Die Abelsberger Chronik.

Der Burgermeister von Abelsberg.

Das Jagdrecht ist eine prächtige Sache; aber ich kenne viele Grundbesitzer und Gemeinden, die es nicht ausüben. Es leite die Jagdlustigen von der Berufsarbeit ab — sagen sie — es verführe die Jugend zum Müßiggang, und die kostspielige Passion wäre nicht so bald mehr aus dem Kopf zu bringen; es verlocke zur Uebervortheilung des Nachbars, gar zu Diebstählen, und es koste manchem ungeschickten Schützen seine gesunden Glieder oder die eines Anderen. Und schließlich ginge bei willkürlicher Selbstbenützung der ganze Wildstand zugrunde. Sie verpachten daher das Revier und zahlen mit dem Pachtschilling ihre Steuern.

Die Abelsberger denken nicht so; sie sind viel zu liberal. Die Abelsberger haben in ihren Wäldern gejagt, so lange noch das Pulver nicht hätte knallen sollen; und sie sollten es jetzt unterlassen, da es krachen und ganz ungenirt von allen Wänden wiederhallen darf? Nein. Die Abelsberger üben das Jagdrecht selber aus. Es gibt kein höheres Fest, als wenn sie Jagdtag haben; da setzt’s Hallodria, Räusche, Püffe, Abenteuer, kurz alles Mögliche, nur kein Wildpret. Das Wildpret haben die Wildschützen in Sicherheit gebracht.

Ach, die Wildschützen, die sind eine Landplage für die guten Abelsberger. Der Gemeindevorstand — sie heißen ihn „Burgermeister“ — der Burgermeister also und sein Bursche mögen noch so streng sein — es hilft nichts. Und wollten sie die Wilddiebe alle einsperren, so — — wären in Abelsberg ’leicht die bravsten Leute die längste Zeit auf Viehhandel aus oder auf Kornkauf oder auf Wallfahrten oder auf sonst was; und so — munkelt man — könnte es sich zutragen, daß eines Tages die Kinder keine Schule hätten und daß zum Sonntag der Gottesdienst ausbliebe, weil — der Herr Pfarrer verreist.

’s ist eine böse Sach’, und der Burgermeister, ein Ehrenmann über und über, bricht in ein gräßliches Fluchen aus, wenn eine Gesellschaftsjagd schlecht ausfällt, und der ganze Gemeinderath flucht mit, daß, von den Flüchen mehr erschreckt als von den Schüssen, allenfalls ein allerletztes Häslein noch eilig über die Grenze setzt.

Jagdaufseher war der Gemeindediener, aber der Gemeindediener war nicht mehr sehr gut zu Fuß, denn im rechten Bein hatte er die Gicht, und das linke war ihm vor Jahren in Böhmen abgeschossen worden. — So war’s voreh’; dann ist’s anders geworden.

Es war weise vom Burgermeister, als er eines Tages im Rathe folgendermaßen das Wort ergriff: „Daß ich sag’, nach meinem Versteh’n: Die Jagd, verpachten thun wir’s nit; denn wegen warum? Unsere Buben werden Soldaten, die müssen das Schießen lernen!“ Patriotisch war er immer, der Abelsberger Vorstand; und dann fuhr er fort: „Aber das sag’ ich, nach meinem Versteh’n, einen schärferen Jagdwachter müssen wir haben. Ich rath’, wir lassen einen Militärsmann kommen, einen Ausgedienten; so Einer ist respectabel und kann laufen. Die Gemeindedienerei betreibt er uns auch; so Einer ist pünktlich und kostet nicht viel. Ich sag’, wir machen Ja darüber.“

Sie machten Ja darüber.

Etliche Tage nachher trat der Soldaten-Schorsch das Amt an. Er war ein Veteran, kernfrisch und baumstark und feinschneidig, schleppte einen langen klirrenden Säbel — Gemeindegut — und trug einen wuchtigen Schnurrbart, der keck aufgespitzt war, wenn sich der Mann in guter Laune befand, der aber schauderlich zerzaust sich über die Backen hinaussträubte, wenn der Mann wild war; und wenn er in’s Fluchen gerieth, da standen selbst den Abelsbergern die Haare gegen Himmel. Das war nun der neue Gemeindediener und der „Jagdwachter“.

„Daß Er’s weiß, Schorsch,“ redete ihn der Burgermeister bald nach der Aufnahme an, „wenn Er seine Sach’ in Ordnung hält, so kommen wir gut miteinander ab. Wird sich bei mir nit zu beklagen haben. Einmal hat Er die Kanzlei rein zu halten; unter dem verwichenen Diener ist meine Stube da fortweg ein Schweinstall gewesen. Weiters hat Er die Gemeindeschriften zu vertragen. Um Mitternacht, wenn Sperrstunde ist, muß Er von Wirthshaus zu Wirthshaus gehen. Ist wo ein Raufhandel, so muß Er dabei sein. Die freie Zeit muß Er im Wald umgehen, und das mag Er sich hinter die Ohren schreiben: wenn ein Stück Wildpret fehlt, so wird Er darum hergenommen. Wenn Er einen Wildschützen sieht, einfangen! Und ist’s wer immer, hört Er, Schorsch, ist’s wer immer — einfangen und in den Arrest treiben. Verstanden?“

Der Schorsch legte seine Hand an das Ohr, dann schritt er kerzengerade und mit rasselndem Säbel davon.

Versah sein Amt gut, der neue Gemeindediener. Er reinigte die Kanzlei, daß sie blank wie eine Wachtstube war; er „vertrug“ die Schriften, anfangs freilich einigemale ganz buchstäblich; zur Sperrstunde ging er in die Wirthshäuser, wo ihn sogar mehrmals der Burgermeister einlud, an seinem Tische Platz zu nehmen, und bei jedem „Raufen“ war der Schorsch dabei. Bei solcher Pflichttreue verfehlte der leutselige Vorstand nicht, seinem neuen Diener mitunter einen freien Tag zu gönnen, an welchem sich derselbe nach Wunsch und Wahl gütlich thun konnte.

An einem solchen Tage im Herbste war es auch, daß der Schorsch, nachdem er sich vom Dienste losgemeldet hatte, mit einer gewaltigen Commißpfeife zwischen den Zähnen, gelassen in den Wald hinaus schlenderte. Er ließ sich gehen, und wenn er aus dem großen Tiegel schmauchte, so wichen ihm vor den Häusern auch die Bauern nicht aus. Wenn der Mann sonst aber im Soldatenschritt einher marschirte, die Zähne aufeinanderbiß und mit den finsteren Augen dreinstach, da hatte er gefährliche Steuerbogen in der Tasche.

Heute hatte er den Schnapsplutzer drin, und damit strich er in den schattigen Wald hinaus. — Wenn ich einen Hirsch sehe, dachte er bei sich, so macht mir das Spaß, und sehe ich einen Wilddieb, so bin ich auch heute der Diener meines Herrn.

So stieg er immer weiter durch die Wälder hinan und in die Wildniß hinein. Und als er gegen eine hohe Felswand kam, an welcher wilder Epheu emporrankte, an welcher hoch das knorrige Nest eines Habichts klebte, fand der Schorsch die Wand so romantisch, daß er sich in ihrem Schatten niederließ und seinen Plutzer entkorkte. — Es wäre ein anmuthiges Stündchen geworden, da hörte er plötzlich einen Schuß.

Sofort war der Soldat auf den Beinen. Den Säbel hob er empor, daß er nicht klapperte im Gestein und Gewurzel, und so schlich er der Richtung zu, in welcher der Schuß gefallen war.

Nach einigem Suchen fand er was. Im Waldesdunkel kauerte ein Mann und weidete einen erschossenen Rehbock aus. Und der Mann war der Burgermeister von Abelsberg. — Wie? Ist denn heute Jagdtag? fragte sich der Schorsch. Kreuz-Bomben und Mordsstern, heute ist nicht Jagdtag. Halt, Kerlchen, wir Zwei werden näher bekannt. — Aber es ist ja der Burgermeister! — rief in ihm eine andere Stimme. — Thut nichts, dachte sich der Gemeindediener wieder, wer wildert, ist ein Wilddieb. Was er sonst noch ist, ist mir alleseins. Das Schießen ist jetzt nicht erlaubt; gestern erst hat der Vorstand das neue Verbot ausgeschickt. Und thät er’s redlich, so brauchte er das Gewehr nicht zu zerlegen, das dort stückweis im Busche steckt. Ah, mein Herr, desweg hast Du heute den Wildwächter beurlaubt! Nun, wollen anfangen. — Wenn’s aber der Burgermeister selber ist! warnte noch einmal die andere Stimme. — Halt! flüsterte der Schorsch, und stemmte seinen Zeigefinger mitten auf die Stirne hin. Hat er mir nicht selber eingeschärft, der Ertappte sei wer immer: einfangen! — Des höllischen Satans will ich sein, wenn das nicht eine Falle für mich ist. Er hat mich abgespäht und will versuchen, ob ich ein treuer, unbestechlicher Bursche bin. Nicht aufsitzen, Schorschl! Fein angespielt! Nur nicht aufsitzen!

Etliche Secunden später schlug der Gemeindediener dem eifrig fleischernden Vorsteher keck die flache Hand auf die Achsel: „He da!“

Fast kollerte der Wilderer vor Schreck über und über.

„Aufstehen!“ commandirte der Soldat, „wir gehen mitsammen.“

„Aber, Schorsch, aber Schorschl!“ stotterte der Ertappte, „es ist ja — es war ja —“

„Rehbock über die Achsel! Flink!“ rief der Diener mit schneidiger Stimme.

„Na, so thu’ Er — hi, hi — — thu’ Er doch die Augen auf, Schorschl!“

„Ich mach’ keinen Unterschied.“

„Aber — Er sieht’s ja, hi hi, ein Spaß, ein kleiner Spaß —“

„Im Namen des Gesetzes arretirt!“

„Aber, so mach’ Er keine Dummheiten, Schorsch!“

„Marsch!“

„Hör’ Er! Das verbitte ich mir!“

„Ich brauche Gewalt!“ knirschte der Wildwächter und griff an den Säbel. Aus seinen Augen funkelte der Zorn, unter seinem zerfetzten Schnurrbart wirbelten die haarsträubendsten Flüche hervor.

Im Cabinet, in der Kanzlei ist der Gescheitere Herr; im Walde ist’s der Stärkere. Höhergestellte, einflußreiche Personen lassen sich bisweilen erbitten, aber ein so alter Soldatenkerl ist nicht zu bestechen. Die Feder sträubt sich, es zu schreiben, daß der Herr Burgermeister von Abelsberg als eingefangener Wilddieb mit dem Gemeindediener Schorsch gehen und den Rehbock selbst auf dem Rücken mitschleppen mußte.

Der Vorstand machte mehrmals unterwegs die unglaublichsten Versuche, sich aus dem Arg zu ziehen. Mit dem Ausreißen und Fliehen war’s ein- für allemal nichts, denn der schwere Bock war ihm so fest auf den Buckel geschnallt, daß der solcher Strapazen ungewohnte Mann froh sein mußte, wenn ihn das heillose Thier nicht zu Boden ritt. Mit Drohungen richtete er nichts aus; dabei blieb der Schorsch ganz gleichmüthig; ist’s eine Falle für mich, dachte er, so darf ich nicht eingehen, und ist der Herr Vorstand ein wahrhaftiger Dieb, so muß ich ihn stellen. Da versuchte es der Arretirte mit Versprechungen; hundert Stück feine Cigarren für’s Erste; eine goldene Sackuhr für’s Zweite; und endlich, da sie dem schönen Abelsberg immer näher kamen, seine älteste Tochter für’s Dritte. Die Folge davon war, daß der Soldat in Wuth ausbrach und mit geballter Faust dem Rehbock einen solch’ derben Schlag versetzte, daß der Burgermeister darunter taumelte.

Und als sie endlich zur Linde kamen, wo die ersten Häuser von Abelsberg anheben, blieb der Vorstand stehen, klopfte mit steifem Arm dem Gemeindediener auf die Achsel und lächelte: „Brav, Schorschl! Er hat die Prüfung glänzend bestanden, Er ist ein wackerer Mann; Er ist bei uns sein Lebtag lang versorgt.“

„Wohl,“ schmunzelte der Soldat, „’s hat aber auch Müh’ gekostet, und deswegen möchte ich eine Zeugenschaft haben, daß die Sach’ pflichtgetreu ausgeführt worden ist.“

„Ei, das werde ich Ihm gern bestätigen und die Abelsberger wissen ja vom Jux; aber die Schulkinder dürfen uns so nicht sehen, weiß Er, die Kinder — des Respectes wegen, versteht Er?“

„Mit Verlaub!“ sagte der Schorsch gemessen, „die Schulkinder sollen es wissen, daß in Abelsberg auch der Burgermeister eingesperrt wird, wenn er stiehlt. — Marsch!“

Mitten durch den Marktplatz trieb er den wankenden Vorstand dem Gemeindehause zu. Bald waren sie umrungen von lärmendem, höhnendem Volke. Einige Gemeinderäthe eilten herbei; vor diesen salutirte der Schorsch:

„Vermelde gehorsamst, daß ich hier einen Wilddieb eingebracht habe!“

Bei der Sitzung sahen sich die Väter der Gemeinde mit großen Augen an und murmelten: „So hätt’s uns auch geschehen können. — Der Soldaten-Schorsch ist ein prächtiger Kerl, den müssen wir bei seinem Regiment recommandiren. Abelsberg ist für ihn kein Platz.“

Und am nächsten Tage ist der Rehbock verzehrt worden im Festsaale des Gemeindehauses. Noch lange werden die Abelsberger von ihrem Burgermeister sprechen, „der sich herabgelassen, auf eigene Rechnung und Gefahr die Rechtschaffenheit eines Jagdwachters zu erproben“.

Der Burgermeister ist mit solcher Lösung zufrieden.

Der Brückenwirth zu Abelsberg.

Der Brückenwirth zu Abelsberg war ein etwas heruntergekommener Mann; nicht sowohl weil er früher oben auf der Hirschau das große Bauerngut besessen hatte und jetzt herunten an der Brücke Haus hielt, als vielmehr weil das Hirschengut voll Reichthum gewesen war, während das Brückenwirthshaus halb im Wasser und ganz in Schulden stak.

Das Wasser thut’s freilich nicht, würde Martin Luther gesagt haben. Ich bin nicht so gelehrt, wie der Martin Luther, sage aber kühnlich: Der Wein thut’s auch nicht immer. Der Brückenwirth hatte Wein, ja sogar sehr viel Wein getrunken, aber für ihn lag im Weine nicht die Wahrheit, sondern die Armuth.

Herabgekommen, blutarm, voll von Schulden, Saufaus! das waren so die Bezeichnungen, unter denen der Brückenwirth schmachtete. Ja, schmachtete! Wie konnte er so viele Schulden haben? Seit er den Hirschenhof verkauft und das Wirthshaus gepachtet hatte, wollte ihm kein Mensch was borgen. Ihm fehlte nur Eins, um ein wohlhabender Mann zu sein — der Credit.

Der Kaufmann in Abelsberg hatte kein anderes Capital, als den Credit, aber der betrieb sein großes weitverzweigtes Geschäft, das trug ihm Zinsen und er war ein reicher Mann, eine Stütze der Gemeinde, ein Förderer der Künste, ein Weltmann, der lebte und leben ließ. Der Brückenwirth wußte, daß er um keinen Heller weniger besaß, als der reiche Kaufmann, daß er aber trotzdem ein Bettler war. Solches legte er sich so nahe an’s Herz, daß er vor Schwermuth in eine harte Krankheit verfiel.

Dem Arzte vertraute er’s, daß die Welt doch schön sei, und daß er nichts so ungern thue, als sterben. Der Arzt versetzte, er solle daran nicht denken, er, der Doktor, wolle seine Schuldigkeit schon thun.

Aber der Nachbar war da, der ließ bei dem Kranken anfragen, welche Sorge er — der Brückenwirth — getroffen hätte, daß er — der Nachbar — zu seinem letzt’halbjährigen Pacht käme.

„Ich habe für Alle Sorge getragen,“ sagte der Brückenwirth mit schwacher Stimme, „wenn ich nur nicht Alles, aber gar Alles auf die letzte Stunde verschoben hätt’! — Ist er denn nicht da?“

„Wer?“ fragten ihn die Anwesenden.

„Der Notar. Den Notar will ich da haben. Und daß er Tinte und Feder mitbringt.“

Der letzte Wille also! Der Notar läßt nicht auf sich warten, und Tinte und Feder hat der Mann immer im Sack. Zeugen lassen sich auch finden; ganz Abelsberg wollte dabei sein, um zu hören, was denn der Brückenwirth für eine Hinterlassenschaft haben werde.

„Seine Schulden verschreibt er den Gläubigern,“ hieß es.

„Nur seine Gurgel möchte ich haben, die ist an ihm das Beste,“ rief ein Spaßvogel. Dieweilen machte drinnen in der Krankenstube der Brückenwirth sein Testament.

„Hätt’s lieber auch verkaufen sollen, die Liegenschaften von meinem seligen Weib,“ sagte er, „die Wirthschaft ist unter fremden Händen nicht besser geworden; alle Jahr’ einmal hinreisen, das ist zu wenig gewesen. — Nu, in Gott’snam’. Was da ist, das will ich redlich verwenden. Kinder sind keine. Sind um und um keine da. So, jetzt thu’s der Herr aufschreiben.“

Die Feder war schon lange naß gewesen.

„Die Neudorfer,“ hub der Kranke an, „die haben jetzt drei Kirchenglocken; so wollen die Abelsberger viere haben. Die vierte soll angeschafft werden. Nachher — das auch aufschreiben: Beim hintern Altar — der heiligen Magdalena thut ein frischer Anstrich noth, hat schon so viel abgefärbt, letzt’ Zeit her. — Das Schulhaus braucht ein neues Dach. Für’s Armeleuthaus will ich — daß tausend Gulden kommen sollen. Und extra eine Stiftung von wieder tausend Gulden für arme Waisenkinder aufschreiben. — Nix danken, Leut’, nix danken. Wer’s hat, der kann’s ja wohl geben, und um so lieber, wenn er fort muß von dieser Welt, und er sich den Himmel kann kaufen. — Aufgeschrieben ist’s? Nachher wär’s so weit richtig. Und — wenn sie mich auf die Bank legen, so thut’s suchen im Bettstroh....“

Er war erschöpft und schwieg. Sofort verbreitete es sich in Abelsberg und der Ortsschneider rannte von Haus zu Haus und verkündete es frohlockend: „Der Bruckenwirth — wer hätt’ sich das vorgestellt! Viertausend Gulden im Sommer (er wollte wegen Neigung zum reinen Hochdeutschen nicht sagen: in Summa) hat er zu wohlthätigen Zwecken vermacht! Ja Leut’, bei Dem seiner Leich’ müssen die Abelsberger was thun. Der große Conduct mit Musik! Nur jammerschad’, daß wir die vierte Glocke nit schon haben; aber wollen ja nichts auslassen, so geizige Leut’, ehvor sie hin sind.“ Er hielt inne, war selbst erschrocken über die Wendung seines Gedankenganges. Und die Abelsberger trafen vielseitige Vorbereitungen zu einem prachtvollen Begräbniß. Windlichter! Flor! Die Weiber flochten an Kränzen; der Schulmeister zeichnete ein Grabmal mit der Aufschrift:

„Dem großen Wohlthäter der Gemein’

Herrn Hans Michel Scherger

Widmen diesen Stein

Die dankbaren Abelsberger.“

„Wenn er nur stirbt!“ bemerkte der Schuster Ferdl bedenklich.

In demselben Augenblicke klang die Glocke auf dem Thurme.

„Verschieden!“ murmelte der Schneider und zog wehmuthsvoll seine Haube vom Kopfe.

Es war aber nur die Eilfglocke, welche die Abelsberger alltäglich um die Mittagszeit zum Essen rief.

Der Brückenwirth lebte noch; lebte sogar am Abende noch. In derselben Nacht ließ die Schusterin ihre Hausthür offen; sie war die „Leichanlegerin“ von Abelsberg. Aber sie wurde nicht geholt. Der Doctor war die ganze Nacht bei dem Kranken geblieben; trotzdem fühlte sich der Brückenwirth am nächsten Morgen besser.

Und nach vierzehn Tagen war er gesund.

Jetzt gaben sich die Leute die Thür in die Hand, um den Genesenen zu beglückwünschen; und Jeder versicherte, es wäre ihm so viel unendlich hart gewesen, dieweilen der Herr Scherger auf dem Krankenbett gelegen, und Mancher gestand, er hätte gar heimlich eine heilige Mess’ gezahlt auf die gute Meinung, daß halt die Krankheit nicht übel ausgehen sollt’, na, und weil Ein’s das nicht mitansehen kunnt, wenn der best’ Mensch von der ganzen Gemein’ hinaus auf den Friedhof getragen werden thät.

„Das habe ich gar nicht gewußt, daß mich die Abelsberger gleichwohl so viel gern haben,“ sagte der Brückenwirth. Aber jetzt erfuhr er’s mit tausend Freuden, wie gut es ihm die Leute meinten, wie sie ihm beisprangen in Allem mit Rath und That. Das Brückenwirthshaus war nun stets besucht, der Wirth geehrt. Bei der nächsten Wahl wurde er Gemeinderath. Da das Geschäft besser ging, so zahlte er allmählich seine Schulden. Die Gläubiger wollten das Geld kaum nehmen: sie wüßten es nirgends so gut aufgehoben als beim Brückenwirth.

Oft bei verschlossenen Thüren las der Wirth sein Testament. — Na, es war ja recht: wenn die Abelsberger eine vierte Kirchenglocke haben wollen, so soll eine angeschafft werden; der Magdalena thut ein Anstrich noth; es schaut schon gar überall das Holz aus ihr hervor. Das Schulhaus braucht ein neues Dach — es ist ja wahr! und wer wollte nicht, daß das Armenhaus tausend Gulden bekäme und so auch die armen Waisenkinder? Wer’s hat, der kann’s geben. Suchen mögen sie, wenn er auf der Bank liegt, suchen im Bettstroh....

Gefunden hätten sie freilich nichts.

Aber jetzt, wenn er stirbt, werden sie auch was finden. Der Credit war durch das Testament hergestellt und dasselbe Testament hat heute, wenn der Herr Hans Michel Scherger mit Tod abgeht, volle Inhaltlichkeit und Rechtskraft. Die vierte Glocke hängt schon heute auf dem Thurm; sie läutet Manchem zum Verscheiden, aber der Brückenwirth lebt und ihr Klang verkündet immer wieder neu seinen Credit.

Der Schulmeister von Abelsberg.

War ein revolutionärer Geist, der alte Schulmeister von Abelsberg. Wie die Welt war, so gefiel sie ihm nicht, und wie sie ihm gefallen mochte, so war sie nicht. Und das that in seinem Herzen bitterlich graben. Gegen die Schulkinder hatte er nichts, die waren ihm nur der etwas unfruchtbare Acker, aus dem sein saures Brot erwuchs. Im Schweiße seines Angesichtes bearbeitete er die spröden Furchen der Schulbankreihen mit dem Spaten seines Linealscheites, und jätete Unkraut und säete Weizen — zumeist taube Körner, die keine Keimkraft hatten. In Gottes Namen!

Aber die Eltern von den Kindern. Da stak’s! Schickten sie dem Schulmeister Brot, so wollte er Würste, und gaben sie Würste, so verlangte er Schinken. Und bekam er Schinken, so sagte er, es wäre eine Schande, daß man ihm nicht auch den Krenn dazu reichte. Oftmals kriegte er aber gerade den Krenn allein, wenn ihm Einer oder der Andere derb die Meinung sagte.

Der Herr Pfarrer war ihm auch nicht recht. Beim Altar war er ihm zu still, da konnte der Schulmeister nicht respondiren. Bei der Predigt war er ihm zu laut, denn der alte Herr predigte häufig von den Tugenden der Sanftmuth und Genügsamkeit, und wenn er Beispiele dieser Tugenden anführte, so deutete er nie gegen das Chor, wo der Schulmeister stand. Auf den Amtmann hatte er eine besondere Galle. Der gewann beim Kartenspielen dem Schulmeister das Geld ab und hielt sich für seine Kinder einen Hauslehrer. Wer wird den Hauslehrer nur zahlen? Der Amtmann nicht, die Gemeinde wird ihn zahlen. Das ist eine Schmarotzerei, so ein Amtmann muß fallen. Freilich paßt Keiner besser für das Abelsberg-Schildburg, als dieser Herr, dem wider Willen schon allerlei Abelsberger Stückeln gelungen waren. Gescheite Amtmänner giebt’s anderwärtig; der hiesige ist ein abgedankter Feldwebel. Schon gut.

Den finstersten Ingrimm aber hegte der Schulmeister gegen den Gutsherrn, der im Winter zwar in der Residenz lebte, im Sommer aber auf Hoch-Abelsberg wohnte und sich zu allerlei Gelegenheiten mit Volksaufzug und Blumensträußen und Kranzmädchen feiern ließ, als wie ein Herrgott. Was hat der hohe Herr im alten Schloß den Pfarrer und den Amtmann zu Tische zu laden, zu seinen Jagden, Scheibenschießen und anderen Festlichkeiten zu ziehen, wenn der Schulmeister daheim bleiben muß! Soll der Lehrer des Volkes denn ewig am Hungertuche nagen? Will man den Unterricht unterdrücken, damit sich die Dummheit und die Gewalt um so breiter machen kann? Wohlan! Es kommt eine andere Zeit! Die Großen wird man von ihrer Höhe stürzen...! — Darum sagte ich: ein revolutionärer Geist. Und so kam es, daß der Schulmeister etwas mißliebig war bei den Leuten.

Und eines Tages im Winterfasching, als der Schulmeister eben die Geige von der Wand nahm, um damit im Wirthshause bei einer Freimusik aufzuspielen und sich so ein paar Groschen für die Fastnacht zusammenzufiedeln — ging die Thüre auf. Der besäbelte Gemeindediener und der befrackte Amtmann traten herein, und Letzterer bedeutete dem Schulmeister, daß heute das Geburtsfest des hochgebornen, wohledlen und gestrengen Gutsherrn wäre.

„Ist vielleicht gar das Musiciren verpönt?“ fragte der Schulmeister bissig.

„Keineswegs,“ antwortete der Amtmann, „doch zeigen wir Euch an, daß Ihr laut hohen Auftrags hiermit verhaftet seid!“

„Wer? Ich? Ich, der Schullehrer, verhaftet?! Mein Herr!“

Es gab eine Scene. Während sich im Städtchen Alles auf das Fest rüstete, wurde der Schulmeister in den Gemeinde-Arrest von Abelsberg gethan. Dort saß er eine Woche lang, saß in der Fastnacht, saß am Aschermittwoch.

Und als die Schule wieder beginnen sollte, wußte sich der Amtmann nicht zu helfen; er schrieb an den Gutsherrn in die Residenz:

„Wohledler, gestrenger und gnädigster Herr! Unterzeichnete Behörde untersteht sich unterthänigst anzufragen, was mit dem Schulmeister, an welchem der gnädigste Befehl vollzogen worden, weiters zu geschehen habe. In devotester Ehrerbietung das Amt Abelsberg.“

Der Gutsherr schrieb nach einiger Zeit zurück: „Was für ein Schulmeister und was für ein Befehl? Ich weiß nichts. Unterzeichnet

L. L. von S.“

Darauf schrieb das Amt in Abelsberg: „Hochgeborner, gnädigster Herr! In Anbetracht des Auftrages, welchen Hochdieselben zu dero feierlichem Geburtsfeste zu geben geruhten und welcher dahin lautete, den Schulmeister einzuschließen, rapportirt ein Gefertigtes dienstschuldigst, daß besagter Auftrag respectirt und ausgeführt worden ist und Delinquent sich bis dato in Gewahrsam befindet. In ehrfurchtsvollster Erniedrigung

Amt Abelsberg.“

Hierauf ein umgehendes Schreiben vom Gutsherrn:

„Amtmann, Ihr seid ein Esel. Laßt Euch Schreiben Nr. I erklären.

L. L. von S.“

Deß war der Herr Amtmann etwas indignirt. Er besprach sich mit seinem Schreiber und Beide kamen endlich darin überein, daß das Geschätzte Nr. I vom gestrengen Herrn in Sachen des Geburtsfestes mißverstanden worden sei. Dasselbe lautete wörtlich:

„Komm diesmal nicht nach Abelsberg, wünsche aber, daß das Fest wie gewöhnlich und mit Einschluß des Schulmeisters gefeiert werde.

L. L. von S.“

Der Schreiber vermuthete, daß der gnädige Herr etwa könne gemeint haben, mit in’s Fest und zum Festessen solle man den Schulmeister, der ja sonst seiner Widerhaarigkeit wegen oftmals umgangen wurde, einschließen, und nicht in den Gemeindekotter.

„Ja!“ machte der Amtmann die Achsel zuckend, „mit mir muß man ohne Umschweife reden, ich kenne keine Zweideutigkeit.“

Noch an demselben Tage wurde der Schulmeister auf freien Fuß gesetzt, jedoch mit dem strengen Bedeuten, in Zukunft sich besser zu hüten!

Der Schulmeister war überzeugt, daß ihn seine aufrührerische Gesinnung in das Gefängniß gebracht habe und befliß sich, fürder sanftmüthiger zu sein.

Der Thurmbau zu Abelsberg.

Die Neudorfer hatten an ihrer Pfarrkirche zwei Thürme, so wollten die Abelsberger an der ihren auch zwei Thürme haben.

Der eine, der schon stand, war recht sauber und schlank und hatte oben ein Kröpflein, an welchem die Schwalben allerlei Narretheien und Liebschaften trieben, und hatte ein paar Glocken, die täglich dreimal zum Essen läuteten, und hatte eine Uhr, die den Schlaraffen von Abelsberg zu Lieb’ kurzen Tag und lange Nacht machte. Die Nacht aber ist den Abelsbergern der eigentliche Tag, da sind sie munter, da sind sie beim Zeug. Ihr „Zeug“, das ist der Schoppen und das Kartenspiel und wieder der Schoppen, und um sechs Uhr Abends ist zu solchem Tagwerk der Morgen, und um neun Uhr ist Mittag, und um zwölf Uhr ist Abend, und Jeder geht gleich am Abend nicht gern heim, Mancher bleibt noch gern ein wenig „in die Nacht hinein“.

So schöne Zeitrechnung macht der Thurm mit seinen Glocken und mit seiner Uhr. Darum giebt es Leute zu Abelsberg, die sagen: „Wenn’s bei Einem Thurme schon so schön ist, wie müßt’s erst sein, wenn wir zwei Thürme hätten!“

Andere freilich meinen, das wäre dummes Geschwätz, ein zweiter Thurm wäre schon recht, aber nur zur Ehre Gottes.

Im Rathe aber saß ein Lästerer, der sagte: „Ich stimme nicht für zwei Thürme, jeder Ochs hat zwei Hörner.“

Der mußte auf der Stelle abdanken.

Alle Anderen wollten einen zweiten Thurm; so stand Einer auf und sprach das Wort: „Geld zusammenschießen!“

Der Mann mußte abdanken.

Endlich hielt ein Dritter eine Rede und sprach: „Wenn, meine Herren, jeder Ochse zwei Hörner hat, so wird mein erster Herr Vorredner auch zwei Hörner haben —“

Der Mann wurde mit einem „nichtendenwollenden“ Applaus unterbrochen; nach einer längeren Weile erst konnte er fortfahren: „Und wenn, meine Herren, der Thurm zur Ehre Gottes erbaut werden soll, so kann und darf das doch wohl nicht durch profane Mittel geschehen. Meine Herren! Jeder von uns kann auf die Brust schlagen und sagen: Mein Geld ist sündig! (Bravo!) Ich bediene mich nicht des schärfsten Ausdrucks, wenn ich sage, es wäre Gotteslästerung, aus solchem Stoffe dem Herrn einen Thurm zu bauen. (Sehr gut!) Mein Vorschlag ist daher folgender: Die Mittel zum Thurmbaue mögen nur durch schlichte, ungebuchte Beiträge frommer Seelen, durch Almosen beschafft werden. Ich stelle den Antrag, daß in der Kirche an jener Seite, wo der zweite Thurm sich erheben soll, ein Opferstock aufgestellt werde, in welchen der wohlhabende Mann frommen Sinnes seine Silberlinge, sowie die arme Witwe ihren Pfennig legen mag. Die Verwaltung der Opfercasse darf unbedenklich unserem ehrenwerthen Küster Thomas Reckenschlauch übertragen werden.“

Ueber solche Rede hätten sie den Antragsteller am liebsten allsogleich zum Burgermeister gemacht. Leider war das dritte Jahr des alten noch nicht um.

Der Opferstock für Spenden zum Bau des zweiten Thurmes wurde in der Kirche aufgerichtet; der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch wurde zum Cassenwart gemacht — und so war der Same gelegt zum Thurme, der sich dereinst neben dem alten erheben sollte, oben mit einem Köpfchen, an welchem die Schwalben allerlei Narretheien und Liebschaften treiben, mit ein paar Glocken, die täglich dreimal zum Essen läuten, mit einer Uhr, die kurzen Tag und lange Nacht macht.

Das Ding keimte. Die arme Witwe kam mit ihrem Pfennig und der reiche Mann kam — auch mit seinem Pfennig. Silberlinge sind zu profan für einen Thurm Gottes.

Der Küster waltete treu seines Amtes und war — nebstbei gesagt — nicht der Mann, der den Abelsberger in sich verleugnete. Die Kirche hielt er die längste Zeit des kurzen Tages sorgsam geschlossen — stand ja doch der „goldene Hirsch“ offen zu jeglicher Stunde. Jener goldene Hirsch, den der wackere Küster einmal in einer sinnigen Rede verherrlicht hatte: „Der Hirsch gemahnt an uns selbst, die wir uns sehnen nach dem Kruge, wie der Hirsch nach der Quelle. Das Goldene an dem Hirschen versinnlicht uns, daß der Wirth zum „goldenen Hirschen“ eitel Gold begehrt von seinen Hirschen, denen, während sie im Hirschen sitzen, daheim von den Weibern bisweilen die Geweihe aufgesetzt werden. Darum lebe der Hirsch! Er lebe hoch!“

Der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch trug an seinen Geweihen eben nicht schwer — ihm war das Trinken schon lieber, als das Küssen — so trank er und trank wie ein Abelsberger.

Da geschah es eines Abends, oder vielmehr eines Morgens, als es — wie er so schön sagte — „vom Zechen zum Blechen kam,“ daß er sein Geldbeutelchen vermißte. Gottswahrhaftig, das lag daheim bei seinem Weibe. Bevor er aber noch den „goldenen Hirschen“ um einen Credit angehen will bis auf morgen — eigentlich nur bis auf heute — bis er nach Hause geht, sich ausschläft und wiederum kommt — entdeckt er in seiner Hosentasche das Opfergeld für den Thurmbau, das er Tags zuvor erst aus dem Opferstock genommen hatte, wie er es allwöchentlich zu thun pflegt. Das reicht für die Zeche — es bleibt sogar noch etwas übrig.

Was? Uebrig bleiben? Nein, das läßt sich ein Abelsberger nicht nachsagen. Was nützt die Thurmspitze, wenn der Thurm versoffen ist! „He, Wirthshaus! Frisch eingeschenkt, wir bleiben sitzen.“

Und als es morgen ward und der letzte Knopf vertrunken war — der letzte Knopf vom Thurmgeld — da stand der Küster Thomas Reckenschlauch auf. That aber nicht gut daran, denn auf der Stelle wollte er wieder umfallen. Indeß, es ging und der Weg schräg über den Kirchplatz hin war nicht zu verfehlen. Anfangs allerdings hielt sich der Küster etwas zu sehr rechts, um später ein bißchen zu viel nach links abzuschwenken. Als er mitten auf den Platz kam, blieb er stehen, so gut es ging und starrte auf den Kirchthurm hin und begann zu kichern. — „’s ist richtig“, stammelte er, „das Thurmgeld — er steht schon — der zweite. Ach — der Tausend, was das schön ist! Ganz wie in Neudorf! Hi, hi! Zwei Thürme auf der Abelsberger Kirchen!“

Und taumelte entzückt nach Hause.

Eine angenehmere und billigere Bauart giebt’s nicht. Und nachdem nun der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch die Entdeckung gemacht hat, wie man in Abelsberg Thürme baut, so soll es nicht allzuselten geschehen, daß er sein Geldbeutelchen beim Weibe daheim läßt und zufällig immer nur die Wochenausbeute vom Opferstock im Sack hat — und daß er dann beim Nachhausegehen regelmäßig auf der Kirche den zweiten Thurm neben dem ersten stehen sieht.

Und der Küster räth es Jedem, der in Abelsberg zwei Thürme haben will: „Geh’ hin und thu’ desgleichen!“

Zu Abelsberg beim Spielchen.

Sollte es zwar nicht erzählen, denn ich hab’s nicht gesehen. Sie schlossen sich dabei ein — der Herr Pfarrer von Abelsberg und sein Bruder, der Hochbergreichhofer. In der Oberstube saßen sie und ließen sich’s gut geschehen und spielten Karten. Aber nicht etwa ein verbotenes Spiel! — i bewahre — beim Pfarrer! „Brandeln“, „Zwicken“, ein wenig „Mauscheln“ mitunter, das war der Zeitvertreib.

„Na, ich dank’ schön für einen solchen Zeitvertreib!“ sagt zwar der Hochbergreichhofer, kommt aber nichtsdestoweniger jeden Sonntag von seinem Berg herab, läßt sich zur Jause laden, versitzt den ganzen Nachmittag bei seinem Herrn Bruder und verspielt jedesmal sein ganzes Geld.

Hingegen muß er stets auf dem Ehrenplatz sitzen, an der Wand auf weicher Lederbank, während der Pfarrer ihm gegenüber mit dem Holzstuhl fürlieb nimmt. Und hernachen — wie schon angedeutet worden — ganz abgeschlossen waren sie doch nicht von der Welt. Die Köchin durfte in die Oberstube — und das lohnt sich im Pfarrhof immer, denn mit leeren Händen erscheint so ein Frauchen selten. Sie ist ja Herrin der Küche und von Allem was dazu gehört, und an ihrem Schürzenband hängen die Kellerschlüssel. Was also den alten Wein anbelangt — er war ein Jahrgänger mit dem Hochbergreichhofer, der in dem gesegneten Vierunddreißiger-Jahr zu dieser Welt gekommen war — und was die gut geräucherten Schinken betrifft und den Gugelhupf und den Kaffee, und dann den wohlgetrockneten Knaster, den sie aus langen Pfeifen rauchten, so konnte der brave Hochbergreichhofer das Sonntagsspielchen bei seinem Herrn Bruder nimmer missen. Mit Speis’ und Trank suchte er sich, so gut es ging, zu entschädigen für die Zwanziger, die aus seinem weltlichen, hundsledernen Geldbeutel allzu frommen Sinnes dem geistlichen Herrn zusprangen. Der Hochbergreichhofer hatte doch das Kartenspielen von Jugend auf getrieben und war nicht arg dabei zu Schaden gekommen. Aber im Pfarrhofe versagte ihm das Glück.

Trotzdem ging er jeden Sonn- und Feiertag zum Nachmittagssegen und machte nach demselben den kleinen Besuch beim Herrn Bruder, den er erst spät Abends häufig mit etwas verrücktem Schwerpunkte verließ.

„Grüß’ Dich, grüß’ Dich, Bruder!“ empfing ihn der Pfarrer, „setz’ Dich doch auf Deinen Platz.“

„Aber immer auf dem Polstersitz, nein, Bruder, das geht doch nicht; der geistlichen Weih’ gehört die Ehr’ zu!“

„Bitte, Du bist der Gast! Nur keine solchen Umstände!“

So oftmals der edle Wettstreit, bis endlich Jeder stets wieder auf dem alten Fleck saß bei der Gottesgab und beim Gebetbuch des Teufels, wie der Herr Pfarrer die Spielkartenblätter nannte. Und wenn dann das gut gebratene Schweinerne kam, so schob der Pfarrer Messer und Gabel hin und rief: „Bruder, stich die Sau!“ Das that der Hochbergreichhofer wohl hier in Natur, aber in den Karten vermochte er’s selten. Oft genug kam ihm ein guter Trumpf in die Hand, aber der geistliche Herr spielte mit so schlauer Berechnung, daß der Bauer einmal rief: „Du, Herr Bruder, geistlich Weih’ ausgenommen, Du hast falsche Karten!“

„Lapp!“ lachte der Pfarrer, „das kannst ja anders machen. Nimm für’s nächstemal Deine Karten mit.“

„Das ist eine Red’.“

„Aber, was ich Dir sagen wollt’, Bruder. Am nächsten Sonntag geh’ nicht in die Predigt, ich rath’ Dir’s.“

„Ja, hörst, wesweg soll ich denn nicht in die Predigt gehen?“

„Weißt Bruder, nächsten Sonntag ist das Evangeli von dem ungerechten Haushälter und da muß ich einmal gegen das Kartenspielen predigen. Die Leut’ wissen Deine Passion, kunnt Dir unangenehm sein in der Kirch’.“

Ging der Hochbergreichhofer also nicht in die Predigt; die Leute aber sagten nach derselben: „Scharf ist’s niedergangen heut’, höllisch scharf, und seinen Bruder hat er gemeint. Ist er nicht in der Kirch’ gewesen, der Hochbergreichhofer?“

Der aber ging wie gewöhnlich zum Nachmittagssegen und hatte richtig sein eigenes Spielkartenbüschel bei sich. Er traute dem Herrn Bruder nicht mehr recht; der hatte beim Spiel auch immer einen so schiefen Blick, sah ihn an und sah doch wieder an ihm vorbei — ein rechter Judasblick, die geistlich’ Weih’ in Ehr’!

Und als er in die Stube trat, rief der Pfarrer: „Na, grüß’ Dich, Bruder, setz’ Dich wieder auf Dein Platzl. Hast Karten bei Dir?“

Sie spielten mit den Karten des Hochbergreichhofers; der Pfarrer hatte wieder den schielenden Blick, der dem Partner wohl über die Achsel, aber nie in’s Auge sehen konnte, und der Bauer verlor, wie immer.

Da kam diesem plötzlich der Zorn: „Was schaust mir denn nicht in’s Gesicht, Pfarrer? Hast ein schlechtes Gewissen?“

Zum Glück kam in diesem Augenblick die Köchin mit dem gebratenen Huhn. Sie war noch ein recht reputirliches Frauenzimmer und allerweil woltern nett angezogen. Heute hatte sie gar eine Pfingstrose im Haar, that einen Blick über den Hochbergreichhofer hin an die Wand und ordnete die Rose.

Was denn da ist, an der Wand? dachte der Bauer, wendete sich und sah — den Spiegel.

Die Faust mit dem Kartenfächer fest auf den Tisch gepreßt erhob er sich langsam — starrte in den Spiegel, in welchem sein ganzes Kartenspiel offen lag — starrte dem Pfarrer in’s Angesicht und murmelte: „Jetzt, Herr Bruder, jetzt bin ich gescheit. Ja, hörst, wenn Du einen Kameraden hast, der mir in die Karten schaut, nachher — nachher glaub’ ich’s gern!“

Der geistliche Herr that einen schreckhaft lauten Lacher. „Endlich!“ rief er, „endlich einmal! Na, Zeit ist es, daß Du gescheit worden bist. Hättest mir aber noch eine Weil’ stillgehalten unter dem Spiegel, wär’ mir nicht unlieb gewesen, hätten von Deinem Gelde noch lange gut gegessen und getrunken.“

„Und wär’ Dein Spitzbubenstückel gar nicht aufgekommen, so wär’s Dir noch lieber gewesen!“ sagte der Hochbergreichhofer.

„Geh’, gift’ Dich nicht!“ rief der Pfarrer und lachte noch immer, „laß’ uns jetzt essen und trinken, heut’ wird es das letztemal sein, daß Du die Jause zahlst.“

Ein Abelsberger Kalbskopf.

Der Tabak-Simerl lehnte an seinem Tabakskasten und hatte — gestehen wir’s offen, denn es läßt sich nicht leugnen — einen Rausch. Auf dem Kasten stand eine Flasche, die sich in dem Verhältnisse, als sie geleert worden war, verdoppelt hatte, so daß sie jetzt dastand — zwei in eins und eins in zwei — wie die siamesischen Brüder.

Es war zwölf Uhr Mittags. Da schellte es an der Thür. Der Postbote trat ein und überreichte dem Tabak-Simerl ein Briefchen. Der Simerl that’s mit umständlicher Mühe auseinander und las nicht ohne Umstände:

„Lieber Freund und Simerl!

Bei uns ist gemetzgert worden. Erweis’ mir die Ehr’ und komm’ heute Mittags 11 Uhr zu mir zum Kalbskopf.

Mit Grüßen

Jacob K.
Bäckermeister.“

„Das ist schön von ihm,“ dachte oder sagte der Simerl zu sich, „daß er mich zu seinem Kalbskopf einladet. Aber um eilf Uhr, und jetzt ist’s schon zwölf! Du verfluchte Post! Ob er mir’s nicht zu Fleiß thut, dieser sikraments Postschreiber, dieser neue, der mir jetzt auch schon den Tabak wegnehmen will, und gar anhebt die Leut’ zu rasiren, mir zu Trutz ihnen das letzte Haar auskratzt mit Putz und Stingel, daß gar kein’s mehr wachst, und ich verdursten kann, wie ein Schwamm auf dem Ofen; zu Fleiß, daß er mir meine Briefe alle verspätet zuschickt. Keinen rostigen Pfennig verwett’ ich, er unterschlagt mir auch noch welche. Dem thu’ ich noch was an! Vor der Hand soll er’s jetzt erfahren, wie’s taugt, wenn man gefoppt wird. Einen Narren muß er mir machen, und giften muß er sich heut’, und ausgelacht muß er werden vom ganzen Dorf. Ich thu’ ihm’s an, oh, ich bin nicht so dumm!“

D’rauf setzte er sich hin und schrieb an den Postbeamten folgende Zeilen:

„Lieber Postschreiber!

Bei uns ist gemetzgert worden. Erweisen mir die Ehr’ und kommen heut’ Mittags um 1 Uhr zu mir zum Kalbskopf.

Mit Grüßen

Jakob K.
Bäckermeister.“

Vor dem Fenster ging gerade ein Söhnlein des Bäckermeisters vorüber, das rief er an: „Du Bübel! Du gehst ja an der Post vorbei. Gelt, Du bist so gut und giebst mir den Brief geschwind dem Postschreiber hinein. Da hast einen Kreuzer, der gehört Dein.“

Das Knäblein lief mit dem Briefchen zum Postbeamten. Der Tabak-Simerl lachte sich in die Faust.

Und als es Eins geschlagen hatte, ging er hin und schlich um das Haus des Bäckers Jacob und lugte durch das Fenster, wie dumm der Postschreiber dastehen werde, wenn er zum Kalbskopf erscheine und hören müsse, der Kalbskopf sei schon vor zwei Stunden verspeist worden, auch wäre der Postschreiber gar nicht dazu geladen gewesen.

Aber als der Simerl durch’s Fenster guckte, da sah er, wie der Bäcker Jacob und der Postbeamte in heiterster Laune beim Kalbskopf und beim Weine saßen.

„’s ist einmal gedeckt für einen Zweiten,“ lachte der Bäckermeister, „und ist’s der Eine nicht, so ist’s der Andere. Und will ich’s aufrichtig sagen: Sie, Herr Postmeister, sind mir lieber als wie der alte besoffene Griesgram. Aber, wissen Sie was, machen wir Bruderschaft: Sollst leben!“

Lustig stießen sie an und der Simerl zog mit langer Nase ab. Er konnte sich das Ding gar nicht zurechtlegen. Noch einmal las er seine Einladung zum Kalbskopf, und nun klärte sich’s auf. Da stand’s ja schwarz auf weiß, genau, wie er’s selbst dem Postschreiber geschrieben hatte: „Erweis’ mir die Ehr’ und komm’ heute Mittags um 1 Uhr —“

Wie der Irrthum möglich war? Der Tabak-Simerl hatte in seinem Dusel den Einser doppelt gelesen.

Diesen Kalbskopf vergißt er nimmer, man könnte sagen: er liegt ihm im Magen, trotzdem, oder eben, weil ihn ein Anderer speiste; aber nein, der Simerl hat eher das Gefühl, als wie wenn ihm das Ding auf den Schultern säße. — In solch’ ungewissen Stunden schleicht er hinab zu seinem Kellerfäßchen und entschädigt sich mit

„Trinken, trinken,

Bis die Aeuglein sinken.“

Die Abelsberger der Majestät.

„Geschehen muß was!“ sprach der Vorstand im hohen Rathe zu Abelsberg, „denn warum muß was geschehen? Weil uns oberen Orts ist kundgemacht worden, daß sie in drei Tagen durchfährt. Sie hat’s gern, wenn was ist, und von den Abelsbergern wird was erwartet.“

„Aber was! Ich hab’ noch keinen blassen Nebel davon,“ rief der Hirschenwirth, „ist Dir was eingefallen, Vorstand?“

„Bei einem Haar wär’ mir was eingefallen,“ berichtete dieser, „just ein klein bissel ist mir die Nacht zu kurz worden. Die ganz’ Nacht hab’ ich mich zerstudirt, daß mein Weib schon toll ist worden, und g’rad wie mir was will in den Kopf kommen, geht der Morgenstern auf, und aus ist’s, gar ist’s mit dem Simuliren.“

„Darf ich reden?“ fragte der Färbermeister.

„So viel Du willst,“ sagte der Vorstand, „ich weiß eh nichts mehr.“

So sagte der Färber: „Was werden wir denn machen? Ich denk’, so ein Volksfest richten wir her; die Oberziller Musikbande, den Zitternschlager-Maxl, einen Triumphbogen da oben bei der Mauth, ein Paar Baumkraxler, ein paar rinnende Weinbrunnen und wenn sie kommen, daß ein feister Ochs niedergeschlagen wird auf dem Platz!“

Die Idee war groß, er blickte in die Runde des hohen Rathes. Aber der Rath Hufschmied stand auf und sagte: „Das ist nichts, das hat sie hundertmal schon gesehen und besser, als wir’s zuweg bringen. Das Triumphbogenbauen ist keine Kunst, wo so viel G’reisig zu Handen ist, als wie bei uns, und das Ochsenniederschlagen auch nicht. Wir müssen in die Zeitung hineinkommen! Wir müssen was machen, was die Majestät noch nicht gesehen hat, was Kopf und Fuß hat und was den Abelsbergern Ehr’ macht. — Na ja, versteht sich, daß ich was weiß. Unser Volk im Feiertag, in seinen Lustbarkeiten vorstellen, auf das halt’ ich nichts; die Herrschaften, wenn sie nie was Anderes sehen, thäten ’leicht glauben, hierzuland hätten wir alleweil Sonntag. Bei ihrer Arbeit muß man den Leuten zuschauen; das wird die hohen Herrschaften unterhalten und sie lernen was dabei. Desweg sag’ ich, daß wir da ober Abelsberg an beiden Seiten der Landstraße in Gruppen die Arbeiter, als den Landmann, den Handwerker, den Jäger, den Halter, den Holzhauer und wie sie halt alle sind, mit ihren Verrichtungen aufstellen — und wenn die Wägen kommen, sollen die Leut’ flink arbeiten. Das ist mein Rath.“

Der Mann, der die Schrift führte, wollte sofort in die Chronik schreiben, daß am 24. August des Jahres 1828 nach Christi Geburt im Rathe zu Abelsberg eine gescheite Rede gehalten worden wäre. Der Vorstand nahm nun das Wort und sagte: „Ich halte nichts darauf, daß unser Volk allemal im Feiertag und Lustbarkeit da ist. Die hohen Herrschaften lernen nichts dabei. Den Leuten muß man bei ihren Arbeiten zuschauen, und so ist meine Meinung, daß da oben an der Landstraße Arbeitsleute aufgestellt werden sollen: der Bauer, der Schlosser, der Rastelbinder und wie sie halt alle nacheinander her sind — und daß sie fleißig arbeiten, wenn die Wägen vorüberfahren. — Sein die Manner mit mir einverstanden?“

„Vorstand!“ rief ihm der Rath Schneider zu, „für das wirst Du Baron!“

Der Hufschmied machte ein langes Gesicht. Der Vorschlag des Vorstandes wurde angenommen. —

Nun gab’s ein paar Tage lang Arbeit über Arbeit. — Den Rastelbinder brauche man eigentlich nicht dabei, bedeutete man dem Vorstand, denn es wäre keine einheimische Figur, die käme nur so zu gelegener Zeit aus Schlovakien daher. Aber der Handel und Wandel des Landes müsse zum Ausdrucke kommen, daß die Majestät ein vollständiges Bild von dem Leben und Treiben der Bevölkerung gewinne. Es wäre nur zu verhüten, daß nichts dabei vorkäme, was auf den Landesvater einen unangenehmen Eindruck machen könne.

Und am vierten Tage sollte die Durchfahrt des Kaisers Franz stattfinden. Des alten Kaisers Franz, der noch auf keiner Eisenbahn fahren konnte, der im Gerüttel seiner Wagen, im Ceremonientaumel seines Gefolges, im plebejischen Staube der Straßen über Land reisen mußte, wollte er die Zustände seines Reiches prüfen und von seinen treuen Völkern einmal Huldigungen entgegennehmen.

Er hatte Feste und Aufzüge, ihm zur Ehr’ gebracht, nicht ungern, denn für gar Manches war ihm das Bewußtsein seiner Kaiserwürde eine hohe Genugthuung.

So bewegte sich um 11 Uhr des 28. August die Wagenburg gen Abelsberg heran. Eine halbe Stunde vor dem Städtchen begannen die Wunder. Auf dem Felde ackerten Bauern und säeten Korn; gleich daneben klangen die Sicheln der Schnitter, die Sensen der Mähder und die Arbeiter hatten ihre bunteste Sonntagstracht an.

Am Berge war ein Stollen, aus welchem flinke Knappen reines Erz schafften, und ein paar Eisenhämmer schmiedeten Sensen, Pflüge und Schwerter. Im Wäldchen jodelte der Holzhauer und hallten stürzende Bäume. Der Hirte trieb eine Heerde schöner, bekränzter Rinder über die Au, die Sennin molk unter dem Schatten einer Tanne ihre Kuh und der Jäger schoß gerade im Augenblicke, als der kaiserliche Wagen herankam, einen ausgestopften Auerhahn vom Lärchbaum. Das Wunderbarste aber waren die Obstbauern, welche von alten Holzbirnbäumen die feinsten Butteräpfel schüttelten, und die Winzer, welche aus Erlen- und Weidengebüsch Trauben schnitten. Es ging nicht anders, und wenn das ganze Land zusammengerückt sein sollte auf etliche Joch oberländischen Grundes, so mußte das Erz wohl einmal im eitlen Sand und der Wein auf Weidenstäben wachsen. So unerhört fruchtbar war der Boden bei Abelsberg, und der Obersthofmeister schrie dem Kaiser zu: „Eure Majestät, aber das ist ja prächtig! Was Eure Majestät für ein Land haben!“

Seine Majestät, höchst erfreut von dem fröhlichen Aufzuge, wollte den Ortsvorsteher sprechen. Noch dauerten an beiden Seiten der Straße die Vorstellungen; auch ein Hochzeitszug und ein Taufgang war dabei und Volkslieder wurden gesungen und zum Schlusse, dort wo die bekränzte Mauth prangte — kauerten etliche Krüppel, ein Cretin und ein paar zerhauene und zerschossene Militärs mit Weib und Kind im Straßenstaub und wimmerten mit aufgehobenen Händen um Almosen. Denen war’s Ernst.

Der Hof stutzte sehr — gar sehr stutzte er über eine solche durchaus nicht anspruchslose Pointe der Festlichkeit — und nach dem Ortsvorstande, der mit seinem Rathe auf dem Marktplatze tief geknickt stand, wurde nicht mehr verlangt.

Vor dem Thore des Posthauses standen sechs streuende Blumenmädchen, aber die Wagen rollten vorüber und hielten nicht in Abelsberg.

Der hohe Rath war aus Rand und Band. Das Bettelgesindel verhaftete er sofort; aber der Cretin grinste und die alten Krieger mit ihren elenden Familien meinten, sie hätten gehört, daß das ganze Land bei dem Aufzuge vertreten sein sollte, und da hätten sie gedacht, die viele Armuth, die da sei, gehöre so zu sagen auch zum Lande, sie hätten des Weiteren gerechnet auf etliche Silberbatzen oder einen warmen Löffel Suppe, was freilich eine ganz verfehlte Rechnung gewesen wäre.

Der Bürgermeister wollte diese Leute, die das schöne Fest so jämmerlich verdorben hatten, in den Kotter stecken lassen. Das ließ der Rath Hufschmied nicht gelten. Das Betteln, sagte er, sei zwar in Abelsberg verboten, aber vom Mauthbalken auswärts sei es von jeher erlaubt gewesen.

Der Schelm!

Er ist aber später Vorstand geworden.

Die Abelsberger Touristen.

Wie nur plötzlich die Natur so schön geworden ist! Erst seit etlichen Jahren. Es lebten wohl auch früher einzelne Leutchen, die einzelne Gegenden „wirklich romantisch“ fanden; heutigentages aber sind alle Wälder und Berge so herrlich! Und der Sonnenaufgang!

Wer hätte das vor dreißig Jahren vermeint, daß auch der Sonnenaufgang Mode werden sollte!

Mode! O du heilige Welt Gottes, vergieb mir dieses Wort. Aber du weißt es ja doch selber am besten, wie Wenigen, die doch deine ewig großen und lebendigen Pfade gewandelt, es einst eingefallen ist, dich seligen Herzens zu bewundern, dich anzubeten. Wohl, es mögen die lieblichen Bilder deiner Gärten und Auen, deiner Frühlingstage und Sommernächte zu allen Zeiten Beseligung in dem Menschengemüthe wachgerufen haben; vor dem Brausen des Sturmes, vor dem Ernste der Einsamkeit, vor den Gewalten des Hochgebirges aber sind die Kinder der Welt zurückgeschaudert, wie vor einem übermächtigen Feinde.

Und heute — je wilder die Gegend, desto schöner; natürlich, wenn gute Wege in derselben angelegt sind und comfortable Wirthshäuser. Zarte Frauen mit ihren zarten Kindern steigen heute auf Berge, auf denen sonst nur der Gemsjäger und der arme Kräutersammler geklettert; es geht prächtig; und wenn eine Eisenbahn schnurstracks den Berg hinanläuft, um so besser. Oben steht gar ein Hotel, da ißt und trinkt man, schreibt sich in’s Fremdenbuch und findet Alles unvergleichlich.

Weil im neunzehnten Jahrhundert die Natur denn gar so schön geworden!

„Touristen!“ Die Sache ist so schnell gekommen, daß die deutsche Sprache gar kein Wort dafür in Bereitschaft hatte und bis heute noch keines hat. Ja, gewiß, Sommerfrischen, Gebirgspartien, Touristen — das sind Modesachen. Vorläufig noch. Wir werden die Natur einst wirklich suchen, nicht blos an heiteren Sommertagen, sondern auch, wenn sie finster blickt und grollt, auch wenn sie in der ehernen Majestät des Winters ruht. Denn wir werden unsere große, heilige Mutter lieben und insgeheim an ihren Busen fliehen aus dem Drange der Welt.

Selbst an den Abelsbergern darf hierin nicht ganz verzweifelt werden. Und sie sind ja heute schon große Naturfreunde, die Abelsberger. Erstens liegt Abelsberg ja in einem freundlichen Gebirgsthale, und zweitens hat ein Abelsberger Wirth über die Thür seines Hauses einen grünen Baum malen und seine Herberge demnach „Zum grünen Baum“ benamsen lassen. Und nicht allein das, des Wirthes Sinn für Natur erstreckt sich sogar bis in den Keller, in dessen bauchigen Fässern — es ist keine Fabel, wahrlich nicht! — Naturwein und blos Naturwein lagert. Und wer eben Sinn dafür hat — zwischen den Fässern auch das Plätschern eines Wasserbrünnleins hört sich anmuthig. Allerdings, Sitzgarten ist keiner beim Haus; ist auch keine Frage danach. Ein echtes Tröpflein trinkt sich auch in der räucherigen Gaststube gut. Was Sommerabend! Die Abelsberger gehen nicht in’s Wirthshaus, um Sommerabende zu genießen.

Wohl aber nehmen sie den Zeitgeist wahr, der — wie Poeten so schön sagen — heute in den Blättern säuselt — in den Zeitungsblättern nämlich. Sie sind für’s Erste daher wacker liberal, die Abelsberger, denn: „Fortschritt und Freiheit!“ sagt der Tischler, und hat diese Worte in sein Bierglas stechen lassen.

Da standen nun schon seit Jahren zu jeder Sommerszeit Aufsätze in der Zeitung von der schönen Schweiz. „Ja, die Schweiz!“ meinte der Webermeister, „von wo der Schweizerkaffee und der Schweizerkäs kommt — weiß schon davon!“

Allmählich dann zogen sich — dem Blatte nach — die Naturschönheiten der Schweiz auch in’s Tirol und Salzburg herein, und plötzlich in dem letzten Jahre war eine ganz einzige Großartigkeit aufgetaucht im eigenen Lande, der Steiermark. Die Admonter Gegend, das Gesäuse und Eisenerz konnten die Zeitungen gar nicht genug rühmen. Diese hohen, schroffen Berge, diese wilden Schluchten, diese sausende Enns! In der Schweiz wahrhaftig nicht schöner zu finden! — Und mitten hindurch die Eisenbahn und Touristen aus allen Weltgegenden, und es ist eine wahre Schande, das Gesäuse nicht gesehen, den Reichenstein und den Buchstein nicht bestiegen, das Hochthor und den Damischbachthurm nicht bewundert zu haben.

Da thaten sich die Abelsberger zusammen. „Zu meiner Zeit, wie ich als Bursche durch’s Ennsthal gewandert bin,“ sagte der Sattler, „da ist mir nichts aufgefallen; weiß nur, daß ich in schauderlich wilde Gegenden gekommen bin, und daß ich bei einer Kohlenbrennerei Wasser getrunken habe. Nu, heute mag’s anders sein.“

„Leute,“ rief der Tischler, „thun wir zusammen, machen wir eine Tour in’s Gesäuse!“

Das zündete. Eisenbeschlagene Schuhe, Bergstöcke, Weinflaschen, Würste, Schinken, Spielkarten — eine „Hetz“ muß es geben! — Mägdlein wollten sie auch werben zur Partie. Der Binder und der Pfleger und der Schulmeisterssohn und Andere — ihrer neun Stücke sind’s, die mit Hall und Schall und hellem Uebermuth, wie’s Touristen ansteht, den Eisenbahnzug besteigen.

Das herbstliche Wetter ist heiter, rein, kühl — ganz gemacht für Gebirgstouren. Die daheim bleiben müssen, denken in Wehmuth an die lustige Reise, und beim Wirth „Zum grünen Baum“ sitzen sie Abends, und folgen im Geiste ihren touristischen Mitbürgern auf die höchsten Berge und in die lauschigsten Winkel der Sennhütten.

Am dritten Tage kehrte die Gesellschaft zurück. Sie war etwas angegriffen, stark ermüdet, und die Meisten hatten Schürfe, blaue Beulen an Gesicht und Händen und Risse in den Kleidern. Trotzdem wurden sie sofort in’s Wirthshaus gezogen, wo sie wacker aßen und tranken, denn — sagten sie — die Wirthshäuser hätten sie unterwegs nur von auswendig gesehen. Naturgenuß sei ihre Hauptsache gewesen! — Hierauf sollten sie erzählen.

„Ja!“ sagte der Binder gedehnt, „erzählen! — Das muß Einer selber gesehen haben — nicht wahr?“

Seine Genossen bestätigten es.

„Diese Berge!“ rief der Weber, „diese Hochöfen in Admont, na!“

„Ihr seid doch auch im Stift gewesen?“

„Im Eisenerzerstift, jawohl! So eine Kirche! Nix Zweit’s giebt’s nit!“

„Und auf dem Reichenstein?“

„Da schaut’s grad’ einmal her!“ versetzte der Schulmeisterssohn, und wies seine zerschundenen Hände vor; „aufwärts, da ging’s, bis wir in’s Edelweiß kamen. Bis an die Knöchel, sag’ ich Euch, geht Einem das Edelweiß, just zum Niedermäh’n, auf Ehr’! Dann, wie wir zum Eis gekommen sind zu den Gletschern, nicht wahr zu den Gletschern?“ wendete er sich an die Genossen.

„Na, ich dank’!“ stimmten diese bei, „das sind ein bißl Gletscher!“

„Und der Sonnenaufgang“, sagte der Pfleger, „lohnend, höchst lohnend! — Und, in dem Gebirg ist Euch eine Sonne! — ’s ist ein Gaudium gewesen. Aber halt das Herabsteigen! Sind wir Euch nicht schnurgerade niedergefahren über die Steinleuten! So gleich etliche zehntausend Fuß! Gerad’ ein Sauser ist’s gewesen, sind wir herunten auf dem Boden gestanden.“

„Nu,“ fügte der Schulmeisterssohn bei, „und da haben wir uns so zerschunden.“

„Und Deine blauen Flecken im Gesichte?“ fragte man den Sattler.

„Ja, dem seine blauen Flecken,“ rief der Schulmeisterische; „nicht um fünfzig Gulden giebst Du sie her, Sattler, gelt? — Hat Euch der Sakra nicht mit einem Steinbock gerauft? Na, und ob!“

Die Leute schlugen über solch unerhörte Abenteuer die Hände zusammen.

„Aber ein Sträußel Edelweiß oder Speik hättet Ihr doch mitbringen sollen!“

„Ihr schwätzet beim Ofen, wie Ihr’s versteht. Jeder hat seinen Hut voll Edelweiß gehabt, das versteht sich. Und wie der Kampf mit den drei Lämmergeiern nicht ist, so bringen wir die schönsten Buschen heim.“

„Kampf mit den Lämmergeiern?“ fragten die Leute, und brachten den Mund nicht mehr zu.

„Haar’ lassen hätten wir können! Sind noch froh gewesen, daß wir heil davon gekommen; die Alpenblumen und die paar Hüte sind zu ersetzen.“

„Herr Gott, das war eine Tour!“

— Sie waren die bewunderten Helden des Städtchens.

Einige Zeit darauf kam an den Vorstand von Abelsberg folgendes Schreiben:

„Tauern, den 30./9. 1875.

Werther Herr Bürgermeister!

Zu meinem Bedauern muß ich Sie mit einer Angelegenheit belästigen. Vor etwa acht Tagen kam eine heitere Gesellschaft von neun Personen in mein Haus, die, wie sie vorgab, aus Abelsberg sei. Die Herrschaften schienen eine Gebirgspartie vorgehabt zu haben, blieben jedoch einen und einen halben Tag und zwei Nächte bei mir und ließen sich zu meinem Vergnügen Küche und Keller wohl munden. Wie es bei solchen Gelegenheiten schon zu geschehen pflegt, wurden sie lustig, sangen, tanzten und unterhielten sich mit den Weibsleuten der Nachbarschaft, die sie zum Tanze beigezogen hatten. Auch die Burschen der Umgegend, Holzknechte zumeist, fanden sich ein; da entspann sich zwischen diesen und den werthen Herren Abelsbergern ein Streit, der Weibsbilder wegen; sie wurden leider handgemein, wobei zu meinem großen Bedauern die Abelsberger sehr den Kürzeren zogen. Die Herrschaften waren gezwungen, das Weite zu suchen und dürften mit einigen diesbezüglichen Spuren nach Hause gekommen sein. — Ganz erklärlich ist es unter solchen Umständen, daß in der Eile vergessen wurde, die kleine Gasthausrechnung zu begleichen, die Euer Wohlgeboren zu unterbreiten ich hiemit die Ehre habe:

Zwei Abendessen

für 9 Personen

23

fl.

70

kr.

Ein Mittagsessen

detto

15

98

Zwei Frühstück

detto

8

10

Wein für 9 Personen

26

48

Dem Stubenmädchen für Depurgationen

80

Für eine Weinflasche à 40 kr., und drei
Fensterscheiben à 30 kr., zusammen

1

30

Summa 

76

fl.

36

kr.

Um gefällige Notiznahme bittet

achtungsvoll ergebenst

Peter Streicher, Gasthausbesitzer in Tauern.“

Der Burgermeister veranstaltete zu Ehren der wackeren Touristen eine Nachfeier beim „Grünen Baum“. Nachdem die Gefeierten neuerdings und stets mit mehr Nachdruck und in helleren Farben ihre seltenen Abenteuer an der sausenden Enns und bei der Besteigung des „eilftausend Fuß hohen Gletschers Reichenstein“ dargethan hatten, sagte der Burgermeister, er sei von der Gemeinde beauftragt, den kühnen Mitbürgern ein Ehrendiplom hiermit zu überreichen — und las feierlichen Tones die Gasthausrechnung des Peter Streicher vor.

Ein Abelsberger auf dem Vesuv.

Thomas Treibaus ist ein ehrsamer Viehhändler aus Abelsberg. Er hat sein Lebtag viele Ochsen gemästet und ist auch selbst dabei fett geworden. Indeß ließ er sich nicht bethören von den Reichthümern und Rindern dieser Erde, sein Sinn stand nach Höherem. So hoch seine Ochsen auch die Hörner tragen mochten, wenn sie vor dem vollen Barren standen, so hoch die Kälber auch ihre kleinen Schweife schwangen, wenn sie lustig und flink über die Wiese hüpften — sein Sinn stand höher.

Da hatte er einmal — es war zur goldenen Zeit, als er, ein Knabe noch, die Kuheuter auf der Weide aussaugte, wenn ihm sein Dienstherr zur Strafe für unachtsames Hüten das Mittagmahl vorenthielt — hatte er also einmal durch einen alten Hausirer die Sage von dem feuerspeienden Berge[1] gehört. Und diese Sage hat einen Funken geworfen in sein Gemüth, hat — so zu sagen — sein bißchen schlummerndes Ideal entzündet, und das glühte und brannte nun Jahre und Jahre in den Tiefen seines Herzens, doch ohne daß es Lava spie.

Nebstbei, daß Thomas Treibaus Kälber trieb, Kühe handelte und Ochsen mästete, ging das Dichten und Trachten seiner sehnenden Seele dahin, einmal den feuerspeienden Berg zu sehen und — Ehre seinem Mannesmuthe! — zu besteigen.

Und das sollte der Glanz- und Höhepunkt seines vielbedeutenden Lebens sein, das sollte ihm Ruhm sein im Lande und für späte Zeiten.

Thomas hatte schon Bilder gesehen von dem berühmten Berg, und Guckkastenmänner kamen zu Zeiten in die Gegend, die hatten das Ungeheuer in einem Kästlein, ganz wie es leibte und lebte und spie. Dieser Berg mit seinem glühenden Rachen ist nicht wie der allfort funkensprühende Schornstein der Schmiede im Thale, nicht wie ein wildausbrechender Kohlenmeiler! Dieser Berg ist der Hölle Thor und Schlot; wenn der Teufel eine arme Seele holt, so flattert er mit seinen ungeheueren, kohlschwarzen Fledermausflügeln da hinein! — Das weckte Treibaus’ Sehnsucht erst auf, denn was ein rechter Viehhändler ist, darf sich vor Hölle und Teufel nicht fürchten.

Und als nach und nach die gute Zeit gekommen war, da sein Bäuchlein groß, seine Aeuglein klein, sein Näschen roth und sein Beutel schwer geworden, da gedieh sein Lebenswunsch: „weit und tief in’s Wälschland hinein!“ zur Reife. Als er hierauf, dem Ideale zuwallend, durch Tirol kam und durch die Lombardei, war es zum erstenmal, daß er die Leute nicht gut verstand. Auf der ganzen Reise interessirte ihn nichts, als der schiefe Thurm zu Pisa, vor dem er drei Stunden lang mit offenem Munde stand, und die fontana trevi in Rom, wo versteinerte Ungeheuer zwar nicht Feuer, aber Wasser spieen.

Dann zog er tiefer nach Süden. Er fühlte es wohl, wie es von Tag zu Tag heißer wurde, er nahte — dem feuerspeienden Berge.

Weiteres ist von dem Vorleben des wackeren Thomas Treibaus nicht bekannt. —

Als ich an einem Septemberabende 1872 am Hafen von Neapel auf und ab schlenderte, um mir das seltsame Treiben dieses merkwürdigen Volkes zu betrachten, sah ich einen wohlbeleibten, aber behenden Mann in Knielederhose und grünberandeter Lodenjacke mit einem Cicerone lebhafte Gesten machen. Ich sah so von Weitem hin, ich sah, wie der Mann keck die Füße auseinander stemmte und mit den Händen zuweilen auf sein wohlgepflegtes Bäuchlein schlug. Trotz des unabsehbar breiten Strohhutes, der das völlig kreisrunde Gesicht des Mannes halb bedeckte, und trotz der nackten Waden über den hohen Bundschuhen, sagte ich nachdrücklich zu mir selbst: „Ich will doch ein Lump sein, wenn das nicht ein Abelsberger Viehhändler ist!“

Ich lauerte noch ein wenig. Da hub er behäbig an, seine Aermel zu zerren, zog den Rock aus, daß er in seinen weiten Hemdärmeln, mit seiner schwarzen Weste, die eine Reihe mächtiger Silberknöpfe und eine schwere, thalerbehangene Uhrkette trug, und mit einem breiten, weiß ausgenähten Ledergurte dastand. Nun war für mich kein Zweifel mehr — ein Landsmann. — Zu allem Ueberflusse hörte ich ihn noch brummen: „A Viehhitz’ das, und bis in die spat Nacht eini!“ Darauf sehr laut und immer mit den Händen fuchtelnd zum braunen, verschmitzt lächelnden Italiener: „Na, so versteht’s denn wahrhafti nit Deutsch? Auffi, da auffi möcht’ ih!“ Er deutete gegen den Vesuv, über dessen Spitze ein leichter Rauch zog. Ein Redeschwall brach los aus dem Munde des Cicerone, aber ein wälscher Redeschwall; und mein Landsmann schüttelte das Haupt und wollte weiter trippeln.

Da rief ich, auf ihn zueilend: „Vetter, grüß Gott!“

Zuerst war er einen Augenblick verdutzt, dann aber schrie er, die Hände ausbreitend: „Jessas, Jessas, das — ja, das ist ja wieder einmal an ordentlicher Mensch — a Landsmann! — Freili, freili — na, ih trau mir’s z’sagen: o fett’s Paar Ochsen kunnt mir die Freud’ nit machen! — Grüß Ihna Gott! Sag’n S’, Landsmann, sein S’ a z’weg’n dem da kemma?“ Er deutete gegen den Vesuv.

Das war das Finden und Binden — er schwur mir ewige Freundschaft. Wir gingen in eine Osterie, dort erzählte er mir seine Lebensgeschichte und sein höheres Streben nach dem feuerspeienden Berg, wie er sich wundere, daß dieser weltberühmte Berg grün und grau wie alle anderen Berge still dastehe, nicht ringsum glühe und kaum ein Rauchwölklein habe — wie es sich schier nicht des weiten Weges lohne, wie er den Berg aber trotz alledem morgen mit dem Frühesten zu besteigen gedenke.

Ich hatte auch dieselbe Absicht, und so beschlossen wir, zusammen die Partie auf den Vesuv zu machen.

Ich habe nie noch einen glücklicheren Menschen gesehen, als meinen Viehhändler an demselben Abend.

„Heut’ zahl’ ich Alles!“ rief er wiederholt, seine schweren Fäuste mit den Hemdärmeln auf den Tisch schlagend; und wie sein Antlitz so lachte und leuchtete, da war es Vollmond in der Weinstube.

Am andern Morgen — es lag noch Finsterniß über den Wassern — war es meines neuen Reisegefährten Erstes, daß er mir zeigte, wie er seinen rothen Regen- und Sonnenschirm praktisch zu einem Bergstock eingerichtet habe. Dann sagte er ernst und ergriffen: „Also heute! Heute! Und das Paraplui da heb’ ich mir auf zum ewigen Andenken!“ Der gute Mann fühlte sich verpflichtet, angesichts seines großen Zieles möglichst hochdeutsch zu sprechen.

Wir fuhren bis zum nächsten Städtchen Resina. Dort nahmen wir zwei graue Esel und einen braunen Führer und begannen die Wanderung aufwärts.

„Vor Banditen fürcht’ ich mich gar nicht, gelt?“ sagte Thomas, als er so neben mir auf dem Esel wackelte. Er wollte fragen, ob er wohl Recht habe, daß er sich nicht fürchtete.

„Und wenn Einer kommt, meiner Seel’, ich schlag’ zu!“ er hob seinen Regenschirm, setzte aber beruhigt bei: „Na, so leicht kann nichts geschehen, es sind unser Fünfe.“

Mein Esel warf ihm einen dankbaren Blick zu.

Wir ritten zwischen berankten Gartenmauern hin und durch ein Wäldchen von Obstbäumen und an Weingärten entlang. Der Morgen graute und die schwarze Masse des Berges vor uns stach deutlicher von dem Himmel ab. Wir bogen nördlich und sahen hinaus über das Meer, auf welchem in der Dämmerung wie vor der Schöpfung Nebel und Wasser noch nicht gesondert schien. Da kamen wir über braune, schrollige Lavaströme — hier stieg mein Thomas zum erstenmale ab, befühlte den rauhen, schründigen Boden und schüttelte den Kopf.

„Wie könnten das schön fruchtbare Auen sein,“ sagte ich, „aber der Vesuv!“

„Ueberhaupt,“ entgegnete mein Landsmann, „das italienisch Land ist nicht das, was der Leut’ Reden daraus macht. Was, südlicher Himmel! Der ist auf unseren Bergen just so blau und rein! Die Sonne hier scheint gar nicht heller, aber heißer wie daheim, und das — halt, Eselein, schmeiß mich nicht ab! ’s ist aber auch ein verdrumpfter Weg in diesem italienischen Paradies, ’s giebt überall so viel Steine, wie bei uns daheim, und Heiden und Sümpfe und Nebel. Wein wär’ schon recht, wenn er nicht warm wär’; die Feigen wären süß, wenn man sich damit nicht den Magen verderben thät. Und sonst auch, im Brot ist kein Salz, in der Suppe kein Schmalz, und Knödel ist schon gar keins zu sehen. Jetzt, frag’ ich, was ist das für ein Land?“

Mein Thomas war bei diesen Worten so böse geworden, daß er seinem Esel Eins in die Weichen gab.

„Und doch,“ versetzte ich seiner Rede, „soll Italien das Wunderland sein, wo ein offenes Herz und ein offener Sinn auch das schönste Ideal durch eine noch schönere Wirklichkeit übertroffen findet.“

In diesem Augenblick strauchelte mein Esel, daß ich schier über die Lavaschollen gepurzelt wäre, und das Gespräch war unterbrochen.

Es war licht geworden, unten reihten sich Städte an Ruinen, Landhäuser an Mauertrümmer, Gärten an Schuttlehnen. Das Meer lag in matter Bläue, dort und da ein weißes Segel, wie ein vom Himmel gefallenes Sternchen. Ueber Neapel zog sich ein Nebelstreifen weit hinaus auf die hohe See.

Als wir zur Einsiedelei kamen, hätte mein Thomas für sein Leben gern den Einsiedler gesehen. Aber der Gute hatte sich wahrscheinlich des Abends zuvor zu lange kasteit, und so ruhte er nun noch in den Fed—, das heißt auf der härenen Decke.

Im Wirthshause des Observatoriums angelangt, genossen wir Wein und Trauben und unser Führer erzählte uns von den Zerstörungen, welche der letzte Ausbruch des Vesuv in der Umgegend angerichtet hatte. Unter den zahlreichen Verunglückten war auch sein Bruder, welcher auf der Wallfahrt nach St. Giuseppe von dem Unheil erreicht wurde.

„Und Vieher sind doch keine zu Grunde gegangen?“ fragte Treibaus theilnehmend. Zum Glücke hatte ihn der Bursche nicht verstanden.

Die Esel ließen wir beim Observatorium. Der Führer begann seine mitgetragenen Stricke in Bereitschaft zu halten, und es kam eine äußerst schwierige Fußwanderung den Kegel hinan. Glatt und schroffig und schründig ist die Lava, und dann wieder wollen die Füße versinken in schwarzen Aschenstaub. Wir waren auf der Nordwestseite, folglich im Schatten, obwohl die ganze herrliche Gegend unten lange schon im reinen Sonnenlichte lag. Der Himmel war tiefblau, aber je näher wir der Höhe kamen, desto mehr umhüllte ihn eine dunstige, röthliche Atmosphäre und wir rochen Schwefel. Wir sahen, wie der Rauch da oben emporqualmte, wie er immer röther und glühender wurde, und wie — „Jesus Maria!“ rief Thomas, „g’rad’ jetzt hebt er an zu speien!“ und wollte abwärts eilen.

Der Sonnenball stieg empor just über dem Krater durch den wirbelnden Rauch, roth und sprühend, wie ein Klumpen Gluth. Der Führer drängte, half uns weiter und bald waren wir zu Rande. Zu Rande an den Kratern, den dampfenden Schründen und Klüften, bunt in hellen Farben, wie Salamander, tief dröhnend zuweilen, grollend, ächzend, wie ein Leidenschaftskampf im Herzen, wie ein böses Gewissen — der feuerspeiende Berg, der Hölle Thor und Schlot.

Mein erschreckter Blick wendete sich zurück zu dem milden, sonnigen Lächeln der Welt. Nun lag Neapels glitzernder Halbmond in Reinheit da. Rückwärts die grüne, mit Städten und Villen besäete Ebene von Casoria; dann zogen sich hin die milden, sammtähnlichen Höhen von Camaldoli, die schroffen Berge der Inseln Procida und Ischia — dann die unabsehbare Meeresweite, an Bläue und Klarheit wetteifernd mit dem Himmel. O, das Meer mit seinem zarten Sonnengefunkel in den Wellen, mit dem lieblichen Spiel der winzigen Segel und Masten, mit seinem Horizont, so weit und unerreicht, den nur die Sehnsucht mißt!

Weiter links die dunkeln Berge von Capri und die lichten Felswände von Sorento, und der dämmerige Gebirgszug des Monte Albino, und das liebliche Sarnothal mit der röthlichen Trümmerstätte Pompejis.

Uns gegenüber aber, im Nordosten, ragen in einem wilden Halbkessel die kahlen, todten Wände des eingestürzten Kraters Somma, eine Ruine der Hölle, — und in weiter Ferne die Höhen des Monte Matese und Vergine.

Mein Landsmann sah durch unser Fernrohr eine Weile unverwandt in die Ebene hinab und machte dabei ein äußerst vergnügtes Gesicht. „Recht weichleibig,“ murmelte er, „ganz semmelfärbig, man meint, es müßt Mürzthaler Race sein!“

Eine Heerde Rinder entzückte ihn.

Ich nahm ihn am Arm und führte ihn unter Leitung des Cicerone in den Wildnissen der Vesuvkrone umher.

Man kann nicht hingehen und hinabgucken in den Krater, wie in eine Krautgrube; Hitze, Schwefeldampf und Rauch drohen den Kühnen zu ersticken. Da dampfende Schründe, heiße Lavaklöße und Schollen; dort hat sich die Erde gespalten und Gluthschein röthet die Wände, aber wuchtige Blöcke sind darüber hingeworfen. Und wer sich darüber hinwagt zum Krater, und Rauch und Dunst lassen ihn einen Blick hinabthun, der prallt bleichen Gesichts zurück und stammelt: „Der Mensch versuche die Götter nicht!“ Schroff stürzen die schwarzen oder buntfarbigen, schründigen Wände nach innen ab und der Trichter theilt sich unter phantastischen Gebilden in mehrere Krater, deren unergründliche Tiefen nicht einmal den Ton zurückgeben von einem Stein, den man in sie schleudert. Freilich ist da unten ein ewiges Dröhnen und Donnern, oft wild, wie das Knurren des Löwen, dann wieder bang und schwer, wie das Röcheln eines Sterbenden.

Aus allen Spalten und Klüften dringt der Rauch. Dort in der Schramme sehe ich gar helle Lava glühen; sehe ich die Essen der Cyklopen und höre ich ihr Pochen auf dem Amboß der Urgefelse? — Wie tief und gewaltig, Du schrecklicher Hephästos, ist Deine Werkstatt!

Ein mächtiges Donnern — der Führer riß uns mit großen Schritten zurück. Da zitterte unter uns der Boden und Asche und Steine flogen aus den Schlünden.

„Geht’s weiter, ist das eine schauderhafte Sach’!“ sagte Thomas kleinlaut, „jetzt fahr’ ich gleich wieder ab.“

Doch der Führer hielt ihn zurück, zog ein paar Eier aus der Tasche, legte sie in eine Spalte, und reichte sie uns nach ein paar Minuten hartgesotten als Gabelfrühstück. Das brachte meinem Landsmann wieder das Selbstvertrauen. Eier am Herde des Vesuv gekocht hat man nicht zu jeder Vormittagsjause! Die Schalen that er sorglich in ein Papier und steckte sie in die Tasche — zum ewigen Andenken.

Bald darauf machten wir die Entdeckung, daß unsere Schuhsohlen verkohlt waren. „Schau, schau,“ sagte Thomas, „das wundert mich, die meinen sind vom Pinzgauerschlag.“ In seinen rothen Regenschirm hatte ein glühendes Aschenstäubchen ein Loch gefressen. „Bravo!“ rief Thomas aus, „auch das ist ein Andenken an den feuerspeienden Berg für meine Kinder und Kindeskinder!“

„Ah,“ entgegnete ich, „das hat mir der Vetter gar nicht erzählt, daß er verheiratet —“

„Je nu, das heißt“ — er trocknete sich den Schweiß von dem Vollmond — „na, das ist schon eine barbarische Hitz, da heroben!“ Von seiner Familie weiter keine Rede mehr.

Ich hätte den Führer und meinen guten Landsmann zur Rückkehr schier am liebsten vorausziehen lassen, um mich allein auf einen Lavablock zu setzen und am Brandopferaltar der Natur Gottes Herrlichkeit in stiller Seele zu feiern.

Da kam mein Gefährte: „Na, Sie, versetzen thu’ ich Ihna nit!“ Und noch volksthümlicher: „Hiazt hab’n ma’s g’seh’n, und hiazt geh’n ma hoam.“

Ich glaube, er hat es buchstäblich ausgeführt und ist von Neapel geradewegs in sein Abelsberg gefahren, um dort durch seine Eierschalen und den verbrannten Regenschirm beredtes Zeugniß zu geben von dem „feuerspeienden Berg“ und als kühner Besteiger desselben unvergänglichen Ruhm zu ernten.

[1] So wird im Volksmund der Vesuv genannt.

Das reiche Jahr eines Abelsbergers.

Es hat eine Zeit gegeben, da die Ober-Abelsberger Bauern über alle Maßen gescheit gewesen sind. Dann später kam die Schule, und die hat das gute Volk recht heruntergebracht. Da haben sie die Jahre her so höllisch viel gelernt, daß sie jetzt nachgerade gar nichts mehr wissen.

Oder erkennt es heute in der Sylvesternacht Einer, was für ein Jahr kommen wird? Ich glaube nicht. Die alten Ober-Abelsberger hingegen haben es aus den Zeichen erkannt, denn dazumal hat man an die Zeichen noch geglaubt und weil man daran geglaubt hat, so sind sie auch zugetroffen. Heute geschieht kein Wunder mehr, weil sich die Leute nur darüber lustig machen würden.

Einstmals hat man die Offenbarungen geehrt; und es ist nicht etwa, daß ich den schönen Namen erdichte, er hat wirklich so geheißen, der Eberhard Weisheit. Und hat den Namen verdient, denn er war der weiseste Bauer im Ober-Abelsberger Gau.

Der Eberhard Weisheit hat seiner Väter ehrwürdige Sitten stets geachtet und gehalten, hat in der Christnacht seine Ochsen mit Weihrauch beräuchert, hat hinter den verdächtig aussehenden Bettelleuten Abspülwasser auf den Weg gießen lassen, daß das Gesindel keine böse Macht über sein Haus haben konnte, und so ist er in der Sylvesternacht auch auf den „Kreuzweg“ gegangen, um unter Gebet und frommen Betrachtungen zu ersehen, ob ein armes oder ein reiches Jahr im Anzuge sei.

Es ist arg genug, daß es heutzutage Leser giebt, denen man die Sache des Langen und Breiten erklären soll und noch froh sein muß, wenn sie überhaupt dazu stillhalten.

Wenn man in der Sylvesternacht auf einen Kreuzweg geht, das heißt, auf einen Punkt, wo sich mehrere Wege kreuzen, so kann Einem auf diesem Kreuzwege ein Mann begegnen. Es mag ein weltfremder Mann sein, er mag auch in der Gestalt eines guten Bekannten erscheinen. Man soll ihm nicht ausweichen und soll ihm auch nicht in den Weg treten. Man soll nicht grübeln. Wenn dieser Mann leicht und leer einherschreitet, dann mag man still nach Hause gehen und den Riemen neunmal um’s Geldsäcklein winden, denn es kommt ein schlechtes, armes Jahr. Wenn hingegen der Mann auf dem Kreuzwege unter schwerer Last daher keucht, dann soll man lustig in’s nächste Wirthshaus eilen und sich selbst zur nachtschlafenden Stund was Gutes anthun, wohl auch Anderen was zukommen lassen, denn es wird Alles gut, es wird sehr gut, es kommt ein reiches Jahr.

Also war’s in einer solchen Nacht, daß der Eberhard Weisheit gegen die zwölfte Stunde hinaus auf die Steinheide ging, wo ein Kreuzweg war und wo auch richtig ein hölzernes Kreuz stand, bei dem es nicht selten gespensterte. Es war eine Nacht, in der man nicht gern einen Hund vor die Thür jagte; er war aber kein Hund, er war ein E— Eberhard Weisheit, und dieses Geschlecht hat sich von jeher nicht viel aus Schnee und Sturm gemacht.

Am Kreuze stand er still und ließ sich einmal recht anstöbern.

Es war, als ob auf jedem Wege, wie sie hier aus allen vier Weltgegenden zusammengingen, ein anderes Wetter heranbrauste und als ob Wind und Kälte und Schnee und Eis gerade den Kreuzweg zu ihrem Turnierplatz gewählt hätten. — Weichlinge liegen in den Kissen vergraben und morgen, wenn sie aufstehen, sagen sie: Ein neues Jahr — was wird es bringen? und schauen dumm drein. Der Eberhard wird’s wissen und wird still sein.

Siehe — dort kommt schon was! — Ein schwarzer Punkt im Gestöber, langsam bewegt er sich, doch kommt er näher und näher. ’s ist ein schwerfälliges Wesen, ein Mann, ein unter großer Last tief gebeugter Mann. Keuchend wankt er unter einer Masse, die sich schwer um seine Schultern schmiegt, und wankt vorüber.

Der Eberhard Weisheit hatte anfangs ein Kreuz über Gesicht und Brust geschlagen, hatte dann dieser Erscheinung mit Wohlgefallen zugesehen, und nun sie wieder verschwunden war, ging er ziellos im Schnee hin und her und entschied sich endlich für das Bachwirthshaus. Denn dort pflegten Bergknappen von Seewald späte Zecher abzugeben. Als er hinkam, sah er vor dem Hause am Troge, wo die Fuhrleute ihre Pferde zu füttern pflegten, den Mann vom Kreuzweg stehen und seine Last auf den Trog stützen. Der Eberhard Weisheit trat in die Stube.

„Noch spät auf?“ sagte der Wirth.

„Schon früh auf!“ antwortete der Eberhard.

„So wünsch’ ich glückselig Neujahr!“

„Hat sich schon angemeldet. Bring’ mir eine Maß auf einmal, Wirth, und da draußen vor dem Haus rastet Einer, dem schick auch einen Krug voll hinaus. Er hat’s wohl verdient, und ich bin der Zahler.“

Wenn er der Zahler ist, so wird er an seinem Tisch nicht allein sitzen bleiben müssen. Lustig geht’s her und draußen trinkt Einer den Krug aus und denkt: Das neue Jahr hebt nicht schlecht an, der Wein hat mich wieder rechtschaffen stark gemacht und jetzt, meine liebe Sau, jetzt gehen wir’s wieder an.

Lud frisch auf und hastete weiter.

Am nächsten Morgen, als der Eberhard Weisheit endlich nach Hause kam, trat ihm nichts Erfreuliches entgegen. Die Knechte stöberten in der Umgebung des Hauses herum und suchten im Schnee nach Spuren; die Hausmutter weinte, und schrie: „Meine Alte! ’s ist noch keine so feist gewesen, seit ich im Haus bin, und just die muß er mir holen. Aber wart’, wart’, Dieb, wenn ich Dich unter die Finger krieg’! Ich will Dir sagen, was im Weisheithof eine Sau kostet.“

Da fragte der Eberhard etwas befangen und unsicher, was denn los sei?

„Ja!“ rief das Weib, „mit Dir habe ich auch was zu reden! Was hast Du in den Nächten außer Haus herumzustromern? Aus dem Wirthshaus kommst, merk’ ich! So! da hast einen Denkzettel dafür! Und jetzt laß Dir sagen, daß sie uns heut’ über Nacht die beste Sau im Stall gestochen und fortgeschleppt haben. Die Spur geht über die Steinheide gegen den Kreuzweg und weiter hin hat sie der Schnee verweht. Was willst jetzt, wenn der Fasching kommt, für ein Fleisch essen, möcht’ ich wissen! Wo wirst den Speck nehmen! Na, ich sag’s: das neue Jahr hebt schön an!“

Jetzt hat der Eberhard sich einen schlichten, zweisilbigen Namen gegeben, hat sich vor die Stirne geschlagen und hat weiter kein Wort mehr gesprochen. Es ist dazumal nicht laut geworden, daß der Eberhard Weisheit in jener Sylvesternacht am Kreuzwege seinen Schweinsdieb für das reiche Jahr gehalten hatte und ihn beim Bachwirth mit Wein tractiren ließ. Aber, wenn seither die Rede ist vom Kreuzweg und was man auf demselben für Offenbarungen haben könne, schlägt sich der Eberhard sachte seitab. Nach wie vor hält er der Väter Glauben in Ehren, bleibt in der Sylvesternacht aber hübsch daheim und sperrt den Schweinstall zu.

Ein junger Abelsberger in der Residenz.

Ein Junge aus Ober-Abelsberg kam in die Hauptstadt, um zu studiren. Unter seinen Professoren hatte der treuherzige Knabe mehrere Gönner, wovon ihm Einer eines Tages für sich und einen Freund zwei Eintrittskarten schenkte. Die Eintrittskarten galten für eine philosophische Vorlesung, welche der betreffende Professor in einem öffentlichen Saale halten sollte. Der junge Student aus dem Dorfe freute sich schon den ganzen Tag auf den Abend der Vorlesung, und sein Kummer war nur der, daß er unter seinen wenigen Bekannten keinen Genossen fand, welcher die zweite Eintrittskarte angenommen hätte. Die Studenten wollten den Abend lieber im Freien zubringen, als den Herrn Professor anhören, dessen Stimme sie ohnehin recht gut kannten.

Als die Stunde kam, ging der wißbegierige Junge nach dem Saale der Vorlesung und war betrübt, daß der Schatz, den er in der Tasche trug, zum Theile unverwerthet bleiben sollte. Da sah er an der Gassenecke einen schlichten, anspruchslosen Mann stehen, dem Anzuge nach vielleicht ein Bahnschaffner oder so etwas. Ah, dachte sich der kleine Student, dem kann ich einen Gefallen thun, der ist gewiß froh, wenn er meinen Herrn Professor einmal hört.

„He, Vetter!“ rief er dem Manne zu, „wenn Sie was profitiren wollen, so kommen Sie mit!“

„Ich bitte!“ entgegnete der Andere und ging mit dem Jungen. Dieser gab an der Pforte die zwei Karten ab, die Beiden traten in den Saal. Die Vorlesung begann. Der Student hörte mit Begeisterung zu, in der Hoffnung, all’ die schönen Worte, die er heute anhörte, dereinst in den höheren Schulen auch zu verstehen. Neben ihm stand bewegungslos wie ein Baum der Mann von der Straßenecke. — Das ist ein dankbarer Mensch, dachte sich der Student. — Der Kleine wird vielleicht einen Schützer im Gedränge, einen Begleiter auf dem Heimweg haben wollen, dachte der Andere.

Nach der Vorlesung sagte der Junge zu seinem Manne: „Nichts danken, mich freut’s, wenn’s gefallen hat. Behüt’ Gott!“ Und er wollte im Trosse davon.

„Ich bitte,“ warf der Andere rasch ein und hielt den Jungen am Arme fest, „ich bekomme neunzig Kreuzer. Ja, neunzig; für die Stunde ist des Nachts sechzig, und anderthalb Stunden bin ich zu Diensten gestanden.“

Der unglückliche, unerfahrene Bursche aus dem Dorfe hatte einen Dienstmann mit in die philosophische Vorlesung gezogen. Geld hatte er keines im Sack. Der Auftritt wurde laut; der Junge war sprachlos vor Schreck und Aerger. Der Professor kam und that, was vielleicht an seiner Stelle noch Keiner gethan hatte: er entschädigte Einem seiner Zuhörer mit neunzig Kreuzern die in der Vorlesung verlorne Zeit.

Eine Abelsberger Heiratsgeschichte.

Die Gallbeißerin zu Abelsberg war mit ihrem ersten Manne bereits fertig geworden, hatte von ihm ein zwei Stock hohes Haus geerbt, und die Kleider. Was kann eine Witwe mit den Kleidern ihres Seligen machen? Sie kann mit den Kleidern ihres Seligen nichts Vernünftigeres machen, als wieder einen Unseligen hineinstecken. Ihren ersten Gatten hatte sie aus Liebe geheiratet, aus Liebe zu seinem zweistöckigen Hause. Nun ist es aber nicht wahr, was Poeten sagen, nämlich, daß der Mensch nur einmal liebe. Im nachbarlichen Städtchen Neubrunn lebte ein Kaminfeger, der Witwer war und nach einer Frau suchte, die ihm bisweilen den Kopf wasche. Dieser Mann hatte sich ein drei Stock hohes Haus zusammengefegt; was Wunder denn, daß er die Liebe der Gallbeißerin erregte.

Der Bäckermeister zu Neubrunn, ein guter Bekannter der Gallbeißerin und Freund des Kaminfegers, übernahm die Vermittlung und drückte seine Freude darüber aus, daß hier zwei Häuser zusammenkämen, die übereinandergestellt fünf Stock gäben! Bald ging die Verlobung vor sich, zu welcher der Kaminfeger mit musterhafter Sorgfalt allen Ruß von seinem Gesichte wusch, um darzuthun, daß er noch fein und glatt und nicht alt sei, und zu welcher die Gallbeißerin ihr Gesicht mit etwas verdünntem Karmin anstrich, um darzuthun, daß sie fein und roth und noch jung sei.

Allsobald nach der Verlobung begannen die Vorbereitungen zur Hochzeit, wozu der brave Bäckermeister zu Neubrunn sein Möglichstes that. Die Gallbeißerin ließ sich ein den fünf Etagen entsprechendes Brautkleid verfertigen; der Bräutigam aber holte sich aus irgend einem hohen Schornsteine eine Lungenentzündung herab und legte sich damit zu Bette. Mittlerweile war das Brautpaar auf den Kanzeln zu Abelsberg und Neubrunn feierlichst verkündet worden; zu Neubrunn nach dem dritten Aufgebote hatten die Kirchenmusikanten sogar mit Trompeten und Pauken einen schallenden „Tusch“ aufgeführt, weil der Bräutigam seinerzeit auf dem Chore mitmusicirt hatte. Der Arzt jedoch war der Ansicht, daß die Hochzeit zu verschieben sei, erstens, weil der Bräutigam noch nicht gesund, und zweitens, weil er todtkrank wäre. Man stelle sich den Schmerz der Braut vor, als sie solchermaßen das dreistöckige Haus in Gefahr sah. Sie beschwor den Arzt, Alles aufzubieten, um zu retten, was zu retten sei, und sie besprach sich mit dem Bäckermeister, ob nicht der Ehevertrag sofort könnte ausgefertigt werden? was der Meister bejahte und ein Uebereinkommen auf Gütergemeinschaft sehr befürwortete. Es geschah, aber der Notar — wie solche Leute schon in Allem auf das Umständliche und Verwickelte hinausspielen — schrieb unter den Ehevertrag als letzte Klausel: „Dieser Contract tritt mit der kirchlichen Trauung obgenannten Paares in Giltigkeit.“

Der Tag der Trauung war da, der hochzeitliche Festsaal, Küche und Keller waren bereit, aber der Arzt erklärte die Trauung in der Kirche für unmöglich, da eingetretenen Symptomen nach der Bräutigam nur wenige Stunden mehr zu leben habe.

„Ist denn nicht ein Stock mehr zu retten!“ wimmerte die Braut und sank auf den Lehnstuhl. Bald hernach stürzte sie hin an’s Bett und rief: „Mein Geliebter, mein Einziger, ich will Dein Weib oder Deine Witwe sein. Noch in dieser Stunde soll uns der Pfarrer trauen!“ Der Kranke faßte gerührt ihre Hand und dankte für ihre Lieb’ und Treue. Aber er wisse nicht, ob er das Opfer annehmen dürfe.

Es sei kein Opfer! rief sie, und auch der Bäckermeister legte sich in’s Mittel, daß der Kranke den Willen zur Trauung im Bette gebe und somit der Herzenswunsch Beider erfüllt werde, es gehe dann aus, wie Gott es wolle.

So wurde, da Alles so weit gediehen war und keinerlei Hindernisse mehr obwalteten, die Trauung „einfach und würdig“, wie die Gallbeißerin es wünschte, am Krankenbette vollzogen. Die Hochzeitsgäste, an der Spitze der Bäckermeister und die Braut, begaben sich hierauf vom Krankenbette weg in den Gasthof zum Festmahle, bei welchem es gar heiter herging, die Braut viel mit Wein geehrt und sogar der Sterbende leben gelassen wurde.

Sie waren gerade beim Schaumwein, den der noble Bäckermeister beigestellt hatte und bei welchem wieder wacker angestoßen werden sollte, als die Nachricht kam, der Bräutigam sei ruhig im Herrn entschlafen. Die Braut weinte Eins und dachte bei sich: Ach, was bei solchen Gelegenheiten die Ceremonien lästig sind!

Am andern Morgen, während auf dem Thurme die Todtenglocken klangen, bestieg die Gallbeißerin thränennassen Auges ihr ererbtes Haus bis in den dritten Stock. Den an Zins rückständigen Parteien der Dachkammern kündete sie die Wohnung, dann stieg sie, getragen von dem Nimbus des Schmerzes, der seine Thränen nach außen und seine Wonnen nach innen kehrt, wieder zur Erde nieder.

Am Hausthore erwartete sie der Bäckermeister, noch ein bißchen übernächtig, aber nichtsdestoweniger nüchtern. Er zog sie mit zurück in den Flur, er habe mit ihr eine kleine Angelegenheit zu besprechen.

Es wäre wohl allzufrüh, an diesem Tage schon! lispelte sie, das Auge zu Boden schlagend. Er aber meinte, es gebe Angelegenheiten, die nicht früh genug in’s Reine gebracht werden könnten. Er sei von jeher ein Mann der Ordnung gewesen, und auch sie, die Gallbeißerin, kenne er von dieser höchst ehrenwerthen Seite. Er habe — und damit zog der Bäckermeister ein Papier aus der Tasche — einen Schuldbrief in der Hand, nach welchem er vor einundzwanzig Jahren dem Kaminfegermeister Ignaz Kratzer, nunmehr ihrem seligen Gatten, eine Geldsumme geliehen habe, diese Summe sei im Laufe der Zeit durch den vereinbarten Zinsfuß auf mehr als fünfundzwanzigtausend Gulden angewachsen. Dieses dreistöckige Haus sei unter Brüdern kaum sechzehntausend Gulden werth, ein anderes Vermögen sei nicht da und es freue ihn — den Bäckermeister — daß sein ehrenwerther, nunmehr heimgegangener Freund vor seinem Tode noch einen so schönen Ausweg gefunden habe, seiner Pflicht gerecht zu werden. Er sei überzeugt, die Witwe werde das Andenken des Verstorbenen dadurch ehren, daß sie — wozu er bereits die amtlichen Wege betreten habe — ehebaldigst den von ihrem Eheherrn unterzeichneten Schuldschein einlöse. In neue Schulden wolle er sie nicht stürzen sondern erkläre sich in Gottesnamen mit den beiden Häusern für zufriedengestellt.

So sagte er, der Schuldbrief war nicht abzuleugnen und nun kamen für die Gallbeißerin Tage des wirklichen Schmerzes.

Es wäre unerquicklich, ihre gewaltigen Zornausbrüche wiederzugeben, sie führten auch zu nichts. Die beiden Häuser mit den fünf Stockwerken fielen dem Bäcker zu, der diese Heirat schlau nur veranstaltet hatte, damit sich das Vermögen des Kaminfegers vergrößere und somit er zu seinem Gelde gelange.

Die Welt war von jeher schlecht und ist in Abelsberg und Neubrunn nicht besser, als anderswo. Die Gallbeißerin hat daher zum Schaden auch noch den Spott. Der Erzähler wünscht ihr nichts Schlechtes, sagt aber das: Wem auf dieser Erde das Geld die Hauptsache ist, der findet kein Glück und ist auch keines werth. — Der Bäckermeister soll’s auch bedenken!

Der Abelsberger Baßgeigenkrieg.

Auf dem sehr finstern Dachboden des Wirthshauses von Ober-Abelsberg, unter anderen staubigen, rostigen und wurmstichigen Ueberbleibseln vergangener Jahrhunderte, ruhte eine alte, braunangestrichene und dennoch wurmstichige Baßgeige. Man wußte nicht, woher sie kam, man wußte nicht ihr Geburtsjahr und an ihrer Wiege war es gewiß nicht gesungen worden, daß sie dereinstmalen auf dem sehr finstern Dachboden des Wirthshauses von Ober-Abelsberg erbärmlich sollte verderben.

Die letzten Jahre her hatte diese Baßgeige zuweilen noch ein Lebenszeichen von sich gegeben. Flatterte eine Fledermaus über sie hin, oder huschte ein ander’ Mäuslein über ihre Saiten, gleich hub sie wie ein geschwätzig Weib an, ihren Lebenslauf zu erzählen und Lieder zu singen aus den schönen Zeiten ihrer Jugend. Später brummte sie nur noch, wenn der Wind im Dache sauste; seitdem ihr aber die Mäuse alle Saiten abgenagt hatten, lag sie klang- und klagelos in Moder und Staub.

Gerade unter diesem öden Dachgeschosse lag der Tanzboden. Wie pfiffen da oft die Pfeifen und geigten die Geigen, daß alle Hunde des Dorfes aus Nervosität anhuben zu winseln und die Trommelfelle der Tänzer hundertfach durchlöchert wurden von den scharfen, nadelspitzigen Tönen. Aber Keiner hatte geahnt, wie nahe das Mittel war, das mit einem wohlwollenden Gebrumme die Mißstimmung ausglich.

Die lieben possirlichen Rothschwänzchen nisten nicht ungern in altem Gerümpel und so ist unter dem Geschlecht dieser Vögelchen auch ein musikalisches Paar gewesen, das sich in unsere still verlassene Baßgeige eingenistet hat. Dieser Umstand lenkte die Aufmerksamkeit des kleinen Wirths-Friedl — der ein passionirter Vogelfreund war — auf das alte Instrument, so im Dachgeschoß des Hauses ruhte; und eines Tages hub der Junge mit dem Ding ein Staubaufwirbeln und Herumzerren an und störte den Hausfrieden der Rothschwänzchen, und nicht lange hernach kollerte er mit der Baßgeige zur Bodenstiege herab.

Die Geige war den Abelsbergern wie vom Himmel gefallen und es kam der Tischler und leimte die Sprünge und Löcher zu, und es kam der Schulmeister mit der großmächtigen Brille und zog Saiten auf, und als der Abelsberger Jahrmarkt kam, siehe, da brummte im Vereine mit den Pfeifen und Gesängen das altehrwürdige Instrument dem Kirchenpatron seine Verehrung. Es war ein wiedererwachtes Leben — es war eine große ungetheilte Freude in Ober-Abelsberg.

Und wie es an so Jahrmärkten schon ist, nach dem Gottesdienst ging Alles in’s Wirthshaus und auf den Tanzboden; da blieb die Baßgeige nicht zurück. Bringt es schon der Herr Pfarrer zuweg, daß er Vormittag den Wein aus dem Kelch trinkt und Nachmittag aus dem Maßhumpen, so weiß es auch eine altehrwürdige Baßgeige einzurichten, daß sie Vormittags Kirchenlieder jodelt und Nachmittags Ländler und Walzer. Und wenn sie schon Vormittags in Ehrfurcht ihren Bauch eingezogen hatte, so ließ sie nun im Wirthshaus manchen Juchton über den Sattel springen, daß schon all’ die Röcke flogen und die Hosen flatterten. Dem Pfarrer selbst ging’s an die Kutte.

Und so war es nun jahrelang gewesen, daß die Baßgeige den Kirchenchor und den Tanzboden versorgt hatte, bis einmal bei einer mächtig lustigen Hochzeit die heißblütige Braut vom Tanzen zum Umfallen erschöpft, hin auf die Baßgeige sank und ihr den Bauch einsaß. Da hat die Geige wohl gottsrechtschaffen gebrummt.

Aber das war ihr letztes Brummen gewesen für lange Zeit. Erst nach Jahren war es wieder, daß die Ober-Abelsberger sagten: „Wir haben ja keinen Baß nicht, wir müssen der Alten den Bauch flicken lassen.“ Hierauf kam wieder der Tischler mit dem Leim und der Schulmeister mit den Saiten und mit dem Fiedelbogen, und da hing dieser Einen wegen der Himmel über Abelsberg voller Geigen.

Nun kam aber eine Zeit über die Welt, die groß und vielbedeutend geheißen wird von hellgeistigen Männern, die aber nichtsdestoweniger manches Dorf zu einer wahren Narrengemeinde gemacht hat. Wenn es früher in so einem Orte gutmüthige Bauern und ehrsame Handwerker und ein paar bärbeißige Amtmänner und ein paar wohlgenährte Priester und ein paar zaunmarterdürre Kirchendiener und Betschwestern gegeben hat, so trotteten jetzt nur mehr „Liberale“ und „Klerikale“ über die Dorfgasse. Es gab keine anderen Leute mehr, und wenn z. B. die „Liberalen“ männlich und die „Klerikalen“ weiblich gewesen wären, so wäre die Sache bigott leicht geschlichtet gewesen; so aber bestand eine Kluft zwischen Freund und Freund, zwischen Gevatter und Gevatterin, zwischen Vater und Sohn, zwischen Gatten und Gattin, zwischen Pfarrer und Amtmann, und was sehr vielsagend ist, zwischen Kirche und Wirthshaus.

Man hätte meinen sollen, die altehrwürdige Baßgeige, als ein beiden Theilen und Allen gemeinsames Gut, wäre hier das versöhnende Moment gewesen; au contraire, wie die Gebildeten von Abelsberg sagen, die Geige wurde der Gegenstand eines hitzigen, tiefgreifenden Krieges. Der Schulmeister spielte auf dem Chore mit dem Fiedelbogen nicht mehr. Da schickte der neue Regenschori — der nicht blos unter der Fahne der „Klerikalen“ stand, sondern sogar der Fahnenträger selbst war — in das Wirthshaus, um die Baßgeige von ihrem Aufbewahrungsorte zu holen. Aber da hub der Wirth statt der Baßgeige zu brummen an: die Geige gehöre den Liberalen; der Tischler habe einstmalen daran geleimt und der Tischler sei liberal; der Schulmeister habe die Saiten aufgezogen und der Schulmeister sei jetzt liberal; im Wirthshause, wo sie aufgefunden worden, sei ihr Hort gewesen und das Wirthshaus sei — man sehe es ja doch an der aufliegenden Zimmermann’schen „Freiheit“ — liberal. Maßen sei die Baßgeige liberal mitsammt dem Fiedelbogen.

Auf das hin brauchte sich der Pfarrer für den nächsten Sonntag keine Predigt aus dem Evangelienbuch zu citiren. Die Baßgeige war der Gegenstand seiner Betrachtung. Mit einer heiteren Pointe hub der Mann an: Vor Jahren, da die Baßgeige aufgefunden worden, habe Alles gesagt, die Baßgeige sei den Ober-Abelsbergern vom Himmel gefallen. — Demzufolge sei sie klerikal. In der Kirche habe sie zum erstenmal getönt. Der Schulmeister habe sie in Kirche und Wirthshaus gespielt, und der Schulmeister war dazumal klerikal. Und wenn noch die Braut erinnerlich wäre, die einstmalen der Geige den Bauch eingesessen habe, so sei darauf zu bemerken, die Braut sei heutzutage die Frau des Kirchendieners. Und wenn er — der Pfarrer — endlich behaupte, das Instrument sei seinerzeit für die Kirche angeschafft worden, so werde Keiner sein im Orte, der das Gegentheil beweisen könne, und die Baßgeige sei somit klerikal und gehöre ein- für allemal den Klerikalen.

Die Gründe des Herrn Pfarrers waren drastisch, nur schade, daß kein einziger Liberaler in der Predigt war. Die Liberalen saßen im Wirthshause und sangen kecke Trinklieder und die Geige gab den Baß dazu. Da dachte sich eines Abends der Herr Caplan: Wozu so lang’ mit Worten fechten, so laßt uns endlich Thaten seh’n! — und schlich durch Nacht und Nebel in das Wirthshaus und entführte die Baßgeige in den Pfarrhof.

Von nun an bekam die Sache einen rasch handelnden Gang. Die Liberalen gingen auf’s Bezirksgericht und strengten eine Klage an, gegen den Pfarrer wegen Aneignung unrechtmäßigen Gutes. — „Albernheiten!“ sagte das Bezirksgericht, „so einer alten Baßgeige wegen kommt eine ganze Gemeinde in Harnisch. Geht heim und versöhnt Euch friedlich.“ Und die Liberalen gingen heim und trugen die Baßgeige zurück in das Wirthshaus.

Hierauf gingen die Klerikalen zum Dechant und beklagten sich wegen räuberischer Eingriffe in ihr Besitzthum. Der Dechant sagte, sie sollten nur nicht nachgeben, sollten zum Bischof gehen, einstweilen aber die Baßgeige wieder in den Pfarrhof zurücktransportiren. Sofort verschwand die Geige wieder aus dem Wirthshaus. Da gingen denn die Liberalen zum Landesgericht. „Geht, schert Euch nicht,“ sagte das Landesgericht, „verschenkt den Scherben!“ — „Aber es handelt sich nicht mehr um die Baßgeige, es handelt sich um das Recht, um die Ehre!“ sagten die Ober-Abelsberger. Aber das Landesgericht wies sie ab. So waren sie auf Selbsthilfe angewiesen; sie stürmten den Pfarrhof und eroberten die Baßgeige wieder zurück in das Wirthshaus.

Nun begaben sich die Klerikalen zähneknirschend zum Bischof. „Ja, meine Lieben,“ sagte der Bischof, „nur standhaft sein. Haben sie nur erst die Baßgeige, so nehmen sie Euch auch die Orgel, und haben sie diese, gehört auch das Chor ihnen und sie rauben Euch zuletzt die Kirche mitsammt dem Thurm. Ich allerdings kann nichts für die Sache thun, aber steht nur männlich selbst dafür ein.“ Männlich selbst dafür einstehen, das hieß: die Baßgeige aus dem Hinterthürchen des Wirthshauses wieder in den Pfarrhof schleppen.

So geschah es. Da machten sich die Liberalen auf und begaben sich mit schwarzen Röcken und weißen Cravaten — weiß Gott! — zum obersten Gerichtshof. Der wußte schon von der Geigengeschichte und ließ die Leutchen gar nicht vor. Jetzt kam es auf nichts Geringeres an, als des Pfarrers Kuhmagd zu bestechen, daß diese die Köchin besteche und ihr den Schlüssel zur Rumpelkammer entlocke.

Und nach wenigen Tagen, als der Pfarrer und der Caplan brevierbetend am Wirthshause vorübergingen, hörten sie d’rin johlen und tanzen und die wohlbekannte Stimme der Baßgeige.

Jetzt luden sie alle Parteigenossen zu einer Versammlung ein und beteten zum heiligen Geist um Erleuchtung. Und als sie gebetet hatten zum heiligen Geist um Erleuchtung, da hielten sie Rath und beschlossen einstimmig, eine Deputation zum heiligen Vater zu senden, auf daß durch des Statthalters Christi Wink die Baßgeige der Kirche erhalten bleibe.

Die Liberalen hielten auch eine Versammlung und stärkten sich dazu mit dem edlen Saft der Gerste. Und als sie sich gestärkt hatten mit dem edlen Saft der Gerste, da hielten sie Rath und beschlossen: Gehen die zum Papst, so gehen wir zum Kaiser!

Nach wenigen Wochen zogen zwei Deputationen von hinnen, die eine gen Rom, die andere gen Wien.

Die alte arme Baßgeige aber lehnte in einem einsamen Winkel des Wirthshauses, und — war tief verstimmt über den närrischen Hader, dessen unschuldige Ursache sie war, und der entzweiend und zersetzend selbst in die Familien eindrang und den Wohlstand der Gemeinde ernstlich gefährdete. — „Ach,“ so seufzte sie oft, „wäre ich wieder oben unter dem Dache und nisteten in mir wieder die friedlichen Vögelein — wie wäre mir wohl!“

Zur selbigen Zeit war es, daß ein Zigeunerschwarm durch das Dorf kam und bettelte und stahl, und den lustigen Bauern Musik machte im Wirthshaus. Ein alter Zigeuner war dabei, der hatte mehr Runzeln im Gesicht, als er all’ sein Lebtag schon Stuhlrichterprügel bekommen haben mochte, aber kohlschwarze Augen und einen kohlschwarzen Bart. Der sah die Baßgeige lehnen im Winkel und hub sie an zu streichen. Da horchten die Ober-Abelsberger auf — jetzt erst hörten sie, wie eine Baßgeige klingt! Jetzt erst nickten sie die Köpfe und lispelten: „Ist nicht ohne, der Ober-Abelsberger Geigenkrieg!“ Das Blut wurde ihnen heiß bei der absonderlichen Musik, zu tanzen huben sie an, die Männer und Weiber, die Liberalen und Klerikalen, Alles durcheinander — toll zu tanzen huben sie an. Der alte Zigeuner spielte und schmunzelnd ließ er seine dürren Finger über die Saiten der alten Geige zucken und der Fiedelbogen spritzte süßgiftige Töne aus. Ganz schauderhaft wurde in derselben Nacht getanzt und getrunken und ehe noch der Morgen graute, lagen die Ober-Abelsberger unter Tischen und Bänken und in den Winkeln herum — Männer und Weiber, Liberale und Klerikale — Alles durcheinander.

Die Zigeunerbande aber war in Nacht und Wind davongezogen, und — was der Papst und der Kaiser auch gesagt haben mögen — die altehrwürdige Baßgeige ist von derselbigen Nacht an nicht mehr gesehen worden in Ober-Abelsberg.

Wie Abelsberg bekehrt worden ist.

Sie ist ja allbekannt, die Predigt von Pater Abraham a Santa Clara, in welcher er von der Sünderin Magdalena sprach. „Und auch unter meinen Zuhörern sitzt eine solche Magdalena! Wollt Ihr’s wissen, welche? Dort! Paßt auf, ich werfe dieses mein Buch nach dem Haupte der Sünderin!“ Er hob zum Wurfe aus; alle weiblichen Zuhörer, alle duckten die Köpfe. — „Was?“ rief der Prediger, „ich hab’ geglaubt, es wäre nur Eine dabei!“

Und ein andermal: „Die Jungfrauen der Wienerstadt all’: auf einem Schubkarren getraue ich mir sie hinauszufahren!“ Das war denn doch etwas zu viel für die hohen Herrschaften der kaiserlichen Residenz. Der Pater wurde aufgefordert, sein Wort öffentlich zu widerrufen. „Ich widerrufe gar nichts,“ sagte er bei seiner nächsten Predigt, „wie gesagt, auf einem Schubkarren! Ich hab’ ja nicht angegeben, wie oftmals ich fahren will!“

Der gute Pater Abraham freilich, der konnte es thun und konnte stets entschlüpfen, wie es nicht Jeder kann, der es will.

Auch der Herr Seelsorger von Ober-Abelsberg wollte ein Pater Abraham sein, denn Abelsberg war Euch mitunter schon gar ein liederlich Nest. — „Bei uns dahier,“ rief er in einer seiner Predigten, „bei uns dahier liegen die Junggesellen und Jungfrauen alle noch in der Wiegen! Auf allen Gassen und Straßen, beim Aufstehen und Wirthshausgehen, bei der Arbeit und bei der Schüssel, beim Rosenkranz bis zum Amen sind Männlein und Weiblein beisammen. Ein wildes Ehebett ist die ganze Gemein’, na, da möcht’ der Teufel Euer Pfarrer sein!“

Reckten sich bei dieser Predigt in den Kirchenstühlen einige Köpfe höher. Der Richter macht schon den Mund auf. — „Ah na,“ denkt er, „in der Kirch’ heb’ ich keinen Unfried an,“ und duckt wieder zusammen und läßt das Hochgewitter von der Kanzel ruhig über sich ergehen und murmelt: „Schrei’ Du nur zu da oben und hau’ die Faust nur rechtschaffen in die Kanzel ’nein: morgen wirst heiser sein.“

Und als der Seelsorger oben besagtermaßen genugsamlich Scheiter in die Hölle getragen hatte, zündete er den Haufen an, will sagen: machte seinen Zuhörern durch eine schauderliche Darstellung des ewigen Feuers die Hölle heiß. Ein ordentlicher Schwefelgeruch war in der Kirche schon zu verspüren, manches alte Männlein vergoß Angstschweiß und manches alte Weiblein zog seine Beine ein, weil es an den Zehen schon die ewigen Flammen zu spüren vermeinte. Und das junge Volk, dem zu Ehren die Predigt eigentlich gehalten wurde, in die Fäuste kicherte es hinein und unter den Bänken trat es sich einander mit den Schuhspitzen.

Der Herr Pfarrer hatte sich für den selbigen Mittag einen prächtigen Appetit herausgepredigt. Und — ganz wie der Richter berechnet hatte — am andern Tag war der Herr Pfarrer so heiser, als wäre seine Luftröhre über und über mit Bärenpelz ausgefüttert.

Wurde an diesen Tagen einmal ganz besonders höflich an die Thür geklopft. — „Sicherlich wieder so eine verdächtige Kindstauf’!“ murmelt der Pfarrer und reißt, weil er zu einem derben „Wer ist’s?“ keine Stimme hat, die Thür auf. Wird aber sofort gelassener, als er im Vorhause eine große Zahl von Männern aus seiner Gemeinde erblickt. Alle haben, wie der Herr Pfarrer erschienen, die Hüte eilig vom Kopf gerissen, sind sich mit der flachen Hand mehrmals über das Haupt gefahren, um die allweg widerspenstigen Locken zu glätten; treten hierauf in’s Zimmer und der Aeltesten Einer hebt an so zu reden:

„Wir haben schon die Grobheit, Hochwürden, daß wir gleich so uneben in’s Haus hereinkrachen. Küssen die Hand! — Und was wir halt sagen wollten —“

„Setzt Euch, liebe Leute, so viel Sessel zur Verfügung stehen,“ lud der Pfarrer leutselig ein.

„Bedanken uns; mögen schon auch stehen. Und daß wir gleich g’radweg reden — der Sonntagspredigt wegen thäten wir halt da sein. Gottswahrhaftig, Hochwürden, das ist ’mal ein wahres Wort gewesen, so recht ein Pfarrherrnwort; sakra ’nein das hat uns an’griffen. — ’s ist wohl richtig, unsere Gemein’ ist hundsschlecht über und über, ’muß eine Veränderung nehmen — wohl, wohl, Hochwürden!“

Der Pfarrer lächelte wehmüthig und flüsterte salbungsvoll: „Gott walt’s!“

„Das ist gewiß!“ sagte der Sprecher, „und wir Männer sind zusamm’gestanden und haben gesagt: Und wollt’ sich Einer schon vor der Höllen nicht scheuen, so kunnt’s doch ’leicht zeitlich einen schlechten Schick haben. Wissen uns eh schon nicht mehr aus mit den ledigen Kindern, die der Gemein’ heut’ in der Schüssel liegen und in Alterstagen wieder in der Schüssel liegen werden. Und ein Spott ist’s auch. Desweg, ’s muß eine Veränderung nehmen. — Jetzt, was mich angeht, mich selber, wie ich dasteh’, ich verbleib’ wie ich bin; thät’s nit mehr im Stand sein, daß ich in meinen alten Tagen noch ein’ Unehr’ wollt’ aufheben. — Und so“ — er wendete sich zu seinen Mitmännern — „redet jetzt Ihr Eure Sach’.“

Ein stämmiger Bursch trat hervor: „Ich dank’ mein Mädel ab, muß eh zu den Soldaten.“

Ein rothbärtiger Geselle: „Mein’ Dirn, die lass’ ich nit! Aber die Gemein’, die duldet uns nit und wir wandern aus.“

Ein behäbiger Bauer stellte sich vor den Pfarrer: „Ich heirat’ die Meine gleich auf der Stell’!“ und trat zurück.

Ein Anderer: „Thät’ meinen Schatz auch heiraten; kriegen aber nicht die Erlaubniß dazu; untreu werden will ich nicht, jetzt, was fang’ ich an?“

„Wie der Will’,“ belehrte der Seelsorger, „mußt sie aufgeben, die schlechte Bekanntschaft, mußt schön in Ehrsamkeit leben.“

„Werd’s halt einmal probiren,“ versetzte der Andere und trat zurück.

Ein schwarzer und wildnarbiger Kohlenbrenner schritt herfür:

„Rechtschaffen bedanken muß ich mich für die scharf’ Predigt, hätt’ sie eh schon lang’ gern verjagt, meine Liebste; glaubt Ihr, es wär’ gegangen, das Biest? Jetzt aber kann ich ihr bei; dem hochwürdigen Herrn seine Sonntagspredigt halt’ ich ihr vor — da läuft sie zuweitest davon.“

Ein Holzhauer sagte: „Ganz lassen werd’ ich halt meine Kathel nicht können; ’s ist ein blutarm’ Ding; daß ich ihr des Sonntags ein Seidel zahl’, beim Kirchenwirth, ich sag’, ’s selb kann mir die christlich’ Nächstenlieb’ nit wehren.“

„Gewiß nicht,“ antwortete der Pfarrer, „wenn’s beim Seidel nur auch bleibt!“

„Und wär’s letztlich eine Halbe, weil ich auch mittrink’?“

„Ja, ja, aus der Halben wird eine Ganze!“ rief der Pfarrer, „bete mein Sohn, nach des Herrn Wort: Führ’ uns nicht in Versuchung!“

„Wohl, wohl,“ sagte der Holzhauer, „will schon fleißig beten.“

Ein Bauernknecht schlich heran, walkte den Hut mit beiden Händen und flüsterte: „Wenn’s d’rauf ankommt, Hochwürden, so brauch’ ich gar Keine, aber zum Waschen und Flicken muß Einer wen haben. Und halt auch, daß Einer, der kein’ Vater und kein’ Mutter und kein’ Geschwister nit hat, daß er immereinmal doch gern ein Eichtel plaudern wollt’ mit einem Menschen und gern wen mögen wollt’, der ihn ein bissel lieb thät haben.“

Ein alter Bartstrupp humpelte vor: „Und ich auch, Hochwürden, möcht’ mich halt bessern. Meine Liebschaft ist auch nichts nutz.“

„Ihr seid ja verheiratet,“ sagte der Pfarrer.

„Das wohl, aber meine Alte, die ist Euch häßlich wie die Nacht und bös wie eine wilde Katz’, und Branntwein saufen thut sie wie ein Loch und fluchen thut sie wie ein Husar. Mit so Einer zu leben, das wird sicherlich eine Todsünd sein.“

„Geht mir weg, Ihr seid ein Lästerer!“ rief der Seelsorger.

Torkelte der Alte gegen die Thüre.

Ein Anderer trat hervor: „Ich hab’ Zwei, aber ich bring’ sie nit weg, ehvor ich sie nicht bezahlt hab’, was ihnen gebührt. Aber...“ weil der Pfarrer eine gar finstere Miene machte, „ich nehm ’s Geld schon zu leih’n.“

„Ich hab’ meiner Tag keine Weibsleut mögen!“ krähte ein gelbes Runzelgesicht aus der Menge hervor, „aber weil ich jetzt hör’, daß die Sach’ gar so groß Sünd’ ist, so kunnt Eins schier neugierig werden.“

„Na, na, unser Herr Pfarrer hat Recht, es muß eine Veränderung geschehen,“ sagten Mehrere.

„Ist brav, ist brav,“ versetzte der Seelsorger und reichte ihnen die Hände, „und das ist mir der schönste Tag in meinem Seelsorgerleben. Wie werde ich glücklich sein, einst mit meiner lieben Gemeinde im Unschulds- oder Bußkleide vor Gottes Thron erscheinen zu können!“

Einige wollten sich schon zum Gehen wenden, da trat der erste Sprecher noch einmal hervor und sagte mit fast schüchterner Höflichkeit:

„Hätten wir halt zuletzt eine recht schöne Bitt’, hochwürdiger Herr Pfarrer.“

„Nur frisch damit heraus, liebe Kinder, wenn’s in meiner Macht steht, von Herzen gern.“

„’s ist halt der Gemeinde wegen,“ fuhr der Redner beklommen fort, „und daß mit Gottes Hilf’ ein anderer Geist in die Leut’ thät kommen. Daheim im Pfarrhof, selb wollen wir nicht reden, selb ist der Herr Pfarrer sein eigener Herr, aber halt auf der Gasse und beim Spaziergang im Wald, so beim Predigtstudiren — da thäten wir halt wohl schön bitten, daß der hochwürdige Herr Pfarrer die Frau Haushälterin nit wollt’ mitnehmen.“

Hab’ früher zu sagen vergessen, daß der Pfarrer von Ober-Abelsberg ein leidenschaftlicher Schnupfer war; er zog jetzt die Dose hervor und nahm drei, vier Prisen hart hintereinander und bot hierauf Jedem die offene Dose hin. Und Jeder tunkte höflich seine Finger ein und schnupfte und jetzt brach ein Niesen los von allen Seiten. „Helf Gott! Helf Gott!“ riefen sie einander zu. Und der Pfarrer sagte: „Helf’ uns Gott Allen miteinander!“

Eine Abelsberger Katze.

Im Pfarrhofe zu Abelsberg bei Tische saßen immer ihrer Drei. Der Pfarrer, die Katze und der Caplan. Besteck hatte die Katze keines. Ja, hätt’ ich ihre scharfen Zähnchen, wollt’ nicht fragen nach Messer und Gabel, und ihr zartes, langes Zünglein ist brauchbarer als wie der feinste Silberlöffel. Am liebsten saß sie dem Pfarrer auf dem Schoß, wo der Talar stets ein rechtes Grüblein machte; saß nicht ungern auf dem Tisch, am Rande des Tellers; bekostete zuweilen auch die gemeinsame Schüssel, ob wohl in Salz und Schmalz das richtige Verhältniß obwalte, wie es die geistlichen Herren am liebsten hätten. Und war dieses richtige Verhältniß da, so aß sie sich für’s Erste selbst ohne alle Umstände satt.

Der Pfarrer hatte seinen rechten Spaß mit dem possirlichen Wesen, ja hing mit Freundschaft an demselben und schob ihm nicht die schlechtesten Bissen zu, gar mitunter solche, auf die bereits schon der Caplan ein Auge geworfen hatte.

Nach einer Weile ereignete es sich, daß der Pfarrer auf einige Zeit verreiste. Der Caplan hatte mittlerweile Gemeinde- und Hauswesen zu verwalten — that’s auch mit Umsicht und Gewissenhaftigkeit. Aber Eins wollte er dieweilen vollführen; gegen den Liebling des Pfarrers, der keine Messe las, keine Predigt hielt und keine Sünden vergab und im Pfarrhofe doch mindestens so gut, wenn nicht besser gehalten wurde, als der Caplan — gegen die Katze schmiedete er Ränke. Aber ihm waren die Hände gebunden — wenn der Herr nach Hause kommt, wird sein erster Blick in den Bettwinkel sein, wo der Liebling seine Wohnstatt hat.

Giebt es denn aber kein Mittel, das graue Unwesen für immer vom Tische fern zu halten? Nach dem Crucifixe, das über dem Tische an der Wand hing, glitt des Priesters bedrängter Blick. An demselben Tage fiel ihm eine kleine Hundspeitsche in’s Auge, die beim Sattlermeister im Auslagkasten lehnte. Da kam ihm plötzlich die Erleuchtung. Er kaufte die Peitsche, und als es Essenszeit war und er sich allein zum Tisch setzte, kam wie immer die gute Katz’ herbei. Der Caplan nahm salbungsvoll das Crucifix in die rechte, die Hundspeitsche in die linke Hand — hielt ersteres der Katze vor und mit der letzteren — schwaps! ging’s über des Thierleins Rücken. Mit Einem Satz war die Katz’ davon.

Aber bei der nächsten Mahlzeit erschien sie wieder. Der Priester nahm in die Rechte das Crucifix, in die Linke die Peitsche und that wie das erstemal. Husch war sie weg.

Ein drittesmal nahte sie schon mit einigem Zagen, aber sie nahte, und der Caplan that wie das erste- und das zweitemal.

So ging’s etliche Tage fort. Da kam der Herr Pfarrer heim. Recht froh und heiter, daß wieder Alles in Ordnung ist, setzen sie sich zu Tische und die Gottesgab’ läßt nicht warten und läßt sich niemals, heute am allerwenigsten spotten.

„Aber wo ist denn mein Katzel?“ frägt der Pfarrer.

Lugt auch der Caplan um. „Dort hinter dem Ofen hockt’s ja.“

„Merkwürdig, daß es heute nicht zum Tisch kommt!“

„Wirklich, Herr Pfarrer, das nimmt mich auch Wunder. Ich merke schon seit ein paar Tagen so etwas. Mir fiel es sogar schon ein, was die Leute sagen — mag aber nicht d’ran glauben.“

„Die Leute?“ meint der Pfarrer, „was sagen sie denn?“

„Nein, ich glaub’s nicht. ’s ist so ein abergläubisches Geschwätz, nur daß man davon spricht. — So eine Katz’, sagen die Leute, wenn sie altert, thät’ eine Hex’ werden und sich keinem Crucifix in die Nähe getrauen.“

„Paperlapap!“ sagt der Pfarrer.

„Na, versteht sich. Ein Altweibergeschwätz.“

„Ist nur um ein Probiren zu thun,“ meint der Pfarrer, „na, Kätzle, komm’, komm’ her zu mir!“

Dieser trauten Einladung vermag das Thier nicht zu widerstehen, es naht und steigt dem Herrn auf den Schoß. Der Pfarrer langt nach dem Crucifix, aber kaum die Katze dieses in seiner Hand erblickt und ein inneres Gesicht hat von einem andern Gegenstand, ergreift sie in wilder Hast die Flucht.

Die beiden Priester blicken sich lautlos an.

„Merkwürdig!“ sagt der Pfarrer endlich.

„Seltsam!“ entgegnet der Caplan.

„Wenn’s so ist, muß ich das Vieh aus dem Haus thun,“ sagt der Pfarrer.

„Das wäre jammerschad’!“ versetzt der Caplan.

Bald war die Katze beim Abdecker. Aus ihrer Haut wurden Hundspeitschen geschnitten.

Zu Abelsberg wieder wer geworden.

Eine junge Witwe aus Schlesien war eingewandert, hatte sich in der Nähe von Abelsberg einen schönen Bauernhof gekauft und war die Großhofbäuerin.

Zu dieser Großhofbäuerin kam eines Tages ein Kleinhäusler aus der Gegend, ein junger, hübscher Mann. Der setzte sich in der Vorlauben auf eine Bank und wartete, bis ihn wer ansprach.

Wartete nicht lange, so kam die Großhofbäuerin aus der Stube und fragte ihn, ob er auf Jemanden warte.

„Ach na,“ sagte der junge Mann, „Großhofbäuerin, ich bin wieder wer geworden.“

„Was bist?“ fragte die Bäuerin.

„Wieder wer geworden bin ich,“ antwortete er.

„Ich weiß ja gar nicht, wer Du sonst bist,“ sagte die Bäuerin.

„Ich bin nicht gar viel,“ sagte er, „ich bin sonst der Teichgräber Franzl, und heut’ Nacht bin ich wieder wer geworden. Jetzt weiß ich mir halt nicht zu helfen und weiß nicht, wo ich hingehen soll.“

Da entgegnete sie: „Wenn Du — wie Du sagst —- wieder wer geworden bist und Du weißt sonst nirgends hinzugehen, so kannst ja bei mir bleiben. In so einem Hof hat man fortweg Leute vonnöthen, die wer sind.“

„Es ist wohl recht hart,“ meinte hierauf der Franz, „wenn man wieder wer geworden ist und man hat keine Seel’, an die man sich halten könnt’.“

„So halte Dich an mich,“ sagte die junge Bäuerin, „bist wer und stellst Deinen Mann, so werden wir uns leicht verstehen. Nur nicht so verzagt sein! Schau’ mich an einmal!“

„Wär’ schon recht das —“

„Kannst gleich in Dienst treten, wenn Du willst. Ich brauche just einen kernigen Mann — bis ein Bauer im Hause ist.“

„Wär’ schon recht,“ meinte der Franzl, „aber halt mein Weib —“

„Ja, bist denn verheiratet?“ rief sie.

„Na,“ sagte er, „heut’ Nacht bin ich wieder wer geworden.“

„Da bin ich mir zu dumm,“ rief die Bäuerin ärgerlich, „das verstehe ich nicht. Traudel, geh’ her zu Dem, vielleicht bringst Du’s heraus, was es mit Dem ist.“

Die Küchenmagd kam herbei und sagte: „Mit dem da? Das weiß ich schon, was es mit Dem ist. Mit Dem ist es eine harte Sach’.“

„Wesweg denn?“

„Aber er hat’s ja gesagt, Bäurin, und er sagt’s ja.“

„Daß er wieder wer geworden ist, sagt er.“

„Nun also, Bäurin?“

„Ist das denn eine harte Sach’, wenn man wieder wer geworden ist?“

„Ich kann mir’s denken,“ versetzte die Magd, „und die Bäurin sollt’s beiläufig wissen, wie hart es sein kann, wenn Einer Witwer geworden ist?“

„Witwer? Wer ist Witwer?“

„Aber jetzt muß ich schon lachen, Bäurin,“ rief die Küchenmagd, „da steht er, der Witwer. Heut’ Nacht ist ihm sein Weib verstorben.“

„O weh!“ sagte die Großhofbäuerin; „ja, Franzl, warum hast Du das nicht gleich gesagt? Warum denn nicht gleich, Franzel?“

„Er hat’s ja schon zehnmal gesagt!“ rief die Magd.

Die Großhofbäuerin hat nämlich nicht abelsbergerisch verstanden. Aber der Häusler Franz hat besser sprechen gelernt. Er ist nun wirklich wieder wer geworden — er ist Großhofbauer geworden.

Ein Abelsberger Heutrog.

Der Kreuzhäusel-Hans war arm daran, war Alles schuldig bis auf seine neun Kinder. Das Häusel und das Vieh waren ihm schon versteigert worden, und jetzt ging’s an den Stall.

Der Nachbar Türken-Sepp nahm’s zeitig wahr. „Du,“ sagte er zu seinem Schwager, dem Baumzapfer-Lenz „morgen wird zu Ober-Abelsberg der Kreuzhäusel-Stall versteigert; möcht’ gern dabei sein, muß aber morgen in’s G’reut hinüber; ist dort ein spottwohlfeiler Schimmel zu kaufen. Hab’ die Gutheit, Schwager, und geh’ zur Versteigerung, und wenn der Heutrog — ’s ist ein nagelneuer Trog, der mir just will passen — wenn der an die Reih’ kommt, so biete für mich mit. Gelt, ich kann mich verlassen?“

„Freilich, das ist gewiß,“ betheuert der Lenz, „recht gern, daß ich für Dich mitbiete.“

Aber auf dem Heimweg denkt sich der Lenz: ein spottwohlfeiler Schimmel wär’ zu haben drüben im G’reut? Ei, den geh’ ich mir holen morgen in aller Früh. Aber der Heutrog? — Da begegnet ihm sein Gevatter, der Spitzborsten-Toni. „He, Gevatter,“ ruft ihm der Lenz zu, „könntest mir einen großmächtigen Gefallen thun, morgen über Tags. Des Kreuzhäusel-Hans Stall wird versteigert; bist gewiß auch dabei. Ich möcht’ für einen guten Bekannten den Heutrog haben — ein nagelneuer Trog. Wolltest mir hübsch keck mitbieten darum!“

„Mein Gott, von Herzen gern, und das macht mir ja gar keine Müh’ und Plag’,“ meint der Toni; und der Lenz ist seiner Sorge enthoben und macht sich des andern Morgens zeitig auf den Weg in das G’reut, um, noch ehe der Türken-Sepp sich einfindet, den spottwohlfeilen Schimmel zu kaufen.

Mittlerweile aber hat der Türken-Sepp erfahren, der Schimmel sei nicht mehr zu haben. So kann er sich bei der Versteigerung ja leicht selber einstellen und braucht den Lenz nicht zu belästigen. Doch, nun sieht er’s, auf den Schwager ist kein Verlaß — gar keiner; der Baumzapfer-Lenz ist bei der Versteigerung gar nicht zu sehen. Dafür aber ist — als die Reihe an das bewußte Einrichtungsstück kommt — der Spitzborsten-Toni wie versessen auf den Trog. Der Toni hat das nagelneue Prachtstück bereits von drei auf sieben Gulden hinaufgetrieben.

„Achti!“ ruft der Türken-Sepp.

„Neuni!“ sagt der Spitzborsten-Toni.

Da beißt sich der Sepp in die Zunge. „Zehne!“ versetzt er bissig.

„Eilfi!“ ruft der Toni und denkt: Ich zahl’s ja nicht, der Trog kommt für meines Gevatters Bekannten.

Der Starrschädel! flucht der Sepp bei sich selber, den tauch ich noch nieder; der Türken-Sepp darf nicht zu Schanden werden. „Zwölfi!“ schreit er.

„Dreizehni!“ brüllt der Toni.

„Vierzehni!“ der Sepp. Beide sind in der Hitze — Fünfzehni! — sechzehni! — siebzehni! — Alles lacht über die beiden Trotzköpfe, die um den Heutrog kämpfen.

— Achtzehni! — neunzehni! —

„Zwanzig Gulden! Fixsaker einmal!“ schreit der Sepp.

„Einundzwanzig!“ stöhnt der Toni.

„Auch gut,“ denkt sich der Türken-Sepp, „bei dem laß’ ich ihn; jetzt sitzt er in der Wolle.“

„Einundzwanzig zum Ersten!“ ruft der Beamte, „zum Zweiten! — zum Drittenmal!“

Der Hammer fällt. Der Toni hat den Heutrog.

„Du Narr!“ lacht Alles, „der Klotz ist nicht fünf Gulden werth.“ Der Türken-Sepp kichert noch am meisten darüber, daß der Partner aus reiner Prahlsucht in die Falle gegangen.

Zur selben Stunde reitet der Baumzapfer-Lenz auf seinem erstandenen Schimmel herbei. — „Gevatter!“ ruft ihm der Toni zu, „ich hab’ keck mitgeboten, da ist der Heutrog.“

„Ist mir rechtschaffen lieb,“ sagt der Lenz, „komm, Schwager Sepp, bist ja auch da; gleichwohl ich selber hab’ in’s G’reut hinüber müssen, ist Dein Willen gethan worden; mein Gevatter, der Spitzborsten-Toni, hat die Gutheit gehabt, hat für Dich den Heutrog erboten.“

Da wird dem Türken-Sepp übel bis in die Leber hinein; jetzt hat er sich selber gesteigert, hat mehr denn vierzehn Gulden aus seinem eigenen Beutel herausgeschrieen.

„Mach Dir nichts d’raus!“ rief der Toni lachend, „Sepp, der Heutrog ist was für Dich, bigott, für Dich selber!“

Der Türken-Sepp fluchte hinein in den nagelneuen Trog. Die Leute lachten gewaltig. Der Kreuzhäusel-Hans, der arm’ Tropf, lachte noch am meisten.

II. Theil.
Winterabende.

Finstere Geschichten.