Scene.
Ein Saal bey Hofe. König Willhelm, der Leibarzt, ein Bothe, hernach der Barbier und einige Räthe.
(Der König liegt auf einem Sopha, hat beyde Füsse in Verbänden, und zerreißt wütend ein Papier.)
Willh. Verdorren soll die Hand, die dieses schrieb! — Der Feind an meiner Gränze! Hölle und Teufel! Was machen meine Statthalter?
Der Arzt. Eurer Majestät theure Gesundheit — Der Puls —
Willh. Ich möchte Sie einen Esel heissen! Mit ihrem verwünschten Puls! — Die Feinde sind also vorgerukt?
Bothe. Vorgerukt —
Willh. Haben die Provinzen meiner Nachbarn erobert? —
Bothe. Erobert —
Willh. Werfet den Echo zur Thüre hinaus! Kann der Schurke nur nachplaudern? — Papagey red anders! Bursche lüge mir vor!
Der Bothe. Der junge König ist ein Strom, der alles nieder reißt ——
Willh. Der Kopf dieses gekrönten Buben macht mir mehr Unruhe als meine zwey Füsse voll Podagra! — Aber ich bin geheilt. Ich will ihn ausfordern! — Weg verdammte Verbände! — Ich bin gesund wie ein Hirsch! — Meine Waffen! — Sattelt mein Reutpferd! — Er thürmet Sieg auf Sieg, und ich alte Memme liege hier im Schatten einer Apotheke —— Ich bin wieder jugendlich! (Er spiegelt sich und reibt das Kinn.) Nur der graue Bart verräth mich! —— Man muß die dürren Stoppeln wegmähen! —— Wo ist mein Barbier? — Herein! Geschwind! (Er setzt sich) Eile!
(Der Barbier ergreift seinen Arm.)
Willh. Was will der Narr?
Barbier. Eine Aderlässe ——
Willh. Dummkopf, den Bart weg, oder dein Kopf fliegt! — Ich will selbst Adern öffnen, meine Feinde sollen bluten!
(Der Barbier seifet ihn ein, wird plötzlich tiefsinnig, und eilt hastig fort, indem er das Messer zu Boden wirft.)
Willh. Mach doch geschwind! Ich muß in den Kriegsrath! —— Mord und Tod! Daß auch die Könige mit solchen Kleinigkeiten goldne Minuten verlieren! —— Bursche, du stiehlst mir kostbare Augenblicke! —— Die Feinde rücken vor! —— Wo eilt der Narr hin? Daß dich die Pest! — Holt den Thoren zurück! —— Warum läuft der Schlingel?
(Der Barbier kehrt zitternd wieder, und wirft sich den König zu Füssen.)
Willh. Was machst du?
Barbier. Eure Majestät, ich habe durch meine Flucht ihr Durchlauchtiges Leben gerettet ——
Willh. Welch ein Anschlag? — Verrätherey! Mörder sprich —
Barbier. Da ich die Kehle unter dem Messer hatte, gab mir Satan den Gedanken ein: Mach einen Schnitt, so rettest du viele tausend Leben! Die Versuchung war so stark, daß ich davon lief, um nicht zu fallen ——
Willh. Steh auf! Ich danke dir mein Freund! Du hast mir das Leben geschenkt! Dein Glück ist gemacht. Du solt königlich belohnt werden. Du hast dem Teufel einen Streich gespielt! —— Aber scheeren sollst du mich nicht mehr. Ich liebe nicht politische Kannengiesser! (Zu den Räthen) Was denken Sie meine Herren von den kriegerischen Zeitläuften?
Ein Rath. Könnte nicht Friede ——
Willh. Verdammt seyd ihr und euer Steckenpferd der Friede! —— Ich sollte den gekrönten Jüngling vom Schlachtfeld mit Lorbeern ziehen lassen? —— Nein! Da steht noch eine alte trotzige Säule, die sie sich ihm entgegenstemmet. Junge, der morsche Podagrist soll dich zittern machen! —— Sie meine friedsamen Herren Räthe legen sich indeß in meine Flaumfedern, und pflegen Sie mit Beystand meines geschäftigen Leibarztes mein hartnäckiges Podagra; ich will indeß den Harnisch ergreifen, und König seyn! —— Wir wollen heut noch im Schlachtfelde tanzen! —— O daß ich dreyßig, nur zwanzig Jahre zurückrufen könnte, ich wollte dem jungen Adler die Flügel verschneiden! —— Fort Wünsche! So wie wir sind, müssen wir die Stirnen messen! ——
(Er eilt fort. Alle folgen.)
Elegie.
Salinia an Eduard.
Eilet ihr Blätter, ihr redenden Zeugen der zärtlichsten Thränen,
Bringt dem Geliebten den Gruß, und mein Lebewohl zu;
Denn mein trauriges Leben nähert sich hastig dem Tode,
Weil ich verlassen, verschmäht, und beleidiget bin.
Ach! Ich werde wie Träume vergessen! Wo sind die Beweise,
Daß mir Eduard lebt, daß er mich schätzet, und liebt?
Wie ein Ikarus stürz ich herab mit schmelzenden Flügeln,
Soll ich mir Mitleid erflehn? Welches Donnerwort! Flehn!
Einst war es Gnade, mich lieben zu lassen; izt bin ich verachtet!
Dieser Gedanke zernagt mein verwundetes Herz.
Aber wenn er mich liebte, wenn etwa nur grosse Geschäfte,
Eine Krankheit, Gefahr, vielleicht der schreckliche Tod ——
O ich sinke zu Boden! Die schwärzesten Ahnungen stürmen
In der bebenden Brust! —— Ja, mein Eduard stirbt!
Izt hab ich die Ursach von seinem Stillschweigen ergründet;
Welcher neue Verlust presset die Thränen mir aus!
Wie die rasenden Winde die schwankenden Schiffe bekriegen,
So bin ich ewig von Furcht und von Zweifeln bestürmt.
Diese Bilder verfolgen mich immer vom Morgen zum Abend.
Sie sind ewig bey mir, und verschonen mich nie,
Wenn ich beym Monde die stillesten Schatten mit Seufzen durchirre,
Schenk ich der vorigen Zeit einen verstohlenen Blick,
Und dann schleichen die süssen Gemälde der seligsten Tage,
Die mir die Zärtlichkeit gab, täuschend und liebreich zurück.
Aber plötzlich verscheuchet das Schrecken die reizenden Träume.
Schwarze Scenen der Angst schwärmen wie Geister um mich.
Jeder Gegenstand ändert izt seine Natur, und seine Gestalten.
Der sanftfliessende Strom rauschet wie Meere vorbey;
Der abkühlende Zephir wird ein wildheulender Nordwind,
Und der Nachtigall Lied scheint mir ein Leichengesang.
Das sonst so leise Gezische der Blätter ist Donnergebrülle;
Und das duftende Gras däucht mir ein glüender Sand.
O kehr wieder Du Sonne, die alles dem Auge verschönert!
Komm mein Geliebter zurück, schenk den Gefilden den Schmuck!
Liebe bevölkert die Wüsten, und schafft aus der Hölle den Himmel.
Wie nach dem Winter die Erd um den Frühling sich sehnt;
Wie die Mutter den Sohn von fernen Gestaden erwartet;
So ruft mein klagender Mund meinem Eduard zu.
Bothe des Himmels, du bringst mir das Leben! So lebt mein Geliebter?
Lebt, und liebet mich noch! So schreibt die göttliche Hand.
Dank für das Labsal, und Segen und Liebe für alle Geschenke!
Immer Geschenke? Mein Freund, was sind Gaben für mich?
Hat je die Grösse, der Reichthum den liebenden Busen bestochen?
Nimm die glänzende Welt; aber schenk dich mir selbst!
Liebliche Worte, verstohlne Seufzer, sanftlächelnde Blicke
Sind ein Göttergeschenk für mein zärtliches Herz.
Aber ich spreche von Liebe, von Liebe mit einem Monarchen,
Dem die Begierde nach Ruhm keinen Augenblick läßt.
Immer von Schlachten zu tödtenden Schlachten, von Siegen zu Siegen
Schleppet der Ehrgeitz Dich fort! —— Deine Salinia weint,
Lebet die traurigsten Stunden, und zittert der Nachricht entgegen
Daß ihr Leben, ihr Licht dort auf dem Kampfplatz verlischt.
Wie oft reissest du die Einbildungskraft deiner Geliebten
Auf das schreckliche Feld, wo die Donner dir dräun;
Wo so viel mördrische Dolche zu deinem Verderben sich rüsten;
Wie oft sterb ich in Dir; wie oft tödtest du mich!
Wie lang ärndest du Lorbeern, wie viel erbeutest du Kronen?
O ein Myrthenkranz wiegt blutige Palmen hinab!
Du bist izt Held, und Sieger; o setze dem Ruhme die Schranken!
Wisse, dann jauchzt dir die Welt, wenn dich Salinia küßt.
Schenk der Erde den Frieden, den weinenden Bürgern den Vater;
Schenk den Freunden den Freund, und der Geliebten dein Herz.