Das Geständnis

Der Friedl stand in der Forstkanzlei neben dem Lehnstuhl mit den hölzernen Armstützen.

Die Kerze, die ihm der Gendarm angezündet, hatte er nur dazu benutzt, um eine Zigarre in Brand zu setzen, dann blies er sie aus. Im Dunkeln stand er da und rauchte so heftig, daß das Zimmer qualmte. Bei dem Glosen der Zigarre sah er den Schreibtisch, an welchem sein Vater seit länger als dreißig Jahren gearbeitet hatte. Auf der erhöhten Mittelleiste stand eine kleine Photographie seiner Mutter. Dann suchte er in seinen Taschen eine zweite Zigarre, suchte in den Laden. Er ging an die Tür, die war versperrt. Zornig stampfte er den Fuß auf die Diele. Dann ging er zum Fenster und rüttelte einmal an dem zellenartig geflochtenen Gitter und setzte sich schließlich in den Lehnstuhl.

In der Schlafstube war Elias verhaftet. Im Gefängnis! Anfangs spielte er mit dem Gedanken, dachte an manchen Blutzeugen Gottes, der auch so gefangen war. Und selbiger hatte nicht einmal etwas abzubüßen. Elias rief nach seinem Bruder. Die Wache wies ihn barsch zurück. Mit dem Bruder könne er jetzt nicht sprechen. Da rief er noch lauter nach dem Friedl. Heftig und schrill. Erst Abbitte geleistet, dann konnte er vielleicht schlafen. Oft hatte er von dem Gerichte Gottes gehört und gesprochen, nun empfand er’s das erstemal an sich selbst. Es folgt der Missetat rasch. An die Tür ging er und bat: »Macht mit mir, was ihr wollt, nur zu meinem Bruder Fridolin laßt mich einen Augenblick!«

Der Gendarm schob ihn mit hartem Arm zurück.

Endlich legte Elias sich in sein Bett. Da fiel ihm noch der Vater ein, daß auch der nicht zu ihm komme – und dann schlief er.

Aber nicht lange. Er wurde geweckt. Erst noch schlaftrunken, meinte er, nun würden sie ihn zu Vater und Bruder gehen lassen, aber der Gendarm führte ihn hinab in die große Stube, wo im Lichte der zwei Kerzen wieder die Männer vom Gerichte zusammensaßen.

Er war verstört, aber ruhig. Es schien, als ob er denke: So will ich doch sehen, was da wird. Mir ist’s schon alles eins. – Nun waren die Herren aber doch gespannt, wie lange diese Gleichgültigkeit dauern würde.

»Treten Sie nur nahe heran, Elias Rufmann,« sagte der Gerichtsrat und hob vom Tisch einen kleinen Gegenstand. »Auf der Seealm ist dieses Taschenmesser gefunden worden. Kennen Sie es vielleicht?«

Elias nahm das Messer in die Hand und besah es. Er kannte dieses Messer, es war dasselbe, das er dem Friedl von der Stadt mitgebracht hatte. An der Schale hatte es jetzt einen Schaden.

So sagte Elias: »Das Taschenmesser gehört meinem Bruder.«

»Können Sie das mit Bestimmtheit sagen?«

»Es ist das Taschenmesser meines Bruders.«

Der Gerichtsrat blickte den Studenten eine Weile an, und dann sagte er mit leiser Stimme: »Dieses Messer ist im Rauhruckkar gefunden worden – an der Leiche des Ermordeten. Wie Sie sehen können, das Messer hat Blutflecken.«

Elias stand aufrecht und wankte nicht. Sein fahles Gesicht begann sich zu verzerren, die Oberlippe zuckte heftig – einmal, zweimal. Das Furchtbare, was in ihm vorging, er verbarg es vergeblich.

»Wie glauben Sie, Rufmann, daß Ihres Bruders Messer an die Leiche kam?«

Elias stand starr und schwieg.

»Rufmann, gestehen Sie nun ein, was Sie wissen! Denn was Sie früher angegeben, das ist nicht wahr. Wenn Ihr Bruder den Herrn ins Rauhruckkar begleitet, bis an die Stelle, wo die Leiche gefunden wurde, so kann er nicht in vierzig Minuten nach Abgang von der Seealmhütte wieder dort gewesen sein. Dazu würde der geübteste Geher mindestens doppelt so lange brauchen.«

Elias schwieg.

»Da diese Angabe also nachgewiesenermaßen unwahr ist, so werden auch Ihre übrigen Angaben, die Sie uns gestern gemacht, unwahr sein. Sie wissen mehr, als Sie sagen wollen. Sie wissen, daß Nathan Böhme von Ihrem Bruder ermordet worden ist!«

»Nein!« schrie Elias auf, »mein Bruder hat das nicht getan!«

»– Und daß Sie ihm wahrscheinlich dabei geholfen haben!«

»Ich? Ich meinem Bruder geholfen?« Er zuckte ab. Stumpf und still stand er da, wie geistesabwesend, und gab auf mehrere Fragen keine Antwort. – – Jählings rief er laut: »Ich hab’ es selbst getan, ganz allein. Ich habe den Herrn umgebracht! …«

Ein wilder, gellender Schrei war es gewesen. Mit vorgestrecktem Haupt, die Fäuste halb gehoben, hatte er es den Männern ins Gesicht geschleudert. »Ich hab’s getan, ich allein!«

Mehrere der Männer waren vor Erregung aufgesprungen. Der Gerichtsrat selbst brauchte eine Weile, um sich fassen zu können. Dieser Knabe, dieses kränkliche, weichmütige Bürschchen, soll die furchtbare Tat begangen haben? Allerdings, die dreistruhige Art, in der er tags zuvor die Aussagen geleistet, stimmt nicht zu der schwärmerisch-pietistischen Eigenheit, die ihm an dem Burschen geschildert wurde. Und nun, nach dem Eingeständnisse, stand er wieder gerade so trotzig verschlossen da als vorher, ohne Zeichen von Reue.

»Elias Rufmann!« so begann endlich und mit heiserer Stimme der Gerichtsrat wieder. »Sie sind sich bewußt, was Sie gesagt haben? Wir wollen heute bloß noch wissen, ob Ihr Bruder daran beteiligt war.«

»Nein!«

»Er war nicht beteiligt, aber er wußte darum?«

»Nein!«

»So hat also nicht Ihr Bruder Fridolin den Herrn von der Seealmhütte bis ins Rauhruckkar begleitet, sondern Sie haben es getan?«

»Ja!«

»Wie kam das mit Ihres Bruders Messer?«

»Das hab’ ich öfters so im Sack gehabt.«

»Also dazumal auch?«

»Ja.«

»Sie haben die Tat begangen, um den Herrn zu berauben?«

»Nein.«

Jetzt entstand eine Pause. Der Gerichtsrat lehnte sich vor, stützte sich mit der Miene einer großen Behaglichkeit auf den Tisch und sagte: »Elias Rufmann! Durch Ihr Geständnis sind Sie zu uns in das Verhältnis des Vertrauens getreten. Wir sind nicht Ihr Feind. Wir haben nichts zu üben als Gerechtigkeit, und diese kann sowohl für als gegen Sie eintreten. Erzählen Sie uns nun freimütig die Ursache und den Hergang dieser Tat.«

Elias fuhr sich mit dem Ärmling über die Stirn. Dann antwortete er: »Ja, ich – es wird so gewesen sein, es wird schon so gewesen sein.«

»Aber warum, Rufmann, warum haben Sie die Tat verübt?«

Sprach Elias laut und bestimmt: »Weil er die Leute vom Glauben hat abbringen wollen!«

»Das stimmt, das stimmt!« murmelten die Männer durcheinander. »Schon früher soll er mit dem Fremden zusammengeraten sein dieser Sache halber und soll mehr als einmal gesagt haben: der Mensch wär’ ein Unglück und der Herrgott sollt’ ihn fortnehmen aus der Welt. Nun also hat er dem Herrgott dabei Handlangerdienste geleistet.«