Siebzehnter Sonntag

Am siebzehnten Sonntage.

Ich nenne dich nicht mehr. Du bist es ja. Ich schildere weiter. Der Osterjubel ist verrauscht. Das war wie ein klingender knallender Springbrunnen aus diesen Menschenherzen. Christ ist erstanden und das Frühjahr ist da! Natürlich ein tausendstimmiger Freudenschrei zum Himmel.

In den Thälern, auf die wir niedersehen, liegt ein Wiesengrün, wie es die Maler nicht zuwege bringen, weder die alten, noch die modernen. Es fehlt ihnen dazu das wahre Freilicht, das Licht der freien Natur. Zwischen den Wiesen hin gießen die braunen Bäche, in denen der einst so weiße Winter zu Thale fährt seit Wochen. Im Hochgebirge hinten, wir sehen es so schön über den Almen stehen, rührt sich noch nichts. Dort alles staar. Und wenn über unserem Gai die warme Aprilsonne leuchtet, ist über jenen Höhen ein graues, halb durchsichtiges Schneegestöber.

Was wir jetzt mit den Wiesen und Weiden thun, auf denen Gras wachsen soll, das ist eine reizende Sache. Sie werden gewaschen, gekämmt, gefüttert und getränkt. Das Füttern geht voran, soweit der Dung reicht, dann streichen wir den Rasen mit dem Rechen ab, krauen alles dürre Zeug und Geschütte weg und machen den Boden glatt vor Steinwerk und Maulwurfshaufen, daß er wie ein gebügeltes Tuch daliegt an der Lehne hin. Nun leiten wir aus der Schlucht Wasser in einer Rinne oben am Raine hin und schlagen von Stelle zu Stelle Schärtlein aus, daß die Wasser tagelang niederrieseln und sich glitzernd ausbreiten über den Wiesenboden. Aber es kommt nicht zu Thale. Der Boden saugt das Nasse gierig ein, die Stoffe lösen sich und zwischen den fahlen Grasresten des Vorjahres sprießen jung und spitz die grünen Gräslein auf. Dieses Berieseln mit dem Wasser ist ein liebliches Spiel und noch immer mehr Bach habe ich mit der Haue aus der Schlucht hervorgeholt, um die durstige Wiese zu begasten. Hat sie genug, dann macht sie ihre Millionen kleinen Mäuler zu, das Wasser rieselt wie ein schimmernder Schleier zu Thale und wir schütten die Rinne zu.

Mein Hausvater ist gestern mitten im Hofe gestanden, hat zu dem Giebel aufgeschaut und den Kopf geschüttelt. Was denn das ist, daß sie heuer noch nicht da sind? Heißt es doch: „Zu Maria Verkündigung kommen die Schwalben wiederum.“ Das ist kein gutes Zeichen, wenn dieser Glücksvogel ausbleibt. Um den Hoisendorfer Kirchturm hat der Adam ihrer schon gesehen tanzen. Und zum Adamshaus wollen sie nicht mehr kommen? Was soll das bedeuten?

„Vater,“ rede ich ihn an, „wenn Ihr nach Schwalben ausseht, so kann ich Euch schon aus dem Traum helfen. Die Schwalben werden immer seltener erscheinen und endlich gar nicht mehr.“

„So wär’ der jüngste Tag nicht weit?“ fragt er.

„Der jüngste Tag wird kaum daran Schuld sein, wenn unsere lieben Zugvögel ausbleiben, wohl aber die Vogelmassenmörder.“ Und habe ihm dann erzählt, wie man in Dalmatien, in Südtirol, in Italien die durchziehenden Vogelscharen fängt und vernichtet.

Ganz sprachlos hat er mir zugehört, die Hände ineinander geschlungen, so stand er da und sagte schließlich: „Immer einmal kommt’s einem wahrhaftig vor, unser Herrgott schläft.“

Wenn er bloß schläft, dann wird er ja wieder aufwachen, dachte ich. — Heute schleichen sie noch auf Socken an der Himmelsthür vorüber und sind froh, wenn er schläft. — Ob der Mensch nicht einmal mit rasender Faust an das Thor pochen wird, um ihn zu wecken?! —

In dieser Woche, wenn wir bei Tisch zusammen saßen oder in der Arbeit nebeneinander zu thun hatten, habe ich manchmal dem Mädel verstohlen an die Augen geguckt. Es sind die sanften großen Kindesaugen wie immer. Ein ganz besonderer feuchter Glanz ist wohl in ihnen. Vielleicht hat der Rocherl das für ein Weinen gehalten. Auch sie schaut manchmal zum Hausgiebel auf. Es sind ja die Meisen, die Finken da. Ist ihr das nicht genug? Ein einsamer Spatz ist auch da. — Manchmal kommt’s mir gottlos an, ich möchte das Mädchen ein wenig beleidigen. Ich möchte sie einmal zornig sehen, und wäre sie’s gleich auf mich. Jemandem so ganz und gar nichts zu bedeuten, das ist auf die Länge schwer zu ertragen.

Am Ostermontag ist der Jäger Konrad in unser Haus gekommen, der auf den Rocherl geschossen hat. Gar höflich trat er ein, ohne Gewehr, ohne Gemsbart oder andere Jägerhoffart; allein die Hausmutter begrüßte ihn mit den Worten, es wäre ihr lieber, wenn sie seiner von hinten ansichtig würde.

Ob der Rocherl daheim wäre, fragte er fast demütig.

„Der Wildschütz?“ darauf die Hausmutter giftig, „der wird wohl mit der Büchsen im Wald sein. Wo denn sonst?“

Alsogleich setzte der Hausvater gemütlicher hinzu: „Von der Kirchen ist er noch nit heim.“

Der Jäger ging hinaus und setzte sich im Hof auf den Kopf des Brunnentroges. Wir beguckten ihn durch das Fenster und ergingen uns in Mutmaßungen, was das zu bedeuten habe. Ob er nicht etwa dem Rocherl noch etwas anthun wolle? Oder ob er am Ende dienstlos geworden wäre? Vielleicht vom Jagdherrn abgesetzt, weil er auf Menschen schießt.

In diesen Gegenden wird am Ostersonntag von jedem Hause aus ein Korb mit Rauchfleisch, hart gekochten Eiern, Weißbrot und geschnittenem Meerrettich in die Kirche getragen, wo solche gute Sachen, wie eine Woche vorher die „Palmen“, die Osterweihe empfangen. Mit diesen geweihten Speisen wird das Ostermahl eröffnet und fremde Besucher, die während der Osterzeit ins Haus kommen, werden mit einem Teller dieses Aufgeschnittenen bewirtet. Nun sagte der Adam zu seinem Weibe: „Mutter, gieb dem Jager ein paar Schnitten Osterfleisch hinaus!“

Für diesen Wunsch hatte sie nichts, als einen Blick der Entrüstung. Den Todfeind ihres Sohnes bewirten? — Dann aber mochte ihr der Gedanke kommen: Über geweihte Sachen soll der Christenmensch seinen Haß nicht spinnen. Sie holte aus dem Kasten den Fleischkorb hervor, sie holte einen blumigen Teller und begann aufzuschneiden. Das war gar nicht karg, die braunen Spalten des Rauchfleisches, die Scheiben der Eier, die gelblichen Brotschnitten, die lockeren Späne des Krenns darüber füllten beinahe den Teller. Sie wollte ihn schon heben und hinaustragen, da zuckte ihr die Hand zurück. — „Nein, so was kann unser Herrgott nit verlangen.“

Sie hat den gefüllten Teller in den Kasten gestellt, den Kasten abgesperrt, den Schlüssel in den Sack gesteckt. — Recht hast, Mutter, mußte ich ihr zudenken, das ist Rückgrat.

Der Jäger saß immer noch draußen und wartete. Einmal stand er auf, hielt seinen Mund vor das Brunnenrohr und trank. Dann setzte er sich wieder hin und wartete. Endlich kam er daher, der Rocherl, in seinem grauen, grünverbrämten Feiertagsgewand. Im grünen Hutbande stak ein Sträußlein frischer Brimmeln, die er im Thale gepflückt haben mochte. Vielleicht auch ließ er sie sich von jemandem schenken. Den rechten Arm trug er in der hellroten Tuchbinde.

Der Jäger ging ihm bis zur Hofplanke entgegen.

„Ich wart’ schon auf dich,“ sagte er.

„So!“ antwortete der Bursche, ohne stehen zu bleiben.

„Wenn du dich ein wenig hersetzen wolltest, Rocherl. Ins Haus mag ich nit hineingehen. Hätt’ halt was zu reden mit dir.“

Der Rocherl setzte sich einigermaßen widerwillig auf den Brunnentrog.

„Schau, Rocherl, ich —“ so begann der Jäger, „ich habe dich fragen wollen. Wie geht’s dir mit der Hand?“

„Das siehst du ja,“ antwortete der Rocherl und schwenkte den Arm in der Binde. „Wie soll’s denn gehen? Ein Loch hat sie halt.“

„Ist die Kugel heraußen?“

„Wahrscheinlich. Weil’s jetzt einmal zuheilen thut.“

„Kannst sie schon brauchen, die Hand?“

„Nit abbiegen laßt sie sich.“

„Thut’s noch weh?“

„Das glaub’ ich. Voraus bei der Nacht.“

„Wenn nur einmal das Blei heraußen ist!“ meinte der Jäger. Dann schwieg er still und schien, wie es mir, dem Lauscher, vorkam, nach passenden Worten zu suchen. Und nach einer Weile: „Es ist wohl saudumm, daß es so hat sein müssen. Ich hab’ am vorigen Samstag für drei Monat meine Löhnung bekommen.“

„Ist eh recht,“ sagte der Rocherl. „Zu den Feiertagen braucht der Mensch immer Geld.“

„Nit deswegen, Rocherl. Weißt — schau — ich hab’ dich um was bitten wollen. Im Wirtshaus — kannst dir denken — g’freut’s mich nimmer. Das Kartenspielen auch nit. Für den Tabak langt’s so noch aus.“

„Hast recht,“ sagte der Rocherl.

„Schau, du solltest deine Hand halt doch von einem ordentlichen Arzt untersuchen lassen. Ob das Ding wohl auch richtig heraußen ist. Daß du kein Krüppel wirst. Denn, wenn’s nit heraußen wär’ —. So hab’ ich mir gedacht, es ist meine Schuldigkeit, daß ich —. Gelt, Rocherl, du bist mir nit bös deswegen.“

Den Ballen seines blauen Sacktuches wickelte er auseinander und da ist ein Geldtäschlein zum Vorschein gekommen.

Der Rocherl stand schnell und zornig auf.

„Mein lieber Konrad! Was ich schon gelitten hab’ um diese Hand, das ist nit zu zahlen. Und was ich noch werd’ leiden müssen! Glaub’s schon, daß es dich jetzt stiert. Daß mein ganzes Leben verspielt ist! — Steck du dein Geld nur wieder ein.“

Er ließ den Jäger sitzen und ging rasch ins Haus.

Jener hat noch eine Weile hergeblickt auf dieses Haus, ist dann durch die Hoflücke hinaus und über die Matte davongegangen.

Also habe ich gesehen, daß unser Rocherl der Sohn seiner Mutter ist. Wenn die Herren vom Walde glauben, hinterher mit Geld alles gut machen zu können — bei den Leuten im Adamshaus kommen sie schlecht damit an. Hier gilt nicht jedes Geld. —

Habe ich dir schon geschrieben, daß statt meines spröden Adams der Kulmbock zum Landboten gewählt worden ist? Seine Antrittsrede beim Kirchenwirt war kurz, aber stark: „Na, die sollen sich g’freuen! Wenn ich einmal anheb’! An mir kommt keiner vorbei! Wenn sie glauben, die Herrschaften, daß sie mich mit dem Viehsalz abfüttern werden! Na, gute Nacht. Mit mir werden sie nit viel zu lachen haben. Die Schlamperei muß ein Ende nehmen. Bei mir, wenn sie verhandeln wollen, kommen sie an den Unrechten. Daß sie’s nur wissen. Schuhnägel friß ich nit!“

Das ist der derbe, klobige Kulmbock. Wir werden uns auf was Großartiges gefaßt zu machen haben bei diesem Abgeordneten. Schuhnägel frißt er nit! Der geht auf keine Kompromisse ein. Ja, Freund, wir schicken einen Wilden. Einen Urkerl aus der Waldbergscholle. —

Muß dir noch mitteilen, daß ich nächstens auf eine Woche delogiert werde. Schlafen muß ich dann in der Heuscheuer, wo es nicht übel ist und keine Stadtdame hat das aromatische Boudoir, wie Hansel der Knecht. In meine Apartements nächst den Ochsen wird der Michelmensch einziehen. Das ist ein doppelter, sagt der Rocherl, besteht aus dem Michel und der Michelin, und zusammen werden sie der Michelmensch geheißen.

Das alles ist so wunderlich und schwer ins „Milieu“ zu bringen. Ich habe einen großen Gedanken. Komm’ im nächsten Sommer in den Almgai. Da ist es frischer und urwüchsiger als in Südtirol, wo dir ja ohnehin die Hitze nicht behagt. Beim Wirt in Hoisendorf fehlt dir nichts und die Ferienfaulenzerei kannst du dir noch damit versüßen, daß du, im Baumschatten hingelagert, dem Adamshauser-Knecht bei seiner Rackerei zuschaust und dabei eine Havanna schmauchest. Mußt ihrer aber selbst mitbringen, denn die hiesige Trafik führt nur — starken Towack.