IV

In der Nacht auf den Tag, da zweihundert Streikbrecher unter Begleitung von Gendarmen ins Dorf gekommen waren, gingen alle drei Dynamomaschinen. Die Förderkörbe stiegen auf und ab und in den Paternosterwerken lärmten die eisernen Schieber. Vildrac und der Ingenieur Erwin Vallotti waren allein in dem Maschinenhaus. Ihre schwarzen Schatten standen riesengroß auf den weißen Wänden. Die Bogenlampen schwammen wie in Blut, und die großen Regulatoren zerspritzten das Purpurne mit rasendgeregten Drehungen. Die Pistons ächzten unruhig einem Unfaßbaren entgegen. Durch die Fenster zwängte sich der Flor der Nacht und trieb die Außenwelt weit hinaus.

Vildrac hockte wie ein Götze auf der Plattform, und unter ihm sausten die öligen Drahtseile wie Befehle aus seinen Händen entsprungen. Die Ringe unter den Kupferbürsten liefen durch sein Gehirn, das von jeder Runde das geschöpfte Wasser zu messen schien. Der dumpfe Ton des Tumultes klang ihm wie eine Bestätigung.

Der Ingenieur Erwin Vallotti pendelte mit unruhig gelängten Schritten durch den ungeheuern Raum. Als er aber an den Schalttafeln hantierte, ließ ihn Vildrac nicht mehr aus den Augen. Eine erträumte Ahnung quoll die weißverzerrten Äpfel wie Knollen aus den Höhlen vor. Plötzlich vereinte sich dem ahnend Erdachten, zu dem ihm Hellsehen stieß, eine Tat. Er hörte etwas einschnappen und sah, daß die Armatur ihren Lauf veränderte. Kurzschluß!

Der Ingenieur Erwin Vallotti stand am Fenster und rührte sich nicht.

Da kroch Vildrac von der Plattform und untersuchte den Draht. Er ächzte und stöhnte dabei. Hielt Schläge aus, die vom Strom sprangen, und näherte sich befriedigt der Endung, als die Armatur plötzlich zurücksprang und den Körper hochriß.

Wie ein nasser Sandsack platschte er aus der Höhe auf den Steinboden zurück.

Der Ingenieur Erwin Vallotti klingelte die Heizer herein. Einer mußte den Direktor holen. Der richtete an den Ingenieur einige Fragen, die dieser mit gleichgültigem Kopfnicken bestätigte.

Unfall. Selbstverschuldet.

Man hielt sich nicht lange auf und schaffte den Leichnam hinaus. Es waren noch zwei Stunden bis zur Ablösung, und die nützte der Ingenieur Erwin Vallotti, der allein in der Halle blieb, aus zu dem rächerischen Werk, das keiner Zeugen bedurfte. Er hatte den vorerwogenen Weg, der doch zu keinem Ziele führte, endgültig verlassen und strebte darum dem Letzten zu. Er wußte: nur ein dröhnendes Signal könnte die Scharen sammeln. Und dieses furchtbare Signal wollte er geben. Denn die Brüder brauchten einen Schlachtruf zu jener Sieghaftigkeit, die ihres Willens zur Freude wert ist. Sie werden dann nicht mehr sich selber zerfühlen, zerfleischen müssen, fühlten sie erst den großen Kampf vor sich als einen halberrungenen Sieg.

Dann erst wandelte sich zur Tat jedes Mühn, wenn der es in den Ekel zerrende Zusammenhang mit der Stillung des Hungers zerrissen wäre und auch nicht mehr die Farbe des Einzelnen trüge.

Der Ingenieur Erwin Vallotti atmete erst auf, als die Patronen gelegt waren und die Drähte verbunden. Und niemand würde, das war ihm gewiß, den Plan in den ersten vierundzwanzig Stunden entdecken.

Mit gehobenen Schultern trat er ins Freie.