. Wie er sich überzeugt hat, daß alles schläft, schleicht er zurück und schiebt draußen an den Blättern, wie an Türen und Fensterläden, bis das letzte Fensterlein verschlossen, die letzte Tür verriegelt ist.