ÜBER MODE
Ich schlage nochmals in diesen schwierigen Zeiten den Armen und Enterbten, den Mädchen unter ihnen, die „venezianische Volkstracht“ vor. Sie ist das Kleidsamste, Vornehmste, Billigste, schaltet Neid, Eifersucht, Konkurrenz mit den Bemittelteren vollkommen aus! Kein Hut, schwarzer Wollschal mit Fransen, schwarzer fußfreier Glockenrock, schwarze Strümpfe, schwarze Halbschuhe. Kein venezianisches Mädchen läßt sich mit einem Reichen ein, um eine aparte seidene Bluse, einen besonderen Hut, schöne Seidenstrümpfe und teure Schuhe zu bekommen! Sie könnte es nicht einmal tragen, wenn sie es besäße, denn sie wäre schon äußerlich gebrandmarkt und verfemt! Eine Verkaufte!
Kein venezianisches Volksmädchen sehnt sich nach Geld oder Luxus, denn siehe, sie braucht es nicht! Ihren lieblichen Schal hat sie, und Polenta und Pomo d’oro. Daher hat sie ihre stolz-freie, würdevolle, anmutig-gelassene Art dahinzuschreiten, in dem Bewußtsein, es könne ihr vom Satan, der doch in eines jeden Brust lauert, nichts passieren! Mode ist das Vergängliche. Wir aber wollen endlich Bleibendes, Definitives, Naturgemäßes! Mögen die Reichen sich für und für das Grab der Unzufriedenheit und der Unrast graben durch ihre überflüssigen Dinge jeglicher Art!
Das Reich der Armen ersetze alles durch den Luxus ostentativer und fast übertriebener Einfachheit und Natürlichkeit! Man lehrt die Knaben und die Mädchen in den Schulen die für sie völlig unverständliche und daher wertlose Geschichte vom Diogenes in seiner Tonne, der vom Beherrscher der Welt nichts für sich erbat als: „Geh mir, Alexander, ein bißchen aus der Sonne!“ Schulen für Erwachsene, Irregeleitete und Dummköpfe, wären wichtiger! Der richtig verwendete Gulden ist gleich zehn Gulden! Der unrichtig verwendete ist „falsches Geld“, strafbar!
Wann, wann soll der Denker, der Menschenfreund, der Überschauer, der Durchdringer, die Gelegenheit benützen zu nützen, wenn nicht in Zeiten, da durch bittere Erlebnisse von Haß, Neid, Mißgunst, Perfidie, Lüge, Bosheit, falscher Machtgier, alle es doch eher begreifen, daß die Tugenden eigentlich Vorteile und Gewinn schließlich sind und sich in sich belohnen und verzinsen durch ihre Vermeidung künftiger unausbleiblicher Katastrophen!?!
Jeder kultivierte, das heißt eigentlich schon halb irrsinnige Mensch hat einen Schigán, eine fixe Idee, von der er nicht abkommen kann, die ihn beherrscht und sogar martert. Es handelt sich jetzt darum, ob dieser Schigán, diese partielle Gehirnerkrankung, den anderen nützt oder schadet! Das Auerlicht à tout prix erfinden wollen hat allen genützt. Die schönste Briefmarkensammlung der Erde, die schönste Uniformsammlung zusammenzugeizen, nützt niemandem! Und schadet dem Betreffenden in seiner intellektuellen und seelischen Entwicklung!
Man wird ein Monomane, ein Trottel!
Mein Schigán, meine partielle Gehirnerkrankung, ist jetzt: Die einfache Volkstracht, die Neid, Gefallsucht, Eifersucht, Leichtsinn unterbindet, ja unmöglich macht! Nur „fixe Ideen“ haben die Welt momentan und ruckweise vorwärtsgebracht. Es handelt sich nur darum, ob sie richtig oder falsch sind! Meine ist zufällig richtig! Und jetzt noch einen kleinen Exkurs ins sogenannte Allgemeine:
Der Deutsche und der Österreicher haben eine wichtigste Sache vor den anderen voraus: Sie schauen, was bei den anderen gut oder schlecht ist! Daher können sie ewig lernen und intellektuell vorwärtskommen, das heißt also, richtig und korrekt profitieren von anderen! Die anderen sind eingesperrt in Vorurteil, Eigenliebe, Größenwahn, ein schreckliches sibirisches Gefängnis des Geistes und der Erkenntniskraft! „Mein Herr!“ sagte einmal jemand zu mir, „Sie scheinen mir zwar ziemlich verrückt und exzentrisch, aber das, was an Ihnen gut ist, kann ich dennoch profitieren! Sehen Sie, deshalb verkehre ich trotz allem noch immer mit Ihnen!“