Ehre.
»Herr Kreisrichter, ich bitte auf ein Wort!«
»Nun, nun, lieber Herr Seelader, was bringen Sie mir denn noch so spät?«
»Auf ein Wort!«
»Und so aufgeregt?«
»Es ist etwas Wichtiges. Sie werden erstaunen, Herr Kreisrichter. Ich muß bitten, daß Sie mich festnehmen lassen!«
»Aber, Seelader! Solche Späße!«
»Es ist kein Spaß. Bei Gott nicht. Sie müssen mich einsperren. Sogleich! Ich habe einen Freund ermordet. Den Johann Hallsteiner. Den Sohn der alten Hallsteiner, die heute gestorben ist.«
»Was? den Johann Hallsteiner haben Sie ermordet? Aber lieber Freund, was fehlt Ihnen denn? Der Johann Hallsteiner ist ja schon seit Jahren tot.«
»Ich habe ihn erschossen. Ich werde alles beweisen. Ich zeige es jetzt an. Es ist die Zeit gekommen. Herr Richter, Sie haben einen Schuldigen vor sich!«
Nun war der Kreisrichter in der Tat erschrocken, denn der junge Mann sah in diesem Augenblicke wirklich aus wie ein Mörder. Ganz verstört, blaß, wirr. Der Richter klingelte und befahl dem eintretenden Diener: »Schnell zum Doktor Grohbach. Er soll sofort kommen!«
»O nein, Herr Richter,« sagte Seelader, »krank bin ich nicht. Ich bin ja ruhig, sehen Sie mich nur an, es ist die Wahrheit, was ich sage.«
»So kommen Sie,« sprach der Kreisrichter freundlich und suchte den jungen Mann am Arm zu nehmen. »Ich werde Sie in Ihre Wohnung begleiten.«
»Sie sind immer gut gewesen gegen mich und sind es auch jetzt,« sagte Seelader. »Aber es ist anders geworden. Ich darf nichts mehr annehmen. Ich werde diese Nacht noch in meinem Zimmer zubringen, wenn Sie mich nicht in den Arrest tun wollen, morgen jedoch zum Landesgericht gehen. Der Verantwortung wegen sollten Sie mich aber sogleich da behalten. Es wäre besser, Herr Kreisrichter!«
Unter warmem Zureden brachte dieser den jungen, aufgeregten Menschen in sein Dachzimmerchen, empfahl ihn angelegentlich der Mietfrau und schickte den Arzt.
Dann eilte er nach Hause.
»Denkt euch, Kinder!« sagte der Kreisrichter bei dem Abendessen zu seiner Familie, »mein Amtsschreiber, der Seelader, ist erkrankt.«
Die älteste Tochter, Fräulein Ludmilla, horchte auf.
»Und das schwer, unheimlich erkrankt,« fuhr der Richter fort. »Ein Gehirnleiden. Ich muß nur erst zu Doktor Grohbach schicken, was er an ihm gefunden hat. Kommt der Arme heute abends – eben erst vorhin – zu mir und bittet mich in höchst aufgeregter Weise, ich solle ihn festnehmen lassen, er habe seinen Freund Hallsteiner erschossen.«
Fräulein Ludmilla legte Messer und Gabel weg.
Die Frau Richterin sagte: »Du scherzest doch, Mann!«
»Ich weiß wohl, daß der Selbstmord seines Freundes ihm nahegegangen ist damals,« sagte der Richter, »aber nach Jahren – es mag ja fünf oder sechs Jahre seit jener Geschichte mit dem Hallsteiner her sein – könne doch, meint man, aus diesem Grunde eine Gehirnstörung nicht mehr zum Ausbruche kommen. – Wie war das nur gleich, damals?«
»Der Postbeamte Johann Hallsteiner,« sagte nun die Frau, »hatte – so viel ich mich erinnern kann – sich eine Veruntreuung zu Schulden kommen lassen und in dem Augenblick, als man ihn festnehmen wollte, sich eine Kugel durch den Kopf gejagt.«
»Richtig, und ich entsinne mich, wie sein Freund Seelader, der war damals noch Student, am Grabe des Verscharrten einen lauten Schwur getan haben soll, die Ehre des Freundes zu retten, seinen Tod zu sühnen, oder so etwas.«
»Dann hast du ihm doch zur kleinen Stelle verholfen, die er heute noch einnimmt.«
»Er wird demnächst avancieren. Einen fleißigeren und gewissenhafteren Schreiber habe ich nie gehabt. Dazu ein stiller, eingezogener Mensch, bescheiden und liebenswürdig –«
Fräulein Ludmillas Wangen blühten wie Rosen im Mai.
»Als Student soll er's ja flott getrieben haben, bis die kleine Erbschaft seiner Eltern dahin war,« bemerkte die Frau Kreisrichterin. »Man glaubt nicht, wie vorteilhaft ein Mensch sich ändern kann, wenn er in das Geleise der Arbeit kommt. Und rührend war es, wie er die armen Eltern seines unglücklichen Freundes unterstützte, sich selbst alles versagte, um von seinem geringen Gehalte die siechen, verlassenen alten Menschen zu versorgen. Als vor einigen Monaten der alte Hallsteiner starb und heute die Frau, habe ich mir gedacht: Jetzt wird der gute Seelader auch aufatmen können und sein Gehalt für sich selber anwenden.«
»Es muß ihn doch der Tod der alten Frau so sehr erschüttert haben,« meinte der Kreisrichter.
»Wahrlich, ein leiblicher Sohn kann nicht besser gegen seine Eltern sein, als der Amtsschreiber es gegen die alten Hallsteiner-Leute gewesen,« sagte die Frau des Kreisrichters. »Nur fällt mir jetzt ein Wort auf, das er vor einigen Tagen, als er bei uns speiste, gesagt hat. Als er hörte, daß das Befinden der Frau Hallsteiner sich verschlimmert hatte, sprach er plötzlich: Mir scheint, nun werde ich bald Feierabend bekommen.«
»Am Ende ist doch etwas dahinter,« meinte der Richter und begann, dieweilen er seine Pfeife stopfte und in Brand steckte, über mancherlei nachzusinnen.
Und also hatten sie zusammen sich über den jungen Mann unterhalten, der sich als Mörder gestellt hatte. Fräulein Ludmilla war völlig still dagesessen. Sie hatte sich in ihre Häkelarbeit vertieft. Auf einmal stand sie auf und ging rasch zur Tür hinaus.
Die Frau seufzte. Der Richter sagte: »Morgen früh sogleich will ich die Geschichte untersuchen. Am Ende ist doch etwas daran.«
Die Nacht war schlaflos vergangen. Max Seelader hatte sich samt seinen Kleidern ins Bett gelegt. Seine paar Sachen hatte er schon gestern in einen Sack getan und sie nicht mehr ausgepackt. Nur eine kleine Photographie war aus der Tasche hervorgeholt und auf das Tischchen neben seinem Lager gestellt worden. Ein Mädchenkopf, das Original haben wir schon gesehen.
Zur Stunde, als der Kreisrichter im Amte zu erscheinen pflegte, ging der junge Mann hin zu ihm und sagte: »Da Sie mir mein Recht vorenthalten wollen, so reise ich jetzt zum Landesgericht, das ich um Strafe bitte. Teurer Herr! Vor Ihre Familie darf ich nicht mehr treten. Ich danke allen für alles Gute, ich sage Ihnen Lebewohl. Verzeihen –«
Er stockte.
»Jetzt lasse ich Sie aber nicht fort, lieber Seelader,« sprach der Richter, »daß bei Ihnen etwas nicht richtig ist, sehe ich nun. Setzen Sie sich zu mir und erzählen Sie mir ruhig das Anliegen, welches Sie drückt.«
»Ich danke Ihnen. Aber Beichte und Freundeszuspruch können mir nicht viel nützen. Es wird besser sein, wenn auch Ihre Herren Adjunkten anwesend sind. Und der Arzt, damit sichergestellt wird, daß ich nicht geisteskrank bin.«
»Sie wollen also ein förmliches Verhör. Gut, es soll geschehen.«
Nach wenigen Minuten stand der junge Mann vor dem Gerichte, und nach einigen einleitenden Vorfragen begann er also zu sprechen:
»Meine Eltern waren Gewerbsleute in N., sie wollten, nachdem ich das Gymnasium absolviert, auch mich für ihren Stand abrichten. Als sie starben, war ich frei und benutzte die Erbschaft, um in die Stadt zu gehen und zu studieren. Nicht so sehr wissensdurstig war ich, aber nach dem lustigen, ungebundenen Studentenleben plangte es mir. Und ein solches habe ich geführt, fünf Jahre lang. Die Kommerse, die Kneipen, die Mensuren und dergleichen machten mir viel Spaß, ja nahmen mein Wesen in Anspruch. Für einen wirklichen Gewinn hielt ich das Bewußtsein und das Hochhalten der Ehre, wie solches außer bei den Soldaten und Studenten in keinem Stande eigentlich entschieden und leidenschaftlich genug gepflegt wird. Ich will mich weiter darüber nicht auslassen, ich habe nur oft gesagt: es ist etwas Schönes, wenn ein junger Mensch seine Ehre höher wertet, als alles auf der Welt. Schon im zweiten Jahre meiner Studentenschaft hatte ich einen Kollegen aus der hiesigen Stadt kennen und achten gelernt, und bald entwickelte sich zwischen uns eine innige Freundschaft. Er war der Sohn armer Eltern, mußte freilich mehr ans Lernen denken, als ans Burschenleben, und einer Stellung zutrachten, in der er sich und seine Eltern ernähren konnte. Das hinderte den wackeren Johannes nicht, die Studentenideale zu hegen und zu pflegen, und besonders die Burschenehre ging ihm über alles. Auf mehreren Mensuren bewies er seinen Mut, und in einem Duelle trat er für die beleidigte Ehre eines Freundes ein. Dieser Freund war ich. Es handelte sich um nichts weiter, als um einen boshaften Spott, den ein mir mißgesinnter Bursche in meiner Abwesenheit mir angetan. Johannes forderte ihn auf Pistolen. Am zerrissenen Kinnbacken trug er zeitlebens ein Merkmal seiner tapferen Freundschaft. Natürlich schloß uns dieser Handel noch enger und unzertrennlicher aneinander und ich schwor ihm, über seine Ehre ebenso zu wachen, als er über die meinige gewacht und als ich über meine eigene wachen kann. Und sollten wir vom Schicksal einmal voneinander getrennt werden, und sollten wir in was immer für eine Lage versetzt werden, unsere gegenseitige Ehre wollten wir behüten wie unser Leben, ja unendlichmal mutiger und glühender, als unser Leben. – Was sonst an Studentenangelegenheiten, Ehrensachen und Freundschaftsbeweisen war, kann übergangen werden. Ich weiß, was hier zu erzählen ist. Johannes hatte seine Studien vollendet und erhielt eine Anstellung als Postbeamter. Trotzdem brach er nicht mit den lustigen Kreisen, in denen er sich früher bewegte, ja, er erschloß sich noch neue. Man hielt ihn auch fest in denselben, denn er war ein heiterer, angenehmer Gesellschafter, und nach den langweiligen und verantwortlichen Stunden in der Amtsstube hatte er Zerstreuung nötiger als je. Es gab kleine Gelage mit Minnescherzen, mit Glücksspiel und anderen Lustbarkeiten. Wir bewohnten zusammen ein Zimmer und es fiel mir auf, daß er häufig in später Nacht nach Hause kam. Einmal habe ich ihm etwas darüber gesagt, er antwortete, daß weder seine Berufs- noch seine Kindespflichten darunter Schaden litten, wie ich auch tatsächlich nie eine Klage über ihn hörte und wie ich auch wußte, daß seine mühseligen Eltern, die damals auf dem Lande lebten, in ihrem Johannes den Ernährer und Beschützer anbeteten. Also ging es eine Weile, und plötzlich war das Verhängnis da.«
Seelader unterbrach sich und trocknete mit dem Taschentuche seine Stirn.
Nach einer Weile sagte der Richter: »Nun, erzählen Sie weiter.«
»Schon seit einiger Zeit hatte ich bemerkt,« so fuhr der junge Mann fort zu sprechen, »daß mein Freund Johannes einen kleinen, scharfgeladenen Revolver bei sich trug. – Wozu denn so etwas? fragte ich ihn einmal. – Man kann nicht wissen, antwortete er, ob man nicht plötzlich in die Lage kommt, seine Ehre zu retten. – Das war mir dunkel. Ich hielt es im Scherze gesprochen und dachte: er hat amtlich mit Geldsachen zu tun, es kann ja eine Waffe vorgeschrieben sein. Im ganzen gefiel mir aber an Johannes etwas nicht mehr so recht, und ich konnte mir doch keine Rechenschaft darüber geben, was eigentlich an ihm unangenehm, oder vielmehr unheimlich war. Bei allen, die ihn kannten, stand er in hoher Achtung und von jedem, der mit ihm umging, ward er geschätzt als guter Kamerad. – Und nun kam diese Nacht.«
»Wünschen Sie vielleicht ein Glas Wasser?« unterbrach einer der Adjunkten den Erzähler, weil dieser erregt zu sein schien.
»Ich weiß wohl, was ich tue,« fuhr Seelader fort. »Mit dem, was ich jetzt zu bekennen habe, vernichte ich mich. Und das will ich auch, darum stehe ich da. – Sie sehen, ich bin nicht aufgeregt, bin meiner Sinne vollkommen mächtig, und es wird sich leicht weisen, daß jedes Wort, was ich spreche, richtig ist. So etwas merkt man sich ganz genau. – Es war in der Nacht vom elften bis zwölften Februar 1885. Johannes war wieder spät nach Hause gekommen und schlief sehr fest. Ich schlief nicht so fest und hörte es sogleich, wie jemand an unsere Tür klopfte. Da es wiederholt pochte, so stand ich auf, nachzusehen, was es gäbe. Vor der Tür stand der Hausherr in flüchtig übergeworfenem Mantel und teilte mir flüsternd mit, daß er Auftrag habe, den Herrn Johannes Hallsteiner zu wecken. Es scheine etwas Besonderes dran zu sein, im Vorsaal sei ein Gerichtsbeamter und auf der Treppe stünden zwei Gendarmen. – Fast zu Tode erschrak ich und dann dachte ich: Was erschrickst du denn? Ein Irrtum liegt vor, den wollen wir gleich aufklären. Doch als ich draußen mit dem Gerichtsbeamten redete und den Verhaftsbefehl sah, gab's keine Ausflucht mehr und ich machte mich erbötig, den Gesuchten zu wecken und vorzubereiten, ohne daß mir auch nur eine Ahnung dämmerte, um was es sich handeln könne. Ihn im Schlafe überfallen, das würden sie doch nicht wollen. Als der Beamte vom Hausherrn sich die Versicherung geben ließ, daß die Fenster unseres Zimmers vergittert wären und auch sonst eine Möglichkeit des Entkommens nicht denkbar sei, durfte ich ins Zimmer zurücktreten. Die Türe hinter mir legte ich ins Schloß, zündete Licht an und weckte den Freund. – Johannes, sagte ich, du sollst aufstehen, es fragt jemand nach dir. Er war sonst keiner von denen, die sich schnell aus dem Schlafe aufzuraffen vermögen, aber jetzt schießt er empor, und wie ich ihm die Art des nächtlichen Besuches andeute, wird er blaß. – Johannes, um des Himmels willen, was ist das? frage ich. – Du siehst es ja, antwortet er ganz heiser. Hierauf stürzt er in den Winkel hinter meinen Schrank, reißt etwas aus der Tasche seines Rockes, kauert sich nieder, wimmert, wehrt mit der Hand mich, den Hinzueilenden, ab und schleudert endlich den Revolver von sich. Ich hebe die Waffe auf und sage heftig: Was hast du getan? – Er fällt mir um den Hals: Hilf mir, Freund, es ist alles aus. Schulden, Spielschulden. Meine Ehre! Die Ehre mußte ich retten. Geld unterschlagen. – Ohnmächtig muß ich geworden sein in dem Augenblicke, denn als ich mich finde, ist er angezogen und macht sich bereit. An der Tür pocht es ungeduldig. – Noch einen Augenblick, bitte ich! ist mein Ruf, dann zum Freunde: Johannes, so gehst du nicht fort. In dieser Begleitung nicht! – Dann rette mich, sagt er und blickt hilfesuchend um sich. – Du hast in deinem Amte Geld veruntreut? sage ich und es kocht in mir, wild, rasend wild ein unbeschreiblicher Aufruhr, da, das ist deine Rettung! und drücke ihm den Revolver in die Hand. Er schaudert zurück und lacht hohl auf: das habe ich ja auch so gemeint. Seit einem Jahre trage ich ihn bei mir in der Tasche. Wenn's zum äußersten kommt, einen Fingerdruck. Und jetzt, jetzt fehlt mir der Mut! O, zertritt mich, die feige Bestie, speie mich an! Auf den Schuß habe ich gerechnet, für den schlimmsten Fall, mitten in Lust und Freuden habe ich auf den Schuß gerechnet, und jetzt fehlt mir dazu der Mut! hast du ein solches Scheusal schon gesehen? – Als er so ruft, mir geht's durch alle Glieder. Schreck, Zorn, Mitleid gräbt in mir. Ich presse seine Faust zusammen, daß ihm die Waffe nicht entfallen kann. Bebend an allen Gliedern, schluchzend bitte ich ihn: Freund, geliebter, einziger Freund, verlasse dich selber nicht zu dieser Stunde. Sühne deine Schuld, rette deine Ehre, ich beschwöre dich! Du kannst nicht mehr weiterleben, du kannst nicht, Johannes, du bist ehrlos, verloren! Rette dich! Nur einen Funken Wille, nur einen Funken! Schließe die Augen, denke nichts, denke, es ist ein Traum, drücke los! Du mußt, Johannes, du mußt! – Ich kann nicht! stöhnt er. O Gott, ich kann nicht, ich kann nicht! – Draußen machen sie bereits Anstalt die Tür einzubrechen. Mein einziger, mein liebster Mensch! flehe ich, bei allem, was uns heilig war auf dieser Welt, laß dich nicht forttreiben wie einen gemeinen Dieb. Mach ein Ende! Ich zwinge dich! – Er will den Revolver auf den Boden fallen lassen, ich drücke ihn zurück in seine Hand, will die Mündung gegen ihn wenden, seinen Finger krümmen auf den Hahn – wir ringen, die Tür kracht unter dem Zwängeisen. Wir ringen heiß, da knallt der Schuß, und Johannes sinkt zu Boden. – Die Ehre ist gerettet! Ich habe mein Wort gehalten! denn ich – ich habe losgedrückt! Ich habe ihn erschossen. Die Kugel drang unter dem Kiefer hinein nahe an der Narbe, die er bei jenem Duell meinetwegen davongetragen. Kaum es geschehen ist, stürzen sie zur zertrümmerten Tür herein. – Zu spät, sage ich, er hat sich erschossen! Ich habe vergebens mit ihm gerungen um den Revolver. – Dann haben sie ihn in die Totenkammer getragen. – Und ich, wie ich allein bin und vor mir die Blutlache sehe, da schreit es in mir: Was hast du getan? der Ehre wegen ein Mörder, ein Lügner geworden! Welcher Ehre wegen! Sage, verdammter Wicht, was entehrt denn? Entehrt das Stehlen anvertrauter Gelder, oder entehrt erst der Gendarm? Nicht was dein Gewissen sagt, ist dir die Hauptsache, sondern was die Leute sagen! Von solcher Art ist die »Ehre«, der du bisher alles geopfert hast, deine Zeit, dein Studium, deine Begeisterung, deinen Freund, deine Seele. – Also rief es in mir, aber dieser Ehrbegriff, dieser verfluchte Ehrgeiz war noch nicht tot in mir, er rang mit meinem Gewissen, wie ich vorher mit dem Freunde gerungen. Du mußt dich als seinen Mörder nennen und deine Strafe leiden, mahnte das Gewissen. – O Schande! Schande! rief der Ehrgeiz, ein Meuchelmörder, ein Lügner, ein Schurke zu sein! – Höllische Pein litt ich in jenen Tagen. Dann ward mein Freund von Professoren zerschnitten, daß sie die Ursache seiner Tat fänden. In einer Anwandlung von Geistesverwirrung, sagten sie. Dann ward mein Freund hinausgetragen hinter das Lazarett und unter der Mauer eingescharrt. Als ich seine alten, nun ganz verlassenen Eltern sah, und wie die Mutter an seiner Grube zusammensank und sein Vater an der Krücke und mit weißem Haar fast stumpfsinnig auf den Sarg starrte, da wußte ich, was zu tun war. Ein Ausgleich wurde geschlossen zwischen meinem Ehrbegriff und meinem Gewissen. Zur Stunde faßte ich den Entschluß, mich nicht anzuzeigen, sondern mein Leben und Streben denen zu widmen, welchen ich den Sohn geraubt habe. Und erst wenn sie gestorben sein werden und meiner nicht mehr bedürfen, dann will ich hingehen und mich dem Gerichte stellen. Also schwur ich es, und das auszuführen war nun meine Ehrensache. Es ist das eine andere Ehre und ein anderer Ehrgeiz, mein Gewissen ist damit einverstanden. Mein kleines Vermögen war erschöpft, den letzten Rest schickte ich den Eltern meines Freundes. Ohne mein Studium vollendet zu haben, trachtete ich nach einer Stellung, um Brot zu erwerben. Endlich bekam ich die Schreiberstelle hier beim Kreisgerichtsamte, und da ich nebenbei in freien Stunden jüngeren Schülern Unterricht gab, so ward es mir möglich, außer für meine persönlichen Bedürfnisse, für das Greisenpaar zu sorgen. Unerträglich war es mir, wenn ich gelobt wurde deswegen, daß meine Treue zum unglücklichen Freunde so groß wäre. Es war, als ob man einen am Galgen Baumelnden lobte, daß er es so hoch gebracht habe. – Seine Eltern selbst lebten stumpfsinnig und freudlos dahin und nahmen das, was ich ihnen geben konnte, als das, was es ja auch ist, als etwas Selbstverständliches. Mein Gewissen war nie zur Ruhe gekommen, und nur wenn ich darbte, um den alten Leuten um so mehr schicken zu können, wurde es für den Augenblick milder gestimmt. Trost gab mir der Himmel auch an guten Menschen, die er mich finden ließ, und es waren Anzeichen vorhanden, daß ich einmal glücklich, sehr glücklich werden könnte. Aber ich durfte das Glück nicht annehmen. Es war Ehrensache, ich durfte es nicht annehmen. So unausstehlich, so häßlich war ich mir geworden, daß ich fast mit Lust und Gier die Buße trug, um mich einst selbst wieder achten zu können. Nach fremder Achtung, nach fremder Leute Meinung über mich hörte ich nicht mehr aus, für solche Ehre bin ich unempfindlich geworden. – Das alles sage ich zu meiner Verteidigung, damit man sehe, wie es mir Ernst war. – Nun sind die zwei alten Leute gestorben. Ich habe keine Verpflichtung mehr. Und nun ist es an der Zeit, meine Tat einzubekennen und mich dem Urteile der Gerechtigkeit zu übergeben.«
Max Seelader schwieg.
Die Richter blickten einander an. Ein solcher Fall war ihnen noch nicht vorgekommen. Zum Glücke brauchten sie darüber nicht abzuurteilen. Feucht waren des Kreisrichters Augen, als er aufstand, dem jungen, jetzt auf seinem Platze schier zusammengeknickten Menschen die Hand auf die Achsel legte und sprach: »Haben Sie noch etwas zu bestellen, so tun Sie es. Ich will dann mit Ihnen zum Landesgerichte fahren. Ihre Geschichte gehört vor die Geschwornen.«
Über Max Seelader findet demnächst im Landesgerichte die Hauptverhandlung statt. Lieber Leser, solltest du dabei einer der Geschworenen sein – welches Urteil würdest du fällen?