Was der Franz Schlager für ein Wildpret schoß.
Anfangs fing er Schmetterlinge und steckte sie an die Nadel. Dann fing er Spatzen und Finken mit Leimspindeln. Dann fing er Marder und Füchse mit dem Schnappeisen. Dann schoß er einen Hühnergeier aus der Luft. Dann schoß er ein paar Hasen; dann schoß er Rehe und Hirsche, dann schoß er —
Die Geschichte ist schwer wie Blei.
In einem Hochthale des Reichensteinstockes hatte Franz Schlager ein Bauerngütchen. Franz war jung und frisch, und hatte ein prächtiges, herzenstreues Weibchen voll Lieb’ und Gemüth, voll fraulichen Adels der Natur. Bei seiner Arbeitskraft und bei ihrer Häuslichkeit hätten sie vollauf zu leben gehabt, und ihre Hütte war wie gemacht für „ein glücklich liebend Paar“. Aber just in die wärmsten und wonnigsten Nester legt der Teufel am liebsten sein Ei hinein. — Für schlechte Leute, sagte der Franz, habe er sich den Kugelstutzen beigelegt; man wisse doch nicht, was sich in einer so einsamen Gegend Alles zutragen könne. — Ei freilich weiß man das nicht, Du armer Franz Schlager, sonst hättest Du das Schießgewehr gewiß nicht in Dein Haus getragen.
Als er im Oberschachen den ersten Hasen schoß, hörte der Revierwart den Knall, errieth auch den Schützen, da er aber sonst den Franz wohl leiden mochte, so ließ er die Sache verhallen. Als der Franz Schlager sah, das Ding ginge so leicht ab, schoß er das nächstemal einen Rehbock nieder, schleppte denselben mitten in einem Sturmwetter in sein Haus und rief: „Theres, der da gehört Dein, zum Namenstag!“
Selbstgefällig schmunzelnd blickte er sein Weib an und erwartete freudigen Dank. Aber sein Weib begann zu schluchzen: „Das schmerzt mich, Franz, das schmerzt mich hart. Mit einer Blum’ vom Feld, mit einem Stein von der Straßen hättest mir Freude gemacht, wär’ es mir zu Lieb’ vermeint gewesen. Aber eine gestohlene Sach’ schenkst Du mir, so viel bin ich Dir werth....“
Es war zum Erbarmen; so bitterlich hatte er sie noch niemals weinen gesehen. Er schwieg eine Weile.
„Theres,“ sagte er endlich und stellte sich keck vor sie hin: „Mit Fleiß willst mich jetzt kränken, weißt gleichwohl, daß ich’s gut hab’ gemeint.“
„Franz,“ sagte sie, „das weiß ich gleichwohl und schau’, ich lach’ schon wieder, Du giebst mir heut’ ja noch ein ordentliches Bindband (Angebinde). Versprich’ mir’s, mein Franzl, wildern willst nimmer!“
Er nickte mit dem Kopf. Sie umfing ihn mit beiden Armen und lächelte mit feuchtem Auge.
Nicht lange darnach ist dem Paare ein Kindlein gekommen.
Ein Kindlein! — Bin sonst nicht nervenschwach, aber wenn ich dieses Wort schreibe, so zittert mir immer die Hand. Ein Kindlein! Ich denke an die Vaterfreuden, an das Mutterglück. Mit jedem Menschenkinde wird der Erlöser neu geboren, unnennbare Seligkeit guten Elternherzen spendend. Therese ging fast in Mutterliebe auf; sie fühlte kein Herz mehr in ihrer Brust, sie fühlte es vor sich liegen in der Wiege.
Franz arbeitete mit neuem Muth und blickte mit hellerem Auge in die Welt hinaus. — Da sah er hier einen Hasen kauern, dort ein Reh huschen; da hub ihm das Blut zu wallen an, wie lauter glühende Bleikugeln heiß. — Und der jungen blassen Mutter müsse ein frischer Braten gar sonderlich wohl bekommen.
Als Theres wieder todtes Wildpret im Hause sah, zerrte sie den Gatten von der Wiege des Kindes, wo er eben gestanden war, führte ihn in einen Winkel des Vorgemachs und sagte:
„Unser Sohn soll das Wort nicht hören: Franz, Du bist ein Wildschütz’ — ein Dieb!“
Sie ließ ihn stehen und stürzte davon und brach an der Stätte des Kindes zusammen.
„Und Du!“ rief Franz zur Stube hinein, „Du bist ein überspanntes Ding. Thun es Andere auch; wenn Jeder deshalb schon ein Dieb wär’! Der Herrgott hat die Thiere des Waldes für Alle erschaffen!“
„Darauf laß ich mich nicht ein,“ sagte sie, „Du willst das letzte Wort haben; Du weißt so gut, wie ich, was unrecht ist.“ Bald aber erhob sie sich, trat ihm einige Schritte entgegen, faltete zitternd die Hände in einander: „Franz, bös’ hab’ ich’s nicht gemeint. Und wenn Du schon das Unrecht nicht willst sehen, so denk’, es könnt’ einmal zu Deinem Unglück sein. Geh’, mein lieber, mein guter Mann, laß’ das Wildern bleiben!“
„Ich weiß ja, Du willst mir keine Freude gönnen!“ rief er unmuthig und ging davon.
Da hatte sie kein Wort mehr, als den heißen Thränenstrom, der auf das Bettlein des Kindes niederrann. — „Er hat keine Freude. Da ist sein Kind und da ist sein Weib, und er geht in den Wald hinaus und sucht sich eine Freude....“
Was kann mir denn geschehen? dachte Franz; jetzt ist schon gar keine Gefahr — ist ja der Jäger krank und der neue Gehilfe ist noch nicht angekommen. Jetzt ist die Zeit dazu.
Und er nahm wieder das Gewehr unter den Wollenmantel und er ging davon.
Theres bat ihn noch einmal, hielt ihm das Kind entgegen: „Franzele, bitt’ auch Du Deinen Vater! Halt’ ihm das Händlein hin, streichle ihm die Wange; — ’s ist ja Dein lieber, braver Vater, und er bleibt gewiß daheim, bei seinem kleinen Bübel.“
Das Knäblein lächelte, zupfte an dem Bart des Mannes und wollte nicht auslassen.
„Nu, nu,“ schmunzelte Franz, „ich komme ja bald wieder. Nur einen Habicht will ich heut’ aus der Luft brennen, er frißt uns ja sonst die Hühner auf. So Raubthiere muß man austilgen.“
Und er ging pfeifend hinaus in den herbstlichen Wald. Er sah sich nicht mehr um, denn er wußte wohl, Therese stehe noch vor dem Hause mit dem Kleinen und blicke ihm nach mit weinendem Auge.
Und als er in den Wald kam und sein Späherblick die Thierlein sah, die kriechenden, die fliegenden, die springenden — so hub seine Begier gewaltig an zu glühen...
Theres nahm den Kleinen mit auf den Acker und grub Kartoffeln aus der Erde, und war emsig und unermüdlich dabei. Wenn man Herzweh hat, so muß man brav arbeiten, dann wird’s gut.
Heute wollte es aber nicht gut werden. Heute kam eine ganz besondere Angst über das arme Weib, als ob etwas Arges nahe wäre. Sie betete in Gedanken um Schutz für ihren Mann. Dabei kam ihr in den Sinn: Wie kann denn der gerechte Gott Diebe beim Stehlen beschützen! — Aber sie betete: „Du, sein heiliger Schutzengel, beschirme sein Herz, beschirme es vor sündhafter Begier. Er ist ja sonst ein guter Mensch, thut Niemandem was zu Leid und ist gar ein braver Gatte und Vater. Du lieber Gott, das kann ich Dir wohl mit Freuden sagen!“ — Sie schluchzte dabei und grub und grub die Erde auf und grub in Gedanken oft tiefer ein, als die Früchte lagen. Das Knäblein — es war ein halbes Jahr kaum alt — jauchzte hell und verlangte nach der Mutterbrust. Sie vernahm es heute kaum, und als sie den Spaten fahren ließ und zum Kinde kam, war dieses eingeschlummert.
Es ging gegen Abend. Das Gevögel schwieg, die Hühner saßen auf ihren Stangen. — Franz war noch nicht zurück.
Theres hatte lange in’s Weite geblickt; ihre Unruhe war heute wilder Natur. Und als jetzt der späte Abend kam, harrte sie nicht mehr länger. Sie nahm das schlummernde Kind auf den Arm, hüllte es ein mit des Vaters brauner Joppe, verschloß das Haus und ging dem Walde zu.
Kein Ast und kein Baumwipfel rührte sich. Die langen Schatten der Bäume lagen da, junge, wachsende Kinder der Nacht. Theres ging an einer Schlucht hin. Das rauschende Wasser that ihr weh, denn ihr war, als müsse sie diese unheimlich zischenden Stimmen verstehen, und sie verstand sie doch nicht. Sie stieg die Lehne hinan und war sorglich, daß sie das Kind nicht wecke. Neben Büschen von Enzian setzte sie sich auf einen Stein und horchte. Alles schwieg und war im Frieden. — Und wenn ein wildleidenschaftlich Herz pochte im Walde, man müßte es hören von Weitem in dieser reinen Abendruh’. — Die blauen Glocken der Enziane wiegten sich sanft, und es ging doch kein Lufthauch; sie läuteten und man hörte das ewige Klingen der Stille.
Jetzt erwachte das Knäblein. Die Mutter reichte ihm die Brust. Es trank mit Lust. Und das Weib strengte sein Ohr an und meinte einen Laut, einen Schritt ihres Mannes zu hören — und sie hörte doch nichts.
Dann blickte sie die blauen Blumen an, die wie Flämmchen noch leuchteten, da es schon dunkel war. — Irrlichter sollen auch zuweilen in blauen Flammen leuchten. Aber Blumen sind keine Irrlichter; Blumen sind Augen Gottes — so hat’s oftmals die Ahne gesagt. — Und jetzt, Franzele, jetzt blickt uns Gott an mit seinen blauen Augen. Schau, er hat uns lieb; — Gottes Auge wacht auch über dem Vater...
Ein Knall — — da war ein heißer Blitz durch den Busen des Weibes gegangen.
Sie stieß einen lauten Schrei aus — sie preßte das Kind an sich.
Franz Schlager hatte den Schrei gehört, nachdem er die Kugel abgesandt nach dem braunen zuckenden Punkte zwischen den Büschen jenseits der Schlucht — vermeinend ein eben früher aufgestöbertes Reh zu erlegen. Er hörte den menschlichen Ruf und eilte und sprang über Stock und Gestein, die Tiefe hinab, den Hang hinan — und fand sein sterbendes Weib.
Das Kind sog noch an der Mutterbrust, über welche vielarmig die Bächlein des Blutes rieselten. Das Weib war mit matten Bewegungen noch bemüht, das strömende Blut so zu wenden, daß es sich nicht vermische mit der Muttermilch, deren sich das liebe Kind zu dieser Stunde das letztemal erfreute.
Mit wildem Gestöhne stürzte Franz hin, mit bebenden Armen riß er ihr sinkendes Haupt empor. Sie hob noch das Augenlid und sagte leise: „Mein Franz — gelt — das Wildern — laßt sein?“
Er that einen rasenden Schwur, er ließe es sein.
Sie sagte nichts mehr. Noch ein Blick gegen ihr Kind — ein zitterndes Tröpflein in ihrem Auge — — dann war es starr und öde auf dem lieben, trautsamen Antlitz.
Die Enziane läutete still in der ruhsamen Nacht... Auf der Erde war sie nicht gehört, aber in den Himmeln hat diese Sterbeglocke geklungen.