DIE „UNGLÜCKLICHE“ LIEBE

Aber wenn ich deine Hand beim Abschiede im Restaurant berühre oder auf der Straße?!?

Feiere ich da nicht meine Hochzeitsnacht mit dir, fast physiologisch?!?

Und siehe, dein Geliebter steht vielleicht dabei und schaut, und sagt zu mir halb mitleidig: „Servus, verrücktes Huhn —!“

Und küss ich nicht die Innenfläche meiner eigenen Hand, die deine Handinnenfläche für einen Augenblick lang sanft berührt hat?!?

Gibt uns der „seelische Selbsterhaltungstrieb“, diese immanente Angst vor dem Zerstörtwerden, nicht Zaubermittel fast, uns zu erretten aus der Not der Seele?!?

Und wenn wir ihr beim Anziehen, beim Ausziehen ihres Paletots behilflich sind, vor allen Leuten, haben wir da nicht Schauer mysteriöser Zärtlichkeiten, die der Beglückte vielleicht im Bette nicht einmal empfindet mit ihr, da sie dort zum „Weibchen“ wird, gleich allen, die schon waren, und die noch kommen werden oder könnten! Die Art besiegt das Individuum!

Ist’s nicht ein Ausgleich unseres Unglück-Glückes?!?

Könnt ihr uns unsere Hochzeitsnächte rauben, ihr Beglückten?! Wir haben sie hinterrücks — —.

Wir haben sie sogar in der „Phantasie der Frauen“, die uns nicht erhören! Wie, wenn sie uns erhörten, träumen sie manchmal?

Einmal, aus Laune oder Ungezogenheit und Neugier?! So Gnadenspenderin spielen?!? Teufeline?!?

Was vor dem halben Einschlafen des Nachts die Frauennerven sich halb erträumen, thront oberhalb moralischer Gesetze! Niemand kann’s verwehren!

Drückt ihr, Beglückte, vielleicht je den Rand ihres Trinkglases verstohlen an eure Lippen, ja umküßt ihn ganz, mit zärtlicher Geschicklichkeit, wenn der Tisch frei geworden ist von Gästen im leeren Speisezimmer?!?

Küßt ihr die Orangenschalen, die sie geschält hat?!?

Küßt ihr die lippengeheiligten Gabelzinken?!?

Schleicht ihr euch hin, wie Jäger auf die Beute, Haselnußschalen aufbewahrend, Traubenstengel, von ihrem geliebten Teller?!?

Gebt ihr dem Stubenmädchen, das euch dabei ertappte bei eurer heiligen Handlung, zehn Kronen, daß sie verschwiegen bleibe?!?

Habt ihr solche Schliche nötig, glückliche Unglückselige?!?

Und einmal sagte mir ein junges Stubenmädchen: „Ich nehm kein Geld, ich gönn’s der Frau!“

Ein Nichts wird eine Kirche!

Und die Sehnsucht, ihr Kleid zufällig zu berühren, wird ein Fanatismus!

Das Kleid wird zum Symbole ihres Leibes!

Die lose Kleiderfalte, die absteht, wird zu ihrer Haut!

Wir können ihren Leib berühren in ihrer losen Kleiderfalte. Wir!

Man berührt ihr Kleid, und man kann wieder schlafen, schlafen, von da an, wie wenn’s ein Schlafmittel wäre für zerstörte Nerven!

Man schläft ein, wie ein weinendes Kindchen einschläft, dem man gewährte, wessen es bedurfte — —.

Friedevoll versinkt man in bessere Welten.

Weil man ihr Kleid berührt hat — — —.

Ihr armen Glücklichen, was braucht ihr alles erst zu eurem Glücke?!?

Uns aber weht ihr Atem unwillkürlich an beim Sprechen und macht uns bereits selig — — —.

Das alles nennen sie dann unsere „unglückliche Liebe“!