Scene.
(Ein abgelegener Theil des königlichen Pallastes. Im Grunde die Pforte zur Grabstätte des königlichen Hauses.)
Einige Höflinge, der Leibarzt, Hofdiener, und Damen stehen im Haufen und sprechen mit einander. Einige kommen von einer Seitentreppe herab; andere entfernen sich wieder. Hernach schleicht tiefsinnig Eduard daher, er ist seltsam mit bunten Federn geschmückt.
Der Arzt. Ich habe wenig Hofnung zu seiner Genesung! — Seht da kömmt dieses zertrümmerte Meisterstück der Natur! O ich möchte weinen!
Edu. Wo bin ich denn? —— Was für Menschengesichter! — (Er beschaut die Höflinge) Es ist meine Gallerie! —— Lauter Gemälde! —— Worte ohne Empfindung! —— Wenn ich König wäre, ich wollte Mohren bleichen! —— Wir alten Leute, Madame, gelten nichts! —— Andere Kunstwerke schäzt man, wenn sie alt sind; aber alte Exkönige —— Mehr Dunger auf die Genien! —— Schüttet die Gießkanne reicher aus! —— Seht, wie sie blühen! —— Die Gesetze der Weisheit leben auf! (Er faßt einen Höfling) Lebst du auch noch, morsche Schießscheibe? Den königlichen Spaß hättet ihr sehen sollen! Ich malte dieses Männchen wie ein Kartenmaler auf diese runde Tafel; alle Narren schossen auf ihn! Hahaha! Armer Günstling eines Königs! Der Neid —— Die Schminke ist verboten! Weg ihr Höflinge! Wascht eure Gesichter! —— Ist denn heut Maskenball? Ja ja! Hier ist meine Larve! —— Wie mich das Unglück in den April schickte! Nicht wahr, ihr alten Krieger, wir haben Meermuscheln eingesammelt? —— Eine prächtige königliche Sammlung! Kaligula war der erste Naturalist! — Mein Kopf ist überlastet! — (Er reisst die bunte Federkrone vom Haupt, und beschaut sie) Aleid trug eine Löwenhaut, wißt ihr warum? —— Weil er mit Löwen kämpfte! —— Wir tragen wie die Mohren Vogelfedern, weil wir Papageyen und Gümpel rupften! —— Hahaha! Fort! (Er schleudert sie weg) Ich habe lange genug diese alberne Krone getragen! —— Aber mein Pferd hat mich und die Krone getragen, folglich ist mein Leibpferd nach allen Rechten mein Thronfolger! —— Ihr werdet dabey gewinnen; es ist ein gutes Roß, wenn es Haber hat, bricht und macht es nichts! —— Mein Leibkutscher sey Staatsminister! —— O der Kerl versteht sich auf die Räder! —— Wie sind wir in der Zeit? —— Ich verliere alle Stunden! —— Meine Freunde, Dämmerung ist rings um mich! Mir geht keine Sonne auf! —— Lebt wohl, bis ihr mich wider sehet! Wann glaubt Ihr wohl, daß Ihr mich wiederseht? —— Versteht mich wohl! —— Mich! — Mich selbst! —— Denn izt bin nicht ich —— Ach! Meine Brüder, ich war! —— O als ich war, da lächelten schöne Tage! —— (Er senkt das Haupt und denkt nach) Ich möchte izt weinen —— Was sagen die Leute von mir? —— Reden sie noch vom Zaunkönige? (Er faßt eine Hand) Ich will dir wahrsagen! —— Horch! Alle Haare sollen sich emporsträuben! Du mußt sterben! —— Ja sterben! Denn du bist ein Mensch! Wie die Eulen krächzen! —— Gute Nacht meine Söhne! —— Wir haben manche Stunde verwacht! —— Streut Roßmarin unter die blutigen Lorbeern! (Er schleicht zur Grabstätte.)
Der Arzt. Eure Majestät, die Luft ist hier schädlich! Hier sind Grabmäler!
Edu. O so flieh! Flieh so weit dich die Füsse tragen, denn aus den Särgen würde über dich ein lautes Gelächter schallen! —— (Er reißt die Thüren auf, und wirft Todtenköpfe heraus, dann thürmet er Pyramiden aus den Schedeln.) Alexander! — Herkules! — Cäsar! — Kartusch! —— Attila! — Ludwig! —— Karl! —— Hahaha! Das war ein närrischer Kerl! —— Herr Bruder, du warst ein Schwindelkopf wie ich! —— Wenn du gesund bist, freut es mich; ich zwar bin wohl auf, und glücklich wie ein König! —— Wo sind meine Tonkünstler! Macht Musik! Etwas zum Wirbeltanze! —— Ich will mit Helden tanzen! —— Das ist der Kopf des goldenen Kalbes, die Vergoldung ist weggerieben, und da liegt die leere Hirnschaale! Schade, daß kein Gehirn in diesem Schedel war, —— Er war ein großer Mann, er hat viele Dinge ausführen wollen, die er nicht verstand. Er hat die Stühle im Rathhaus ganz anders gereihet! (Er nimmt einen andern Schedel) Ein elender Kopf! — Die Arbeit eines Schneiders! Zu schlecht für einen Steinhauer! (Er wirft ihn weg, und ergreift einen andern) Hahaha! Dem Bauch ist hart predigen! (Indem er einen andern faßt) Wie er daherschreitet wie ein Riese! Gebirge zittern unter seinen Fersen, er bildet Nationen um! —— Und fault! Schnupft Toback! Er stinckt! Gute Nacht Großsprecher, der Echo war dein Bruder! Viel Köpfe, viel Sinne! —— Ich habe die Lebendigen getödtet, izt bin ich König der Todten! — Dich ernenne ich zu meinem Hofmarschall! —— Du brauner Schedel sollst mein Feldherr seyn, dich hat die Sonne verbrannt, du wirst das Feuer des Geschützes erträglich finden. —— Du bist mein erster Kämmerling, so leer ist dein Schedel, wie ein Kämmerling natürlich seyn muß. —— Ihr zwölf morschen Schedel seyd meine geheimen Räthe! Widersprüche habe ich nicht zu befürchten, ihr liebt das Geheimniß, und sagt es nicht einmal euren Metzen! O die wakern Räthe! Kein König ist besser bedient als ich! —— Der Schedel ist unbestechlich, er nimmt kein Geschenk mehr; er sey Richter! —— Das Wetter trübt sich? Seht, wie die Winde ihre Pausbacken aufschwellen! Sie werden die Erde verschlingen. Fürchtet Euch nicht, es sind fade Politiker, die bey einem unsinnigen Zeitungsblatt träumen! —— Wie sanft alle ruhen! Keiner regt sich mehr! —— O hier will ich auch rasten! —— (Er legt sich auf die Stuffen der Treppe) Kühle Erde, wiege einen deiner müden Söhne ein! —— Geht alle! Lasset mich allein! —— Ich will schlafen! Ein angenehmer Traum soll mich betäuben! —— Löscht das Licht aus! —— Gute Nacht! —— (Er entschläft.)
(Der Arzt legt den Finger auf den Mund, und spricht leise)
Der Schlaf ist ein Balsam, wir wollen von ferne lauschen.
Drama.
(Ein großer Saal bey Hofe. Viele Höflinge stehen im Haufen beysammen, und sind im eifrigen Gespräche. Salinia und Amanda ihre Zoffe treten ein. Salinia in einem weissen Nachtkleide mit aufgelösten Haaren. Einen Arm hat sie entblößt, und hängen noch von einer Aderlässe die Binden daran. Sie eilt hastig in den Saal, staunt plötzlich, schleicht furchtsam zu allen Schaaren der Höflinge, blickt ihnen unter die Augen, schüttelt mißvergnügt den Kopf, um dadurch anzudeuten, daß sie nicht findet, was sie sucht. Die Zoffe folgt ihr traurig, will sie wieder zurückführen, und die Verbände in Ordnung bringen. Die Höflinge sind durch den Auftritt gerührt. Ein alter Hofmann grüßt sie.)
Hofm. Aber mein liebes Fräulein, sie bluten ja.
Salin. Bluten? —— O ja, izt erinnere ich mich (indem sie ihm zum Ohre schreyt) Sie haben mich tödten wollen! —— Aber ich bin den Mördern glücklich entkommen! —— Amanda, hast du meinen Eduard nicht gefunden? —— Die Schwalbe hat das Nest verlassen ——
Hofmann zur Zoffe. Führen Sie das gute Fräulein zurük!
Amand. Sie ist den Wundärzten entlaufen. Man wollte ihr die Ader öffnen, denn ihr Verstand —— Ach! Das Schicksal des Königs hat ihr zärtliches Herz angegriffen —— Sehen Sie! Sie sucht ihn überall! —— O ich muß weinen ——
Hofm. Das arme Täubchen girrt ——
Salin. Die Gesichter sind mir verdächtig! —— Freund oder Feind? Er ist nirgends! —— Eduard nirgends! —— O Amanda, die Schlange hat ihn vergiftet! Und ich reichte ihm den Becher —— O mein Kopf! —— Wie es hier pocht! —— (Sie lehnt ihr Gesicht auf den Busen ihrer Zoffe und weint.)
Am. Englisches Fräulein, weinen Sie nicht! Kommen Sie mit mir! Ich führe Sie zu Eduard! —— Geben Sie mir den Arm!
Salin. (lächelnd) Zu Eduard? —— Du lügst immer! —— Sie haben ihn getödtet! —— Gemordet wie seinen Vater! —— Gute Nacht Eduard! (Sie sinkt allmählig zur Erde.)
Hofm. Das entgangene Blut hat sie geschwächt; man muß sie zu Bette bringen!
Sal. Lasset mich schlafen! —— Werft Erde auf mich! —— Da werden Ringelblumen und Maaßlieben auf meinem Hügel wachsen! —— Sanft, sanft will ich ruhen! —— Gute Nacht armer Eduard! —— Ich lade dich zu meiner Hochzeit —— Ich bin eine Braut —— ——
(Sie wird fortgetragen.)