Aus der heiligen Stadt.
1870.
In einem Talkessel der Ilm, von hohen Laubwäldern durchzogen, von fruchtbaren Kornfeldern und dunkeln Waldbergen umgeben, angesichts des sich in Südwesten bläulich hinziehenden Thüringer Waldes liegt Deutschlands heilige Totenstadt. Hier haben sie gelebt, die Dichterkönige, die Propheten, und hier liegen sie begraben. Weimar ist ein deutsches Jerusalem, ein deutsches Mekka geworden.
Gleich wenn man über die Höhen von Apolda hinüber kommt, sieht man südlich der Stadt aus einem dunkelgrünen Laubwäldchen eine goldigfunkelnde Kuppel emporragen. Das ist die Fürstengruft und dort ruhen Schiller und Goethe.
Es war mir feierlich zumute, als ich hinabstieg gegen das ruhige Städtchen. Dieses ist durchaus nicht reich an Pracht, aber die Häuser stehen schier weihevoll da, auf dem Pflaster hört man kaum einen Wagen rasseln, und durch die Gassen wandeln nur wenige Menschen. Es ist als ob die Stadt von seiner Glanzperiode zur Zeit Karl Augusts träumte.
Und so lange Weimar steht, wird es träumen von jener Zeit und von den großen Männern, die seine Bürger waren.
Heute zeigt es nur mehr die Wohnstätten der Sänger, und der Wanderer betritt sie mit Ehrfurcht.
Es war hoher Nachmittag, als ich im Städtchen ankam; ich eilte an dem Goethe- und Schiller-Monument am Theaterplatz vorüber, Schillers Wohnhaus zu. Bald darauf stand ich[1] im Zimmerchen, wo Schiller gearbeitet hatte und gestorben war. Da steht noch der Schreibtisch und auf demselben das Tintenfaß; da liegt noch das Buch offen, in dem er zuletzt las, und da liegt noch der Brief, den er zuletzt schrieb. Der Sessel steht auch noch am Tisch – man meint, der Professor müsse den Augenblick kommen und sich hinsetzen und seinen »Demetrius« fertig schreiben.
[1] Durch die Vermittlung des Dichters Julius Grosse, der im Schillerhause als Präsident des Schillervereines wohnte.
Aber die Schließerin zeigt auf das leere, nur mit grünen und welken Kränzen belegte ärmliche Bett im Winkel und sagt leise: »Hier ist er gestorben.«
Am Bette steht das Tischchen mit der Schale, aus der er seinen Thee trank, und mit dem Medizinfläschchen.
Am Ofen steht ein Saitenkasten, auf welchem eine Gitarre liegt; ich hatte es schier nicht unterlassen mögen, eine Saite zu berühren. Doch, diese Saiten mögen ruhen und trauern.
Goethes Wohnung ist nicht zugänglich. Seinerzeit ist der Eintritt gestattet gewesen; da war einmal, so erzählt man, ein Engländer gekommen und der hatte Goethes Feder mitgenommen; seitdem läßt der Eigentümer des Hauses keinen Fremden mehr ein.
Herder wohnte im Pfarrhofe, unmittelbar an der Stadtkirche; Wielands Haus ist unweit des Theaters. Jedes dieser Häuser ist mit dem Namen des betreffenden Dichters bezeichnet.
Ich bin lange vor den Erzbildern der vier Sänger stehen geblieben.
Zur Nachmittagszeit wanderte ich dem Friedhofe zu, obwohl mir gesagt worden war, es würde mir kaum möglich sein, in die Gruft zu gelangen.
Der Friedhof zu Weimar ist ein dichter, dunkler Wald von Espen, Linden, Eichen und Zypressen, unter welchen die stimmungsvollsten Denkmäler stehen.
Mitten im Friedhofe nun steht ein tempelartiges Gebäude mit der goldschimmernden Kuppel, und hier ist die Grabstätte des Großherzogs Karl August von Weimar und seiner Freunde.
Ich stand eine Zeit lang im Tempel und las die Inschriften der unten Ruhenden. Da kam ein Mann, der wohl der Torwart sein mochte und den ich fragte, ob er mich nicht in die Gruft führen könne.
»Ist nicht gestattet,« antwortete er kurz.
Da war ich betrübt und sagte leise: »Ich hätte ihre Särge gern gesehen, aber ich werde wohl in meinem Leben nicht mehr hierher kommen.«
»Sind wohl aus fernen Landen?« fragte der Mann.
»Aus der Steiermark.«
Auf dieses Wort schlug er mir heiter auf die Achsel: »Da sind wir ja schier Landsleute; meine Heimat ist in Ungarn, nahe an der steierischen Grenze; bin mehreremale in Steiermark gewesen. Ei schau, aus der Steiermark! Sapperlot, das freut mich. Kommen Sie, lieber Herr!«
Mit diesen Worten zog der Mann einen Schlüssel aus der Tasche und führte mich in die Gruft.
Links in der Nische stehen zwei Särge aus dunklem Holz, mit Lorbeerkränzen geschmückt – hier ruhen sie.
Am Grabe Jesus Christus hätte ich kaum gerührter und ehrfurchtsvoller stehen können, als an dieser Stätte unseres erhabenen Sängerpaares.
All' die andern fürstlichen Särge, die im Hauptschiff des Gewölbes der Reihe nach stehen, waren mir gleichgültig, obwohl mein Landsmann von der ungarischen Grenze viele Worte aufbot, mein Interesse dafür zu erregen. Nur am Sarkophag Karl Augusts war mir, als müßte ich dem schlummernden Fürsten meinen Dank sagen, daß er der Freund unserer Dichter gewesen ist.
So war mein Wunsch erfüllt und als ich dem Torwart zu Lohn noch erzählt hatte, wie es in der Steiermark und an der ungarischen Grenze zugehe, verließ ich den Friedhof und wandelte langsam gegen die Stadt.
Am Abend – dieser war so mild und heiter, und die Türme von Weimar funkelten in der untergehenden Sonne – machte ich einen Spaziergang durch das »Hölzchen« und zwar in Begleitung der beiden Dichter, denn ich las Schillers »Spaziergang« und Goethes »Elegien«.