»Laß ihn zu den Vätern gehen!«
Der Ortsvorstand Martin Gerhalt schritt mit seinem Stecken durch das Dorf und beging gesetzwidrige Handlungen.
Wo mehrere beisammenstanden und über das Ereignis tuschelten, da fuhr er drein und fluchte ihnen ein paar Kanaillen an den Kopf oder hob den Stock zum Zuschlagen. Er wußte nicht, gegen wen seine Wut größer war, gegen die beispiellose Freveltat der Försterbuben oder gegen die Leute, die daran ihre heimliche Freude hatten und zu der schrecklichen Wahrheit noch schrecklichere Lügen ersannen. Vor kurzem erst, gelegentlich einer Dienstbotenprämiierung hatte der Bezirkshauptmann Eustachen eine musterhafte Gemeinde genannt. Außer ein paar Wilddieben hatte dieses Dorf seit vielen Jahren nichts mehr vors Gericht geschickt, und jetzt zwei Galgenstricke auf einmal.
Nun kam es dem Gerhalt bei, daß der Fürsteher sich auch um den unglücklichen Vater zu kümmern habe. In dem seiner Haut möchte er jetzt nicht stecken. Aber hineindenken kann sich der Mensch. Der Gerhalt hat ja auch Söhne. Wen Gott verläßt! Kein Mensch kann’s wissen. Was kann ein alter Mann dafür! Der Rufmann hat’s an nichts fehlen lassen. Den einen in die Realschule, nachher zur Arbeit tüchtig angehalten, den anderen in die geistliche Studie. Selbst ein gutes Vorbild in der Sittsamkeit. Vielleicht, daß er zu nachgiebig ist gewesen, an Strenge mag’s schon gefehlt haben. Wo ist ein Vater, der seinen mutterlosen Kindern nicht auch die Mutterliebe ersetzen möchte! Ein wenig weich ist er ohnehin, der Rufmann, so gut er auch schelten kann. Arg leid tut’s ihm jetzt, dem Gerhalt, daß er des Sägewerks wegen mit dem Manne so übers Kreuz gekommen ist. Ganz dumm so was. Vom Förster ist die Sache doch nicht ausgegangen; der muß tun, was ihm seine Herrschaft vorschreibt. Diese Einsicht war dem Bauer jetzt gekommen im Schrecken des Unglücks.
Nun ging er hinauf ins Hochtal, um zu sehen, ob auch wer bei ihm ist. So hat er ihn getroffen, in Gesellschaft des Michelwirts. Langsam trat der schrötige Mann vor ihn, hielt ihm die Hand hin: »Rufmann, wenn ich Sie beleidigt hab, tuns mir verzeihen. Wenn Sie was von mir sollten brauchen, oder sonst einen Beistand – oder was immer –«
Der Förster schaute ihn mit großen starren Augen an, als ob er solche Red nicht verstünde. Und er selbst fand es ungeschickt genug. Was jetzt diesen Mann eine Feindschaft oder eine Freundschaft kümmern könne. Oder ein Beistand, oder sonst was. Da war ja alles ganz gleichgültig. Hier ist Menschentrost am Ende. Lieb wie Haß kehrt unverrichteter Dinge um …
Beim Fortgehen winkte er den Michel für einige Augenblicke mit zur Tür hinaus: »Mir ist’s lieb, Michel, daß du bei ihm bist. Wenn’s dir möglich ist, bleib in diesen Tagen bei ihm, du bist ihm noch am besten. Was wir noch mit ihm machen werden, das weiß Gott. Mir kommt er nit recht für. Gib acht auf ihn, Michel, laß ihn nit aus den Augen. In deine Obhut ist ein Vertrau, leicht kannst ihn doch bissel mit was zerstreuen. Hast was auszurichten daheim? Sonst will ich jetzt auf den Ringstein.«
Als der Michel wieder zurückkehrte in die Stube, war Rufmann nicht da. Durch das Kanzleizimmer war er in das Vorhaus gelangt und rasch die Treppe hinaufgeeilt zur Schlafstube seiner Söhne. Sie war verschlossen und versiegelt. Er huschte die zweite Stiege hinauf in den Dachboden, wo altes Gerät und Gerümpel war. Dort verhielt er sich still, so daß die Suchenden ihn nicht sollten entdecken. Als der Michel ihn fand, schleuderte er eine Spinnradschnur in die dunkle Ecke.
Der Michel wollte ihm Vorwürfe machen, sie mißlangen ganz. »Mein armer, mein liebster Mensch, tu uns das nit an! Ich bitt dich tausendmal, tu uns das nit an! Auch deinen Kindern nit. Willst denn noch mehr auf sie laden! Willst ihnen auch dich noch aufs Gewissen legen? Daß sie gar müßten verzweifeln. Weißt, wie wir zwei einmal haben gesprochen von dieser Sach, vor etlichen Monaten erst. Daß einer so was kunnt ausführen, hast du gesagt, ’s wär nit zu begreifen. Und ’s wär nit zu verantworten. Schau, und jetzt wolltest es selber –«
»O Jesus Christus! Wenn’s nit zu ertragen ist!« schrie der alte Mann grell auf. »’s kann ja keinem Menschen auf der ganzen Welt so ums Herz gewesen sein wie mir! Ihr könnt es ja nicht begreifen, ihr könnt es nicht, ihr könnt es nicht! – Michel, alter Freund!« sagte er zärtlich und ergriff mit Heftigkeit seine Hand, seine beiden Hände: »Sei gut mit mir! Laß mich gehen. Du bist mein Freund gewesen, mein treuester, die vielen Jahre! Dich habe ich lieb gehabt. In keiner Freud und in keiner Not hast du mich verlassen – hilf mir auch in der letzten. Wohl ein Gedanke ist mir gekommen, aber nein, das nicht, das nicht. Mein Lebtag hab ich mich selbst bedient. Nur fünf Minuten Zeit – schenke sie mir, du guter Mensch, habe Erbarmen und gönne mir den Frieden!«
»Paul! jetzt denkst ganz an dich allein. Das ist sonst nit deine Art. Du hast auf andere auch noch zu denken. Wie es ihnen auch mag gehen. Könntest du sie denn voreh verlassen, ohne ihnen was zu sagen! Sollten sie ohne deine Verzeihung!«
»Das ist schon gemacht, das ist schon gemacht!« sagte Rufmann. »Der Brief ist in der Schreibtischlade. Überbringe ihn meinen Söhnen, Michel, das ist an dich meine letzte Bitte.«
Sie gingen hinab in die Stube.
Es ist der Abend gekommen, die Sali will Licht bringen, der Alte winkt ab. »Wir brauchen kein Licht.« Der Michel weicht nicht einen Augenblick von der Seite des Freundes. Dieser ist wieder dumpf und stumpf. Der Michel redet von schönen Zeiten und wer weiß, ob sie nicht wieder kommen könnten mit einem besonders glückseligen Tag. »Paß auf, Rufmann, es wird noch einmal sein, daß es dir zu früh kommt, das Sterben. – Und unsern Herrgott, tust ihn denn ganz vergessen! Schau, Paul, wir haben miteinander so oft gesungen –« Er nimmt die Laute vom Nagel: »Ich weiß ein Lied von der himmlischen Freud.«
Da springt Rufmann auf und ruft in hellem Zorn: »Mensch, weißt du denn nicht, was meine Buben getan haben! Glaubst du, daß ich warten werde drauf, was mit ihnen geschieht?! Kannst du mich jetzt nimmer verstehen?«
Der Michel suchte ihn zu beruhigen: »Ich versteh dich ja, du mein allerliebster Kamerad, mein Reden ist ja dumm, ganz dumm. Wir wollen was anderes tun, wir fahren nach Löwenburg. Zu Land oder zu Wasser, wie es am schnellsten geht.«
Ein Weilchen schwieg der Förster, dann sagte er: »Michel, wir fahren zu Wasser.«
Von außen klopft es ans Fenster. Ein Holzknecht, der vorbeigeht, ruft hinein, sie sollten doch das schöne Feuer anschauen.
»Das Sonnwendfeuer!« sagte der Michel. »Komm, Rufmann!«
Beide eilen aus dem Hause. Kühle Nacht, nur die Ach rauscht wie immer und immer. Und dort auf der Zinne des Ringsteines steht der rote Stern. In stiller, lohender Glut und darüber aufwirbelt der rote Qualm.
»’s ist schön anzuschauen!« sagt der Michel leise. »Die Vorfahren – hundertmal sind sie in den Gräbern schon vermodert und wieder aufgestanden und wieder vermodert – aber was sie in uralten Zeiten sind gewesen, das rufen sie lebendig zu uns herüber in diesem Feuer. Wie es so langsam und friedsam hinaufsteigt in den Himmel … es ist schön anzuschauen!«
Rufmann steht neben ihm, auch sein Gesicht ist dem Feuer zugekehrt, aber er schweigt.
Und der Michel – dieweilen er diese heilige Glut betrachtet, die dort auf dem Berge wie ein Mahnzeichen hinleuchtet über die deutsche Heimat – denkt an den, der neben ihm steht.
Wenn einer im Herzen die Todeswunde hat, da gibt’s für ihn nichts weiter mehr, keine Heimat, keine Vergangenheit und keine Zukunft. Da trifft’s zu, daß alles versunken ist in das abgrundtiefe Weh. Da ist nichts und gar nichts mehr vorhanden als das Weh, das Weh allein. Und wenn es so ist, warum will ich ihn denn nicht hingehen lassen in die Ruh? Wo er mich so herzinnig drum hat gebeten. Wenn ich schon selber hab gesagt, daß alles nur Einbildung ist und außer ihr alles nichts und nichts, warum will ich ihn denn nicht hinabgehen lassen? Etwan weil ich den Freund nicht möchte verlieren? Daß er mir noch länger sollt Gesellschaft leisten, er mit seiner Todeswunde! – Was wartet denn noch seiner? Alter, Verlassenheit, beständiger Vorwurf. Überall zwecklos, gemieden, im Mitleid noch verachtet. Im besten Fall ein umtrübter Geist, das dumpfe Elend eines Halbtoten. Ich wollt mich dafür bedanken. Mein widerwärtigster Feind, der mich festhalten wollte in dieser Hölle! – So sinnt der Michel Schwarzaug. Alle Gedanken münden immer in den einen aus: Laß ihn gewähren, erweise ihm den letzten Freundschaftsdienst, den es für ihn noch geben kann … Halte ihn nicht auf.
Unbeweglich steht der Dorfwirt da, während in ihm die Empfindungen gegeneinander streiten. Er schaut nicht nach links und nicht nach rechts, schaut unverwandt auf das Feuer hin. Als ob in dieser Flammenschrift die Ahnen zu ihm sprächen. Sein Sinnen löst sich sachte in Wehmut auf, in eine unsäglich süße Empfindung der Liebe zu seinem Freunde. Die feierlich aufsteigende Riesenflamme dort hält sein Auge gebannt. Und ist es wie ein Mahnen: Laß ihn zu den Vätern gehen! – So ist er mit Absicht gestanden eine lange Weile und traumhaft. – Und war es nicht gewesen, als ob ein Bienenschwarm vorübergeklungen hätte? Ein verlorner, heimloser Bienenschwarm! ’s hat just so gesummt in der Luft. – – Gib acht, Michel, gib acht, in deine Obhut ist ein Vertrau! – Er wendet sich rasch. Hat nicht der Gerhalt zu ihm gesprochen? – Er erwacht aus seiner Versunkenheit und besinnt sich und sieht nach dem Freunde. –
Der steht nicht mehr neben ihm, ist nicht da.
Der Michel erschrickt heftig. »Rufmann!« sagt er, fast stockt der Atem. Er eilt an das Haus, er eilt zur Baumgruppe. »Rufmann!« Kein Mensch da. – Das Wasser rauscht wie immer und immer. Der Michel eilt wegshin gegen die Brücke. »Rufmann,« schreit er schrill. Im Schimmer der Sternennacht glaubt er dort mitten auf der Brücke am Geländer eine dunkle Gestalt zu sehen. Er läuft hin, auf Zehenspitzen läuft er. Da schwingt die Gestalt sich aufs Geländer und – war nimmermehr zu sehen.
Im nächtigen Dunkel branden die Wogen und rauschen und rauschen. Kein Haupt taucht auf, kein Arm, in den Alpenfluten begraben, ausgelöscht ist ein wüster Traum.