Herrn Pastor Meneschild’s Hochzeitsreise.

In den Maien ist’s gut freien, hatte der junge Pastor Meneschild, der Curat von Schladernbach gedacht, hatte sich ein Weibchen genommen in den Maien.

Selbiges Weibchen war ihm lang genug arg im Wege gewesen bei den Sonntagspredigten; und wie der Aar mit seinem Blicke das Hühnervieh bannt, daß es vor Schreck und Angst erstarrt, so hatte das große schwarze Auge des Wirthstöchterleins vom Kirchenstuhl aus den sonst sehr erbaulichen Vortrag des Predigers oft nachgerade derart gehemmt, daß der gute Meneschild erröthend und erbleichend mitten im Text sein „Ewigkeit Amen“ sagte.

Solchen Zuständen mußte ein Ende gemacht werden, und das um so rascher, als der Kaufmannssohn und der Oberlehrer des Ortes auch täglich ihren Humpen beim Wirthstöchterlein tranken. Und das war um so verdächtiger, als gedachten Herren eine Nachbarschänke weit handsamer gelegen gewesen und der Wein in derselben zumeist viel vorzüglicher war, als das starke Getränke des Schladernwirths, das zum großen Theile weiter oben im Gebirge noch die Mühlen und Holzsägen trieb. Aber der Schladernwirth brachte jedes Getränke an den Mann, wenn er nur sein schwarzäugig Töchterlein Kellnerin sein ließ.

Das letzte Glas schenkte Fronele dem Herrn Pastor ein. Man sagt, er habe es nicht ausgetrunken, sondern habe, unbeschadet von demselbigen Glase, mit dem Mädchen und dem Schladernwirth den Hochzeitstag besprochen.

Gut soll die Hochzeit ausgefallen sein, doch hätten der junge Kaufmannssohn und der Oberlehrer des Ortes sich dabei viel zu oft die Ehre genommen, mit der Braut zu tanzen. Da brach der Herr Pastor — es war zur frühen Nachmittagsstunde — das Fest plötzlich ab und fuhr mit seinem Fronele davon. Beim Kaufmann kaufe sie nichts, lesen und schreiben könne sie, und er, der Pastor Meneschild, wolle mit seiner Braut allein sein. Von jeher war der Pastor ein Freund des Hochgebirges und im Hochgebirge wollte er seine Brautnacht feiern. Lustig rollte der Wagen durch das Thal, Gegenden zu, von denen die Braut sagte, sie seien sehr, sehr romantisch. Aber den guten Pastor Meneschild interessirte heute kein Stein, ergriff kein Wasserfall, rührte kein Röhren der Hirsche und Springen der Rehe. Den rechten Arm schlang er um seine junge Frau, mit dem linken deutete er auf eine noch ziemlich ferne Berghöhe: „Dort hinter jenem Berge, Fronele, liegt das Alpendörfchen, wo wir weilen werden. Du glaubst es gar nicht, wie es dort schön ist.“

Doch war es nicht so leicht, hinter den Berg zu kommen. Die Wege wurden steiniger, zerrissener, hie und da stürzte ein Wildbach nieder von den Höhen, denn im Hochgebirge schmolz der Schnee. Der Wagen mußte umkehren; das junge Ehepaar drang zu Fuße weiter und Meneschild trug sein herzig Bräutchen buchstäblich auf den Händen über manche Schlucht, über manches Wasser.

Ein Holzhauer kam des Weges, der erbot sich, mit seinen kräftigen Armen die junge Frau über die unwirthlichsten Stellen zu geleiten. Der Pastor schoß einen wüthenden Blick; was will denn dieser Mensch? Ich werde die junge Frau schon selber führen.

Der Weg ging durch malerische Schluchten einem entgegenbrausenden Wildbache entlang. Manches Donnern hallte in den Wänden, denn weiter drin im Gebirge stürzte manche Schnee- und Erdlawine nieder. Das junge Ehepaar rastete auf einem Stein. „Nicht wahr, das ist eine prächtige Hochzeitsreise, Fronele?“ sagte der Pastor und wiegte das Weibchen auf seinen Knieen.

„Ja freilich,“ antwortete das Fronele, „und wann gehen wir wieder nach Schladernbach zurück?“

„Du süßes Kind!“ entgegnete der Pastor, „bin ich Dir nicht genug?“

„Ei ja freilich bist Du mir genug!“ rief die Braut und tätschelte mit beiden Händen die glatten Wangen des Pastors, wie sie es als Schänkin gewohnt war, „Du bist ja mein Meneschild, schau, Du bist mein lieber Schatz!“

„Und Raum ist in der kleinsten Hütte!“ flüsterte der selige Pastor.

Sie gingen weiter; Fronele mußte das Kleid schürzen, es rieselte viel Wasser über den Weg. Selten dürften so zarte Jungfrauenfüße diesen rauhen Bergpfad noch betreten haben.

Der Wildbach wurde reißender und schwoll von Minute zu Minute. Und endlich kam unser Pärchen zu einem gar verfänglichen Punkt. Rechts hatte es die Wände und Klüfte eines Steinbruches, links den wüthenden Gebirgsbach, an dem jenseitigen Ufer unter dem Schatten eines Waldhanges stand eine Hütte. An dieser Stelle nun führte der Steig vermittelst eines schmalen Steges über den Fluß.

Der Pastor blieb stehen, starrte auf den schwanken Stegbaum, an welchem schon die Wellen brandeten und sagte in feierlichem Tone:

„Da stehen die —“

„Ochsen am Berge!“ ergänzte Fronele.

„Nein, am Wasser!“ berichtigte Herr Meneschild. „Rutschen wir auf allen Vieren hinüber, Fronele, Du bist eine flinke Schänkin, Du bist das Wasser gewohnt.“

„Nicht als Schänkin,“ gab die junge Frau den Spott zurück, „aber bei Deinen Predigten hab ich das Schwimmen gelernt.“

„Du Blitzmädel, Du!“ rief der Pastor lustig drein, „nicht sowohl meine Predigten sind wässerig gewesen, als aber meine Zähne haben mir gewässert, sah ich das Fronele sitzen im Kirchenstuhl.“

So waren sie guter Dinge; und von der Hütte her kamen ein paar Männer, Steinbrecher nach ihrem Aussehen, starke, verwegene Kerle; diese sollten nun dem Paare über das Wasser helfen. Sie prüften den Steg; der Eine trat ein paar Schritte auf den bereits gefährdeten Baum und streckte der ängstlich anrückenden jungen Frau die Hand entgegen.

„Der Herr soll dieweilen nur drüben bleiben,“ rief der Mann, „für drei Leut’ hält’s der Sakra nimmer!“

Sofort happerte das Fronele über den brausenden Bach und kam an der Hand des Steinschlägers glücklich an das jenseitige Ufer.

In demselben Augenblick aber, als der Mann schon zum zweiten Wagestück Anstalt machte, fluthete donnernd ein gewaltiger Schwall heran, Steine und Eisstücke und entwurzelte Bäume brausten nieder, hochauf bäumte sich der Steg und ging mit den wilden Fluthen — den Weg alles Zeitlichen.

Der Pastor hatte — um nicht selbst von dem Strome erfaßt zu werden — zurückspringen müssen, schier bis an die Wand. Nun er sah, der Steg war davongeschwemmt, und an diesem Abende plötzlich gelöst auf Erden, was Vormittag im Himmel gebunden worden — da schlug er die Hände zusammen über dem Haupte.

Die Männer jenseits des Wassers aber lachten derb und riefen, er, der Herr Pastor, möge sich gedulden, diese Fluth sei nur die Folge der Schneelawinenstürze und würde in wenigen Stunden vorüber sein; einstweilen möge er um das junge Frauchen keine Sorge hegen, es könne ausruhen in der Hütte und werde nach Möglichkeit gepflegt werden. Er, der Herr Pastor, selber möge sich in eine der Felsnischen setzen, und die Nacht, die ja nicht sehr lang sei, wohlgeschützt daselbst zubringen.

Auch Fronele legt ihre hohlen Händchen an den Mund und rief herüber, aber ihre Worte waren in dem Brausen des Wassers nicht zu verstehen. Sie wurde von den zwei Waldmännern in die Hütte geführt; der Pastor konnte es durch das Gestrüppe nicht sehen, ob sie willig ging, oder ob sie sich sträubte. Nun hub er an, und eilte das tosende Ufer auf und ab, aber er fand keine Brücke, die ihn hätte hinübergetragen in das gelobte Land. Und endlich konnte er gar nicht mehr vorwärts, das noch immer wachsende Gewässer erfüllte die ganze Breite und Länge der Schlucht; und er mußte wieder umkehren zum Steinbruch, wo er doch zum Mindesten das Dach der Klause sah. Wüthend nahm er seinen Stock und peitschte die Fluthen, wie jener morgenländische Feldherr; „was der Himmel zusammengefügt!“ rief er aus, „das sollst du nicht trennen!“ — Aber ach, die Elemente sind von jeher heidnisch gewesen, und so haben auch die Alpenwässer den Bibelspruch nicht verstanden, haben immer wüster gewirthschaftet, und von einem Hinüberkommen konnte gar keine Rede sein. Es begann bereits zu dunkeln.

Vor wenigen Wochen hatte der Pastor eine sehr schöne Predigt gehalten über den Werth und die Macht der Resignation. Er hatte dazumal an Einen Fall nicht gedacht: an eine Brautnacht ohne Braut; und die Resignation drohte nun der Verzweiflung zu weichen. Drohte aber nur, denn der Pastor Meneschild war stark. Er kletterte ein wenig den Felsen hinan, ob er nicht etwa doch durch das Fenster der Hütte seine Ehefrau erblicken könnte. Wohl kamen sie nun wieder aus der Klause hervor, die Männer, und auch Fronele mit ihnen.

„Fronele!“ seufzte der Pastor, da fiel etwas neben ihm nieder und zischte in demselben Augenblick in Flammen auf. Zündhölzchen hatten sie drüben an einen Stein gebunden und herübergeworfen, damit sich Robinson im Steinbruche Feuer machen konnte. Aber die Hölzchen entzündeten sich im Falle und verbrannten auch ein Streifchen Papier, auf welches Fronele einige Worte geschrieben hatte. Nur den süßen Namen „Fronele“ hatte das Feuer noch übrig gelassen in der Ecke, und diesen küßte nun der Pastor mit unsäglicher Inbrunst. Hierauf versuchte er, sich in Ergebenheit zu üben und machte Feuer. Das Feuer leuchtete hell in den Felsen und zeigte von fern nur, was der Einsiedler that, während das, was jenseits des Wassers vorging, in um so größerem Dunkel lag.

Wieder sauste ein Ding durch die Luft und bald auch ein zweites, ein drittes, Knollen fielen neben dem Pastor nieder und einer flog ihm sogar an den Kopf. — „Was? bewerfen sie mich noch mit Steinen, diese Vermaledeiten!“ brach er aus, aber bei näherer Prüfung waren es keine Steine, waren es Erdäpfel, die ihm mit dem Bedeuten, daß er sie zum Nachtmahl braten möge, zugeworfen worden waren.

Das rührte den guten Pastor und er gedachte mit frommem Sinne des Mannafalles in der Wüste.

Mit möglichster Gelassenheit genoß er dieses sein Abendmahl, dann horchte er, ob von der Steinschlägerhütte herüber denn gar nichts zu hören sei. Es rauschten die Fluthen, es donnerten die Lawinen im Gebirge; eine große Wildheit war in der ganzen Natur; nur die Sterne standen am Himmel.

Und daß der Himmel zu all’ dem noch lächeln konnte, das ärgerte den Herrn Pastor am meisten; die Zähne biß er aufeinander, und so legte er sich in einer Nische auf den Sand. Aber es war kein Ruhen und Rasten; sein Lebtag hatte er nichts so Hartes empfunden als dieses steinerne Bett. Ja, diese Nacht, die man sonst nicht zu den unangenehmsten Nächten im Leben zählt, hat der gute Pastor Meneschild stets als die schrecklichste Zeit seines Erdenwallens bezeichnet.

Um Mitternacht, in Folge eines sehr beunruhigenden Traumes, stand er auf und wollte in den Fluß springen; aber unverrichteter Sache kletterte er wieder in seine Nische zurück. In seiner Nische kniete er nun hin und betete, und lachte letztlich hell auf darüber, daß er durch die Hochzeit zu einem Einsiedler in der Felsenhöhle geworden sei.

Spätere Betrachtungen widmete er den Steinschlägern; die Männer hatten ihm just nicht sehr jung, aber auch nicht sehr alt geschienen; bärtig und sonngebräunt von Aussehen, mochten sie herb und keck sein, wie ihre Eisenhämmer. Mag schon ein Mann solchen Leuten im Walde nicht gern begegnen, um wie viel wehrloser muß ihnen ein zartes Weib gegenüberstehen. Die goldenen Ohrgehänge wären noch zu verschmerzen — aber wenn sie ihr den Brautring raubten...!

Nochmals sprang der Pastor auf und eilte hinab zu dem Fluß. Und siehe, in der Morgendämmerung sah er’s, das Wasser hatte abgenommen, gewaltige Steinblöcke, von Gischten umbraust, ragten aus der Fluth. Mit der Tollkühnheit eines Verzweifelten sprang er in schrecklichen Sätzen von einem Stein zum andern über den Fluß, und wie ein Löwe, der seinen Zwinger durchbricht, stürzte er der Hütte zu.

Die Thür war in Angeln offen, kein Mensch zu Hause. Vier bis fünf leere, zerdrückte Strohnester grinsten ihm entgegen; des Weiteren keine Spur von einem Bewohner.

„Entführt!“ stöhnte der arme Pastor und Hören und Sehen wollte ihm vergehen.

Da war es zur selbigen Stunde, daß ein helles Jauchzen erscholl drüben im Steinbruch. Herr Meneschild schlug sein umflortes Auge auf, und siehe, dort drüben, wo er diese entsetzliche Nacht verbracht, standen die Steinschläger und bei ihnen das Fronele.

Und in demselben Augenblicke kamen zwei geschwätzige Weiber mit Klaubholzbündeln hinter der Hütte herabgestiegen. Diese gaben sich mit Bücklingen dem Herrn Pastor als die Weiber der Steinschläger zu erkennen, die Früh in den Wald gegangen wären, um Holz zum Kochen der Morgensuppe zu sammeln. Ihre Männer aber seien noch früher aufgebrochen, um mit der jungen Frau Pastorin, die in der Heuscheune gut geschlafen habe, weiter unten einen Steg über den Bach zu suchen und auf diese Weise zeitig in den Steinbruch zu gelangen.

Und nun war neuerdings das Wasser zwischen den Eheleuten. Einen zweiten kühnen Sprung über die noch immer wüthenden Fluthen fand der Pastor nicht für gerathen und so harrte er im Angesichte seiner jungen Frau, bis ein neuer Steg geschlagen war. Dann aber stürzten sie sich in die Arme, als wären sie aus verschiedenen Welttheilen zusammengekommen.

Nachdem sie hierauf in der kleinen Hütte ein Frühstück genossen und sich von der Steinschläger-Familie zartsinnige Verschwiegenheit erbeten hatten, kehrten sie zurück nach Schladernbach und rühmten laut die kleine Hochzeitspartie im Gebirge.

In Schladernbach hatte es die Nacht zuvor einen Stegbaum ausgeschwemmt. Der Herr Pastor erkannte ihn insgeheim als den weggerissenen Steg vom Steinbruch. Er erstand das boshafte Stück Holz und will daraus zu Trutz eine Wiege bauen lassen.