III
Mitten im Winter warf man den wieder gesunden Jonsen aus dem Spital. Die Schlackenhalden glänzten wie blaue Schneeberge. Vom Förderturm rutschten die Seilbahnen wie Gletscher. Den Häusern waren greise Bärte gewachsen von den Dächern. Fenster schauten blind wie aus weißen Wimpern.
Jonsen ging lahm auf einem derben Stock gestützt. Der Schimmelwirt nahm ihn wieder auf. Jonsen schuldete diesem bierseligen Faulenzer noch achtzig Frank. Die sollte er abarbeiten. Ein Lahmer ist immerhin noch als Nachtwächter nütz, hieß es auf der Gewerkschaft. Jonsen bemühte sich um diesen Posten. Aber er dachte sich fast widerwillig auf die Grube. Noch waren Pläne da, die harrten. Seine Organe betrogen ihn nicht. Seine Ohren hörten lange die Melodie des wiedergewordenen Fronens und griffen danach. Richteten sie auf und verdrängten andere Assoziationen. Gewesenes zeigte sich in neuer Gestaltung. Alles Seiende vermochte nichts mehr zu gestalten. Der dünne Strich Verzicht war nur noch ein kaum gesehener Punkt.
Nach dem Abendessen sagte der Wirt zu Jonsen: „Daß die Gruft sich wieder aufgetan hat, weißt du wohl? Zwanzig Kerle hat sich der Satan geholt. Schade um den Piet. Es war ein schönes Begräbnis. Die Knappen von Ronsdael und Saint Legér waren mit ihren Fahnen gekommen.“
Es war etwas Gebieterisch-Entsetzliches in dieser grauenhaft nüchternen Rede des Berichtes. Feuer und Schwefel standen darüber und dörrten Blutströme.
Jonsen war aufgesprungen. Er hielt sich die Schläfen, die schmerzhaft hämmerten. In seiner Kehle war kein Ton. Nur eine schwärende verklumpte Tiefe. Ein Reflex kam herauf und spiegelte das Wiedersein der Gräuel als Meer im Gehirn.
Das Gesicht des Schimmelwirts hatte sich zu einer Grimasse breiten Lächelns verzogen. Es kam wie ein Pfiff: „Den Steiger haben sie eingesperrt. Er soll an allem schuld sein . . . he . . . he, he, he.“
Als Jonsen die ohnmächtig gebrochenen Augen auftat, um einen Satz zu sprechen, sah er hundert Gesichter. Flache Fragen wie Fischbäuche und teergesalbt von der Schwärze der Explosion, fuhren ihn an mit Augen, die aus den Höhlen gesprungen waren. Heißer Atem qualmte auf und sengte alles Denken an.
Der Schimmelwirt glotzte Jonsen an wie: ist der Bengel verrückt! Hat er Fusel gesoffen? Gestohlenen Fusel?
So quälte er Jonsen und hatte den Heiligenschein Luzifers mit einem Mal. Da riß Jonsen eine Flasche vom Tisch und schlug sie dem Wirt in die Frage. Säufer und Weiber liefen zusammen.
Jonsen wollte fliehen. Hinunter in die Gruft, zu Piet — zu Piet — und weiter . . .
Der Gendarm aber legte ihm blanke Handeisen fest um die Gelenke.