I
Am Palmsonntag war Juppchens Konfirmation. Der Vater hatte versprochen mitzugehen. Dann aber kam plötzlich das mit dem Wetterbruch dazwischen, und er mußte die ganze Samstagnacht auf der zweiten Sohle durcharbeiten. Erst gegen sechs Uhr war er von der Grube gekommen. Mistnaß und hundemüde. Und um neun begann schon die Kirche. Als ihn seine Frau leise weckte, richtete er sich halb auf, stieß einen kräftigen Fluch aus und wälzte sich auf die andere Seite.
Da gingen Juppchen, Mutter und Großmutter allein. Es waren an die zwanzig Knaben, die eingesegnet wurden. Und sie trugen alle schon die Runen der Adamsqual auf der Stirn.
Der alte Pastor hatte danach seinen Text gewählt und schob mit viel Umständlichkeit den sechsten Vers des elften Kapitels aus dem Prediger Salomo seiner Rede voraus. Er hatte die Genugtuung, daß nur wenige Augen trocken blieben.
Die Orgel spielte einen Choral dazu, der dumpf wie das Donnern der großen Fördermaschine klang.
Juppchens Lippen murmelten mechanisch das Schlußgebet, und dann stand er mit der Mutter wieder draußen auf dem öden, sandigen Kiesplatz.
Langsam kam die Großmutter angehumpelt. Sie küßte Juppchen auf beide Backen, daß es schallte. Und darüber hin gingen drei fröhliche Kirchenglocken.
Juppchen fuhr sich mit dem Handrücken durch das Gesicht und sprang auf den Weg.
Als sie den Vorgarten des Häuschens betraten, kam der Vater in Hemdsärmeln aus dem Kaninchenstall, die abgezogenen Felle von zwei weißen Tieren in der Hand.
Juppchen erschrak, als er des Vaters blutbefleckte Hände sah. An dem Küchenfensterkreuz hingen die dicken Bälge mit den bloßen Billen. Die runden Köpfe waren eine unkenntliche Masse mit herausquellenden Augen.
„O meine Hänschen“, seufzte Juppchen und eine Träne kollerte über sein Gesicht.
Es waren seine eigenen Tiere. Er mußte für das Futter sorgen und den Stall reinmachen. Er lebte mit den Tieren, er wußte, wann die Jungen geboren waren und wieviel von den Dingern jedesmal im Nest lagen. Er nahm sie, so oft er in den Stall kam, in die Hand, strich langsam und zärtlich über das samtene Fell und küßte die offenen runden Schnäuzchen. Nun waren die zwei schönsten Tiere tot.
„Mausetot“, sagte der Vater, wie wenn er die Gedanken Juppchens erraten hatte.
Sie gingen zusammen in die Stube.
Mutter zog das schwarze Kleid aus und band sich eine große blaue Schürze vor, um das Mittagessen zu bereiten. Während sie in der Küche hantierte, setzte sich Juppchen ans Fenster und erzählte dem Vater von der Predigt.
„Schon recht! Schon recht!“ brummte der und schob den Pfeifenstummel von einem Mundwinkel zum andern.
Inzwischen hatte Mutter das Mittagessen bereitet: eine Schüssel Salzkartoffeln und Buttersauce und in einem tiefen runden Napf das weiße Kaninchenfleisch.
Juppchen aß nur von den Kartoffeln und ließ das Fleisch stehen.
Mutter schalt. Aber Vater sagte: „Laß nur, Alte. Morgen schmeckts dem Bengel schon besser.“
Juppchen stand vom Tisch auf. Zum ersten Mal hatte er vergessen, das Dankgebet zu sprechen und den Alten die Hände zu küssen.
Es erinnerte ihn auch niemand daran.
Er setzte sich in die Laube und weinte still und stetig.
Am Nachmittag gingen sie aufs Feld und pflanzten Bohnen. Die Sonne stach heiß wie im August. Die Erde staubte weiß auf. Und die Bäume der Allee tanzten hin und her in der ersten Knospenfreude.
Vom Dorfplatz, wo ein paar Karusselle, Luftschaukeln und allerlei Krambuden standen, kam wüstes Geräusch: Drehorgelgekreisch und Blechmusik.
Juppchen horchte auf und flüsterte der Mutter etwas ins Ohr.
„Was will er?“ schnauzte der Vater.
„Juppchen möchte auf die Kirmes gehn!“
„Da wird nix draus. Morgen um fünf müssen wir aufstehn. Die Bummelei muß jetzt aufhören.“
Juppchen duckte sich wie unter einem Schlag. Er wollte ein Wort hinausstoßen. Aber die Zunge hielt es fest und verstopfte seinen Mund wie mit einem trocknen Lappen.
Gern hätte er auf den schönen braunen Holzpferden geritten.
Pferde liebte er noch mehr wie die Kaninchen. Jeden Nachmittag nach der Schulstunde war er dem Pferdeknecht des Direktors begegnet, der ein schwarzes blankgeputztes Tier durch das Dorf spazieren ritt.
Juppchen war immer eine Weile stehen geblieben und hatte mit feuchtglänzenden Augen dem Reiter nachgeschaut.
Einmal, als der Knecht vor dem Wirtshaus abgesessen war, mußte Juppchen das Pferd so lange halten, bis der bestaubte Reiter seinen Durst gelöscht hatte.
Juppchen bekam dafür ein paar Pfennige. Er sagte danach zur Mutter, daß er auch gern ein Kutscher werden möchte.
Aber die Mutter meinte, daß der Vater nie so etwas zulassen würde. Denn er sollte ein Bergmann werden, wie Vater und Großvater und all die anderen aus der Familie.
Juppchen hatte versucht, vielerlei Einwände aus seinem kleinen Gehirn zu kramen. Er hatte wirklich deren gefunden und die Mutter damit überschüttet, Tag für Tag. Bis sie des Geredes überdrüssig geworden war und ihn strafen mußte. Da hatte Juppchen einen kleinen verwunderlichen Schmerz empfunden und fortan der Mutter gegenüber von den Plänen geschwiegen.
An den stillen Vormittagen aber, wenn die Mutter im Gärtchen hantieren mußte, war er zur Großmutter auf die Stube gegangen und hatte vor ihren erstaunten Augen alle Wünsche vollzählig aufgebaut. Und die verhutzelte Greisin war immer milder Tröstungen voll, bis der Raum sich in Rührung gehoben hatte.
Sobald ein Karussell dann im Dorf war, steckte Großmutter dem Jungchen eine kleine Münze zu, sich nach Herzenslust auf den Holzpferdchen auszureiten.
Am Morgen vor der Konfirmation hatte sie ihm gar zwei Groschen geschenkt, auf den Kirmesrummel zu gehn.
„Wer weiß was morgen ist,“ hatte sie gesagt und war mit der Hand über die Augen gefahren.
Nun hatte ihm der Vater das alles zunichte gemacht. Und sein Herz war doch so voll davon gewesen. Während der Predigt und beim Mittagsmahl und noch lange nachher.
Juppchen sah nach dem Vater hinüber mit zerfurchten Mienen, böse glimmenden Augen und dumpfen Blutes im Kopf.
Als die Dämmerung schattenhaft über das Feld kroch, gingen sie zusammen nach Hause. Vor der Straßenbiegung drehte sich Juppchen noch einmal um und sog die verworrenen Geräusche vom Kirmesplatz wie einen schönen Geruch ein.
Gleich nach dem Abendessen fing man an sich auszuziehen. Hosen und Röcke flogen über die Stuhllehnen. Mutter holte den neuen blauen Leinenanzug für Juppchen aus der Kommode und legte ihn auf den Schemel vor das Bett.
„Und nun fix in die Falle und morgen frisch aufgewacht!“ polterte der Vater.
Bald wurde es totenstill im Hause. Aus der Kammer und vom Boden herab, wo die Großmutter schlief, scholl schweres Schnarchen.
Draußen im Garten blieb graugrünes Dämmerlicht, bis der Mond vorüber war.
Juppchen wachte die halbe Nacht. Zauberte sich Pferdchen in allen Farben vor und wählte sich aus der Schar einen kleinen schlanken Silberschimmel aus. Darauf ritt er hurtig über Berg und Tal einer fremden Ferne zu, und fühlte sich wachsen und sah sich wie einen glänzenden Ritter aus dem Märchenbuch. Und als die Uhr schlug, drei harte abgezählte Schläge, fühlte Juppchen dieses wie einen Befehl über sich: zurückzukehren und auszuharren in der Bestimmung des Vaters.
So wollte er nun ohne Gedanken wachliegen und warten, bis die Mutter aufstand und das Feuer in der Küche schürte.
Aber seine Augenlider wurden so schwer und auf der weißen Wand des Zimmers fingerte ein blutroter Schatten. Hastig zog Juppchen die Decke über den Kopf.
Mutters schwere Holzpantoffeln, die über die Diele stampften und nach draußen gingen und wieder zurückkamen, rissen ihn wie ein heftiger Schreck empor. Er fuhr hastig in die Leinenhosen und ging breitbeinig an die Wasserleitung. Mit viel Umständlichkeit wusch er sich Brust, Nacken und Hals, so wie er es beim Vater gesehen hatte. Danach setzte er sich wartend an den Tisch.
Da kam auch schon der Vater aus der Kammer. Schaute schlaftrunken drein und blieb gähnend vor dem Herd stehen.
Die Mutter stellte den Kaffee auf den Tisch und schnitt das Brot zurecht, das Vater und Juppchen mitnehmen sollten auf die Grube.
Juppchen trank hastig den Kaffee und vervollständigte seinen Anzug. Ein Schauer der Erwartung fröstelte über sein schmales Gesicht und färbte die Lippen blau.
Der Vater nahm ihn beim Arm und zog ihn hinaus in den kühlen Morgen.