II
Drei Wochen waren verrollt. Da zogen die Grubenleute in hellen Scharen in die Versammlung. Ein Obmann von der Zentralleitung der roten Organisation war gekommen und sprach für den Achtstunden-Tag. Man jubelte ihm zu, wenn er mit einem Worthieb starre Gesetze splitterte, oder alles Bestehende, das faul war, mit einem Fußtritt in den „Orkus“ stieß. Man heulte auf, als er mit einem Scheinwerferstrich von Allwissenheit in das sumpfige Qual-Labyrinth der Gewerkschaft von Bordael stach und Zustände lichtete, die schon nicht mehr sträflich waren. Und das Geheul der Wissenden klang wie das Feldgeschrei irgendeines wilden Volksstammes und schien von dumpfen, schmetternden Trommelwirbeln begleitet. Denn in den Mienen des Redners stand gläubig geschrieben: Ich bin schon nah; gleich wird das Vollbringen mich umhüllen.
Sieghaft verlas er die Resolution, welche forderte: sogleich in den Streik zu treten, der als ein Unerwartetes schon halberfüllte Forderung war.
Da setzte breit und dumm die Diskussion ein. Zog den Willen zurück von dem letzten Sprung und ließ ihn wie eine offengestöpselte Essenz verflüchten, die zum Himmel stank. Und die Stimmung zerriß. Blut kochte. Exzesse wurden.
Da trat der Ingenieur Erwin Vallotti, der von einem Pfeiler verdeckt der Strömung gefolgt war, vor und versuchte sich einen Weg zu der Tribüne zu bahnen, wo der fremde Redner saß. Halsgeschwollen und mit zurückgebeugten Armen. Hatte Hämmern im Kopf, während Adern sich verknoteten, wühlten und zerrten: Fäuste zu ballen über diese Haltlosen. Zu brüllen: Ihr Vieh!
Rings um ihn her hatte sich aus Getreuen und Standhaften ein tonnenförmiger Kreis geschlossen, dessen Dauben alle Mühe hatten, den Druck von außen auszuhalten. Die armen Leute quetschten sich so schmal wie möglich. Krümmten die Schultern und spreizten die Beine, um dem entsetzlichen Muskel standzuhalten, der sich um das lebende Faß wand und preßte.
Der Ingenieur Erwin Vallotti kam nicht einmal bis zur Mitte des Saales. Als er umherblickte mit verwundert fragenden Augen, sah er, daß er der Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden war. Man stierte ihn verdutzt an. Ließ die Unterkiefer hängen und erreizte sich Gedanken, wer er sei, was er hier zu tun habe und mit welchen Absichten.
Da schrie einer: ’Raus mit dem Spion!
Aber noch ehe es aus dem zwiespältigen Gemurmel zum Orkan schwoll, ging die Glocke auf der Tribüne.
Da drängte es sich in ihm auf wie ein Gefühl von Scham: Wer sind denn eigentlich diese Geschöpfe. Diese schlappen Gesichter mit ihrer gedunsenen Un-Ironie? Ihrem matten Unwillen? Daß gerade diese des Elementaren verlustig gegangen waren: der Kraft, zu zürnen. Gewaltsam ans Licht zu drängen!
Er empfand diesen Augenblick etwas wie Verachtung gegen sich selbst und suchte den Ausweg zur Tür. Ging über die Straße zum Kanal hinunter, wo ein Sturm erbost war. Schob sich mit wagerechtem Oberkörper durch den treibenden, puffenden Widerstand.
Da segelten dichte, monderhellte Wolken um einen Strahlenkern. Unter ihnen klatschte und flatterte es wie unter einer Reihe riesig gebauschter Segel, und unter dem Holzpfahlwerk des Kais wetzten zerbrochene Scherben ein Spiel, das keinen Klang mehr hatte. Schiffsmaste beschrieben weite Pendelbewegungen. Schornsteine von drüben schnellten wie Gerten und zerrissen die Wasserhaut in lange weißschäumende Wunden.
Es lag nahe, die Raserei von einem flammenden Zorn mißhandelter Elemente, in denen es ohne Unterlaß riß und peitschte, knirschte und schrie, winselte, zischte und schluchzte, unvernünftig sinnlos zu nennen. Aber gehorchten nicht die Elemente des Menschenhirns denselben Gesetzen wie Himmel und Flut?
Und doch: die Elemente da hinten im Versammlungshaus interessierten ihn mehr, als das Unwetter hier draußen, das ja wohl ihr entfernter Verwandter war. Sie sprachen eine gleich unartikuliert klingende Sprache, wenn auch von Furcht noch gehalten.
Aber diese Naturkraft muß noch im Keim konzentriert, gezähmt werden, um sie als Kraft auf gewaltige Entfernungen zu übertragen. Und ohne ihre Macht zu dämpfen, muß man sie hindern können, ihre eigene Maschine zu zerschmettern.
Ach, begreifen sie wirklich schon: wie, lebten sie so, wie sie leben? Und wie vermöchten sie es, wie vermögen sie’s? Hören sie denn nicht den Schrei: Es wartet einer draußen schon?
Sind sie denn krank?
Krank, da sie sich noch bemühen können, ehe der Schrei des Todes herausgenommen ist aus ihrer Welt oder — ganz in sie hineingekommen? Aber wie können nur ganze Haufen sich als die Einzelnen fühlen, da jener Schrei doch an alle und als das Erste herangeht. Müßten die Menschen innerlich so verschieden sein, wie sie heute ihr Äußeres einander verweist?
Man ginge lieber zu den Kaffern und wüßte schon, bevor man mit ihnen spräche, über sie: In diesen bist du wie in jedem Lebenden zu Hause. Und diese Sicherheit stärkte und man könnte leben ohne das Schmerzen der einsamen Wachheit.
Der Ingenieur Erwin Vallotti hatte die Straße wieder erreicht. Der Sturm blies nun von rückwärts, hob ihn empor, stieß ihn fast vor sich her und spreizte ihm die Rockschöße aus wie Flügel. Er sah nach dem Versammlungshaus hinüber. Alle Lichter waren erloschen dort. Der Regen hatte das Volk wie Spreu zerstreut. War der hundertfältige Willen der Vielen endlich geknotet zu einem einzigen Tau, jenen Riesen zu fesseln, gegen dessen Bestialität man anzurennen versuchte?
Vor einer miserablen Wirtschaft stand noch eine kleine Gruppe Abschiednehmender. Das Harmonikagezwitscher von drinnen drang kaum durch die Scheiben ins Freie, und das Klirren der Gläser nahm sich aus wie ein schwaches tickendes Knipsen.
In der Nähe einer Laterne stieß der Ingenieur Erwin Vallotti mit einem älteren Mann zusammen, der ihn trotz seiner klar gehörten Entschuldigung mit den Augen verfolgte.
Der Ingenieur Erwin Vallotti guckte neugierig über die Achsel zurück und wäre vor Erstaunen fast gestolpert. Diesen buschigen Kopf hatte er schon gesehen, ebenso, wie diesen starren Blick unter den Hängebrauen.
Er rief darum, nicht mehr zweifelnd: „Jean Paquet!“
Da drehte sich der Schwarze um und kam rasch aus der brausenden Finsternis.
Nun sah er deutlich: der Mann, dessen Gesicht sauber geseift war, hatte Fanatisches. Und war sein Mitarbeiter.
Dann sagte er: „Nun, mein lieber Paquet, wie lief die Sache? Wird gestreikt oder nicht?“
Jean Paquet beugte sich vor. Wie jung er doch aussah!
Fast sieghaft kam es heraus: „Ja. Sie, morgen schon! Und Sie können es auch gleich wissen: ich mach mit. Dafür können Sie meine Maschine lenken. Oder der Vildrac. Oder ihr alle zusammen!“
„Wer?“
„Na, der Vildrac, der Kriecher! Wer denn sonst? Sein Gott wird ihm wohl noch einen Arm dazu wachsen lassen, damit er nicht mehr zehn, ach, gleich zwanzig Stunden schuften kann.“
„Sagen Sie mal, Paquet, weshalb beschimpfen Sie gleich Ihren Genossen? Wissen Sie denn schon, daß er nicht mittut, wenn alle streiken?“
Jean Paquet verzog den Mund und spuckte aus: „Der und streiken? Tausend Knüppel jagen ihn nicht aus dem Maschinenhaus!“
„Sie sollten ihm mal ins Gewissen reden! Oder mit Geld herumkriegen. Vielleicht hat er Angst zu hungern.“
Jean Paquet richtete sich auf. Trotzig. Hob die Schultern. Und schrie gemein: „Sie wollen mich wohl aushorchen. Herr Ingenieur??“
Da faßte ihn der Ingenieur Erwin Vallotti bei der Schulter, um ihn in das gegenüberliegende Lokal zu zerren.
Paquet aber witterte Verrat. Bekam einen Wutanfall und riß sich los. Brüllte über die Straße hin: „Nun pack’ dich aber, du Spion! Pack’ dich! Sonst gibt’s noch eine Leiche heute Nacht!“
„Feigling!“ knurrte der Ingenieur Erwin Vallotti und ging mit starren Blicken in das fahle Frühlicht.