Neunzehnter Sonntag

Am neunzehnten Sonntage.

An diesem Briefe, mein Freund, werde ich wohl zwei Sonntage zu schreiben haben. Nicht, weil die Finger steif geworden sind. Nicht, weil ich jetzt lieber im Freien herumstreichen möchte, als gebückt über der Truhe zu sitzen. Ein anderer Verzug ist vorhanden. Es ist lang und es geht tief. Wenn’s nur ein Roman wäre und ich ein Romanschreiber. Gott, wie nett! Aber es ist ein Schicksal und ich bin ein armer Mensch.

Daß wir etwas Bedenkliches im Hause haben, ahnst du. Oder bist du noch nicht auf schlimme Gedanken gekommen? — Ein halbverlumpter Städter geht, um eine Geldsumme zu gewinnen, zu den Bauern, prahlerisch, hinterlistig. In einem Gebirgshause bei schlichten herzensguten Leuten, wo er in Vertrauen und Treue aufgenommen wird, verführt er den Liebling aller, die einzige Tochter und Schwester, ein engelschönes, schuldloses Kind. Sie thut sich Leides an, Vater und Mutter vergehen vor Gram und der Abenteurer kehrt — nachdem er die Familie im Bauernhause zu Grunde gerichtet hat — zur Stadt zurück, um seine Wette einzustreichen.

Wäre das nicht packend und modern?

Nein, es ist schlecht und grausam, solche Ungeheuerlichkeiten auch nur zu denken. — Es ist aber auch eine ganz niederträchtige Hoffart, zu sagen: Bei mir weit entfernt davon! Es waren Augenblicke der Gefahr, daß Gott mich verlassen könnte! — Aber darf der Gerettete denn jubeln, wenn er andere in Not, vielleicht in Schuld steht?

Doch, das muß alles hübsch in Ordnung vorgebracht werden, sonst wirst du mir kopfscheu. Mein ältester Bekannter in Hoisendorf ist, wie du weißt, der Schullehrer Guido Winter. Derselbe, der im Januar mir das Adamshaus gewiesen hat und mich dann nicht wollte heraufsteigen lassen. Hernach hat’s eine Spannung gegeben und nun ist alles klar. Der Mann ist etwa um zehn Jahre jünger als ich. Nicht gerade der Hübscheste. So blatternarbig, daß der Rocherl sagt, er müsse mit dem Gesichte auf einem Rohrstuhl gesessen sein. Dazu linkisch und ungeschickt, ein bissel unterthänig und ein bissel stolz und ein bissel eigensinnig und hat noch besondere Sachen. Im ganzen ein frischer Kerl. Wir kommen an Sonntagen zusammen und Plaudern. Ich besuche ihn schon seiner Bücher wegen und weil er mir die Zeitung vermittelt, die übrigens nur deshalb für mich noch einen gewissen Reiz hat, weil sie im Adamshause eine verbotene Frucht ist. Der Apfel vom Baum der Erkenntnis, wenn ich geistreich sein wollte. Doch heute habe ich dir wichtigeres zu sagen.

Mehrmals schon hatte ich bemerkt, daß der Lehrer hinterhältig gegen mich ist. Natürlich, er kann ja auch aus mir nicht klug werden. Er kennt sich nicht aus bei diesem zugereisten Knecht und ich habe bislang Bedenken getragen, ihm meine Geschichte mitzuteilen. Nun kommen aber nach und nach allerhand Geschichten zusammen, eine hängt an der andern wie in Tausend und einer Nacht, und sind noch so viele Wochen! Was das für ein Ende geben wird — der Himmel weiß es!

An diesem schönen Frühlingstage, als ich nach Hause will, hat sich der Lehrer mir angeschlossen. Er müsse einmal ganz extra mit mir gehen, vorgenommen habe er sich’s schon lange. Da ist mir schon so etwas aufgefallen. — Wir gehen nach dem Wasser hinein, wir gehen aber nicht den Berg hinauf. Wir steigen in die Klamm und durch das Hochthal weiter bis zum Almboden, wo jetzt neben Resten von Schneelawinen aus dem grauen Gefilze des Vorjahrs endlich auch das feine frische Gras hervorsticht, gelbliche Primeln stehen, die dünnständigen Lärchen grünen und in roten weichen Zäpfchen blühen. An den Berglehnen ragen stellenweise graue Steinknorze hervor und aus dem Hintergrunde des Hochthals leuchtet eine zerrissene Felswand. Wenn ich zeichnen könnte! Pah, die Landschaften bleiben ja stehen. Die Menschen müßte man zeichnen!

Zuerst, glaube ich, haben wir von Adams Franzel gesprochen, dem Schulknaben. Ein aufgewecktes Köpflein, sagt der Lehrer. In den Schulgegenständen nicht gerade der erste, aber voller Aufmerksamkeit und Beobachtung für Tiere, Pflanzen, Steine. Die Bücher langweilen ihn, wo er aber frei denken und Schlüsse ziehen kann, da ist er der ganzen Schule über.

„Den müssen wir wohl in die Stadt zu bringen trachten,“ setzte der Lehrer seiner Schilderung bei.

„Hören Sie mir auf mit der Stadt!“ rief ich drein. „Was soll er denn in der Stadt? Dort giebt’s ohnehin schon gescheite Leute genug. Lasset doch auch ein paar kluge Köpfe bei den Bauern daheim. Da haben sie schon auch ihre Nüsse zu knacken und ist wenigstens ein Kern drin. Wenn alle begabten Leute davonlaufen, dann ist es wohl kein Wunder, daß geschieht, was geschieht.“

„Es geschieht auch, wenn sie dableiben,“ sagte der Lehrer. „Es geschieht, weil es geschehen muß. Und da möchte man doch die intelligenteren Kräfte möglichst auf einen besseren Boden retten, ehe sie in den Einöden verkommen und elendlich zu Grunde gehen.“

„Ich habe selbst einmal ähnliches geschrieben,“ sagte darauf der zugereiste Bauernknecht übereilt. „Das heißt, wie man so seinen Freunden schreibt. Aber jetzt denke ich anders. Das Geheimnis der Scholle! Die Heimatserde!“

„Heimatserde,“ sprach der Lehrer auflachend. „Das sind alte Sachen. Für den Trödelmarkt.“

„Ist das Ihr Ernst? Dann hätte ich, mit Erlaubnis, meine Meinung darüber. Sie haben wohl auch schon über die Nationalitätenfrage nachgedacht, die heute alle Welt beschäftigt und Reiche erschüttert. Gut. Nun sagen Sie, um was geht es denn eigentlich hier? Um Nationen? Gewiß ja. Aber noch mehr um die Erdscholle. Sie lachen, wenn Sie hören, daß die Nationalitätenfrage eine geographische Frage ist.“

Er lachte wirklich und ich fuhr fort: „Würde es sich bloß um die Nation handeln, lieber Gott, die in aller Welt zerstreuten Deutschen könnten leicht zusammen kommen, wenn sie ihre Scholle aufgeben, ihren Erdbesitz mit Slaven oder Franzosen, die an ihrer Stelle sitzen, umtauschen würden. Ein moderner Bismarck brauchte bloß die Landkarte herzunehmen und die Völkerteile einfach wie Schachfiguren zu verschieben.“

„Das ist nicht möglich!“ rief der Lehrer aus.

„Es ist so unmöglich,“ sagte ich, „daß ein ähnlicher Vorschlag im Ernste kaum jemals gemacht worden ist. Und warum ist es unmöglich, weil die Menschen an ihre Scholle gewachsen sind, weil die Völkerfetzen an ihrer angestammten Erde kleben.“

„Sie meinen also, daß der Einzelne fester an seiner Scholle hängt, als an seinem Volke?“

„Wie Figura zeigt.“

„Ein Frevel, das auszusprechen!“ rief der Lehrer entrüstet.

„Darüber müssen Sie einen andern zur Rechenschaft ziehen. Den, der die Menschennatur so und gerade so gemacht hat.“

„Der natürliche Mensch ist Nomade und nicht Schollenhocker.“

„Und der Kulturmensch kann nur bestehen und sich vervollkommnen, wenn er an den Boden genagelt ist. Und daß der Boden, der Heimatsboden, ewiges Eigen eines und desselben Volkes bleibe, darum handelt es sich vor allem bei diesem Weltkampfe.“

„Wenn es also gerade auf diese Heimständigkeit ankäme,“ warf der Lehrer ein, „dann müßte ja der berufsmäßige Schollenmensch, der Bauer nämlich, der größte Kulturmensch sein!“

„Und wenn er es wäre! Und wenn das Landleben inmitten all der Bedingungen, die des Menschen Bedürfnisse decken, ohne ihn zu verwöhnen, zu erschlaffen, wirklich eine höhere Kultur wäre? Höher als etwa das Fabriksleben mit seiner socialen Not und Unzufriedenheit; als das Kaufmannsleben, das rastlos die Güter der Welt hin- und herschiebt, damit die Reichen aller Länder übersättigt werden können von den Produkten, bei deren Herstellung die Mehrzahl der Menschen Mangel leiden und verkommen muß!“

Mit einiger Verblüffung schaute mir der Lehrer ins Gesicht.

„Und deshalb,“ so schloß ich meine Betrachtung, „kann man’s nicht verstehen, warum in unseren Tagen der angestammte Kulturmensch seinen Boden verlassen soll und ihn wirklich verläßt! Und wie sogar Dorfschullehrer dazu die Hand bieten können! — Nein, der Bauernlehrer soll seinen Kindern Tag für Tag das Vaterunser und den Erdsegen vorbeten.“

Hierauf er: „Sind wir Lehrer dazu da, daß wir Bauern machen? Wir unterrichten die Kinder, damit sie, der Zeit gewachsen, ein gutes Fortkommen finden können.“

Fortkommen! Ja, Donnerwetter, wohin denn? Ich glaube fast, Herr, Sie wollen mich ärgern mit Ihrem Witz!“

„Aber Gott, nein!“ rief er mich am Arme packend. „Ich bin nur voller Staunen. Über Ihren Witz!“ Und dann mit plötzlicher Gereiztheit: „Mir fällt es heute ja nicht das erste Mal auf, daß der Knecht des Adamshauses wie ein Professor spricht. Was ist denn das? Das ist ja ganz verdächtig. Da muß man doch endlich einmal fragen nach dem Heimatschein. Wenn es hier herum etwas auszukundschaften gäbe —“

„So könnte ich ein Spion sein, meinen Sie?“

„Bei meiner Ehre, ja! Ein natürlicher Bauer sind Sie nicht, wenn Sie auch noch so groß von ihm sprechen. Nein, nein, Hans, da mögen Sie sagen, was Sie wollen.“

„Meinen Sie?“

„Jetzt ist’s mir zu dick. Sie gehören nicht in den Almgai. Sie haben Ihre besonderen Gründe, sich hier aufzuhalten!“

„Und ob ich sie habe!“

„Soll ich Ihnen sagen, weshalb Sie manchmal so eifrig die Zeitung durchschauen? Sie suchen Ihren Steckbrief!“

„Na nu, Schullehrer, das wird stark! Da könnten Sie sich ja gleich den Ergreiferlohn verdienen!“

Die gute Ruhe, mit der das Wort gesagt war, hat ihn doch wieder stutzig gemacht. Und er lenkte ein: „Ich meine ja auch nicht, daß —. Ein Spitzbube möchte kaum harte Arbeit machen in einem Bauernhofe, monatelang. Aber wissen möchte ich doch, was dahinter ist.“

Er stand mitten auf dem Wege still, griff sich mit beiden Händen an meinen Jackenflügeln fest und fragte: „Jetzt sagen Sie es mir offen, Hans Trautendorffer, was suchen Sie da oben? Sie sind ein verkappter Stadtmensch, Sie haben Ihre Gründe, warum Sie sich im Adamshause aufhalten! Mit Verstattung, was suchen Sie da oben?“

Sein rotes Gesicht war noch röter geworden, um seine Augen hatten sich Wulste gebildet, als wären sie verschwollen, dazwischen stachen die Blitzer ganz kurios hervor. Ob solcher Heftigkeit kam mir der Trotz und ich schwieg.

„Werden Sie es sagen?“

Was denn? Warum sollte ich es ihm am Ende nicht anvertrauen. War’s denn eine Schande? Hatte ich mich nicht doch vor falschem Verdacht zu retten? — Nein. Bei solcher Art zu fragen, antwortet ein Hans Trautendorffer nicht.

„Also, Sie sagen es nicht, was Sie da oben festhält?“ sprach er nachgerade drohend.

„Aber natürlich nicht.“

„Gut. So werde ich es Ihnen sagen.“

„Nun?“

„Das Mädel gefällt Ihnen!“

„Das Mädel? Mir?“ — Kunstpause.

„Das Mädel wollen Sie haben!!“

„Mein Gott, Schullehrer,“ darauf die Antwort, „warum sollte ich das Mädel nicht haben wollen? Was ginge denn das Sie an?“

„Was das mich angeht, mein lieber Trautendorffer, das will ich Ihnen wohl sagen. Das geht mich gar viel an. Das Mädel ist mein!“ —

Und jetzt, Philosoph, übe dich eine Woche lang in Geduld. Fortsetzung folgt.