I

Soo . . . soo . . . seufzte Nervil Munta, nach dem sich die eisenbezackte Tür des Zuchthauses zu Ottignies hinter ihm geschlossen hatte und hob die Brust. Hob sie, wie um den roten Mauerberg der Stadt, der vor ihm aufragte, empor zu drücken.

„Soo . . . das Jährchen ist um. Der Streik wird auch vorbei sein. Jarse wird einen schönen Stein auf seinem Grabe haben. Die Hauer zwei Frank die Woche mehr verdienen. Vielleicht nimmt mich der Direktor wieder an. Gewesenes, kann nicht mehr dauern. O, ich will schon arbeiten. Für zwei oder drei, wenn es sein muß. Und acht Schichten die Woche. Mutter braucht dann nicht mehr auf die Zinkschmelze gehen. Und wenn mich eine von den Koksmädchen will, wird sie geheiratet, man muß nun endlich voll werden.“

Er hob die Brust und ging durch die lichtbeglänzte schnurgerade Straße. Ging mit schaukelnden Schritten zum Bahnhof wie auf einem Schiff. Radfahrer stießen mit krummen Lichthörnern die gehetzte Menge an die Häuserkanten. Funken von den Stromzuleitungen der Tram schossen wie Silberfische durch die dichtmaschigen Netze der Luft, und die Paukenwirbel der Geräusche dröhnten langgezogen und jagten Echos auf und nieder. Dann und wann blieb Nervil Munta vor einem großen Schaufenster stehen. Hob die Hände aus den tiefen Hosentaschen, bewegte die Lippen lautlos und schob die Hände wieder hinein. Ging weiter, kopfschüttelnd, murmelnd, ließ sich anrempeln. Rauch ins Gesicht blasen. Lief einen Baum um. Kam in Gefahr, von einem Lastwagen überfahren zu werden und stand endlich vor dem Bahnhofsgebäude.

Hinter ihm schlug es zusammen wie ein geteilt gewesenes Meer. Der Ziffernkreis der Uhr stand groß und gelb wie ein aufgehender Mond. Die Fahrkarte kostete fünf Frank, die er gewissenhaft abgezählt auf das Zahlbrett warf. Er wog das graue Pappstückchen in der Hand und fühlte Heimat und eine freiere Luft. Im Warteraum erstand er sich einen Genever. Trank noch einen und kam bis zum fünften.

Da rief der Wärter den Zug aus.

Nervil Munta schlüpfte in den Wagen und fuhr drei Stunden wie im Traum. Die Augen leblos in den schwarzen, bespienen Boden gebohrt.

In Namur mußte er umsteigen und vier Stunden auf den Zug nach Charleroi warten. Seine Fahrtgenossen, Bauern, Kleinbürger und Soldaten suchten sich in dem großen Wartesaal geeignete Plätze zum Schlafen.

Ein junger Bursche, den Leinenkittel dick mit Kalk beschmiert, — vielleicht war es ein Maurer, der, nachdem die Bauerei in der Stadt zu Ende war, in sein Heimatdorf zurückkehren wollte, — sprach ihn an.

Ließ die weißen Zähne lächelnd blecken und forderte ihn zum Trinken auf.

Sie traten an den Schanktisch und stießen miteinander an. Der Maurer aber hatte eine geläufige Zunge und schnurrte wie ein geschmiertes Rad. Der Speichelschaum zischte und spritzte.

Da drehte sich Nervil Munta wortlos um und suchte sich einen freien Tisch. Streckte die Beine aus und stürzte die Ellenbogen auf. Nun er die vielen Menschen gesehen hatte, nach einem Jahre wieder richtig gehende Menschen, die laut und lustig schwatzen konnten, fluchen und rauchen durften, wurde ihm die Zunge, über die der Schnaps gebrannt war, wie Stiche von Insekten, seltsam trocken und der Kopf wie ein Klumpen Blei widerlich schwer.

Es überkam ihn, zurückzudenken. Sich zurückzudenken in den kahlen gefühllosen Kerker. Er hörte vernehmlich den Filzschritt der Wache und das böse Geklirr des Schließers. Der Dunst von vergossenen Getränken und verbrodelten Speisen kitzelte seine Nase, die noch wund war von dem faden Leichengeruch der Zelle. Klappern von Tellern und Gläsern schwirrte durch die heftigen Pulsschläge seines Gehirns wie das Scharren der Blechschüssel jeden Mittag über den Zement des Zellenbodens, vom Fuß des Kalfaktors durch die Eisentür geschoben. Jedes geregte Leben, das hier im Wartesaal geschah, wurde zum Fühler zurück in kaum überstandene Stunden der Einzelhaft.

Und er hüllte sich in die wiederaufgebrochenen Gefühle, glaubte, daß er sie fühlte und merkte nicht, daß er nur die Mäntel der Gefühle ausbreitete zum Spiel, das Schlaf herbeilockte.

Er schlief fest und fuhr wie gestochen auf, als die Glocke der Abfahrt schrillte.

Wie zerschlagen tappte er sich auf den Perron und erreichte mit Not den Zug. Die Abteile waren überfüllt, dunkel und dunstig.

Als die schweren Wagen die Halle verließen, hämmerte der graue, windharte Morgen an die Scheiben.

Nervil Munta, der sich einen Fensterplatz mit seinen starken Knochen erdrückt hatte, sah spähend in die rauchige Landschaft hinaus. Die hereinbrechende Frühe hatte seine Gedanken aufgepeitscht, in Zukunft zu sinnen, und lebendiges Feuer in seine Glieder geworfen. Das Wirbelnde der bewegten Erde tanzte in sein Gehirn wie ein Kirmesreigen und wälzte ein freudiges Schnalzen auf seine Zunge, das lange anhielt. Dann überschrie der Bremsstrom die Achsen, und der Train stand am Ziel wie festgerammt.

Fluchend vorgeschoben verließ Nervil Munta den Wagen und zwängte sich durch das Portal.

Auf der Straße blieb er stehen. Sah sich nach allen Seiten lauernd um wie einer, der zum ersten Mal in dieses Gesichtsfeld rückt. Klopfte an den Kleidern herum, schob die Mütze zurecht und trabte der Vorstadt zu.

Gasometer und Hochöfen winkten mit klobigen Fäusten. Rauch zog in gelben, grauen und weißen Klumpen wie ein Riesengeschwader über die zermürbten Lehmhäuser. Dunst von verbranntem Erz und ranzigen Ölen machte die Luft schwer und feucht.

Nervil Munta aber blähte die Nasenflügel weit, spreizte die Finger und schmeichelte sich ein Leuchten in die Augen. Federnd schnellten seine Beine über das schlechte Pflaster, und wie ein Verfolgter griff er die Klinke einer Tür, die in das letzte Haus diesseits der Straße führte.

Mit der Mutter, die ihren schwarzen Tuchrock angezogen hatte und ein reines Häubchen aufgestülpt, machte er nicht viel Umstände. Als sie freudeweinend auffuhr, küßte er sie sauber ab und drückte sie wieder in den Stuhl zurück.

Der weiße Kopf neigte sich seitwärts, und ganz leise sagte sie: „Wie bist du gewachsen, mein Sohn! Und wie stark siehst du aus. O, alles ist besser geworden, als ich meinte. Und wie ich mich gegrämt habe, mein Sohn! Sieben Vaterunser habe ich für dich gebetet. Und die heilige Jungfrau beschworen. Und du, du mein Sohn . . .?“

Nervil Munta hob den Kopf und tastete die Wand ab. Blieb vor dem Muttergottesbilde stehen und reckte die Arme. Ging in die Kammer, wühlte in seinen Sachen herum und ging wieder ans Fenster und sah lange auf die Straße, wo die Kinder sich jagten und schrieen.

Zum Mittag hatte ihm die Mutter eine Fleischsuppe gekocht. Er wagte erst nicht, die würzige Brühe zu berühren. Dann aber, als ihm die Kostprobe auf der prüfenden Zunge zergangen war, schlürfte er den Teller in einem Zuge leer und schnalzte wie ein an der Brust gestilltes Kind. Erzählte der Frau mit dem weißen Scheitel von den harten Erbsen und trockenen Brotrinden im Kerker und geriet dabei in einen hellen Zorn. Obwohl er sich in der Zelle vorgenommen hatte, niemandem etwas von den schweren Tagen zu erzählen, erfuhr die Mutter alles, was ihm noch im Gedächtnis geblieben war. Und er kam sich wie ein Held vor, als er die Erzählung beendet hatte.

Zum Abend ging er ins Wirtshaus und vertrank mit den Freunden, die ihn schon erwartet hatten, das ganze Geld, welches man ihm für geleistete Arbeit im Zuchthaus gezahlt hatte. Nichts sollte mehr von den Tagen in seinem Besitz bleiben.

Und alle, die er freigehalten hatte, wollten sich bemühen, für ihn zu sprechen beim Steiger, Inspektor und Direktor. Und der Wirt sagte gewichtig: „Wenn alles reißt, Nervil Munta, kannst du bei mir im Hause schaffen. Bekommst dein schönes Essen und guten Lohn.“

Aber es gab zwischen den bereiten Helfern und dem siegbewußten Nervil Munta keine voneinander abhängigen Zusammenschlüsse. Da ihm seine von der Mutter gelobte Stärke einfiel, wurde sein Bewußtsein freier und von stolzem Erhobensein.