Der Mord des Gewissens
Malte saß an seinem Schreibtisch, schrieb Ziffern zu Summen, die keiner, ohne zu stocken, lesen konnte, legte den Stift aus der Hand und sann. Er erwartete Häberle zum Bericht, aber es war ihm lieb, daß er noch aufgehalten wurde.
Die Zeit geriet ins Gleiten, und mit ihr glitt alles, aber auch alles, was Menschen, die geordneten Zeiten entwachsen waren, als unumstößlich gegolten hatte: Geld, Verdienst, Vermögen, Treue, Vertrauen.
Das Leben erschien von jeder Wirklichkeit losgelöst. Die kühnste Phantasie hätte den Zustand nicht ersinnen können, der jetzt eingetreten war. Das ganze Volk, die gesamte Menschheit schien von unbekanntem Gift durchseucht zu sein. Wo nahm es seinen Ausgang? Wer spielte auf zu dieser Orgie, die Verzweiflung und Hybris feierten?
Waren es die großen Zerstörer, die sich die Aufbauer nannten? Nun, wahrlich, das Heil Deutschlands konnte von jenen nicht kommen. Jeder Tag vergrößerte die Strecke derer, die am Wege fielen; Frauen sanken, von Hunger und Entbehrung erschöpft, auf der Straße um; Heilstätten verschlossen den Siechen ihre Türen; man wußte nicht, wie man die Toten beerdigen sollte. Man fluchte dem Mammon und hetzte doch wie gebannt hinter ihm drein.
Immer wieder tauchte in Maltes Erinnerung die Zusammenkunft mit Usadel auf. Man müßte das Gewissen totschlagen! War je ein solches Wort im Beratungzimmer der Treß gesprochen worden? Nun erlebte man diesen frevelhaften Mord und schwieg und tat mit.
In diesem Augenblick trat Häberle ein. Sein Gesicht trug die Spuren einer Erregung. Sie erledigten die täglichen Posteingänge, soweit Malte es für nötig hielt.
»Hatten Sie Ärger, Herr Häberle?«
Der Prokurist zögerte, zu antworten, dann faßte er sich zusammen. »Es ist nicht der Rede wert, Herr Konsul«, sagte er. »Ich habe auf meine Verantwortung den Lewrenz entlassen. Es ist festgestellt, daß der Jüngling auf eigne Hand spekulierte. Verschiedene andre auch, doch er vor allen. Ein Beispiel zu geben war nötig.«
»Lewrenz war ein tüchtiger Arbeiter«, sagte Malte nachdenklich.
»Gewiß, Herr Konsul, einer von denen, die gut schaffen und toll genießen. Da es zu letzterm nie langt, wird spekuliert, und geht dies einmal fehl ...« Eine Gebärde vollendete und ließ unabsehbare Möglichkeiten ahnen.
»Sie haben wohl recht getan«, sagte Malte. »Und doch ... diese Zeit ... Sagen Sie, Herr Häberle, spekulieren Sie nicht?«
»Ich, Herr Konsul?« Häberle trat einen Schritt zurück. »Ich halte das für unvereinbar mit meiner Stellung.«
Malte begütigte ihn schnell, er wußte, daß Häberle strenge Grundsätze hatte, das war bei einem Beamten schätzenswert. Jedoch ... Der Zweifel stand merkbar hinter Maltes Worten. »Sie sind doch ein tüchtiger Kaufmann, Herr Häberle.«
»In dieser Zeit aber höre ich auf die Stimme hier innen, Herr Konsul. Geld bedeutet kein Abgelten der Arbeit mehr und erlaubt vor allem kein Umsetzen toter Werte in ideelle. Wo das aufhört, fängt der Abgrund an.«
Malte sah ihn scheu an, sein Blick flüchtete von dem redlichen Gesicht des Mannes zu irgendeinem Gegenstand im Zimmer. Ein unbehagliches Gefühl quälte ihn. »Bitte, setzen Sie sich doch. Wie denken Sie sich den Ausgang?«
»Sie erlauben mir, meine besondere Meinung zu äußern, Herr Konsul. Nun, unsre Verbindung mit dem Ring gefällt mir nicht. Uns ist eine böse Rolle von jenem zuerteilt. Dieses Lauern von einer Ernte auf die andre, in dem wir den ehrlichen Makler abgeben, ist ein Verbrechen. Tausende können nicht das Geld für Zichorie, Gerstenkaffee oder gar Brot aufbringen, und die Getreidebörse spielt mit dem Allernotwendigsten. Daß sich die Menschen dies Spiel internationaler Federstriche gefallen lassen, zeugt von ihrer Verdummung, und auch das, daß sie den Bauern dafür hassen. Als ob der schuld hätte!«
»Sie sprechen sehr kühn«, sagte Malte. »Wollen Sie nicht mehr mitmachen?«
»Ich diene dem Hause Treß«, entgegnete Häberle einfach. »Und weil ich das aufrichtig tue, so würde ich es wie keiner bedauern, wenn die Beteiligung an diesem Spiel uns unglücklich machen sollte. Besser, sich zeitig zurückziehen, als plötzlich ausgeschieden werden.«
Malte horchte auf, als Häberle von einer Handlung berichtete, die dem großen Ring angeschlossen gewesen sei und die man unter einem nichtigen Vorwand abgelöst hatte. Er spürte alle Bedenken, die ihn nachts umtrieben, sich regen. Doch nur einen Augenblick gewann der nächtliche Spuk über ihn Gewalt. Balzer Treß! dachte er. Überhaupt wir Treß! Verzagtheit ist der Vorläufer der Niederlage. Er straffte seine Gestalt. »Es besteht wirklich kein Grund zur Sorge«, sagte er fest. »Sie sind ein Schwarzseher, lieber Häberle. Geben Sie acht: wenn Sie aus Ihrem Urlaub zurückkommen, werden Sie anders denken.«
Häberle dankte und erhob sich. »Ich mußte meine Bedenken aussprechen«, sagte er. »Im übrigen werde ich meine Pflicht tun wie bisher.«
Malte blickte lange auf die Tür, die sich hinter dem Treuen geschlossen hatte. Die Gedanken zerrten an ihm. Da hörte er über sich den leichten Schritt Fraukes. Er tauchte die Feder ein, um den angefangenen Brief zu beenden. Es gab kein Zurück mehr.
»Kind,« sagte Ose zu Güldenfey, »drunten bei Mellins sind sie in Aufregung. Es ist irgend etwas bei ihrem Mariechen nicht in Ordnung. Wolltest du nicht hören, wo es fehlt?«
Mellin erhob sich aus seinem Stuhl, als Güldenfey eintrat. Er strich unaufhörlich seinen langen Bart, was bei ihm ein Zeichen war, daß er den Sturm seines Inneren besänftigen wolle.
Frau Mellin kam herbei und nahm Strickstrumpf und Wollknäuel vom Sofa, um für den Gast Platz zu schaffen. Also Fräulein Fink hatte es oben schon erzählt. Es war ihr lieb, daß das gnädige Fräulein kam, so hatte sie doch eine Bundesgenossin gegen den Mann.
Mariechen war krank. Ein verjährtes Leiden war zum Ausbruch gekommen; der Arzt verlangte schnelle Überführung in das Krankenhaus. Es war ein gefährlicher Eingriff nötig. Die alte Frau weinte in ihre Schürze.
»Aber was ist denn dabei zu bedenken?« fragte Güldenfey. »Trauen Sie den Ärzten nicht, Mellin?«
Mellin winkte abwehrend mit beiden Händen, und seine Frau fuhr jammernd fort: »Es ist wegen des Geldes«, sagte sie. »Mariechens Mann kann es nicht beschaffen. Ich bitte Sie, gnä' Fräulein, ein Beamter, und in dieser Zeit! Und nun hat er das alles geschrieben und uns vorgestellt, und Mellin hat doch gespart, und es liegt auf der Kasse.«
»Aber Mellin, bedenken Sie doch!« sagte Güldenfey. »Es handelt sich ja um Ihre Marie und scheint doch gefährlich zu sein.«
»Gnädig Fräulein,« sagte der alte Packmeister, »die Sache ist nicht mit einem Wort abgetan. Für meine Marie geb' ich alles, was ich habe, auch meine Glieder und mein Leben, wenn es not tut. Solche Ausgaben wie diese gehören aber zu den laufenden, und dafür muß der Mann sorgen. Ich habe für unser Kind gespart, daß es, wenn wir tot sind, Vermögen besitzt. Das ist mein Stolz, dafür hab' ich gelebt, und das wird mich im Tode trösten, daß unser Mariechen es einmal besser hat als ich.«
Was sollte Güldenfey darauf entgegnen? Sie kannte den Stolz Mellins. Deshalb hatte der Beamte um das Mädchen angehalten, weil er wußte, daß es in bescheidenem Sinne vermögend war; deshalb hatte Mellin die genehme Werbung zögernd angenommen, weil er wußte, daß die Ersparnis sein Kind in den Augen der Freier erhöhte. O, sie verstand ihn. Aber zugleich fühlte sie die Augen der Frau hilfewerbend auf sich gerichtet.
Sie trat an den Glasschrank, der die Wunder ihrer Kindheit barg: die verblaßten Ostereier mit den farbigen Seidenbändern, die gläsernen Hirsche und die zierlichen Schweizerhäuschen. »Mellin,« sagte sie, »wissen Sie noch, wie wir Kinder vor diesen herrlichen Dingen standen und uns freuten? Glauben Sie, es ist besser, Mariechen freut sich an diesem, wenn sie gesund wieder einmal herkommt, als daß sie siech wird oder gar der Krankheit erliegt?«
»Gott bewahr' uns!« rief die Frau.
Mellin blickte Güldenfey unsicher an. Seine Hand fuhr erregt durch den Bart. Jetzt machte er eine energische Bewegung. »Gut!« sagte er fast heftig. »Das Geld wird abgehoben.«
Warum erschrak Güldenfey plötzlich? Das Wort traf sie wie ein Stoß. Oder schlug sie ein jäh auftauchender Gedanke? Es gab so seltsam-fürchterliche Überraschungen in dieser Zeit. Wie kam ihr die Erinnerung an Frau von Ebel in diesem Augenblick? Das war doch ein ganz andrer Fall.
Sie war dem Oberst Helf gestern begegnet. Nein, er trug keine Milchkanne, aber er war sehr niedergeschlagen gewesen.
»Sie haben eine so sichere Art, wohlzutun«, hatte er nach einigen Worten gesagt. »Wollen Sie einer Bedrängten nicht helfen? Denken Sie, die arme Frau von Ebel! Man hat sie wegen ihres leidenden Zustandes in die Schweiz geschickt. Als sie nach etlichen Wochen abreisen will, sind die Fahrpreise derart gestiegen, daß das Geld für die Heimfahrt nicht ausreicht. Freundliche Schweizer leihen es ihr. Als sie nach einer Woche die Schuld abtragen will, ist der Marksturz so furchtbar geworden, daß sie ihr ganzes Vermögen gebraucht, um ihre Gläubiger zu befriedigen. Die arme Frau ist völlig vernichtet, denn sie weiß nicht, von was sie leben soll.«
Güldenfey war zu ihr gegangen. Sie hatte eine Verzweifelte gefunden. Warum mußte sie jetzt daran denken?
»Hören Sie, Mellin,« sagte sie, »bevor Sie das Geld abheben, sprechen Sie mit Herrn Konsul. Es gibt jetzt so eigne Bestimmungen.«
Mellin versprach es, und Güldenfey ging beruhigt nach oben.
Doch als am nächsten Morgen Mellin einen Blick in den Geschäftsraum schickte und das unruhige Treiben derer sah, die für nichts Zeit zu haben schienen, kehrte er um und betrat die Sparkasse.
Menschen aller Art drängten sich um die Schalter: dürftige Frauen in Umschlagetüchern; ergraute Herren in fadenscheinigen Röcken, in deren Aufschlägen das vertragene Ordensbändchen prangte; Männer, die ein Tuch um den Hals geschlungen hatten. Die Schreiber an den Pulten blätterten in gewaltigen Büchern, stießen die Federn in die Tintenfässer, daß es spritzte, und schrieben lange Zahlenreihen nieder. Der Mann am Kassenschrank trug eine Perücke über dem spitzen Gesicht; hinter ihm saßen einige Leute, die schmutzige Scheine zählten und bündelten. Eine schwerdunstige Luftschicht füllte den Raum.
»Wieviel?« fragte der Mensch, dem Mellin das Sparbuch reichte.
Mellin nannte die Summe. Der Mensch blickte in das Buch, sah den Langbärtigen an und begann in seinen Registern zu blättern.
»Wollen Sie nicht alles abheben?« fragte er.
Mellin schüttelte den Kopf: »So viel, wie ich sagte.«
»Es hat gar keinen Zweck«, sagte der Schreiber. »Morgen sind Sie doch wieder hier, und wir haben doppelte Arbeit.«
»Ich dächte, das sei Ihr Amt«, sagte Mellin. »Übrigens werde ich morgen nicht hier sein.«
Der Schreiber hob die Schultern und schrieb. Mellin reihte sich in die Kette derer, die sich zur Kasse schoben. Es dauerte lange, bis er darankam; endlich stand er vor dem Zahltisch. Die brauenlosen Augen des Kassierers musterten ihn flüchtig, dann händigte er ihm Buch und Scheine aus.
Mellin verwahrte das Geld in seiner Tasche und trat tief Atem schöpfend ins Freie. Eigentlich dauerten sie ihn, diese armen Leute, die Tag für Tag von ihren Tischen aus den Andrängenden das Geld zuschoben. Ein unbefriedigender Beruf. Er schritt langsam die Hauptstraße hinab und blieb vor seinem Tabakgeschäft stehen. Der Pfeifenknaster ging auf die Neige, es wäre gut, den Vorrat zu ergänzen. Er trat ein und forderte seine Sorte.
Als der Verkäufer das Paket vor ihn hinlegte, nannte er eine Summe, die Mellin stutzig machte. Er hielt die Brieftasche geöffnet in der Hand und sagte, daß er mit dem Preise nicht gerechnet habe und sich erst mit Geld versehen müsse.
»Aber Sie haben ja genügend bei sich«, sagte der Verkäufer, der einen Blick in die Tasche getan hatte.
»Sie irren sich,« entgegnete Mellin; »das ist Vermögen, das ich eben von der Sparkasse geholt habe.«
Der Verkäufer sah ihn verwundert an, und Mellin verließ den Laden, ohne den Tabak mitzunehmen. Nach wenigen Schritten traf er seinen Freund, den Zimmermeister Baß. Sie gingen miteinander und sprachen von der elenden Zeit. Mellin erzählte, was er vorhabe und was ihm soeben begegnet war.
»Ja, was verstehst du eigentlich unter Vermögen?« fragte ihn Baß. »Geld ist Geld.«
Mellin erstaunte über des Freundes Auffassung, er erklärte ihm seinen Fall noch einmal. »Es ist doch ein Unterschied zwischen dem Papier, das man heute umherwirft, und dem Geld, das ich mir in dreißig Jahren sauer erspart und bei der städtischen Kasse zurückgelegt habe.«
»Aber dein Geld ist dir doch in den heutigen Papieren zurückgezahlt.«
Es nützte nicht, daß Baß ihm die Lage erklärte; Mellin hielt an seiner Meinung fest. Als sie sich trennten, sah der Meister dem Freunde mit einem mitleidigen Blick nach. Mellin ging nach Hause, verschloß die Brieftasche in das oberste Schubfach der Kommode und zog den Straßenrock aus. Als er den Arm in den Werktagkittel steckte, hielt er inne und sann nach.
Vielleicht war es doch besser, die Angelegenheit sofort zu ergründen, als sich mit den quälenden Gedanken herumzuschlagen. Er zog den Rock wieder an, steckte das Geld zu sich und begab sich zur Kasse.
Der Mensch, der ihm geraten, den vollen Betrag abzuheben, stieß bei seinem Eintritt seinen Pultnachbar an. »Nun, Sie haben nicht einmal bis morgen gewartet«, sagte er, als Mellin ihm nahe kam. »Ich wußte es ja.«
Mellin antwortete nicht. Was ging ihn der vorlaute Mensch an? Er trat zur Kasse, wo der Spitzgesichtige die Geldscheinbündel häufte. »Ich bitte um Auskunft«, sagte er. »Sie haben mir soeben Papiergeld ausbezahlt, für das man mir ein Tabakpaket anbot. Meine Einzahlungen bestanden in gutem, ehrlich verdientem Geld. Ich verlange das wieder, was ich gab: mein Geld.«
Die nackten Augen sahen ihn kalt an. »Zeigen Sie mir das Buch. So, hier steht die Einzahlung fünfundzwanzigtausend, Sie wollten zehntausend, wie? Haben Sie die erhalten oder nicht?«
»Aber mein Geld ist ein Haus wert, euer Geld ein paar Pfund Tabak.«
»Darüber hab' ich nicht zu befinden«, erklärte der Perückenträger.
»Sie sind hier noch nicht lange angestellt,« sagte Mellin, »der Vorgänger kannte mich. Wo ist er? Er soll mir bezeugen, daß ich richtiges Geld einzahlte!«
»Ist überflüssig. Die Zeiten der Einzahlung ersehen wir aus dem Buche. Halten Sie uns nicht auf. Es sind noch andre da, die abgefertigt werden sollen.«
Mellins Gesicht färbte eine Röte. »Behandelt man auf diese Art alte Bürger dieser Stadt?« rief er. »Ich weiche nicht vom Fleck, bis ich mein richtiges Geld erhalten habe.«
Der Kassierer hob die Schultern und wandte sich dem nächsten Wartenden zu.
»Bitte, ich bin noch nicht abgefertigt«, rief Mellin.
Jetzt wurde auch das Spitzgesicht heftig, und maßlos schalt er auf die Menschen, die seine Zeit stehlen.
Mellins Hand strich den langen Bart. »Begeben Sie sich, Herr«, sagte er hart. »Wenn Sie sich beklagen, daß man Ihre Zeit stiehlt, so vergessen Sie nicht, daß wir hier allesamt Bestohlene sind.«
»Beamtenbeleidigung!« sagte der Kassierer. »Mende, laufen Sie hinüber aufs Polizeibureau. Der Mann muß verhaftet werden.«
Unter denen, die der Abfertigung harrten, erhob sich ein Murren.
Mellin reckte sich in der Brust. »Verhaften? Mich, seit zweiundzwanzig Jahren in der Firma Treß als Packmeister beschäftigt, unbescholten, als Schöffe wiederholt tätig gewesen, vor Gericht als vereidigter Sachverständiger gestanden, desgleichen ehrenamtlich in der Gewerbekammer, im neunundsechzigsten Regiment bis zum Sergeanten gedient — mich wollen Sie verhaften lassen, weil ich fordere, was mir gehört?« Er nahm die Scheine und warf sie auf das Zahlbrett, das Buch daneben. »Hier, nehmen Sie zurück, sofort zurück! Ich will Ihr Geld nicht, ich verlange das meine. Stellen Sie den alten Stand wieder her. Mit Ihnen will ich nichts mehr zu schaffen haben, der Sie nach der Polizei schreien, sobald einer die Dinge beim rechten Namen nennt.«
Man erkannte, mit dem Manne war nicht zu scherzen; seine Fäuste waren wie Schmiedehämmer, und die andern ergriffen für ihn Partei. Die Polizei aber ...! Man beschwichtigte ihn am besten, indem man ihm den Willen tat.
Mellin steckte das Buch in die Brusttasche und verließ das Rathaus. Er ging über den Markt und trat in die Bank, wo er ohne weitere Fragen bis zu Herrn Häberle vordrang.
Häberle sah flüchtig auf, als Mellin zu ihm trat. »Einen Augenblick, lieber Mellin!«
Endlich war Häberle bereit. »Nun, Mellin?« Er rieb die arbeitmüden Augen. Was fehlte dem Alten? Er stand da, zitternd, bleich, verstört. Er wies auf den nächsten Stuhl. »Setzen Sie sich doch, Mellin. Was ist denn geschehen? Sie schauen ja aus ...«
Mellin, der stets auf Schicklichkeit Bedachte, der sich nie in Gegenwart Höherstehender gesetzt haben würde, wankte fast auf den Stuhl zu und ließ sich haltlos fallen. »Herr Häberle,« sagte er jämmerlich wie ein Kind, »helfen Sie mir doch. Man will mir drüben im Rathaus weismachen, daß ich umsonst gearbeitet habe.«
Es bedurfte großer Langmut, um von dem verstörten Manne den Sachverhalt zu erfahren. Häberle war erschüttert. Solche Fälle wiederholten sich täglich, die Verzweiflungausbrüche der Verratenen, Betrogenen brandeten mit wilder Gewalt auch wider ihn. Es gehörten Nerven besonderer Art dazu, um dem standzuhalten. Und nun auch dieser Brave, dem Ehrenhaftigkeit die tägliche Speise war! Und er sollte ihm die Gewißheit bringen. »Lieber Mellin,« sagte er milde und legte seine Hand auf ihn, als müsse er den Anprall seiner Worte lindern, »ich kann nur raten, heben Sie sogleich Ihr Geld ab und bringen Sie es her; ich will sehen, was noch mit ihm zu beginnen ist.«
»Aber sie geben mir doch andres Geld, nicht meins«, beharrte Mellin. »Ich verlange mein Geld zurück.«
Es kostete Häberle unbeschreibliche Mühe, das rechte Wort zu finden. Er setzte ihm so zart wie möglich auseinander, wie alles gekommen, daß alle Ersparnisse so gut wie verloren seien. Der einzige Trost sei, daß alle unter dies Verhängnis fielen.
»Sie wollen mir also die Behauptung des Fuchses dort drüben bestätigen, daß alles verloren ist?«
Häberle nickte.
Mit einem Ruck erhob sich Mellin. »Verzeihen Sie, Herr Häberle, ich habe alle Hochachtung vor Ihnen, doch das glaub' ich Ihnen nicht; nein, nein, das glaub' ich nicht. Das kann nicht sein. Ich darf wohl Herrn Konsul sprechen.« Seine Stimme splitterte wie Glas.
»Lieber Mellin, Herr Konsul ist beschäftigt. Er kann nur wiederholen, was ich gesagt ...«
»Herr Häberle, ich bin im Dienste des Hauses grau geworden ...«
»Kommen Sie«, sagte Häberle. Er war aufgestanden und pochte schon an die Tür des Chefs.
Der gleiche Eindruck auf Malte, die gleichen Worte Mellins. Häberle gab seine Erklärungen. Maltes Blicke flohen wieder dies aschfarbene Gesicht, aus dessen Höhlen die blutunterlaufenen Augen zu quellen schienen. Diese Augen waren flehend und drohend zugleich auf ihn geheftet, schienen zu betteln und anzuklagen, waren Richter und Henker. Das Urteil konnte nur eins sein.
»Ihre Tochter ist erkrankt?« begann Malte, als die beiden schwiegen. Seine Stimme klang unwirklich, heiser. »Sie sollen keine Sorge um sie haben, Mellin, ich helfe Ihnen; die Angelegenheit ordne ich.«
Mellins Hand machte eine Bewegung, als schiebe sie etwas von ihm fort. »Herr Konsul ist sehr gütig, aber, Verzeihung, darum handelt es sich für mich im Augenblick nicht. Wollen Herr Konsul mir kurz und bündig sagen, ob meine Ersparnisse verloren sind oder nicht?«
»Ich fürchte, ja, Mellin.«
Es war gesagt. Was halfen nun noch Zweifel und Zögern! Mellin wendete ein paarmal die Mütze, die er in den Händen hielt, seine Blicke irrten durch den Raum. Das Schweigen war fürchterlich. »Danke!« sagte er und wandte sich um.
Er ging durch die Straßen wie ein Trunkener. In dieser Zeit, die aller Menschen Gedanken in ihren Fängen hielt, fiel der Anblick des verstörten Mannes doch so auf, daß sich viele nach ihm umwandten. Man kannte den Packmeister, man grüßte ihn. Er dankte nicht und sah keinen an. Hatte er getrunken? Er trug die Mütze schief im Nacken.
Telge, der den Wagen wusch, zeigte ein verwundertes Gesicht, als Mellin in den Hof wankte. Er streifte die Ärmel herab und ging auf ihn zu, wagte aber keine Frage, als er genauer in dies zerpflügte Gesicht blickte. Er ergriff Mellins Arm und leitete ihn die Treppe zu seiner Wohnung nieder. Frau Mellin erschien in der Küchentür, sie hatte einen Vorwurf auf den Lippen, das Essen werde kalt; doch auch ihr erstarb das Wort im Munde.
Mellin fiel auf einen Stuhl. Sie wollten wissen, was geschehen sei. Ihre Angst entriß ihn endlich seiner Benommenheit.
»Mariechen muß sterben«, sagte er heiser. »Ich kann das Geld nicht schaffen, es ist alles verloren!«
Allmählich kam es in abgerissenen Erklärungen aus ihm heraus, was geschehen war. Telge redete in kräftigen Worten, die Frau rang die Hände.
Mellin saß stumm da. Erst als sie sich um ihn mühten, fand er die Sprache wieder. Ganz verändert wie ein klagendes Kind begann er zu reden. »Laßt doch, laßt! Ich passe nicht mehr in die Welt. Ich bin groß geworden zu einer Zeit, in der es hieß: Mit Gott fang an, mit Gott hör' auf; da man uns lehrte, daß es Gut und Böse gäbe, daß man das eine üben und das andre hassen müsse. Heute gilt nur noch eins: der Götze, die Gier, der Mammon; und wer ihm nicht opfert, der ist verloren. Ich tauge nicht mehr, ich gehe weg, mache Platz für die, die klüger sind als ich, der Dumme, der noch an Gut und Böse glaubt.«
»Mann, um Gottes willen!« rief die Frau. »Versündige dich nicht!«
Er sah sie aus leeren Augen an. Plötzlich erhob er sich, seine verronnene Kraft schien in den schlaffen Körper zurückzuströmen und ihn zu straffen. Er hob drohend die Hand. »Aber ehe ich gehe, verfluche ich das, was uns soweit gebracht hat. Ich verfluche die Schurken, die die Schätze der Erde an sich reißen, um die Beraubten zu knechten. Ich verfluche die Spekulanten, die uns Brot und Rock verteuern, damit sie sich mit dem Verdienst mästen. Und Fluch, dreimal Fluch auf die, die es zugelassen haben, daß der Fleißige um seine Spargroschen geprellt wird und im Alter verkommen muß. Ist das sozial, dann verflucht dieser Gedanke, der nichts als Schwindel ist!«
Seine Stimme war wie ein drohender tierischer Laut aus Urwäldern, sein ganzes Gebaren glich einem schrecklichen Brand, dessen Flammen der Sturm jagt. Telge und die Frau hingen sich erschreckt an ihn, suchten ihn zu beruhigen. Endlich sank er erschöpft zusammen.
Das Gerücht lief um, der Packmeister sei fort. Keiner wußte, wo er geblieben war, aber jeder dachte bei sich das Ärgste und wagte es doch nicht laut werden zu lassen. Frau Mellin saß weinend in ihrer Stube: die Sorge um ihr krankes Kind, und nun der Mann!
Er hatte verweigert, zu essen und zu trinken, er hatte in dumpfem Brüten dagesessen. Als sie von einem kurzen Gang heimkehrte, war er verschwunden. Wohin? Telge hatte die Speicher und den Bodenraum abgespürt. Bei ihm stand es fest: Mellin hatte sich ein Leid angetan. Aber sein Suchen war vergebens gewesen, nirgendwo eine Spur. Man fragte, aber niemand wußte um den Vermißten.
Der Abend dunkelte herein, in Mellins Wohnung brannte während der ganzen Nacht das Licht: er kam nicht.
»Wir müssen gehen und ihn suchen«, erklärte Güldenfey am Morgen. »Sie, Telge, und wer frei ist. Ich gehe auch.«
Güldenfey suchte hilflos; sie fürchtete sich vor dem Finden, doch es mußte sein. Der Kirchenhof von St. Niklas mit seinen versteckten Winkeln neben den winzigen Häuschen, die ganz in Stille gebettet waren und um die immer ein dumpfes Dunkel war. Aber die helle Frühlingssonne leuchtete in jeden Winkel, und der Märzenwind blies hinein, und der Turm trug seine Krone aus feinstem Licht. Vielleicht der Räucherboden in Sankt Johannes! In der unermeßlichen Höhe des Dachraumes konnte sich verbergen, wer dem Leben abhold war, und die spähenden alten Frauen wußten vieles. Also dorthin!
Aber Friedchen Waterström wußte von nichts, und die andern hatten Mellin nicht gesehen. Sie standen jammernd, und Güldenfey mußte immer das gleiche wiederholen. Ja, diese furchtbare Zeit! Keiner konnte wissen, wie er noch enden würde. Dann fiel ein Wort: Der Hafen. Natürlich, der Hafen!
Güldenfey ging. Als sie an der Mauer vorüberschritt, hinter der ihr vergessener Garten lag, löste ihre Angst sich in Tränen. Welche Hand würde nun sorgsam in ihm walten? Auf den Kais standen Fischer, die die Hände in ihre weiten Hosentaschen vergruben. Sie fragte, und die Männer gaben dürftigen Bescheid. Nein, sie hatten keinen gesehen. Jawohl, sie kannten Mellin; wer würde den nicht kennen! Warum war er fortgegangen? Ach so! Ja, das konnte geschehen. Diesen Krippensetzern war nicht zu trauen. Jemand meinte, man müsse abwarten: nach drei Tagen kämen die Leichen ans Land.
Güldenfey langte um Mittag hoffnunglos zu Hause an. Sie schlich heimlich über den Hof, daß Frau Mellin sie nicht sähe, aber kaum, daß sie ein wenig gegessen, machte sie sich wieder auf den Weg. Wohin nun? In der Stadt suchte Telge. Es blieb ihr nur die Strecke gegen Westen zu, am Strand entlang.
Die kleinen Vorstadthäuser mit ihren Gärtchen lagen besonnt da. In den Bündeln welker Gräser zeigten sich jungfrische Halme, die ersten Maßliebchen waren da, und um die Stachelbeersträucher flimmerte es grün. Sollte es wirklich schon lenzen? Ach, wer konnte das glauben! Das Leben riß immer neue Lücken. Jetzt Mellin, und wer war der nächste?
Zur Schwedenschanze wollte Güldenfey, jawohl, zur Schwedenschanze. Wie eine Erleuchtung kam es über sie. Dort waren tiefe Schluchten, Gehölze und Erdfalten, und keiner kam um diese Zeit dahin. Das war so recht der Platz für Lebensflüchtige. Aber vielleicht konnte sie in einem der Häuschen nachfragen, ob man den einsam Gehenden gesehen hatte. Einer, der wie Mellin ging, fiel doch auf.
Sie trat in das nächste Haus ein und blieb im steingepflasterten Flur wartend stehen. Eine kleine Glocke lärmte unermüdlich durch das Haus. Eine Tür wurde geöffnet, eine Frau trat heraus. Güldenfey stockte das Wort: die vor ihr stand, war Frau Jobst. Sie erkannten einander zur gleichen Zeit, die Frau machte eine Bewegung, als wollte sie zurück, dann richtete sie sich kerzengerade.
»Frau Jobst?« sagte Güldenfey zaghaft und fast erschrocken. »O Himmel, wie hab' ich Sie gesucht und finde Sie nun, da ich Sie nicht suchte.«
Die andre sah sie abwartend an und erwiderte nichts. Das steigerte Güldenfeys Verlegenheit. »Sie wohnen hier. Darf ich wohl zu Ihnen eintreten?«
»Bemühen Sie sich nicht«, sagte die Frau und stellte sich abwehrend vor die Tür.
»Ihr Mann —?«
»Den muß man auf dem Kirchhof suchen.«
»O! Und Ihr kleines Mädchen. Es war so lieb!«
»Meine Tochter ist nicht hier. Bemühen Sie sich nicht. Sie und wir haben nichts miteinander zu schaffen.« Sie sprach ruhig, aber jedes Wort bedeutete eine Absage.
Güldenfey trat einen kleinen Schritt vor. Sie streckte bittend eine Hand aus. »Ich weiß, mein Bruder Malte ... Er war ungerecht und hat Sie sehr verletzt. Ich konnte nicht dafür, es tat mir so leid. Ich wollte wieder gutmachen und suchte Sie. In der Sachsenvorstadt bin ich durch fast alle Häuser gegangen ... Es war so traurig, dieses vergebliche Suchen.«
»Es war gut«, sagte die Frau hart. »Ich wollte nicht gefunden sein. Ich beging eine Torheit, als ich zu Malte Treß ging ... Die Not ... Das ist nun vorbei.«
»Ach, das freut mich, daß Sie nicht mehr Not leiden«, sagte Güldenfey.
Die Frau strich mit einer undeutbaren Gebärde über ihre Stirn.
Güldenfey sah, sie war sauber gekleidet, doch die Dürftigkeit hatte ihren Rock gezeichnet. »Ich komme Ihnen heut nicht gelegen,« sagte sie, »und ich habe es auch eilig. Wie ich sagte, ich trat nur ein, um eine Frage zu tun. Doch nun, da ich weiß, wo Sie zu finden sind, darf ich —«
Die Hand, die schon einmal ins Leere gestreckt war, hob sich wieder, doch die Frau ließ sie wieder unbeachtet.
»Nein, Sie dürfen nicht«, sagte sie. »Kommen Sie nicht wieder, ich will es nicht. Ich will, daß das Vergangene vergessen wird. Würden Sie wiederkommen, so wäre das ein Grund, mich aus dieser Behausung ebenso zu verdrängen, wie es schon einmal geschah.«
Güldenfey war trostlos. Was wäre darauf noch zu sagen? »Begreifen Sie denn nicht, daß ich den Wunsch habe, Ihnen ein wenig zu helfen? Und daß dies Wiederfinden eine Fügung ist —?« Ihre Stimme zitterte und brach.
Die Frau schüttelte den Kopf. »Ja, daß Sie Ihr Gewissen entlasten wollen, das versteh' ich. Nicht Sie, aber ...« Sie deutete nach der Stadt. »Doch ich will nichts annehmen, nichts, auch keine Freundlichkeit. Ich bin arm, und zufrieden, wenn man mich in Ruhe läßt. Sie sind reich. Wir passen nicht zueinander. Und nun ...« Sie machte eine Gebärde, die das Gespräch beenden sollte, und ergriff die Klinke.
»Ich will Sie gewiß nicht quälen«, sagte Güldenfey zart und voll verhaltener Traurigkeit. »Nein, wenn ich Ihnen weh tue ... Aber es könnte sein, daß auch ich einmal arm bin; nicht wahr, dann darf ich wiederkommen?«
Die Frau blickte sie starr und entwaffnet an. Güldenfey neigte den Kopf zum Gruß und ging. Die kleine Glocke läutete ungestüm hinter ihr drein.
Ihr Herz lag schwer wie Erz in ihrer Brust; sie wußte nicht, was sie vorhatte, und blieb einen Augenblick überlegend auf der Straße stehen. Ach ja, die Schwedenschanze!
Als sie dort ankam, stand die Sonne schon tief. Sie schritt in die Schluchten und Gänge, suchte mit den Augen und fühlte doch, daß ihre Seele weit von ihr fort war. Schälten sich dort nicht die Bäume unter dem Druck des brausenden Saftes? Hing es nicht im Birkengeäst wie eine Verheißung, und zogen nicht reihende Enten durch die Luft? Von fern kam der heisere Ruf der Reiher. Sie nahm das alles wie im Traum wahr. —
Dort! Güldenfey schrak zusammen. Dort unter dem Geäst niedriger Tannen, dicht an den Boden gedrückt, lag es dunkel und geballt. Ein Mensch? Nein, ein Bündel von irgend etwas Menschlichem, das ausgeworfen, verloren, vergessen sich hier verkrochen hatte. Sie blieb stehen, von Grauen geschüttelt. War er das? Sein langer Bart, seine Kleidung? Sie konnte nichts erkennen, denn vor ihren Augen bewegte sich ein Flimmerspiel.
Das Etwas rührte sich nicht. Der Reiherruf kam wieder vom Wasser her. Da erwachte Güldenfey, das Erbarmen war mächtiger als die Starre der Furcht. Sie trat näher. Ja, er war es. Leise rief sie: »Mellin!« Dann lauter, zuletzt wie in Angst: »Mellin!« Da rührte er sich.
Gottlob, er lebte. Und schon kniete sie neben ihm. Er hob den Kopf. O, dieses Gesicht! Der Tod hatte ihn nicht genommen, doch er mußte durch alle Grade des Sterbens gegangen sein und furchtbar gelitten haben.
»Mellin, was für Sorgen haben Sie uns bereitet!« sagte Güldenfey.
Er blickte sie abwesend an; nichts verriet, daß er sie erkannte.
»Aber jetzt ist alles gut, und wir gehen heim. Denken Sie doch an Ihre arme Frau! Können Sie sich aufrichten?«
»Nein!« Er schüttelte den Kopf, mühsam, wie heraufgestoßen klang seine Rede. »Ich will nicht mehr, ich mag nicht mehr. Lassen Sie mich doch umkommen.«
»Aber, Mellin!« Güldenfey wußte nicht, was sie sagte, sie dachte: nur auf ihn einreden, nur den Faden zerreißen, der ihn an das andre Ufer band. Und sie sprach von Mariechen und ihren Kindern; von der sorgenden Frau; sie sprach von ihm und dem Leben im Treßhof. Ach, was redete sie nur!
Sie wußte nicht, ob die Worte in den dunklen Grund seiner Seele fielen. Er hatte das Kinn auf die Brust gestützt, in Bart- und Haupthaar hafteten dürres Gezweig und grüne Baumnadeln, die Augen lagen blicklos wie versunken in ihren Gruben; aufgerissen klaffte der Rock.
»Mellin!« Ach, es war ganz gleichgiltig, was sie sagte. Aber das, was ihr die Worte eingab, war stärker als der Tod, dem er nachlief, das fand die irrende Seele und rief sie aus den Gefilden der Verzweiflung zurück. Sie sah es, er merkte auf, und dann kamen ihm die Tränen.
Durch die Dämmerung des zeitigen Frühlingsabends führte Güldenfey Mellin in den Treßhof zurück.