Ein Ruf nach Nichtsein
Der Michelwirt hatte erwartet, daß Herr Nathan Böhme am nächsten Tage weiterreisen werde. Der Fremde bezahlte zu jeder Mahlzeit seine Milch, seinen Honig und Butter, seinen Roggenbrei, sein Gemüse, sagte aber nichts von einer Abreise. Nun, ist ja recht, läßt sich mit ihm gut plaudern, und von einem Allesbesserwisser kann man doch auch manchmal was lernen. Und fragte ihn der Wirt einmal, wie die Fronleichnamsprozession gefallen habe.
»Da möchte ich nur eins gerne wissen,« antwortete Böhme, »ich sah in der Nähe des Altars einen jungen Mann; wie ein Bauer sah er nicht aus, eher wie ein angehender Studio; ein schmächtiger, etwas blasser Knabe.«
»Ah, das wird der Student gewesen sein, ein Sohn des hiesigen Försters.«
»Sehr andächtig. Ganz rührend anzusehen.«
»Ist es schon, ist es schon, der Elias Rufmann, Seminarist, will in die Theologie.«
»In die Theologie will der? Ach, das ist schade!« sagte der Fremde.
»Ist etwas kränklich, dahero jetzt auf Urlaub.«
»Der Junge hat mich interessiert,« sagte Böhme. Mehr sprach er nicht davon. –
Tagelang blieb nun dieser Fremde im Wirtshause zu Eustachen. Tagsüber ging er in der Gegend umher, stieg auf Höhen, saß am Wasser, redete mit Leuten, sofern sie seine Art verstanden. Abends saß er in der Wirtsstube und hielt solchen, die zuhören wollten, förmliche Vorträge darüber, wie der Mensch leben müsse, um gesund zu bleiben, glückselig zu sein und alt zu werden.
»Wenn einer aber nit alt werden mag, wen geht denn das was an!« redete einmal ein Trinker entgegen. »Was habt ihr denn alleweil gegen den Wein? Der Wein macht lustig und kurz, meinetwegen. Ist’s nicht gescheiter als wie traurig und lang? Michel, was sagst denn du dazu?«
»Ich?« entgegnete der Wirt, »ich sag nit: lustig und kurz, und ich sag nit traurig und lang; ich sag: lustig und lang!«
»Geht, hört mir auf!« knurrte von einem andern der besetzten Tische ein alter Almhirt herüber. »Vom Sterben mag ich nix hören, schon einmal gar nit!« Und er tat aus dem Weinglase einen derben Zug.
»Wie die Leute doch wunderlich sind!« sagte Böhme, »da wollen sie vom Tode nichts hören und laufen ihm auf kürzestem Wege in den Rachen!«
Der Michel hatte sich diesmal keinen Trunk vorsetzen lassen. Doch hielt er mit seiner Meinung so wenig zurück als sonst.
»Wenn schon, dann lustig und lang,« wiederholte er. »Übrigens versteh ich nit, was die Leut so viel Wesens machen mit dem Leben da. Das Leben ist doch nur ein klein bissel was. Wir werden müssen nachher in alle Ewigkeit ohne Leben auskommen und wird auch gehen. Was hat man denn von so etlichen Dutzend Jahren, wo man das Wehtun spürt? Was ist denn das Leben anders, als daß man Wehtun spürt? Und so was soll man sich auf alle Mittel und Weise erhalten wollen? Ich versteh das nit. Ein gutes Glasel Wein und ein kleines Schlagel drein, hat mein Vater gern g’sagt, und ist’s auch wahr worden, ehvor er von Krankheit und Alter was erfahren hat.«
Böhme strich sich ungeduldig übers Haar und rief: »Was solch ein Wirt schlaue Rechtfertigungen findet für seine Gifthütte!«
Jetzt widersprach der Michel nicht, denn insgeheim war es so, er fühlte, daß in ihm ein böses Gewissen zu betäuben war. Geht’s nicht mit Wein, so geht’s mit Worten. Die Worte waren ihm heilig ernst, mit dem Leben meinte er’s wirklich so, daß es nicht der Mühe wert ist. Aber nur, wenn er drüber nachdachte; wenn er bloß so hinlebte von einem guten Tag zum anderen, wie lustig war ihm das Leben!
Nun hatte ihn dieser Fremde doch beunruhigt. Er genoß nicht mehr so kindlich froh, er begann immer mehr und mehr nachzudenken, und jetzt war’s manchmal, als käme die lichte Welt, die durch sein schwarzes Auge einzog, stark verdunkelt in seine Seele.
Einer der Gäste wußte zu erzählen, daß er in Ruppersbach seit zwei Tagen die Pichelbäuerin auf die Gasse heraus schreien höre.
»Mit aufgehobenen Händen schreit sie, daß man sie erlösen soll um Gottes willen von den schreckbaren Schmerzen.«
»Ja, da habt ihr’s,« sagte der Wirt, dem Fremden zugewendet, »die Pichelbäuerin, ein krankes Weib, noch gar nit alt. Ein Gewachs im Bauch. Kann ihr niemand helfen, der Arzt sagt, es kunnt noch Wochen dauern. Und hätt die Mittel und laßt sie leiden. Und sie bittet und weint wie ein kleines Kind: Macht ein End mit mir, ihr lieben Leut! Und das ganze Haus, die ganze Freundschaft betet: Wenn’s nur endlich einmal aus wär, ’s ist nimmer anzuhören, geschweige zu ertragen. Und der Arzt steht da, sieht die schrecklichen Schmerzen, die er noch besser muß kennen als die anderen, und weiß, daß sie so grausam muß vergehen und doch nit kann vergehen. Und hätt was und tut nix. Ich frag: Ist das ein Christenmensch?«
»Aber, mein lieber Herr, das Gesetz!« erinnerte Böhme überlaut, um dieses Gespräch noch weiter zu führen.
Und der Wirt: »Ich pfeif drauf! Was geht den Arzt das Gesetz an, helfen soll er! Die Krankheit soll er heilen, so oder so. Wenn er’s kann und tut’s nit – wahnsinnig kunnt man werden! Mein Lebtag hab ich die Nächstenliebe so aufgefaßt: Was einer ganz und gar nimmer ertragen kann, das muß man ihm abnehmen. Aber diese Leut binden es ihm nur noch fester an, wenn sie können. Wenn ein Armer, den sie haben niedergetreten und verachtet ohne Barmherzigkeit, wenn er nimmer aus und ein weiß und in den Teich geht, hei, da ist das ganze Dorf auf, um ihn zu retten, man wagt für ihn sogar ein bissel Leben, und alles tut groß mit der Nächstenliebe. Und wenn er dann wieder so weit trocken ist, lassen sie ihn langsam verhungern. Und all Schmerz und Pein kümmert sie nit.«
»Wahr ist’s, wahr ist’s,« grollte es durch die Stube.
»Wer ruft denn da: Wahr ist’s?« fragte Böhme hin, »im Ernstfalle macht ihr’s doch alle genau so.«
»Ich nehm mir die Glückseligkeit, wo ich sie find!« rief einer und trank.
Da sagte der Fremde: »Habt ihr denn noch nichts gehört von demselben Mann, der seine Seele dem bösen Geist verschrieben gegen sieben glückselige Jahre? Die hatte der Mann richtig bekommen, und dann hat ihn der Teufel geholt. Der böse Geist Alkohol.«
Doch eben gegen den Preußen ging es, als der Michel in seiner Erregung noch beisetzte: »Ihr alleweil nur: Lang leben, lang leben! O nein, Herr, das Leben grad nur drum ist nicht die Hauptsach. Lustig muß das Leben sein, dann soll’s nur dauern je länger je lieber. Wenn’s aber nit lustig, wenn’s ein Elend ist, nachher –. Ich sag’s, es muß noch ein Werk der Barmherzigen werden: die Unheilbaren erlösen.«
Nathan Böhme blickte dem Michel mit heimlicher Begeisterung ins zuckende Bartgesicht. Das ist ja ein ganz prächtiger Kerl, dieser Wirt! Aber die Stunde war da, in der ein naturgemäßer Mensch zu Bette geht. Er rief die Kellnerin, um seinen Tag zu bezahlen. Die Mariedl nahm die Banknote, gab sie dem Wirt, und dieser schob sie dem Fremden wieder zu über den Tisch her. Es eile nicht, er könne nicht herausgeben.
»Wenn mir,« sagte hierauf Böhme schier betroffen, »wenn mir in Eustachen keiner die Hundertkronennote wechseln könnte! In der Wüste ist schon mancher bei dem Goldklumpen verhungert.«
»So lang dableiben, bis er aufgeht,« riet der Michel.
»Nau,« lachte ein Bauer, »da kann der Herr alt werden, bis er um hundert Kronen Milch und Mehlnudeln wegbracht hat!«
»Einen Hunderter!« rief vom dunklen Uhrkastentisch eine dünne Stimme her, »vielleicht kann ich!« Ein hagerer, gebückter Mann kam herbei, mit ungeübten Fingern kletzelte er die Banknote vom Tisch auf, hielt sie gegen die niederhängende Öllampe, um zu prüfen, ob sie auch echt sei.
»Ja freilich, du!« spottete der Michel, »du wirst da wechseln können, Krauthas!«
»Kann auch nit, kann auch wirklich nit!« pipste dieser und grub in seinen Säcken herum. »Weil ich die Teuxelsbrieftaschen han liegen lassen daheim.«
Jetzt lachten die Leut’.
Doch fiel einigen sein besserer Anzug auf, den er jetzt trug. Halb herrisch, halb bettlerisch.
Der Wirt fragte: »Wo bist denn jetzt daheim, Krauthas, wo kommst denn her? Stromerst alleweil so herum. Ins Haus bist ganz heimlich herein.«
»Mit Musik hab ich mich mein Lebtag nit ins Wirtshaus bleiten lassen,« antwortete der einstige Kohlenbrenner. »Nicht einmal zur Zeit, als es mir schlecht ist gangen. Und wenn’s einem gut geht, muß man erst recht bescheiden sein.« Damit zog er sich wieder in seinen Winkel zurück, wo er Schnaps trank und Rauchfleisch aß.
Aber er nagte die Knochen nicht mit fletschenden Lippen bauernmäßig ab: mit einem zierlichen Taschenmesser löste er ganz geschickt das Fleisch los und brachte es säuberlich in den Mund.
Als der Fremde sein Geld wieder in die Ledertasche getan, diese in dem Brustsack geborgen hatte und dann mit einem barschen »Gute Nacht!« auf seine Stube gegangen war, bezahlten auch die übrigen Gäste ihre Sach’ mit Nickel und Kupfer und verzogen sich.
Übriggeblieben in der Gaststube war nur noch der Krauthas. Der klingelte mit den Fingernägeln auf dem leeren Schnapsgläschen.
»Heut wird nix meh geschenkt!« beschied die Kellnerin.
»Nachher zahlen!«
»Was haben S’ denn?«
»Nit bei dir, beim Wirt will ich zahlen.«
Sie rief den Michel, der schon zu seiner kleinen Familie in die Schlafstube gehen wollte.
»Na, was ist’s denn, Krauthas? Schlafenszeit!«
»Wo darf ich schlafen? Da auf der Bank, gelt?«
»Zahlen will er,« rief die Kellnerin. Da gestand der Mann dem Wirte ein, zahlen könne er heute nicht.
»Weil du daheim ja die Brieftaschen vergessen hast,« lachte der Michel unwirsch auf.
»Hast einmal unrecht, schwarzaugiger Michel. Vergessen kann ich nix, weil ich nix hab!«
»Hast ja doch das große Geld wechseln wollen, Prahler!«
»Prahler? – Das nit, Wirt. Geprahlt hab ich mich mein Lebtag mit nix, außer mit meiner Nixnutzigkeit. Und die hab ich nit von mir selber.«
»Was gehst denn nachher zum Tisch übri?«
»Weil ich einmal ein Hunderter han sehn wollen.«
»Also, was haben wir denn g’habt, Krauthas? Ein Geselchtes, ein Schnaps. – Zwei Schnäps?«
Jetzt klammerte der Mann die dünnen Finger ineinander: »Mein liebester Michel, ich muß heut schuldig bleiben! Und nit bloß das. Ich muß dich um was recht schön bitten. Ich weiß mir nimmer zu helfen.«
»Hast nit ehender gsagt, daß es dir gut geht?«
»Ja, so lang ich Rauchfleisch han gfressen.«
»Willst leicht nit arbeiten?«
»Lassen mich nit. Erst habens mir mein Sach weggenommen, jetzt auch mein Arbeit. Weil mich der Herr Förster von der Kohlstatt hat fortgeschickt.«
»Man weiß schon warum.«
Der Krauthas rülpste und murmelte: »Recht habens eh.«
»Was treibst denn jetzt? Wo hältst du dich denn auf?«
»Wo soll ich mich aufhalten? Bei meiner Tochter in Löwenburg. Aber die hat selber nix. Der bin ich schuldig, und wenn jetzt nit sechzig Kronen da sind, so wird sie gepfändet. Dasmal hilf mir noch aus, Michelwirt. Ich verdien mir nachher schon wieder was. Und zahl’s fleißig zurück. Das Alte auch.«
»Krauthas, nit einen Heller,« antwortete der Wirt. »Nur die heutige Zech ist bezahlt. Schlafen kannst in der Scheune auf dem Stroh, wenn du keine Tabakpfeifen hast. Aber leihen, nit einen Heller mehr.«
»Nit?« sagte der Krauthas, »gut.« Ganz leise sagte er’s und hub an, sich zusammenzupacken. Anscheinend mit großer Gleichgültigkeit tat er’s. »Nit. – Ist gut. Ist auch gut. Nachher hast vielleicht ein altes Leinwandbandel? Ein Spagat tut’s auch …«
»Geh, geh, Krauthas, auf dein Komödiespiel geb ich nix mehr. Du hast das Aufhängen schon zu oft versprochen. Wer so viel davon redet, der tut’s nit. Ist überhaupt alles erlogen, was du sagst. Mach, daß du fortkommst. Der Hausknecht führt dich auf die Scheune.«
Als der Michel allein war, verfiel er wieder in seine Grübelei, der er um so öfter nachhing, je tiefer der Zwiespalt wurde zwischen seiner ursprünglichen Lebenslust und seinen trüben Vorstellungen. – Daß der Kerl, so dachte er dem Krauthasen nach, alleweil noch freiwillig weiterlebt! Liegen wird’s darin, daß der Bauer nix ißt, was er nit kennt, und daß der Jud die Katz nit im Sack mag kaufen. Schon wer in der Früh aus festem Schlaf geweckt ist, kunnt eine Spur haben, wie gut das liebe Nitsein ist. Das Nitsein – das liebe Nitsein! – Aber die Leut haben keinen Glauben, sie können an das Nitsein nit glauben. Und fürchten gar, es kunnt hinten drüben noch jämmerlicher hergehen als da herüben. Kann man’s wissen? Es ist halt doch eine gewagte Sach. – Und schließlich kam es ihm wieder bei: In dem, was der Mensch ist, soll er aushalten, so lang es an sich hält. Daß er wenigstens selber keine Schuld hat. – In Gottes Namen!
Fünf Minuten später war er wieder einmal im lieben Nichtsein auf etliche Stunden.