»Habens schon die Neuigkeit gehört, Herr Förster?«

Am nächsten Morgen kamen ins Forsthaus zwei Jungbauern, einer aus Eustachen und der andere aus Ruppersbach. Schon im Vorhause zogen sie den Hut ab, glätteten sich mit der breiten Hand das schweißfeuchte Haar und klopften recht bescheiden an der Kanzleitür.

»Nur herein!« sagte der Förster, »was gibt’s denn schon wieder für ein Anliegen, daß ihr gar so gut Sitte und Brauch wißt. Ist sonst nicht immer so manierlich.«

»Wenn wir wieder recht schön bitten dürften, Herr Oberförster, um Holz.«

»Bin kein Oberförster. Wozu denn wieder Holz?«

»Zum Sonnwendfeuer. Wir möchten halt gern wieder eins anzünden auf dem Ringstein.«

»Ist schon recht, das, will schon wieder mithalten. Wann denn?«

»Übermorgen wär er halt, der Sonnwendtag.«

»Aber Schlingel seid ihr: Vor drei Jahren habt ihr mir einen ganzen Scheiterstoß verheizt. Ich habe euch gesagt, Scheitholz dürft ihr mir nicht nehmen. Nur Gefällholz. Im Ringwald gibt’s dessen ja genug, nicht zu faul sein zum Zusammentragen!«

»Wir werden G’fällholz nehmen, Herr Förster, und bedanken uns schön.«

»Ich will es euch lieber zeigen, was zu nehmen ist. Heute nachmittags um fünf Uhr, wenn jemand oben ist. Ich werde auf dem Ringstein sein und sagen, was geschehen darf. Das vorigemal seid ihr mir mit eurem Feuer auch dem Wald zu nahe gekommen.«

»Wollen schon alles machen, wie’s der Willen ist, und werden fleißig –«

»Ja, ja, geht nur jetzt, ich habe nicht viel Zeit. Nachmittags um fünf Uhr. Wenn aber niemand oben ist! Ich gehe nicht ein zweitesmal!«

In solch wohlwollend brummigem Tone pflegte Rufmann mit den Leuten zu verkehren. Als die Bauern fort waren, ging er die Stiege hinauf und wollte nachsehen, ob die Buben nicht endlich aus dem Bette wären. Die Tür war versperrt.

Er pochte mit der Faust: »Was ist denn das heute! Sieben wird’s bald!«

»Ja, ja,« antwortete drinnen eine mißmutige Stimme. Sie waren noch verschlafen.

Zum Frühstück waren sie da und aßen tüchtig. Dann verzog sich der Student wieder, und der Friedl erstattete seinen Bericht von der Alm. Hin und hin aper, nur im Rauhruckkar hatten sie noch Schnee liegen sehen. Es sei ganz sommerwarm, täte schon überall grünen. Man könne bald das Vieh auftreiben. An der Seealmhütte müßten die Dachlucken ausgebessert und etliche Fensterscheiben eingeschnitten werden. Stellenweise hätten Lahnen den Weg versperrt, an der Mooskehr hätten sie nur mit Mühe weiterkommen können.

»Hat sich der Preuß gut gehalten?« fragte der Förster.

»Ganz gut.«

»Wie weit habt ihr ihn begleitet?«

»Bei der Seealmhütten hat er gesagt, nun wollt’ er schon allein weiterkommen.«

»Kann er noch vor dem Gewitter hinübergekommen sein?«

»Glaub schon.«

»Gut ist’s. Heute nachmittags gehen wir auf den Ringstein. Das ist wieder was für euch, Buben. Sonnwendfeuer!«

»So?« sagte der Friedl gleichgültig.

»Der Elias wird ja auch mitgehen.«

»Glaub nit.«

Als hernach der Förster nach dem Studenten sah, fand er diesen bei seinem Kasten beschäftigt, die Schulbücher zu einem Pack zusammenzubinden.

»Hat’s dich recht angestrengt, gestern?«

»Ein bissel.«

»Was machst du denn da?«

»Ich – – will doch wieder hinein.«

»Wo hinein?«

»Ins Seminar.«

»So dachte ich doch, Elias, du bliebest bis Herbst daheim?«

»Ich will doch lieber hinein.«

Der Alte ist mit Kopfschütteln die Treppe hinabgestiegen. Da hatte er sich manchmal beklagt, wenn einer der Buben so lustig war; wenn sie’s nicht sind, ist es erst recht ungemütlich.

Am Nachmittage gingen sie hinauf, der Förster Rufmann und sein Sohn Friedl. Der Fußsteig durch den Wald ist steil, sie sprachen unterwegs nicht viel. Auf einer Lichtung, wo man in die weiten Berge hinaussieht, stellte der Bursche sich hin und jauchzte eins. Dann trafen sie mit mehreren jungen Männern zusammen. Vormittags war ein Begräbnis gewesen, da gibt’s allemal einen kleinen Feiertag den ganzen Tag. So waren sie heraufgekommen, um den Feuerstoß schichten zu helfen. Darunter auch ein Gerhaltsohn, der mit dem Förstersohn wieder ganz kameradschaftlich stand, als gehe das, was die Alten miteinander hätten, die Jungen nichts an.

»Dich sieht man selten jetzt, Friedl. Bist immer im Holzschlag, oder schon auf der Alm?«

»Vielleicht seht ihr mich bald gar nimmer.«

»Geh, mach dich nicht patzig!«

»Wirst es schon sehen.«

»Was werd ich sehen?«

»Daß ihr mich bald gar nit mehr seht. Oder willst mit? Da draußen im Hessenland oder wo wandern jetzt immer Leut aus nach Afrika.«

»Zu den Mohren? Da muß man ja früher angeschwärzt werden.«

»Das ist das wenigste, mein Lieber!« Dann zuckte das Gespräch ab.

Die Anschuldigung des Gerhalt war noch nicht vergessen. Der Friedl hatte den Wegmacher Kruspel bemerkt, der mit anderen bereits daran war, Gefällholz zu bearbeiten.

Der Förster führte sie im Walde, der hier oben flacher wurde, herum und wies ihnen gefallene Bäume, niedergebrochene Äste und halbabgestorbene Stämme, an die sie sich mit Äxten, Sägen und Stricken machten, um sie klein zu kriegen und an Ort und Stelle zu bringen. Eine auf vorspringender Felswand in die Lüfte hinausgelagerte Felszinne, genannt der Ringstein, war die Stätte, wo seit alten Zeiten am 24. Juni das Sonnwendfeuer angezündet wurde. Aber nur von drei zu drei Jahren. So oft unten im Dorfe das Fronleichnamsfest abgehalten wurde, so oft loderte ein paar Wochen später auf dem Ringstein das Feuer der alten Germanen. Und je glanzvoller die Prozession ausfiel, um so größer war der Holzstoß auf dem Berge. Es war ein alter Tort darin, doch die harmlosen Leute von Eustachen dachten nicht daran, sie übten nur den Brauch, und viele mochten meinen, das Sonnwendfeuer sei so eine Art Nachfeier zum kirchlichen Fronleichnam.

Der Förster hatte angeordnet, daß der Holzstoß möglichst an die Felszinne hinausgerückt werde, da könne das Feuer den nahen Wald nicht gefährden, werde hingegen gesehen in der ganzen weiten Talgegend von Sandwiesen bis Löwenburg.

Wie sie hingestreut liegen da unten an den Ufern der Tauernach und der Mur, die schimmernden Gruppen der Ortschaften! Dort hinten oben, wo das Gebirge mit seinem Halbkreise gleichsam die Talfläche abschneidet, kommen aus den Schluchten Wässer zusammen zu dem großen Fluß, der sich so schlängelt, daß man hie und da ein Spiegelchen von ihm sieht. Tief unten, fast am Fuße des Berges, das freundlich zwischen Wiesen, Feldern, Matten und Schachen ruhende Eustachen. Eine halbe Stunde abseits Ruppersbach mit seinem hohen Kirchturm und ganz unten in blauer Ferne ragt wie ein gläsernes Zacklein das alte Schloß Löwenburg über der Stadt auf.

Der Förster blickte in die Gegend hinaus und mochte denken, wie der Mensch doch nicht immer bloß am Nützlichen hängen, sondern öfter die schöne Welt anschauen sollte. Und dieweilen schleiften die Burschen mit lustigem Geschrei aus dem Walde Holz herfür und bauten den Brandtempel.

Aber dort stand eine kleine Gruppe von Männern beisammen. Sie hörten dem Schnapperjosel zu, der schon Jungvieh auf seine Alm getrieben hatte, gerade vom Gebirge zurückkam und zu erzählen wußte, daß unweit des Rauhruckkares ein Toter gefunden worden sei mit Stichwunden am Hals. Er habe ihn nicht gesehen, wisse weiter nichts, als was die Holzknechte erzählt hätten. Die Gruppe um den Schnapperjosel vergrößerte sich rasch. Ein Mord! Ermordet soll einer worden sein! Im Gebirge? Das war was Seltsames.

Auch der Förster horchte hin und meinte, das sei gewiß wieder einmal erstunken und erlogen, sonst müßten seine Buben davon wissen. Die seien gestern auf der Alm gewesen, kein Wort von so was …

Als er mit dem Friedl darüber sprechen wollte, war der Bursche nicht da, und jemand sagte, er habe ihn den Waldsteig hinabgehen gesehen.

Bald ging auch der Förster heim, und als er unten an den Weg am Waldrande kam, schritten zwei Zimmerleute vom Sägewerk daher. Die fragte er, wie es dem Zimmermeister Josef gehe.

»Wie’s halt gehen kann bei einer schweren Lungenentzündung. Aber sonst ist was. – Habens schon die Neuigkeit gehört, Herr Förster? Der Preuß oder wer er war, der sich beim Michelwirt hat aufgehalten, den habens am Rauhruck tot gefunden. Ist erstochen worden!«

Der Förster eilte seinem Hause zu. Dort im Hofe war der Friedl und spielte mit dem Kettenhund. Ein Holzstückchen hielt er ihm vor die Schnauze, und wenn das Tier danach schnappte, zuckte er damit zurück, so daß es bei diesem Scherz schon lebhaft wurde und der Hund dem flinken Burschen angriffsweise an die Brust sprang.

»Laß den Hund in Ruh! Und sag mir, warum du so eilig bist fortgelaufen auf dem Ringstein.« Den alten Mann klemmte es in der Brust, er war zu schnell gegangen.

»Ich – wegen was ich fort bin?« entgegnete der Bursche gleichgültig. »Wenn ich die Wahrheit soll sagen, ’s ist einer oben, der mir nit ansteht.«

»Der Schnapperjosel?«

»Der Schnapper? Ist der auch oben? Na, der geht mich nix an. Den mein ich nit.«

»Der Schnapperjosel ist heute von der Alm herabgekommen und weiß zu sagen, daß beim Rauhruckkar ein Toter gefunden worden wäre. Und heißt es, der Nathan Böhme! Und wäre umgebracht worden …«

Der Friedl schaute auf.

»Sag’s noch einmal, Friedl, wie weit seid ihr mit ihm gegangen?«

»Na halt bis –, mein Bruder wird’s eh auch wissen.«

»Von dir will ich’s hören!«

Der Bursche zuckte die Achseln: »Was just von mir?«

Er hielt den starren Blick des Vaters nicht aus, wurde totenblaß, da wurde es auch der Förster Rufmann. Er setzte sich taumelnd an den Rand des Brunnentroges.