An der Wegscheide

Seitwärts führte in die Kirche des St. Niklas eine kleine Tür, durch die die Treß zum Gottesdienst gingen. Sie war von eigenartiger Schönheit. Als der Vogt sie aufschloß, um die Herrschaften einzulassen, blieb Frauke Treß stehen und bewunderte das feine Maßwerk, das ein Spitzbogen in erhabener Arbeit krönte. Auch Malte sah flüchtig hin. Er hatte wenig Zeit und war nur gekommen, um vor den andern als gerechtfertigt dazustehen. Von der Musik verstand er nichts, und er betrachtete die Stunde, die er darangab, als ein Opfer.

»Was ist das?« fragte er und deutete flüchtig auf die Figuren in den beiden oberen Winkelfeldern, die gegeneinander die Posaunen hoben.

»Irgendwelche Wesen, die Musik machen«, erwiderte Frauke leichthin.

Er glaubte die Geringschätzung zu hören, die die Poppelmanns für alles empfanden, was nicht zu den führenden Handelshäusern zählte. Schmuck des Lebens, o ja! Aber wer ihn darbot, stand auf andrer Stufe. Und sein leiblicher Bruder! Wohlan, er mochte spielen! Wie Malte urteilen würde, stand bei ihm.

Pastor Thomasius war da, der feine Redner und gewinnende Mensch, der anläßlich des Todesfalls allen nahegetreten war. Als er die Geschwister begrüßt hatte, bat er um die Erlaubnis, dem Spiel lauschen zu dürfen. Er sagte nicht, daß Jörg am vergangenen Abend bei ihm gewesen war; er gab sich, als wäre er zufällig gekommen.

Seine Anwesenheit war Malte nicht willkommen. Er fürchtete, man möchte voreilig von Jörgs Plänen sprechen. Doch Thomasius' Worte verrieten nicht, daß er darum wußte, und schließlich war man hier bei ihm zu Gast.

Sie betraten den Treßschen Kirchenstuhl am Lettner, der im Volksmund der goldene Präsentierteller hieß. Er lag der Kanzel gegenüber. Der silberne Präsentierteller an der andern Seite des Altars war der Sitz der Olrogges.

Das hohe Mittelschiff war vom Sonnenlicht durchgossen. Die Säulenbündel, der buntbemalte Umgang, das hohe Chor mit dem funkelnden Altarschnitzwerk, die Barockfiguren, die in gezierter Haltung den Laienaltar umstanden, die Ambone, alles war von den fröhlichen Strahlengarben belichtet und beglänzt, die der Frühling einer blut- und tränengesättigten Erde schenkte.

Inmitten dieses heiteren Lichtspiels erschien die dunkle Menschengruppe in Trauerflor und schwarzem Tuch wie eine düstere Mahnung des Unvergeßlichen. Wären nur die strahlenden Augen Güldenfeys nicht gewesen! Thomasius, der im Hintergrunde saß, beachtete, mit welchem Entzücken diese Augen die reiche Fülle in sich tranken.

Auf dem Chor, wo die ihrer blanken Pfeifen beraubte Orgel türmte, regte sich nichts.

Malte wurde ungeduldig. »Ich hoffe, er wartet nicht auf Onkel Rolf. Ob er überhaupt hier ist?« wandte er sich an Harro.

Dieser antwortete mit einer Gebärde und blickte zur Orgel auf. In diesem Augenblick setzte das Spiel ein. Ein Schrei, vor dem die Wolken barsten, und noch einmal und noch einmal, hallend wie Gottes Stimme. Und darauf die Antwort der Gründe, aufbrausend, sich überschlagend, ein Donner in Tiefen, wo entfesselte Brände heulend die Felsenbande sprengten.

Pastor Thomasius beugte sich vor und raunte den Namen des Tonstückes. Niemand verstand ihn. Harro zog die Brauen in die Höhe. In Fraukes Gesicht, das in seiner kühlen Gelassenheit gleichgültig dreingeschaut, trat ein gespannter Zug. Güldenfeys Augen weiteten sich und wurden ganz von ihrer Seele ausgefüllt. Sie sahen hilflos drein, als das ungeheuerliche Widerspiel der Stimmen begann: das Auf und Nieder, die Empörung und ihre Bewältigung, das brausende Halleluja des Sieges.

Malte stand auf, sprach einige Worte zu Frauke. Ihm war eingefallen, daß er den Prokuristen, Herrn Häberle, mit den dringendsten Unterschriften bestellt hatte. Er hatte in bezug auf Jörg seinen Entschluß gefaßt.

Als seine Schritte verhallten, begann droben das Spiel aufs neue. Jetzt war es etwas durchaus andres. Eine schmerzliche Klage ohne heldenhaften Schwung. Die wehreiche wunde Zeit öffnete ihren Mund, das deutsche Leid tat sich kund. Güldenfey preßte die Hand gegen die Brust: alles, was sie während des verflossenen Winters empfunden, sprachen die Töne aus. Die schmerzhafte Spannung bedrängte sie. Da quoll es von andern Stimmen dagegen: O Lamm Gottes unschuldig, tröstlich beschwichtigend. Sie weinte. Plötzlich fragte sich Güldenfey: Ist das wirklich Jörg, der dort oben spielt? Ja, sie hatte ihn gehört, wenn er am Flügel saß und stundenlang phantasierte, doch dies war mehr als Spiel. Sie reckte den Kopf, doch der Spieler war von hier aus nicht sichtbar. Kurz entschlossen verließ sie das Gestühl, ging leise im Seitenschiff bis zum Orgelchor, die Treppe empor, tastete sich über Stufen bis an die Ecke des Gehäuses und spähte.

Da saß Jörg, die Arme zu den Tasten erhoben, die Augen in eine Ferne gerichtet. Er spielte, ohne auf die Noten zu sehen, und unter seinen Fingern schwoll jetzt lauter der Bittgesang an, das Agnus Dei. Eine süße Freude erfüllte sie. Sie war nie hier oben gewesen und blickte nun scheu in die Fülle der Säulen, Bogen und Wölbungen. War es nicht, als erwache unter den Klängen alles da unten, was in steinernem Schlaf ruhte, die starren Heiligenbilder, die Kapitelle und Schmuckstücke, die Grüfte in den Seitenkapellen und die gezierten Altäre? Wer so hoch, dem Licht und dem Klang so viel näher, weilte, dem mußte das Leben anders erscheinen.

Erbarme dich unser! Gib uns deinen Frieden!

Kränzten nicht die Strahlen den mißhandelten Leib des Herrn, der am Triumphkreuz über dem Lettner schwebte? Hob nicht alles, was Menschenhand drunten geformt, die Hände zu ihm empor? O ja, Güldenfey verstand jetzt ganz. Sie hatte sehen wollen, ob Jörg diese Tonfülle wirklich hervorrufen konnte, aber sie hatte mehr empfunden: sie hatte einen Blick in seine Seele getan. Langsam kehrte sie zu den andern zurück.

»Malte bittet euch, daß ihr zu uns kommt«, sagte Frauke, als Jörg die Treppe verließ und zu ihnen trat.

»War Malte auch hier?«

»Er saß bei uns. Sahst du uns nicht?«

»Nein. Ich habe niemand gesehen. Ich habe eigentlich nur für mich gespielt, Frauke.«

Sie entgegnete nichts. Harro äußerte seine Anerkennung in lauten Worten, aber Jörgs Gesicht drückte Abwehr aus. Da schwieg auch Thomasius.

Güldenfey hielt ihres Bruders Hand: »Du Lieber! — Soll ich mit euch gehen? Ich hätte wohl für Engelke noch etwas zu besorgen, aber wenn sie dich nun bestürmen ...«

»Warum solltest du?«

»Du sagtest gestern, ich sollte zu dir stehen.«

»Bin ich dessen sicher?«

Sie nickte ihm zweimal bedeutsam zu.

»Dann geh ruhig deinen Weg, kleine Güldenfey. Mit alledem werde ich schon allein fertig«, sagte er herzlich.

Pastor Thomasius schickte sich an, Güldenfey zu begleiten, und die drei traten in das Haus am Markt.

In dem unteren Stockwerk, wo die Schreibstuben lagen, war ein gedämpftes lebhaftes Treiben. Der alte Chef war begraben, es wehte frischer Wind. Zwar bot die Zeit des Geschäftlichen nicht allzuviel. Man stand abwartend, mit geneigten Köpfen da: Gesetze wurden über Nacht aus der Erde gestampft, und hinter besetzten Grenzen plante feindlicher Sinn das Verderbliche. Dennoch zitterte die Erregung in jedem Wort und Tritt.

Malte entließ Herrn Häberle, als die Brüder eintraten. Er war sehr freundlich und führte sie hinauf. Die Zimmer lagen im Sonnenlicht, das sich durch die Spalten der resedenfarbenen Vorhänge schob. Malte zeigte sich als der liebenswürdigste Wirt.

»Nein, setz' dich hierher, Jörg, dieser Stuhl ist bequemer! Und du, Harro? So, du hast schon gewählt. Wollt ihr etwas genießen?«

Harro, der ewig Durstige, schien nicht abgeneigt, aber Jörg sagte so bestimmt nein, daß er keinen Wunsch äußerte.

»Also reden wir zuerst!« fuhr Malte fort. »Dein Spiel! Es war einfach packend, mein Junge. Ich versteh' nicht viel davon, aber das erste Stück, das ich leider nur hörte, überzeugte mich, daß du etwas kannst. Was war es denn?«

»Die D-Moll-Tokkata«, sagte Jörg.

»Wir wußten es ja, daß er etwas darin leistet!« bemerkte Harro.

»Doch das erwartete ich nicht. Woher hast du das nur?«

Harro strich mit den flachen Händen über die Armlehnen seines Stuhls. »Mutters Erbteil!«

»Angenommen, ja! Aber dennoch ...« Malte erging sich weiter in lobenden Worten.

Jörg saß still und hörte ohne ein Zeichen befriedigten Stolzes zu. Ein Abglanz von der Ergriffenheit, die ihn während des Spiels durchschüttert, war noch auf seiner Stirn. Er wartete auf das, was kommen würde. So leicht gab Malte seinen Vorsatz nicht auf. Und es kam.

»Wir geben zu, lieber Junge, daß du in dir trägst, was dich zum Künstler befähigt. Ich nehme auch den Zweifel zurück, daß es dir an technischer Fertigkeit mangle. Ja, ich glaube, du besitzt beides. Aber das wird jetzt nicht gefordert. Die bedrängte Zeit fordert Arbeit, rechtschaffene Arbeit, die man in Verruf getan. Von Menschen deiner Art aber, die sich in glücklicheren Tagen zu ihrer und andrer Freude ausleben durften, fordert sie Opfer. Jeder, auch ich soll es bringen. Von dir fordere ich es ebenfalls.«

Jörg hatte auf das Spiel der Stäubchen im Sonnenstrahl geachtet, solange Malte sprach. Es waren gute Worte, die an ihn gerichtet waren; sie machten ihm die Antwort schwer.

Jetzt richtete er sich auf und sah den älteren Bruder gerade an. Es war, als wolle er sein Innerstes vor ihm aufschlagen. »Danke, Malte. Du versuchst mich zu verstehen, das freut mich. Das Opfer, das du forderst, kann ich nicht bringen. Morgen kehre ich nach Schlesien zurück, aber nicht zum Jus. Ich studiere Musik.«

»Ist das deine ganze Erklärung?« fragte Malte.

»Nein, Malte! Ich werde dir erklären, warum ich so handle. Versuch' auch das zu verstehen. Auch ich will Deutschland helfen. Ich will aber nicht, daß, wie du prophezeitest, das Geld der kommende Herrscher wird. Dagegen werde ich wirken mit aller Kraft, denn das machte unsern Untergang gewiß.« Er richtete sich herrisch auf. »Deutscher Geist unter der verknöchernden Faust des Mammons! Wer beide kennt, sagt: Das ist undenkbar! Jedoch ... Ich will dem deutschen Menschen zu seiner Seele verhelfen. Weil er sie verlor, darum ist das alles über ihn gekommen, diese Hetze, diese Verlassenheit, dieses Elend.«

»Hör' einmal!« rief Harro. »Warum wirst du nicht Theologe?«

Malte machte eine Bewegung, die ihm Einhalt gebot.

»Ich tu' es auf die Art, die mir gemäß ist«, fuhr Jörg fort. »Wahrhaftigkeit, Einfachheit lehrt die alte Musik, sie wird von den Leuten auch so verstanden. Mit meinen Mitteln will ich ihnen predigen.«

Malte stand auf, ging einige Schritte und setzte sich wieder. »Wie kamst du eigentlich auf diese Idee?« fragte er.

»Darauf muß ich dir die Antwort schuldig bleiben. Das ist ein Erlebnis, das mir sehr teuer ist.«

Etwas erschütterte Malte, etwas, über das er sich nicht Aufschluß geben konnte. Es war nicht der Widerstand. Ein Treß ohne den eisernen Willen wäre ihm undenkbar gewesen. Aber dieser Gegensatz! Diese bis in die äußersten Wurzelfasern andre Art! Seit vierhundert Jahren sann man im Treßhof auf Erwerb und Mehrung des Besitzes, und jetzt kam einer, der von der deutschen Seele sprach. Kaufleute waren sie und als Nebenreiser waren Seefahrer, Soldaten, Juristen dagewesen, aber nie Bücherhocker und Phantasten.

»Deine Zeichnung bezog sich wohl auch auf meine Worte von Deutschlands Zukunft?« fragte er.

Jörg nickte.

»Und du meinst, wir sollten arm bleiben?«

»Wir sollen mit Stolz tragen, was uns das Schicksal gab. Aber lieber arm als unfrei.«

Wieder spürte Malte die Kluft vor seinen Füßen. Wie geriet der fremde Geist in dieses Haus! Ob der Vater das geahnt hatte? Gewisse Anzeichen deuteten darauf hin.

In diesem Augenblick trat Frauke ein. Sie blieb auf der Schwelle stehen und sah kühl über die Brüder hin. Es war etwas in ihrer Erscheinung, was Jörg reizte. Ihr seidig umrauschter Gang? Ihr nicht schönes, aber in seiner Unbeweglichkeit sphinxhaftes Gesicht? Die unbeirrbare Sicherheit ihres Auftretens? Er wußte nicht, was es war, er fühlte nur bei ihrem Anblick, daß etwas in ihm sich angrifffreudig erhob.

»Ich glaubte, ihr wäret fertig«, sagte Frauke.

Malte ging ihr entgegen. »Noch nicht ganz. Aber, bitte, bleib hier!« Er rückte ihr ritterlich den Stuhl. »Wir geraten in einen Streit über die soziale Frage«, fuhr er fort. »Bleiben wir bei der Sache! Deinen Standpunkt in Ehren, Jörg, doch ich sage dir, ein Treß kann nicht Künstler sein. Ich bitte dich: gib es auf.«

Wie kommt ihm jetzt, da Frauke hier ist, dieser andre Ton? dachte Jörg. Deckt er erst sein Innerstes auf, oder erstickt der Respekt vor seiner Frau das brüderliche Verstehen?

»Nachdem ich dir Grund und Ziel meines Entschlusses dargelegt, ist es unrecht, das geringzuachten, was ich sein will«, sagte er. »Du willst mich bereden, daß ich mir untreu werde.«

»Du kannst deinen Idealen in jedem Berufe leben«, entgegnete Malte knapp.

»Nein!« Jörg stand auf und reckte sich unwillkürlich. »Sag' es doch getrost, Malte, es ist der ›Künstler‹, der dich ärgert.«

»Nun also, ja!«

»Danke! Du bist eben von den Ansichten deines Standes beengt. Wärst du das nicht, würdest du wissen, daß der Name Treß vielleicht gerade dadurch in eine höhere Rangklasse aufrückt.«

Harro lachte auf, auch um Maltes ernsten Mund glitt der Schein eines Lächelns.

»Verzeiht, das soll kein Dünkel sein,« sagte Jörg, »doch ihr rubriziert nun einmal, und darum sag' ich euch dies: Wir Künstler, die wir unserm Beruf folgen und das Göttliche offenbaren, sind doch die Könige auf Erden. Lacht bei euren fetten Suppen über unsre Wunderlichkeiten! Schreit uns mit euren Autohupen an: Platz für uns! Laßt uns in Lumpen hinter den Hecken verkommen! Wir sind doch die Träger dessen, was ihr Kultur nennt. Keiner von euch kann uns unsre Würde entreißen, solange wir dem Heiligen in uns treu bleiben.«

Er war wieder in den Sonnenstreifen getreten, sein Gesicht war von außen und von innen durchleuchtet. Er trug in Wahrheit eine Krone. Fraukes Augen staunten, Malte schien bewegt.

»Morgen in der Frühe fahre ich. Werden wir uns noch sehen?« Jörg war zu ihm getreten und streckte ihm die Hand hin: »Ich weiß, du hast wenig Zeit.«

Malte wußte jetzt: hier sind Worte übrig. Man sprach noch von gleichgiltigen Dingen, etwas, das den Abgang vermittelte und Unwiderrufliches abseits ließ. Dann gingen die Brüder. —

Malte stand am Fenster und blickte auf den mittaglich hellen Platz. Drüben in der Reihe der Staffelgiebel die schwarzrötlichen Zacken des Wülflamhauses. Hatte er nicht schon als Knabe geträumt, das Erbe dieses trotzigen Geschlechts antreten zu wollen? Nicht einmal den störrigen Knaben von zweiundzwanzig Jahren konnte er zur Vernunft bringen.

Er fühlte sich unterlegen wie noch nie. Die Kluft im Blut? Die neue Zeit? Nein, da war noch etwas andres, ein Geist, den er bisher nicht gekannt, der plötzlich Gestalt angenommen hatte. Wir sind doch die Könige! Wir tragen allein das, was ihr Kultur nennt.

»Es ist ja Unsinn!« sagte er laut.

Ein Lachen kam aus dem Zimmer hinter ihm. Er wandte sich überrascht um. Da saß Frauke, die Hand an die Wange gelehnt. Er hatte sie vergessen. »Ich dachte, ich sei allein. Verzeih!«

»Es ist Unsinn,« sagte sie, »aber recht hat er doch!«

»Du meinst Jörg?«

»Ja, an ihn dachtest du doch.«

Malte erstaunte. »Du sagst, er habe recht?«

»Was er werden wird, ist nebensächlich. Eigentlich mag ich diese Leute nicht. Ich kannte einige, die wuschen sich nicht genug. Aber daß Jörg für das eintritt, wofür er die Fähigkeit besitzt, ist ehrenhaft. Du wirst ihn auf seiner Bahn nicht aufhalten.«

Malte erstaunte noch mehr. War das nicht gegen sie gesprochen, was Jörg da vorgebracht? Und sie achtete dessen großmütig nicht. Er empfand diese Gerechtigkeit als ein Eintreten für seine Familie, auf die sie immer ein wenig herabsah.

»Frauke!« sagte er dankbar und streckte die Hand nach ihr aus.

»Was ist?« fragte sie kühl. Nun, sie war jedem Gefühlsüberschwang abhold. Augenblicke wie diese kamen, aber sie gingen schnell vorüber. Immer hielt sie ihn auf Armeslänge von sich fern. Es ernüchterte ihn nicht einmal mehr. Ihre Art war eben so frostig.

Er ließ die Hand, die sie nicht ergriffen, wieder sinken, aber er begann zu ihr zu sprechen. »Ach, Frauke, es dringt jetzt zu viel auf mich ein. Unser Vermögen stark verringert, die Brüder beide andrer Arbeit zugewandt. Wir müssen wieder hochkommen, und ich bin allein!«

Das geringe Zeichen von Fraukes Anteilnahme öffnete ihm den Mund. Sie, die eigentlich in einer andern Zone lebte und immer mehr betrachtend als teilhabend auf das Treiben um sie blickte, ermunterte ihn nie. Jetzt aber schien es Malte, als müsse er ihr als Dank geben, was jede Frau als ihr Recht gefordert hätte.

Der Kornhandel, die Erwerbsquelle der Treß, war nicht mehr förderlich. Die Zwangswirtschaft knebelte ihn, und das konnte noch lange andauern. Man mußte andres versuchen. Eine Bank. Herr Häberle kannte die Art der Geschäfte, und Onkel Rolf riet dazu. Man mußte Kenntnis haben von dem Rinnsal des Geldes, das aus geheimen Gründen floß. Diese waren wie Trichter, die zuzeiten alles in sich sogen und dann wieder eine unersättliche Fülle von sich spien. Ein paar Dutzend Köpfe, vielleicht nur drei oder einer, leiteten Flut und Ebbe, in der Völker ertranken oder verschmachteten, die das Steigen oder Fallen der Verhängnisse hervorriefen.

»Usadel! Julius Usadel! Hast du von ihm gehört?« Er sprach den Namen leise und wie etwas Ehrwürdiges aus.

»Ich kenne ihn«, sagte Frauke. »Der Vater ...«

Sie vollendete nicht. Wer war er? Woher kam er? Keiner wußte es. Er war da und herrschte. Herrschte lautlos, aber jeder sprach mit Scheu von ihm, in Kalifornien wie an der chinesischen Mauer. Wenn es gelänge, mit ihm anzuknüpfen! Es mußte gelingen. Freilich mußte das Haus, das er würdigen sollte, auf breiterer Unterlage stehen.

Frauke sah verwundert auf ihren Mann, der, von seinem Gedanken durchglüht, im Zimmer auf und ab schritt. Wie kamen ihm diese weitreichenden Pläne? Er sah stattlich aus wie damals, als er in Harvestehude um sie warb, seine Schönheit trug etwas Gebieterisches. So mußten die Männer ausschauen, die die Töchter der Hanse freiten.

»Wir sprachen doch von Jörg«, sagte sie.

»Die Linie läuft hierauf aus«, entgegnete er. Er blieb vor ihr stehen, sah sie an, und sie verstand sofort.

»Das heißt, du gebrauchst Geld für das Unternehmen?«

Er bejahte nicht, doch seine Haltung sagte alles.

»Ich werde mit meinem Vater reden!«

»Und du glaubst ...« fragte er zaghaft. Der genau bedingte Ehevertrag fiel ihm wieder ein.

»Über mein Mütterliches habe ich freie Verfügung«, sagte sie.

»Frauke!« rief er überwallend und ergriff ihre Hand.

»Wie?« fragte sie. Sie sah ihn wieder kühl an und zog ruhig ihre Hand zurück. Ein Schwärmer? fragten ihre Blicke. Sie neigte den Kopf ein wenig und ging. Auf der Schwelle wandte sie sich noch um: »Du weißt, Torheit in Geschäftswagnissen würden Vater und ich nie verzeihen.«

»Sei unbesorgt«, erwiderte er und lauschte beglückt auf das Klingen der feinen Ringe, als sie den Arm hob, um die Perlfäden des japanischen Türvorhangs zu spalten.

Er trat noch einmal an das Fenster und sah zum Wülflamhaus hinüber. Er fühlte es, wie frei seine Stirn war. Ein Ausfall in seiner Berechnung! Aber auf der Haben-Seite war ein Glücksfall zu verbuchen. Würde er die Aussicht auf einen Erben bald danach eintragen können? —


Harro und Jörg gingen, um Güldenfey zu treffen. Es wehte ein herber Wind, doch der goldene Sonnenmantel, der auf der einen Straßenhälfte lag, wärmte angenehm. Harro war in Aufregung. »Dein Plan ist ja verrückt. Statt ein sicheres Brot zu wählen, Musik machen und Menschen bekehren! Diese Gesellschaft! Nun, du wirst sie bald richtig einschätzen lernen. Und Malte hast du auch vor den Kopf gestoßen, daß seine Pläne wanken. Aber alle Achtung! Geltend hast du dich gemacht. Ein Treßscher Kopf bist du!«

Jörg ging neben ihm, hörte ihn an und sagte nichts. Harros Entzücken kam schnell und brauste bald ab, das wußte man. Sie schritten an Sankt Johannes Evangelist vorüber.

»Geh voran, Harro!« bat Jörg. »Wir treffen uns am Tor wieder.«

»Was hast du vor?«

»Entschuldige, ich muß einige Minuten allein sein.« Und er trat in die Pforte, die zum Kreuzgang führte. Mochte Harro den Kopf schütteln, er bedurfte der Sammlung. Das Spiel, in das er sich ganz verströmte, die Auseinandersetzung, während der ihn die Kluft der Gegensätze nicht minder als Malte erschüttert hatte, und jetzt ein fades Geschwätz! Unmöglich.

Er ging unter den Arkaden des Kreuzganges auf und nieder. Der rankende Efeu hatte das Dunkel der langen Winternächte angenommen, aber schon reckten sich die jungen Triebe lebensdurstig auf die sonnenwarmen Dachpfannen, und in den vier kahlen Lindenstämmen, die ihre Wurzeln durch die Gräber namenloser Franziskanerbrüder trieben, pochte der junge Saft des wachsenden Jahres. Nach wenigen Minuten der Stille fühlte Jörg sich gesammelt und ging, den Bruder zu treffen.

Der stand am Tor im Gespräch mit Hans Olrogge. Er reckte seine breite Hauptmannsgestalt, das Eiserne Kreuz am Gürtelstrich funkelte, sein unbekümmertes Lachen scholl durch die Gasse. Die Werkleute, die zum Mittagsmahl gingen und sich auf dem schmalen Steig an der Gruppe vorüberzwängten, sahen mißtrauisch auf den Lauten, in dem sie den einstigen Offizier witterten.

»Nun, Jörg, hast du dein stilles Gebet beendet?« fragte Harro, als sie dem Hafen zuschritten.

Ob wohl in das Leben dieses Rauhen jemals etwas treten wird, was sänftigend auf ihn wirkt? fragte sich Jörg. Vier Jahre Landsknechtdienste in Blut und Rauch verhärteten den Besten, und nun brauste das schartig machende Treiben der Partei auf ihn ein. Es war schade um Harro.

Die kleinen Wellen liefen spielend gegen die Bohlenverkleidung des Hafendammes, die Sonnenblänke lag glitzernd auf dem leise bewegten Wasser. In der Ferne zog die Rauchfahne eines Dampfers, und einige Fischerboote mit braunen Segeln strebten halb wider Wind auf die Stadt zu. Eine Möwe stieß in den glänzenden Spiegel der See.

»Da kommt Güldenfey«, sagte Harro.

Sie hatte die Brüder bemerkt, und es schien, als winke sie ihnen, zu eilen. Das Kopfsteinpflaster erschwerte das Gehen, aber Güldenfey ließ sich davon nicht hemmen. Ihr frisches Gesicht glühte im Eifer.

»Ich habe etwas Seltsames erlebt«, rief sie. »Kommt, ihr sollt teilnehmen; es ist so traurig.«

Und sie begann zu erzählen. Ein Schiff, aus den Ostseeprovinzen kommend, war heute eingelaufen und hatte Deutschbalten mitgebracht. Männer und Frauen, von allem Notwendigen entblößt, Kinder nur notdürftig bekleidet.

»Denkt euch, die Seefahrt im Märzwind!« Güldenfeys Stimme zitterte. »O, wie glücklich sind sie, daß sie deutschen Boden erreichten!«

Da waren zwei Frauen, mit denen hatte sie gesprochen. Sie waren den Schrecken der Kerker entflohen. An der Grenze waren sie zurückgewiesen aus kleinlichen Bedenken eines Formelkrämers. Wer trägt den Geburtschein bei sich, wenn er der Gefangenschaft entweicht! Sie hatten bei zwölf Grad Kälte die Nacht auf freiem Bahnsteig zugebracht, bis sich ein Beamter ihrer erbarmte und sie an den nächsten Hafen brachte.

»Ich möchte ihnen gern helfen«, sagte Harro gutmütig. »Ich fürchte nur ...« Er griff dahin, wo seine Brieftasche steckte.

»Aber Harro!« sagte Güldenfey. »Es sind Damen. Die Junge ist die Tochter des Professors Honterus; die Ältere ist ihre Tante. Sie wissen nicht, wohin sie sollen. Jörg, hilf mir doch! Wir müssen sie aufnehmen.« Sie hob bittend beide Hände. »Wir haben doch im Treßhof Raum. Neben Oses Stube. Oder ...«

»Sei ruhig, Güldenfey«, sagte Jörg. »Geht es dort nicht, so bleibt noch mein Zimmer. Wir nehmen sie sicher bei uns auf.«

Die meisten der Angekommenen, die ein kleiner Dampfer von der großen Insel hergeführt hatte, zogen schon Quartieren zu, einige hockten noch auf schmalen Kisten, in denen sie dürftige Reste des schnell Zusammengerafften mit sich führten. Die beiden Frauen standen ein wenig abseits; die ältere lehnte müde gegen den Haltstein, um den das Schiffsseil geschlungen war. Die königliche Haltung der andern verriet nichts von den Leiden, die sie belastet hatten. Sie hielt ein winziges Päckchen, das man den Habelosen zugesteckt hatte.

»Ariadne!« sagte Harro.

Güldenfey eilte auf sie zu. »Meine Brüder!« erklärte sie.

Die Junge wandte sich und sah mit fragenden Augen auf die Herren. »Ich heiße Marfa Honterus, dies ist meine Tante, Frau Staatsrat Honterus. Wir sind auf der Flucht hierher ...« Sie sprach das wie ein eingelerntes Sprüchlein mit etwas kläglichem Tonfall. Ungezählte Male hatte sie das gleiche an Schaltern, Speisestätten und in Schreibstuben gesagt, immer bittend, immer angstvoll, immer um die Antwort bangend.

»Ich hab' ihnen schon alles erklärt«, sagte Güldenfey und legte ihre Hand mit dem Pelzhandschuh auf Marfas Arm. »O, Sie frieren, Ärmste!« fuhr sie plötzlich fort, als sie die nicht bekleideten Hände ihrer Schutzbefohlenen bemerkte, zog die Handschuhe ab und drängte sie ihr auf.

»Liebes Fräulein!« sagte Marfa. Ein verirrtes Lächeln ging flüchtig um ihren Mund. Es war in der Tat unmöglich, diese Gabe anzunehmen. Die feingliedrige, schlanke Güldenfey und dieses Mädchen, deren Leib die Natur mit den Formen einer Walküre ausgestattet hatte!

»Wickeln Sie sie um Ihre armen Finger«, sagte Güldenfey. »Bitte!« Wer vermochte zu widerstehen, wenn Güldenfey bat!

»Wir haben schon alles besprochen. Sie gehen mit uns und bleiben fürs erste bei uns. Sie müssen warm werden. Unsre alte Ose wird herrlich für Sie sorgen, und ich auch ein wenig.«

»Liebes Fräulein!« sagte Marfa aufs neue. »Dieses Übermaß an Güte ... Wir wissen wirklich nicht ... Sie haben Trauer ...« Ihr kleiner Mund, der zaghaft mit dem harten Wortton der Balten das Deutsch formte, verzog sich wie im Weinen.

Jörg trat vor. »Kommen Sie ohne Bedenken mit uns. Sie wissen nicht, welche Freude Sie meiner Schwester machen. Wir alle freuen uns.«

Er sah sich nach Harro um. Warum schwieg der beharrlich? Harro stand da und blickte das fremde Mädchen an. Seine laute Wortfertigkeit versagte völlig. Der Wind nahm die Enden ihres Schleiertuches und hob sie in die Luft. Sie griff danach und zog sie nieder. Ihm war, als habe er sie schon einmal gesehen. Dieses dunkelbraune Haar mit den bronzehellen Streifen, das ihr in schwerem Knoten gebunden im Nacken lag; diese hohe schöne Stirn, die ein Paar nach innen schauende dunkle Augen verschattete, diesen ragenden Wuchs, der den Frauen unvermischter Geschlechter eignete. Wo lag die Stunde, aus der das Erinnerungbild aufstieg?

Verträumtsein war Harros Sache nicht. Der Blick Jörgs rief ihn zurück. Er besann sich auf die Pflicht als Kavalier, die er schutzlosen Frauen schuldig war, und sagte ein paar verbindliche Worte.

Frau von Honterus war von Güldenfey die Einladung wiederholt worden. In ihren Augen haftete das Entsetzen über das Furchtbare, das sie in den letzten Monaten hatten sehen müssen: die Gewalttaten der zur Bestie gewordenen Masse, die grausame Ermordung ihres Schwagers vor einem Fleischerladen. Abels Blut schrie laut in ihrer Seele. Ihre Lippen zitterten, da sie dankte. Güldenfey strich erbarmend über ihren Arm.

»Ihr Gepäck?« fragte Harro.

Marfa hob ein wenig das Bündelchen: »Dies und die Handtasche meiner Tante ist alles, was wir retteten.«

»Und das Leben!« scherzte er.

»Ja, dies Leben!« entgegnete sie bitter.

Sie schritten voran. Jörg und Güldenfey, die Frau Honterus führten, folgten ihnen. Harro machte seine Begleiterin auf die Schönheiten der Stadt aufmerksam. Sie sah auf das, was er ihr wies, aber sie antwortete selten mit einem Wort. Ihre Blicke gingen immer nach innen. Er verspürte plötzlich ein starkes Verlangen, diese Seele, die sich furchtsam in einem Winkel des herrlichen Körpers verborgen hatte, hervorzulocken und sie in das Leben zurückzuführen.

Als Marfa in das Zimmer trat, das Güldenfey ihr bestimmt hatte, blieb sie mitten im Raum stehen und blickte sich nicht um. Erst als das Mädchen von außen die Tür einklinkte, fuhr sie auf, wie eine, die ein Ton aus dem Schlaf schreckt. Da war ein Bett, da lag Wäsche ausgebreitet, da war ein Ofen, der wärmte. Sie fiel in die Knie und schluchzte hemmungslos. —

»Und nicht wahr, Ose,« sagte Güldenfey, »du hilfst mir für sie sorgen? Denke nur, alles verloren. Du hättest sie sehen müssen, wie sie da so verlassen standen! Alles vom Besten für sie.«

Die alte Schaffnerin nickte. Sie wollte dem Kind alles zuliebe tun, und auch den armen Vertriebenen. Dieser Blick der Jungen hatte so etwas Rührsames. Und wie gütig sie gesagt hatte: »Ich danke für Ihre Mühe, liebes Fräulein Fink!« Was bedeutete nur dies, daß die eine Diele auf dem oberen Flur seit heute wieder knarrte, wenn man auf sie trat? Damals, als Güldenfey geboren wurde, war es so gewesen, und jetzt, kurz vor der Krankheit des Herrn; sonst gab sie keinen Laut. Und nun heute wieder. Klopfte der dunkle Bote schon wieder an? —

Als Jörg am nächsten Morgen sich anschickte, zum Bahnhof zu gehen, erbot sich Harro, ihn zu begleiten. »Ich sollte wohl mit dir fahren,« sagte er, »die Geschäfte der Partei werden dringlich, und sie rufen schon nach mir. Aber ich kann nicht, weiß Gott, ich kann nicht!«

Jörg schwieg. Wenn Harro, der gewissenhaft seine Pflicht tat, sagte: Ich kann nicht! so würde er Grund haben, zu zögern. Er spürte aber auf dem Weg etwas Andrängendes, als wolle ihm Harro etwas sagen, für das er nicht das treffende Wort fand.

Endlich stand er im Wagen am geöffneten Fenster und sah auf Harro nieder, der sinnend vor sich hinblickte. Der Beamte, der das Abfahrtzeichen geben sollte, ging vorüber.

»Wir werden uns bald wiedersehen, Jörg.«

»Schwerlich. Ich werde jetzt viel arbeiten müssen, Harro.«

Der Beamte hob die Scheibe. Die Brüder reichten einander die Hand.

»Trotzdem, mein Junge, du wirst bald wieder hier sein.«

»Warum?«

»Ich werde meinerseits Malte auch einen Strich durch seine Rechnung ziehen. Du entsinnst dich, welchen Rat er mir gab: ich müsse eine reiche Frau wählen. Nun, ich heirate keine andere als Marfa Honterus. Bewahre dies noch für dich! Für den Sommer aber lade ich dich zur Hochzeit ein.«

Er blieb lachend, winkend zurück. Der Raum zwischen ihnen wuchs. Trat das Sänftigende so bald in Harros Leben?