Aus alten Mären.

Es ist eine weitverbreitete Meinung, daß der Mensch in früheren Zeiten nicht nur viel gesünder und langlebiger, sondern auch viel größer und stärker gewesen und daß unser Geschlecht überhaupt in absteigender Linie begriffen sei. Zahllose Sagen berichten von Riesen und Riesenvölkern, im Vergleich zu denen wir allerdings nur als verkümmerte Zwerge, als Liliputaner erscheinen. Je weiter wir in der Geschichte zurückschreiten, desto gewaltiger, gottähnlicher ist die „Krone der Schöpfung“, und am gewaltigsten ist naturgemäß das Stammelternpaar. Nach arabischen Überlieferungen hat dasselbe die Größe von Dattelpalmen erreicht, und dessen Gräber, die unweit der Hafenstadt Dschidda am Roten Meere den „Gläubigen“ gezeigt werden, sollen tatsächlich auf gigantischen Wuchs schließen lassen. Zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts nahm sich ein französischer Gelehrter, Henrien, in verdienstlicher Weise die Mühe, hierüber eine wissenschaftliche Untersuchung anzustellen, und fand durch Berechnung, daß Adam 38,5 Meter und dessen schönere Hälfte 37 Meter gemessen habe. Dergleichen Titanen wurden aber in der Folge immer seltener und verschwanden bald gänzlich. Ajax, der „hervorragendste“ Griechenheld im Trojanischen Kriege (zwölftes Jahrhundert vor Christo), der alle um Haupt und Schultern überragte, erreichte bloß 10 Ellen (6 Meter) und der berühmte Goliath gar nur 6 Ellen und eine Hand. Immerhin wird berichtet, daß die alten Helvetier sowie die Zimbern und Teutonen zu Cäsars Zeiten immer noch durchweg 5 Meter hoch gewesen seien. Für den imposanten Wuchs der Zimbern zeugt das Skelett des Herzogs Teutoboch, eines Heerführers, der von dem römischen Feldherrn Marius Anno 101 vor Christo geschlagen wurde. Ein französischer Chirurg namens Mazurier wollte seinen Mitbürgern weismachen, daß er dessen „Grab“ gefunden habe. Dieses soll 9 Meter lang gewesen sein. Nach den Behauptungen des phantasievollen Wundarztes hatte das noch ziemlich gut erhaltene Skelett 7½ Meter (!) Länge, die Schulterbreite betrug 3 und der Durchmesser des Schädels 1½ Meter. Da kann es eigentlich nicht wundernehmen, wenn auch die Tierwelt mit allerlei Extravaganzen aufmarschierte. In allen Landen wimmelte es von scheußlichen Lindwürmern und Drachen, die zu bezwingen eine besonders rühmliche Aufgabe „preiswerter“ Helden und kühner Recken war. Nicht nur die Dichter von Heldengesängen, auch wir Schulkinder hielten die Drachentöter in besonderen Ehren, und heute noch lesen wir von den Taten eines Herkules, des hörnenen Siegfried und Struthans von Winkelried mit großem Vergnügen.

Die eigentlichen Drachen waren geflügelt und besaßen einen Schlangenleib, manche hatten Löwenfüße und Löwenhäupter, andere Adlerklauen und Adlerköpfe. Sie konnten Feuer speien und ihr Blick, ihr Geifer und ihr Blut waren tödlich, ihre Ausdünstungen bewirkten Gewitter und pestilenzialische Krankheiten und entvölkerten ganze Gegenden.

„Und horch, eine Märe durchkreiset das Land:

Nidwalden verheeret ein Drache!

Es drohet dem Ländchen ein gräßliches Los,

Schon decken das einsame traurige Moos

Die Knochen von Menschen und Tieren.“

Die Lindwürmer dachte man sich flügellos und bald mehr schlangen-, bald mehr krokodilähnlich (Tatzelwürmer); sie waren häufig die Behüter kostbarer Schätze. Die größten unter ihnen konnten durch ihre heftigen Bewegungen, zumal durch wildes Schlagen mit dem Schwanze Erdbeben erregen. Nach der persischen Göttersage schuf Ahriman, der Gott des Bösen und der Finsternis, den Drachen Dahaka, der die Welt verwüsten sollte. Bei den nordischen Germanen spielte die vom Höllengott Loke und der Riesin Angoboda gezeugte Midgardschlange eine ähnliche Rolle. Sie reichte um den ganzen Erdkreis herum und erzeugte Ebbe und Flut. Beim Weltuntergang kämpft sie gegen die Götter und wird vom Wettergott Thor mit dem Wunderhammer Miölnir erschlagen; der siegreiche Gott ertrinkt aber in den Giftströmen, die sie über ihn ergießt. Besser bekannt — wenigstens dem Namen nach — ist die gemeine große Seeschlange, welche regelmäßig jedes Jahr zu ganz bestimmter Zeit auftaucht, um dann wieder spurlos zu verschwinden.

Das alte, heil’ge, ewige Meer beherbergt eine Menge fabelhafter Ungetüme, außer riesigen Fischen, Walen und Seeschlangen besonders kolossale Kraken oder Polypen, Verwandte des gewöhnlichen Tintenfisches. Der dänische Bischof Pontoppidan (gestorben 1765) berichtet von einem Riesenpolypen, welcher eine halbe Wegstunde Durchmesser hatte und Hügel und Seen trug. Auf seinem Rücken konnte ein Regiment Soldaten exerzieren. Seine Arme waren stärker als die Mastbäume der größten Schiffe.

Ich kann hier nicht untersuchen, wie und wodurch all die Mären von Riesen und Drachen entstanden sind, ich denke mir, daß ihnen gar mancherlei Ursachen zugrunde liegen werden. Viele sind wohl lediglich der „Lust am Fabulieren“ geschuldet, sie sind Erfindungen der Phantasie oder stellen starke Übertreibungen von wirklich Geschautem dar, wobei durch Überlieferung, Zusätze und Ausschmückungen eben ein phantastisches Fabelwesen entstand wie Pontoppidans Riesenpolyp. Von Seefahrern und Entdeckungsreisenden wurden wohl auch manche Fabeleien erfunden, um sich ein großes Ansehen zu geben oder um allfällige Konkurrenten abzuschrecken. Bei der großen Unwissenheit in naturwissenschaftlichen Dingen und dem krassen Aberglauben früherer Zeiten war es ein leichtes, den Mitmenschen die größten Bären aufzubinden.

Etwas anderes ist es mit den Riesen und Ungeheuern der alten Göttersagen (Mythen), dieselben sind wohl durchweg Personifikationen von Naturkräften und Naturereignissen: Kälte, Hitze, Sturm, Erdbeben, Fruchtbarkeit, Überschwemmungen, Toben des Meeres, Epidemien usw. Sodann haben wohl auch die Funde großer Knochen zu mancherlei Fabeleien Anlaß gegeben, besonders die ziemlich häufigen und gut erhaltenen Skelettreste von Mammut- und Mastodonelefanten, Flußpferden, Nashörnern, Riesenhirschen, Walfischen. Die angeblichen Skelette des Helden Ajax und des Königs Teutoboch bestanden höchstwahrscheinlich aus Knochen ausgestorbener Riesentiere. Mit diesen wird sich das vorliegende Bändchen befassen; es ist also ein kurzer Auszug oder wenn wir wollen eine Sammlung von Stichproben aus der Lehre von den ausgestorbenen Geschöpfen (Paläontologie), wobei einige Kenntnisse der geologischen Perioden und Formationen vonnöten sind, was der Leser im zweiten Bändchen unserer Geschichte der Erde: Die Weltalter, Nr. 21 der „Kleinen Bibliothek“, findet.