Die Flucht vor den Flammen
Froh gegrüßte Gäste — wo traten die jetzt noch in eine Tür? In den Taschen der Boten, die zweimal täglich von Haus zu Haus gingen, waren unheilbringende Nachrichten, die die Stirnen der Empfänger verdüsterten. Scheu folgten die Blicke den Trägern: Was wird er jetzt bringen? Und öffneten sie die Papiere, so lasen sie, was ihr Herz mit neuem Kummer füllte.
Häberle blickte mit geheimem Kummer der Post entgegen, seit sein Chef von der Reise zurückgekehrt war. Malte schien freier denn vorher, doch Häberle verharrte in schweigendem Mißtrauen. Es kam, wie er's erwartet hatte.
An dem Samstag vor dem Osterfest trat der Bote gewichtig ein und lud an Brauns Tisch seine Schreiben ab. Häberle rückte seine Brille zurecht, tat, als summiere er die Gehaltliste, und spähte doch durch die Spalten seines Verschlags aus. Es gab ein langes Verhandeln, endlich ging der Briefträger.
Warum kam Braun nicht? Warum zögerte er die Durchsicht so lange hin? Endlich war es so weit. Den ersten Brief des Stapels, der Häberle in die Hände fiel, erkannte er als das versiegelte Schreiben des Ringes. Er wußte, was darin stand, und fand seine Ahnung bestätigt: der Ring kündigte dem Hause Treß die Arbeitgemeinschaft. Was nun in dieser Zeit beginnen! Häberle hatte das Unheil auf sich zuschreiten sehen. Nicht allein vermöge seines kaufmännischen Scharfblicks. Er war Mitglied eines astrologischen Vereins, und das Horoskop hatte Unheil vorausgesagt. Was nun? Er scheute sich, das Zimmer des Chefs zu betreten, er konnte den Anblick nicht ertragen, wenn er Malte vor dem Zusammenbruch seiner Hoffnungen sah.
»Herr Häberle!«
»Herr Konsul?«
Es mußte sein. Häberle raffte die Briefe zusammen und trat ein. Er zwang seinem Gesicht einen sorglosen Ausdruck auf. Malte erschien ganz unbekümmert. Um so schwieriger!
»Nun, nichts von Bedeutung da?«
Malte wunderte sich, daß Häberle nicht antwortete, sondern sich mit den Briefen zu schaffen machte. Er blickte ihn an. Warum bebten dem Mann die Hände? Er sah auf den Kopf des Briefes, den jener vor ihm ausbreitete, und wußte alles.
Schweigen, Schweigen. Wie erdrückende, atembeklemmende Mauerwände stiegen die Sekunden auf und wurden lang und lastend. Malte bewegte sich zuerst. Er nahm das Schreiben und las; nein, er las es nicht, er suchte nur das Wort Kündigung, das genügte.
Nur den Kopf hochhalten, solange Häberle zugegen ist, dachte er, nur so lange! Wenn das Schiff leck geht, darf der Führer nie gelten lassen, daß Gefahr besteht. Und die Brigg geht leck vor dem Sturm. Er strich sich mit der Hand nicht über die Stirn, er seufzte nicht einmal.
»Nun, Herr Häberle?« sagte er fast heiter.
Häberle nickte einige Male bedächtig. »Haben Sie für diesen Fall bereits Bestimmungen getroffen, Herr Konsul?«
Malte verneinte; er war voller Zuversicht gewesen, daß der Vertrag gehalten werde. Wie hatte Harro gesagt? Wir haben einen Krieg verloren, aber nicht Ehre und Gewissen. Auch nicht Treu und Glauben, das kostbarste Kaufmannsgut? Doch, doch! Im alten Treßhaus war das Wort gesprochen worden vom Totschlag des Gewissens, und er, Malte Treß, hatte dazu geschwiegen.
»In diesem Falle rate ich, das Anerbieten sofortiger Rückerstattung des Kapitals anzunehmen«, sagte Häberle. »Die Entwertung schreitet weiter vor, keiner weiß, wie weit wir gleiten.«
Malte war andrer Meinung, doch er hielt sich zurück. Da war die Kündigung, aber sie stellte weitere Erklärungen in Aussicht. Gleich nach dem Fest wollte er Usadel aufsuchen. Er mußte ihn sprechen, koste es, was es wolle. Man würde verhandeln, vielleicht ließe sich alles schlichten. Dies war doch wohl nur eine Drohung, deren Folgen sich vermeiden ließen.
Er äußerte etwas Ähnliches.
»Jeder Tag ist äußerst kostbar«, warnte Häberle. »Soll ich nicht schon heute vorfühlen?«
Ja, das könnte man tun, nur nicht Verbindlichkeiten eingehen.
»Es ist eine große Verantwortlichkeit uns auferlegt«, fuhr Häberle fort. »Herr Konsul, ich würde raten, mit dem Hause Poppelmann in Verbindung zu treten und Rat zu erbitten.«
Malte empfand jetzt erst die Weite dieses Geschehens, da Häberle ihn auf Hamburg verwies. Sollte er dort als Bittender erscheinen, wo man ihn stets als Gast empfing? Schwiegersöhne als Fordernde waren unbeliebt, und man wäre im Hause Poppelmann sehr geneigt gewesen, hinter der Bitte um Rat einen andern Hilferuf zu wittern. Dennoch — wenn Gefahr in Verzug war, konnte das Richtwort der Poppelmanns: Selbst ist der Mann! nicht beachtet werden.
Häberle verließ seinen Chef einigermaßen verwundert. Dieser die Tat über alles Schätzende zögerte. Unterlag er einem Schreck über die unerwartete Wendung oder war der Kraftstrom am Versiegen? Häberle versuchte, sich sofort mit befreundeten Großbanken in Verbindung zu setzen. —
Solange der Tag lärmte, war es in Maltes Innerem ruhig. Doch es kam die Nacht. Die Schatten huschten dann, die die Lawinen wälzten.
Er saß mit Frauke zu Tisch, und sie redeten von fernliegenden Geschehnissen wie gewöhnlich, kühl und verbindlich. Mellin.
»Verzeih, du sprachst von Mellin?«
Frauke sah ihn verwundert an und wiederholte etwas gedehnt ihre Frage.
»Ja, er scheint sich in sein Los zu finden. Er ist sehr still, seltsam verschlossen, aber er verrichtet seine Arbeit ohne Murren. Er dauert mich, der arme Wicht!«
»Seltsam, wie er das so bald verwinden konnte. Ich ...«
Frauke brach ab und schenkte Tee in ihre Tasse. Sie liebte es nicht, von ihren Gefühlen zu reden.
Malte spähte zu ihr hinüber. Hätte sie doch gesagt, was sie empfand! Vielleicht wäre das Wort eine Brücke geworden.
»Es gibt viele, die arm aus dieser Zeit hervorgehen«, sagte er.
Aber Frauke hob nur die Schultern und schwieg. Armut war ihr ein nicht auszudeutender Begriff.
Er war wieder allein, nachdem er die kühle Hand zur guten Nacht geküßt. Sollte er sich jetzt dem Dunkel ausliefern? Nimmermehr. Er ging hinunter und entflammte das Licht über seinem Arbeitplatz. Wieder kam die Osternacht herauf, und in sein Sinnen stieg die Erinnerung an die Festrüste des vorigen Jahres. Da hatte er auch hier gesessen und auf die Schritte vor den Fenstern gelauscht. Damals war er auf der Schwelle fremder Not gestanden, hatte in die dunkle Kammer geblickt; heute ... War da eine Beziehung? Es gab so rätselhafte Zusammenhänge in diesem wunderlichen Leben.
Malte fühlte, wie seine Stirn feucht wurde. Er stand auf und trat an sein Bücherbord. Ein zierliches Bändchen blieb in seiner Hand. Faust. Ach ja, Jörg hatte ihm das Buch zur Weihnacht verehrt, und er hatte es unbedenklich zwischen Handelsrecht und Warenkunde gepflanzt. Nun, warum nicht Faust!
Er schlug auf und las:
O sähst du, voller Mondenschein,
Zum letztenmal auf meine Pein.
Weiter, weiter bis zur Erlösung. Gewißheit einem neuen Bunde? Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder? Malte schloß das Buch, die Erde hatte ihn noch gar nicht losgelassen, sie sog sich an ihm fest. Wie fern das klang, wie unendlich fern!
Es galt jetzt, sich mit den irdischen Hemmungen abzufinden, ruhig und klar abzuwägen, denn in ihm klaffte ein schrecklicher Zwiespalt: Weg zur Rechten und Weg zur Linken, aber wo lag das Heil? War das schon ein Zerbröckeln der Kraft, daß er zögerte rechts oder links?
Ach ja, am Bühnenhelden tadelte man, wenn er nicht wußte, was er sollte: Schwächling. Und doch war das Heldentum dieser Erde nichts als ein Ringen mit Zweifeln, ein Vergehen in qualvoller Ungewißheit.
Ach ja, jene, die tagsüber da draußen über den Zahlen saßen, neideten ihm, das wußte er, sein Herrendasein. Wenn sie wüßten, welche gezähnten Mächte an ihm fraßen, während sie sich, aller Verantwortung bar, vergnügten oder zufrieden auf ihr Lager streckten!
Ein Mensch, ein Mensch, gegen den er sich hätte aussprechen können! Freunde hatte er nicht, die ihm durch dick und dünn gefolgt wären; er hatte nur sogenannte Freunde. Und Verwandte, die ihn und seine Lage verstanden hätten? Harro, Onkel Rolf, Klaus etwa? Jörg; ja, der trug etwas vom Wikingerblut in sich, den Tropfen des sich durchsetzenden Trotzes. Aber das war eine andre Welt.
Plötzlich stand er auf, herrisch schob er das Buch zurück: seine Frau; wozu hatte er eine Frau? Was nützte es, wenn zwei nebeneinander und nicht miteinander lebten! Sie wollte er fragen, sie mußte ihm Rede stehen. Er löschte das Licht und begab sich nach oben.
Leise betrat er Fraukes Schlafzimmer, in das der Mond schien. Sie erwachte nicht. Sie lag da, die Decke bis unter das Kinn heraufgezogen; eine Locke hatte sich verschoben und krauste sich wie ein Fragezeichen auf ihrer Stirn. Ihre rechte Hand, die den Ehereif trug, war unter der Decke hervorgeglitten, und durch die feinen Ringe am Gelenk ging die leise Bewegung des tiefen Atmens. In dem Gelöstsein des Schlafes erschien sie verändert, eine fast kindliche Weichheit lag versöhnlich um Mund und Braue.
Malte zog einen Stuhl herbei und setzte sich, um sie zu betrachten. Das war die Frauke, die er als erste mit dem Wunsch, sie zu besitzen, angeblickt hatte, damals in Harvestehude, beim Reifenspiel auf glatt geschorener Rasenfläche, zwischen Agaven und Lorbeerkübeln.
Nein, Erwägung und Stolz hatten nicht vorangestanden, die waren erst später zu Wort gekommen. Als erstes war der Wink gestanden, der sich an die Tiefen der Seele richtete.
Wie wunderbar ging das Spiel der Mächte, die Mann und Weib aneinanderbanden! Warum gerade diese ihm wurde, ihm, der im tiefsten der Frau so sehr bedurfte! Warum diese, um die immer ein leises, nein, ein spürbares Abwehren und deutliches Versagen war?
Plötzlich erwachte Frauke. Er hatte nicht geseufzt, nur seine Nähe konnte sie aufgestört haben.
Sie hob den Kopf und sah ihn an, dann entzündete sie die Lampe. Im Strom künstlicher Helle zerfloß auf ihren Zügen alles, was in Malte die rührenden Gedanken geweckt hatte.
»Du?« fragte sie.
»Erschrick nicht«, sagte er gedämpft.
»Ist etwas geschehen?«
Es klang so hilflos. Er rückte seinen Stuhl näher und nahm ihre Hand, die die Nestwärme eines jungen Vogels hatte.
»Nichts Besonderes«, erwiderte er. »Ich saß lange drunten, konnte wieder nicht schlafen ...«
»Ein Pulver«, sagte sie.
Malte schüttelte den Kopf. »Das hilft ja nicht, Frauke. Ich habe Sorgen, und keiner ist da, dem ich mich mitteilen kann. Da trieb es mich herauf, ich wollte dir nahe sein.«
Sie blickte ihn forschend an. Die Gefilde, aus denen sie kam, waren so weit von allem Zeitlichen.
»Ist dir nicht wohl?« fragte sie.
»Wohl? Nein, Frauke. Doch der Grund dafür, der ist es.«
Er war gekommen, sein Recht zu fordern, zu verlangen, daß sie ihn anhöre. Nun beherrschte ihn wieder die alte Verzagtheit, die nichts von der Gemeinsamkeit in Freud' und Leid wußte, der Zwang ihrer Nähe.
»Welches ist der Grund?«
Doch kaum hatte er zu sprechen begonnen, da warf sie sich unmutig zurück und entzog ihm die Hand. »Ist es nötig, mich deswegen weit nach Mitternacht zu wecken? Ist der Tag nicht lang genug dafür?«
»Frauke, ich brauche dich gerade jetzt.«
Warum dieser bittende Ton? Sie war gänzlich verwandelt, auch in dieser Stunde die beherrschte Frauke Poppelmann. Sie zog die Decke hüllend wieder bis an das Kinn. »Bitte, ich bin müde!«
Malte stand auf, er schob den Stuhl wieder auf den Fleck, da er gestanden. »Ich glaubte bei dir zu finden, was ich nirgendwo finden kann«, sagte er bitter.
Sie antwortete nicht; er zögerte noch ein paar Sekunden. Da streckte sie die Hand nach der Lampe aus, als wolle sie diese verlöschen. Malte ging.
Bald nach dem Fest reiste Malte nach Hamburg. Als er zwei Tage später heimkehrte, wußte er, daß diese Bemühung umsonst gewesen war: er war wieder der freundlich bewillkommnete Gast gewesen. Das, was er gewollt, hatte er nicht erreicht.
Hinter der Wohlerzogenheit der Poppelmanns stand immer das behende Mißtrauen der Goldwäscher oder Jäger des fernen Westens, die in reger Bedachtsamkeit darüber wachen, daß keiner in ihre Spuren tritt, die aber auch ebenso ängstlich jede Teilnahme an der Fährte des andern verdecken.
Der alte Josias mit den weißen Bartstreifen auf den Wangen, dem glattrasierten, schmeckenden Mund und den eigen gewölbten Brauen, die er oft so verweisend in die Höhe zog, hatte ihn natürlich angehört. In seiner jetzt etwas vorgeneigten Haltung hatte er Maltes Bericht gelauscht. Doch seine Antworten waren spärlich wie die Weisheitsprüche eines morgenländischen Heiligen gekommen und fast erzwungen worden.
Ja, die Lage war fatal, das mußte zugegeben werden. Man mußte zunächst verhandeln, unbedingt. — Ob er Usadel kenne? — Nun ja, wie man eben solche Leute kennt; Verbindungen mit ihm bestanden nicht.
Aber wenn der Ring ablehnte! Würde das Haus Poppelmann bei der Verbindung mit andern Großbanken behilflich sein?
Die Brauen hatten sich strafend gehoben, und die Hand hatte abgewinkt. In dieser Zeit! Nein, nein!
Malte hatte behutsam darauf hingewiesen, daß Frauke beteiligt sei, daß ein Fehlschlag ...
O, das wäre Fraukes Angelegenheit, aber — eine bedeutungschwere Pause hatte sich eingeschoben — es war nicht gut, Frauke zu schädigen. Sie hatte besondere Ansichten.
Er verstand die Drohung, die hinter dem scherzhaften Wort kauerte.
So war die Unterredung mit dem alten Poppelmann gewesen, und die bedächtige Frage, wann Malte wieder abzureisen gedenke, hatte den Schlußstrich gezogen. Er hatte es noch bei den Brüdern versucht; es hatte ihn etwas gekostet. Denn diese Männer waren trotz ihrer alttestamentlichen Vornamen ganz jetztzeitige Menschen, mit Elbwasser getauft, von den erstarrten Überlieferungen der Familie gesteift, ohne Bewußtsein, verkrustet in gärender Neuzeit zu stehen, aber ausgerüstet mit der Witterung für erstklassige und zweitklassige Wesen. Zu welchen sie sich zählten, drückten sie nie in Worten aus.
Das Gespräch mit ihnen war noch fruchtloser verlaufen. Malte reiste ohne Hoffnung ab.
Unter ihm murmelten einförmig die Räder. Was summten sie nur? Dann fielen ihm die Worte zu der Weise ein, alte törichte Worte:
Verlassen, verlassen, verlassen bin i
Wie der Stein auf der Straßen ...
Die Worte wurde er nicht wieder los, bis er in den Bahnhof der Heimatstadt einfuhr.
Frauke blickte ihn an, als er eintrat, fragte aber nicht. Da schwieg auch er. Die pflichtgemäßen Grüße waren bald ausgerichtet. Dann einige Besprechungen mit Häberle. Er erfuhr, daß jede Annäherung mißglückt war. Also nach Berlin!
Malte graute vor dem Weg, den er beschreiten wollte, dem Weg der Demütigungen. Ihn allein gehen müssen, das war das Fürchterliche.
An dem Abend vor seiner Abreise ging er noch in den Treßhof, um aus dem Geheimschrank einige Akten zu nehmen. In Güldenfeys Zimmer brannte Licht, er stieg hinauf.
Güldenfey war allein, sie war oft seit Marfas Tod allein. Ein flüchtiger Gedanke streifte Malte, daß es nicht recht sei, das Kind sich selbst zu überlassen. Ose war freilich da, aber ... Der Treßhof war so still geworden; wie ein totes Gewölbe umschlossen seine alten Wände dies junge Leben.
»Ist es dir nicht zuweilen unerträglich, hier zu hausen?« fragte er sie.
Güldenfey sah ihn verwundert an. »Warum, Malte?« fragte sie. »Es ist ja unsre Heimat.«
»Aber dieses Alleinsein!« Er stand auf und wanderte planlos umher. »Und wenn es zehnmal die Heimat ist, wer in ihr vereinsamt, müßte der nicht leiden?«
Er hielt ihr sein Gesicht wie ein geöffnetes Buch entgegen, und sie las darin, las, daß seine Worte gar nicht ihr galten. »Malte,« sagte sie, »willst du ...«
Aber er unterbrach sie, fing an, von anderm zu sprechen, von Berlin, von seiner Reise dorthin. Dann fragte er, ob sie wisse, wo Harro seinen Ferienaufenthalt genommen habe.
»Wolltest du dich mit Harro treffen?« fragte sie.
Malte zuckte die Schultern. »Der ist mir auch nicht freundlich gesonnen; ich werde alle Gänge allein erledigen müssen.« Er grub die Zähne in die Lippe, dann schüttelte ihn etwas wie ein Frost. Er riß sich zusammen, doch er fühlte, daß sich der Zwang in ihm löste und die Maske sank. Ein weinerlicher Zug veränderte sein strenges Gesicht.
Plötzlich stand Güldenfey an seiner Seite, ihre Arme legten sich um seinen Hals, und nun fiel sein Gesicht schwer auf ihre Schulter. »Armer, du Armer!« sagte sie. Ihre Hände strichen an ihm nieder, der wie ein Knabe vor ihr stand. »Ich gehe mit dir, ich begleite dich. Nein, sag' nichts dawider. Ich tu' es ganz gewiß, keiner hält mich davon ab. Morgen? Natürlich morgen. Ich bin bereit. Wir Treß müssen doch zusammenstehen.«
Malte mußte sich fügen.
Sie waren in der Hauptstadt Deutschlands. Güldenfey ließ es sich nicht nehmen, Malte auf seinen Gängen zu begleiten, und er, der Älteste des Hauses, der Vaterstelle vertrat, ließ es sich gefallen. Wer konnte Güldenfey widerstehen, wenn sie bat! Und sie bat so beweglich.
Ehemals — nein, da hätte Malte sich dagegen ernstlich verwahrt. Doch er war ein andrer geworden: weich, nachgiebig und ein wenig hilflos. Er war in der Verfassung, angesichts derer Frauen den ganzen Segen ihrer erbarmenden Mütterlichkeit ausströmen dürfen, ohne zu verletzen.
»Güldenfey, ich habe wahrscheinlich während des ganzen Vormittags auf der Bank zu tun; es ist sehr anstrengend, die Luft, das Warten. Möchtest du nicht wenigstens heute hierbleiben?«
Sie hielt ihren Hut schon in der Hand und blickte ihn lächelnd an. »Vergißt du unsern Pakt?« fragte sie.
Malte schwieg und ließ sie gewähren. Es war ihm ja lieb, wenn er sie an seiner Seite schreiten sah, es flößte ihm Zuversicht ein, wenn ihm während der zermürbenden Aussprache mit irgendeinem Verantwortlichen hinter gepolsterten Türen der Gedanke kam: Draußen sitzt Güldenfey, ihre Gedanken gehen behütend und sorgend auf dich.
Ach, dieses Warten in den großen Sälen der Banken, durch die unablässig der Strom einer unbegreiflichen Geschäftigkeit brauste! Diese Flut von Angst und Erwartung, die an den Schaltern vorüberrann, dieses Wühlen in Papieren und Zahlen! Sonnenlicht drang nicht in diese Räume, deren Decken marmorverkleidete Säulen stützten, und doch waren sie von zahllosen elektrischen Glühpunkten erleuchtet. Wenn man eintrat, war es, als tauche man unter die Erde, in das Getriebe eines Bergwerkes, wo ungeahnte Metalle in den Basalt eingeschlossen ruhten, und tausend Hände gruben nach ihm, schürften, schleiften, hämmerten mit verzerrten Mündern und schweißnassen Stirnen.
Sie mußten früh altern, diese Schaffer, die schon in ihrer Jugend die herbstliche Welke auf den Wangen trugen. Nicht durch die suchende Arbeit allein, mehr noch durch das rastlose Bemühen, ohne Mut und Aussicht dem Widersinn Frondienst zu leisten.
Endlich kam Malte.
»Bist du zufrieden, lieber Malte?«
Er zwang sich ein Lächeln ab und sprach ein paar nichtssagende Worte. Güldenfey unterließ es bald, ihn zu fragen. Warum ihn nötigen, seine Enttäuschungen zu verstecken? Von nun an begann sie, heiter zu erzählen. Aber auch das sollte mit Vorsicht geübt sein, denn er brauchte Zeit, seine Gedanken zu sammeln. Nur nicht stören, denn dann schickte er sie fort! —
»Kind, ich muß noch einen Besuch in einem Privathause erledigen und kann dich nicht mitnehmen. Du erwartest mich zu Hause.« Malte hob schon den Arm, um einen Wagen heranzuwinken.
»Darf ich nicht die hübschen Dinge in diesen Schaufenstern betrachten?« fragte Güldenfey.
Er sah sie zweifelnd an, und sie nickte ihm, ihre Worte bestätigend, zu. Als ob sie dem Tand viel nachfragte! Doch er gab nach. Es war so trostreich, zu wissen, daß sie ihn erwartete.
»Auf der Straße und allein? Wenn ich mir das hätte vor einem Jahr noch zutrauen sollen«, sagte er.
»Wer sollte mir etwas tun!« sagte sie strahlend.
Nein, nach den bunten Dingen der Läden sah sie nicht, nur nach den Menschen, die an ihr vorüberfluteten. Ihr Blick suchte auf den Angesichtern nach den Wunden, die unter ihnen bluteten, nach der tiefen Wunde der Heimatlosigkeit, die alle trugen, deren Wurzeln aus dem Mutterboden gerissen waren, und die wie verschleppte Blumen in dem Zierglas Großstadt siechten.
Der Abend brach herein, die Fenster wurden erhellt. Funkelnde Mädchen, deren Schritten ein aufdringlicher Duft folgte, strichen an ihr vorüber; ergraute Männer, die wie zerwetzte Steine rastlos sich drehender Mühlen erschienen; Gebückte mit erloschenen Augen, von Not und Mühsal völlig ausgehöhlt. Hier im künstlichen Licht dieser unbegreiflichen Stadt stieg das Leprosentum der Zeit schamlos und unverhüllt empor.
Was waren diese Straßen und Höfe und Häuserflure? Nichts als ein großes Nachtasyl, das ausströmte und aufnahm, das verbrauchte und zerbrach, in dem man großsprecherisch von Fortschritt redete und die Kultur pries, die Kultur des kalten Metalls und des durchsichtigen Glases. Der gewaltige Sturm, der durch die Zeit fuhr, fegte durch diese Gassen nicht, und keiner verstand ihn.
Das Tier, dachte Güldenfey. Die Starre, die Lebensleere! Sie empfand plötzlich Furcht. Nicht vor den Menschen, deren Blicke sie musterten oder übersahen, nein, vor dem unaussprechlichen Ahnungsschweren, das sich wie ein Wüstenbrand durch die Welt wälzte, vor dessen Flammen die Menschen flüchteten, und denen sie doch nicht entrannen. War Malte, waren sie alle diesem fressenden Feuer auch verfallen?
Für den Morgen des nächsten Tages war eine Ratssitzung angesetzt, an der Malte teilnehmen mußte. Güldenfey blieb ungern allein, aber seinem Vorschlag, in dem nahen Tiergarten frische Luft zu genießen, konnte sie nicht folgen. Um Mittag wollte Malte zurück sein. Sie beschloß, ihn auf ihrem Gastzimmer zu erwarten.
Ihr Fenster ließ sie auf den weiten Platz blicken, über den vom Morgen bis in den Abend der hastige Fluß der Fußgänger und Wagen rann. Der gegenüberliegende Bahnhof, auf dem die Vorortzüge mündeten, füllte zu gewissen Zeiten den Platz für Minuten mit zuströmenden Menschen, die außerhalb der engen Mauern ihren Wohnsitz hatten.
Hastig und erregt kamen sie an, aufgepeitscht von der Hetze, den nächsten Wagen, ihre Wirkungstätte zu erreichen. Der Ruch frischer Luft, den sie noch in ihren Kleidern mit sich trugen, verrann schnell im Dunst lärmender Straßen, und die Unruhe ihrer Fahrten verdrängte die Stille, die eine Nacht in ihnen aufgespeichert hatte.
Ach, wie schwer und schlecht lebten sie alle in dieser versteinten Welt! Diese Betten in den dunklen Zimmern! Diese Tische voll Hast ohne festliches Genüge, von denen man aß, um nur satt zu werden.
Und draußen ging der Frühling, und seine Winde spielten im Gezweig der weißen Birken und trugen den Weihrauch der Föhren und die Würze junger Beete jedem, der kam, entgegen.
Güldenfey erschrak, als eindringlich an die Tür gepocht wurde: ein Bediensteter rief sie heraus. Als sie in den Gang trat, sah sie, wie Malte bleich und verstört die Treppe emporgeleitet wurde.
Er lächelte, da sie ihn in ihre Arme schloß. Es war nichts, gewiß nichts. Die Dumpfheit des Beratungzimmers. Er hatte es verlassen müssen. Auf der Straße waren ihm die Sinne geschwunden, ein Wagen hatte ihn hergebracht. Er war bemüht, ihren Schreck zu mildern, und ließ sich auf das Ruhebett strecken.
Er werde sich gehörig ausruhen, mit Güldenfey am Nachmittag unter die grünenden Bäume des Tiergartens gehen. Morgen müsse er ohnehin auf einen Tag verreisen. Nein, Güldenfey solle sich nicht sorgen: keine geschäftliche Reise! Er wolle einen Bekannten zu treffen suchen, der unweit wohnte; die Abwechslung komme ihm eben recht nach diesen verzehrenden Tagen.
Güldenfey hörte ihm zu, während sie neben dem Ruhebett saß und kühlende Umschläge auf seiner Stirn wechselte. Das Erschrecken über Maltes Aussehen war ihr bis ins Innerste gedrungen. Wie er verändert war, als er die Treppe emporwankte! Sie haßte diese Stadt, die alles aus Maß und Gleichgewicht warf und an den Wurzeln der Starken zerrte.
»Ob wohl Harro zu erreichen wäre?«
»Laß es uns erwägen, Malte.«
Und während sie berieten, kam Güldenfey eine Gewißheit. Warum tauchte diese Frage nach Harro immer wieder auf? Was wollte Malte von ihm, der ihn doch nicht verstand? Sie begriff, daß es Malte nicht um Harro zu tun sei, er wollte eine starke Kraft an seiner Seite haben. Sie selbst? Ach, die gute Erziehung steckte ihm zu tief im Blut, als daß er nur einmal vergessen hätte, Rücksicht auf sie zu nehmen.
Scheinbar ging sie auf seinen Vorschlag ein: morgen, wenn sie allein war, wollte sie die Verbindung mit Harro herzustellen suchen. Sie war entschlossen, es nicht zu tun. Harro aus dem Ferienaufenthalt herbeirufen, ihn unwirsch oder laut mit Besserungvorschlägen auf Malte eindringen sehen? Das hätte keinem genützt und allen weh getan.
Als sie am Abend allein war, überzählte sie die Barschaft, die sie für alle Fälle zu sich gesteckt hatte. Es würde reichen. Ihr Plan war gefaßt. —
Malte war abgereist; scheinbar erfrischt. Doch den Zug, der sich um seinen Mund eingeschliffen, diesen drohenden unheimlichen Zug der Starre, den trug er mit sich. Güldenfeys Herz klopfte hörbar, als er sich grüßend nach ihr umwandte. Dann kehrte sie hastig in ihr Zimmer zurück, raffte ein paar Dinge zusammen und verließ das Haus.
Nach dem Bahnhof! Sie wollte zu Jörg, ihn herbeirufen. In Ungewißheit harren, ober käme, einen Tag allein in dieser gärenden Stadt zubringen, das hätte sie nicht vermocht. Sie mußte handeln.
Wie war der Tag zum Verschmachten heiß, wie unruhig ging das Gespräch der Reisenden! Liefen die Räder nicht schneller? Zuweilen war es, als sogen sie sich an den Schienen fest.
Wälder, in denen Stürme gewütet, Flüsse, auf denen sich müde Deutschlands Schiffahrt wieder regte, Städte von ehrwürdigem Klang. Endlich Jörgs neue Heimat. Es war Abend geworden.
Güldenfey eilte durch die unbekannten Straßen, ging an dem alten Rathause vorüber, vor dem das Standbild des Großen Friedrich stand, den gezückten Degen in der Hand, gebieterisch in das Feld der Tat weisend. Ja, du!! ... Endlich war die Wohnung erreicht.
Jörg war nicht daheim. Eine freundliche Wirtsfrau, die in Güldenfey sofort die Schwester erkannte, tröstete sie: der Herr Treß werde bald kommen, er befinde sich noch in einer Probe. Ob sie etwa Tee ...
Güldenfey dankte. Nein, nur nicht warten! In drei Stunden fuhr ihr Zug. Sie ließ sich das Haus beschreiben, in dem er sein mußte, und ging. Es war bald gefunden, sie vernahm schon von weitem das Spiel eines Klaviers und wußte, das konnte nur er sein.
Sie öffnete leise eine Tür und trat auf die Schwelle eines mittelgroßen Raumes. Im Hintergrund am Flügel saß Jörg, um ihn eine Schar Junger, etwa zehn. Er brach nach einigen Takten das Spiel ab und trat vor seine Schüler. »So etwa also sollte es klingen. Doch ich sage euch: die glänzendste Passage ist nicht halb soviel wert wie der gute Gedanke während des Spiels. Glaubt's oder glaubt's nicht: das Edle wirkt ansteckend wie das Böse. Darum, treibt ihr Kunst um der Menge willen, seid ihr tönendes Erz, und treibt ihr Kunst um der Kunst willen, seid ihr klingende Schelle. Euch selbst muß sie im tiefsten veredelt haben, bevor ihr wagt, vor andre zu treten ...«
Er hielt plötzlich inne und beugte den Kopf vor, seine Blicke bohrten sich in das Halbdunkel, das um die Tür war. Güldenfey trat einen Schritt vor, und jetzt war er bei ihr.
»Jörg,« sagte sie, als er ihre Hände hielt, »kannst du in einigen Stunden mit mir fahren?«
»Gewiß, Güldenfey,« murmelte er zögernd, und dann sicher: »Natürlich, Güldenfey!« Er sprach einige Worte zu seinen Leuten, gab einem Älteren eine Weisung, dann nahm er ihren Arm.
»Nach Berlin, Jörg«, sagte sie. »Ich bin mit Malte dort.« —
Sie fuhren durch eine warme Nacht, die von Düften des blühenden Faulbaumes getränkt war, nordwärts. Am Morgen waren sie am Ziel.
Was war über Nacht aus Jörg geworden? Malte staunte. Wie schnell erfaßte Jörg, um was es gehe, wie findsam sah er neue Wege, wie unermüdlich stand er dem Bruder zur Seite! Das verwirrende Treiben auf den Banken beirrte ihn nicht, die vorsichtig ablehnenden Ausflüchte der kühlen Geschäftsleute, die stets einen luftleeren Raum zwischen sich und den andern legen, schreckten ihn nicht. Er ging unbeirrt mit zupackenden Worten auf sein Ziel los. Es war, als hätte er seit langem die Taktik der Krebsgänger studiert.
»Sie sind Kaufmann?«
»Nein, Musikbeflissener.«
Der feiste Direktor mit den Bartflecken auf der Oberlippe staunte.
Jörg winkte beruhigend: »Trotzdem altes Kaufherrenblut. Vielleicht geht mir auch die Befangenheit Ihrer Zünftigen ab. Jawohl, Befangenheit sagte ich. Denn trotz Ihrer künstlichen Ruhe fiebert doch in Ihnen allen die Beflissenheit vor dem, der auf einer höheren Steuerstufe steht.«
Malte machte eine unruhige Bewegung. »Verzeihen Sie die Abschweifung, Herr Direktor. Ich glaube, wir kommen nicht zum Ziel. Mein Bruder bittet, Herrn Usadel sprechen zu dürfen.«
»Herr Usadel ist nicht zu sprechen«, sagte der Feiste streng.
»Man könnte es versuchen. Haben Sie die Güte, uns seine Wohnung zu nennen?«
»In seiner Wohnung empfängt Herr Usadel nicht. Mir ist verboten, die Adresse aufzugeben.«
»Doch er ist in Berlin?«
Der Feiste hob die Schultern und geleitete die Herren höflich, aber spöttisch lächelnd zur Tür.
»Es ist doch vergeblich, Jörg«, sagte Malte. »Morgen noch ein Versuch, dann fahre ich nach Hause.«
Ja, es war vergeblich, das erkannte Jörg. Er konnte nicht helfen, und diese erfolglose Hetze in der Zone des Geldwesens, in der sich alle Gifte der Zeit ausschwärten, erschöpfte Maltes Kraft bis zur Neige. Dennoch — diesen Usadel hätte er gern aufgesucht, nicht um etwas zu erreichen — das war Maltes kranke Idee —, nur um ihn zu studieren.
Am Abend dieses Tages schon wußte er, wo Usadel wohnte. Das Haus lag in nächster Nähe, in einer jener ehemals stillen Straßen, die zum Tiergarten führen, in die aber jetzt der sich stauende Verkehr der Hauptstraße seine Überfülle abwälzt.
Jörg ging mit Güldenfey am folgenden Morgen vorüber: es war ein kleiner Palast, dessen blankpolierte Tür und verhüllte Fenster wie die Häuser der Gewalthaber in der Renaissancezeit eine sehr entschiedene Ablehnung gegen das Öffentliche der Straße bekundeten.
»Hier wohnt er, der Maltes Unstern ist«, sagte Jörg.
»Usadel?« fragte Güldenfey. »Aber Malte sucht ihn doch seit Tagen!«
»Vielleicht ist es gut, er findet ihn nicht. Wir aber wollen versuchen, ob wir zu ihm dringen können.«
»O Jörg!« sagte Güldenfey erschreckt, da er stehen blieb.
»Du darfst dich nicht vor diesem Menschen fürchten«, sagte Jörg und zog den Glockenknopf. »Ich will reden, aber deine Nähe sänftigt.«
Er mußte noch häufig das Glockenzeichen geben, bis von innen sich Schritte näherten. Eine Stimme fragte, wer da sei.
»Öffnen Sie!« entgegnete Jörg.
Wer da und was das Begehr sei.
»Machen Sie auf und Sie werden es hören.«
Eine Pause unschlüssigen Wartens, dann wurde umständlich ein dreifaches Schloß geöffnet, und eine schmale Spalte klaffte, in der das glattrasierte Gesicht eines Bedienten erschien.
»Wir wollen zu Herrn Usadel.«
»Herr Usadel ist nicht zu sprechen.«
»Er wird zu sprechen sein.« Jörgs Arm preßte die Tür, die sich schon wieder schließen wollte, zurück. »Erlauben Sie,« sagte er, »man darf eine Dame nicht auf der Straße warten lassen. Güldenfey, bitte!«
Sie betraten den Hausflur, der wohl als Warteraum gedacht war. Man blickte durch hohe Fenster auf den Hof und auf alte Bäume eines dahinterliegenden Gartens. Jörg überhörte geflissentlich die Lüge des hochmütig, gekränkt Dreinblickenden, Herr Usadel sei gar nicht anwesend.
»Wollen Sie melden: Herr Treß. Fräulein Treß wird mich erwarten. Oder ...« Er bot Güldenfey den Arm und schritt an dem Bedienten vorüber den Stufen zu, die zu den Gemächern führten.
Geschmeidig wie ein Panther glitt jener voraus und verschwand hinter einer halbgeöffneten Tür. Man hörte ihn in dem zweiten Zimmer, in das man blicken konnte, leise, doch erregt sprechen. Eine Stimme antwortete ihm, dann erschien er in der Tür und machte eine Handbewegung. Jörg trat ein; Güldenfey blieb in dem ersten Zimmer zurück.
Hinter einem breiten Tisch saß ein Mann in einem Anzug aus ungefärbter Seide, Morgenschuhe an den Füßen; die massigen Hände lagen ineinandergelegt auf einem ausgebreiteten Briefe. Er sah nicht überrascht, sondern völlig gleichmütig auf den Eintretenden.
Jörg nannte seinen Namen und fragte, ob er Herrn Usadel sprechen dürfe. Eine kaum merkliche Bewegung, die nicht verneinend, nicht zustimmend gedeutet werden konnte, antwortete. Jörg bat um die Erlaubnis, sich setzen zu dürfen. Wieder die unbestimmbare Bewegung.
»Ich bin im Namen meines Bruders Malte hier, er hat Sie nicht erreichen können. Er ist durch die Kündigung des Vertragsverhältnisses in Verlegenheit gekommen und bittet, diese rückgängig zu machen.«
Während Jörg sprach, betrachtete er Usadel. Das also war der Allmächtige, der die Geschicke der Welt mit einigen andern gemeinsam lenkte. Welche Gedanken mochten hinter den verdeckten Augen sich kreuzen? Unbeweglich wie eine Amphibie lauschte er. Oder hörte er gar nicht? Doch, er hatte verstanden!
»Sie sind nicht an die richtige Stelle gegangen«, erwiderte er, als Jörg innehielt. »Ich habe mit der Sache nichts zu schaffen.«
»Aber mit meinem Bruder schlossen Sie doch den Vertrag.«
Usadel bewegte bedauernd die Hand. »Unser Ring ist sehr umfassend.«
Jörg machte eine Bewegung, die Augenlider schnellten hoch. Trug der Mensch dort eine Waffe bei sich?
»Sie haben aber Einfluß, den Sie ausüben könnten.«
»Bedaure, nein.«
»Sie wollen ihn nicht wahrnehmen.«
Die fleischigen Hände machten wieder die nichtssagende Bewegung; dabei erblickte Jörg die abgestumpften Daumen des Mannes, diese kurzen kralligen Glieder, die Kennzeichen versklavter Abstammung oder Reste tierischen Herkommens sind. Plötzlich erhellte sich ihm die Erscheinung dieses in träger, abwehrender Ruhe verharrenden Menschen: sein brutales Kinn, die Unbeweglichkeit dieses verdeckten faltigen Gesichts. Usadel, was besagte dieser unwirkliche Name? Welches Stammes Siegel trug diese Stirn? Der Mann war auf keine Formel zu bringen; wie alle großen Menschheitverderber war er eine fleischgewordene Idee des Bösen, ein vermenschlichter Fluch.
»Sind Sie fertig, Herr Treß?« fragte er. »Ich habe wenig Zeit.«
»Ich bin allerdings am Ende«, erwiderte Jörg. »Könnte ich Ihnen menschliche Empfindungen zutrauen, so würde ich Sie daran erinnern, daß Ihr fluchwürdiges Gewerbe, das Menschen wie die Blätter eines Kartenspiels benützt und sie nach dem Gebrauch auf den Kehricht wirft, Ihnen den wohlverdienten Lohn einmal heimzahlen wird. Aber Sie stehen unter unserm Maß, Sie gehören nicht zu uns.«
Er sah, wie eine seltsame Bewegung den Mund Usadels verzog. Dann wandte er sich grußlos und ging.
Im Vorzimmer stand lauernd, wie ein Raubtier zum Sprung bereit, der Diener.
»Komm, Güldenfey!« sagte Jörg.
Auf der Straße klammerte sich Güldenfey an seinen Arm. »Jörg, ich habe ihn unausgesetzt betrachtet, er schien mir so bekannt. Sahst du ihn schon einmal? Der Mann deiner Zeichnung, der auf dem Häuserturm sitzt und angebetet wird, das ist er!«
»Du hast ihn erkannt«, sagte Jörg. »Ja, ich habe ihn schon erblickt, damals als ich verwundet im Felde lag. Der mir den furchtbaren Tausch anbot, das war er!«